Jahre des Aufbruchs - Elisabeth Marienhagen - E-Book
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Jahre des Aufbruchs E-Book

Elisabeth Marienhagen

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Beschreibung

Das Schicksal einer jungen Frau in Zeiten des Aufbruchs
Die fesselnde Familiensaga für Fans von Corinna Bomann beginnt

1914, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges: Schon als Mädchen schwärmt die unscheinbare Winzertochter Magdalena für den angehenden Ingenieur Matthias. Aber ihre Zuneigung bleibt unerwidert. Noch bevor er in den Krieg eingezogen wird, feiert er mit einer eleganten Frau aus der Stadt Verlobung. Als Magdalena von ihren Brüdern erfährt, dass Matthias nur selten Feldpost von seiner Verlobten erhält, schreibt sie ihm unverhofft – und ein reger Briefwechsel entsteht, der sie durch die schweren Kriegsjahre begleitet. Im Lauf der Zeit wächst Magdalena zu einer schönen jungen Frau heran und erbt das Weingut ihrer Eltern. Zwischen Matthias und ihr sind längst tiefe Gefühle emporgekeimt, doch er fühlt sich seiner Verlobten verpflichtet … Wird das Schicksal die beiden Liebenden noch zusammenführen?

Erste Leserstimmen
„Ein bewegender historischer Roman mit fesselnder Geschichte. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen.“
„Elisabeth Marienhagen schafft es, die Stimmung der Zeit perfekt einzufangen. Absolut lesenswert!“
„mitreißend, stimmungsvoll und einfühlsam erzählt“
„berührender und gut recherchierter Liebesroman mit tollem Setting“

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Seitenzahl: 428

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Über dieses E-Book

1914, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges: Schon als Mädchen schwärmt die unscheinbare Winzertochter Magdalena für den angehenden Ingenieur Matthias. Aber ihre Zuneigung bleibt unerwidert. Noch bevor er in den Krieg eingezogen wird, feiert er mit einer eleganten Frau aus der Stadt Verlobung. Als Magdalena von ihren Brüdern erfährt, dass Matthias nur selten Feldpost von seiner Verlobten erhält, schreibt sie ihm unverhofft – und ein reger Briefwechsel entsteht, der sie durch die schweren Kriegsjahre begleitet. Im Lauf der Zeit wächst Magdalena zu einer schönen jungen Frau heran und erbt das Weingut ihrer Eltern. Zwischen Matthias und ihr sind längst tiefe Gefühle emporgekeimt, doch er fühlt sich seiner Verlobten verpflichtet … Wird das Schicksal die beiden Liebenden noch zusammenführen?

Impressum

Erstausgabe Dezember 2020

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-037-4 Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-511-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-386-3

Covergestaltung: Rose & Chili Design unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © pitnu, © mitch.zul shutterstock.com: © Pixel62, © ShotPrime Studio, © Miiisha Lektorat: Claudia Wuttke

E-Book-Version 12.07.2024, 12:47:54.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Jahre des Aufbruchs

Jetzt auch als Hörbuch verfügbar!

Jahre des Aufbruchs
Elisabeth Marienhagen
ISBN: 978-3-96817-511-9

Das Schicksal einer jungen Winzerin in Zeiten des AufbruchsDer Auftakt der fesselnden Familiensaga jetzt auch als Hörbuch!

Das Hörbuch wird gesprochen von Nora Jokhosha.
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Magdalena

31. Dezember 1913

Wasser plätscherte. Ein Bach glitzerte im Sonnenschein, Schmetterlinge flatterten um Magdalena herum und raschelnde Zweige wisperten ihren Namen. Anfangs leise.

„Lenchen, aufstehen!“

Verschlafen öffnete sie ihre Lider.

„Wird’s bald!“ Die mahnende Stimme der Magd, mit der Magdalena die Kammer teilte, riss sie endgültig aus ihrem Traum. Gähnend schlug sie das dicke Federbett zur Seite und fuhr mit ihren bestrumpften Füßen in die Filzpantoffeln. Ihre Großmutter hatte trotz ihrer schlechten Augen bis zuletzt unermüdlich gesponnen, gestrickt oder Wolle gewalkt. Jeden Morgen war Magdalena ihr im Nachhinein dafür dankbar, sonst würden ihr glatt die Zehen abfrieren, so kalt war es in dem unbeheizten Raum. Hastig stieg sie in den wadenlangen, dunkelbraunen Wollrock, schloss den Knopf am Bündchen und streifte ihre Strickjacke über. Im Schlafzeug nach unten oder gar raus auf den Hof rennen, wo jemand von der Straße sie hätte sehen können, war für ein Mädchen von fast fünfzehn streng verboten.

„Guten Morgen, Berta.“ Die mollige Magd war im Lauf der letzten vier Jahre so etwas wie eine Wahlschwester für sie geworden.

„Guden Morjen, Lenchen. Ausgeschlofn?“ Mit nacktem Oberkörper stand Berta im Zimmer vor dem Waschtisch und seifte sich die Achseln ein.

„Wie denn? Kaum sind die Augen zugefallen, heißt es auch schon raus aus den Federn.“ Magdalena eilte zu der Tür der kleinen Kammer, öffnete sie einen Spalt und lugte hinaus auf den Gang. Zum Glück war kein männliches Wesen in Sicht, das einen Blick auf Bertas blanke Brüste erhaschen konnte.

Magdalena schlüpfte aus dem Zimmer hinaus in den Flur. Fest drückte sie gegen das Türblatt, lauschte auf das Einrasten des Schlosses und die Geräusche im Haus. Die Mutter hatte gewiss schon Feuer im Ofen gemacht und würde das Frühstück vorbereiten, während der Vater mit den beiden Knechten Pferde und Vieh versorgte.

In der Schlafkammer ihrer beiden älteren Brüder rumorte es auch. Da tappte einer bereits durch das Zimmer. Sie hörte ein herzhaftes Gähnen. Rasch lief Magdalena die Stufen hinunter. Auf dem oberen Treppenabsatz stand der Eimer, der vor allem im Winter heiß begehrt war, weil keiner bei Minusgraden hinaus auf den Lokus gehen wollte.

Ein Anflug von Neid auf die reichen Verwandten in Trier erfasste Magdalena. Von einem derartigen Luxus wie einer Wassertoilette mit Spülkasten konnte sie nur träumen. Oh, was für eine Wonne wäre das! Einfach an der Kette des Spülkastens ziehen und alles Lästige verschwand in der Kanalisation. Bei ihnen gab es stattdessen den Misthaufen mit dem Toilettenhäuschen daneben und den Eimer auf dem Treppenabsatz.

Heiner, ihr jüngerer Bruder, würde sie vorlassen. Während Lorenz, der ältere … Schon quietschte oben die Türangel. Rasch raffte sie Rock und Nachtgewand am Saum bis zu den Knien hoch und lüftete den Deckel des Eimers. Puh, wie das stank. Reinschauen würde sie nicht, schlimm genug, dass sie ihn nachher leeren musste. Jemand polterte die Stufen hinunter und drängte sie rüde zur Seite.

„Weg da!“, schnauzte Lorenz sie an.

„Aber ich war zuerst hier!“

„Ja und.“ Breitbeinig und grinsend stand Lorenz da.

„Du Orsch!“, brach es zornig aus ihr heraus und in einer Sprache, die er verstand.

Er lachte nur. Gegen ihn hatte Magdalena keine Chance, das wusste sie aus bitterer Erfahrung. Er würde mit Absicht trödeln. Wütend drängte sie an ihrem dummen Bruder vorbei, lief die Holztreppe hinab und sah ihre Mutter an dem Emailleherd werkeln. Großmutter Frieda hatte gleich daneben auf dem offenen Feuer gekocht. Töpfe am Dreibein oder zum Wärmen der Speisen mit Haken an die Ketten gehängt, die vom großen Kamin herabhingen. Nach ihrem Tod überlegten Magdalenas Eltern, die Mauern der alten Kochstelle abzureißen und die große gusseiserne Takenplatte, die darüber hing, wegzumachen. Früher hatte sie die Wand vor Fettspritzern bewahrt und zudem Wärme an die dahinter liegende Stube weitergeleitet. Sie war das Reich ihrer Großmutter gewesen. Doch seit das offene Feuer erloschen war, hatte die große Eisenplatte keinen Nutzen mehr. Hübsch wie ein Bild sah sie aber aus mit den üppigen eingearbeiteten Verzierungen und gusseisernen Girlanden.

„Guten Morgen, Mama.“

„Den wünsch ich dir auch.“ Die Mutter wandte kurz den Kopf.

Schnurstracks rannte Magdalena vom mollig warmen Raum durch den Flur, vorbei an Stube und Wohnzimmertür Richtung Hauseingang. Dort tauschte sie ihre Pantoffeln gegen die Schnürschuhe, deren Bändel sie rasch in den Schaft stopfte. Jetzt fehlte nur noch ihre dicke Winterjacke, die an einem der Wandhaken hing.

***

Draußen war es noch dunkel und am Himmel blinkten Sterne. Bitterkalte Luft schlug Magdalena entgegen, aber dank der Straßenlaterne vor dem Haus konnte sie den Weg recht gut erkennen. Die Blaue Forelle, die Gastwirtschaft ihrer Eltern, die an das Wohnhaus angebaut war, lag um die Zeit still und verlassen da.

Magdalena hastete auf den Misthaufen und das gut gelüftete Holzhäuschen bei der Jauchegrube zu. Zu keiner Jahreszeit ein angenehmer Ort. Im Winter war zwar der Geruch besser auszuhalten, dafür musste sie aufpassen, nicht an dem Abtritt festzufrieren.

Ihre Zähne klapperten aufeinander. Zum Glück machte ihr den Platz auf dem Abort keiner streitig. Ungeduldig raffte sie Rock und Nachthemd hoch und entblößte ihre Beine. Eisige Luft strich unangenehm um ihr linkes Knie. Der Strumpf war abgerutscht und eins der Bänder ihres Leibchens baumelte locker herunter. Suchend tastete sie nach dem Befestigungsknopf am Bündchen. So ein Elend, er fehlte.

Mit klammen Fingern versuchte sie, ein Stück Zeitung weichzurubbeln, das zu Vierecken geschnitten an einem Fleischerhacken von der Wand des Örtchens hing. Hier endeten Tageszeitung und Paulinusblatt, die ihr Vater abonniert hatte. Im Sommer dehnte Magdalena die Sitzungen manchmal aus und las einen Abschnitt, bevor sie das Papier zum Abwischen benutzte. Heute nicht. Dafür war es viel zu kalt.

Endlich fertig. Im Winter ging sie nie den Weg zurück durch die Küche, auf dem sie gekommen war. Da zog sie die Strecke über den Stall vor, den sie schneller erreichte und der wärmer war. Rasch umrundete sie den Misthaufen und schlüpfte in das dahinterliegenden Gebäude. Trotz des strengen Geruchs fühlte sie sich wohl bei den Tieren.

Adam, der ältere, und Nikolas, der junge Knecht, nickten ihr zu und führten die Pferde an ihr vorbei zur Tränke beim Dorfbrunnen. Die beiden Wallache, große schwere Tiere, begrüßten sie schnaubend. Bella, Magdalenas sanfte Lieblingskuh, hob den Kopf und musterte sie aus ihren großen braunen Augen, vielleicht drückte sie das Euter.

„Mama oder Berta kommen bald, um dich zu melken. Jetzt haben sie leider keine Zeit.“ Vom Stall ging Magdalena in einen kleinen Raum mit einem riesigen Kessel im Eck, den Berta und sie jeden Tag, den Gott werden ließ, mit Kartoffeln für die Schweine füllen mussten. Im gemauerten Unterbau heizten sie ein, obenauf kam der Topf, den Magdalena mit ihren Armen nicht umfassen konnte, solch einen Durchmesser hatte er und entsprechend hoch war er außerdem. Dort stand Wasser zum Abschrubben der Knollen und Händewaschen bereit.

Fertig. Eilig verließ sie den Verschlag und durchquerte die Scheune, in der es deutlich besser roch als bei den Tieren. Nicht nur nach Heu. Warme Luft stieg aus dem Keller hoch, wo der Backofen stand, und trug den verführerischen Duft von frisch gebackenem Brot nach oben.

Magdalena strebte schnurstracks auf die nächste Tür zu und trat in die Küche. Im Vergleich zur Scheune kam ihr die Decke immer besonders niedrig vor. Über dem Herd war sie bereits wieder vom Ruß dunkel gefärbt, obwohl der Vater sie erst letztes Jahr frisch getüncht hatte. Eine breite Schiebetür, die bei Hochbetrieb am Wochenende offenstand, führte in die Blaue Forelle.

Berta stand am gemauerten Brunnen, dem Petz. Er lag zum Teil unter der Treppe verborgen, die ins obere Stockwerk führte. Sie hatte zwei Bretter der Schutzabdeckung beiseite geräumt und warf den Holzeimer, bald schon ein kleines Fass, in den Schacht. Lächelnd sah die Magd zu ihr hinüber. Im selben Moment platschte Holz auf Wasser und der Eimer füllte sich gluckernd. Er war mit einem Seil befestigt, das mit einer Winde verbunden war. Gleich darauf ächzte Berta. Sie musste die Kurbel drehen, um ihn hochzuziehen.

„Jetzt aber schnell, Lenchen, und mach die Tür ordentlich hinter dir zu!“, befahl ihr die Mutter.

„Schon geschehen.“ Magdalena rannte vor zum Eingang und legte ab.

„Die Messe fängt bald an, also beeil dich.“

„Ja, Mama.“ Sie flitzte die Treppe hoch in ihre Kammer. Ihre Mutter hing leider der Meinung an, dass kaltes Wasser abhärtete, Krankheiten fernhielt und das beste Schönheitsmittel überhaupt war. Bei ihr war von dieser wundertätigen Wirkung bisher leider nicht viel zu merken. Berta hatte ihr Waschwasser bereits aus dem Fenster gekippt und frisches aus dem Krug eingegossen. Tapfer biss Magdalena die Zähne zusammen und klatschte es sich ins Gesicht. Vielleicht half es ja doch?

Nach dem Waschen und Ankleiden hüpfte sie die Treppe hinunter. Auf dem Ofen stand schon ein Topf Milch. Alles wie an jedem beliebigen Mittwoch, dabei war heute Silvester.

„Kommst du?“, drängte Berta, die zur Haustür vorgegangen war und ihre Stiefel zuschnürte.

Die Kirchenglocken läuteten. Da sie für den Weg zehn Minuten brauchten, war wirklich Eile geboten. So schnell wie möglich schlüpfte Magdalena in ihre derben Halbschuhe und die warme Winterjacke.

„Bis gleich, ihr beiden“, rief die Mutter ihnen hinterher.

Sie hatte es gut. Sie brauchte nur die Sonntagspflicht zu erfüllen und durfte zuhause das Frühstück richten, während Berta und Magdalena tagtäglich zum Gottesdienst geschickt wurden. Etwas zu essen gab es erst, wenn sie zurückkamen: Denn vor einer Messe mussten die Gläubigen wegen der heiligen Kommunion selbstverständlich nüchtern bleiben.

Draußen war es immer noch dunkel. Das Schild der Blauen Forelle, das zur Straßenseite wies und Gäste anziehen sollte, wiegte sachte im eisigen Wind. Ab und zu quietschte es. Gegenüber im Hof der Gronaus krähte der Hahn. Der Beschützer der Scholtes-Hühner, der im Winter sonst eher krähfaul war, hielt dagegen und versuchte ihn zu übertönen.

Ein paar eisglatte Schollen auf der Straße, an denen der Schnee zu einer grauen Masse festgetreten war, behinderten ein schnelles Fortkommen. Da es einen Hang hinunterging, stiegen sie vorsichtig darüber. Sie folgten der Straße, die einen leichten Bogen schlug, und liefen bergab, am Dorfplatz vorbei.

Schließlich traten sie in die Kirche, wo sie während der Morgenmesse genügend Zeit zum Verschnaufen hatten. Die Jahresabschlussvesper am Abend würde die ganze Familie gemeinsam besuchen. Leider herrschten im Inneren des Gotteshauses nur unwesentlich wärmere Temperaturen als draußen und je länger sie stillsitzen mussten, umso mehr würden sie frieren.

Das Bild des heiligen Michaels in einer der Nischen betrachtete Magdalena immer wieder gerne. Vielleicht, weil sein Äußeres sie an den Nachbarssohn erinnerte, der ihr heimlicher Schwarm war. Zumindest der Teil des Gesichts, das der Ritter in silberner Rüstung auf dem beinahe lebensgroßen Gemälde der Welt präsentierte. Er trug zwar einen Helm, hatte das Visier aber hochgeklappt und jedermann konnte seine gerade schmale Nase, den fein geschnittenen Mund und die entschlossenen braungoldenen Augen bewundern. Der Drache lag tot zu seinen Füßen von einem Speer durchbohrt. Teuflisch böse sah das Untier nicht aus, eher erbarmungswürdig, aber was verstand Magdalena schon davon. Sie mochte das Bild und hatte als Kind viel Zeit damit verbracht, den heiligen Michael in Gedanken auf Abenteuer und Drachenjagd zu begleiten.

Berta und sie nahmen auf der linken Seite Platz, die Frauen vorbehalten war, und saßen dicht beieinander. Gähnend ließ Magdalena ihren Blick über die Reihen wandern. Immer die gleichen Gesichter, fast nur alte Frauen und Schulkinder hatten sich eingefunden. Weiter vorne entdeckte sie ihre Freundin Constanze, die eine weinrote Pudelmütze trug. Schade, heute konnten sie nicht miteinander tuscheln. Vielleicht auf dem Heimweg? Wieder einmal nahm der Gottesdienst kein Ende. Statt andächtig stillzusitzen, schaukelte Magdalena mit den Beinen vor und zurück, bis Berta ihr den Ellenbogen in die Seite stupste und warnend den Kopf schüttelte.

„Lass dat lieber, wenn dat einer sieht.“

Magdalena setzte sich aufrecht hin, faltete die Hände und wackelte mit den Zehen. Ihre kalten Füße wurden während der Morgenandacht nicht wärmer. Der Pfarrer, ein betagter Herr, hörte sich gar zu gerne reden. Irgendwann musste er seine Gemeinde schließlich doch entlassen. Berta und sie knieten im Mittelgang nieder, schlugen ein Kreuzzeichen und verließen die Kirche.

„Kann ich noch auf Conni warten?“, fragte Magdalena ihre Begleiterin draußen vor dem Portal.

„Na, dat geht nit, Lenchen. Heut is zu viel zu tun.“

Der Älteren musste Magdalena gehorchen, wenn sie zu zweit unterwegs waren, das hatte die Mutter von Anfang an bestimmt. Also gab sie keine Widerworte und eilte neben Berta nach Hause.

Als sie zurückkamen, duftete der Kaffee und ein Korb mit Brot stand auf dem Holztisch bereit. Auf feine Tafeldecken zum Bekleckern und so einen Firlefanz verzichtete die Mutter unter der Woche und sogar an Silvester. Erst Neujahr würde eine aufgedeckt. Den Männern war es ohnehin gleich. Hauptsache, es gab genug Platz für die Speisen auf dem Tisch: Neben dem Brot standen Geräuchertes und Wurst sowie Butter, dazu kamen mit Sahne angemachter Quark, Zuckerrübensirup und selbstgekochte Marmelade. Ihre Mutter hatte alles Nötige aus der Speisekammer geholt, während die Brüder und ihr Vater schon auf ihren Plätzen warteten. Berta und sie gesellten sich dazu. Als alle saßen, sprach ihr Vater das Tischgebet. „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“

„Nun greift zu.“ Ihre Mutter schenkte Kaffee aus. Magdalena reichte sie eine Tasse mit lauwarmer Milch, von der sie die eklige Haut abgeschöpft hatte, gesüßt mit ein wenig Honig. Alle langten ordentlich zu. Magdalena gab noch einen Klecks Heidelbeermarmelade auf ihre Schmeer, wie Berta die gebutterte Brotscheibe nannte, und ließ es sich schmecken. Das Frühstück beendete der Vater mit: „Herr, wir danken dir für deine Gaben.“ Danach hieß es Schlafstuben ausfegen, Staubwischen und Kartoffelschälen: Silvester 1913 konnte beginnen.

***

In der Wohnküche roch es nach Sauerkraut und Kaffee. Magdalena saß auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. Wie jedes Mal bei dieser Arbeit, hatte sie das Gefühl, dass nichts voranging. Dabei war schon eine der Schüsseln randvoll gefüllt mit den Grumpern, wie Kartoffeln hier in der Gegend genannt wurden.

Linda, Trudchen und Marie Ferber, drei ältere Frauen aus dem Dorf, die etwas dazuverdienen wollten, traten grüßend ein. Die ledigen Schwestern, alle drei mollig und klein, halfen der Mutter in der Gastwirtschaft und beim Kochen. Wie die Hühner an der Stange saßen sie auf der langen Bank und schwatzten miteinander, während eine um die andere abgeschälte Knolle im Wasser landete. Küken wie Magdalena beachteten sie nicht weiter.

Die Mutter erledigte den Abwasch in zwei Spülsteinen, deren Abfluss in den Garten führte. Berta oder Magdalena mussten allerdings das Wasser dazu aus dem Brunnen schöpfen. Anderenorts floss es mir nichts, dir nichts aus einem Hahn an der Wand. Einmal in Trier bei den entfernten Verwandten des Vaters, die in einer prächtigen Stadtvilla wohnten, durfte Magdalena das Wunder anstaunen und im Badezimmer mit eigenen Händen den Wasserhahn aufdrehen. Lorenz hatte prompt seine Hand in den Strahl gehalten und sie nassgespritzt.

Schade, dass es so etwas Herrliches wie fließendes Wasser bei ihnen nicht gab. Aber wenn sie Glück hatten, zog der Fortschritt noch in diesem Sommer bei ihnen ein. Im August sollte ihr Haus an die Wasserversorgung angeschlossen werden und der Petz, wie die drei Ferber-Schwestern den Brunnen nannten, wäre Vergangenheit. Magdalena lächelte unwillkürlich und schaute zum Fenster hinaus. Der letzte Tag des Jahres präsentierte ihnen seine graue, trübe Seite. Hoffentlich stellte das kein schlechtes Omen für das neue Jahr dar. Kalte Luft strich von hinten unangenehm über Magdalenas Nacken, aber darüber zu klagen war müßig. Sie zog lediglich ihre Jacke zurecht.

„Es noch genug Wasser für die Grumpern do? Oder soll ich eppes holle göhn“, fragte Berta in die Runde.

„Et reicht“, antwortete Linda ihr freundlich, die älteste und molligste der Schwestern, die ihre dunklen, krausen Haare kaum bändigen konnte.

Leider würde Magdalena bald mit einer anderen Magd als Berta die Stube teilen müssen, die vielleicht nicht so verträglich und fleißig war. Unglücklich sah sie zu ihr hin. Sie wollte nicht, dass ihre Wahlschwester im neuen Jahr fortging. Obwohl es ein kleiner Trost war, dass sie im Ort bleiben würde. Vor vier Jahren hatte sie sich mit ihrem Johann verlobt und jetzt, mit ihren vierundzwanzig, genug von der Warterei. Magdalena konnte ihr den Wunsch, den Liebsten endlich zu heiraten, nicht verdenken. Aber der Verlust von Berta stimmte sie trotzdem traurig.

„Wasser haben wir noch genug. Lauf rasch in den Hühnerstall und sammele die Eier ein“, befahl die Mutter der Magd. „In der Blauen Forelle wollen wir Suppe mit Eierstich reichen.“

Auf die Mutter und sie warteten die nächsten Eimer voller Kartoffeln, die sie verarbeiten mussten. Aber Magdalena wollte nicht klagen. Salzkartoffeln waren ein kleines Übel verglichen mit der Zubereitung von Kartoffelpuffern oder Knödeln. Das Reiben! Hinterher taten ihr wie nach dem Buttern tagelang die Arme weh. Natürlich musste man froh und dankbar sein, dass die Gäste in der Blauen Forelle so viel verzehrten. Aber sie aßen nicht, fand Magdalena: Sie fraßen.

Schaufelten Braten, Fisch und Beilagen in ihre Mägen, als ob es für sie kein Morgen gäbe, tranken Viez, Wein, Schnaps oder Bier dazu und zogen sie nur aus Spaß an ihren langen Zöpfen. Während sie der drallen Berta und ihrer Mutter Annegret beim Servieren unverhohlen auf die Rundungen starrten.

Bei Magdalena gab es da nichts zu sehen, rein gar nichts. Selbst, wenn sie noch so viel hinschaute und hoffte, da wuchs trotzdem nichts. Jedes Mal schluckte sie enttäuscht. Fast fünfzehn und platt wie eine Flunder. Alle hielten sie noch für ein Kind. Dabei dauerte es nur noch ein paar Wochen, bis sie aus der Schule kam und noch einmal zwei Jahre drauf …

Hier im Dorf hieß es, ‚ein Jahr gewart, en Kind gespart’. Wegen der vielen Mäuler, die sie in absehbarer Zeit stopfen mussten, hatten es manche Pärchen wie Berta und Johann nicht gar so eilig, in den heiligen Stand der Ehe zu treten. Während viele Mädchen aus den Bergarbeitersiedlungen im Saargebiet schon mit sechzehn heirateten. Magdalena spürte ihr Herz bei dem Gedanken klopfen und merkte, dass ihr das Blut heiß ins Gesicht schoss. Aber was konnte sie dafür, dass sie bei dem Thema an Matthias Gronau denken musste und ein klein wenig weiter in die Zukunft? Er war nun einmal ihr Schwarm und Magdalena Gronau klang eindeutig besser als Magdalena Scholtes.

„Nicht träumen, Lenchen.“

„Ich habe nicht geträumt“, stritt Magdalena vehement ab. „Und schon gar nicht von einem Jungem, falls du das glaubst.“

„Na, wenn das eine Brücke ist, werde ich nicht darüber gehen. Bei dem versonnenen Lächeln und so prompt, wie deine Antwort kam.“ Die Mutter schmunzelte. „Ich kann mir schon denken, wen du im Auge hast. Schlag ihn dir aus dem Kopf, Dummerchen. Jetzt, wo er studiert, wird er kein unscheinbares Mädchen vom Land zur Frau nehmen. Und bis du einmal unter die Haube kommst, fließt ohnehin noch sehr viel Wasser die Mosel hinunter.“

„Mama! Das kannst du gar nicht wissen.“ Magdalena bohrte die Messerspitze in die Kartoffel und stach einen Triebansatz aus.

„Wenn du da nicht enttäuscht wirst.“ Die Mutter legte ihr Küchenmesser lächelnd auf den blankpolierten Holztisch.

Was sollte das denn bedeuten? Nachzufragen wagte Magdalena nicht. Während sie noch grübelte, kam Annegret, wie sie ihre Mutter bei sich manchmal nannte, leichtfüßig auf die Beine und trat an den Herd. Er war ihr ganzer Stolz. Aus weißem Emaille mit einer schwarzen Herdplatte aus Eisen und nach über zwanzig Jahren Ehe noch kein größerer Makel daran. Annegret griff zum Korb mit dem Holz und legte ein dickes Scheit nach. Seit Magdalena denken konnte, standen Kessel, Pfannen oder Töpfe auf der Platte, in denen irgendetwas köchelte, garte oder brutzelte. Sauerkraut schmorte in einem großen Tiegel. Ihre Mutter hob den Deckel, und rührte es um. Ein würziger Duft erfüllte den Raum und lenkte Magdalenas Gedanken von höheren Sphären auf den Magen.

„Hast du wieder so viel Griebenschmalz daran gemacht wie letztes Mal?“, wollte sie wissen.

„So wird Sauerkraut nun einmal gekocht und unsere Gäste lieben es.“

„Mir verleidest du es aber damit.“ Magdalena mochte die wabbelig gekochten Grieben nicht, die in ihren Augen wie zu fett geratene Maden oder gekochte Nacktschnecken aussahen – diese Vorstellung war noch schlimmer und sie konnte sie nicht aus ihrem Kopf verbannen. Sie würgte schon bei dem Gedanken daran, obwohl sie genau wusste, dass die ekligen Brocken im Mittagessen weder das eine noch das andere waren.

„Außerdem gibt es Würste und Kesselfleisch dazu. Die Kartoffeln müssen jedenfalls Punkt zwölf auf dem Tisch stehen.“

Jede Mengen Schalen landeten in einem Eimer und halfen den Kessel beim Stall zu füllen. Magdalena warf eine fertige Kartoffel zu den anderen ins Wasser. Es platschte leise.

„Zum Glück brauchen wir die für die Schweine nicht auch noch zu schälen“, überlegte sie laut. „Meine Hände sind jetzt schon ganz schrumpelig.“

„Na, dann beeile dich, dass du fertig wirst und schmiere dir die Haut später mit Melkfett ein. Stopfarbeiten haben wir auch noch zu erledigen.“

„Doch nicht heute, Mama! Wir feiern Silvester.“

„Das war ein Scherz.“

Magdalena zog die Stirn kraus. „Was meinst du, was das neue Jahr uns bringen wird – 1914?“

„Hauptsache keine unangenehmen Überraschungen, mehr wünsche ich mir gar nicht.“

„Du bist aber bescheiden, Mama. Ich möchte so vieles: ein fesches Sonntagskleid, feine Seidenstrümpfe und richtige Damenschuhe, keine genagelten.“ Unweigerlich ging ihr Blick zu der Mutter, die bereits die nächste Kartoffel in Angriff nahm und sie in Windeseile von der Schale befreite.

„Du willst wohl schnell großwerden?“ Ihre Mutter hatte kurz innegehalten, setzte die Arbeit aber ohne tadelnde Bemerkungen fort.

„Ja, gewiss, das wollen alle meine Freundinnen.“ So flink und geschickt wie ihre Mutter würde Magdalena wohl nie mit dem Kneipchen, dem scharfen Küchenmesser hantieren, dabei half sie ihr schon seit Jahren bei den anfallenden Küchenarbeiten.

„Wir werden sehen. Ich denke, über feine Strümpfe und Sonntagsschuhe reden wir noch einmal, wenn du aus der Schule kommst.“

Nach der Entlassungsfeier sollte Magdalena noch weit mehr in der Blauen Forelle aushelfen als bisher. Schade, dass sie dann nicht mehr zur Schule durfte. Sie lernte gerne und war froh, wenn nach den Feiertagen der Alltag wieder anfing. Dann musste Berta vormittags die dummen Kartoffeln schälen. Sie würde die Zeit bis Ostern genießen.

Als ob die Magd geahnt hätte, dass Magdalena gerade an sie dachte, trat das Mädchen durch die Tür zum Garten ein und stellte den Korb mit Eiern auf den Tisch, die sie den Hühnern aus ihren Verstecken stibitzt hatte. Lorenz folgte ihr auf den Fuß. Dieses Mal hatte er nicht vergessen, seine schmutzigen Stiefel mit sauberen Schnürschuhen zu tauschen. Einen Rüffel würde Magdalenas ältester Bruder von der Mutter demnach nicht einstecken müssen.

„Hast du noch einen Kaffee für mich, Mutter?“ Lorenz zog die Nase kraus und schnüffelte. „Außerdem habe ich Hunger.“

„Setz dich, mein Lieber.“

Lorenz tat wie ihm geheißen, nahm auf der Bank Platz und griff zur Zeitung des Vortags, die Berta oder eine der ältlichen Schwestern zu Vierecken zerschneiden würde. Ihre Mutter hastete zur Vorratskammer und der köstliche Duft von frischem Brot erfüllte die Küche. Nach dem Frühstück hatte sie sechzehn frisch gebackene Laibe aus dem Backofen im Keller herausgeholt und zum Abkühlen in das dafür vorgesehene Regal gestellt. Sie kehrte mit Brot und der Butterdose aus Keramik wieder.

„Habt ihr es schon gehört? Es soll Überflutungen in Hamburg geben und Berlin versinkt im Schnee“, warf der Bruder ein.

„Diese Meldung ist den Zeitungen eine Überschrift wert?“ Missbilligend schüttelte die Mutter den Kopf und schnitt eine dicke Scheibe von dem letzten der Laibe ab, die sie vorgestern gebacken hatte. Tja, wenn Lorenz etwas wünschte und ‚Hü’ sagte, sprang Annegret und machte hott. Die Mutter drapierte ihrem Liebling eine Schnitte auf einem Brettchen, butterte sie dick und füllte einen Henkelbecher mit Kaffee und Milch. Alles zusammen kredenzte sie dem Bruder, der das für selbstverständlich nahm.

„Na, hör mal, Berlin ist die Hauptstadt“, tadelte Lorenz die Mutter grinsend und biss ab. „Offensichtlich sind sie dort sonst nicht mit solchen Schneemengen gesegnet. Sogar ein Auto soll in den Massen versunken sein und einen Sturm hat es wohl auch gegeben.“

„Oh, haben sie eine Aufnahme von dem Wagen gebracht?“, fragte Magdalena, denn das wollte sie sehen. Das letzte Automobil war vor ein paar Wochen durch das Dorf getuckert und alle Kinder des Ortes, zumindest die schon auf eigenen Beinen laufen konnten, waren johlend hinterher gerannt.

„Nein.“ Lorenz strich mit den Fingern durch seine kurzen braunen Haare und zwirbelte seinen Schnauzbart zurecht, der im Gegensatz zu dem seines Bruders keinen Rotschimmer aufwies. „Sind Vater und Heiner immer noch nicht aus dem Keller zurück?“

„Nein“, antwortete Magdalena.

„Na ja, das Weinverköstigen dauert halt seine Zeit.“

„Wo de Jong recht hat …“, warf die älteste Ferber-Schwester schmunzelnd ein.

„… hat er recht“, ergänzte die jüngste.

„Sei nicht so vorlaut, du unnützer Bengel!“ Mutter stemmte die Fäuste in die Hüften. „Die sind nicht zu ihrem Vergnügen da unten. Sie prüfen die Temperatur und die Hefen.“

„Wegen dem kleinen Scherz brauchst du dich nicht so zu ereifern, Mutter. Es war doch nur ein Witz“, wiegelte Lorenz ab.

Eigentlich hatte der Vater ihn als Erbe für das Weingut vorgesehen, aber Öchslezahlen, Hefen, und Restzucker interessierten Magdalenas ältesten Bruder nicht. Er liebte sein Vieh, bestellte das Land und war Bauer mit Leib und Seele. Vom Aussehen her schlug er eindeutig nach seinem Vater. Wem Heiner ähnelte, war dagegen viel schwerer zu sagen.

Und Magdalena? Sie klagte nicht darüber, dass sie hinter den Brüdern zurückstehen musste. Zu klein und schmächtig. Für ein Mädchen nicht einmal besonders hübsch. Mit ihrer etwas kurzen Nase und dem runden Kindergesicht sah sie zum Glück nicht wie eine Vogelscheuche aus, aber ihre Beine kamen ihr wie Stelzen vor – viel zu dünn. Unzufrieden nagte sie an ihrer Unterlippe.

Von Lorenz hatte ein Maler, der im Gasthaus Rast gemacht hatte, gesagt, dass er den Kopf eines römischen Apoll habe. Ihren Bruder hatte er malen wollen. Magdalena nicht. Das sagte ja wohl alles, was es über ihr Aussehen zu berichten gab. Ihre großen grauen Augen waren vermutlich noch das Beste an ihr.

„Hat eine von euch es schon gehört?“, fragte Lorenz.

Alle Damen spitzten die Ohren.

„Wat denn?“, fragte Trudchen, die mittlere Ferber-Schwester, deren Haare nicht besonders kraus waren, dafür aber grau meliert.

„Lenchen, die Kartoffeln!“, tadelte die Mutter milde, sah aber Lorenz an. „Mach es nicht so spannend, worum geht es?“

Weiterreden konnte er nicht. Es klopfte laut an der Tür.

Der Überraschungsgast

Silvester 1913

Ein Spalt wurde sichtbar. Magdalenas Herz klopfte, als sie die hochgewachsene Gestalt erkannte.

„Matthias, du? Wenn man vom Teufel spricht! Komm rein.“ Lorenz sprang auf, um seinen Freund zu begrüßen.

Magdalena starrte den Besucher an. Er trug ja einen Schnauzbart und hatte Pomade in sein Haar geschmiert! Sein Kinn war kantiger als Magdalena es in Erinnerung hatte und sein hellbraunes Haar trug er kürzer. Viel erwachsener sah er aus in seinem Anzug mit der Uhrkette in der Weste und den glänzenden Lackschuhen.

„Ich bin nicht allein. Ich bringe euch Friederike Langen mit, meine Verlobte.“

Der weibliche Überraschungsgast lugte hinter Matthias’ Schultern hervor. Von ihr sah Magdalena nur goldblondes Haar.

„Was?“ Das Messer hatte wie von selbst einen sauberen Schnitt durch ihre Haut gemacht. Blut tropfte auf die Kartoffelschalen und den Küchentisch.

„Tut mir leid, Schwesterherz, dein Schatz nimmt eine andere“, flüsterte ihr Bruder kaum hörbar, laut sagte er. „Wasch gefälligst die Kartoffel ab! Das ist ekelhaft.“

„Du … bist … ein gemeines …“ Schwein wollte Magdalena brüllen, aber sie musste schlucken, weil ihr der dicke Kloß im Hals Tränen in die Augen presste. Wenn sie heulte, würde Lorenz loslachen, Matthias und seine Verlobte würden aufmerksam werden und ihr Bruder sie am Ende noch verraten. Sie biss ihre Zähne zusammen. Woher wusste er davon? Sie hatte gedacht, dass keiner sonst ahnte, wie sehr Matthias ihr gefiel.

Die Mutter holte ein handliches Stück zerschlissenes, aber sauberes Leinen aus der Schublade im Küchentisch. Sie tauchte es in eine Schüssel mit Wasser, wischte das Blut ab und legte rasch einen trockenen Streifen über die Wunde. „Drück gut drauf!“

„Gerade wollte ich meinen Leuten erzählen, was ich gerüchteweise gehört habe.“ Inzwischen war Lorenz auf Matthias zugegangen. Dabei verrenkte er den Kopf. Wahrscheinlich versuchte er mehr von der Verlobten zu erspähen, die von der hochgewachsenen Gestalt seines Freundes verdeckt war.

„Kommt nur herein.“ Die Mutter legte die blaue Leinenschürze ab und hängte sie an einen Haken. Lächelnd reichte sie ihrem Gast die Hand. „Willkommen.“

In dem Moment wurde die Tür zur Scheune geöffnet. Der Vater auf der Schwelle stutzte, bevor er eintrat. „Oh, Besuch.“

Heiner folgte ihm, nickte Matthias zu und bemerkte ihren Finger. „Ist es schlimm, Lenchen?“

Sie fand, dass ihr jüngerer Bruder nett aussah, mit seinem freundlichen, runden Lausbubengesicht. Aber bei den Mädchen im Dorf kam Lorenz viel besser an. Für ihn steckten ihr manche seiner Anbeterinnen heimlich kleine Zettelchen zu. Ob seine Liebeleien voneinander wussten? Es juckte Magdalena in den Fingern, die Botschaften zu lesen. Aber Lorenz hatte ihr Prügel angedroht für den Fall, dass sie es tat. Oder gar der Mutter oder dem Vater Namen verriet. Da gehorchte sie lieber, denn er fackelte nicht lange. Dass sie ein Mädchen war, das ein wohlerzogener Junge nicht prügeln sollte, störte den Schwerenöter überhaupt nicht. Für Schwestern galten seiner Meinung nach andere Gesetze als für den Rest der Menschheit.

„Es geht schon wieder.“

Heiner lächelte ihr aufmunternd zu und wartete im Hintergrund ab. Ein Teil von ihr war ihm dankbar. Sie verstanden einander ohne viele Worte, trotzdem konnte sie auf sein Mitleid verzichten. Sie senkte den Kopf und drängte die Tränen tapfer zurück.

Matthias begrüßte ihren Vater und Heiner, trat etwas beiseite und sein Mädchen wurde sichtbar. Magdalena musterte ihre Rivalin und presste ihre Lippen zusammen, um das ‚Nein’ zu unterdrücken, das sie beinahe laut hinausgebrüllt hätte.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung“, säuselte Matthias’ Verlobte.

„Nur zu gerne“, gab der Vater zurück. „Bitte kommen Sie herein.“

Magdalena erstarrte. Dieses Wunderwesen war Friederike? Locker hatte das Mädchen eine Fülle von weichen, blonden Wellen nach hinten gesteckt. Was für eine Haarpracht. Sie verdeckte einen großen Teil der Stirn, wie es derzeit neueste Mode war. Ein kleines zart geformtes Näschen, hübsch geschwungene Lippen und große blaue Augen vervollkommneten das Modepüppchen, das von einem Werbeplakat an der nächsten Litfaßsäule herabgesprungen sein könnte.

„Seit wann seid ihr denn verlobt, ihr Heimtücker?“, hakte Lorenz nach.

„Seit heute.“ Matthias strahlte auf seine Braut hinab. „Den Segen unserer Eltern haben wir. Offiziell gefeiert wird allerdings erst im Mai, an Friederikes achtzehntem Geburtstag. Dass wir den Anlass ordentlich begehen, darauf besteht ihre Mutter. Ihr seid auf jeden Fall jetzt schon eingeladen.“

„Lasst euch herzlich gratulieren.“ Ihr Vater reichte zuerst Matthias’ Verlobter, dann ihm die Hand.

„Wissen deine Eltern, dass du uns dabeihaben willst?“, fragte die Mutter.

Magdalena horchte auf. Dieser spitze Ton! Manchmal hatte sie den Eindruck, dass zwischen Lieselotte Gronau und ihrer Mutter heimliche Spannungen herrschten.

„Natürlich, sonst stünde ich nicht hier. Ihr seid unsere Nachbarn und euer Sohn ist mein bester Freund, da werde ich euch wohl einladen dürfen.“

Lorenz klopfte ihm auf die Schulter. „Lasst euch gratulieren.“

„Danke sehr.“ Mit einer graziösen Bewegung hielt Friederike ihm die Fingerspitzen hin, auf die er inbrünstig einen Kuss presste. Formvollendet war das nun eben nicht und sein abschätzender Blick noch viel weniger.

Zuletzt begrüßte Matthias’ Verlobte Magdalena, die bei der Berührung an eine tote Forelle denken musste. Schlaff und kühl lag das blasse Händchen in ihrer.

Himmel! Und dieses schrille Lachen. Magdalena mochte das affige Getue dieser dummen Gans nicht. Ihr großspuriges Auftreten und den angeberisch breiten Kragen, mit dem ihr Kleid nach der neuesten Mode geschmückt war. Die hochangesetzte Taille und ein feiner, fließender Stoff in einem zarten Apricot umschmeichelten eine üppige Figur mit Rundungen an den richtigen Stellen. Weder Kleid noch Schuhe taugten für die Arbeit auf einem Bauernhof. Also war es beschlossene Sache. Matthias würde nicht mehr ins Dorf zurückkehren, wie Magdalena in ihrer Dummheit gehofft hatte, sondern als Ingenieur nach Trier oder sonst wohin ziehen. Ein eigenartiges Schweigen lastete auf der Gruppe.

„Wir werden morgen Nachmittag zur Feier des Tages anstoßen“, meinte Matthias schließlich. „Deswegen sind wir hier, wir wollten Euch und Eure Familie dazu einladen.“

Magdalenas Vater wechselte einen Blick mit Annegret, die keine Miene verzog.

„Ein bisschen plötzlich zwar, aber wir schauen, ob wir es einrichten können. Ihr habt doch noch Zeit für einen Kaffee?“

Fragend sah Friederike zu ihrem Verlobten.

„Ja, gerne, wenn wir nicht stören.“ Matthias nickte.

„Den nehmen wir allerdings nicht in der Küche. Lasst uns nach nebenan in die Stube gehen. Da ist es gemütlicher.“ Er führte sie nicht in das Wohnzimmer, wo das mit Spitzendeckchen verzierte Sofa, Sessel und ein paar Stühle aus dunklem Nussbaum standen, ein passender Tisch und eine Anrichte aus Wurzelholz. Der mit echten Bienenwachskerzen geschmückte Weihnachtsbaum ragte bis zur Zimmerdecke auf und verbreitete einen harzigen Duft. Am Vormittag hatte Magdalena die Nadeln zusammengefegt und in der Küche in den Ofen geworfen. Das hatte lustig geknistert und aromatisch gerochen. Für angemeldete Gäste wurde das Zimmer mit einem gusseisernen Ofen geheizt. Unangemeldete mussten mit dem Raum vorliebnehmen, den sie täglich nutzten.

„Bitte nach Ihnen, gnädiges Fräulein. Ich muss sagen, mein Freund hat einen ausgezeichneten Geschmack.“ Schon nahm Lorenz die schöne Verlobte seines Freundes in Beschlag.

„Vergiss nicht, dass Friederike meine Braut ist“, rief Matthias ihm halb im Ernst, halb im Scherz hinterher.

„So, nun lass mich nach dem Finger sehen.“ Annegret machte neben Magdalena Halt, zog den blutigen Leinenstreifen ab und wickelte einen sauberen um die Wunde. Geschickt stülpte sie einen Fingerling aus Leder über den Verband. „Ziemlich tief, aber ein sauberer Schnitt. Pass nächstens besser auf, Lenchen.“

Matthias, der die Szene beobachtet hatte, kam auf sie zu und richtete zu Magdalenas Überraschung das Wort an sie. „Hast du dir arg wehgetan?“ Er deutete auf den Verband.

„Der Finger, nein.“

„Du hast dich ganz schön herausgemacht, Kleines. Inzwischen gehst du mir beinah bis zur Schulter.“

„Stimmt“, würgte sie heraus und verstummte dann verlegen. Sie folgten Annegret.

„Du bist seit dem letzten Sommer nicht gerade gesprächiger geworden. Und, was sagst du zu meiner Verlobten“, wollte er von ihr wissen.

„Sie ist wunderschön!“, murmelte Magdalena tonlos und starrte wie gebannt auf Friederikes Fesseln, die nicht schmal und zierlich, sondern auffallend plump geformt waren, überhaupt nicht hübsch. Eine Laufmasche kroch an den Seidenstrümpfen hoch und legte bleiche, weiße Haut frei. Von wegen makellos.

„Nicht wahr, meine Braut ist perfekt!“

Matthias musterte die Gestalt seiner Auserwählten derart schmachtend, dass es Magdalena wütend machte.

„Friederike ist so herrlich sanft und gebildet. Sie singt, malt und spielt Klavier. Sie besitzt alles, was ich mir je von einer Frau erträumt habe.“

Das Oval des süßen kleinen Gesichts seiner Braut passte zu dem weichen, einschmeichelnden Tonfall, mit dem sie gerade auf die Mutter und Lorenz einredete. Auch auf den zweiten Blick glich sie einer dieser blassen Teepüppchen mit einem Kopf aus Biskuitporzellan, die Mädchen aus gutem Haus in feine Kleider steckten und in ihren dreistöckigen Puppenhäusern paradieren ließen. Magdalena hatte niemals eines besessen.

Nicht, dass sie gar kein Spielzeug kannte. Als ihre Brüder und sie klein gewesen waren, hatte ihr Vater das Schaukelpferd Weihnacht für Weihnacht neu hergerichtet. Jeden März verschwand es wieder. Ein paar Klicker für die Brüder, die allerlei Spiele für die Murmeln erfanden, Kreisel, die sie johlend peitschten, ein Reifen für sie alle und ein Püppchen aus Wolle mit Knopfäugelchen, das ihre Mutter einzig und allein für Magdalena gefertigt hatte.

„Deine Verlobte hat eine schöne Frisur.“ Magdalena versuchte einmal mehr, ihren Neid zu unterdrücken. „Mama würde mir nie erlauben, mein Haar so zu ordnen.“

„Zu einem kleinen Mädchen gehören nun mal ein akkurater Scheitel und Zöpfe.“ Im Spaß griff er nach einem, zog daran, um sie zu necken und blickte mit seinen braunen Augen, in denen goldgrüne Lichter tanzten, freundlich zu ihr hinunter. „Nun lach mich wieder an wie früher!“

Sie dachte nicht daran und zischte grimmig. „Finger weg von meinem Haar!“

„Es ist wirklich schön.“ Er ließ seine Hand sinken. „Ehrlich gesagt hatte ich durchaus Bedenken, dass meine Mutter Friederikes hochgesteckten Locken und die Frisur kokett oder unpassend finden würde, aber sie hat meine Verlobte sofort in ihr Herz geschlossen und nur schmeichelhafte Dinge über sie gesagt.“

„Schön für dich.“ Magdalena ließ Matthias brüsk stehen, um ihrer Mutter zur Hand zu gehen, die ihren Gästen einen Kaffee kredenzen wollte. Sie räumte von den Zimtwaffeln auf den Tisch, die ihre Mutter vor Weihnachten gebacken hatte, und blieb nur kurz sitzen. Magdalena zog es vor, Berta beim Kaffeeaufbrühen zu unterstützen und ihr die leere Kanne zu bringen. Immer wieder erklang fröhliches Lachen aus der Stube. Das neue Jahr konnte Magdalena gestohlen bleiben, so elend, wie das alte endete. 1914 würde gewiss nichts Gutes bringen.

Nicht für sie.

Hoffnungsfroh

Silvester 1913

Leider hatten die Ferber-Schwestern und Berta die Kartoffeln für die Schweine viel zu schnell abgeschrubbt und behauptet, dass Magdalena mit ihrem Finger nicht mitzuhelfen brauchte. Da sie die Arbeit nicht länger als Vorwand benutzen konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als missmutig in die Stube zu stapfen. Sie nahm Platz und hielt ihre unansehnlichen Kartoffelschälhände im Schoß gefaltet, während sie die manikürten Friederikes bewunderte. Still lauschte sie der Konversation.

Da saß sie nun und Magdalena hatte es elend satt, den verliebten Turteltäubchen beim Gurren zusehen zu müssen und aus nächster Nähe mitzuerleben, wie Matthias seine Liebste vergötterte: „Friederike hier, Friederike da.“ Beim Abschied sagte sie lächelnd ‚bis morgen’, dabei wollte sie dieses Mädchen niemals wieder zu Gesicht kriegen, selbst wenn sie die letzten beiden Menschen auf der Erde wären.

Gemeinsam mit Berta räumte Magdalena den Kaffeetisch ab, nachdem die Gäste gegangen waren. Alle waren fertig, nur Lorenz schenkte sich noch einen Rest Kaffee aus der Kanne in seine Tasse ein. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Mit einem Schlag sprang er auf. Mit wackelnden Hüften schlenderte er durch das Zimmer, strich affektiert eine Haarsträhne zurück, spreizte wie eine vornehme Dame Hand und Finger ab und säuselte mit hoher Stimme. „Du lieber Himmel, ich hätte nie gedacht, dass es in diesem Dorf voller Hinterwäldler einen ordentlichen Kaffee gibt.“

Seit der Nachricht von Matthias Verlobung hatte Magdalena fest daran geglaubt, nie wieder lachen zu können. Sie hatte geirrt. Laut prustete sie los, Berta fiel ein. Die Mutter schüttelte missbilligend den Kopf.

Heiner ging auf den Scherz seines Bruders ein. Er spitzte die Lippen: „Komm her, oh du göttliches Wesen, lass dir einen Schmatz aufdrücken, liebster Schatz.“

„Benehmt euch, ihr beide!“, warf der Vater ein.

„Lorenz, Heiner, wie könnt ihr nur! Friederike Langen ist ein sehr nettes, wohlerzogenes Mädchen.“

„Ja, und Matthias wird noch viel Freude an ihr haben“, gab ihr älterer Bruder der Mutter zur Antwort.

Magdalenas gute Laune verflog, allerdings nur, bis Lorenz fortfuhr. Sie lauschte wie gebannt.

„Außerdem meine ich es nicht böse, Mutter. Die Sorte Mädchen kenne ich. Friederike sieht hübsch aus und hat gute Manieren, das gebe ich gerne zu. Aber genauso sicher ist, dass sie sich wer weiß was auf ihre Herkunft einbildet und rein gar nichts im Kopf hat.“

„Was du immer redest. Warte nur, irgendwann kommt eine, die dir über ist“, drohte Annegret ihm an.

„Darauf kannst du lang warten.“

„Aber, dass Matthias gleich heiraten will? Dass ihre Eltern diese Verlobung erlauben, kann ich nicht verstehen. Die beiden werden mit der Hochzeit noch jahrelang warten müssen.“

„Die Gronaus nagen nicht am Hungertuch“, warf Lorenz ein. „Die könnten das junge Paar doch unterstützen.“

„Unsinn, bevor die beiden heiraten, muss Matthias sein Examen in der Tasche haben. Darauf werden die Eltern seiner Verlobten in ihrem Interesse bestehen. Nebenbei bemerkt, ein Studium kostet eine beträchtliche Summe. Zumal noch die beiden älteren Gronau-Brüder da sind, für die ein Ausgleich geschaffen werden muss.“

„Eine schlechte Investition ist es ja nicht. Später wird Mattias gut verdienen und ihnen das Geld doppelt und dreifach zurückzahlen oder sie verrechnen es mit dem Erbe. Und was das Heiraten angeht …“ Lorenz zuckte mit den Schultern. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich werde mich jedenfalls nicht so schnell unter den Pantoffel begeben.“

„Was höre ich da, du willst dich verloben?“, warf ihr Vater ein. „Wer ist denn die Glückliche?“

„Nicht vorhanden.“ Lorenz winkte ab. „Und, wenn nehme ich bestimmt keine hochnäsige Städterin wie diese Friederike.“

Matthias’ Liebste war doch nicht perfekt? Erleichterung überflutete Magdalena. Wenn einer sich mit Mädchen auskannte, dann war es Lorenz. Sein Urteil tröstete sie und der Gedanke daran, dass Matthias klug war, munterte sie zusätzlich auf. Er hatte das Abitur bestanden und in ein paar Jahren seinen Abschluss als studierter Ingenieur in der Tasche. Er würde bestimmt noch rechtzeitig vor der offiziellen Verlobungsfeier im Mai darauf kommen, dass seine Auserwählte nicht zu ihm passte.

Magdalena ging frohgemut mit Berta in die Küche. Die Mutter holte Fingerhut und Stopfsachen wieder hervor, während sie den Abwasch erledigten und das gute Geschirr sorgsam in der Stube im Schrank verstauten.

„Sehr schön, da ihr fertig mit dem Abwasch seid, hast du ja jetzt Zeit, Lenchen.“

Zweifelnd sah Magdalena die Mutter an.

„Hier, nimm die Asche und streu sie draußen auf die Straße, wo es glatt ist. Nicht dass nachher einer hinstürzt.“

„Ja, Mama.“ Ohne Widerworte zog sie ihre Wintersachen an und ging hinaus. Es war so kalt, dass ihr warmer Atem auf den Wangen gefror. Ihr Gesicht brannte, sie zog den Schal über Mund und Nase und hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Magdalena hasste es.

Mit Schwung verteilte sie die Asche über ein paar Eisplatten und dachte an den Schock von vorhin. Dieser dumme Matthias! Was, wenn er gar nicht so klug war, wie sie hoffte. Was, wenn er diese dumme Pute wirklich heiratete. Bald war der Eimer leer und sie marschierte ins Haus zurück.

Die Mutter sah kurz auf, als Magdalena das Zimmer betrat. Sie nähte ein neues Hemd für den Vater. Noch so ein Elend. Leider brachte Magdalena für das Schneidern weder die Geduld noch das Talent auf. Ob die Mädchen aus der Stadt auch diese Ehereifeprüfung machen mussten? Innerhalb eines Tags und einer Nacht Brotbacken, Wäsche waschen, Essen für die Familie des Bräutigams kochen und ihm ein Hemd nähen?

Tja, Magdalena würde sie bestimmt niemals bestehen. Unglücklich stichelte sie an einem Weihnachtsgeschenk für Heiner, einem Hemd, das nicht rechtzeitig fertig geworden war. Sie musste noch den linken Ärmel einnähen, der beim ersten Versuch zu lang geraten war. Also hatte sie ihn rausgetrennt, gekürzt und nähte ihn neu ein. Verzweifelt hielt sie ihr Werk in die Höhe. Jetzt war er im Vergleich zum anderen zu kurz. Vielleicht würde Heiner es nicht bemerken? Sie warf einen Seitenblick zur Mutter. Hauptsache, Annegret kriegte es nicht mit. Ein drittes Mal wollte sie das Hemd nicht auftrennen. Magdalena schloss die Naht.

Draußen war es stockdunkel. Fußtritte und Stimmen in der Scheune verrieten, dass ihr Vater und die Brüder zurückkehrten. Heute hatten sie in der Grube oberhalb des Weinbergs Schiefer gespalten und die Platten zwischen den Reben ausgebracht. Das hielt im Lauf des Jahres Unkraut fern und versorgte obendrein den Boden mit irgendwelchen Mineralstoffen. Die Drei traten ein, während Magdalena den Faden durchbiss.

„Dein Hemd ist fertig, Heiner. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“

Aber nicht er, Lorenz stürmte heran. „Lass mal sehen.“

„Das ist nicht für dich!“, wehrte Magdalena ab.

Johlend riss er es ihr aus der Hand, streifte es über und lachte sich krumm und schief. „Sieh dir die Ärmel an, Heiner! Die sind nicht gleich lang.“

Das wusste Magdalena selbst. Aber warum musste er den Fehler laut in die Welt hinausposaunen? Immer noch lachend zerrte er das Hemd über den Kopf, schwenkte es herum und warf es mit den Worten „das Ding taugt höchstens zum Putzlappen“ in eine Ecke.

„Magdalena, ist das dein Ernst?“, seufzte die Mutter.

Dass sie selbst reglos dabeistand und heulte, wurmte sie an der Sache am meisten.

„Lass sie in Ruhe, Lorenz. Es ist mein Geschenk, nicht deins.“ Heiner hob das Hemd auf, zog es über und krempelte die Ärmel um. „So passt es wie angegossen. Ich behalt es gleich an, wenn ich nachher in den Stall gehe.“

„Danke!“ Schniefend umarmte Magdalena ihn. Wenn ihr diese dämliche Prüfung nicht drohte … Am liebsten würde sie nie wieder eine Nadel anfassen.

„Ich könnt Hilf gebrauchen, Lenchen.“ Berta schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

***

Nach dem Essen versorgten der Vater mit den Brüdern und den Knechten das Vieh. Annegret zündete die Petroleumlampen an und legte das Nähzeug beiseite, das besseres Licht erforderte. Untätig blieben Berta und die Mutter trotzdem nicht. Sie holte den Korb mit den Stricksachen herbei. Die Nadeln klapperten gleichmäßig und schnell. Die beiden strickten neue Fersenstücke an Strümpfe, die dort verschlissen und ansonsten noch in Ordnung waren. Das konnten sie sozusagen im Schlaf.

Normalerweise half Magdalena den beiden. Heute durfte sie ausnahmsweise die Zeit nutzen, um ihnen etwas vorzulesen. Ein Vergnügen, das sonst nur den Sonntagabenden vorbehalten war. Zu ihrer heimlichen Enttäuschung reichte die Mutter ihr das rote Buch, auf das in goldenen Lettern ‚Heiligen-Legenden für Schule und Haus’ geprägt war. Mit angemessenem Ernst würde Magdalena den beiden den Abschnitt über den heiligen Silvester vortragen, der zu dem heutigen Tag gehörte. Dass er kein Märtyrer gewesen war, gefiel ihr. Ehrlich gesagt fand sie die Lebensberichte all der frommen Heiligen niederschmetternd und traurig, insbesondere die Kapitel über die keuschen Jungfrauen, die es vorzogen zu sterben, statt einen Heiden zu heiraten. Aber diese sehr falsche Einstellung hätte sie ihrer Mutter nie gestanden. Sie setzte sich sehr aufrecht hin und las den Abschnitt mit getragener Stimme.

31. Januar

Der heilige Silvester wurde Mitte des 3. Jahrhunderts geboren. Er war der erste Papst, der kein Martyrium durchlitt. In der Zeit der Christenverfolgung rettete er einen heidnischen Statthalter vor dem Erstickungstod und bekehrte ihn zum christlichen Glauben. Am 31. Januar 314 wurde er zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt und wirkte neue Wunder: Seine Gebete heilten Kaiser Konstantin den Großen vom Aussatz und führten ihn zum Christentum. Zum Dank für seine Taufe schenkte Kaiser Konstantin Papst Silvester Land, die Grundlage des späteren Vatikanstaats, auf dem die erste Peters-Kirche gebaut wurde. Im Jahr 813 wurde Silvester in die Schar der Heiligen aufgenommen. Er gilt als Patron der Haustiere und wird um eine gute Futterernte und ein gutes neues Jahr angerufen.

Als Kind hatte Magdalena die Heiligengeschichten sehr gemocht, inzwischen fand sie, dass sie insbesondere bei Märtyrern zu eintönig verliefen und vor allem endeten. Außerdem kam ein wichtiges Thema überhaupt nicht vor: die Liebe, zumindest die zwischen Mann und Frau.

„Das war es für heute.“ Sie klappte den Deckel zu und sah ihre Mutter erwartungsvoll an.

„Oh, der Abschnitt war kurz. Dann nimm das Buch, das meine Schwester mir zu Weihnachten geschenkt hat, und lies noch ein wenig daraus vor.“

Die gute Tante Josefine. Freudig griff Magdalena nach dem Band. Er war noch neu. Der Buchrücken wies keinen Knick auf und die Seiten hatten keine Flecke wie bei manchen zerlesenen Bücher, die Tante Louischen verlieh.

Dank Bertas Großzügigkeit war Magdalena außerdem bereits in den Genuss gekommen, einige Groschenromane der Verfasserin, einer gewissen Hedwig Courths-Mahler, zu verschlingen. Heimlich im Schein einer Petroleumlampe, deren Flamme sie ganz klein drehte. Die Mutter hatte sie zum Glück nicht bei den heimlichen Lektüren erwischt, wie es Magdalena einmal mit ihrer Schulfibel passiert war. Damals hatte Annegret geschimpft, dass das nächtliche Lesen schädlich für die Augen sei und das Buch bis in der Frühe konfisziert. Das Heftchen hätten Berta und Magdalena mit Sicherheit nie wiedergesehen, obwohl gar nichts Unstatthaftes darin vorkam. Die weiblichen Heldinnen betrugen sich stets sittsam und fleißig, ihre Kavaliere wohlerzogen und ehrenhaft und das Beste: Magdalena wusste von Anfang an, dass die Richtigen nach viel Hangen und Bangen einander finden würden. Anders als im echten Leben.

Liebevoll strich sie über den Einband. Der Titel des Romans klang vielversprechend und passte treffend zu ihrer, nein, eigentlich zu Matthias’ Situation: „Es irrt der Mensch“. Hoffentlich merkte er bald, dass er bei Friederike an die Falsche geraten war. Sie beschloss ihn in Hinblick auf diesen speziellen Wunsch in ihr Nachtgebet mit einzubeziehen. Und nein, Eigennutz steckte nicht hinter diesem Gedanken, oder doch …?

„Magdalena, was träumst du schon wieder?“, fragte die Mutter.

„Entschuldige, ich habe über den heiligen Silvester nachgedacht und die Macht seiner Gebete.“ Nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht vollkommen geschwindelt. Magdalena schlug das Buch auf. Mit lebhafter Stimme las sie vor und tauchte in die Geschichte einer unglücklichen Frau ein, die offensichtlich den falschen Mann geheiratet hatte.

Viel zu bald kehrten der Vater und die Brüder zurück. Seufzend klappte Magdalena das Buch zu und legte es weg. Dabei hätte sie gar zu gerne gewusst, wie es weiterging.

***

Nach dem Abendessen redeten ihre Eltern und Lorenz über den Kaiser, seine Politik und die Bündnisse. Die Ferber-Schwestern servierten den Stammgästen nebenan in der Wirtschaft Wein, Bier oder Viez. Heute gab es dort nur kalte Küche. Berta wusch das Geschirr ab, das Magdalena abtrocknete. Heiner spitzte seinen Bleistift und kritzelte etwas in ein Heft, das er zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.

„Was malst du?“, fragte sie ihn leise.

„Eigentlich gar nichts.“ Bereitwillig hielt er ihr das Blatt hin, auf das er Kohlweißlinge, Zitronenfalter, Apollo, Admiral, großen und kleinen Fuchs, Pfauenaugen und Bläulinge dicht an dicht gezeichnet hatte. „Das sind nur ein paar Studien von Schmetterlingen und Nachtfaltern.“

„Was für eine famose Arbeit. Wenn ich das Motiv auf eine Postkarte gedruckt sähe, würde ich sie mir sofort kaufen!“, flüsterte Magdalena ihrem Bruder ins Ohr.

„Von welchem Geld denn?“, gab er halblaut zurück. „Außerdem wird das nie geschehen und jetzt stör mich nicht. Mir ist gerade eine Idee gekommen und ich will noch eine andere Skizze zeichnen.“

„Darf ich die auch sehen?“

„Nein!“

Mit halbem Ohr lauschte sie ihrem Vater, der auf die Franzosen schimpfte. „Die Franzmänner protestieren, weil wir Deutschen versuchen, Einfluss auf das Osmanische Reich zu nehmen. Mit welchem Recht wollen sie uns klein halten?“

„Ich bitte dich, Vater. Das können sie nicht. Denk an den Krieg von 70/71 und wie wir es denen gezeigt haben. Lass sie schreien so viel sie wollen und reg dich nicht auf.“

Ihr Vater schien mit Lorenz’ Antwort zufrieden.

„Nun genug von der Politik“, meinte die Mutter. „Aus Kindern werden wahrhaftig Leute. Der Besuch heute Nachmittag war eine Überraschung.“

Erst als es um die Gronaus ging, hörte Magdalena aufmerksamer hin.