Jahreskreise - Crisalis . - E-Book

Jahreskreise E-Book

Crisalis .

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Beschreibung

Drei Frauen in unterschiedlichen Zeiten oder eine Frau in drei unterschiedlichen Leben? Charlotte arbeitet in einer modernen, weltweit führenden Unternehmensberatung. Als Heilerin versucht sie gleichzeitig Spiritualität im Alltag zu leben. Sarah ist auf der Flucht vor Gefangenschaft und Gewalt des Nazi-Regimes im Dritten Reich. Die Amazone Calafia kämpft um das Überleben ihres Volkes. Die unterschiedlichen Wirklichkeiten dieser drei Frauen berühren sich für schicksalhafte, mystische Momente und helfen Charlotte einen Weg zu finden, traumatische Missbrauchserfahrungen durch spirituelle Heilung zu überwinden.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jahreskreise

Band 1 der Trilogie Fiktive Wahrheit

 

 

 

 

Crisalis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild:Logo von labyrinth-international.org, nachgezeichnet

 

ImpressumCopyright: © 2011 CrisalisDruck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de ISBN 978-3-8442-2970-7

In genau diesem Moment ging, wie von Geisterhand geöffnet die Türe auf, langsam, sanft und lautlos schwang sie nach innen und verharrte dann in halbgeöffneter Stellung. Alle drehten sich erstaunt und verstummend zur Tür, acht Männer und drei Frauen drehten sich gleichzeitig vom Sitzungstisch um und schauten weniger fragend als vielmehr auf Erlösung hoffend zur Türe. Die Sitzung hatte einen energetischen Tiefpunkt erreicht, die dominanten Männer in der Runde behaupteten sich durch rhetorische Redeschleifen und wiederholten ihre Standpunkte solange, bis andere Meinungen ausgeblendet waren. Eigentlich hätte es mit einer fähigen Sitzungsleitung, die die Ergebnisse zusammenfasst hätte, vor einer halben Stunde zu einem konstruktive Ende kommen können. Aber das war wohl nicht gewollt. Sie wären nicht zu einem Konsens gekommen, der der Geschäftsleitung behagen würde und so verharrten alle in einer gewissen Lähmung. Charlotte hatte diese Lähmung langsam in sich aufsteigen fühlen. Bevor diese Taubheit ihr Herz erreichte, visualisierte sie ein starkes, lebendiges, pulsierendes gelboranges Licht in ihrem Körper. Sie wusste, sie durfte durch diese endlosen Redeschleifen nicht so viel Energie und Vitalität verlieren, dass sie es nicht mehr schaffte, die wichtigen Punkte im Protokoll festhalten zu lassen. In dem Moment, wo sie es geschafft hatte, das Licht in ihr zu stabilisieren und es warm und gleichmäßig pulsierte, ging plötzlich leise und sanft die Zimmertüre auf. Ein Schauer durchrieselte Charlotte. Spannung hing in der Luft und Charlotte spürte wie einige der Männer nervös wurden. Immerhin hatten sie trotz sehr positiver Betriebszahlen über die Wegrationalisierung von 15% der Arbeitsplätze diskutiert, sodass es einigen gar nicht wohl in ihrer Haut war. Gedanken wie „Sabotage, Rache, Spionage“ waren nun im Raum förmlich zu hören, als die geöffnete Türe den Blick in den leeren Vorraum gewährte. Man spürte plötzlich eine Anwesenheit im Raum, die im starken Gegensatz zu der nüchtern, destruktiven Sitzungsatmosphäre stand. Doch bevor die Spannung zu sehr stieg, brach Muehlin mit einem leisen Schnauben die Stille. Als Vorsitzender der Geschäftsführung hatte er nicht nur die Sitzungsleitung sondern quasi auch das Hausrecht inne. Er wohnte sogar ein Stockwerk höher in der Penthouse- Wohnung. Nochmals schnaubte er verächtlich, als er spöttisch lachend sagte: „Das ist nicht etwa ein rächender Geist, sondern die Katze meiner Frau. Vielmehr war es die Katze meiner Exfrau. Denn sie hat es ja vorgezogen, sie bei mir zurückzulassen. Keine Ahnung, wie dieses Vieh schon wieder hier hereingekommen ist.“ „Aha“, dachte wohl nicht nur Charlotte, „das erklärt seine eisige Stimmung.“ Muehlin war aufgestanden und wies mit einem energischen, befehlsgewohnt ausgestreckten Finger der Katze die Tür: “Los, raus hier Cleo. Hier hast Du nichts zu suchen.“ Cleo ignorierte Muehlin völlig. Mit einem kleinen Maunzen und einem eleganten Satz sprang sie auf den langgestreckten Sitzungstisch. Und dann schritt sie mit erhobenem Haupt und Schwanz und wirklich dem Stolz einer Cleopatra Schritt für Schritt gemächlich die Länge des Sitzungstisches ab direkt auf Charlotte zu. Ihr tiefschwarzes Fell mit den weißen Pfoten spiegelte sich in dem dunkel schimmernden Kirschholz des Tisches. Alle Blicke folgten ihr. Muehlin machte eine ärgerliche aber hilflose Geste in Richtung der Katze. Es war offensichtlich, dass er sie nicht anfassen und vor allem sich nicht lächerlich machen wollte. So drehte er abrupt ab und rief nach seiner Sekretärin. Cleo war nun bei Charlotte angekommen. Sie setzte sich würdevoll genau vor sie hin und schaute ihr in die Augen. Charlotte musste lachen. Sie streckte langsam eine Hand aus und kraulte der Katze sanft den Nacken. Jetzt löste sich die Spannung, einige lachten leicht, andere fingen an, von ihren Katzen, Hunden oder Kindern zu erzählen. Als Muehlin mit Sekretärin im Schlepptau wieder hereinstürmte, saß Cleo zufrieden schnurrend auf Charlottes Schoss. Muehlin baute sich vor Charlotte auf, hinter ihm die Sekretärin mit einem Käfig in der Hand. Charlotte schaute verwundert von der Sekretärin zu Muehlin zu dem Käfig und streichelte die Katze weiter. Muehlin wurde ungeduldig: „Nun geben Sie sie schon her, damit wir hier weitermachen können.“ „Aber sie stört doch gar nicht, lassen Sie sie doch einfach bei mir.“ Einen Moment schaute er verärgert, die Sekretärin zog leicht die Schultern hoch. Dann plötzlich ging ein Leuchten über Muehlins Gesicht: „Na, dann behalten Sie die Katze doch gleich. Scheint ja eine Frauenkatze zu sein.“ Ruppig nahm er der Sekretärin den Käfig aus der Hand, stellte ihn neben Charlotte auf den Boden und entließ seine Sekretärin mit einer Handbewegung. Dann setzte er sich zufrieden schnaufend wieder auf seinen Platz. „Hauptsache, ich brauche diese Katze nicht mehr zu sehen, ich hätte sie sowieso ins Tierheim bringen lassen.“ Alle am Tisch schauten nun verwundert zu Muehlin und dann etwas verlegen zu Charlotte. Aber keiner sagte etwas und für Sekunden war nur das gleichmäßige Schnurren von Cleo zu hören. Charlotte war im ersten Moment auch zu verwundert, um etwas zu erwidern. Sie horchte in sich hinein und fühlte wie ein glückliches Gefühl in ihr das orange, gelbe Licht verstärkte. So nickte sie nur den fragenden Blicken zu und sagte: „In Ordnung, aber dann bitte ich, die Sitzung jetzt zu beenden. Ich muss dann wohl noch Katzenfutter und Streu kaufen, bevor die Läden schließen.“ Ein so direkter Pragmatismus brachte ihr von Muehlin einen anerkennenden Blick ein, doch Charlotte wartete nun nicht mehr auf seine Reaktion. Sie setzte Cleo vorsichtig in den Käfig, verabschiedete sich, in dem sie der Protokollantin ein paar Anweisungen gab, und ging dann mit einem „Auf Wiedersehen zusammen!“ zur Tür. Bei der Sekretärin hinterließ sie noch ihre Telefonnummer, falls Muehlins Ex-Frau vielleicht doch noch ihre Katze wieder haben wollte.

Als Charlotte beschwingt die Treppe hinunter ging, spürte sie, wie viel Freude durch diese Katze in ihr entstanden war. Und diese Freude hatte alle Müdigkeit wie weg geblasen. Cleo saß auch ganz zufrieden in dem Transportkäfig und schaute interessiert die Welt um sie herum an. Obwohl sie sich mitten in einem Büroviertel befanden, stieß Charlotte gleich an der Ecke auf einen kleinen Kiosk, der sowohl Katzenfutter wie auch Katzenstreu verkaufte. Kurze Zeit später stand sie am Bahnhof und fühlte sich zufrieden, fast schon glücklich. Die Besprechungen waren zwar zuerst sehr ermüdend gewesen. Sie hatte sich überflüssig und unqualifiziert gefühlt. Aber Cleo hatte die Situation völlig verändert. Als der Zug einfuhr, setzte sie sich auf einen Fensterplatz, kuschelte sich unter ihrem Mantel gegen das Fenster, steckte eine Hand beruhigend zu Cleo in den Käfig und schloss die Augen. Sie dachte über ihre Arbeit bei Synergia nach. Die Arbeit bei einem der weltweit größten Unternehmensberater war ein sicherer Job und gut bezahlt. Sie war als Frauenbeauftragte und Mediatorin angestellt. Aber die Mediation von sich neu zusammenstellenden Arbeitsgruppen und die Betreuung der Projekte wurden immer schwieriger. Das Klima wurde rauer, sie hatte das Gefühl immer mehr Energie und Zeit zu brauchen, um durch die Schutzmauern der KollegInnen durchzudringen. Und nun war auch noch das Thema Missbrauch in die höchsten Ebenen des Konzerns vorgedrungen. Nachdem das Thema so häufig durch die Presse ging und nach Meinung des Vorstandes gesellschaftlich relevant geworden war, war Charlotte aufgefordert worden, eine kleine Seminarreihe zu diesem Thema zu gestalten. Zumindest war selbst dem Vorstand klar, dass dieses Thema nicht mit einem einzigen Vortrag mal eben so abzuhandeln war. Sie seufzte. Nur für eine Weile die Welt ausblenden. Nur eine Weile in die warme Dämmerung des Halbschlafes fallen. Sie spürte, wie sie anfing zu driften, wie sie leichter wurde, in lichter Dunkelheit zu schweben begann. Da hielt der Zug erneut und auf die Plätze vor ihr setzten sich zwei Männer, die sich raumdominierend und selbstgefällig unterhielten. Geschäftsbeziehungen, Transaktionen, Börsenkurse, hervorragende Abschlüsse, nichts blieb den übrigen Fahrgästen erspart. Handygeklingel, Anweisungen an die unsichtbaren Gesprächspartner und im Anschluss leicht hingeworfene Späßchen an den Kollegen. Charlotte seufzte und grub sich tiefer in ihren Mantel. Es half nichts. An ein Entschweben war nicht mehr zu denken. Sie stand auf, um zur Toilette zu gehen. Auf dem Rückweg sah sie aus dem Augenwinkel eine akkurat umschnittene Halbglatze und einen wohl frisierten dunklen Lockenkopf. Perfekt sitzende Anzüge, Krawatten, schwarze Laptops auf dem Schoss. Der mit der Halbglatze war relativ klein und musste sich wohl deswegen entsprechend produzieren. Er erläuterte seinem Kollegen gerade voller Zufriedenheit, wie er es geschafft hatte, eine Angestellte, die schwanger geworden war, im Anschluss an ihren Erziehungsurlaub zu entlassen. Charlotte verstand die Geschichte nicht, sein Gesprächspartner wohl auch nicht, aber dieser merkte nun sichtlich interessiert auf. Ob er das noch einmal erklären könnte, wie das zu schaffen sei? Der Halbglatzköpfige erzählte nun mit wachsender Begeisterung und voller Stolz, dass sie grundsätzlich nur Arbeitsverträge abschlossen, die nie wirklich die Aufgabenbereiche der Angestellten beschrieben und dass sie deswegen das Arbeitsfeld der jeweiligen Problemfälle wegdefinieren konnten. Charlotte hatte sich langsam wieder auf ihren Platz gesetzt. Unauffällig legte sie die rechte Hand auf die Rückenlehne des Mannes. Da er relativ klein war, lag ihre Hand nun auf Höhe seines Hinterkopfes. Sie visualisierte sich selber unsichtbar, verband sich mit ihrer Fuchsenergie, füllte sich mit Liebe und Lichtenergie und nahm die Verbindung zum Universum auf. Als sie sich warm und voll anfühlte, sandte sie diese Energie aus ihrer Handfläche hinaus und lies es in das Scheitelchakra des Mannes einfließen. Sie hörte nicht weiter zu, konzentrierte sich ganz auf den Fluss von Liebe und Mitgefühl. Aus dem Universum, eintretend in ihr Scheitelchakra, durch ihren Körper hindurch, aus ihrer Handfläche in das Scheitelchakra des Mannes vor ihr. Sie spürte, wie seine Stimme plötzlich zögernd wurde. „Na ja, zum Schluss tat sie mir fast leid. Aber ihr Mann verdient ja gut!“ Sein Gesprächspartner schaute erstaunt auf. Charlotte legte nun die andere Hand auf die Rückseite des anderen Sitzes und konzentrierte sich darauf, nun Liebe und Licht in das Herzchakra des Lockenkopfes zu senden. Für eine Weile blieben beide Männer still. Plötzlich fragte der Lockenkopf seinen Sitznachbarn: „Kann sich eure Firma das denn nicht leisten? Ihr habt doch eine Betriebsgröße, bei welcher Vertretung organisierbar sein sollte.“ Es war als seien diese Worte ihm entschlüpft, ohne dass er selber wusste, wo sie herkamen. Er war völlig verblüfft. Sein Kollege gab einen erstaunten Laut von sich. Dann schwiegen beide Männer, ratlos schauten sie zum Fenster hinaus und vermieden es sich anzuschauen. Charlotte versuchte sich weiter darauf zu konzentrieren, Liebe und Mitgefühl fließen zu lassen, aber nun stieg ein großes fröhliches Lachen in ihr empor. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich stärker. Doch plötzlich stutzte sie und schaute auf. Vor ihr stand der Lockenkopf. „Was zum Teufel….?“ Er ließ die Frage unbeantwortet, in seinem Blick lag weniger Ärger als vielmehr maßlose Verblüffung. „Was machen sie denn da?“ Charlotte wurde rot und lehnte sich zurück. Dann bahnte sich ein Lachen befreiend seinen Weg. Erstaunlicherweise lachte der Lockenkopf mit. Schüttelte den Kopf und setzte sich, nun eher nachdenklich, wieder auf seinen Platz. Die Männer vor ihr schwiegen nun, aber Charlotte sah aus den Augenwinkeln, dass sie immer wieder vorsichtige Blicke nach hinten schickten. Sie war ihnen eindeutig nicht geheuer. Kurze Zeit später waren sie sich einig, dass es Zeit für ein Bier war und sie zogen ab in Richtung Zugrestaurant. Charlotte seufzte. Vielleicht war es falsch, was sie machte. Tat sie das wirklich um Liebe und Mitgefühl in die Welt zu bringen, oder wollte sie nicht doch nur manipulieren? Nun, vielleicht war es o.k., wenn sie Menschen dazu manipulierte, Liebe und Mitgefühl zu empfinden. Sie schüttelte ihre Bedenken ab. Das war Unsinn. Mit Liebe und Mitgefühl konnte man niemanden manipulieren. Letztendlich fanden die Menschen dadurch ein Stück zu ihrem wahren Selbst. Nun schlief sie beruhigt ein und wachte erst kurz vor ihrem Ziel wieder auf. Als sie in Basel ankam, und über den zugigen Bahnsteig zum Ausgang ging, war sie etwas verschlafen. Plötzlich spürte sie, wie jemand neben ihr ging, sie beobachtete. Es war der Lockenkopf. Er zögerte. Charlotte war nun etwas verlegen. „Wie… wie haben sie das gemacht?“ Charlotte lächelte zögernd. „Was, was habe ich gemacht?“ „Nun, es wurde mir plötzlich ganz warm ums Herz. So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Aber..“ nun zögerte er „..auch sehr traurig, plötzlich. Fast schmerzhaft.“ Nun war es an Charlotte, verblüfft zu sein. Eine solche Offenheit hatte sie nicht erwartet. Sie hatte wohl auch nicht erwartet, dass so viel bei ihm angekommen war, dass er so viel bewusst spüren konnte. Seltsam, dachte sie sich, wenn diese Geschäftsmänner im perfekt sitzenden Anzug noch so feinfühlig sind, wie können sie dann trotzdem so sein wie sie sind? Wie können sie dann diese Welt, in der sie leben, aushalten? Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der Lockenkopf schien sich plötzlich einen Ruck zu geben. „Können sie das bei allen Menschen?“ Charlotte zögerte: „Nicht immer. Und meistens nur wenn sie es wollen, wenn sie es zulassen, wenn sie ein Bedürfnis danach spüren.“ Er nickte. Seltsamerweise schien er das zu verstehen. „Weil,… ich meine, meine Frau…, sie hat Depressionen. Sehr schlimm. Vielleicht wenn sie auch einmal etwas Wärme im Herzen spüren könnte?“ Er sprach schnell, abgehackt, als hätte er Angst vor seinen eigenen Worten. Die letzten Worte waren zögerlich, fragend. Charlotte lächelte. „Ja“ sagte sie schlicht. „Ich könnte es versuchen.“ Sie waren nun am Ausgang angekommen und blieben stehen. „Wie könnte ich sie denn erreichen?“ „Sie können mich gar nicht erreichen.“ sagte Charlotte bestimmt. Sie spürte, wie er zurückzuckte. Sie lächelte. „Ihre Frau muss mich erreichen.“ Er schaute fragend. „Ihre Frau muss den ersten Schritt tun. Wenn sie das nicht kann, hat es keinen Zweck. Dann wird es einfach nur von ihnen ihr übergestülpt. Das wird nichts bringen.“ Für einen Moment sah er so aus, als fühlte er sich ertappt. Aber als Charlotte ihm nun eine Karte in die Hand drückte, wagte er zu fragen: „Aber wie soll ich ihr denn begreiflich machen….“. „Nun, “ sagte Charlotte sehr ernsthaft, „erzählen sie ihr einfach, was sie erlebt haben. Nicht mehr und nicht weniger.“ Er schaute mehr als zweifelnd. Sie nickte ihm noch einmal zu und ging dann zügig in Richtung Tram. Er blieb noch stehen, schaute auf die Karte in seiner Hand. „Charlotte Lesab, Heilerin, Tel. 079-8899661“. Nur eine Handynummer, keine Adresse. Er stellte erstaunt fest, dass er zu gerne gewusst hätte, wo sie wohnt. Und was ihn noch mehr erstaunte, ausnahmsweise nicht, um eine Möglichkeit zu finden sie anzubaggern. Gewiss, sie war interessant, attraktiv auf eine geheimnisvolle Weise. Und er würde sie gerne wiedersehen. Aber nicht deswegen. Er spürte, dass das eine andere Dimension war.

 

 

Herbstanfang (21. September)

Erntedank – Herbsttagundnachtgleiche

 

Dank für die Ernte …Beginn der dunklen Jahreszeit…....allmählicher Übergang von Wachstum und Geburt zu Sterben und Tod….…Rückzug der Natur ins Innere der Erde….

 

Die Ernte ist abgeschlossen. Wenn es ein gutes Jahr war, sind die Speicher gefüllt. Wir haben Sonne, Kraft und Energie getankt, um in die dunkle, kalte Jahreszeit zu gehen. Unsere Dankbarkeit über die Ernte mag durchsetzt sein mit Wehmut. Fallende Blätter, sterbende Pflanzen, die Schmetterlinge fliegen vielleicht ein letztes Mal im für noch wenige Stunden am Tag warmen Sonnenlicht. Wenn wir einer Biene zuschauen, wie sie schon leicht benommen die letzten Blüten sucht, mögen wir darüber sinnen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. Hatten wir ein schwieriges Jahr bisher, sind unsere inneren oder äußeren Speicher nicht gefüllt, so mögen wir vielleicht sogar mit Angst und Sorge der kalten, dunklen Jahreszeit entgegenblicken. Es ist wichtig, auch dies wahrzunehmen, es zuzulassen, vielleicht ganz bewusst diesen dunklen Teil in uns der noch wärmenden Sonne entgegenzuhalten. Wir merken wie die Tage kürzer werden, morgens beim Aufstehen ist es nun wieder dunkel, die Luft ist zum Teil schon schneidend kalt. Aber die Wärme der Mittagssonne versöhnt uns noch einmal, gibt uns etwas Aufschub. Noch einmal können wir dankbar Wärme und Licht tanken, während wir die Herbstfarben genießen. In vorchristlicher Zeit, vor allem auch in der Zeit bevor die Menschen mit Ackerbaukulturen sesshaft wurden, war dieses Ritual wohl viel stärker der Vorbereitung einer Begegnung mit der dunklen Kraft gewidmet. Die Vorbereitung auf die dunkle Jahreszeit, das Wappnen gegen Sterben und Tod, der damals unterstützt von Kälte, Hunger und Krankheiten nicht nur Pflanzen und Tiere sondern auch uns Menschen in der dunklen Jahreszeit drohte, mag früher wie heute leichter erscheinen, wenn man noch gestärkt und gefüllt von Sonne und Kraft des Sommers ist. Heute, sei es geprägt durch das Christentum oder durch unsere Wurzeln in der ackerbaulichen Kultur, ist das Fest vor allem ein Erntedankfest geworden. Wir danken für die reiche Ernte, für volle Vorratskammern und Speicher. In einer Zeit und Gesellschaft, in der wir nicht von Hunger und Kälte bedroht sind, macht es Sinn zurückzuschauen: wofür können wir dieses Jahr dankbar sein? Welche Fülle wurde uns geschenkt? Oder vielleicht auch: was ist nicht in Erfüllung gegangen? Fehlt es uns wirklich, brauchen wir es wirklich? Oder ist es vielleicht gut so, wie es ist und ist so dieses Nicht-in-Erfüllung gehen vielleicht auch ein Stück Ernte? Wir machen uns bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, so reich zu sein, wie wir es sind. Dass zu anderen Zeiten aber auch an anderen Orten, Menschen gerade jetzt bangend dem Winter entgegenschauen, der sie mit Hunger und mit Kälte oder Durst bedroht. Das mag viele unserer Ängste in Perspektive setzen, mag Dankbarkeit aufkommen lassen für die Fülle und den Reichtum, den wir haben.

Vorschlag zum Ritual: Wir suchen uns einen Platz in der Natur, wo wir den Herbst spüren können. Sei es auf einer Wiese mit einigen letzten Blüten, oder im Wald, wo wir den fallenden Blättern zuschauen, oder am Waldrand, wo wir die goldenen Blätter des Herbstes genießen. Wir setzten uns und konzentrieren uns auf unsere Ernte in diesem Jahr. Was wurde uns geschenkt, wofür können wir dankbar sein? Wir betrachten die herbstlichen Farben, betrachten diesen Prozess des Vergehens und fühlen in uns hinein, was das mit uns zu tun hat. Ist dort Wehmut, Angst, Sorge vor Tod, vor Krankheit, vor der dunklen Jahreszeit? Wir versuchen beides, die Dankbarkeit über die Ernte, aber auch die dunklen Gefühle in uns nebeneinander stehen zu lassen. Wir geben beidem Raum, ohne es zu werten, ohne anzuhaften, ohne abzuwehren. Wir machen einen kleinen Spaziergang durch die herbstliche Natur und sammeln Symbole für unsere Ernte, aber auch für die dunklen Gefühle in uns. Wir tragen diese Ernte zusammen. Ein Feuer wärmt uns, und wir verzehren die reichlich mitgebrachten Speisen.

 

Am nächsten Morgen erwachte Charlotte unruhig, zermürbt, unglücklich. Sie zweifelte an ihrem Leben, stellte sich selbst in Frage und bezweifelte, dass sie etwas Sinnvolles mit der ihr geschenkten Zeit machte. Sollte sie nicht eigentlich viel mehr Gutes im Leben tun? Den Reichtum, den sie erlebte, mit anderen teilen? Obwohl sie Urlaub hatte, stand sie früh auf, ziellos, einfach um der inneren Unruhe irgendwie zu entkommen. Sie fütterte Cleo, die sich erstaunlich schnell eingewöhnt hatte, setzte sich auf den Balkon und blickte hinunter in das Tal. Es war diesig und die Luft nicht wirklich warm. Der Herbst war angekommen. Cleo kam, sprang mit einem kleinen Maunzen auf ihren Schoss und kuschelte sich eng an sie. Charlotte hüllte sich in ihren Schal, legte das herbstlich gefärbte Seidentuch über den Balkontisch und breitete die Tarotkarten aus. Was brauchte sie in ihrem Leben? Was war wichtig? Was war hinderlich? Die Antworten waren eindeutig: Acht der Erde - Innere Ordnung, sechs der Luft – Klarheit, sieben der Erde – Energieverlust. Sie seufzte. Innere Ordnung: dazu brauchte sie Selbstdisziplin und das würde dann wohl wirklich zu Klarheit führen. Unwille regte sich in ihr, so wirklich annehmen, konnte sie die Karten nicht. Aus Pflichtgefühl setzte sie sich zur morgendlichen Meditation. Als es in ihr etwas ruhiger wurde, spürte sie den Raum in sich, der voll grauer, unruhiger Leere war, voller Unzufriedenheit, Zweifel und Schuldgefühl. Immer wieder drifteten ihre Gedanken ab, kreisten um kleine Begebenheiten, nicht erledigte Pflichten, Unzulänglichkeiten, Schuld. Sie seufzte und versuchte liebevoll und bestimmt immer wieder die Achtsamkeit auf den Atem zurückzulenken. Geduldig, nachdrücklich, diszipliniert. Und wieder kehrte für einen kurzen Moment Ruhe ein, um dann sogleich wieder von der erschreckenden grauen, unzufriedenen Unruhe in ihr verdrängt zu werden. Als die Uhr piepste, streckte Charlotte sich seufzend. Was machte sie nun mit diesem eigentlich so wertvollen Urlaubstag? In dieser Stimmung? Heute war Erntedankfest, Tagundnachtgleiche, Herbstanfang. Alle Freundinnen waren weit weg, sie hatte sich in letzter Zeit zu wenig bemüht um Kontakt zu Freundinnen, zu Frauen, zu Möglichkeiten in denen sie ihre Spiritualität leben und Jahreskreisfeste feiern konnte. Auch das musste sich wieder ändern.

Nun, da es Tagundnachtgleiche war, und sie zudem gleich zwei Erdkarten gezogen hatte, wäre es wohl das Vernünftigste, raus in die Natur zu gehen. Vielleicht könnte sie dort die Göttin wieder spüren.

Bevor sie sich auf den Weg machte, ging sie noch am Stall vorbei. Ihr alter Wallach Voyou begrüßte sie mit mildem Desinteresse. Die Pferde standen auf der Koppel und als sie hinausging, gab ihr Voyou deutlich zu verstehen, dass sie nicht auf die Idee kommen sollte, ihn zum Reiten zu holen. Charlotte kraulte ihm den Bauch, putzte ihn etwas und massierte seinen verspannten Rücken und ging dann wieder. Der Kontakt mit den Pferden hatte ihr gut getan, hatte sie etwas geerdet, ihr ein wenig vertrauensvolle Kraft zurückgegeben. Es war ein milder Herbsttag, wenn auch immer noch sehr verhangen. Die Sonne war mehr zu ahnen als wirklich zu sehen, trotzdem war es angenehm warm. Als Charlotte ihre Wanderschuhe zuschnürte und losmarschierte, merkte sie, wie sie sich ein wenig entspannte. Worum ging es heute? Dank für die Ernte? Für alles was in ihrem Leben reichhaltig und in Fülle vorhanden war. Während das erste Laub unter ihren Füssen raschelte, versuchte Charlotte sich in Erinnerung zu rufen, wofür sie danken konnte. Sie war gesund. Sie verdiente gut, und hatte einen interessanten Job. Sie hatte Freundinnen und Freunde (um die sie sich im Moment so gut wie gar nicht kümmerte). Das heißt, sie hatte eigentlich ein perfektes Leben und nur ihre Schuldgefühle hielten sie davon ab, es wirklich zu genießen. Sicher, es war ein lohnendes Ziel, das Gute, Mitgefühl, Hilfe für andere, Großzügigkeit in ihrem Leben wachsen zu lassen. Aber heute war Erntedank. Heute ging es nicht um das, was wachsen sollte. Heute würde sie sich dessen erinnern, wofür sie danken wollte. Und während sie durch die herbstliche Landschaft wanderte, suchte sie nach Symbolen für das Wunderbare in ihrem Leben. Unten im Tal am Fluss sammelte sie Kastanien, Eicheln und Walnüsse für die materielle Fülle in ihrem Leben. Sie hatte immer genug zu essen, eine schützende, warme, behagliche Wohnung. Genug Geld für Kleider, Reisen, sogar für ihr Pferd. Dann stieg sie den steilen Pfad zu der kleinen Kapelle hinauf, von dort hatte sie Ausblick über das Tal, den sich windenden Fluss, kleine Kiesbänke, Weidengebüsch, Erlen, kleine Sandbänke. Hier oben fand sie Thymian, Wermut, Oregano, Goldrute, ein schönes Symbol für die Heilung in ihrem Leben. Sie dachte dankbar daran, dass sie wieder fühlen konnte. Das erste Gefühl, das sie wieder gelernt hatte, als sie es vor Jahren gewagt hatte sich an die dumpfe Leere in ihrem Inneren heranzutasten, war tiefe Trauer gewesen. Trauer um ihre verlorene Kindheit und Jugend. Und bei aller Trauer war da dann die erste Freude, dass sie überhaupt wieder etwas fühlen konnte. Dass ihr Unterleib wieder warm wurde. Dass ihr Herz und Bauch nicht einfach nur noch tot und kalt und wie nicht existent waren. Und dann kam der Schmerz. Manchmal scharf und schneidend. Manchmal dumpf, niederdrückend. Aber immer irgendwie reinigend.

Bei dem Aufstieg war ihr warm geworden, Schweiß lief ihr den Rücken hinunter. Eine Weile ging sie den Höhenweg. Sie fand noch Hagebutten, leuchtend rote Früchte, die sie an die Fülle in ihrem Leben erinnerten und die zeigten, dass die Sonne da war, wenn auch hinter leicht verhangenem Himmel. Eine letzte spätblühende Rose neigte sich ihr zu und sie pflückte sie dankbar, ein duftendes Symbol für die Schönheit in ihrem Leben. Sie freute sich über ihre Schätze und spürte wie ihr leichter wurde, wie sie ihr Leben wieder ein wenig genießen konnte. Sie lief die letzten Meter hinunter zum Fluss und stand plötzlich vor einem kleinen tiefen Becken mit einladendem Sandstrand. Kurz entschlossen zog sie sich aus, stapelte ihre Kleider auf einen Stein und stieg in den Fluss. Es war eisig kaltes Wasser, was dort aus den Bergen kam. Die Kälte nahm ihr den Atem, ließ sie nach Luft schnappen, und trieb sie sofort wieder hinaus. Dort stand sie lachend. Das zweite Mal ging sie behutsamer hinein. Dieses Mal war ihr Körper schon vorbereitet. Sie legte sich in die Strömung, hielt sich an einem Stein fest und bat die Göttin, sie mit dem fließenden Wasser zu reinigen, alle Unruhe, Unzufriedenheit, Schuldgefühle aus ihr heraus zu schwemmen, sie mitzunehmen bis in die Tiefen des Meeres. Auch dieses Mal trieb die Eiseskälte sie schnell wieder hinaus. Einen Moment stand sie an dem kleinen Sandstrand, nackt in der milden Herbstluft, dankbar den kribbelnden Körper spürend, ein kleines Dankgebet hinausschickend. Sie fühlte sich ruhiger nun, friedlicher. Sie trocknete sich mit ihrem T-Shirt ab, zog sich an, sammelte ihre Schätze ein und machte sich auf den Heimweg. Nachdenklich, langsam und genießend ging sie nun durch diesen friedvollen Herbsttag, das milde Licht, die Septemberstille. Hier und da raschelte das Laub unter ihren Füssen. Dort grüßte sie eine Ackerwitwenblume, einzelne Schafgarben, links von ihr leuchtete ein Rainfarn.

Zu Hause angekommen, schmückte Charlotte ihren Altar mit den Früchten und Blumen. Sie setzte sich erneut zur Meditation. Dankbarkeit kam auf. Eine veränderte Realität, eine andere Wirklichkeit. So schnell verändert, wie die Wolken, die draußen nun am herbstlichen Himmel vorbeizogen.

Als sie in die Küche ging, um sich etwas zu Abendessen zu kochen, klingelte ihr Handy. Als sie das Handy nahm, war am anderen Ende Schweigen. „Hallo?“ fragte sie. „Wer ist da?“ Entgegen ihrer Gewohnheit legte sie nicht sofort auf, als sich immer noch niemand meldete. Sie spürte, da war jemand am anderen Ende, der sie brauchte. Sie wartete einen Moment schweigend. Dann fragte sie freundlich: “Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Im selben Moment wunderte sie sich, über ihre förmliche Formulierung und wollte nun doch das Gespräch abbrechen. Doch da hörte sie plötzlich eine tiefe, recht selbstsicher klingende Frauenstimme. „Vielleicht. Mein Mann glaubt es zumindest.“ Es dauerte einen Moment, bis Charlotte begriff, dass das die Antwort auf ihre Frage gewesen war. „Gut, wie kann ich Ihnen helfen?“ „Nun, sie haben gestern meinen Mann im Zug getroffen. Und …“ nun zögerte die selbstsichere Stimme. Offensichtlich wusste sie nicht, wie weiter. Charlotte kam ihr entgegen. „Ah, sie möchten einen Termin zum Handauflegen.“ Am anderen Ende der Leitung war ein erstauntes Schnaufen zu hören. „Handauflegen? Nun… ja… vielleicht ist es das, was ich möchte.“ „Gut,“ sagte Charlotte, „sagen sie mir doch ihren Namen und Adresse und dann müssen wir nur noch einen Termin vereinbaren.“ „Christiane Löwensiek, Bergstraße“ Charlotte kannte die Bergstraße. Weit war das nicht für sie, direkt am Merianpark. Plötzlich war die Stimme am anderen Ende sehr vorsichtig. Fast bittend. „Könnten sie vielleicht heute Abend schon vorbeikommen? Ich meine… ich weiß es ist viel verlangt, aber….“ Diese Frau war nicht gewohnt zu bitten. Es viel ihr schwer. „Ich weiß sonst nicht…“ Charlotte schluckte. So schnell konnte es gehen. Vom Danken zum Geben. Aber sie willigte ein. Es war erst sechse durch. Sie würde sich etwas kochen und dann, ja, so gegen acht könnte sie vorbei kommen. Als sie auflegte, saß Cleo vor ihr und schaute sie fragend an. „Tja, Cleo,“ Charlotte beugte sich hinunter und kraulte ihr den Nacken, „ich weiß auch nicht, was das werden wird. Aber versuchen kann ich es ja mal.“ Cleo schnurrte zufrieden, machte dann aber mit einem zielstrebigen Gang zum Futternapf unmissverständlich klar, dass es wichtigere Dinge im Leben gab. Charlotte lachte. „Also gut, als allererstes bekommst Du jetzt etwas zu fressen. Dann werde ich mir etwas kochen.“

Gut zwei Stunden später näherte sich Charlotte dem großen, villenähnlichen Haus. Der an den Park angrenzende Garten war etwas verwildert. Ein Hund schlug an, war aber nirgends zu sehen. Als Charlotte klingelte, wurde fast sofort die schwere Holztür von innen geöffnet. Offenbar war ihre Ankunft beobachtet worden. Die beiden Frauen musterten sich schweigend. Charlotte sah eine große, schlanke Frau. Lockig welliges braunes Haar umrahmte ein sehr gepflegtes, dezent geschminktes Gesicht. Bequeme, teure Kleidung und ein Hauch eines guten, herben Parfüms gaben der Frau eine elegante, selbstsichere Erscheinung. Aber der Blick, der Charlotte nur zögernd begegnete, war etwas flackernd, gab nichts preis. Es war als blickte sie gegen eine Wand und nicht in lebendige Augen. Christiane ihrerseits erblickte eine große, kräftige aber schlanke Frau. Mit Erstaunen stellte sie fest, dass sie zu Charlotte aufschauen musste. Junge lebendige Augen, ein von den Lachfalten abgesehen, fast faltenloses Gesicht stand im Kontrast zu den mit grau durchsetzten kurzen Haaren. Die Kleidung war sportlich, bequem, nachlässig und nur die warmen orangeroten Töne passten mit der Vorstellung überein, die Christiane sich von einer Heilerin gemacht hatte.

„Darf ich reinkommen?“ „Aber sicher. Entschuldigung.“ Christiane trat zurück, liess Charlotte ein und ging dann voraus durch ein großes hohes Treppenhaus. Charlotte folgte Christiane in ein grosses helles, skandinavisch eingerichtetes Wohnzimmer. Die großen torbogenartigen Fenster gaben den Blick in den Garten und auf den Park im Hintergrund frei. Es war, als würde man mitten im Grünen wohnen. Charlotte seufzte unwillkürlich. „Schön!“ sagte sie. Christiane nickte. „Möchten Sie einen Tee oder Kaffee?“ Charlotte nickte. „Wenn Sie grünen Tee haben?“ Während Christiane verschwand um den Tee zu zubereiten, stellte sich Charlotte vor das Fenster und versuchte sich zu zentrieren. Sie spürte ihre Verunsicherung in dieser Umgebung und sie fühlte sich fremd. Die alten, wohlbekannten Zweifel stiegen in ihr hoch. Was um Himmelswillen tat sie hier? Sie bildete sich doch nicht im ernst ein, dass sie mit ein bisschen Handauflegen einer solchen Frau, die offensichtlich völlig entwurzelt war, helfen konnte? Charlotte schob entschlossen ihre Zweifel weg. „Zweifel sind das größte Hindernis auf dem Weg.“ Es schien, als hörte sie plötzlich die Stimme ihrer buddhistischen Lehrerin. „Alle anderen Hindernisse, gilt es genau anzuschauen und zu prüfen. Aber den Zweifel musst Du sofort und energisch stoppen.“ Sie lächelte als sie daran dachte, wie sie versucht hatte den Unterschied zwischen Zweifel und selbstkritischem Hinterfragen herauszufinden. „Zweifel ist selbstzerstörerisch, macht Dich unsicher, macht Angst, lähmt. Selbstkritisches Hinterfragen dagegen ist mit Neugierde, Aufregung, der Lust auf Neues verbunden.“ Charlotte schluckte. Das hier, dieses unsichere Gefühl im Bauch, diese plötzliche Energielosigkeit, war mit Sicherheit Zweifel. Sie richtete nun entschlossen ihren Blick auf die alte große Eiche im Park. Ihr Blick verlor sich im Geäst der weit verzweigten Baumkrone, sie folgte den Zweigen und ließ ihren Blick den dämmrigen Abendhimmel zwischen den Blättern aufspüren. Dann bat sie um Ruhe und Energie, ließ diese Energie durch ihre Augen durch ihren Körper fließen bis hinab zu ihren Füssen. Als ihre Fußsohlen warm wurden, spürte sie eine leichte Berührung an ihrem Bein. Sie blickte hinab und sah einen großen Dobermann neben sich stehen, die dunklen Augen fragend zu ihr emporgehoben. Charlotte legte ihm sanft die Hand auf den Nacken und begann dann vorsichtig, ihn hinter den Ohren zu kraulen. Während sie sich wieder der alten Eiche zuwandte, spürte sie, wie der Hund sich ganz leicht, kaum merklich anlehnte. So standen sie eine ganze Weile, bis Charlotte plötzlich merkte, dass der Hund unruhig wurde. Sie trennte sich von der Eiche und drehte sich langsam um. Christiane stand wie angewurzelt in der Tür und betrachtet mit einer Mischung aus Erstaunen und Befremden den Hund. „Toller Wachhund…“ knurrte sie plötzlich verächtlich. Der Hund zuckte zusammen und tappte mit eingezogenem Schwanz davon. „Warum?“ fragte Charlotte. „Sie haben mich doch hereingelassen. Warum sollte der Hund nicht freundlich zu mir sein?“ Christiane ging nun zu dem niedrigen Tisch und servierte den Tee. Sie zuckte die Achseln. Und Charlotte wusste plötzlich: sie war einsam. Und eifersüchtig, dass der Hund zu ihr, einer Fremden kam und sich nicht an seine Besitzerin anschmiegte. Aber gleichzeitig betrachtete Christiane sie nun mit unverhohlener Neugierde. Eine Spur von Aggressivität verdeckte nun die Unsicherheit und durchbrach die leblose Mauer in ihren Augen. Ihre Stimme klang hart, als sie sprach. „So, nun haben sie wohl neben meinem Mann auch schon meinen Hund bezirzt. Bin jetzt ich an der Reihe?“ Charlotte spürte noch die Kraft der Eiche in sich und begegnete ruhig dem herausfordernden Blick. „Ich verhexe niemanden. Ich kann einfach wieder gehen.“ schlug sie vor. Christiane schürzte verächtlich die Lippen. „Soll das eine Drohung sein?“ Nun zuckte Charlotte die Achseln und stand auf. „Tut mir leid, dass Sie den Tee umsonst gekocht haben.“ Sie lächelte kurz, nickte und ging zur Tür. In der Halle wartete der Hund, oder vielmehr eine Hündin, wie Charlotte nun sah. Sie hielt kurz inne und kraulte sie hinter den Ohren. Dankbar schluckte die Hündin und blieb dann ruhig sitzen, als Charlotte die Türe öffnete. Sie schloss sie leise und ging ebenso leise über den knirschenden Kies zur Gartenpforte. Als sie ihr Fahrrad aufschloss, flog die Türe auf und Christiane kam atemlos durch den Garten gerannt. „Hören sie. Es tut mir leid. Wirklich. Sehr. Ich habe mich furchtbar verhalten. Bitte…..“ Charlotte zögerte. So eine verwöhnte Zicke. Was bildete sie sich ein? „Bitte!“ Sie flüsterte nun fast. „Mein Herz ist so eiskalt.“ Christiane hatte nun Tränen in den Augen. „Ich weiß auch nicht, warum ich so bin.“ Charlotte schloss ihr Fahrrad seufzend wieder ab und ging wieder mit hinein. Eine Weile tranken sie schweigend ihren Tee. Irgendwann fragte Christiane leise, zögernd: „Was passiert nun?“ Charlotte sah sich im Raum um. „Wir könnten damit beginnen ein oder zwei Kerzen anzuzünden.“ Christiane suchte nach Streichhölzern und zündete die Kerzen an, die, obwohl sie völlig staubfrei waren, den Eindruck erweckten, als ständen sie schon lange da. Als Dekoration, niemals angezündet. Charlotte kramte ein Räucherstäbchen aus ihrem Beutel. Christiane runzelte missbilligend die Stirn: „Oh lieber nicht! Von diesem künstlichen Geruch bekomme ich immer Migräne.“ Charlotte klemmte das Räucherstäbchen neben der Kerze in den Kerzenhalter und nickte. „Dann lasse ich es einfach hier. Wenn sie sich später danach fühlen, können sie es immer noch anzünden.“

Charlotte schaute sich suchend im Zimmer um. „Am besten, sie legen sich dort auf den Ottomanen und schließen die Augen.“ Sofort schien Christiane sich anzuspannen und Charlotte spürte, dass die Vorstellung, sich in Gegenwart eines fremden Menschen hinzulegen und die Augen zu schließen, bei Christiane schon die höchste Alarmstufe bedeutete. „Sie können auch die Augen offen lassen und irgendwo hinschauen. Schauen sie etwas an, das sie entspannt. Zum Beispiel in die Baumkrone der alten Eiche dort draußen im Park.“ Christiane nickte. Charlotte holte sich einen niedrigen Schemel, der vor dem alten Klavier stand und setzte sich neben Christiane, sodass sie mit ihren Händen Christiane gut erreichen konnte. Sie spürte wie Christiane nun sehr nervös wurde. „Es kann gar nichts passieren.“ beruhigte Charlotte. „Wenn ihnen meine Hände zu unangenehm sind, sagen Sie es bitte sofort. Oder wenn irgendetwas anderes nicht stimmt. Heben sie einfach die Hand, dann höre ich sofort auf.“ Wieder nickte Christiane stumm. Charlotte versuchte nun, bewusst alle Anspannung loszulassen und schloss einen Moment die Augen. „Ruhig, ruhig, ruhig…“ dachte sie bei jedem Atemzug. Sie fühlte, wie sich Christianes Anspannung auf sie übertragen hatte. „Göttin, hilf.“ Formulierte sie nun in Gedanken. Leise murmelte sie das Mantra der Göttin. Als sie Ruhe spürte und fühlte, wie sich ihre Füße mit der Erde unter ihr verbanden, legte sie ihre Hände auf Christianes Sonnengeflecht. Im ersten Moment war sie erschrocken, über die kalte Leere, die ihr entgegenschlug. Sie wartete auf die vertraute Wärme, die immer durch ihre Hände aufstieg, sobald sie die Hände auflegte, aber nichts geschah. Charlotte verstärkte ihre Konzentration, konzentrierte sich auf die Weite des Universums über ihr, öffnete bewusst ihr Scheitelchakra und leitete die Energie aus dem Universum durch ihren Körper in ihre Hände und von dort in Christianes Sonnengeflecht. Lange Zeit tat sich gar nichts. Dann, irgendwann, spürte sie ein leises zaghaftes Kribbeln. Wärme konnte man es nicht nennen, aber immerhin spürte Charlotte eine leise kribbelnde Antwort. Sie visualisierte jetzt Wärme, Liebe, Mitgefühl als orangeroten Ball in Christianes Sonnengeflecht. Ein wenig gelang es ihr. Aber nicht stabil, nicht wirklich leuchtend. Eher wie eine sanfte Ahnung, wie Morgenrot am Horizont eines bewölkten Tages. Als Charlotte spürte, dass sie im Moment nicht mehr erreichen würde, wechselte sie zu Christianes Kopf. Sie legte die Hände wie eine Muschel um ihren Scheitel ohne allerdings den Kopf oder auch die Haare zu berühren. Sie stellte sich vor, wie Christianes Scheitelchakra sich öffnete und Liebe, Kraft, Weisheit und Mitgefühl aus dem Universum dort eintraten und durch ihren Körper strömten, liebevoll das Herz umspielten, das kalte, leere Gefühl im Bauch in warmes, angenehmes Kribbeln auflösten, dann durch die Hüften, die Knie und dort zu den Füssen wieder hinaus flossen. Auch hier tat sich am Anfang gar nichts. Charlotte zwang sich, nicht aufzugeben, immer wieder bat sie die Göttin um Hilfe. Es gab einen Moment, da fühlte sich ihr eigenes Herz plötzlich kalt an. Charlotte erschrak und überlegte, die Behandlung abzubrechen. Plötzlich spürte sie die Hündin in ihrem Rücken. Sie drückte ihren Kopf warm und vertrauensvoll gegen ihr Kreuzbein. Charlotte durchrieselte Dankbarkeit und Rührung. Ihr Herz öffnete sich und in diesem Moment spürte sie, wie die Energie zu fließen begann. Christiane stöhnte auf, griff mit den Händen nach ihrem Bauch, mehr erstaunt als erschrocken, ließ die Hände dann wieder sinken und legte sich zurück. Nun deutlich entspannter, als könne sie nun zulassen was geschah. Ihre Augen waren immer noch geöffnet, aber nun schien sie in die Weite zu schauen, nicht mehr krampfhaft haltsuchend im Zimmer umherzublicken. Charlottes Hände bewegten sich von selbst. Vom Scheitel zum Kehlchakra, zum Herzen, noch einmal zum Sonnengeflecht. Von dort zu den kalten Händen, zurück zum Bauch, zu den verhärteten Sehnen an den Hüften, den verkrampften Oberschenkeln, kalten Knien, seltsam schlaffen Unterschenkeln und zum Schluss zu den Füßen. Bevor sie endete, legte Charlotte noch einmal die Hände auf Christianes Solarplexus, der ihr nun mit einem stetigen, sanften Kribbeln antwortete. Dann war es vorbei. Charlotte ging in die Ecke vor den Kamin, und legte dort die Hände auf den kalten Steinfußboden. Sie dankte der Göttin und bat die Erde alle fremde Energie, alles, was nicht zu ihr gehörte aufzunehmen. Konzentriert ließ sie alles Fremde in die Erde fließen. Als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die Uhr. Fast zwei Stunden war sie nun hier. Unwillkürlich seufzte sie. Dankbarkeit erfüllte sie. Es hatte sich etwas bewegt. Etwas mehr Liebe und Mitgefühl und Wärme war in der Welt. Christiane richte sich nun zögernd auf. Charlotte setzte sich wieder auf den Schemel und legte ihr sacht eine Hand auf die Schulter. „Bleiben sie noch etwas liegen!“ Christiane legte sich wieder zurück. „Was bin ich ihnen schuldig?“ „Gar nichts“ sagte Charlotte. „Ich habe im Moment einen gut bezahlten Job. Das heißt, ich brauche kein Geld. Heilen bedeutet für mich, göttliche Energie, die mir geschenkt wurde, weiterzugeben. Für etwas was mir geschenkt wurde, Geld zu nehmen, widerstrebt mir.“ Sie sah Christianes zweifelnden, ungläubigen Blick. „Wirklich,“ versicherte sie nochmals. „Es wäre etwas anderes, wenn ich keinen anderen Verdienst hätte.“ „Aber ich kann das doch nicht einfach so annehmen!“ widersprach Christiane. „Nun, wenn sie das nicht können, dann können sie einfach entsprechend der zwei Stunden, die ich bei ihnen war, ihrerseits etwas Gutes tun. Irgendetwas tun, das Heilung und Liebe in die Welt bringt.“ „Aber wie denn? Was denn? Ich kann so etwas doch gar nicht.“ „Hmmm. Sie könnten damit anfangen, zwei Stunden lang liebevoll zu ihrem Hund zu sein.“ Christiane runzelte ärgerlich die Stirn. „Nein, “ sagte Charlotte, „ wirklich, ich meine es ernst. Es geht darum, dass sich dein Herz öffnet. Dann wird es dir besser gehen und du wirst mehr und mehr selbst wissen, was du für deine Heilung tun musst. Und dem Hund wird es auch gut tun.“ Wie zur Bestätigung kam die Dobermannhündin nun heran, setzte sich neben Christiane und berührte vorsichtig mit der Nase ihr Knie. Es war kein Anlehnen, wie sie es vorher bei Charlotte getan hatte, es war wie eine ganz vorsichtige Frage. Christianes Gesicht glättete sich, plötzlich standen ihr Tränen in den Augen. „Anona…“ flüsterte sie. Und dann zu Charlotte gewandt: „das hat sie noch nie getan“. Einen Moment lang schimmerte ein wenig Glück in Christianes Augen auf, die Hündin schluckte. Beide verharrten regungslos. Doch dann war der Moment vorbei, ein Ruck ging durch Christianes Körper, die Mundwinkel zogen sich nach unten, ihr Gesicht wurde wieder härter. Anona stand schnell auf und ging in die Ecke des Zimmers. Christiane schnaubte. „Tsss. Lang hält sie es ja nicht bei mir aus.“ „Übe.“ Sagte Charlotte sanft. „Übe dein Herz zu öffnen und Anona wird es nicht nur bei dir aushalten, sondern wird dich lieben.“ Erst später merkte Charlotte, dass sie automatisch zum du übergewechselt war. Bei dem Wort „lieben“ schaute Christiane auf, verwirrt und erstaunt suchte sie in Charlottes Augen nach Antworten. Ihr Blick war so suchend, ratlos, als wäre dieses Wort ihr unbekannt. Charlotte lächelte und stand auf. „Ich gehe jetzt. Bleib einfach sitzen, ich finde alleine hinaus.“ Als Charlotte sich bevor sie hinaustrat noch einmal umdrehte, saß Christiane bewegungslos auf dem Ottomane und schaute versunken hinaus in den Park zu der alten Eiche. Anona stand etwas abseits und schaute fragend von Christiane zu ihr hin.

 

 

Samhain (31. Oktober)

Hexenneujahr – Gedenken an die AhnInnen

 

Vergänglichkeit…wir gehen in die dunkle Zeit…...wir gedenken der Toten……wir schauen tief in uns hinein, tief in die Erde…

 

Wenn wir die Angst vor dem Tod nicht verlieren, können wir das Leben nicht genießen - so wird es uns gesagt. Ja mehr als das, wenn wir die Angst vor dem Tod nicht verlieren, verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens damit, vor Alter, Krankheit und Tod davon zulaufen und kommen gar nicht dazu, unser eigentliches Leben, das Leben für das wir bestimmt sind, zu leben. Im Buddhismus wird uns empfohlen, jeden Tag mindestens einmal über den Tod zu kontemplieren. Ohne dies, sei es ein verlorener Tag, an dem wir gefangen in unseren Illusionen sind, denn nur vom Standpunkt des Todes aus können wir erkennen, wie relativ die vermeintliche Wirklichkeit um uns herum ist. Und diese Erkenntnis ist das Tor zu Freiheit, frei von Festlegung und engem Geist.

Samhain- die Grenze zwischen den Welten ist dünn, so dünn wie sonst nur an Beltane. Wir können den Kontakt zu unseren AhnInnen aufnehmen, und über diesen Kontakt wird es uns vielleicht leichter, ein klein wenig Verständnis für dieses unfassbare Geschehen, den Tod, zu bekommen. Indem wir die Anwesenheit unserer AhnInnen spüren, können wir ein wenig von unserer Angst verlieren. Und auch wenn die Göttin vielleicht nie unsere Fragen beantwortet, warum wir leiden, warum wir krank werden, warum wir altern müssen, warum wir sterben, vielleicht können wir ein Verstehen entwickeln, jenseits aller Worte und Gedanken. Das Spüren der AhnInnen, derer die vor uns gelitten, gelebt, geliebt haben, mag unser Bewusstsein vom ewigen Leben erwecken, mag uns Sicherheit geben, dass dieses Leben nicht umsonst, nicht ziellos ist.

Vorschlag für ein Ritual an Samhain: Der beste Platz für Samhain ist eine Höhle. Mit Einbruch der Dunkelheit machen wir uns auf den Weg. Wenn wir trittsicher genug sind, gehen wir ohne Licht, vorsichtig, langsam, vielleicht tastend durch die Dunkelheit. In der Höhle sitzen wir schweigend, spüren die Erde um uns herum. Die Himmelsrichtung dieses Festes ist der Norden, das Element des Nordens die Erde und das Gestein, das uns umgibt. Wenn wir still geworden sind, nehmen wir Kontakt zu unseren AhnInnen auf. Wir denken an sie, ehren sie. Wir gedenken der Verluste dieses Jahres, der Krankheiten, Schmerzen, Enttäuschungen, Verluste geliebter Menschen, geliebter Tiere. Wo mögen sie jetzt sein? Können wir sie neben uns spüren? Wenn wir mögen, teilen wir unser Leid mit denen, die mit uns in der Höhle sind. Dabei ist es wichtig, achtsam zu erzählen und genauso achtsam und mit Mitgefühl und offenem Herzen zu zuhören. Wenn wir es schaffen, unsere Trauer, unseren Schmerz zu teilen, kann dies schon sehr viel Trost und Heilung bringen. Wenn alle, die sprechen mögen, gesprochen haben, zünden wir unsere mitgebrachten Kerzen an. Dann bringen wir unsere Gaben im Norden der Höhle für die AhnInnen dar. Wir verlassen die Höhle schweigend.

Und wie immer feiern wir nach dem Ritual mit einem Festschmaus aus mitgebrachten Speisen. Wenn wir für das Festmahl draußen bleiben, zünden wir uns ein wärmendes Feuer an.

Einordnung des Festes im Jahreskreis: Zum Herbstanfang haben wir uns für die Ernte und die Fülle des Jahres bedankt. Mit Samhain gehen wir in die dunkle Jahreszeit. Der Herbst neigt sich dem Ende entgegen, die Tage sind kurz, kalt, oft sehr nass. Es wird Zeit, die Aktivitäten nach innen zu verlegen, Zeit innerlich zur Ruhe zu kommen. In dieser dunklen Zeit, die vor uns liegt, sollen wir uns bewusst mit der Dunkelheit beschäftigen, innere Einkehr halten, unseren Ängsten begegnen, damit wir dann gereinigt und gerüstet sind, um zur Wintersonnenwende das Licht für das neue Jahr zu entzünden.

 

Die nächsten Tage waren friedlich für Charlotte, angefüllt mit einer ruhigen Freude. Dankbar dachte sie an die Begegnung mit Christiane zurück und dass ein wenig Heilung geschehen war. Und sie hatte große Freude an Cleo. Es war einfach wunderschön, wenn sich abends die Katze eng an sie kuschelte, oder morgens, nachdem der Wecker klingelte, ihr vorsichtig mit der Tatze über das Gesicht strich, als wollte sie sie auf sanfte Art noch einmal wecken. Oft wenn sich die Katze an sie schmiegte, ging ihr das Herz auf und schon dadurch geschah ein wenig Heilung. Zudem hatte Charlotte das Gefühl, dass Cleo sich sehr gezielt auf verspannte Körperstellen legte, wo der Energiefluss blockiert war oder irgendetwas klemmte. Und es war ganz deutlich nicht nur die angenehme Körperwärme der Katze sondern heilende Energie, die da zu fließen begann.

Während dieser Zeit arbeitete Charlotte an einigen anstrengenden Projekten, unter anderem hatte sie die Ankündigung für die Seminarreihe mit dem Thema „Ursprung und Funktion von sexuellem Missbrauch in unserer Gesellschaft“ bei Synergia veröffentlicht. Schon der Ausschreibungstext hatte zum Teil heftige Diskussion ausgelöst. Der Vorstand, der seinen Konzern als progressiv und richtungsweisend in der Gesellschaft sah, würde geschlossen teilnehmen und hatte sich ohne Ausnahme angemeldet.