Dope - Crisalis . - E-Book

Dope E-Book

Crisalis .

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Beschreibung

Die siebenjährige, hochsensible Ira scheint nicht nur übersinnliche Fähigkeiten zu haben, sondern auch mystische Erlebnisse magisch anzuziehen. Bis ihre Mutter Susan, eine Neurologin und Hard-core Naturwissenschaftlerin, ihr aus Angst vor diesen scheinbar unkontrollierbaren Kräften Ritalin gibt. Ira verliert ihre Fähigkeiten und ordnet sich in die als Norm geltenden Strukturen perfekt ein – bis sie mitten in Hamburg auf eine weise Frau trifft, die ihr hilft, den Ritalinentzug durchzustehen und zu ihrem wahren Selbst zurückzufinden.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dope

Band 1 der Trilogie Mystische Realität

Crisalis

Impressum

Texte:   © Copyright by Crisalis

Kindheit

„Schau mal, Mama, schau mal: ohne anfassen.“

Iras schwarze Locken kräuselten sich um ihre vor Aufregung leuchtenden Wangen und ihre Augen glänzten. Susan drehte sich müde um:

„Ohne anZUfassen.“

„Aber schau doch mal, schau doch mal!“

Ira war so aufgeregt, dass sie nicht bemerkte, wie die Irritation ihrer Mutter wuchs. Mit ihren 6 Jahren hatte sie normalerweise ein sehr gutes Gespür für die Gemütsregungen ihrer Mutter und wusste geschickt auszuweichen, wenn es nötig war. Doch jetzt erfüllte sie das Gefühl, dass etwas ganz besonderes geschah, mit einer solchen Freude, dass sie nichts anderes wahrnahm. Nachdem sie gestern mit dem grossen Bruder ihrer Freundin Sarah die zweite Folge von Harry Potter angeschaut hatte, hatte sie am heutigen Samstag stundenlang versucht, den kleinen Rosenquarz, den ihr Sarah geschenkt hatte, durch die Luft fliegen zu lassen. Zu ihrer grossen Enttäuschung war ihr das nicht gelungen. Doch nachdem sie stundenlang probiert hatte, hatte sie irgendwann ihre gesamte kindliche Ungeduld voller Zorn auf den Stein projiziert, der sich daraufhin tatsächlich mit einem Ruck von ihr wegbewegte.

Mit Eifer konzentrierte sie sich nun. Ohne zu verstehen was sie tat, bündelte sie alle ihre Energie und richtete sie auf den Stein. Der kleine Rosenquarz machte einen Satz, schoss durch das Zimmer und landete direkt vor den Füssen ihrer Mutter. Ira schaute mit strahlenden Augen auf:

„Harry Potter kann ihn sogar fliegen lassen!“

Die Irritation in der Stimme ihrer Mutter war nun nicht mehr zu überhören:

„Lass den Blödsinn, Ira. Niemand kann Steine fliegen lassen. Und wo zum Teufel hast du Harry Potter geschaut?“

„Aber wenn ich Steine bewegen kann, kann Harry Potter ganz bestimmt Steine fliegen lassen. Vielleicht kann ich das ja auch, ich muss nur noch etwas üben.“

Aus Iras Stimme war die unendliche Bewunderung für Harry Potter herauszuhören, was Susan eigenartigerweise besänftigte. Wenn ihre Tochter so wie alle Kinder für Harry Potter schwärmte, dann war sie vielleicht doch relativ normal. Mit bemüht ruhiger Stimme beugte sie sich zu ihr hinunter:

„Ira, erstens kannst du keine Steine bewegen, ohne sie anzufassen. Und zweitens hast du meine Frage nicht beantwortet: wo und wann hast du Harry Potter gesehen?“

Ira schüttelte ungeduldig den Kopf:

„Na bei Hermann, Sarahs Bruder, nachmittags nach der Schule.“

Dann stampfte sie trotzig mit dem Fuss auf:

„Aber du hast doch gesehen, dass der Steine sich bewegt hat.“

Susan lächelte jetzt etwas verkrampft:

„Aber Ira, dann hast du den Stein angestossen.“

Ira spürte wie unkontrollierbarer Zorn in ihr aufstieg, wie immer, wenn die Erwachsenen ihr nicht glaubten oder etwas Unwahres sagten. Sie kannte das Gefühl gut und hatte auch schon bemerkt, dass ihre Mutter sich davor fürchtete. Normalerweise versuchte sie daher, es zu verbergen. Heute jedoch vergass Ira jegliche Vorsicht in der Aufregung darüber, dass sie den Stein vor ihr wirklich bewegen konnte. Sie drehte sich schnell von ihrer Mutter weg. Da ihr so schnell nichts anderes einfiel, lenkte sie ihren Zorn auf den Stein. Der machte daraufhin einen kleinen Satz und schoss wieder ein paar Meter durch den Raum. Er blieb direkt vor Richards Füssen liegen, der die Treppe heruntergekommen war und in der Tür stand.

Nach diesem Erfolg war Iras Zorn sogleich verflogen. Sie juchzte auf, rannte aufgeregt hinter dem Stein her, blieb vor Richard stehen und jubelte:

„Er ist geflogen, er ist geflogen.“

Sie schaute vertrauensvoll zu Richard auf und sagte mit tiefem Ernst:

„Wenn ich gross bin, möchte ich gerne Harry Potter heiraten. Meinst du das geht?“

Richard unterdrückte ein Lächeln, ging in die Knie, legte Ira eine Hand auf den Kopf und sagte:

„Das weiss ich nicht, wir wissen ja nicht, ob Harry das auch will.“

Ira nickte ernsthaft und antwortete:

„Wenn ich ganz viel übe, dann will er vielleicht?“

Richard nahm Ira in die Arme und zwinkerte Susan zu. Doch Susan zog nur scharf die Luft ein und sagte:

„Nichts wirst du!“

„Schhh….“ Machte Richard beruhigend. „Das ist doch alles nur Spiel, lass sie doch.“

Doch Susan machte eine hilflose Handbewegung in Richtung des Steins und sagte:

„Ich weiss nicht, ob man das Spiel nennen kann.“

Richard runzelte die Augenbrauen:

„Aber du glaubst doch nicht im Ernst…?“

Susan schaute ihn mit grossen verunsicherten Augen an. Die Hilflosigkeit in ihrem Blick liess Richard erstaunt aufmerken und er sagte verdattert:

„Aber Susan….?“

Susans Gedanken rasten. Das Bild der dreijährigen Ira, die sich voller Wut laut schreiend auf den Gehweg warf und zornig mit den Beinen strampelte, weil sie beim Einkaufen nicht die Haribo-Tüte einpacken durfte, stand vor ihren Augen. Susan hatte Ira zunächst ignoriert und in Ruhe die Einkäufe in das Auto gepackt. Als Ira sich allerdings hartnäckig weigerte einzusteigen, war Susan ungeduldig geworden. Sie beugte sich zur der noch immer laut schreienden Ira hinunter und packte sie am Arm. Ira drehte sich zu ihrer Mutter und schleuderte ihr ihren Zorn entgegen. Susan liess erschrocken die Autoschlüssel fallen, die direkt im Gully verschwanden. Erstaunlicherweise war Iras Zorn sofort völlig verschwunden. Susan, die einen heftigen Schlag auf der Hand verspürt hatte, den sie sich nicht erklären konnte, war so erschrocken, dass sie vor Schreck anfing zu weinen. Erinnerungen an ihre Mutter waren siedend heiss in ihr hoch geschossen. Ein kräftiger, durchtrainierter Jogger war besorgt neben ihnen stehen geblieben. Susan hatte sich schnell gefasst und erklärte ihm, dass sie einen langen, anstrengenden Tag gehabt hätte und ihr nun auch noch der Autoschlüssel dort in den Gully gefallen sei. Der Jogger lachte verständnisvoll:

„Aber das ist doch nicht schlimm. Das ist mir auch schon mal passiert. Das haben wir gleich.“ Mit einem entschlossen Griff, hob er den Gully-Deckel an und konnte tatsächlich den Autoschlüssel bergen.

Als Susan jetzt an diese Szene zurückdachte, spürte sie, wie sich ihr Magen nervös zusammenzog. Doch Richards Erstaunen und seine völlige Ruhe und Sicherheit beruhigten sie. Sie stiess hörbar die Luft aus, die sie die ganze Zeit angehalten hatte und konnte nun endlich entspannt lächeln:

„Nein, ich…. Ich weiss auch nicht, was ich plötzlich gedacht habe. Ira schafft es immer wieder mich völlig aus ….“

Sie stoppte, denn ihr wurde bewusst, dass Ira ja immer noch da war, auch wenn sie, so tief in Richards Arme gekuschelt, kaum zu sehen war.

Richard lächelte sie verständnisvoll an:

„Das war wohl ein Gruss von deiner Mutter.“

Susan lachte nun leicht auf, wobei das Lachen etwas bitter klang. Richard stand auf, wuschelte Ira noch einmal abschliessend durch die Haare, ging zu Susan, nahm sie in den Arm, streichelte ihr beruhigend über den Rücken und murmelte leise in ihr Ohr:

„Es ist alles gut, kein Grund zur Sorge. Ira ist ein ganz normales, gesundes, verspieltes, verträumtes, temperamentvolles Kind.“

Dann wandte er sich um und sagte laut:

„So und jetzt kommt ihr Beiden hoffentlich zum Essen, sonst wird der Risotto endgültig kalt.“

Das Abendessen verlief harmonisch. Susan war dank Richards Anwesenheit entspannt und Ira hatte intuitiv erkannt, dass sie für heute am besten nicht mehr Susans Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie verhielt sich still und dachte an den Fuchs. An den Fuchs zu denken war ein Spiel, das sie seit einiger Zeit mit sich selber spielte, seit sie im Kinderprogramm eine Sendung über einheimische Wildtiere gesehen hatte. Darin war ein Fuchs gezeigt worden, der sich im frühmorgendlichen Nebel so perfekt in die Landschaft einpasste, dass er praktisch nicht zu sehen war. Sie hatte hinterher sowohl Susan, wie Richard und sogar noch ihre Lehrerin gefragt, wie es denn sein konnte, dass ein Fuchs mit seinem leuchtend roten Fell fast unsichtbar war. Susan und die Lehrerin hatten kein Verständnis für ihre Frage gehabt und gesagt, wenn es nicht dunkel oder sehr neblig sei, dann könne man einen Fuchs immer sehen. Richard hatte sich die Mühe gemacht, die Sendung noch einmal abzurufen und sie hatten sie beide gemeinsam angeschaut. Richard hatte die Sendung sogar für Ira auf DVD gebrannt. Aber auch Richard hatte nicht wirklich verstanden und gesagt, dass man den Fuchs einfach wegen des Nebels nicht wirklich sehen könne. Ira hatte sich einmal mehr über die Dummheit und das Unverständnis der Erwachsenen gewundert. Die verstanden wirklich die einfachsten und offensichtlichsten Dinge nicht. Es war doch ganz klar, dass das Reh ganz deutlich zu sehen war, während der Fuchs so gut wie nicht zu erkennen war. Man musste ganz genau und bewusst hinschauen, sonst sah man ihn nicht. Und Ira spürte instinktiv, dass sie ihn nur sah, weil die Kamera ihn aufgenommen hatte. Wenn sie in Wirklichkeit dort am Waldrand gewesen wäre, hätte sie den Fuchs sicher nicht gesehen. Warum sie ihn auf dem Film sehen konnte, in Wirklichkeit aber nicht, wusste Ira nicht zu sagen. Aber sie spürte, dass das so war.

Sie war später noch einmal ins Wohnzimmer geschlichen, um sich wieder und wieder den Fuchs anzusehen. Und in den nächsten Tagen hatte sie mehrere Male sehr intensiv an den Fuchs gedacht, oder eigentlich war es nicht ein an-den-Fuchs-denken, sondern eher ein sich-in-die-Situation-hineinfühlen. Sie hatte überlegt, wie sich das Reh fühlt und dann, wie sich der Fuchs fühlt und dabei merkte sie, wie sie  plötzlich rundum warm und weich wurde. Sie liebte dieses Gefühl und seitdem spielte sie oft das Spiel, das sie nun „wie-der-Fuchs-fühlen“ nannte. Einmal, als sie in der Pause auf dem Schulhof sass und wieder das Spiel spielte, lief ihre Freundin Sarah direkt an ihr vorbei, ohne sie zu sehen. Ira erinnerte sich an das kribbelnde Gefühl der Aufregung, dass in ihr hochgestiegen war, als sie merkte, dass Sarah sie nicht sah. Doch in dem Moment, wo sich das weiche und warme Gefühl auflöste und die Aufregung sie mit Unruhe durchflutete, hatte Sarah, die schon fast an ihr vorbei war, sie aus dem Augenwinkel entdeckt und zuckte erschrocken zusammen.

„Wo kommst du denn her?“

„Was denn? Ich habe die ganze Zeit hier gesessen!“

Sarah hatte sie einen Moment argwöhnisch angeschaut und dann erleichtert gelacht:

„Ich hab dich gar nicht gesehen! Gehst du mit mir zum Pausenraum?“

Eigentlich wäre Ira lieber sitzen geblieben und hätte noch ein wenig das Fuchs-Spiel gespielt, aber sie ging mit Sarah mit. Doch sie wusste, es war etwas Wichtiges passiert und jetzt spielte sie das Spiel oft, wenn sie alleine war. Sie lernte sehr schnell das Fuchsgefühl aufzurufen und auch wieder wegzuschicken und irgendwann fing sie an, es einzusetzen, wenn sie nicht gesehen werden wollte. Am Anfang machte es ihr fast Angst, wie gut es funktionierte. Sie konnte alle ihre Klassenkameraden, ihre LehrerInnen und sogar Richard täuschen. Nur mit Susan funktionierte es nicht. Zumindest nicht so gut. War Susan abgelenkt oder mit anderen Sachen beschäftigt, dann übersah auch sie Ira, wenn sie still in der Ecke sass und wie der Fuchs fühlte. Aber wenn Susan sie gezielt suchte, dann funktionierte es nicht.

„Ira! Ira, du träumst doch schon wieder.“

Ira zuckte zusammen und schaute auf. Susan und Richard hatten aufgehört, sich zu unterhalten. Beide hatten schon aufgegessen, während Iras Teller noch fast voll war.

„Hast du keinen Hunger oder schmeckt dir der Risotto nicht?“ fragte Richard.

Ira merkte wie ihr Magen knurrte und begann eilig zu essen.

„Schmeckt gut!“ sagte sie höflich.

Richard grinste:

„Na, so einfach kannst du uns nicht einlullen.“

„Wirklich, Ira, wovon hast du denn schon wieder geträumt.“

Ira überlegte blitzschnell, aber sie wusste genau, im Gegensatz zu Richard, der sich sehr leicht täuschen liess, konnte sie Susan nicht anlügen. Ihre Mutter spürte immer sofort, wenn sie nicht die Wahrheit sagte.

„Ich habe nur an den Fuchsfilm gedacht“, nuschelte sie mit vollem Mund.

Susan machte eine ungeduldige Bewegung, doch Richard legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm und sagte bestimmt zu Ira:

„Dann iss jetzt mal. Und wenn du möchtest können wir den Film nochmal zusammen anschauen, bevor du ins Bett gehst.“

„Ja“, stimmte Susan versöhnlich zu, „dann räume ich die Küche auf, Richard hat ja schliesslich gekocht.“

Ira sagte lieber nicht, dass sie den Film schon zehnmal gesehen hatte, sondern nickte glücklich. Es würde sicher schön, sich mit Richard auf das grosse Sofa zu kuscheln und den Film noch einmal anzuschauen. Und vielleicht käme ja sogar noch Susan dazu und es würde einer dieser seltenen Momente, wo auch Susan ganz entspannt mit ihnen kuschelte.

Am Sonntag war wunderschönes Wetter. Die Sonne funkelte durch das bunte Herbstlaub und die Familie beschloss, nach dem Frühstück einen Spaziergang durch den Klövensteen und das Naturschutzgebiet Schnakenmoor zu machen. Ira liebte diese gemeinsamen Spaziergänge. Schon wenn sie aus ihrem Haus am Sandmoorweg traten, lief sie begeistert die Strasse auf und ab, bis ihre Eltern endlich mit ihr auf einer Höhe waren. Sie schritten zügig los, Ira lief voraus oder trödelte hinterher. Als sie den Wald erreichten, schlurfte Ira mit den Füssen durch das raschelnde Laub oder warf Bündel von trockenen Blättern über Richard, der das Spiel lachend aufnahm und Ira seinerseits durch den Wald jagte und mit Laub überschüttete. So traten sie völlig ausser Atem auf der anderen Seite des Schnakenmoors aus dem Wald und standen vor dem bekannten Gestüt Erlengrund. Die Sonne, die herbstliche Färbung, die Stille der Lichtung liess die Stadt kilometerweit entfernt erscheinen. In diesem Moment trat ein grosses, schwarzes Pferd aus der offenen Tür eines Laufstalles. Sein Fell spiegelte und glänzte in der Sonne und als es jetzt mit erhobenem Kopf über die Koppel schritt, sahen sie die Muskeln unter dem Fell spielen. Sie blieben alle drei berührt von der Schönheit des Momentes stehen. Ira schien es, als sei sie zu tiefst in ihrem Inneren getroffen. Einen Moment vergass sie alles um sich herum und ging wie hypnotisiert auf das Pferd zu. Das wunderschöne Geschöpf hatte sich nun zu ihr gedreht und ging ebenfalls auf sie zu. Ira überlegte nicht lange, stieg durch den Zaun und stand kurze Zeit später völlig versunken vor dem Pferd. Sie spürte kurz eine Aufregung hinter sich, vermutlich waren das Susan und Richard, die sie aufhalten wollten, aber sie schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Sie sah jetzt nur die grossen, dunkel glänzenden Augen, die immer näher kamen, als sich der grosse Pferdekopf langsam und vorsichtig über sie beugte. Sie sah die weichen Nüstern, die sie aus einem Impuls heraus ganz vorsichtig anpustete. Das Pferd antwortete, indem es sie seinerseits mit einem leichten Ausatmen anpustete. Dann standen sie versunken nebeneinander, das Pferd den Kopf tief gesenkt, Ira wie in tiefer Trance, in weicher Weite schwebend. Sie empfand das Pferd wie eine grosse, warme, licht-schwarze energetische Insel in dieser sonst oft so kalten, ungeduldigen, begrenzten Welt.

Plötzlich ging ein Schlag durch Ira hindurch, das Pferd riss den Kopf hoch, wirbelte ohne Ira auch nur zu berühren herum und stob im Galopp mit aufgestelltem Schweif davon. Ira hörte die aufgebrachten Rufe eines Mannes hinter sich und als sie sich umdrehte, sah sie sowohl ihre Eltern wie einen fremden Mann auf sich zu rennen. Sie spürte den starken Impuls zu flüchten, weg von diesen Erwachsenen einfach dem schwarzen Pferd folgen. Doch von dem plötzlichen Herausgerissen sein aus der anderen Welt wurde ihr schwindlig. Sie stolperte und fiel hin.

„Ira, Ira, hat er dich getroffen?“

Susans Stimme war besorgt und ärgerlich zu gleich. Dann fühlte sie sich hochgehoben und kuschelte sich erleichtert in Richards Arme.

„Mensch, Ira, haben wir einen Schreck bekommen. Zum Glück ist nichts passiert.“

Ira hob den Kopf und sagte staunend zu Richard:

„Hast du ihn gesehen? Hast du das Pferd gesehen?“

Richard musste gegen seinen Willen lachen:

„Ja natürlich habe ich ihn gesehen. Er war ja nicht zu übersehen. Und du übrigens auch nicht, wie du so einfach auf die fremde Koppel marschiert bist.“

Ira ignorierte den Vorwurf in der Stimme und sagte träumerisch:

„Das ist das schönste Pferd, das ich je gesehen habe. Ich wusste gar nicht, dass es so schöne Pferde gibt.“

Sie drehte den Kopf und suchte die Koppel mit den Augen ab.

„Gehen wir ihn nächste Woche wieder besuchen?“

Jetzt hörte sie ein überraschtes Schnauben und drehte sich um. Vor ihr und Richard stand ein mittelgrosser Mann in Reitkleidung. Sein Gesicht hatte viele Lachfalten, jetzt schaute er allerdings sehr verärgert als er sagte:

„Also das ist doch die Höhe. Marschiert die Göre einfach zu einem ihr völlig fremden Hengst auf die Koppel, wäre um ein Haar platt gemacht worden und fragt dann noch, ob sie nächste Woche wieder kommen darf.“

Einen Moment sah er Ira durchdringend an. Dann sagte er:

„Eigentlich sollte ich dir jetzt den Hintern versohlen. Und wenn ich nicht gesehen hätte, wie der Hengst dich begrüsst hat, würde ich das auch machen.“

Dann drehte er sich zu Susan und Richard und streckte die Hand aus und sagte:

„Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Fischbeck.“ Susan und Richard stellten sich ebenfalls vor und dann sagte Susan:

 „Sie haben natürlich völlig Recht, dass Ira nicht einfach auf fremde Koppeln gehen darf, schon gar nicht, wenn dort Pferde stehen. Aber ich muss doch protestieren, dass Sie ….“

Fischbeck drehte sich zu Susan um und grinste:

„Ja, ja, ich weiss schon, Prügelstrafe ist heute nicht mehr angebracht. Trotzdem… Einem Mädel, das einfach zu fremden Pferden auf die Koppel marschiert, gehört einfach mal der Hosenboden versohlt.“

Er knurrte und drehte sich wieder zu Ira, sah sie streng an und sagte:

„Versprich mir, dass du nie, aber auch wirklich nie wieder, ohne meine Erlaubnis zu diesem Pferd auf die Koppel gehst…“

Ira zögerte. Sie sah sehnsüchtig zu dem Hengst.

Fischbeck packte sie fest und fordernd an der Schulter und sagte eindringlich:

„Du versprichst das jetzt sofort, sonst werde ich jedes Mal, wenn du dich diesem Hof nur näherst, die Polizei rufen.“

Jetzt nickte Ira widerwillig.

„Gut,“ nickte Fischbeck, „da wir das geklärt haben, würde ich vorschlagen, diese junge Dame reiten lernen zu lassen. Was ich eben gesehen habe, ist so absolut ungewöhnlich für dieses Pferd, dass ich vermute, sie hat eine ganz besondere Gabe mit Pferden zu kommunizieren.“

Richard schnappte erstaunt nach Luft, Susan stöhnte auf und Ira befreite sich begeistert zappelnd aus Richards Armen. Sie packte Fischbeck am Arm und sprang aufgeregt vor ihm auf und ab.

„Oh ja, darf ich ihn reiten, darf ich ihn reiten?“

Fischbeck schüttelte lachend den Kopf:

„Nein, natürlich darfst du nicht Tasso reiten. Das ist kein Anfängerpferd. Ausserdem ist er gerade erst mal drei Jahre alt und wird gerade erst angeritten. Zudem hat dieses Pferd ein solches Temperament, dass es nicht nur für Anfänger lebensgefährlich ist.“

Er schüttelte immer noch lachend den Kopf, als er sagte:

„Du kannst von Glück sagen, dass du noch lebst, dieses Pferd ist absolut unberechenbar. Aber du darfst auf meiner Stute Maggie das Reiten lernen. Und lass dir das gesagt sein: das habe ich noch niemandem angeboten. Also verhalte dich entsprechend und sei dir der Ehre bewusst.“

Nach einer kurzen Diskussion willigten Susan und Richard schnell ein, dass Ira von nun an ein- bis zweimal die Woche zum Reitunterricht kommen sollte. Da Fischbeck normalerweise keinen Reitunterricht gab, sollte Ira sich im Anschluss an die Reitstunden um seine zwei alten Gnadenbrotpferde kümmern, für die Fischbeck nur sehr wenig Zeit hatte.

Ira war restlos begeistert. Auf dem Nachhauseweg sprang sie voller Begeisterung um Susan und Richard herum und erzählte in einem Fort von den Pferden, und was Fischbeck gesagt hatte und dass sie jetzt reiten lernen würde, und, und, und… Susan und Richard waren schweigsam, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Richard war absolut verwundert, was da eben passiert war und ihm wurde wieder bewusst, was für ein ungewöhnliches Kind Ira war. Susan dagegen kämpfte wieder mit der alten Angst. Sie sah das grosse Pferd sich über Ira beugen und sie schrieb es ihrer Panik zu, dass sie meinte gesehen zu haben, wie Ira und dieser schwarze Hengst eins wurden. Einen Moment hatte sie gedacht, der Hengst habe Ira einfach überrannt, weil sie Ira nicht mehr sehen, nicht mehr von ihm unterscheiden konnte. Aber natürlich war ihr jetzt klar, dass ihre Panik, der Schock und die tiefstehende, blendende Sonne sie getäuscht hatten. Sie schüttelte sich, um die wieder aufkeimende Angst los zu werden. Als sie für einen Moment die Augen schloss, sah sie das lachende Gesicht ihrer Mutter vor sich. Susan schwankte und griff hilfesuchend nach Richard. Der legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern, drückte sie fest und beschützend an sich und murmelte ihr lächelnd ins Ohr: „Keine Angst, das war nichts Magisches. Wir haben einfach eine ganz besondere Tochter.“

In den nächsten Wochen vertiefte Ira das „wie-der-Fuchs-fühlen“-Spiel und es gelang ihr immer besser. Wieder und wieder versuchte sie, Susan zu täuschen, doch meist schaffte sie es nicht. Eines Abends als Susan spät nach Hause kam und Ira schon längst im Bett hätte sein sollen, kuschelte sich Ira schnell in die Sofaecke und vertiefte sich voller Konzentration in das Fuchsgefühl. Susan ging auch tatsächlich an der offenen Türe vorbei und nahm Ira nicht wahr. Sie ging in die Küche, kam dann aber in das Wohnzimmer, in der Hand die kostbare Rosenthal Vase, die sie zurück in den Schrank stellen wollte. Plötzlich zuckte sie zusammen und wandte sich zu Ira.

„Aber Ira, was versteckst du dich denn hier, du solltest doch seit einer Stunde im Bett sein! Ich hatte dich doch, bevor ich ging, extra gebeten, ins Bett zu gehen.“

Ira murmelte als Antwort etwas Unverständliches, worauf ihre Mutter mit zwei schnellen Schritten zu ihr hintrat, sie mit der einen Hand am Arm packte und vom Sofa hochzog, während sie sie gleichzeitig scharf anwies, sofort, aber auch wirklich sofort, ins Bett zu gehen. Die Vase hielt Susan jetzt nur noch mit einer Hand. Ira, die sich tiefversunken konzentriert hatte, spürte wie der Zorn in ihr wie eine heisse Flamme hochschoss. Sie war plötzlich nichts anderes als Zorn, ihr ganzer Körper war dieses Gefühl. Um davon nicht überwältigt zu werden, versuchte sie instinktiv, es aus ihrem Körper herauszuschleudern. Da ihre Mutter gleichzeitig an ihrem Arm zog, drehte sie ich zu ihrer Mutter um und schleuderte ihr ihren Zorn entgegen. Später würde Susan erzählen, dass sie die Vase habe fallen lassen, weil sie Ira ausweichen wollte. Und irgendwann würde sie auch glauben, dass es so geschehen war. Aber Ira sah noch ganz genau vor sich, wie ihre Mutter nach einem lauten Knall den Hals der Vase immer noch fest in der Hand hatte, während der untere Teil des feinen Porzellans in Stücke zersprungen war.

Einen Moment war die Zeit stehen geblieben. Ihre Mutter stand mit offenem Mund und starrte Ira entsetzt an. Ira selber war sehr erschrocken. Mit einem kleinen Wimmern ging sie in die Knie und begann eilig, aber sehr sorgsam, alle Scherben aufzusammeln. Und als ihre Mutter sich weiterhin nicht rührte, legte Ira die eingesammelten Scherben vorsichtig auf den Wohnzimmertisch und floh in ihr Zimmer.

Ira ging gerne zur Schule. Es fiel ihr leicht, dem Unterricht zu folgen und nachdem sie auch noch gelernt hatte, sich in einigen Situationen unsichtbar zu machen oder zumindest nicht weiter aufzufallen, fühlte sie oft ein Gefühl der Leichtigkeit und Freude in der Schule, dass sie von zu Hause nicht kannte. Nach der Schule trödelte sie manches Mal herum oder ging Umwege nach Hause. Ihr Lieblingsweg führte von der Schule in der Brunhildstrasse durch den angrenzenden Klövensteen, auch wenn sie anfangs immer etwas Angst hatte durch den Wald zu gehen. Susan hatte sie gebeten, auf keinen Fall alleine durch den Klövensteen zu gehen, lieber würde sie sie abholen, wenn Ira der Weg um den Wald herum zu weit war. Aber Susan war nie zu Hause, wenn Ira mittags heimkam, und bis abends dachte Susan nicht mehr daran und fragte nie, welchen Heimweg Ira genommen hatte. In der ersten und zweiten Klasse traute Ira sich nur durch den Wald zu gehen, wenn mindestens Sarah oder am besten noch andere Freundinnen mitkamen. Doch als sie in der dritten Klasse waren, zog Sarahs Familie um und seitdem wurde Sarah immer von ihrer Mutter abgeholt. Andere Klassenkameradinnen fanden es schon bald gar nicht mehr interessant, durch den Wald zu gehen und vor allem wollten sie sich ihre Schuhe nicht dreckig machen. So ging Ira öfters alleine durch den Wald nach Hause. Nachdem sie gelernt hatte, wie der Fuchs zu fühlen, ging sie jeden Tag diesen Weg. Sie ging immer ganz leise durch den Wald und lauschte auf Geräusche. Sobald sie etwas Ungewöhnliches hörte oder sah, konzentrierte sie sich auf das Fuchsgefühl, versteckte sich schnell hinter einem Baum und liess, wer immer da so kam, an sich vorbeigehen. Eines Tages hörte sie neben sich im dichten Gebüsch aus Brennnesseln, Himbeeren und Kletten ein Rascheln. Sie blieb sofort wie angewurzelt stehen und konzentrierte sich. Gerade fühlte sie sich warm, weit und weich an, da purzelten zwei junge Füchse aus dem Gestrüpp. Sie tollten herum, jagten sich und fingen ihre eigenen Schwänze. In Ira stieg eine solche Freude auf, dass sie aufjauchzte. Die Füchse fuhren herum, blieben in der Bewegung erstarrt wie angewurzelt stehen und schauten sie an. Ira sah die grossen dunklen Augen, die gespitzten Ohren, das noch ganz weich aussehende Fell, das noch nicht den wirklichen Rotschimmer hatte sondern eher goldbraun aussah und die schwarze Schwanzspitze. Doch schon hatten die jungen Füchse sich gefangen und waren wie der Blitz verschwunden. Iras Herz klopfte so stark, dass sie sich erst einmal gegen eine der grossen alten Buchen lehnte, bevor sie nach Hause ging.

Zweimal die Woche fuhren entweder Susan oder Anna, ihre Haushaltshilfe, die immer dann da war, wenn Susan und Richard nachmittags arbeiteten, Ira nachmittags zum Gestüt Erlengrund. Zunächst lernte sie Maggie zu putzen, Hufe auszukratzen, zu satteln und zu trensen. Bevor sie reiten durfte, musste sie lernen, sie zu führen, an der Longe in allen drei Gangarten gehen zu lassen und dasselbe auch selbstständig mit den beiden alten Gnadenbrotpferden Urbino und Belladonna zu machen. Urbino und Belladonna waren beide als Dressurpferde im hohen Tuniersport gestartet. Für ihr Alter, 23 und 25 Jahre, waren sie noch erstaunlich temperamentvoll, aktiv und durchaus nicht immer einfach. Das jahrelange Dressurtraining und regelmässige Gymnastizieren hatte sie fit gehalten. Sie forderten Iras ganze Präsenz und Konzentration. Oft genug büchsten sie ihr auf der Koppel aus und galoppierten hoch hinauf zum Waldrand, wenn Ira ihnen gerade das Halfter anziehen wollte. Ira musste dann den ganzen langen Hang hinaufstapfen, nur damit die beiden, sobald sie oben angekommen war, im vollen Galopp an ihr den Hang wieder hinunter preschten. Einmal sah sie Fischbeck, wie er sie lachend vom Stall aus beobachtete, ihr aber nicht zu Hilfe kam. So lernte Ira schnell, alle ihre Fähigkeiten einzusetzen, wenn sie bei den Pferden war. Oft konzentrierte sie sich darauf wie-der-Fuchs-zu-fühlen, wenn sie zu den Pferden auf die Koppel ging und merkte schnell, dass die Pferde dann fast immer stehen blieben. Nach einigen Wochen kamen sie ihr sogar entgegen, zunächst im Schritt, dann bald auch schon mal im Galopp wenn sie sich hinstellte, und wie-der-Fuchs-fühlte.

Es gab feste Regeln und Abläufe am Stall. Wenn sie kam, holte sie Maggie aus der Box oder von der Koppel, putzte und sattelte sie und begann zu longieren bis Fischbeck kam. Die halbstündige Reitstunde verging immer viel zu schnell. Danach kümmerte sich Ira meist noch um Urbino und Belladonna und der Nachmittag verging wie im Flug.

Wenn Ira noch Zeit hatte, bevor ihre Mutter sie abholte, schlich sie sich zu Tassos Box oder seiner Koppel. Sie brauchte ihn meist gar nicht zu rufen, er kam fast immer sofort und stellte sich neben sie. So standen sie beide oft mit halb geschlossenen Augen, völlig versunken, zu einer energetischen Wolke verschmolzen. Ira hielt sich strikt an Fischbecks Regel nicht zu Tasso in die Box oder Koppel zu gehen. Sie war sich zwar völlig sicher, dass Tasso ihr nichts tun würde, aber sie wusste, das war Teil der Abmachung und sie respektierte das. Sie wusste auch, dass Fischbeck Ärger bekommen würde, wenn die Besitzer von Erlengrund oder gar die Eigentümer von Tasso sie mit dem Pferd sehen würden.

Ira sah nicht, wie Fischbeck sie mehrmals nachdenklich beobachtete, wenn sie bei Tasso stand. Ihr fiel auch nicht auf, dass er bewusst Lärm machte, wenn ihre Mutter draussen auf dem Hof vorfuhr, um sie darauf vorzubereiten, dass sie abgeholt wurde. Und sie hörte nicht, wie Fischbeck intensiv mit ihrer Mutter sprach, als sie die Reitstunden bezahlte und wie er ihr erzählte, wie ungewöhnlich begabt Ira im Umgang mit Pferden sei. Seine alten Pferde seien nicht einfach und es sei absolut erstaunlich, dass Ira, so jung wie sie war, schon nach wenigen Wochen alleine mit ihnen umgehen könne.

Manchmal durfte Ira auch am Samstag zum Stall. Dann hatte sie kein festes Programm sondern half Fischbeck Pferde zu putzen, zu satteln, von der Koppel zu holen oder schaute ihm beim Training zu. Sie liebte es, zu zuschauen, wenn er den jetzt vierjährigen Tasso trainierte. Fischbeck war immer mit voller Konzentration beim Pferd und wurde nie grob oder laut. Selbst wenn Tasso in volle Kampfhaltung oder Verweigerung ging, blieb er bestimmt aber geduldig. Ira konnte sehen, wie das Pferd sich im Laufe der Wochen immer mehr unter seinem Reiter entspannte, wie die Bewegungen flüssiger wurden, die Gänge schwebender und es gab Momente da schienen die einfachsten Trabbewegungen ein überirdisch schöner Tanz zu sein. Sehr schnell kamen auch die ersten Turniererfolge. Eigenartiger Weise schien sich Fischbeck gar nicht darüber zu freuen, es schien ihm eher Sorge zu machen. Und wenn Ira ihn in kindlichem Stolz über neue Schleifen und Pokale ausfragen wollte, die im Reiterstübchen standen, war er sehr einsilbig.

Eines Tages gab es an einem Samstag für Ira nicht viel zu tun. Fischbeck war mit Möller, dem Besitzer von Tasso, im Reiterstübchen und hatte ihr keine Aufgaben übertragen. Ira suchte Tasso und fand ihn auf dem Paddock, dessen hinterer Zaun am Geräteschuppen endete. Sie setzte sich mit dem Rücken an die Holzwand des Geräteschuppens gelehnt und schaute Tasso zu, der in der Sonne döste. Tasso hatte sie sofort bemerkt und kam nach einer Weile wie zufällig zu ihr hin geschlendert. Ira legte einen Arm auf den unteren Balken des Holzzauns und Tasso begrüsste sie mit einem leichten Schnauben und stupste sie mit seinen weichen Nüstern ganz sanft am Arm. Ira schloss die Augen und dann versanken sie beide in einer weiten, weichen, grenzenlosen Welt. Ira fühlte die Sonne warm auf ihrem Gesicht, den Atem des Pferdes wie eine hauchzarte Liebkosung an ihrem Arm und tiefer innerer Frieden erfüllte sie. Irgendwann spürte sie plötzlich eine Bewegung. Als sie die Augen öffnete, hatte Tasso den Kopf gehoben und schaute aufmerksam zum Geräteschuppen. Und da hörte sie auch schon die Stimmen von Fischbeck und Möller.

„Na, aber er sieht doch toll aus. Voll im Saft….Höhepunkt seiner Kraft….. Und auf den letzten Turnieren gab es doch überhaupt keine Probleme mehr.“

„Du siehst die Probleme eben nicht.“ entgegnete Fischbeck. „Es gab einige kritische Situationen auf dem Abreiteplatz und auch hinterher wieder hier zu Hause. Es ist einfach zu früh und er ist viel zu jung, ihn in den Wettkampf-Sport zu nehmen. Die nervliche Belastung ist für dieses Pferd zu hoch. Er geht dann voll in Abwehr und Kampfeshaltung.“

„Solange ich die Probleme nicht sehe, sehen die Richter und potentiellen Züchter, die darauf warten, ihre Stuten decken zu lassen, sie auch nicht. Das ist das, was zählt. Er braucht noch ein oder zwei richtig hohe Erfolge. Wir verlieren jedes Jahr Hunderttausende, wenn wir ihn zurückhalten.“

„Und wenn wir ihn überfordern, dann verliert ihr Millionen. Dieses Pferd ist alles oder nichts. Wenn ihr ihn überfordert, verspannt er sich, dann ist seine ganze Faszination dahin.“

„Ach komm schon, Bernd, nun übertreib nicht. Du fasst die Pferde immer mit Samthandschuhen an. Es geht hier um Leistungssport. Und das ist ein ausgewachsener, voll im Saft stehender Hengst. Der braucht doch keine Schonung.“

Die Stimmen entfernten sich und gleichzeitig hörte Ira ein Auto hupen. Das war ihre Mutter, die sie abholen kam. Sie schlich sich hinten um den Weideschuppen herum, damit sie nicht gesehen wurde, ging schnell noch bei Maggie, Urbino und Belladonna vorbei, um ihnen ein Leckerli zu bringen und stieg dann zu ihrer Mutter ein.

„Wo warst du denn? Fischbeck sagte, er hat dich den ganzen Nachmittag nicht gesehen.“

Ira zuckte die Schultern:

„Er hat ja auch die ganze Zeit mit Möller verhandelt, die meiste Zeit waren sie im Reiterstübchen.“

In den nächsten Monaten war Fischbeck nun noch öfter mit Tasso unterwegs. Einige Male wurden Meisterschaften und internationale Turniere im Fernsehen übertragen, an denen die beiden starteten. Ira sass immer wie gebannt vor dem Fernseher und oft setzte sich Richard oder sogar Susan dazu. Tasso begeisterte zunehmend die Zuschauer und offensichtlich auch die Richter. Seine Ausstrahlung, seine schwebenden Gänge, die ganze Performance dieses grossen schwarzen Hengstes schienen den Dressursport auf ein ganz neues Level zu heben. Das Paar sahnte einen Preis nach dem anderen ab. Ira war unglaublich stolz. Leider teilte an ihrer Schule niemand ihre Begeisterung und nicht einmal Sarah verstand, warum Ira so stolz war, Tasso zu kennen.

Auf dem Nachhauseweg von der Schule hoffte Ira jeden Tag den Füchsen wieder zu begegnen. Eines Tages spielten sie unweit des Gestrüpps, wo sie ihr zum ersten Mal begegnet waren. Ira war vorbereitet. Sie blieb stehen und versetzte sich sofort in das Fuchsgefühl. Die jungen Füchse bemerkten sie nicht und tobten ausgelassen umher. Dann kamen sie sogar näher und waren irgendwann zum Greifen nahe. Und nun sah Ira, dass etwas weiter hinten sich noch etwas bewegte. Es hatte dieselbe Grösse wie die jungen Füchse, aber es war weiss. Ira strengte sich an zu erkennen, was das sein könnte und schliesslich sah sie es: der dritte der jungen Füchse war schneeweiss, aber auch er mit schwarzer Schwanzspitze. Vor Überraschung und von der Schönheit des jungen Tieres beeindruckt, hielt Ira die Luft an. Sofort schauten die beiden Fuchswelpen neben ihr auf. Ira nahm alle ihre Konzentration zusammen, um im Fuchsgefühl zu bleiben. Es gelang ihr, doch die Tiere hatten sie wahrgenommen und blieben nun misstrauisch witternd stehen. Der grössere der Beiden kam mit weit vorgestreckter Schnauze noch einen Schritt auf Ira zu und schnüffelte an ihr. Dann sprang er bellend zurück und mit wenigen grossen Sätzen waren beide Tiere verschwunden. Gerade wollte Ira sich enttäuscht umwenden und weitergehen, da sah sie, dass der dritte Welpe, der weisse Fuchs, nicht weggelaufen war. Er sass mit schräg gelegtem Kopf und gespitzten Ohren etwa 10 m von ihr entfernt und schaute sie an. Ira seufzte unwillkürlich und ohne dass sie irgendetwas tat, verstärkte sich das Fuchsgefühl in ihr so, dass sich alle Grenzen ihres Körpers auflösten und sie zu schweben schien. Als das Gefühl so stark war, dass es ihr fast Angst machte, kam der kleine weisse Fuchs auf sie zu, schnüffelte an ihren Schuhen und setzte sich dann still neben sie. In Ira stieg ein solches Glücksgefühl auf, dass sie lächelte und ihr gleichzeitig die Tränen hinunterliefen. Wie lange sie dort sassen, wusste sie später nicht. Irgendwann war der kleine Fuchs aufgestanden und war genauso schnell verschwunden, wie er vorher aufgetaucht war.

Als Ira an diesem Tag nach Hause kam, wartete statt Anna, die ihr eigentlich heute Mittagessen kochen und mit ihr die Schulaufgaben machen sollte, ihre Mutter auf sie.

„Ira, wo kommst du denn jetzt her?“

Ira zögerte.

„Von der Schule.“

„Aber die Schule ist seit anderthalb Stunden zu Ende und du kommst erst jetzt.“

Ira schluckte und sagte dann:

„Ich habe Füchse gesehen!“

„Ira, Du sollst doch nach der Schule nicht irgendwo mitgehen und fernsehen. Das weisst du doch.“

Ira überlegte blitzschnell. Das war eigentlich eine gute Ausrede, vor allem wenn ihre Mutter schon davon überzeugt war, merkte sie nicht, dass es nicht die Wahrheit war. Sie blickte wie schuldbewusst zu Boden. Susan schaute sie skeptisch an, sagte aber nichts.

Am nächsten Morgen fragte Ira beim Frühstück vorsichtshalber ihre Mutter, ob heute Anna käme. Susan warf ihr einen schnellen Blick zu und sagte dann:

„Ja natürlich kommt Anna. Sie musste gestern zum Arzt, heute ist sie wieder da.“

Ira versuchte ihre Erleichterung zu verbergen und ass eifrig ihr Frühstück. Dabei sah sie nicht den nachdenklich forschenden Blick, den ihre Mutter ihr zuwarf.

Den ganzen Vormittag war Ira so zappelig vor Ungeduld, dass sie kaum dem Unterricht folgen konnte. Sie schaffte es auch nicht, sich der Aufmerksamkeit der Lehrer zu entziehen und bekam so mehrere Tadel. Doch das störte sie alles nicht, sie wartete nur darauf, dass endlich die Schule zu Ende sei und sie in den Wald laufen konnte.

Mit dem Ertönen des Schulgongs sprang sie auf, packte ihre Sachen und lief los. Als sie aus dem Schulhof hinauslief und um die Ecke bog, hatte sie kurz ein Störgefühl. Sie registrierte, dass es ein Gefühl war, dass sie eigentlich mit zu Hause verband. Aber sie ignorierte es und rannte weiter. Atemlos kam sie im Wäldchen an. Nun ging sie langsamer, hielt sogar kurz an und liess das Fuchs-Gefühl in sich entstehen. Dank ihrer monatelangen Übung gelang ihr das nun trotz ihrer Aufregung und sie ging langsam und konzentriert auf die kleine Lichtung zu. Kurz davor blieb sie stehen und schloss einen Moment die Augen. Sie wünschte sich so sehr, den kleinen weissen Fuchs zu sehen, dass sie kaum wagte, die Augen zu öffnen. Als sie endlich aufschaute, sass er tatsächlich genau an dem Platz, wo er sie gestern verlassen hatte. Ira war so überwältigt, dass sie in die Knie ging. Intuitiv verstärkte sie das Fuchsgefühl in sich und als sie das Gefühl hatte, sich in völliger, warmer Grenzenlosigkeit aufzulösen, stand der weisse Fuchs auf und kam zu ihr. Vorsichtig schnupperte er wieder an ihr und hob dann ganz langsam eine Pfote und setzte sie auf ihr Bein. Ira blieb regungslos sitzen. Sie fühlte sich so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Nach einer Weile hob sie ganz vorsichtig die Hand und legte sie dem Fuchs auf die Pfote. Dieser legte daraufhin den Kopf schief und es schien fast, als lächelte er sie glücklich an. In diesem Moment spürte Ira eine aufgeregte Bewegung hinter sich. Auch der Fuchs hatte das bemerkt, sprang zurück und verschwand mit grossen Sätzen im Gebüsch. Ira verspürte ein so starkes Gefühl des Verlustes, dass ihr augenblicklich die Tränen in die Augen schossen. Als sie sich umschaute, was den Fuchs vertrieben haben könnte, sah sie ihre Mutter auf sich zu rennen. Ira war so erschrocken, dass sie selber aufsprang und in die Richtung, in die der Fuchs verschwunden war, rannte. Doch sie kam nicht weit. Noch war ihre Mutter deutlich schneller als sie und bis Ira aufgesprungen war und wirklich Tempo aufgenommen hatte, hatte ihre Mutter sie schon eingeholt. Sie packte sie an der Schulter und schrie sie an:

„Bist du verrückt geworden. Was machst du denn da? Weisst du denn nicht, dass Füchse Tollwut haben?“

Ira spürte die Angst und den Zorn ihrer Mutter wie eine Welle über sich herein brechen. Sprachlos starrte sie sie an. Ihre Mutter schüttelte sie:

„Sag doch was. Was machst du denn da. Hat er dich gebissen.“

Ira schüttelte den Kopf.

„Was? Warum schüttelst du den Kopf?“

Endlich fand Ira ihre Sprache wieder:

„Nein, er hat mich nicht gebissen. Und ausserdem hat Frau Stölker gesagt, es gibt bei uns keine Tollwut mehr.“

Ihre Mutter schnaubte verächtlich:

„So, Frau Stölker hat das gesagt. Ist ja interessant, was die alles weiss. Darauf kann man sich nicht verlassen. Wir fahren sofort in die Uni-Klinik nach Eppendorf, dort haben sie immer Tollwut-Impfstoff parat.“

Damit packte sie Ira und liess sie den ganzen Weg bis zum Auto nicht mehr los. Ira wagte nicht zu fragen, wie ihre Mutter überhaupt in den Wald gekommen war oder warum sie Ira gefolgt war. Dunkel erinnerte sie sich an das Störgefühl, dass sie empfunden hatte, als sie den Schulhof verliess. Plötzlich wurde ihr klar, dass ihre Mutter sie da beobachtet hatte. Nächstes Mal würde sie besser aufpassen!

Ihre Mutter verfrachtete sie auf die Rückbank des Autos, sprang vorne auf den Fahrersitz, verriegelte die Kindersicherung und fuhr mit quietschenden Reifen los. Ira verstand nicht, warum ihre Mutter so panisch war, aber sie spürte die Angst und Verzweiflung ihrer Mutter schmerzend in ihrem eigenen Bauch. Sie wollte ihre Mutter beruhigen und beugte sich nach vorne:

„Mutti, es ist wirklich gar nichts passiert. Der Fuchs hat mich nicht gebissen. Er ist mein Freund, er war ja ganz freiwillig bei mir, warum sollte er mich beissen?“

Ihre Mutter schnappte hörbar nach Luft und Ira hatte das Gefühl, dass ihre Mutter nun eher noch beunruhigter war als vorher. Ungeduldig drehte ihre Mutter sich kurz um und schnauzte sie an:

„Du sei jetzt mal ganz still. Wir reden später darüber. Jetzt fahren wir erst einmal ins Institut und du wirst geimpft.“

Ira wollte nicht geimpft werden. Sie spürte, dass das nicht gut für sie wäre. Doch sie wusste auch, dass wenn ihre Mutter in diesem Zustand war, hatte es gar keinen Zweck, mit ihr zu reden.

Sie bogen mit quietschenden Reifen vor dem Institut für Tropenmedizin ein. Susan sprang aus dem Wagen, riss die Türe auf, nahm Ira bei der Hand und zog sie aus dem Wagen. Eine junge Frau kam durch die schwere hölzerne Tür des Instituts und rief:

„Da können sie nicht parken, der Platz muss für Notfälle frei bleiben.“

Doch Susan liess sich nicht beirren:

„Dies ist ein Notfall, ein absoluter Notfall!“ rief sie.

Sie schloss den Wagen ab und eilte mit Ira im Schlepptau die Stufen hinauf. Die junge Frau schaute ihr irritiert hinterher:

„Aber….?“

Dann zuckte sie resigniert die Schultern und folgte Susan und Ira. Susan rauschte am Empfang vorbei, die Treppe hinauf, den Gang hinunter und klopfte an eine Zimmertüre im hinteren Teil des langen Flures. Bevor jemand antwortete, öffnete sie die Türe und stürmte in das Zimmer. Ein grosser hagerer Mann, den Ira noch nie gesehen hatte, sass am Schreibtisch und schaute erstaunt auf:

„Hallo Susan, was machst du denn hier?“

„Guten Tag, Heribert. Wir brauchen sofort eine Tollwut-Impfung. Meine Tochter ist von einem Fuchs gebissen worden!“

Jetzt riss Ira sich von ihrer Mutter los und stampfte mit dem Fuss auf:

„Der Fuchs hat mich nicht gebissen!“

Susan schüttelte ungeduldig Kopf:

„Wir müssen ganz sicher gehen. Ich will, dass meine Tochter sofort geimpft wird.“

Der hagere Mann wandte sich Susan zu:

„Susan, nun mal langsam. Was ist denn passiert?“

Susan holte tief Luft und rang um Fassung.

„Meine Tochter hat im Wald einen Fuchs angefasst. Sie sollte sofort gegen Tollwut geimpft werden, gegen Tetanus ist sie geimpft.“

Der hagere Mann runzelte die Stirn und sagte zögernd:

„Aber Susan, in welchem Wald war das denn und wann? Hier um Hamburg ist kein Tollwutgebiet. Die letzten Tollwutfälle wurden südlich der Alpen in Italien gemeldet.“

Susan sprach jetzt sehr kontrolliert, mit absoluter Ruhe, und der Überlegenheit der Wissenschaftlerin.

„Natürlich, Heribert, das weiss ich. Aber ich weiss auch, dass vor zwei Wochen ein Strassenhund aus Rumänien in Harburg wegen Tollwut eingeschläfert werden musste und mit ihm drei Nachbarshunde. In solchen Fällen müssen wir einfach auf Nummer sicher gehen.“

Ira liess sich durch die kontrollierte Ruhe ihrer Mutter nicht täuschen. Sie spürte ihre Aufregung und Verzweiflung immer noch deutlich in ihrem Körper. Heribert wandte sich nun an Ira, ging in die Knie, so dass er auf gleicher Augenhöhe mit ihr war und fragte sie freundlich:

„Wann hast du denn Fuchs angefasst?“

Susan schaute auf die Uhr und antwortete:

„Vor genau 38 min.“

Heribert stand auf, wandte sich zu Susan und sagte in sehr bestimmtem Tonfall:

„Susan, so geht das nicht. Du weisst, ich schätze dich als überragende Wissenschaftlerin. Aber jetzt bin ich der behandelnde Arzt und wenn ich deine Tochter untersuchen soll, dann muss ich mit ihr kommunizieren können. Im Übrigen verstehe ich deine Eile nicht, wenn der Kontakt vor knapp 40 min stattgefunden hat, dann haben wir Zeit. Sowohl für Tetanus, wie auch für Tollwut können wir innerhalb des ersten Tages nach der möglichen Übertragung impfen. Ich schlage deswegen vor, wir gehen das ganz in Ruhe an. Warum gehst du nicht und holst Iras Impfpass, damit wir wirklich sicher sein können, dass sie gegen Tetanus geimpft ist?“

„Ich weiss mit 100%iger Sicherheit, dass Ira gegen Tetanus geimpft ist. Ich brauche ihren Pass nicht zu holen.“

„Susan, du weisst, es ist Vorschrift, dass ich den Pass kontrolliere.“

Susans Stimme war ausgesucht freundlich, als sie antwortete:

„Heribert, du weisst, dass das nicht stimmt.“

Doch Heribert schaute Susan einfach nur an und hielt ihrem Blick solange stand, bis sie unwillig mit den Schultern zuckte, sich umdrehte und sagte:

„Gut, dann warte ich eben draussen vor der Tür.“

Als Susan die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte sich Heribert wieder zu Ira, lächelte sie an und sagte:

„Warum setzt du dich nicht erstmal? Warte ich stelle den Stuhl etwas höher, damit du nicht so tief sitzt.“

Er fuhr den Stuhl hoch, hob Ira hinauf und setzte sich selber ihr gegenüber. Dann fragte er sie:

„Wie kam es denn dazu, dass du den Fuchs angefasst hast?“

Ira beschloss spontan ihm zu vertrauen und erzählte, wie sie die kleinen Füchse entdeckt und wie der kleine weisse Fuchs schliesslich zu ihr gekommen war. Von ihrem Spiel des Fuchs-fühlens erzählte sie nichts.

Heribert staunte.

„Ein weisser junger Fuchs? Und er ist ganz freiwillig zu dir gekommen?“

Ira nickte eifrig.

„Er hat sogar an mir geschnuppert und dann wollte ich ihn streicheln.“

„Und dann hat er dich gebissen?“

„Aber nein, er hat mich doch gar nicht gebissen!“

Heribert schaute skeptisch. Dann fragte er sanft:

„Darf ich dich untersuchen?“

Ira nickte etwas ängstlich.

„Dann rufe ich jetzt deine Mutter wieder herein.“

Ira schüttelte heftig den Kopf. Heribert stutzte und überlegte einen Moment. Schliesslich ging er zum Telefon, wählte eine Nummer und sagte:

„Judith, schick mir doch bitte Isolde in mein Büro.“

„…“

„Ja, bitte jetzt sofort.“

Dann legte er auf und sagte zu Ira:

„Isolde ist eine unserer Arzthelferinnen, sie hat auch eine kleine Tochter in deinem Alter.“

Ira wusste nicht, was sie mit dieser Information anfangen sollte und sagte nichts. Kurze Zeit später kam Isolde herein. Heribert erklärte ihr kurz die Situation. Isolde bat Ira sich auszuziehen und untersuchte sie dann am ganzen Körper. Schliesslich sagte sie kopfschüttelnd:

„Nicht der kleinste Kratzer, geschweige denn eine Bisswunde zu sehen.“

Sie half Ira sich wieder anzuziehen und Heribert rief Susan herein.

„Susan, deine Tochter sagt, der Fuchs habe sie nicht gebissen und sie hat auch wirklich keine Bissspuren, nicht einmal einen Kratzer am Körper.“

Susan sprach mit völliger Ruhe:

„Ich bestehe darauf, dass Ira geimpft wird. Wer weiss, wie oft Ira schon Kontakt mit den Füchsen hatte. Und ich habe mich in der Zwischenzeit erkundigt: bei direktem Kontakt mit Füchsen haben die Patienten das Recht auf eine Tollwutimpfung und da ich für Ira verantwortlich bin, bestehe ich darauf.“

Ira wandte sich flehentlich an ihre Mutter:

„Aber Mutti, das letzte Mal habe ich die Impfung auch so schlecht vertragen. Ich war tagelang krank.“

„Erstens war das Tetanus und nicht Tollwut. Zweitens warst du nicht krank, sondern hast ein Drama daraus gemacht und drittens hättest du dir das eben vorher überlegen müssen, bevor du in den Wald gehst und Füchse streichelst.“

Isolde machte eine Bewegung auf Ira zu, als wollte sie sie in den Arm nehmen und fragte sie:

„Ira hattest du denn schon früher einmal Kontakt zu den Füchsen?“

Ira schüttelte den Kopf:

„Nein, wirklich nicht.“

Heribert schaltete sich ein und sagte:

„Und selbst wenn, dann würde eine Impfung jetzt auch nichts mehr nützen.“

Und zu Susan sagte er beschwichtigend:

„Susan, willst du das nicht vielleicht mit dem Vater besprechen? Wir haben genügend Zeit, du kannst Richard doch anrufen.“

Susan richtete sich auf:

„Richard ist nicht Iras Vater, ich entscheide das alleine.“

Heriberts Augen weiteten sich vor Erstaunen. Einen Augenblick massen sich die beiden mit den Blicken, dann sagte Susan:

„Ich bestehe darauf. Wenn du sie nicht impfst oder impfen lässt, muss ich dich darauf aufmerksam machen, dass du die volle Verantwortung trägst, wenn sie sich doch angesteckt hat.“

Heribert zuckte die Schultern und wagte einen letzten Versuch:

„Und Iras leiblicher Vater, Frank, hat er auch nichts dazu zu sagen?“

Susan schnaubte empört durch die Nase:

„Also ich bitte dich, Heribert. Du weisst doch ganz genau, dass Frank das Sorgerecht entzogen und alleine mir übertragen wurde. Aber was machst du denn eigentlich aus einer ganz banalen Impfung eine solche Staatsaffäre. Was soll das denn eigentlich?“

Nun schwieg Heribert und nickte Isolde zu, die schweigend ging, um den Impfstoff zu holen. Ira brach das Schweigen im Zimmer mit einem letzten Versuch:

„Mama, bitte, ich will nicht geimpft werden. Ich werde bestimmt wieder krank.“

Susan antwortete nicht und Heribert schaute betreten aus dem Fenster. Iras Hauptsorge war, dass sie weder den kleinen Fuchs noch Tasso besuchen könnte, wenn sie krank war und sie verspürte eine unbestimmte Angst, dass der Impfstoff die Verbindung zu den Tieren zerstören könnte. Aber sie wusste, dass niemand ihre Sorge verstehen würde.

Als Isolde wieder in das Zimmer kam, rannte Ira los und versuchte durch die Tür zu schlüpfen, doch Susan war schneller und hielt sie auf.

„Schluss jetzt. Und hör auf, solch ein Drama zu machen.“

Heribert versuchte zu vermitteln. Er ging vor Ira in die Hocke und sagte besänftigend:

„Du brauchst wirklich keine Angst vor der Spritze zu haben. Isolde ist die Beste, wenn es darum geht, Spritzen zu setzen, die man kaum spürt. Du wirst nur einen ganz kleinen Einstich spüren, mehr nicht.“