Jakob Strauß und der reformatorische Wucherstreit -  - E-Book

Jakob Strauß und der reformatorische Wucherstreit E-Book

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Beschreibung

In der Reformationszeit spielt die Auseinandersetzung über den Zins und den Wucher eine bedeutsame Rolle. 1523 veröffentlichte der Eisenacher Reformator Jakob Strauß 51 Artikel gegen den Wucher, in denen er sich gegen überhöhte Zinsen auf Geld und Land ausspricht. Viele Bürger waren überschuldet, und Strauß versuchte, mit Hilfe dieser Artikel Gerechtigkeit zu schaffen. Für ihn ging es um die Frage, welches Handeln aus dem Glauben folgt. Strauß hat seine Artikel gegen den Wucher biblisch begründet. Vielleicht haben viele Menschen in Eisenach und Mitteldeutschland gerade deshalb so enthusiastisch auf die Botschaft der Reformatoren gehört, weil die geistliche Freiheit auch Befreiung aus weltlichen Zwängen verhieß. Das Buch beleuchtet die sozialethische Dimension der Reformation und ihrer Wirkung bis in die heutige Zeit. [Jakob Strauss and the Reformation Usury Controversy. The Social Dimension of Reformation and Its Historical Effects] In the Reformation period the dispute over interest and usury played an important role. In the year 1523 the Eisenach Reformer Jakob Strauss published 51 articles against usury, in which he argued against excessive interest rates on money and land. Many citizens were overindebted and Strauss tried to create justice. For him the question was which actions would be the consequences of faith. In his articles against usury Strauss based his arguments on the bible. Maybe many people in Eisenach and Central Germany welcomed so enthusiastically the message of the reformers because spiritual freedom promised also a liberation from social constraints. The book sheds light on the social-ethical dimension of the Reformation and its historical effects up to the present day.

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Joachim Bauer | Michael Haspel (Hrsg.)

JAKOBSTRAUß UNDDER REFORMATORISCHEWUCHERSTREIT

Die soziale Dimension der Reformation und ihre Wirkungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-374-05152-6

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Michael Haspel / Joachim Bauer

Wucherstreit im Pfaffennest

Anmerkung zur Vor- und Frühreformation in Eisenach

Thomas T. Müller

Die Beziehungen Eisenachs zum Weimarer Hof unter Johann dem Beständigen

Dagmar Blaha

Die Soziale Frage in der Reformationszeit

Siegrid Westphal

Die Bedeutung von Jakob Strauß in der frühen ernestinischen reformatorischen Bewegung

Joachim Bauer

Die Diskussion um den Wucher in ihrer Bedeutung für die von Wittenberg ausgehende Reformation

Stefan Michel

Die Entwicklung des Wuchertopos zur antijüdischen Polemik

Fritz Backhaus

Vom Wucherstreit zur aktuellen Krise der globalen Finanzwirtschaft

Maximilian Kalus

Wucher – Eine biblische Erinnerung an Lk 6,27–35

Rainer Kessler

Jakob Strauß, Streitschriften gegen den Wucher, 1523 und 1524

Aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen und kommentiert von Carlies Maria Raddatz-Breidbach

Jakob Strauß, Haubtstuck unnd Artickel Christlicher leer wider den unchristlichen wuocher, darumb etlich pfaffen zu Eysnach so gar unrüig und bemüt seind, 1523

Jakob Strauß, Das wucher zu nemen und geben unserm Christlichen Glauben und brüderlicher lieb (als zu ewiger verdamnyß reichent) entgegen yst, vnüberwintlich leer und geschrifft. In dem auch die gemolten Euangelisten erkennet werden, 1524

Autorenverzeichnis

Nachwort

Weitere Bücher

EINLEITUNG

Zins und Wucher spielten in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit eine nicht unerhebliche Rolle. Ihre Bedeutung für die soziale Attraktivität reformatorischer Initiativen wird in der gegenwärtigen Rezeption der Reformation in Forschung, Kirche und Öffentlichkeit hingegen wenig beachtet. Der Eisenacher Reformator Jakob Strauß, Prediger an der Georgenkirche, hat 1523 51 Artikel gegen den Wucher veröffentlicht. Er wendet sich dabei nicht nur gegen überhöhte Zinsen, sondern verurteilt Geldverleih für Zinsen generell als nicht schriftkonform. Er schließt die damals üblichen Formen das Wucherverbot zu umgehen, wie etwa den Wieder- bzw. Rentenkauf, in seine Kritik ausdrücklich ein. Beim Rentenkauf wurde das Verleihen von Geld gegen Zinsen als Kaufgeschäft dargestellt. Als Sicherung diente in der Regel eine Immobilie, oft das Ackerland, von dem eine bäuerliche Familie lebte. Wurde dies im Falle des Zahlungsverzuges gepfändet, waren die Eigentümer oftmals in ihrer Existenz bedroht. Gleichwohl wurde der Rentenkauf von der römisch-katholischen Kirche und reichsrechtlich zunehmend akzeptiert.

Ein wesentlicher Grund für die Zunahme von Finanzgeschäften ist die Entwicklung der Geldwirtschaft seit dem 12. Jahrhundert. Durch Fernhandel, Kreuzzüge und Kriege und nicht zuletzt die Entwicklung der herrschaftlichen Höfe und der Kathedralbauten gewinnt Geld enorm an Bedeutung und verschiedene Formen von Krediten entfalten sich. Die entstehenden staatlichen Strukturen befördern deshalb die Entrichtung der Abgaben in Geld statt in Naturalien.

Neben jüdischen Geldverleihern und den Klöstern treten in diesem Kontext auch christliche Geldverleiher hinzu, die teilweise in Konkurrenz zu den jüdischen geraten. In diesem Zusammenhang verstärken sich anti-judaistische Klischees, obwohl über lange Zeit das Verleihen von Geld durch Juden an Christen als feste gesellschaftliche Institution angesehen wurde.

Theologie und Kirche sahen sich durch die wirtschaftliche Entwicklung herausgefordert, einerseits das biblische Zinsverbot aufrechtzuerhalten, andererseits aber auch das wirtschaftlich notwendige Kreditwesen zu ermöglichen. Hier hat es in der Scholastik durchaus produktive Ideen, etwa bei Gabriel Biehl und auch bei Luthers Kontrahenten Johann Eck gegeben.

Strauß und Luther nehmen hier konservative Positionen ein. Sie halten mit Aristoteles Geld an sich nicht für fruchtbar – was nicht unbedingt der ökonomischen Praxis gerade im Süden und Westen Europas entsprach. Deshalb traten sie für die Durchsetzung des biblischen Zinsverbotes beim Geldverleihen ein, akzeptierten allerdings moderate Pachtzinsen auf Land und Immobilien. So können wir vorläufig festhalten, dass sich im reformatorischen Wucherstreit theologische Fragen, insbesondere das Bibelverständnis, mit ökonomischen, insbesondere der Geldtheorie, mischen.

Hinzu kommt eine weitere Dimension. Die höhere Abgabenlast, Missernten und die Pest hatten schon im 15. Jahrhundert die Schuldenlast in großen Teilen der Bevölkerung erhöht. So wird es auch aus Eisenach berichtet. Die Wucher-Kritik von Jakob Strauß hatte also wesentlich eine soziale Dimension. In Eisenach kommt hinzu, dass seine Artikel nicht etwa gegen Banken und Spekulanten, sondern gegen die geistlichen Herren in Eisenach gerichtet sind, die Geld und Land für hohe Zinsen vergeben. So richtet sich Strauß’ Wucherkritik nicht gegen jüdische Geldverleiher, wenn auch anti-jüdische Ressentiments in seinen Schriften erkennbar sind.

Viele Bürger wurden, etwa wenn durch Missernte die Zahlungen nicht geleistet werden können, überschuldet und Strauß versucht hier Gerechtigkeit zu schaffen. Er prangert aber nicht nur das Zinsnehmen an, sondern vertritt die Auffassung, dass auch diejenigen, die Zinsen geben, Sünde tun. Deshalb ist für Jakob Strauß die Zinsfrage primär eine theologische und erst sekundär eine sozialethische. Für ihn ging es um die Frage, welches Handeln aus dem Glauben folgt. Entscheidend ist für ihn ein wörtliches Verständnis der Bibel und er unterscheidet – anders als Luther – nicht zwischen der Sphäre des Glaubens und der Sphäre der Politik und Wirtschaft.

In der damaligen Situation ist das sozialer Sprengstoff. Und für die Mehrheit der Menschen eine attraktive Option, ihre sozialen Probleme zu lösen und gleichzeitig das Seelenheil zu gewinnen. Die reformatorische Botschaft Strauß‘ hat die kirchliche Praxis der römisch-katholischen Kirche und deren Finanzierungsgrundlage zugleich im Kern angegriffen. Auch die Finanzierung der weltlichen Herrschaft war dadurch bedroht.

Die Wucher-Frage ist auch insofern reformationsgeschichtlich spannend, weil sie zumindest indirekt mit der Ablassproblematik verbunden ist. Beides waren wichtige Einnahmequellen der Kirche. Viele derer, die den Ablass für richtig erachteten, hielten auch das Zinsnehmen für erlaubt, z. B. Luthers Gegner Johann Eck, der eng mit den Fuggern in Beziehung stand.

Die sozialethische Dimension der theologischen Auseinandersetzungen in der Reformationszeit wird meist wenig beachtet. Aber sie war wichtig, denn die hohen Zinsen hielten diejenigen, die kein eigenes Kapital und keinen Landbesitz hatten, oft über Generationen hinweg in Abhängigkeit und Armut. Und für viele Menschen damals in Eisenach und Mitteldeutschland werden die theologischen Begründungen vermutlich nicht immer durchschaubar gewesen sein. Sie haben wohl auch deshalb so enthusiastisch auf die Botschaft der Reformatoren gehört, weil die geistliche Freiheit auch Befreiung aus weltlichen Zwängen verhieß.

Mit Strauß in Eisenach begegnen wir einem eigenständigen Reformator, dessen reformatorische Kritik sich nicht auf die Wucherfrage beschränkt, sondern auch die Reform der Buße, der Sakramente und des Gottesdienstes umfasst. Damit gehört er zu den Reformatoren, die im Thüringer Raum bis 1525 die reformatorische Bewegung prägen und durchaus eigene und andere Akzente als Luther und die Wittenberger Theologen setzen. Erst der Bauernkrieg hat Herzog Johann veranlasst, die reformatorische Bewegung gemäß dem Wittenberger Modell zu zentralisieren und in das territorialstaatliche Herrschaftsgefüge domestizierend einzufügen.

Die reformatorischen Ansätze waren in dieser Hinsicht wirtschaftlich attraktiv: Man brauche keinen Ablass mehr kaufen, um das Seelenheil zu erlangen, man brauche den geistlichen Herren keine Abgaben mehr entrichten und schließlich auch keine Zinsen mehr bezahlen.

Diese Zusammenhänge und die daraus resultierenden Fragen wurden in der Tagung »Vom Wucher zur Internationalen Finanzkrise. Die soziale Dimension der Reformation und ihre Wirkungen« aufgegriffen, die vom 11.–13.November 2016 in Eisenach gemeinsam von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Evangelischen Akademie Thüringen veranstaltet wurde. Dabei kam es einerseits darauf an, die historischen Ereignisse in Eisenach weiter zu erhellen und in den weiteren Zusammenhang der Reformation und deren Historiographie einzuordnen. Andererseits wurde bewusst versucht, die Themen auch diachron zu verfolgen und nach Wirkungen in der weiteren Geschichte und sogar Anknüpfungspunkte an die gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten zu identifizieren. Die Beiträge der Tagung werden nun der weiteren Öffentlichkeit in diesem Band zugänglich gemacht.

Für die Einordnung des Wucherstreits in die reformatorischen Geschehnisse ist die Analyse der Sakraltopographie Eisenachs im 15. und 16. Jahrhundert von großer Bedeutung. Denn ein wichtiges Argument, warum der Wucherstreit gerade hier stattgefunden hat, war bislang die hohe Dichte an Klerikern. In der Literatur wird davon ausgegangen, dass bis zu 10 Prozent der Bevölkerung dem geistlichen Stand angehört haben. Diese Perspektive hinterfragt Thomas T. Müller in seinem Beitrag »Wucherstreit im Pfaffennest. Anmerkung zur Vor- und Frühreformation in Eisenach« und korrigiert sie in seinen Ausführungen nach unten. Entscheidend für den Wucherstreit bleibt dennoch, dass sich ein Großteil des Grundbesitzes in der Hand der geistlichen Korporationen befand und dieser wohl zu erheblichen Zinsen verpachtet wurde. Da die Schuldverhältnisse über Generationen hinweg ihre Fortsetzung fanden, gestaltet sich die Situation immer unklarer. Manche Häuser und manche Äcker waren so mit Erbzins belastet, dass sie nicht mehr wirtschaftlich bewohnt bzw. bewirtschaftet werden konnten. Vor diesen realen sozialen Verhältnissen ist der Wucherstreit in Eisenach besser zu verstehen.

Die politischen Verhältnisse und Zuständigkeiten untersucht Dagmar Blaha in ihrer Analyse »Die Beziehungen Eisenachs zum Weimarer Hof unter Johann dem Beständigen«. Eisenach, das sich seit dem 12. Jahrhundert zu einer reichsfürstlichen Residenz entwickelt hatte, erlebte seit der Verlagerung der Residenz nach Weimar ab dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts einen Niedergang. In Weimar war mit der Mutschierung (Verwaltungsteilung unter Beibehaltung des gemeinsamen Besitzes) zwischen Kurfürst Friedrich von Sachsen und seinem Bruder, Herzog Johann, ein zweites Herrschafts- und Verwaltungszentrum im Territorium des Kurfürstentums Sachsen entstanden. Von hier aus verwaltete Herzog Johann die thüringischen, fränkischen und Teile der vogtländischen Besitzungen der Ernestiner. Sein Beauftragter und Verbindungsmann im Gebiet um Eisenach war der Amtmann. Ebenfalls war der Schultheiß wichtig, der in der Stadt die Rechte des Fürsten stellvertretend für ihn auch gegenüber dem städtischen Rat wahrnahm. Diese, im Beitrag vorgestellte Konstellation, hatte erheblichen Einfluss auf den Verlauf und die Behandlung des Wucherstreites am Weimarer Hof.

In ihrem Beitrag »Die Soziale Frage in der Reformationszeit« geht Siegrid Westphal davon aus, dass es eine Wechselwirkung von sozialer Entwicklung und Reformation gab. Allerdings wurde diesem Zusammenhang in der Reformations- und Lutherforschung bislang wenig Aufmerksamkeit zuteil. Ein wichtiger Faktor war die demographische Entwicklung. Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert setzt ein Bevölkerungsanstieg ein, wodurch besonders klein- und unterbäuerliche Schichten wachsen. Die Löhne sinken, die Preise steigen. Die verarmende Landbevölkerung zieht in die Städte. Dies kann man daran erkennen, dass dort Bettelordnungen festgelegt werden.

Ein wichtiger Faktor war, dass die Erträge der Landwirtschaft von Grundherren und Pächtern durch Zinsen und Abgaben, die zunehmend auch als Geldzahlung gefordert werden, verstärkt abgeschöpft werden. Dies führte zur Überschuldung und verstärkte die Zins-/Wucherproblematik. Mit diesem Beitrag wurden die bislang lokal erhobenen Befunde in eine überregionale Perspektive eingefügt. Dabei kann man sehen, dass der Eisenacher Wucherstreit exemplarisch für vielfältige soziale Konflikte, nicht zuletzt im Zusammenhang der Zins- und Wucherproblematik, steht.

Zur Erschließung des Themas müsse man, so Joachim Bauer in seinen einleitenden historiographischen Anmerkungen seiner Abhandlung »Die Bedeutung von Jakob Strauß in der frühen ernestinischen reformatorischen Bewegung«, bereit sein, alternative reformatorische Ansätze neben Luther zu akzeptieren. Die gegenwärtige wissenschaftliche, kirchliche und gesellschaftliche Diskussion im Rahmen des Reformationsgedenkens sei noch viel zu sehr dem 19. Jahrhundert mit seinem Luther-Nationalmythos verhaftet. Die christlich-soziale Dimension der Reformation bleibt dabei viel zu wenig berücksichtigt.

Demgegenüber sei – insbesondere im Thüringer Raum – mit einer reformatorischen Vielfalt zu rechnen, da hier, anders als im Kurkreis des ernestinischen Territoriums, bis 1525 keine Vereinheitlichung und Zentralisierung durch die Wittenberger Theologie stattgefunden hat. Offensichtlich war Johann, mehr als sein Bruder Friedrich, aktiv an der reformatorischen Umgestaltung seines Territoriums und dabei durchaus an unterschiedlichen Ansätzen interessiert. Dabei spielte die Gruppe der Prediger eine besondere Rolle. Dies gilt eben auch mit Blick auf Eisenach und Jakob Strauß. Man kann etwa an den Reise- und Logisabrechnungen der fürstlichen Kasse nachweisen, dass Strauß vielfach als Berater Johanns in der Weimarer Residenz weilte. Nur so kann man sich auch erklären, dass Johann ihn mit der ersten Visitation im Eisenacher Amt beauftragt hat. Darüber hinaus wird erkennbar, dass der Wucherstreit nicht nur eine lokale Bedeutung hatte, sondern dass er Ausdruck eines eigenen umfassenderen reformatorischen Ansatzes von Jakob Strauß war. Strauß hat zudem seinen eigenen theologischen Überlegungen und Überzeugungen entsprechend den Gottesdienst, die Sakramente, das Kirchenwesen in Eisenach reformiert und steht damit für einen wichtigen Beitrag zur frühen reformatorischen Bewegung im ernestinischen Territorium.

»Die Diskussion um den Wucher in ihrer Bedeutung für die von Wittenberg ausgehende Reformation« stellt Stefan Michel in seinem Beitrag vor. Eingangs analysiert er die Bedeutung der Kirche in den wirtschaftlichen Konflikten vor der Reformation und stellt fest, dass es auf Grund der Stellung der Klöster einen wirtschaftlich begründeten Anti-Klerikalismus gab. Insbesondere die Städte wurden durch die Privilegien der Klöster und durch ihren enormen Landbesitz im Umfeld der Städte in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Durch Pacht- und Zinsgeschäfte fiel oft verpfändetes bzw. beliehenes Land in die Hände der Klöster, deren Besitz dadurch stetig wuchs. Dies brachte die Bürger nicht selten in Abhängigkeit. Michel exemplifiziert dies am Beispiel eines Konfliktes der Stadt Grimma mit dem dortigen Augustinerkloster. Vor diesem Hintergrund entfaltet er dann den Standpunkt Martin Luthers zu Besitz und Wucher.

Am Beispiel des Geldverleihers Shylock aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig« macht Fritz Backhaus in seinem Artikel »Die Entwicklung des Wuchertopos zur antijüdischen Polemik« die im 16. Jh. virulenten anti-jüdischen Stereotypen deutlich.

Auch bei Jakob Strauß bildet die Stereotype des »jüdischen Wucherers« die negative Folie für die Christen und seine Wucherkritik und auch Luther rezipiert und reflektiert diese Stereotype. Diese Polemik steht allerdings im Widerspruch zur realen Situation. Es gab auf Grund der Pogrome kaum noch größere jüdische Gemeinden. Juden waren faktisch gesellschaftlich kaum präsent und spielten in weiten Teilen Deutschlands keine herausragende Rolle im Geldgeschäft. Mehr noch, die jüdische Bevölkerung war insgesamt gefährdet und lebte überwiegend in prekären Verhältnissen. Man kann also schon für das 16. Jahrhundert von einem Antijudaismus ohne Juden sprechen.

Auch im modernen Antisemitismus, der sich von der ursprünglich vermeintlichen religiösen Begründung löst, wird die Stereotype des jüdischen Geldverleihers propagiert. Sie verbindet so alten und neuen Antisemitismus.

In seinem Beitrag »Vom Wucherstreit zur aktuellen Krise der globalen Finanzwirtschaft« schlägt Maximilian Kalus den Bogen von der Finanzkrise im Frühkapitalismus der Reformationszeit in die Gegenwart – und entdeckt bei allen Unterschieden doch auch etliche Entsprechungen. Zunächst ordnet er den Eisenacher Wucherstreit wirtschafts- und sozialhistorisch ein, um so die Grundlage für einen Vergleich mit der Gegenwart zu schaffen. Er argumentiert, dass in Deutschland die Geldmenge durch Silber gedeckt werden konnte, anders als etwa in Frankreich, wo Wechsel, also Buchgeld notwendig waren, um die Geldmenge zu erhöhen. So wurde realwirtschaftlich das Bankenwesen notwendig, um (größere) Investitionen und damit auch wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Dies führte zu einer doppelten Konfliktlage für die römisch-katholische Kirche. Zum einen widersprach die empirische Notwendigkeit von Krediten der normativen theologischen Lehre der Kirche; zum anderen waren Rentengläubiger oft kirchliche Institutionen, was erheblich zum Antiklerikalismus beitrug – wie etwa auch in Eisenach.

Nach Kalus lassen sich durchaus Parallelen zwischen der damaligen wirtschaftlichen Situation und der heutigen Finanzkrise ziehen. So spielten etwa Finanzinnovationen (Derivate) eine Rolle, dadurch wächst das Risiko von Spekulation und Preisverzerrung, was wiederum zur Verschärfung sozialer Konflikte führen kann. Eine besondere Rolle spielt die Überschuldung – damals wie heute: Wenn Kredite nicht mehr bedient werden können, kann dies innerhalb kürzester Zeit zu Bankenkrisen führen, die zum wirtschaftlichen Zusammen bruch führen können. Damals wie heute.

In seinem Beitrag »Wucher. Eine biblische Erinnerung an Lk 6,27–35« analysiert Rainer Kessler eine der zentralen Bibelstellen des Wucher-Diskurses, auf die sich auch Jakob Strauß bezieht. Er macht dabei auf zwei wichtige Kontexte aufmerksam. Zum einen ist diese Textstelle im Zusammenhang mit dem Erlassjahr zu sehen. Alle sieben Jahre wurden die Schulden erlassen. Es könnte also in dem Text um eine Ermahnung gehen, Kredite auch dann zu geben, wenn ein solcher Schuldenerlass bevorsteht. Zum an deren ist aber auch ein Zusammenhang mit den Vorstellungen des Klientelwesens im hellenistischen Raum, den der Evangelist ja mit im Blick hat, wahrscheinlich. Dort war der Kredit immer an die Erwartung von Gegenleistungen gebunden. Dies wird im biblischen Text abgelehnt. Mit dieser sozialgeschichtlichen Einordnung macht Kessler deutlich, dass die Bibel insgesamt und dieser konkrete Text nicht wie ein Rezeptbuch angewandt werden können. Es bedarf der interpretierenden Übertragung und Aktualisierung. Allerdings, so Kessler, wird die Intention deutlich, dass auch im Bereich der Finanzwirtschaft nicht nur egoistische Interessen verfolgt werden sollen, sondern Regeln zum Schutz der Schwachen nötig sind, um auch die Wirtschaft nach Kriterien der Lebensdienlichkeit und des Gemeinwohls zu gestalten.

Um Sprachgewaltigkeit und Argumentationsführung nachvollziehbar werden zu lassen, erfolgt im Anhang des Bandes eine Präsentation der Streitschriften des Predigers Jakob Strauß gegen den Wucher, zusammengestellt und bearbeitet von Carlies Maria Raddatz-Breidbach. Zum einen werden Reprints im ursprünglichen frühneuhochdeutschen Wortlaut geboten. Zum anderen werden sie in einer dem heutigen Deutsch angenäherten und kommentierten Übertragung abgedruckt, die jedoch die ursprüngliche Diktion der Strauß’schen Texte weitestmöglich erkennen lässt. Deutlich geworden ist durch die Tagung und die hier versammelten Texte, über wie wenig empirisch gesichertes historisches Wissen wir immer noch hinsichtlich der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zur Reformationszeit verfügen. In unserem Falle handelt es sich ja mit Eisenach um einen herausgehobenen Ort der Reformationsgeschichte – und doch wissen wir wenig über die konkreten Verhältnisse, obwohl sie für die Einführung und Durchsetzung der Reformation entscheidend waren. Die Reformationsdekade ist zwar nun zu Ende, die eigentlichen Reformationsjubiläen kommen aber erst noch. Das lässt hoffen, dass in den kommenden Jahren mehr Energie in die Erforschung der Sozialgeschichte der Reformation investiert wird – Lutherbücher sind inzwischen ja genug erschienen. Mit Blick auf das anstehende Gedenken des Bauernkrieges wird es unumgänglich sein, diese Fragen zu vertiefen.

Wir hoffen, mit diesem Band einen Anstoß, an einigen Stellen eine Grundlage und viele Anknüpfungspunkte bieten zu können.

Es ist natürlich schwer, am Ende eines solchen Projektes so etwas wie einen inhaltlichen Ertrag zu formulieren. Aber einiges kann man festhalten. Zunächst einmal wird man nicht umhinkommen festzuhalten, dass sowohl Luthers als auch Strauß’ fundamentale Zins-Kritik auf einer verkürzten Aufnahme der biblischen Tradition beruht. Mit Blick auf die neutestamentliche Referenzstelle Lukas 6,27–35 hat Rainer Kessler in diesem Band aufgezeigt, wie das Zinsverbot der Hebräischen Bibel schon bei Jesus und seinem Zeitgenossen Rabbi Hillel auf die jeweiligen Zeitumstände angewendet und dabei unterschiedlich aufgefasst wird. Mit Blick auf den alttestamentlichen Zusammenhang, etwa 2. Mose 22,24; 3. Mose 25,35–37 und 5. Mose 23,20–21, ist anzunehmen, dass sowohl Strauß als auch Luther die Unterscheidung von Not- und Investitionskredit nicht beachten. Alle diese Stellen beziehen sich eindeutig auf einen Kredit an einen sich in Not befindlichen Angehörigen des eigenen Sozialverbandes. Da sollte es ethisch eigentlich selbstverständlich sein, dass die Not, etwa eines Familienangehörigen, nicht ausgenutzt, sondern, so möglich, selbstlos mit einem zinslosen Kredit geholfen wird. Aber gilt dies auch für rein kommerzielle Kredite?

Weder Strauß noch Luther waren in der Lage, diese Differenzierung in die Interpretation der Bibeltexte einzutragen. Beide vertraten die aristotelische Geldtheorie, nach der Geld nicht fruchtbar sein konnte. Die Vorstellung, dass eine auf Kredit beruhende Investition einen Ertrag erbringt, der einen Zuwachs des Geldes darstellt und insofern auch eine Zinszahlung rechtfertigt, blieb ihnen fremd. In dieser Hinsicht teilten sie ein verkürztes Verständnis des Kreditwesens ihrer Zeit, indem sich das Streben nach risikolosem Gewinn, das die Reformatoren zu Recht geißelten, und die Grundlage einer auf Kredit beruhenden kapitalistischen Produktionsweise mischten. Oberdeutsche römisch-katholische und reformierte Theologen waren da deutlich moderner. Luther ist von dieser Position aus pragmatischen Gründen – nicht aus prinzipiellen – abgerückt, insofern der Zins moderat blieb.

Insbesondere bei Strauß wird man nicht umhinkönnen festzustellen, dass er ein fundamentalistisches Bibelverständnis hatte und über keine entwickelte Hermeneutik verfügte. Der biblische Text war für ihn unmittelbar normativ. Weder historisch noch in seinem eigenen Zeitzusammenhang konnte er ihn kontextuell rekonstruieren und interpretieren. Dabei unterschied er auch nicht zwischen der Wortmacht des Evangeliums und der weltlich-politischen Macht des Gesetzes. In der Sache war seine Wucherkritik, soweit wir das heute beurteilen können, wohl angemessen. Die Begründungen dafür lassen sich aber schwer aufrechterhalten.

Gleichwohl wird an Jakob Strauß’ Position zum Wucher deutlich, wie wichtig soziale Faktoren – in lokal je unterschiedlicher Weise – für die Akzeptanz und Durchsetzung der Reformation waren. Ob von den Reformatoren intendiert oder nicht, die Botschaft der Befreiung wurde neben ihrer religiösen Dimension auch politisch und wirtschaftlich verstanden. An diesem Punkt ist wohl auch die Kritik aus dem Zusammenhang des theoretischen Ansatzes der »Frühbürgerlichen Revolution« nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Erwartungen, insbesondere die der Bauern und unterbäuerlichen Schichten, zum Teil des Bürgertums – ganz unabhängig davon wie berechtigt sie waren – wurden nicht erfüllt und die Menschen, mit Hinblick auf die Entwicklungen ab 1525, enttäuscht.

Spätestens ab dem Bauernkrieg ist die »Soziale Frage« von den Wittenberger Reformatoren nicht ausreichend beachtet und nicht mehr mit dem Anliegen der Reformation der Kirche und der Gesellschaft verbunden worden. Luthers eigener theologischer Ansatz und seine frühen Schriften hätten dazu gleichwohl eine gute Grundlage liefern können. Diese sozialethische Abstinenz hat wohl nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ab 1525, gewiss aber seit dem Dreißigjährigen Krieg auch die lutherische Kirche sich zur Obrigkeitskirche und damit das Untertanenchristentum entwickelte. Der »regierbare Untertan« war die Erwartung, nicht die prophetische Kritik an unhaltbaren sozialen und politischen Zuständen.

Mit diesem Band wird eine gute Text- und Forschungsbasis geboten, um an diesen Themen weiter zu arbeiten. Wir wünschen uns, dass das vielfältig geschieht und verbinden dies mit der Hoffnung, dass nun die Zeit der anstehenden eigentlichen Reformationsjubiläen auch dazu genutzt wird, darüber nachzudenken, was diese Fragen für den Weg der Kirche und die verantwortliche Gestaltung unserer Gesellschaft bedeuten können. Landraub, Überschuldung, Klimawandel, Hunger, Despotie sind, global gesehen, heute so aktuell wie damals im Deutschland des 16. Jahrhunderts.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren dieses Bandes und allen, die ihn möglich gemacht haben. Unser herzlicher Dank gilt Sebastian Tischer für die redaktionelle Betreuung des Bandes. Ganz besonders danken wir Frau Raddatz-Breidbach, die den Abdruck der Texte von Strauß ermöglicht und die Übertragung, Kommentierung und Erschließung besorgt hat. Wir hoffen, dass dies nicht nur den Zugang zu den Texten erleichtert, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Sache befördert.

Zu danken haben wir den Kooperationspartnern und besonders den Unterstützern, ohne die die Tagung und damit der vorliegende Band nicht möglich gewesen wären: der Bundeszentrale für politische Bildung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Freistaat Thüringen und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Neudietendorf / Weimar / Jena zu Michaelis 2017

Prof. Dr. Michael Haspel

Prof. Dr. Joachim Bauer

WUCHERSTREIT IMPFAFFENNEST

Anmerkung zur Vor- und Frühreformation in Eisenach

Thomas T. Müller

Franziska Luther hat vor drei Jahren in ihrem Überblicksaufsatz über die Klöster und Kirchen Eisenachs in den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts treffend festgehalten:

»Ein Desiderat der Forschung in Bezug auf die Stadt Eisenach in vor- und frühreformatorischer, aber auch in mittelalterlicher Zeit bleiben auf den noch vorhandenen Archivalien basierende Einzelstudien zu den verschiedenen geistlichen Einrichtungen. Kritische ganzheitliche Betrachtungen der städtischen Interaktion zwischen Institutionen und Individuen unter modernen Fragestellungen müssen nachgeholt werden.«1

Diese Aussage hat weiterhin Bestand! Und so kann dieser Beitrag auch kaum mehr leisten, als einige weitere Anmerkungen zu jener für Eisenach so spannenden Zeit der Vor- und Frühreformation zu geben. Dies allerdings mit dem Prolog, dass davon unbenommen eines der dringendsten Vorhaben der Stadtgeschichtsforschung eine moderne Reformationsgeschichte für die ehemalige Residenzstadt am Fuße der Wartburg sein sollte.

1. ZURSAKRALTOPOGRAPHIEEISENACHS AMVORABEND DERREFORMATION

Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die kirchliche Situation in Eisenach eine besondere und somit auch für den Verlauf der Reformation in der Stadt von spezieller Bedeutung gewesen sei. Joachim Rogge hat in diesem Kontext u. a. behauptet, dass jeder zehnte Bewohner der um 1520 etwa 3.000 bis 4.000 Einwohner zählenden Stadt dem geistlichen Stand angehört habe.2 Die Belege für seine Behauptung blieb er allerdings schuldig. Zwar ist heute nachgewiesen, dass vor allem in Bischofsstädten der Anteil der Geistlichen an der Gesamteinwohnerzahl durchaus 10 Prozent betragen konnte (z. B. in Worms oder Augsburg), der normale Durchschnittswert lag in den deutschen Landen um 1500 jedoch bei nur rund 2 Prozent.3

Da für Eisenach meines Wissens keine durchgängig tragfähigen Zahlen überliefert sind, können bei einer seriösen Betrachtung der Situation lediglich grobe Schätzungen vorgenommen werden. Nicht nur hierfür ist es hilfreich, zuvor einen knappen Überblick zur Sakraltopographie der Stadt am Ausgang des Mittelalters zu geben.4

Eisenach war um 1500 in drei Parochien aufgeteilt, unter denen – nach ihrem Wiederaufbau ab 1515 – der Pfarrei »St. Georgen« die bedeutendste Rolle zukam. Allein die Anzahl von 18 im Jahr 1506 verzeichneten Vikarien spricht für diese herausgehobene Bedeutung. Wohl deutlich älter war die Pfarrkirche »St. Nikolai«, an der 1506 immerhin neun Vikarien nachzuweisen sind. Zur Stiftskirche der Augustinerchorherren »B. Mariae Virginis« mit sogar 23 Vikarien gehörte die dritte und kleinste Parochie der Stadt.

Hinzu kam eine für die Größe Eisenachs doch recht erstaunliche und wohl nur durch ihre Funktion als einstige ludowingische Hauptresidenz zu erklärende Anzahl von Klöstern. Hierzu zählten zuvorderst das Katharinenkloster der Benediktinerinnen, welches auch über das Patronat der neben dem Kloster gelegenen Georgenkirche verfügte, sowie das ebenfalls mit Benediktinerinnen besetzte Nikolaikloster, dem das Patronat der gleichnamigen Pfarrkirche zustand. In der Innenstadt kamen noch das Franziskanerkloster »St. Michael« südlich der Georgenkirche, das Dominikanerkloster sowie das Karthäuserkloster hinzu.

Außerhalb der Mauern befanden sich zudem das Zisterzienserkloster Johannistal und der kleine Franziskanerkonvent »St. Elisabeth« am Fuße der Wartburg. Belegt sind 1506 zudem vier Vikarien an der Jakobskapelle im Nordwesten der Stadt. Hinzuzuzählen sind außerdem die Hospitäler »St. Clemens«, »St. Anna« und »St. Spiritus« sowie die wohl erst nach der Reformation zum Hospital umgewidmete Kapelle »St. Justus«.

Mehrfach wird bereits für das ausgehende 15. Jahrhundert über schwerwiegende wirtschaftliche und sittliche Probleme in den Klöstern berichtet. Belastbare Zahlen über deren Insassen liegen für das frühe 16. Jahrhundert jedoch kaum vor.5 Geht man nun in Anbetracht der insgesamt recht desolaten Lage von einer durchschnittlichen Besetzung der sieben Klöster mit etwa 15 Personen um das Jahr 1523 aus, kommt man auf rund 100 Personen, hinzuzuzählen wären die rund 60 Vikare sowie drei Pfarrer, mehrere Prediger und die Mitglieder des Chorherrenstifts.

Alles in allem halte ich eine Anzahl von rund 200 Männern und Frauen im geistlichen Stand, also von ca. 5 bis 7 Prozent der Bevölkerung für eine realistische Schätzung. Damit hätte der Anteil der Geistlichen im »Pfaffennest« Eisenach um 1523 zwar klar über dem Durchschnitt gelegen, die von Rogge angenommene 10 Prozent-Marke allerdings noch deutlich unterschritten.

Anders verhielt es sich hingegen mit dem prozentualen Anteil des Grundbesitzes in der und um die Stadt. Hier verfügten die diversen kirchlichen Institutionen über den größten Teil der landwirtschaftlichen Flächen, über zahlreiche Gebäude und Zinsen.6 Doch auch hierzu dürfte eine vergleichende wissenschaftliche Untersuchung weitere wichtige Erkenntnisse erbringen.

2. ANMERKUNGEN ZURFRÜHREFORMATION INEISENACH

Obgleich Martin Luther bei seiner Predigt, die er am 2. Mai 1521 auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms in der Georgenkirche hielt, starken Zulauf gehabt haben soll, konnte sich die Reformation in Eisenach vorerst nicht durchsetzen.7 Und auch die evangelisch gesinnten Predigten des Franz Lambert (1485/87–1530), der im November 1522 in Eisenach das Johannesevangelium auslegte und den örtlichen Klerus zur Disputation aufforderte, brachten noch keinen endgültigen Durchbruch für die Reformation in der Stadt.8

Den brachte erst das Wirken des um das Jahr 1480 in Basel geborenen Predigers Jakob Strauß. Dieser war bereits in seiner Jugend in den Dominikanerorden eingetreten und hatte nachweislich 1515 und 1516 an der Universität Freiburg im Breisgau studiert.9 Als er 1521 in Hall in Tirol erstmals durch seine evangelischen Predigten auffiel, war er bereits zum Doktor der Theologie promoviert worden. In Hall fand er schnell eine große Zuhörerschaft, zog jedoch schon bald den Unwillen des Bischofs von Brixen auf sich. Während der Haller Rat durch taktische Manöver versuchte, einer Forderung nach der Ausweisung des Predigers zu entgehen, suchte Strauß in seinen Predigten weiter die bewusste Konfrontation mit der alten Kirche.10

Der Bischof von Brixen setzte sich schließlich durch und auf Drängen des inzwischen ebenfalls mit der Angelegenheit befassten vorderösterreichischen Regiments in Innsbruck wurde Strauß am 9. Mai 1522 vom Haller Rat mit einem Ehrengeschenk aus der Stadt verabschiedet.11 Sein Weg führte ihn nach Wittenberg, wo er sich wenig später an der Universität einschrieb.12 Doch schon im September 1522 erhielt er auf Vermittlung Martin Luthers (1483–1546) eine Stelle als evangelischer Prediger bei Graf Georg von Wertheim (um 1487–1530).13

Während sein neuer Dienstherr eine vorsichtige und schrittweise Einführung der Reformation in seiner tauberfränkischen Herrschaft plante und deshalb Strauß wohl auch entsprechende Anweisungen erteilt hatte, forderte jener die sofortige radikale Abschaffung aller der Reformation entgegenstehenden kirchlichen Einrichtungen. Der Bruch zwischen beiden kam schnell und endgültig. Bereits am 29. Oktober 1522 schrieb Georg von Wertheim seiner Frau, er wolle sich nach einem neuen Prediger umsehen, der »mer ain lerer, dan ein gebieter sey.«14

Dass Luther vom radikalen Eigensinn des von ihm Empfohlenen nicht sonderlich begeistert war,15 wundert wenig und dürfte das Verhältnis der beiden bereits zu diesem Zeitpunkt nachhaltig beeinflusst haben. Dabei war sich Strauß seines Rufes durchaus bewusst. Im Vorwort einer an Kurprinz Johann Friedrich von Sachsen (1503–1554) gerichteten Schrift beklagte er beispielweise nur wenige Monate später, dass er lediglich geringes Ansehen genieße, da er nicht heucheln oder liebkosen könne.16

Spätestens Ende November 1522 war Strauß wieder in Kursachsen, wo er an der Weimarer Disputation Wolfgang Steins mit den dortigen Franziskanern teilnahm.17 Durch die von Strauß besorgte Drucklegung der im Nachgang angefertigten schriftlichen Ausführungen der Disputanten wurde er weiteren Kreisen bekannt. Das Vorwort verfasste Strauß selbst. Es weist ihn als scharfzüngigen Vertreter der Reformation aus. Beendet hatte er es am 20. Januar 1523 bereits in Eisenach.18 Dort war er kurz zuvor – wohl auf Vermittlung Steins bei Herzog Johann – als Prediger an der Georgenkirche angestellt worden.

Fortan entwickelte er nicht nur eine umfangreiche Predigttätigkeit, er publizierte auch nahezu im Monatstakt. Am 9. Februar 1523 schloss er sein bald darauf in Erfurt erschienenes Beichtbüchlein ab19 und am 26. März 1523 beendete er seinen »Kurtz Christenlich vnterricht«, mit dem er gegen den auch in Eisenach üblichen Reliquienkult vorging. Durch jene »Abgötterei« würde bei den Bischöfen, Kaisern, Königen, Fürsten und dem einfachen Volk der gründliche christliche Verstand des lebendigen Gotteswortes ausgelöscht, polterte er.20

Noch vor dem Osterfest hatte er die individuelle Ohrenbeichte abgeschafft und durch eine allgemeine Formel ersetzt, die der Priester der Gemeinde vortrug und die diese dann wiederholte.21 Bereits in den ersten Monaten seiner Tätigkeit führte er zudem in Eisenach die Priesterehe ein und heiratete auch selbst.22

In dieser Angelegenheit, so erklärte er in einem noch im selben Jahr in den Druck gegebenen »Sermon« kämpferisch, helfe kein päpstliches Gesetz, kein Eid oder ein menschliches Gelübde. Natur bleibe Natur und an Gottes Wunderwerk dürfe nichts verändert werden. Aus diesem Grunde sei auch das grausame, tyrannische Gebot der priesterlichen Ehelosigkeit gegen »gotes werk und wort, auch der natur entgegen«.23 Zudem werde deutlich, welchen unschätzbaren Schaden dasselbe der Christenheit bereite. Denn dieses Eheverbot für Priester und Mönche habe nur zu Ehebrecherei, Unlauterkeit und der Verführung von Jungfrauen beigetragen.

Allerdings scheint es bei einigen der nun bald einsetzenden Hochzeitsfeiern Eisenacher Ex-Mönche zu Ausschweifungen gekommen zu sein. Denn Strauß hatte Anlass, darüber zu polemisieren, dass er nicht davon ausgehe, dass Schlämmen, Prassen, Föllen, Tanzen und Springen und anderes Teufelswerk als Belege für eine gute Ehe oder einen rechten christlichen Verstand herangezogen werden könnten. Stattdessen hätten nun die »feind[e] des Evangliums«, also die Altgläubigen, die willkommene Gelegenheit zu behaupten, von den »unsinnigen, abtrünnigen Christen« in Eisenach werde nur gelehrt, wie man ohne jegliche christliche Zucht und Ordnung allein nach der Fleischeslust lebe.

Aus diesem Grund ermahnte Strauß in seiner Predigt am Sonntag vor Christi Himmelfahrt (10. Mai) 1523 alle evangelischen Eisenacher, den Altgläubigen fortan keinen Anlass mehr zur Häme zu bieten, sondern lieber ein Beispiel für eine gute christliche Ehe abzugeben.24

Nachdem Strauß bereits um Ostern herum das Taufsakrament grundlegend und viel weitergehender als Luther umgestaltet hatte,25 begann sich zunehmend auch öffentlicher Widerstand gegen den dogmatischen Prediger zu regen. Ein konkreter Anlass dafür war seine Weigerung, beim Taufritus, wie bisher üblich, Chrisamöl zu verwenden.

Dies veranlasste einen Vater, sein Kind nicht in der eigentlich zuständigen Georgengemeinde, in welcher ja Strauß tätig war, taufen zu lassen, sondern in einer anderen Eisenacher Kirche, in der noch altgläubige Priester die Messe lasen. Jene gestalteten die Feier nun besonders prächtig, was wiederum Strauß veranlasste, sich der Angelegenheit in einer scharfen Predigt erneut anzunehmen. Dabei kritisierte er unter anderem die bislang übliche Praxis, Taufgeld zu verlangen. In seiner Kirche hingegen werde man »nyt umb gelt / aber wie Christus gebotten hat / gratis / umbsunst« getauft!26

Deutlich folgenschwerer war ein Vorfall, der sich am Dienstag, dem 14. Juli 1523, abends gegen sechs Uhr, zutrug. Während Strauß in der Georgenkirche zu den versammelten Gläubigen predigte, ließ ein altgläubiger Ratsherr auf dem der Kirche direkt benachbarten Rathaus fröhliche Musik aufspielen. Während die Schalmeien und Posaunen erklangen, forderte er die Umstehenden zum Tanz auf.

Nachdem bereits einige der Musiker den Dienst verweigert hatten, um die Predigt nicht weiter zu stören, verbot schließlich einer der Eisenacher Bürgermeister die Provokation. Wütend verließ der Ratsherr daraufhin das Rathaus und stürmte in die Kirche. Dort schrie er die versammelte Gemeinde an, sie solle Strauß keinen Glauben schenken, denn jener versuche nur, sie mit seiner ketzerischen Lehre zu verführen.

Strauß verwies ihn nicht nur der Kirche, sondern er verbot seinen Anhängern fortan auch außerhalb der Gemeinde jeglichen Umgang mit ihm. Wer sich diesem Urteil aus seiner Gemeinde widersetzen sollte, den träfe dieselbe Strafe, verkündete er. Zudem forderte er die Bürgerschaft auf, darüber nachzudenken, welchen Spott und welche Schande jener Mann dem Rat und der gesamten Gemeinde zu Eisenach eingebracht habe.27 Damit hatte Jakob Strauß an diesem 14. Juli 1523 in durchaus selbstherrlicher Weise und ohne jede Rücksprache mit weltlichen oder kirchlichen Instanzen den ersten Bann ausgesprochen, der jemals in einer evangelischen Kirchengemeinschaft verhängt worden ist.28

Dass jene Vehemenz, mit der Strauß all sein reformatorisches Tun vorantrieb, weder bei den Wittenberger Reformatoren um Martin Luther noch am herzoglichen Hof in Weimar auf Wohlwollen stieß, verwundert kaum. Doch die eigentliche Herausforderung war erst die konsequente Haltung des Predigers in der Wucherfrage. Obwohl bereits seit dem 12. Jahrhundert nach kanonischem Recht ein Zinsverbot für geistliche Institutionen bestand, war dasselbe im täglichen Geschäft durch allerlei spitzfindige Tricks de facto längst außer Kraft gesetzt.29 Das hieraus folgende sozial-theologische Problem der kirchlich geduldeten Ausbeutung von Christen durch Christen hatte auch Martin Luther erkannt. Bereits drei Jahre vor Strauß hatte er sich damit in seinem »[Großen] Sermon von dem Wucher« auseinandergesetzt.30

Strauß ging – immer auch die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit im Blick – in seinen 51 Thesen wider den unchristlichen Wucher jedoch deutlich weiter als Luther, wenn er kategorisch fordert: Niemand solle »um keines Gebots und keiner Gewalt willen den Wucher bezahlen« (These 29), sondern »ihr sollt einander leihen und nichts dagegen verhoffen« (These 51).31

Und doch war Strauß Realist. Er wisse wohl, schrieb er 1524 in einer weiteren Schrift gegen den Wucher, dass seine christliche Lehre den dummen, verblendeten Gemütern der »geltsuchtygen wuchersecke« seltsam und unmöglich erscheinen und ihnen Anlass für Gespött und Verachtung geben werde, auch dass sich wohl kaum einer danach richten werde, von einigen wahrhaften Gotteskindern abgesehen, denen mehr am Wort Gottes gelegen sei, als an allen Schätzen und Reichtümern dieser Welt. Dennoch sei es sein Auftrag, den Weg zur richtigen Auslegung der Heiligen Schrift zu lehren. »Es ergere sych darab, wer do wyll«!32

Mit dieser konsequenten Haltung sorgte er erneut für überörtliche Aufmerksamkeit. Selbst in der Schweiz wurde seine Wucherschrift mit Interesse gelesen. Konrad Grebel (um 1498–1526) und der Kreis der Züricher Prototäufer schrieben am 5. September 1524 an Thomas Müntzer, sie hielten viel Gutes von Jakob Strauß und etlichen anderen Predigern, welche von den nachlässigen Wittenberger Schriftgelehrten und Doktoren wenig geachtet würden.33

Grebel, der bereits am 15. Juli 1523 in den Besitz der 51 Artikel des Eisenacher Predigers gegen den Wucher34 gelangt war,35 zeigte sich anscheinend begeistert von dessen klaren Forderungen. In einem weiteren Brief bezeichneten die Züricher die Lehren von Strauß, Karlstadt und Müntzer als weit reiner als die der Wittenberger Reformatoren, welche jeden Tag aufs Neue aus einer Schriftverkehrung in die andere und von einer Blindheit in eine noch größere fielen. Es käme ihnen bald so vor, schrieben die Züricher, als wären die Wittenberger Papisten und wollten selbst Papst werden.36

Da die an Müntzer gerichteten Briefe ihren Empfänger nie erreichten, hat Strauß von seiner Wertschätzung durch die Züricher Prototäufer wohl ebenso wenig erfahren, wie es ihm wohl recht gewesen wäre, auf eine Stufe mit Thomas Müntzer gestellt zu werden. Beide hatten sich vermutlich erstmals 1522 in Weimar persönlich getroffen. Die Kontaktaufnahme, die am Rande der Disputation mit den Franziskanern37 erfolgte, ging von Müntzer aus, wie dieser später selbst aussagte.38

Im August 1524 traf sich Strauß mit Herzog Johann von Sachsen in Weimar, um mit ihm ausführlich über Müntzer, »seiner anhenger leer und der neuen geister halbenn, wie er sie genant«, zu reden. Strauß schlug dem Fürsten vor, Luther, Karlstadt, Melanchthon, ihn selbst und Müntzer zu einer Disputation einzuladen. Obwohl Herzog Johann tatsächlich geneigt war, dem Vorschlag zu folgen39 und sich auch Kurfürst Friedrich von Sachsen für eine solche Zusammenkunft aussprach40, kam diese – möglicherweise aufgrund der Septemberunruhen in Mühlhausen –41 jedoch nicht mehr zustande.

Es spricht allerdings nicht viel dafür, dass Jakob Strauß die Auffassungen Müntzers teilte. Wenngleich er sich selbst nicht dazu geäußert hat, ist ein überaus deutlicher Brief seines damaligen Mitarbeiters Georg Witzel (1501–1573)42 vom 11. März 1525 überliefert, in welchem dieser Müntzer dringend auffordert, seine Lehre von der göttlichen Offenbarung durch Visionen und Träume sowie seine den Aufruhr befördernde Schriftauslegung zu widerrufen. Stattdessen solle er sich vom Arzt Christus von dem satanischen Einfluss befreien lassen, der anscheinend über ihn gekommen sei.43

3. VISITATION, BAUERNKRIEG UNDDEMISSION

Spätestens gegen Ende des Jahres 1524 begann Strauß seine reformatorische Tätigkeit auch auf das Eisenacher Umland auszudehnen. In Waltershausen führte er auf Luthers Empfehlung Dr. Johannes Draconites (um 1494–1566)44 als evangelischen Prediger ein. In Wenigenlupnitz installierte er den aus Vacha aufgrund seines evangelischen Bekenntnisses vertriebenen Georg Witzel. Die aus denselben Gründen aus Hersfeld vertriebenen Geistlichen Heinrich Fuchs und den (späteren Täufer) Melchior Rinck (um 1493–nach 1553) setzte er als Pfarrer in Marksuhl bzw. in Eckartshausen bei Eisenach ein.45

Um Struktur und Ordnung in seinem Kirchenwesen bemüht, erteilte Herzog Johann um die Jahreswende 1524/1525 an Jakob Strauß auch den offiziellen Auftrag, die Stadt Eisenach und die umliegenden Ämter zu visitieren. Ihm zur Seite stellte er seinen erfahrenen Rat Burghard Hundt von Wenkheim (gest. 1545). Gemeinsam nahmen beide vom 11. bis 15. Januar 1525 in der Stadt und dem Amt Eisenach die erste Visitation der Reformationsgeschichte vor. Am 17. März verfügte Herzog Johann die Fortsetzung der Visitation in den Ämtern Wartburg, Hausbreitenbach, Salzungen, Creuzburg und Gerstungen. Dabei wurden Strauß umfangreiche Vollmachten erteilt. Zudem erhielt der lokale herzogliche Verwaltungsapparat die Anweisung, ihn vollumfänglich zu unterstützen.46

Bei seinen Reisen beschränkte sich Strauß jedoch keineswegs auf die Visitation der Kirchenvertreter, er tadelte, so er dies für notwendig erachtete, Bürger ebenso wie einfache Bauern. Selbst Adlige und Amtleute kritisierte er für ihr Verhalten. Selbst jene, die ihn bislang auch gegen Widerstände unterstützt hatten, wie der Eisenacher Schultheiß Oswald, wurden nicht geschont. Dabei scheint allerdings jene Selbstherrlichkeit, die bereits Georg von Wertheim angeprangert hatte, erneut und überdeutlich zum Vorschein gekommen zu sein.47

Aus einem Brief an Georg Spalatin vom 10. April 1525 tritt klar hervor, dass Luther in Strauß inzwischen eine Gefahr für die Reformation in seinem Sinne sah. Spätestens zu diesem Zeitpunkt scheint er nicht zuletzt durch sein eigenständiges Agieren und die offenkundig fehlende Bereitschaft, sich dem Willen des Wittenbergers voll und ganz unterzuordnen, dessen anfängliches Wohlwollen vollständig verloren zu haben. Vielmehr noch: Luther wünschte sich die Absetzung des Predigers.48

Auch wenn es hierzu nicht kam, demissionierte Strauß einige Monate später in Folge des Bauernkrieges und ging nach Süddeutschland. Zuvor hatte er das Bedrohungsszenario durch die vor der Stadt lagernden Aufständischen jedoch noch geschickt zu nutzen gewusst, um die endgültige Vertreibung der letzten noch in den Eisenacher Klöstern verbliebenen Nonnen und Mönche durchzusetzen. Spätestens nach diesem anscheinend auch mit ikonoklastischen Ausschreitungen verbundenen antiklerikalen Akt war die Reformation in Eisenach nicht mehr rückgängig zu machen.

Allerdings setzte sich bereits in direkter Folge des Bauernkriegs in der Stadt unterhalb der Wartburg der Wittenberger Weg der Reformation durch und der Einfluss von Jakob Strauß auf die Eisenacher schwand zunehmend. Dies dürfte ein Hauptgrund für die Demissionierung des eigentlichen Reformators der Stadt gewesen sein.

Man habe schändlich »wider got vnd alle warhait« versucht, ihm die Schuld am Aufruhr aufzuladen und ihn nach seiner Flucht vor ihrem »unvermeydlichen haß« schriftlich und mündlich verleumdet. Selbst der Tod sei ihm angedroht worden, beklagte sich Strauß im Vorwort einer 1526 in Augsburg und Worms gedruckten Schrift.49

Eine neue Anstellung fand er – anscheinend erst nach längerer Suche – schließlich 1526 in Baden, wo er unter dem dortigen Markgrafen als Prediger arbeitete und im Juni eine Flugschrift gegen Ulrich Zwingli verfasste.50 Sie ist das letzte bislang bekannte Lebenszeichen des ersten Reformators der Stadt Eisenach.

Es wird davon ausgegangen, dass er bereits verstorben war, als sein ehemaliger enger Vertrauter Georg Witzel im Jahr 1533 in einem an Justus Jonas (1493–1555)51 gerichteten Pamphlet über Strauß schrieb:

»War es nicht genug, dass jener Mann, so lange er lebte, von euch gequält wurde, aus keinem anderen Grund, als weil er euch die Füße nicht küssen wollte? Bevor er vom Wucher schrieb und bevor er sowohl eure Sitten als die des evangelischen Volkes tadelte, hieltet ihr ihn für einen der vortrefflichsten Evangelischen, nachher aber wurde er verachtet wie kein Anderer!«52

1 FRANZISKALUTHER, Die Klöster und Kirchen Eisenachs (1500–1530). Prologe zur Reformation und wie die Geistlichkeit »vermeynen die Zinse aus etzlichenn armenn zu kelterenn«, in: JOACHIM EMIG/VOLKERLEPPIN/UWESCHIRMER (Hrsg.), Vor- und Frühreformation in thüringischen Städten (1470–1525/30). (Quellen und Forschungen zu Thüringen im Zeitalter der Reformation 1) Köln u. a. 2013, 403–435, hier 407–408.

2 JOACHIM ROGGE, Der Beitrag des Predigers Jakob Strauss zur frühen Reformationsgeschichte, (Theologische Arbeiten 4) Berlin 1957, 37.

3 RAINERPOSTEL, Ouvertüre zur Reformation? Die spätmittelalterliche Kirche zwischen Beharrung, Reform und Laienfrömmigkeit, in: JÖRGDEVENTER/SUSANNE RAU/ANNECONRAD u. a. (Hrsg.), Zeitenwenden. Herrschaft, Selbstbehauptung und Integration zwischen Reformation und Liberalismus, Festgabe für Arno Herzig zum 65. Geburtstag, Berlin 22006, 213.

4 Der nachfolgende kursorische Überblick folgt, sofern nicht anders angegeben, der zusammenfassenden Darstellung bei LUTHER, Klöster (s. Anm. 1), 410–420. Vgl. zudem ENNO BÜNZ (Bearb.), Das Mainzer Subsidienregister für Thüringen von 1506, (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen; Große Reihe 8) Köln/Weimar/Wien 2005.

5 Weder für das Kloster Johannisthal (GERDBERGMANN, Eisenach, St. Johannisthal, in: Germ Ben. IV–1, 573–579) noch für die beiden Franziskanerklöster (PETRAWEIGEL, Eisenach, St. Michael, in: MÜLLER/SCHMIES/LOEFKE (Hrsg.) unter Mitw. v. Jürgen Werinhard Einhorn OFM: Für Gott und die Welt – Franziskaner in Thüringen. Text- und Katalogband zur Ausstellung in den Mühlhäuser Museen vom 29. März – 31. Oktober 2008, Paderborn 2008, und UDO HOPF / INESSPAZIER / PETRAWEIGEL, Zelle der St. Elisabeth unterhalb der Wartburg, in: a. a. O., 226–227) sind in der einschlägigen Literatur genaue Zahlen genannt.

6 Ausführlich hierzu GERDBERGMANN, Eisenach in der frühbürgerlichen Revolution, (Eisenacher Schriften zur Heimatkunde 41) Eisenach 1989, 6–18.

7 BERGMANN, Revolution (s. Anm. 6), 18–19.

8 LUTHER, Klöster (s. Anm. 1), 422.

9 Die Matrikel der Universität Freiburg im Breisgau von 1460–1656, Bd. 1, Einleitung und Text, bearbeitet und herausgegeben von HERMANNMAYER, Freiburg i. Br. 1907, 219 (Nr. 38).

10 FRANZWALDNER, Dr. Jakob Strauß in Hall und seine Predigt vom Grünen Donnerstag 1522, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol 3 (1882), 3–39.

11 HERMANN BARGE, Jakob Strauß. Ein Kämpfer für das Evangelium in Tirol, Thüringen und Süddeutschland, (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 162) Leipzig 1937, 1–22.

12 KARLEDUARDFÖRSTEMANN (Hrsg.), Album Academiae Vitebergensis, Ältere Reihe, Bd. 1, 1502–1560, Leipzig 1841, 111.

13 WA Br 2, Nr. 535 (597) sowie WA Br 3, 88.

14 HEINRICH NEU, Geschichte der evangelischen Kirche in der Grafschaft Wertheim, Heidelberg 1903, 112.

15 WA Br 3, 88.

16 An den durchleuchtigistenn || hochgeborn F[ue]rst vñ herrn herrn Johanßen || Friderichen hertzogen zu Sachssen … || Das nit herren aber diener eyner yedenn Christ=||lichen versamlung zugestelt werdenn / beschluß=||reden vnd haupt artikel / wen gel[ue]stet/ mag sich || dar gegen h[oe]ren lassen / wirt im sunder zweyfel || auff Euangelischer leer Christlich vñ br[ue]derlich || gut bescheyd vnnd bewerung widerfaren.|| … D. Jacobus Straus || Ecclesiastes.||Erfurt 1523 (VD16 S 9472), Bl. A2 r.

17 HELMARJUNGHANS u. a. (Hrsg.), Thomas-Müntzer-Ausgabe. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 3, Quellen zu Thomas Müntzer, bearb. v. Wieland Held und Siegfried Hoyer, (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 25,3) Leipzig 2004, Nr. 68, 113 u. Nr. 175, 267.

18 Ob / dz aller hochwirdigeste Sacra=||ment / des leibs vnnd blutes / vnsers || heilmachers Christi / anders benenhet || moge werden dan eyn getrew Testa||ment … || Eine || newe Disputacion / geschrifft||lich gehalten Zwiessch||en den Barfuessern || Zw Weimmar /|| vñ Magister || Wolffgang Steyn / deß || … hertzogenn Hanszenn || Zw Sachsszenn. [et]c.Prediger. Erfurt 1523 (VD16 O 33).

19 Eyn new wunderbarlich Beycht=||p[ue]chlin in dem die warhafft gerecht beicht vnd pueß=||fertigkeit/ christenlichen gelert vnd angezeygt wirt /|| vnd k[ue]rtzlichen all tyranney ertichter men=||schlicher beycht auff gehaben / zcu seli=||ger rewe / frid vnd freid der ar=||men gefangen gewissen.|| D: Jacobus Strauss Ecclesiastes || zcw Eysennach in || D[ue]ringen.|| Erfurt 1523 (VD16 S 9492). Weitere Ausgaben erschienen noch 1523 in Straßburg (VD16 S 9496) und Nürnberg (VD16 S 9495). In Augsburg wurde die Schrift sowohl 1523 (VD16 S 9491) als auch 1524 (VD16 S 9497) gedruckt.

20 Ein kurtz Christenlich vnterricht des || grossen jrrthumbs / so im heiligthüm zů eren gehalten / das dan || nach gemainem gebrauch der abg[oe]tterey gantz gleich ist.|| D. Jacobus Strauß zu Eysenach || in Doringen Ecclesiastes. [Erfurt 1523] (VD16 S 9488), Bl. B1 r. (sic!).

21 FELICIAN GESS (Hrsg.), Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen. Bd. 1 (1517–1524), Leipzig 1905, 559, 565.

22 Am 18. Oktober 1523 ließ Luther Grüße an dessen Frau übermitteln (WA Br 3, 179) und im April 1524 war Strauß bereits Vater eines ehelichen Kindes (WA Br 3, 278).

23 »Es hilfft auch hie kain Babstes gesetz, ayd, oder menschlich gelübd. Natur bleyb natur und mag on gottes wunderwerck nit verkert werden. Derhalben auch das grawsam tyrannisch gebot den pristern auffgeladen, nit Eelich zu sein, wider gotes werk und wort, auch der natur entgegen, zu unerschetzlichem schaden der Christenhait reychent, offenbarlich erscheint.« Ain Sermon Jn || der deütlich angezeygt / vnd geleert ist || die pfaffen Ee / in Euangelischer leer || nit zů der freyhayt des flayschs … || gefun=||diert/ aber das Gotes werck vñ wort || allein angesehen … || werd.|| … D. Jac. Strauß zů Eyssenach eccle.|| Augsburg 1523 (VD16 S 9499), Bl. A1 v.

24 Ebd.

25 Uon dem ynner=||lichen vnnd ausserlichem Tauff || eyn Christlych begr[ue]ndt ||leer / geprediget durch || D.Ja.Straus || zu Eyssnnach || Ecclesiasten || … || Erfurt 1523 (VD16 S 9511).

26 Widder den Si=||monieschen Tauff || vnnd erkaufften ertichten || Chrissum vnd [oe]l / auch || worynn die recht || Cristlich tauf ||<allein võ Chri=||sto aufgesetzt || begriffen sei || ein genotti=||ge ser=||mon / geprediget zu Eissnach.|| … D. Jacobus Straus.|| Ecclesiastes. Erfurt 1523 (VD16 S 9513), Bl. A1 r.

27 Ein ernstliche handlũg wider || eyn freuenlichen widersprecher des lebendi=||gen wort Gottes beschehenn Jn sant || Jorgen kirchen zu Eyssennach.|| … || D.Jacobus Strausz.|| Ecclesiastes. [Erfurt 1523] (VD16 S 9480).

28 BARGE, Strauß (s. Anm. 11), 58.

29 HANS-JÖRGGILOMEN, Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, München 2014; DERS., Wucher und Wirtschaft im Mittelalter, in: Historische Zeitschrift 250 (1990), 265–301; DERS., Artikel Wucher, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 9, München 1998, Sp. 341–345; DERS., Artikel Rente, -nkauf, -nmarkt, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, München-Zürich 1995, Sp. 735–738.

30 WA 6, 33–60.

31 »vmb kain gebot noch gewalt den wucher bezalen.« (These 29); »Ir sölt aynander leyhen vnd nichts dargegen verhoffen« (These 51). Haubtstuck || vñ artickel Christenlicher leer || wider den vnchristlichen || wuecher / darũb etlich pfaff zů Eysnach || so gar vnruewig || vnd bemueet || seind.|| Gepredigt zů Eysenach durch || D. Jakob Straussen.|| (VD16 S 9481), (Augsburg) 1523, Bl 19 r.-19 v.

32 Das wucher zu nemen vnd geb.|| vnserm Christlichem glauben. vnd || br[ue]derlicher lieb … || entgegen yst / vnuberwintlich leer / vnnd ge=||schrifft. Jn dem auch die gemolet Euange=||listen erkennet werden.|| … D. Ja. Strausz Ecclesiastes || zu Jsennach. Erfurt 1524 (VD16 S 9478), Bl. D 1v.-D 2r.

33 »Wir versehend vnß fil gutz zu Jakobo Struß vnd anderen etlichen, die wenig geacht werdend by den hinlessigen gschriftgelerten vnd doctoren zu Wittemberg.« in: HELMARJUNGHANS / ARMINKOHNLE (Hrsg.), Thomas-Müntzer-Ausgabe. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 2, Briefwechsel, bearb. v. Siegfried Bräuer und Manfred Kobuch. (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 25,2) Leipzig 2010, Nr. 103,1 (355).

34 Haubtstuck || vñ artickel Christenlicher leer || wider den vnchristlichen || wuecher / darũb etlich pfaff zů Eysnach || so gar vnruewig || vnd bemueet || seind.|| Gepredigt zů Eysenach durch || D. Jakob Straussen.|| (VD16 S 9481), (Augsburg) 1523.

35 ANDREASTRÜBIND, Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz, Berlin 2003, 232–234.

36 ThMA 2 (s. Anm. 33), Nr. 103,2 (365).

37 Vgl. s. Anm. 18.

38 ThMA 3 (s. Anm. 17), Nr. 175 (267).

39 ThMA 3 (s. Anm. 17), Nr. 112 (173–174).

40 ThMA 3 (s. Anm. 17), Nr. 116 (180–181).

41 Hierzu GÜNTERVOGLER, Ein Aufstand in Mühlhausen im September 1524. Versuch einer Revision und Rekonstruktion, in: GÜNTERVOGLER, Thomas Müntzer und die Gesellschaft seiner Zeit (Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft 4), Mühlhausen 2003, 89–104.

42 Von Strauß als evangelischer Prediger in Wenigenlupnitz eingesetzt, hatte Witzel Eisenachs Frühreformation nicht nur miterlebt, sondern war selbst daran beteiligt. Anfang der 1530er Jahre sagte er sich jedoch von der evangelischen Lehre wieder los und wirkte ab Sommer 1533 als katholischer Pfarrer an der Andreaskirche in Eisleben. Zu Witzel vgl. BARBARA HENZE, Aus Liebe zur Kirche – Reform. Die Bemühungen Georg Witzels (1501–1573) um die Kircheneinheit (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 133), Münster 1995; GÜNTERVOGLER, »Quamquam satis admonitus es«. Georg Witzels Verhältnis zu Thomas Müntzer, in: HARTMUT KÜHNE / HANS-JÜRGENGOERTZ / THOMAS T. MÜLLER / GÜNTERVOGLER (Hrsg.), Thomas Müntzer – Zeitgenossen – Nachwelt. Siegfried Bräuer zum 80. Geburtstag (Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft 14), Mühlhausen 2010, 209–226.

43 ThMA 2 (s. Anm. 33), Nr. 110 (391–397), vgl. hierzu auch ThMA 2 (s. Anm. 33), Nr. 136 (449–450).

44 Zu ihm vgl. zuletzt: EIKEWOLGAST, Die Unterdrückung der reformatorischen Bewegung in der Kurmainzischen Amtsstadt Miltenberg 1523, in: IRENEDINGEL (Hrsg.), Zwischen Konflikt und Kooperation. Religiöse Gemeinschaften in Stadt und Erzstift Mainz in Spätmittelalter und Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, Abt. für abendländische Religionsgeschichte, Beih. 70), Mainz 2006, 123–140; HEINZSCHEIBLE, Johannes Draconites, Ein Gelehrter der Reformationszeit als Pfarrer von Miltenberg und sein unsteter Lebensweg, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte, 71 (2002), 29–47.

45 BARGE, Strauß (s. Anm. 11), 93–94. Zum Verhältnis von Strauß zu den Täufern vgl. JOHN S.OYER, The Influence of Jacob Strauss on the Anabaptists. A Problem in Historical Methodology, in: MARCLIENHARD (Hrsg.), The Origins and Characteristics of Anabaptism, Den Haag 1977, 62–82; HANS-JÜRGENGOERTZ, Brüderlichkeit - Provokation, Maxime, Utopie. Ansätze einer fraternitären Gesellschaft in der Reformationszeit, in: HEINRICH R. SCHMIDT/ANDRÉHOLENSTEIN /ANDREASWÜRGLER (Hrsg.), Gemeinde, Reformation und Widerstand. Festschrift für Peter Blickle zum 60. Geburtstag, Tübingen 1998, 161–178; STRÜBIND, Eifriger als Zwingli (s. Anm. 35).

46 DAGMAR BLAHA, Die Entwicklung der Visitationen als Mittel zur Durchsetzung der Kirchenreformation in Kursachsen, in: WERNERGREILING/GERHARDMÜLLER/UWESCHIRMER/HELMUT G.WALTHER (Hrsg.), Die Ernestiner. Politik, Kultur und gesellschaftlicher Wandel (Veröffentlichungen der historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe 50), Köln/Weimar/Wien 2016, 123–144, hier bes. 133–134.

47 RUDOLFHERRMANN, Die Kirchenvisitationen im Ernestinischen Thüringen vor 1528, in: Beiträge zur Thüringischen Kirchengeschichte 1 (1930), Heft 2, 167–179. Vgl. auch CHRISTOPHVOLKMAR, Frühe Visitationen als Reformation vor Ort. Quellen, Akteure, Interessenlagen, in: DAGMAR BLAHA/CHRISTOPHER SPEHR (Hrsg.), Reformation vor Ort. Zum Quellenwert von Visitationsprotokollen, Leipzig 2016, 31–56.

48 WA Br 3, 470.

49 Auffr[ue]r / Zwytracht vñ vn=||ainigkait / zwischen waren Euan=||gelischen Christen für zůkomen/ kurtz auch || vnüberwintlich leer / Ainem yeden erkenner || Gottes / besunder / Allen frommen Chri=||stenlichen Fürsten … || notturfftig / vor ergangner auffr#[ue]r || Etlichen … Herren || gepredigt / vnd … || in truck || bracht.|| Augsburg 1526. (VD16 S 9474) Bl. A2 r.

50 Wider den vnmilten Jrrt|| Maister Vlrichs zwinglins / So || er verneünet / die warhafftig gegenwirtigkait || dess allerhailligsten leybs vnd bluets Chri=||sti im Sacrament. Doct. Jacobi Strauß || … ablenung / vnd er=||claerung … || Jm jar. M.D.XXVj. Mense Junij.|| Margraffen Baden. [Augsburg 1526] (VD16 S 9515).

51 IRENEDINGEL (Hrsg.), Justus Jonas (1493–1555) und seine Bedeutung für die Wittenberger Reformation (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 11), Leipzig 2009.

52 CONFVTATIO || CALVMNIOSISSIMAE RE=||SPONSIONIS IVSTI IONAE, ID EST,|| IODOCI KOCH, VNA CVM ASSER||tione bonorum operum, per || Georgium Vuicelium.|| Leipzig 1533 (VD16 W 3901), Bl. B4 r.

DIEBEZIEHUNGENEISENACHSZUMWEIMARERHOF UNTERJOHANN DEMBESTÄNDIGEN

Dagmar Blaha

Eisenach mit der hoch über der Stadt gelegenen Wartburg war nach dem Aussterben der ludowingischen Landgrafen in Thüringen im Mannesstamm zusammen mit einem Großteil ihres Territoriums an die Wettiner gekommen. Für dieses Adelsgeschlecht bedeutete das einen beachtlichen Gebietszuwachs und die Festigung ihrer politischen Stellung unter den Fürsten des Reiches. Nach langwierigen Erbauseinandersetzungen mit Sophie von Brabant (1224–1275), die als Tochter der Heiligen Elisabeth (1207–1231) und des Landgrafen Ludwig IV. (1200–1227) das Erbe für ihren Sohn Heinrich das Kind (1244–1308) beanspruchte, konnten die Markgrafen von Meißen 1264 schließlich das ehemals landgräfliche Territorium in Thüringen mit der Stadt Eisenach in Besitz nehmen. Für Heinrich das Kind blieben die ehemaligen ludowingischen Besitzungen in Hessen.1 Seitdem Markgraf Friedrich der Freidige (1257–1323) im Jahr 1310 durch den Kaiser Heinrich VII. (1278/79–1313) mit der Landgrafschaft Thüringen belehnt worden war, waren die Wettiner die nunmehr auch reichsrechtlich anerkannten Stadtherren von Eise nach. Die Stadt und die Wartburg hatten sich bereits unter den ludowingischen Landgrafen zu einem beliebten Wohn- und Repräsentationsort entwickelt und waren ein bedeutendes kulturelles Zentrum des Mittelalters im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Hans Patze sah in Eisenach die Hauptstadt der ludowingischen Landgrafschaft Thüringen.2

1. EISENACH ALSZENTRALORT DERWETTINER