Jamila tanzt! - Ellen Norten - E-Book

Jamila tanzt! E-Book

Ellen Norten

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Beschreibung

»Die Schläge der Trommeln gingen durch Mark und Bein und das Läuten nahm an Intensität zu. Der singende Schleier entfaltete sich in all seiner Pracht, schimmerte nachtblau wie das Firmament und die feinen Metallplättchen daran blinkten wie Sterne. Da fegte Jamila den Schleier mit einem Ruck quer durch das Gesicht des Sultans und die klingenden Scheiben schnitten ihm ins Fleisch, verletzten seine Augen. Voller Panik versuchte der Sultan den Schleier zu greifen, doch die metallenen Münzen waren messerscharfe Klingen. Er brüllte, zog seine Hände zurück, da fiel einer seiner Finger abgetrennt zu Boden.« Eine ungewöhnliche Tänzerin kämpft für sich und ihre große Liebe Hassan. Ihr Schleier ist nicht nur Waffe, sondern birgt noch andere Geheimnisse. Mit ihm macht sie sich unsichtbar, durchquert das Universum, um ferne Welten zu erkunden und große Abenteuer zu erleben …

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ellen Norten

Jamilatanzt!

Magische Science-Fiction

AndroSF 174

Ellen Norten

JAMILA TANZT!

Magische Science-Fiction

AndroSF 174

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: März 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild & Illustrationen: Rainer Schorm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 326 0

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 778 7

Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie

ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Arthur C. Clarke, 3. Clarkesches Gesetz

1: Jamila

Jamila schlief. Im Traum eingehüllt von Hassans Wärme sah sie ihn hoch oben am Firmament fortgehen. Er zog quer über das Himmelszelt und bewegte sich immer weiter von ihr weg.

»Hassan«, rief sie verzweifelt, »lass mich nicht allein!«

»Sei nicht traurig, Jamila, wir sehen uns wieder. Ich verspreche es dir!«, formten seine Lippen, dann sprang er mit einem kühnen Satz in Richtung eines Sternenhaufens. Rasend schnell entfernte er sich von ihr und bald waren seine Konturen zwischen den Sternen verschwunden.

Jamila schreckte auf. Sie sah, dass Hassan fort war. Nur den Abdruck seines Körpers erkannte sie noch auf der Wiese. Ein dumpfer Schmerz stach ihr ins Herz. So war es damals gewesen, als ihre Mutter starb und ihr Vater fortging. Nun hatte sie auch ihren einzigen Freund verloren. Ihre Hände krallten sich in die Wiese, zogen an den dichten Grashalmen, wie um sich daran festzuhalten. Mit leerem Blick schaute sie sich um. Ein riesiger Greifvogel saß auf dem abgestorbenen Ast eines nahestehenden Baumes. Das Tier schaute sie aufmerksam aus bernsteinfarbenen Augen an. Jamila stand auf und ging vorsichtig auf den Vogel zu. Der Greif war fast so groß wie sie, hatte eine mächtige Brust, riesige Schwingen und einen gebogenen Schnabel, der wie ein riesiger Haken nach unten zeigte. In seinem bräunlich-roten Gefieder entdeckte Jamila eine einzelne goldene Feder, die in der Sonne glitzerte. Sie wollte danach greifen, doch der Vogel erhob sich in die Lüfte. Er flog allerdings nicht davon, sondern zog nur mehrere Kreise über ihr. Dann sank er herab und sie spürte eine starke Windbewegung. Gerade wollte sie sich wegducken, da erfassten sie mächtige Klauen. Jamila erschrak, doch die Klauen verletzten sie nicht. Der Vogel hielt sie lediglich fest gepackt, breitete die gewaltigen Schwingen aus und hob sich mit ihr in den Himmel. Jamila konnte es kaum glauben, denn der Vogel flog mit ihr davon. Halb ängstlich, halb neugierig schaute sie nach unten. Schon sah sie die Stadt mit der Wiese davor unter sich liegen und rasch kleiner werden. Sie erblickte den Fluss, den sie hinter sich ließen, denn der Vogel schlug die Richtung zur großen Wüste ein. Bald waren sie nur noch von gelbem Sand umgeben. Jamila hörte die mächtigen Flügel über sich schlagen und ihr Haar wehte hinter ihr wie eine Fahne im seichten Wind. Nach einiger Zeit erschien es ihr, als ob sie einen Mann mit einem Kamel unter sich im Wüstensand erblickte. Der Vogel schoss in steilem Winkel nach unten, setzte Jamila vor den beiden in den Wüstensand ab und flog davon. Der Mann stützte sich auf einen breiten Stock, trug einen blauen Turban und einen grauen Überwurf und er war uralt. Jamila hatte das Gefühl, dass er sie gar nicht sah.

»Sei gegrüßt, lieber Wanderer«, sagte sie ängstlich, »ich bin Jamila, kann ich dir helfen?«

Der Mann drehte seinen Kopf in ihre Richtung. Seine Augen waren trüb und sein Gesicht von unzähligen Falten übersät, wie der Hals einer Schildkröte.

»Allah sei mit dir mein Kind«, antwortete der Mann. »Ich bin Jussuf Ben Ali und meine Heimat ist die Wüste. Ich kann dich nicht sehen, denn ich bin blind. Aber ich kann durch die Wüste gehen, denn ich spüre den Sand und ich schmecke den Wind. Doch seit drei Tagen herrscht Windstille und ich habe meinen Weg verloren. Deshalb bewege ich mich nicht von der Stelle, sondern warte, bis der Wüstenwind mich wieder lenkt.«

»Ihr müsst durstig und hungrig sein.« Jamila griff nach ihrer Wasserflasche und legte diese dem Mann in die Hand.

»Könnt ihr es entbehren?«, fragte der Alte. Jamila überlegte. Würde der Vogel zurückkehren oder musste auch sie den Weg durch die Wüste gehen? Da sah sie den Vogel in der Ferne seine Kreise ziehen. »Trinkt, ich habe genug davon. Und ich habe noch Datteln, die ich Euch geben kann.«

»Du bist ein gutes Kind, Jamila. Mag Gott es dir vergelten.« Der Mann begann zu trinken und Jamila sah, wie durstig er war. Trotzdem leerte er die Flasche nur zur Hälfte. Dann gab sie ihm die Datteln und er kaute sie langsam und mit Bedacht.

»Wohin gehst du?«, fragte er sie. Die Frage hatte sich Jamila auch schon gestellt und wusste die Antwort nicht. In diesem Moment frischte der Wind auf und eine starke Böe erfasste die beiden. Sofort hielt der Mann einen Finger in die Luft, strich ihn entlang seiner Nase und steckte ihn in den Mund. Er lächelte. »Es ist nicht mehr weit zum nächsten Dorf. Willst du mich begleiten?«

»Mir ist ein anderer Weg vorgezeichnet«, antwortete Jamila, die den Vogel nun wieder direkt über sich erblickte.

»Dann werden sich unsere Wege trennen«, sagte der Mann. »Du hast mir zu essen und zu trinken gegeben. Nun habe ich etwas für dich.« Der Alte griff in die große Tasche, die an seinem Kamel befestigt war, und zog ein unscheinbares Stück Stoff heraus.

»Ich gebe dir diesen Schleier. Er wird dir gute Dienste erweisen. Halte ihn in Ehren, und wenn er dir hilft, dann denke an Jussuf Ben Ali, den Mann, der den Wind schmecken kann.« Mit diesen Worten erhob er die Hand zum Abschied, fasste die Zügel des Kamels und ging in die Richtung, die der Wind ihm gezeigt hatte. Während Jamila ihm noch nachschaute, spürte sie den Windstoß hinter sich. Schon ergriffen sie die mächtigen Vogelklauen und der Greif erhob sich mit ihr in die Lüfte. Bald sah sie Jussuf Ben Ali und sein Kamel nur noch als zwei dunkle Punkte im gelben Wüstensand. Schemenhaft entdeckte sie das Dorf, zu dem der Mann wanderte. Doch der Vogel schlug eine andere Richtung ein. Erst als es bereits dämmerte, setzte er Jamila an einer kleinen Wasserstelle ab, aus der er sofort trank. Jamila tat es ihm nach. Im Mondschein sah sie ihr schmales Gesicht, das sich im Wasser spiegelte. Neugierig schaute sie sich an. Ihre Gesichtszüge hatten das Kindliche verloren, wirkten entschlossen und dabei freundlich. Ein spitzbübisches Lächeln glitt über ihr Gesicht, der Schalk saß ihr im Nacken. Jamila überlegte, wie alt sie sein mochte. Vielleicht zwölf oder dreizehn, vielleicht auch etwas älter, sie wusste es nicht. Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht. Die Tropfen liefen ihre schmale Nase entlang und gelangten zu ihrem fein geschwungenen Mund, den seitlich zwei kleine Grübchen zierten. Mit der Zunge leckte sie sich das Wasser von ihren festen Lippen, und schaute zu ihrem Begleiter.

»Du bist ein komischer Vogel«, sagte sie zu dem Tier, das sein Gefieder gewissenhaft putzte. Der Vogel schaute sie wissend an und schloss dreimal hintereinander seine Augen. Es sah aus, als wollte er ihr zuzwinkern. Dann steckte er seinen Kopf in die Federn und begann offensichtlich zu schlafen.

Jamila dachte an Hassan. Wie gern hätte sie jetzt neben ihm gelegen. Sie schaute in den Sternenhimmel und fragte sich, ob er da oben wohl seine verrückten Sprünge machen würde.

Die kristallklare Luft über dem Wüstensand wurde kalt und Jamila begann zu frieren. Da fiel ihr der Schleier des Alten ein. Sie zog ihn aus ihrer Tasche und wickelte ihn um ihr dünnes Baumwollkleid. Augenblicklich wärmte sie das Tuch und sie dachte dankbar an Jussuf Ben Ali, der hoffentlich inzwischen sein Dorf erreicht hatte.

Im Morgengrauen zupfte der Vogel mit seinem mächtigen Schnabel an ihrem Schleier. Jamila blinzelte mit den Augen, dann blickte sie sich um. Der Vogel schlug mit den Flügeln, staubiger Wind schlug ihr entgegen und Jamila verstand, die Reise ging weiter. Schnell trank sie noch einmal an der Wasserstelle, dann ergriff sie auch schon der Vogel. Rund um sie herum gab es nur trockenen Wüstensand. Der hatte seine Farbe von Gelb nach Grau verändert. So fühlte sich auch Jamila, grau und traurig mit einer ungewissen Zukunft.

›Du bist dumm‹, schalt sie sich sogleich, ›fliegst durch die Wüste, erlebst ein Abenteuer und willst dich noch beschweren?‹ Da entdeckte sie am Horizont einen einzelnen hohen Felsen und auf der Spitze dieses Felsens, so schien es, lag eine Festung. Auf die steuerte der Vogel zu. Sie näherten sich der Burg, bei der sie bald einen Turm mit Zinnen erkennen konnte. Der Greif landete auf einem Felsvorsprung, der vom Eingangstor der Festungsmauer nicht eingesehen werden konnte. Hier setzte er Jamila ab und flog auch schon davon.

2: Die Burg der Tänzerinnen

Jamila schaute dem Vogel unsicher hinterher und schon bald entschwand er ihrem Blick. Steil unter ihr erstreckte sich bis zum Horizont die Wüste. Vorsichtig stieg sie vom Felsvorsprung und kletterte in Richtung Eingang. Wie erstaunt war sie, als sie dort nicht die typischen Wachtposten entdeckte, sondern vier junge Frauen in prächtigen bunten Gewändern sitzen sah. Überrascht schauten sie die Frauen gleichzeitig an. Ihre Arme, Füße, Ohren und Hals schmückte prächtiger Goldschmuck mit glitzernden Edelsteinen. Sie waren sehr schön und ähnelten einander auffallend, sahen fast gleich aus mit ihrer olivfarbenen Haut, ihren langen schwarzen gelockten Haaren, ihren großen dunklen Augen und ihren vollen Lippen. Jamila schämte sich fast für ihre einfache Aufmachung.

»Was ist Euer Begehr?«, fragte die Frau in dem leuchtend roten Gewand, die ihr am nächsten saß. Jamila wusste nicht, was sie sagen sollte, denn sie kannte ja selbst ihre eigenen Wünsche nicht.

»Weißt du nicht, wo du bist? Dies ist die Burg der Tänzerinnen«, fuhr die Rotgekleidete fort. Um dies zu untermauern, begann die grüngekleidete Frau neben ihr einen Rhythmus auf der Trommel zu schlagen. Jamila schaute verdutzt.

»Welches Instrument beherrschst du, was ist deine Lieblingsmusik?«, fuhr die Rotgekleidete fort. Jamila schaute zu Boden. »Los, tanze, sonst können wir dich nicht reinlassen.« Die anderen beiden Frauen griffen sich Flöte und Gitarre und stimmten in den Rhythmus ein. Jamila stand auf. Sie versuchte, sich zu erinnern, wie die Frauen zu Hause getanzt hatten, und begann sich etwas umständlich im Kreis zu drehen.

»Nennst du das Tanzen? Jetzt streng dich an oder du kommst hier niemals rein.« Die Rotgekleidete griff zur Rababa, einer zweisaitigen Stachelfidel und spielte herausfordernd laut darauf. Ein klagender Ton legte sich über die Musik. Jamila wusste, sie würde den Weg zurück nicht finden, zu weit war sie schon in die Wüste vorgedrungen. In ihrer Verzweiflung tanzte sie weiter, tanzte für ihr Leben und begann den Stoff des blinden Alten als Schleier zu verwenden.

Kaum hatte sie das schlichte Tuch gezogen, änderte sich die Stimmung. Der klagende Laut der Geige wich fröhlichen Klängen. Die Frauen begannen Jamila anzufeuern und sie selbst fühlte sich federleicht. Da bemerkte sie, dass sich auch das Tuch veränderte. Wechselnde Farben leuchteten darauf und erzeugten bei jeder neuen Bewegung ein fulminantes Farbenspiel. Rot wurde zu Gelb, Gelb zu Grün, um dann ins Blau zu wechseln, bis weiße Sterne auf dem nun fast schwarzen Stoff aufgingen. Die Frauen trillerten vor Begeisterung. Dann schlug die Trommlerin drei laute Schläge und beendete damit den Tanz.

»Herzlich willkommen bei den Tänzerinnen«, sagte die Rotgekleidete und stellte sich als Zarifa vor. »Dein Schleier ist für uns das Zeichen, dass du eine von uns werden kannst. Wo hast du ihn her?«

»Ich habe in der Wüste einen blinden Mann mit einem Kamel getroffen«, antwortete Jamila. »Er heißt Jussuf Ben Ali und er schenkte mir den Schleier.«

»Oh, das war ein Geschenk Gottes«, sagte die Flötenspielerin und schob sich ihr sonnengelbes Gewand zurecht. »Ben Ali zieht seit Jahrhunderten durch die Wüste. Nur wenigen ist es vergönnt, ihn zu treffen. Er hat dir den Schleier gegeben und so wirst du eine große Tänzerin werden. Hier in unserer Burg kannst du alles lernen, was du zum Tanzen brauchst. Mein Name ist Zeno.« Die Frauen standen wie auf Kommando gemeinsam auf und öffneten das gewaltige schmiedeeiserne Eingangstor. Vor Jamila lag ein geräumiger Hof, in dem große Bäume kühlenden Schatten spendeten. Blühende Sträucher verströmten aromatische Düfte. Die Frauen zogen Jamila mit sich.

»Du wirst hungrig sein«, sagte die Gitarristin, die sich als Saida zu erkennen gab und deren Gewand nachtblau schimmerte. Unter einer mit Weinlaub bewachsenen Pergola im Hof entdeckte sie einen großen hölzernen Tisch.

»Komm, setz dich«, sagten die Frauen fast im Chor und mussten lachen. Dann begannen sie, aufzutragen. Aus der hinter ihnen liegenden Küche holten sie duftendes Brot und Wasser in einem irdenen Krug. In kleinen Schalen folgten unterschiedliche Köstlichkeiten; Bohnen in einer aromatischen Soße mit Kreuzkümmel und Petersilie, Spinat mit Käse- und Feigenstücken, Kichererbsenmus mit geschmorten Lammfleischstücken und Pinienkernen, gewürzt mit exotischen Samen und Kräutern und ein Salat aus klein gehackten Tomaten, Zwiebeln, Paprikastücken und grünen Weintrauben, die mit fruchtigem Limettensaft übergossen waren. Nie zuvor hatte Jamila so köstlich gespeist.

»Wenn du satt bist, beginnt der Unterricht. Bei uns gibt es keine Langeweile und keinen Müßiggang«, sagte Zeno. Die Flötenspielerin blickte dabei streng, doch Jamila merkte, dass sie es nicht so ernst meinte.

»Weißt du, was ein Mahmoudi ist?«, fragte sie nun wieder betont ernst. Jamila wusste es nicht und blickte halb neugierig, halb ängstlich in die Runde. Die Frauen lachten und Zarifa begann, den Rhythmus vorzugeben; dunkle laute Schläge, die sie in der Mitte auf dem Fell ihrer Trommel erzeugte, wechselten sich mit hellen Schlägen ab, die sie am Rand flach mit der Hand schlug:

Dum dum takatak, dum dum tak.

»Hörst du es?«, fragte Zeno. Dum dum takatak, dum dum tak! Zeno steckte sich Zimbeln an die Finger und wiederholte den Rhythmus, indem sie die Zimbeln mal offen und mal geschlossen aufeinanderschlug. Saida begann dazu die Laute zu spielen und Suher, die bisher noch kein Instrument in der Hand hatte, stand auf und bewegte sich mit geschmeidigen Bewegungen direkt auf Jamila zu. Sie griff deren Arme, zog sie in die Höhe und begann zu den dumpfen Schlägen jeweils eine Hüfte hochzuziehen oder nach unten kippen zu lassen. Es sah aus, als ob ihre Hüften die Bewegungen unabhängig vom Rest des Körpers machten. Suher raffte ihr grünes Gewand so, dass Jamila genau sehen konnte, wo die Bewegung entstand. Ihre Füße blieben dabei fest am Boden, doch die Knie federten. Die Kraft kam jedoch aus den Hüften, die nun abwechselnd nach oben oder unten schnellten.

»Die Isolation der Bewegungen macht den Reiz aus«, erklärte Suher. »Egal, ob du die Hüften, die Schultern, die Hände oder auch den Bauch bewegst. Es muss so aussehen, als wenn dies völlig unabhängig vom gesamten Körper geschieht.« Jamila staunte und versuchte, ihre Hüften ein wenig zu lösen. Da änderte sich der Rhythmus und Zeno trat in die Runde. Sie ließ die Hüften kreisen, dann beschrieb sie Achten, erst horizontal, dann vertikal. Jamila versuchte, es ihr gleichzutun, diesmal fiel es ihr leichter.

»Und wenn du das gelernt hast, dann geht es erst richtig los. Dann werden diese Bewegungen mit einem Zittershimmy unterlegt. Das ist wie eine leichte Vibration, das Zittern lässt die Bewegungen schweben. Die Anstrengung, die das kostet, sieht man allerdings nicht.« Die Frauen lachten schon wieder. Überhaupt schien es Jamila, als kicherten die Frauen viel miteinander. Tanzen, so streng der Unterricht auch war, blieb eine fröhliche Sache.

Die Zeit ging ins Land und Jamila merkte kaum, wie sie verging. Tanzen wurde ihre Leidenschaft, ihr Lebensinhalt. Sie beobachtete, dass jede der Frauen ihren Lieblingstanz hatte. Die stolze Zarifa balancierte gern mit einem messerscharfen Schwert auf dem Kopf und schaffte es sogar, dieses beim Tanz mit der Spitze nach unten auf ihrem Kopf zu halten. Zeno mochte die klingenden Zimbeln und bestimmte so selbst, welchen Rhythmus sie zum Tanz anschlug. Saida setzte sich gern einen metallenen Kerzenständer auf den Kopf und tanzte mit den brennenden Kerzen oder sie holte ihr schellenbesetztes Tamburin und vollführte kunstvolle Tanzfiguren zu folkloristischen Klängen. Und Suher liebte den Stocktanz, sie wirbelte ihren goldgrün gebänderten filigranen Spazierstock so schnell durch die Luft, dass die beiden Farben ineinanderliefen und wie bei einem Windrad ineinander verschwommen.

Doch manchmal kam Jamila ein irritierender Gedanke. Es schien ihr seltsam, aber die vier Frauen sahen sich so ähnlich, dass Jamila sie eigentlich nur an den Farben ihrer Kostüme und an ihrem Tanz unterscheiden konnte. Es gab kein körperliches Merkmal, keinen Leberfleck, keine Warze, Narbe oder Ähnliches, was die Frauen unterschied. Wenn die vier nun ihre Kostüme einfach vertauschen würden, so könnte es sein, dass sie sie an der Nase herumführten. Jamila musste über ihre eigenen Gedanken lachen. Das würde sie den vieren zutrauen. Die mochten Verwirrspiele und vermutlich beherrschten sie alle Tänze gleich gut.

Diese verrückten Frauen, wie lieb sie sie inzwischen gewonnen hatte. Auch wenn sie vielleicht ihre Späße trieben, so stand doch fest, sie gaben alles für Jamila und reservierten für sie einen speziellen Tanz: den Schleiertanz. Der schien Jamila wie auf den Leib geschrieben und der Schleier und sie verschmolzen dabei zu kunstvollen Figuren. Raffiniert drapierte sie den Schleier zunächst an ihrem Körper, um ihn dann während des Tanzes immer weiter zu lüften. Den losen Schleier schwang sie um sich herum, warf ihn in die Luft, fing ihn wieder auf, um ihn dann wie ein Zelt zu spannen, wie eine Fahne zu hissen, sich erneut darin ein- und auszudrehen, sich dahinter zu verstecken, sich zu ver- und zu entschleiern, ihn dann zu einem Strick zu drehen, mit dem sie ihre Freundinnen neckte. Jamila lernte und lernte.

Die Zeit verging wie im Flug und Jamila reifte zu einer Frau heran. Beim Tanzen leuchteten ihre grünlichen Augen. Ihr schmales Gesicht mit den fast geraden Augenbrauen spiegelte Leidenschaft und Entschlossenheit wider und ihre schlanke Silhouette verlieh ihrem Körper Grazie.

»Heute Abend wollen wir ein Fest begehen«, sagte Zarifa eines Tages. »Und du wirst uns vortanzen. Wir glauben, wir haben dir alles beigebracht, was auch wir können und wir wollen nun die Früchte unserer Arbeit genießen. Wir werden kochen und du wirst für uns tanzen.« Die Frauen trillerten und Jamila konnte kaum widersprechen.

Als sie in den Himmel schaute, sah sie erstmals wieder den Greifvogel. Er kreiste über der Festung. Jamila erschrak, sagte jedoch nichts, sondern konzentrierte sich auf ihre prächtigen Kostüme, die sie zurechtlegte und in denen sie am Abend auftreten wollte. Die Frauen hatten den riesigen Vogel anscheinend nicht bemerkt, sie hantierten in der Küche und der Duft, der zu ihr herüberdrang, versprach die feinsten Delikatessen. Als es dunkelte, konnte auch Jamila das Tier nicht mehr sehen. Die Frauen verteilten im Hof Fackeln, was den Himmel noch schwärzer erscheinen ließ. Auf dem Dach zeichnete sich jedoch ein Schatten ab, den sie heute zum ersten Mal sah.

Jamila setzte sich einen Leuchter auf den Kopf. Vor diesem Tanz hatte sie die meiste Angst, denn sie hatte sich zu Beginn ihres Tanzunterrichts am heißen Wachs verbrannt. Doch inzwischen war sie souverän. Der Leuchter saß fest und ihr Kopf blieb während der verschiedenen Tanzfiguren völlig reglos, auch als der Greif quer durch den Hof flatterte. Die Frauen trillerten begeistert und Jamila nahm den Leuchter vom Kopf und verbeugte sich demütig. Dann tanzte sie mit Zimbeln und schlug den folkloristischen Ҫiftetelli mit seinem gefürchteten Neunachteltakt an, der auch geübten Tänzerinnen Probleme machte. Ihm folgte der Saidi, der für den Stocktanz typisch ist. Dabei trug Jamila ein mit silbernen Pailletten besticktes hellrotes Kleid. Für jeden Tanz wechselte Jamila die Garderobe und stellte ihre selbst gefertigten Kostüme auf diese Weise vor. Die Frauen rekelten sich auf ihren bequemen bunten Kissen am Boden. Sie knabberten Leckereien, knackten Nüsse, tranken süßen Wein und genossen Jamilas Tänze, waren aber auch kritische Beobachterinnen. Bisher hatten sie keine Fehler entdeckt.

Für den Höhepunkt des Abends hatte Jamilas ihren Schleiertanz vorbereitet. Obwohl die Frauen ja wussten, was sie erwartete, waren sie dennoch gespannt, als ob etwas Unvorhergesehenes passieren könnte. Und tatsächlich geschah etwas, das auch Jamila nicht ahnte. Sie wusste, dass der Jussuf Ben Alis Schleier ein Eigenleben besaß, manchmal wechselte er seine Farben zum Rhythmus der Musik. Nie hatte sie jedoch Schleier und Zimbeln gleichzeitig benutzt und es war, als ob sich Zimbeln und Schleier miteinander kurzschlossen. Jeder Zimbelschlag erzeugte auf dem Schleier einen leuchtenden Funkenregen, fast als würden Hunderte von Sternschnuppen über den Stoff huschen. Dann verließen sie ihn, folgten als gelbe oder weiße Funken den Bewegungen der Tänzerin und umrahmten ihn so mit ihrem Feuerwerk. Jamila tanzte zwischen ihnen, drehte sich mit ihrem Schleier immer schneller und eine Säule aus glühenden Punkten schraubte sich als rotierender Wirbel in den Nachthimmel und öffnete einen Blick in die unendliche Weite. Als Jamila ihren Tanz beendete, zeigten sich die Frauen sprachlos.

Jamila selbst hatte das Schauspiel überwältigt, sie war aufgeregt und sah es als Zeichen, dass ihre Zeit hier zu Ende ging. Mit gemischten Gefühlen setzte sie sich zu den Frauen und begann von den Leckereien zu kosten. Doch, obwohl sie herrlich schmeckten, mochte Jamila kaum davon essen.

Sie fühlte sich schwermütig und musste an Hassan denken, der damals in ihrem Traum in den Sternhaufen gesprungen war und mit den Sternen verschwand. Wie mochte es ihm gehen? Jamila spürte eine starke Sehnsucht nach ihm.

Die Frauen sahen den Schmerz in Jamilas Gesicht und umarmten sie. Jamila war ihnen eine gute Freundin geworden, doch anders als sie, die gerne von ihren Schwärmereien oder auch Liebschaften unten im Dorf erzählten, lebte Jamila bei ihnen wie eine Nonne. Sie verließ die Burg kaum und hatte bei ihren seltenen Einkäufen nie nach Männern geschaut, obwohl es dort zahlreiche Bewerber für sie gegeben hätte.

»Sag uns, Jamila, was macht dein Herz so schwer?«, fragte Zarifa.

»Gibt es da einen, den du uns verschwiegen hast. Ist es ein trauriges oder gar dunkles Geheimnis?«, flüsterte nun Zeno.

Jamila wurde dunkelrot. Was sollte sie darauf antworten, wie erklären, wem ihre Liebe galt?

»Er heißt Hassan«, sagte sie schüchtern.

»Hassan, welch schöner Name«, antwortete Zarifa und nickte Jamila aufmunternd zu.

»Er hat schwarzes Haar und dunkle Augen, die immer lachen. Und sein Bart sieht aus wie der eines Ziegenbockes, so schön geschwungen.« Dabei lachte und weinte Jamila gleichzeitig. Die Frauen nahmen sie in die Arme und hörten auf zu fragen. Sie trösteten sie, bis Jamila sich beruhigte und irgendwann einschlief.

Im Schlaf träumte Jamila von Hassan. Wieder sah sie das Himmelszelt, doch Hassan hatte sich verändert. Er war zu einem stattlichen Mann geworden, mit schwarzem Haar, dunklen Augen und einem Bart, der ihr immer noch bekannt vorkam. Dann lachte Hassan sie an und sagte: »Wir werden uns ganz bald wiedersehen.«

3: Kindheit

Am nächsten Morgen wachte Jamila bereits im Morgengrauen auf. Sie lag auf den bunten Kissen im Hof und starrte in den tiefblauen Morgenhimmel. Da sah sie den Vogel. Der Greif zog seine Kreise direkt über ihr. Schnell raffte sie ihre Kostüme zusammen und knotete ihre Schleier darum. Dann warf sie das Bündel über ihre Schulter und verließ leise die Burg, ohne ein Wort des Abschieds. Sie kletterte zu dem Felsvorsprung, auf dem der Vogel sie damals abgesetzt hatte. Ein wenig traurig blickte sie zurück. Da spürte sie auch schon den sausenden Wind, die Vogelklauen griffen nach ihr und wenig später schwebte sie durch die Luft. Wieder ging es quer durch die endlose Wüste. Der Sand veränderte bald seine Farbe von Grau nach Gelb und leuchtete im Sonnenschein so stark, dass Jamila fast geblendet wurde. Sie dachte an die Frauen, spürte wehmütig den Abschied, doch fühlte sie sich trotzdem frei und glücklich. Sie wusste, sie befand sich auf dem richtigen Weg und die Farbe des Sandes erinnerte sie an ihre Heimat. Schon sah sie den kleinen Fluss, an dem ihr Heimatort lag, da flog der Vogel zu Boden, setzte sie ab und erhob sich bereits wieder in die Lüfte. Erschrocken blickte sie ihm nach und sah eine goldene Feder zu ihr herniedersinken. Sie fing die Feder auf und steckte sie ein. Der Vogel verschwand kurz darauf am Horizont.

Enttäuscht blickte Jamila in den Himmel und ging zum Ufer des Flusses. Dichtes Schilf und Gestrüpp ließen sie kaum ans Wasser treten. Von hier war kein Weiterkommen möglich. Der Weg führte auf der anderen Seite entlang. Also musste sie den Fluss überqueren, doch wie? Das Wasser floss zwar nicht schnell, doch es bildete gefährliche Strudel und Schwimmen konnte sie nicht. Der kleine Fluss war nicht tief. Vielleicht wäre es möglich, hinüber zu waten, doch dazu musste sie ihr Bündel auf dem Kopf balancieren. Warum hatte der Vogel sie gerade hier abgesetzt?

Ihr Glücksgefühl wich und machte Ärger und Wut Platz. Also löste sie den äußeren Schleier von Jussuf Ben Ali, um diesen als eine Art Turban zu benutzen, auf dem ihr Bündel stehen sollte. Als sie den ersten unsicheren Schritt ins Wasser tat, blies eine Böe in den Turban und löste diesen. Das Tuch flatterte vor ihre Augen, sie versuchte danach zu greifen, konnte nichts mehr sehen, strauchelte und rutschte ins kühle Wasser. Doch bevor sie untergehen konnte, blies der nächste Windstoß unter den Schleier und dieser bildete eine Art Zelt. Dieser pralle Luftsack verhinderte, dass Jamila unterging, und so trudelte sie, ihr Bündel auf dem Kopf balancierend, der Heimat entgegen.

Einige Kinder entdeckten sie und begleiteten sie kreischend am Ufer. Dann sah sie den Steg, von dem aus ein paar Fischer ihre Angeln ausbrachten. Verblüfft schauten sie zu Jamila, die regelrecht auf dem Wasser schwebte. Einer der Männer sprang in den Fluss und ergriff sie, die anderen versuchten, sie an Land zu ziehen. Nur an den Füßen nass stand Jamila bald neben ihnen und sie betrachteten sie wie ein Wunder.

»Wer bist du?«, fragte einer der Angler. »Kannst du über das Wasser gehen?« Jamila schaute ihn mit ihren grünschimmernden Augen schelmisch an.

»Sei gegrüßt, Mohamed«, antwortete sie, »erkennst du mich denn nicht? Ich bin Jamila, Jamila, die vor Jahren mit Hassan auf eurem Markt Kunststücke vorführte. Manchmal habt ihr dazu getrommelt.«

»Jamila, du bist es! Lass dich anschauen. Du bist eine junge Frau geworden und wunderschön noch dazu. Sei willkommen in der Heimat. Kunststücke machst du ja anscheinend immer noch.« Alle amüsierten sich.

»Jamila«, fuhr Mohamed fort, »das Haus deiner Eltern steht leer und wartet auf dich. Seit Langem machen wir uns Gedanken, aber dein Vater ist nie zurückgekehrt und wir wussten nicht, wo du warst. Die Nachbarn haben Obacht auf euer Haus gegeben.«

»Ich freue mich, wieder hier zu sein«, antwortete Jamila, wusste aber nicht so recht, ob sie an ihre eigenen Worte glaubte, denn die Erinnerungen an ihre Kindheit brachen in ihr auf. So machte sie sich auf den Weg, erkannte die alten Gassen, die sie entlanggelaufen war, und stand dann urplötzlich vor der unverschlossenen Tür ihres Elternhauses. Schnell ging sie hinein. Das Haus kam ihr fremd vor. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie praktisch kaum hier gewesen. Eine Staubschicht überzog die wenigen Möbel. Die Räume atmeten Traurigkeit. Sie fühlte sich allein.

›Mama‹, dachte sie. ›Ich habe dich so lieb gehabt und dann …‹ Tränen stiegen in ihr auf. Die Erinnerung drückte sie nieder. Ihr schien, als hinge der letzte heisere Schrei ihrer Mutter immer noch in der Luft. Jamila zuckte zusammen und spürte Angst in sich aufsteigen, die schreckliche Szene stand plötzlich ganz deutlich vor ihr:

Sie stürmte zum Zimmer ihrer Mutter, sah das aschfahle Gesicht auf Kissen gebettet und den seltsamen Blick. Anders als sonst reagierte ihre Mutter nicht, sondern sah durch sie hindurch. Neben der Mutter kauerte ihr Vater, die Hände vor das Gesicht geschlagen, zeigte er keine Regung. Er wirkte uralt. Jamila blieb mit großen Augen in der Tür stehen.

»Mama«, das Wort kam ganz leise aus ihrem Mund, so leise, als wäre es nutzlos geworden. Ihre Mutter, die sie vom Bett aus immer so lieb angelächelt hatte, reagierte nicht. Ihre Eltern mussten sie doch bemerkt haben, doch nichts geschah. Sie traute sich nicht, den Raum mit seiner gespenstischen Atmosphäre zu betreten, und fürchtete sich. Es roch nach kaltem Weihrauch und Kräutern, die sie nicht kannte. Nach einigen Minuten ging Jamila leise aus dem Haus, hinaus auf den stillen Hof. Sie wusste nicht wohin. Nie hatte sie solch schreckliche Einsamkeit gespürt, sich so allein gefühlt. Die Tür zum Nachbarhaus stand offen. Sie schlüpfte hinein und lief zum Ziegenstall.

Jamila mochte die Nachbarziege. Sarah hatte ihr einige Male die Hände abgeleckt und das hatte sehr lustig gekitzelt. Jetzt klang ein lautes Meckern aus dem Stall, unterbrochen von höheren und etwas leiseren Lauten. Als Jamila hereinkam, sah sie ein winziges schwarzes Zicklein, das an der Zitze der alten Ziege saugte und neugierig meckernd zu Jamila aufschaute.

»Wer bist du denn?«, fragte Jamila und setzte sich gespannt in das duftende Heu. Beide schauten sich an. Das kleine Zicklein meckerte und Jamila umarmte das Tier, schmiegte sich an sein weiches Fell und gab glucksende Laute von sich. Nun fühlte sie sich doch ein wenig geborgen. Sie wollte nicht an ihre Eltern denken, obwohl sie bisher immer mit ihnen zusammen gewesen war. Gegen Abend schaute die Hausherrin in den Stall, eine hagere Frau, die mit flinken Bewegungen den Ziegen Küchenabfälle hinwarf. Als sie Jamila entdeckte, eilte sie noch einmal ins Wohnhaus und kam mit einem Schüsselchen zurück. Die darin befindlichen Bohnen und das Grünzeug unterschieden sich kaum vom Futter der Ziegen. Doch Jamila war hungrig und machte sich eilig darüber her. Danach durfte sie sogar an Sarahs rosiger Zitze nuckeln, die ihre Milch bereitwillig dem Kleinkind anbot. Anschließend schliefen die drei friedlich zusammen ein und erwachten erst am nächsten Morgen.

Von ihrem Elternhaus drangen unbekannte Geräusche an Jamilas Ohr. Vorsichtig verließ sie das warme Lager neben den Ziegen und machte sich auf den kurzen Weg nach Hause. Dort herrschte ungeahnte Betriebsamkeit, Menschen kamen und gingen, die meisten kannte sie nicht. Das Bett ihrer Mutter war leer und ihr Vater stand mit einigen ernst dreinschauenden Männern zusammen und schenkte ihr keinen Blick. Jamila verstand die Welt nicht mehr. Wo war ihre geliebte Mama? Warum schaute ihr Vater nicht wenigstens einmal zu ihr hin? Er hatte sich nie viel um sie gekümmert, aber jetzt war es, als lebte er in einer anderen Welt. Traurig kehrte Jamila in den Ziegenstall zurück. Das Zicklein begrüßte sie mit wilden Bocksprüngen und ihr Herz wurde etwas leichter. Sie setzte sich zu ihm ins Stroh. Am Nachmittag hörte sie die Stimme ihres Vaters, doch er kam nicht zu ihr, sondern sprach leise mit der Nachbarin. Jamila ging zum Fenster des Wohnhauses und lugte hinein.

»Ich kann mich nicht um das Kind sorgen. Jetzt nach dem Tod meiner Frau möchte ich mich wieder ganz meinen Studien widmen. Ich werde mit einigen Glaubensbrüdern an die große Klosterschule in der Hauptstadt gehen. Ich bitte Euch, kümmert Ihr Euch um Jamila.« Mit diesen Worten gab der Mann der Nachbarin einen ledernen Beutel, in dem Münzen klingelten. Die Nachbarin spähte skeptisch, ihre hakenförmige Nase reckte sich hervor. Schnell griff sie mit ihrer knochigen Hand den Sack, nickte und Jamilas Vater eilte darauf erleichtert aus dem Haus, ohne sich von seiner Tochter zu verabschieden.

Jamila hatte zwar längst nicht alles verstanden, doch sie spürte, dass sie in diesem Moment nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihren Vater verloren hatte. Als die ersten Tränen ihre Wangen herunterliefen, kam das kleine Böckchen und stupste sie an. Es leckte ihre Tränen weg und meckerte fröhlich.

»Ach du, mein Kleiner, jetzt habe ich nur noch dich.« Während Jamila dies sagte, weinte und lachte sie gleichzeitig. »Du bist mein Freund, ich werde dich Hassan nennen«, sagte sie zu ihm.

Hassan, ob er dort drüben auf sie wartete? Jamila saß auf dem Boden im ehemaligen Zimmer ihrer Mutter. Draußen dunkelte es bereits. Sie ließ ihren Blick durch das offene Fenster wandern, sah das Nachbarhaus mit dem Ziegenstall. Dort hatte sie von da an gelebt. Ihre Erinnerungen hielten sie fest.

Nur einmal in der Woche durfte Jamila ins Wohnhaus. Dann konnte sie sich mit den Kindern der Frau am Wassertrog waschen und die Nachbarin kämmte und flocht danach ihre dunklen, dicken, langen Haare, was jedes Mal zu viel Geschrei führte, da sie dabei sehr ruppig vorging. Jamila mochte die herbe Frau nicht, doch sie wusste, dass sie nirgendwo anders hingehen konnte. So kniff sie lediglich ihre grünlich schimmernden Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und funkelte böse vor sich hin. Die Nachbarin ließ das kalt. Kinder waren für sie zum einen eine lästige Pflicht und zum anderen billige Arbeitskräfte. Schon früh morgens schickte sie die Kinder aufs Feld oder ließ sie im Hof oder in der Küche helfen. Wer ihrer Meinung nach nicht schnell genug arbeitete, bekam ihren ledernen Schlappen zu spüren. Jamila versuchte, sich möglichst von der Frau fernzuhalten, gleichzeitig aber in Hassans Nähe zu bleiben, so konnte sie immerhin zwischendurch in den Ziegenstall entwischen oder durfte Hassan und Sarah sogar zum Fressen auf die Wiese ausführen. Während solch schöner Momente ritt Jamila dann auf dem inzwischen groß gewordenen Ziegenbock und vergaß darüber ihre traurigen Lebensumstände.

Bei so einem Ausflug leuchteten ihre Augen eines Tages strahlend grün auf und sie sah ihren Freund verschmitzt an:

»Hassan, was meinst du? Soll ich mich mal auf deinen Rücken stellen?« Hassan war zu einem prächtigen Ziegenbock herangewachsen, mit langem schwarzem Fell und großen gedrehten Hörnern. Als Antwort meckerte Hassan heiter und senkte dabei kurz den Kopf. Als Jamila begann, sich auf seinem Rücken aufzurichten, blieb Hassan zunächst sehr ruhig. Als sie schließlich aufrecht stand, bewegte er sich vorsichtig vorwärts und verfiel in einen gleichmäßigen Schritt.

»Schneller, schneller«, jauchzte Jamila und die beiden trotteten nun über die Wiese. Jamila hob ein Bein, setzte es wieder ab, hob dann das andere, um aus dem festen Stand unvermittelt einen Handstand zu machen. Ihre Hände hielten sich im Fell des Ziegenbocks fest. Dann glitten ihre Beine nach unten und schoben sich ausgestreckt zu Hassans Kopf. Immer noch auf ihre Hände aufgestützt schaukelte Jamila nun vor und zurück, bis sie sich entkräftet auf Hassans Rücken fallen ließ. Dieses akrobatische Spiel übten sie fortan immer öfter und es gelang ihr zunehmend besser. Als die beiden eines Tages zum Hof zurückkehrten, reckte Hassan stolz den Kopf, Jamila richtete sich noch einmal auf und ritt stehend zum Ziegenstall. Die Kinder des Hauses waren sprachlos. Auch die Hausherrin hatte das Treiben aus der Küche beobachtet. Sie stürmte aufgebracht zum Stall.

»Jamila, es ist nicht die Zeit für solche Späße«, rief sie erzürnt und zog das Kind am Ohr, bis sich dessen Kopf nach hinten bog. Dann verzogen sich ihre dünnen Lippen zu einem schmalen Lächeln. »Aber«, zischte sie, »wenn du schon solche Eskapaden machst, dann nutze sie zu unser aller Wohl.« Jamila guckte die Frau mit vor Schmerz tränenden Augen fragend an. Die lockerte ihren Griff.

»Muss ich es dir noch erklären? Morgen geht es zum Markt. Da führt ihr das Ganze vor und in deinem Essensnapf sammelst du danach die Münzen. Kommt mir bloß nicht ohne Geld nach Hause.« Die Frau versetzte Jamila einen Stoß gegen die Schulter und ging mit schnellen Schritten davon. Im Hauseingang drehte sie sich noch einmal um, »und wage ja nicht, das Geld zu unterschlagen. Es gehört mir, damit trägst du wenigstens ein bisschen zu deinem Unterhalt bei, du Rotzgöre.« Sie schlug die Tür zu. Verunsichert blickte Jamila vor sich hin, doch Hassan gab ein zuversichtliches Meckern von sich, als hätte er jedes Wort verstanden.

Am nächsten Morgen brachen die beiden auf. Jamila trug einen einfachen grauen Baumwollkittel und eine schlichte graue Pumphose. Um ihre dicken Zöpfe hatte sie bunte Bänder aus alten Stoffresten gewunden und auch Hassans Hörner damit geschmückt. Mit erhobenem Kopf ritt sie auf Hassans breitem Rücken zum Marktplatz. Als die beiden dort eintrafen, stießen sich prompt einige Passanten an und begannen über das merkwürdige Pärchen zu lachen.

Doch das Lachen wich bald echter Begeisterung. Schon stand Jamila auf Hassans Rücken. Der lief immer schneller im Kreis und die bunten Bänder flatterten im Wind. Jamila drehte mit ihm weitere Runden, bis sie sich elegant in einen Handstand schwang. Auf dem Marktplatz sammelte sich bald eine Menschentraube, sie feuerte die beiden an und einige Frauen gaben ihre typischen Trillerrufe von sich. Hassan reckte den Kopf stolz und meckerte. Jamila glitt über einen Kopfstand zurück in die Reitposition, stemmte sich nun mit den Händen hoch, schaffte es sogar, sich nur mit einer Hand zu halten, und drehte sich elegant um hundertachtzig Grad. Nun ritt Jamila rückwärts und zur Freude aller begann der Händler Mohamed, dazu die Trommel zu schlagen. Die Stimmung stieg und die Zuschauer waren kaum noch zu halten.

»Jamila«, riefen sie und feuerten die beiden an, andere »meckerten« und neckten Hassan und natürlich spendierten sie gerne ein paar Münzen in Jamilas Napf, der am Rand des Platzes stand. Zum Abschied winkte Jamila ihnen zu und rief: »Morgen kommen wir wieder«, und Hassan senkte dazu zweimal seinen Kopf.

Von nun an gingen Hassan und Jamila täglich zum Markt und zeigten ihre Kunststücke. Die Zuschauer begeisterten sich und spendeten bereitwillig Geld. Abends erwartete die Nachbarin sie bereits ungeduldig am Hoftor und riss Jamila das Geld regelrecht aus der Hand. Doch bald reichten ihr die Münzen nicht mehr.

»Ist das alles oder steckst du einen Teil des Geldes heimlich ein?« Die Frau wollte schon wieder Jamilas Ohr fassen, doch die sah das Übel kommen und sprang einen Schritt zur Seite. Wütend schrie die Frau: »Werde nicht frech. Dir werde ich helfen«, doch dann schien ihr das Ganze lästig zu werden. Sie überlegte es sich anders: »Warum geht ihr nicht in die Nachbarstadt. Dort leben mehr Menschen als hier und die kennen eure Kunststücke noch nicht und sie haben mehr Geld?« Die Frau stürmte in die Küche davon und die beiden hörten sie eifrig hantieren.

Bald kehrte sie mit einem Weidenkorb zurück, der mit allerlei Grünfutter gefüllt war, obendrauf lag ein Brot und ein kleiner Sack mit Datteln, die wohl als Wegzehrung dienen sollten. Hassan wackelte aufgeregt mit den Ohren. Als die Frau gegangen war, flüsterte Jamila:

»Wir werden allein sein, nur du und ich. Nichts wie weg von hier.« Jamila strahlte. Sie zog ihre dunklen Augenbrauen in die Höhe, spitzte ihren Mund und drückte Hassan ein dickes Küsschen auf die Stirn. Hassan hielt still und gab leise sein freudiges Meckern von sich.

Am nächsten Morgen verließ das Paar noch vor Sonnenaufgang den Hof und machte sich auf den Weg. Am Nachmittag erreichten sie die Nachbarstadt und steuerten direkt auf den Markt zu. Die beiden waren hier erstaunlicherweise keine Unbekannten, denn ihr Ruf eilte ihnen voraus. Die Menschen, die sie unterwegs sahen, liefen ihnen voraus und begrüßten sie mit stürmischem Applaus. Die ausgelassene Stimmung beflügelte die beiden. Jamila machte ihre Kunststücke noch gewagter als zuvor und Hassan drehte seine Runden immer schneller. Die ganze Aufführung steigerte sich zu einem richtig ausgelassenen Fest. Trommeln erklangen, eine Flöte ertönte und einige Männer sangen. Die Frauen trillerten und lachten und alle Zuschauer spendeten großzügig. Einige boten den beiden auch einen Übernachtungsplatz an. Am Tag darauf folgte eine neue Vorstellung und am übernächsten ebenfalls. Täglich kamen mehr Zuschauer.

So ging es Tag für Tag, und als die erste Woche vorüber war, sagte Jamila: »Ich will nicht zurück zu der bösen Frau und du willst es sicher auch nicht. Lass uns noch etwas hierbleiben und dann weiterziehen, es gibt andere Städte, größere noch dazu und Oasen in der Wüste. Hassan, wir werden unser Glück finden.« Jamila war ganz aufgeregt. Über ihre hohen Wangen liefen Freudentränen und selbst die schwarzen Augen des Ziegenbocks leuchteten feucht.

Jamila und Hassan zogen von nun an durch die Lande. Die Menschen liebten ihre Darbietungen und die beiden liebten es vor ihnen aufzutreten. So ging es über Jahre. Hassan sprang durch brennende Reifen und Jamilas artistische Stellungen auf Hassans Rücken wurden immer ausgefeilter. Jamila dachte nicht mehr an ihr Zuhause, nicht an ihre Eltern und auch nicht an die boshafte Nachbarin. Um ihre Heimatoase schlugen sie einen großen Bogen. Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können, doch eines Tages merkte Jamila, dass etwas nicht stimmte. Sie schaute sich Hassan an, doch der sah aus wie immer, nur wirkte das eigentlich mehr als stattliche Tier irgendwie kleiner.

»Hassan, was ist mit dir?«, fragte Jamila besorgt. Traurig schaute er Jamila an, wusste er doch, dass er nicht schrumpfte, sondern es war Jamila selbst, die ihm über den Kopf wuchs und immer schlechter auf seinen Rücken passte. Jamila begann zu weinen und Hassan leckte wie vor langer Zeit ihre Tränen fort. Sie wusste, dass etwas passieren musste, und sie hatte Angst davor.

Eng saßen sie aneinander gekuschelt auf der Wiese vor den Toren der Stadt, in der sie nun schon länger auftraten. Über ihnen leuchtete der Sternenhimmel. Jamila schaute hinauf und auch Hassan reckte seinen Kopf nach oben. Er schaute auch dann noch hinauf, als Jamila längst eingeschlafen war.

4: Hassan

Hassan erblickte am Himmel einen riesigen Vogel. Er sah aus wie ein Steinadler und kreiste über den beiden. Hassan ängstigte sich nicht. Der Vogel faszinierte ihn, er verfolgte ihn mit den Augen. Das Tier drehte weiter seine Runden und kam dabei immer näher. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen schritt Hassan langsam auf einen kleinen Felsen zu und kletterte ihn hinauf. Er sah Jamila auf der Wiese schlafen und seine Augen füllten sich mit Tränen. Dann drehte er seinen Kopf von ihr fort und schaute erwartungsvoll in den Himmel. Der Vogel war nicht mehr zu sehen, stattdessen hörte er hinter sich ein zunehmendes Brausen. Spitze Vogelkrallen drangen in sein Fell und griffen fest zu. Hassan stand reglos und spürte, wie er sich wie von allein in die Lüfte erhob. Über sich erahnte er den mächtigen Bauch des Vogels, davor den Adlerkopf, der konzentriert die Route fort von Stadt und Wiese einschlug.

Hassan schaute ängstlich zurück und suchte die schlafende Jamila, die nun winzig klein erschien. Die Gedanken sammelten sich in seinem Kopf. Bisher waberten Gefühle in seinem Inneren wie eine zähe Masse. Doch nun konnte er einzelne Gedanken fassen, sie verfolgen. Instinktiv hatte er bisher die Worte von Jamila verstanden, doch nun sah er sie in ihrer Vielfalt viel klarer und auch das Drumherum, das, was um ihn geschah, betrachtete er aus einem neuen Blickwinkel. In ihm steckte ein Mensch, ein Mensch, der in einem Tierkörper gefangen war.

Als er nach unten schaute, war Jamila nicht mehr zu sehen. Er fühlte, dass er sie wiedertreffen würde. Doch erst einmal stand ihm ein Kampf bevor, bei dem Jamila ihm nicht helfen konnte. Nur er allein musste sich von dem Ziegenkörper befreien, der nicht seiner war, sich zu einem Menschen wandeln und den Fluch, der ihn wie ein Korsett in dem Laib eines Ziegenbocks presste, zerreißen.

Gleichzeitig prasselten neue Eindrücke auf Hassan ein. Er flog rasend schnell über den Himmel. Die Schwingen des Riesenvogels schlugen immer schneller und unter ihm glitten mehrere Oasen im fahlen Mondlicht hinweg. Dann näherten sie sich einem Gebirge und Hassan erspähte in einem der Berggipfel eine Art Felsentor. Durch das Tor leuchtete rötliches Licht, so, als ob die Sonne hinter dem Tor bereits aufgehen würde. Die Felsen drum herum lagen weiter im schummrigen Mondlicht, die ganze Umgebung schien zu schlafen. Da sah Hassan das Tor direkt vor sich, er sah wechselnde Farben, einen Tunnel aus bunten Lichtern, der sich drehte. Ein Glücksgefühl stieg in ihm auf. Der Vogel steuerte weiter direkt auf das Tor zu und beschleunigte seinen Flug. Dann kurz vor dem Tor schnellten seine Klauen nach hinten, holten Schwung und warfen Hassan durch die Felsenöffnung. Hassan flog und flog.

Es war ein Wechselbad der Gefühle, nie hatte er so klar gedacht, so genau gespürt und wusste dennoch nicht, was ihm geschah. Die Zeit blieb stehen. Hassan fühlte eine Verwandlung, unsichtbare Hände durchstreiften sein Fell. Hassans Körper wurde in die Länge gezogen, seine Körperhaare lösten sich und flogen wie ein Kometenschweif hinter ihm her. Er fühlte eine Metamorphose, fast wie ein Insekt, das aus der Larve schlüpft. Alles war noch da, doch es war verändert. Er versuchte Arme und Beine zu bewegen, doch der Flug durch den Tunnel machte dies fast unmöglich. Nur sein Kopf schien unverändert, äußerlich zumindest, denn in seinem Inneren dachte und fühlte er nun wie ein Mensch.

Auf einmal erweiterte sich der Tunnel. Das Farbenspiel der Lichter verschwand, die Drehungen endeten, der Tunnel zeigte konvulsivische Zuckungen und spie ihn aus. War dort eine Wiese mit saftigem Grün? Hassan landete auf allen vieren, doch es fühlte sich anders an als bisher. Seine Hufe fehlten, stattdessen hatte er Hände mit fünf Fingern an den Vorderläufen, oder besser gesagt Armen. Er krümmte die Finger, streckte sie, fuhr damit über die Grashalme, fühlte ihr leichtes Kitzeln und begann zu lachen. Sein Lachen klang rau, doch es war nicht mehr das Meckern eines Ziegenbocks. »Schneider Meck-Meck«, formten seine Lippen, Worte fielen ihm ein, die er kannte. Hassan drehte und kugelte sich auf der Wiese, er versuchte zu singen, dann lachte und weinte er gleichzeitig, beruhigte sich etwas und bestaunte seine Füße. Sein großer Zeh kratzte an einem Busch, der nahe bei ihm stand.

»Willkommen auf dem Planet der Verwunschenen«, leise und hohe Stimmen wisperten in sein Ohr.