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Liebst du noch, oder lebst du schon?
Paula, eine attraktive Mittzwanzigerin und Kind typischer 68er-Eltern, hat ein abgebrochenes Germanistik-Studium und bald eine gescheiterte Beziehung mit Jan hinter sich. In ihrem Job, bei dem sie nach ihrem x-ten unentgeltlichen Praktikum hängengeblieben ist, langweilt sie sich zu Tode. Warum lief denn bloß alles so fürchterlich schief? Warum führten Jan und sie ständig Diskussionen über dreckiges Geschirr, anstatt gemeinsam abzuspülen und dabei die Internationale zu singen? Wieso gab sie sich mit einem stumpfsinnigen Büroalltag zufrieden? Doch jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Beruflich packt Paula plötzlich der Ehrgeiz, als sie alleinverantwortlich den Online-Auftritt für einen Großkunden entwickeln soll. Und dann lernt sie auf einer Party Clemens kennen, der so ganz anders ist als Jan: Er ist kultiviert, zuvorkommend und ordentlich, für Fußball hat er nichts übrig, er geht lieber ins Theater. Paula ist hingerissen und überzeugt: Das ist der Richtige! Nur – wieso geht ihr trotz allem Jan nicht aus dem Sinn?
Authentisch, schwungvoll und mit viel Witz erzählt Anna Licht vom verwickelten Leben einer jungen Frau und ihrer Suche nach dem richtigen Mann, dem richtigen Job - und dem richtigen Glück.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2011
Anna Licht
Jan ist weg
Roman
Aufbau-Verlag
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ISBN E-Pub 978-3-8412-0241-3
ISBN PDF 978-3-8412-2241-1
ISBN Printausgabe 978-3-7466-2496-9
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Erstausgabe erschien 2009 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
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Als ich am Freitag nach Hause kam, war er tatsächlich weg. Ausgezogen, abgehauen. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel:
»Du hast recht, es geht so nicht weiter, vielleicht brauchen wir beide ein bisschen Abstand. Ich ziehe erst mal zu Karl, meine anderen Sachen hole ich Montag. Ich rufe dich in den nächsten Tagen an. Jan«
Er hatte seinen halben Kleiderschrank ausgeräumt, im Bad fehlte sein Rasierzeug. Die elektrische Zahnbürste hatte er dagelassen, die gehörte uns nämlich gemeinsam. Ansonsten sah alles aus wie immer, nur sauberer. Jan hatte den Abwasch gemacht und sogar seine dreckige Wäsche mitgenommen. Sehr rücksichtsvoll. Ich konnte es nicht fassen. In zwei Monaten wären wir drei Jahre zusammen gewesen, und er zog einfach aus. Vor lauter Schreck leerte ich hintereinander weg die vier Dosen Karlsquell, die Jan im Kühlschrank hatte stehenlassen. Danach war mir speiübel. Ich hasste Bier. Ich hasste Jan. Ich fing an zu heulen. Wie konnte er mir das antun?
Am nächsten Morgen drohte mein Schädel zu explodieren. Ich trank ungefähr einen Liter Wasser, nahm zwei Aspirin, verstöpselte mir die Ohren mit Ohropax und ging zurück ins Bett. Als ich später wieder aufwachte, waren zumindest die Kopfschmerzen weg. Ich schleppte mich ins Badezimmer, aus dem Spiegel glotzte mir eine bleichgesichtige Leiche entgegen. |6|Innerhalb von zwölf Stunden war ich von einer attraktiven Mittzwanzigerin zu einer Vogelscheuche mutiert: Die Haare standen struppig vom Kopf ab, die Augen waren blutunterlaufen, die Lippen aschfahl. Außerdem entdeckte ich mindestens dreihundert neue Falten in meinem Gesicht. Dieses bedauernswerte Geschöpf brauchte dringend weiblichen Beistand. Ich rülpste und beschloss, Sara anzurufen.
Sara ist meine allerbeste Freundin, wir haben uns in einem Philosophieseminar kennengelernt. Wir waren beide im ersten Semester und kannten den Unterschied zwischen Ethik und Ästhetik noch nicht. Seither haben wir alle Höhen und Tiefen des Lebens zusammen bestanden.
Nachdem sie zwanzig Minuten geduldig meiner Leidensgeschichte gelauscht hatte, versprach sie mir, abends vorbeizukommen und mich aufzubauen.
Den Sonntag verbrachte ich leidend mit meiner Wärmflasche auf dem Sofa. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass Jan tatsächlich ausziehen würde! Okay, wenn man kleinkariert nachrechnete, hatte ich das Elend eingeläutet, indem ich gesagt hatte, wir brauchten ein bisschen Abstand voneinander. Aber damit hatte ich nicht gemeint, er solle seine Sachen packen und zu seinem Freund ziehen. Ohne mich zu fragen! Uns verband schließlich schon eine lange Geschichte!
Als ich Jan das erste Mal sah, saß er bei meiner Sandkastenfreundin Leni in der Küche. Ich hatte mich mit ihr verabredet, um auf meine gerade bestandene Zwischenprüfung anzustoßen. Sofort stach mir Jans lilafarbenes Shirt ins Auge, das mit einer Comicfigur bedruckt war – es gehörte Leni.
Sie hatte Jan am Vortag beim gemeinsamen Sezieren einer Leiche aufgegabelt. Danach waren sie ins Kino gegegangen und schließlich in einer Kneipe versackt. Sie konnten sich wahnsinnig super über ihr Medizinstudium unterhalten, weshalb |7|Leni ihn später am Abend mit zu sich nach Hause nahm, wo sie gleich knutschend auf dem Sofa landeten. Leni hatte mir ausführlichst über diese Nacht berichtet. Jan hatte nicht gleich in der ersten Nacht mit ihr schlafen wollen, woraufhin sie panische Angst bekommen hatte, dass sie wieder mal an so einen verklemmten Sexualkrüppel geraten sein könnte. Glücklicherweise entspannte sich die Situation, als Jan und Leni dann in der zweiten Nacht miteinander schliefen.
Ich hatte zu dieser Zeit eine komplizierte Beziehung zu Daniel hinter mir, die sich leider auch nach unserer Trennung nicht wesentlich entkrampfte. Vielmehr rief Daniel mich ab und zu an, um mir vorzuwerfen, dass ich mich von der wahren Paula, die nur er kenne, entfremdete. Ich konnte mich stundenlang darüber aufregen, zumal er seine Informationen über meine alte Freundin Katharina bezog, die ihn offenbar mit Details über mein Intimleben versorgte – eben auch mit solchen, die eigentlich unter der Kategorie »streng vertraulich« liefen. Irgendwie hatten die beiden just in den Wochen nach unserer Trennung ihre Seelenverwandtschaft entdeckt und sahen sich nicht mehr imstande weiterzuleben, ohne geheime Informationen über das Leben ihrer Freunde auszutauschen. Die Situation entspannte sich erst, als Daniel und Katharina sich selbst in den Austausch von Intimitäten einbezogen und eine Liebesbeziehung begannen. Heute sind sie verheiratet und haben zwei Kinder.
Jedenfalls hatte ich, als ich Jan das erste Mal in Lenis lilafarbenem T-Shirt begegnete, garantiert kein gesteigertes Interesse an ihm. Jan behauptet, er hätte sich schon damals in mich verliebt. Wie ein Blitz habe ihn die Erkenntnis durchzuckt, dass er mit der falschen Frau zusammen war, als er Leni und mich einige Tage später auf einer Bank vor der Uni sitzen sah. So wahnsinnig schmerzhaft kann der Blitz allerdings nicht |8|gewesen sein, denn Jan und Leni waren nach dem Einschlag immerhin noch ein halbes Jahr zusammen, und es dauerte weitere anderthalb Jahre, bis Jan und ich zusammenfanden.
Jan und Leni klebten wie die Kletten aneinander. Einer wie der andere waren sie ehrgeizig, was ihr Studium betraf, und verbrachten viel gemeinsame Zeit vor ihren aufgeschlagenen Medizinbüchern. Vielleicht hat dieser Umstand die Erkenntnis, dass sie eigentlich nicht besonders gut zueinander passten, um einige Monate verzögert. Erst als sie beide erfolgreich ihr Physikum absolviert hatten, ging ihnen mit abnehmendem Gesprächsstoff ein Licht auf, und sie trennten sich in beiderseitigem Einverständnis.
Wie auch immer – durch meine Freundschaft zu Leni nahm Jan lebhaften Anteil an meinem Leben. Und nachdem ich im vierten Semester beschlossen hatte, dass es an der Zeit war, die Welt außerhalb der Grenzen von Berlin kennenzulernen, war er es, der sich erbot, mich mitsamt meinem Hausrat nach Saarbrücken zu karren. Ich hatte einen riesengroßen alten Transporter gemietet, der auf der hügeligen Autobahn Richtung Südwesten streckenweise nur noch mit vierzig vorankroch – zumindest solange ich am Steuer saß. Jan war nach einer Stunde schweißgebadet und bat mich, ihn fahren zu lassen. Noch heute reibt er mir unter die Nase, ich hätte einfach nicht genug Gas gegeben und wäre viel zu weit rechts gefahren! Deswegen habe er das Steuer für den Rest der Strecke übernehmen müssen.
Als wir endlich angekommen waren und uns mein zukünftiger Mitbewohner die Tür öffnete, beschlich mich bereits nach zwanzig Sekunden das Gefühl, dass er nicht ganz dicht war – was sich leider als absolut zutreffend erwies. Jan blieb über Nacht in Saarbrücken, er wollte erst am nächsten Morgen mit dem Transporter wieder nach Berlin aufbrechen. Wir |9|lagen nebeneinander im Bett und unterhielten uns, bis er mir schließlich einen Gutenachtkuss gab. Ich sah ihn an und dachte, es müsste sehr schön sein, mit ihm zusammen zu sein. Daraus ergab sich jedoch nichts weiter. Er war mit Leni zusammen, und ich experimentierte in Saarbrücken weiter mit gestörten Männern herum.
Wir hätten wirklich schon viel früher auf die Idee kommen können, dass wir füreinander bestimmt waren. So sang ich ab und zu ein Lied, das meine Mutter mir früher öfter vorgespielt hatte. Es geht so: »Die Dinosaurier – werden immer trauriger – die armen Saurier – werden immer trauriger – denn die Saurier dürfen nicht an Bord – dudududumm …« Ich sagte zu Leni, dass, wenn ich irgendwann einmal einen Mann träfe, der dieses Lied kennt, ich ihn vom Fleck weg heiraten würde. Wenige Wochen später saßen Leni, Jan und ich beim Kaffeetrinken, und Jan fing an zu singen: »Dudududumm, die Dinosaurier – werden immer trauriger…« Leni und ich fingen hysterisch an zu lachen. Da wir aber alle drei nicht besonders abergläubisch waren, zogen wir aus dieser kleinen, feinen Episode keine weiteren Konsequenzen. Hätten wir vielleicht tun können, aber man stemmt sich ja auch nicht gern gegen den göttlichen Gang des Ganzen.
Stattdessen warteten Jan und ich in Ruhe weiter ab. Nach der Trennung von Leni war Jan eine Zeitlang solo und dann mit einer Frau zusammen, deren Namen ich verdrängt habe und mit der er nach eigenem Bekunden »geilen Sex« hatte. Sie hatte eine ekelhafte Töle von Hund, die wie ein Bettvorleger aussah, und einen durchgedrehten jugoslawischen Freund, den sie mit Jan betrog. Das alles sprach nicht gerade für sie, was Jan aber nicht davon abhielt, ausgiebigen Sex mit ihr zu haben. Außerdem – wahrscheinlich aus moralischen Skrupeln wegen ihres Freundes – gaukelte er sich vor, in sie verliebt |10|zu sein. Obwohl Jan ein ausgesprochen intelligenter, weitsichtiger und herzensgebildeter Mann ist, muss leider konstatiert werden, dass ihm diese Eigenschaften streckenweise abhandengekommen sind. Möglicherweise wurde er zum hilflosen Versuchskaninchen von Außerirdischen, die experimentell erforschen wollten, wie weit der männliche Part der Rasse Mensch zu gehen bereit ist, wenn es um seine Stellung in der Evolutionsgeschichte geht. Anders ist sein grauenhafter Frauengeschmack – mich und Leni ausgenommen – völlig unerklärlich.
Ein Beleg dafür ist zum Beispiel folgende Geschichte, die ich Jan in mühevoller Kleinarbeit aus der Nase gezogen habe: Als er in der zehnten Klasse war, gab es zwei Stufen über ihm ein Mädchen namens Lisa. (L scheint in Jans kleiner Geschichte der Frauen ein vergängliches Initial zu sein; mit P als Anfangsbuchstaben wähnte ich mich fatalerweise auf der sicheren Seite …). Diese Lisa jedenfalls war »ziemlich hot«. Was auch sonst. Außerdem fand sie Gefallen an Jan, und von da an trieben sie es auf dem Teppich, was Jan in seiner jungenhaften Männlichkeit zwar überforderte, aber wohl den damaligen Vorstellungen von sexueller Besessenheit entsprach. Darüber hinaus muss sie ziemlich dämlich gewesen sein (was dem Teppich-Sex keinen Abbruch tat, denn sie war wirklich »ziiiiiiemlich hot«). Jan bemühte sich, innerlich die Ohren vor ihrem verbalen Geschmeiß zu verschließen. Eines Tages etwa lagen die beiden nach vollzogenem Akt auf dem – inzwischen stark abgenutzten – Teppich, und Jan g l o t z t e ins Leere und überlegte krampfhaft, wie lange er noch ihre Schulter streicheln müsste, bis er Computer spielen gehen konnte, ohne sie zu beleidigen. Da fragte sie ihn mit Babystimme: »Och, Jan, musst du jetzt an die kleine Anna denken?« |11|Sie hatte ihm nämlich einige Tage zuvor aus ihrem Lieblingsbuch Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna vorgelesen.
Mit Schaudern erinnerte sich Jan an diese düstere Episode. Und manchmal, wenn Jan und ich nach dem Sex nebeneinander im Bett lagen, fragte ich ihn mit Kleinmädchenstimme: »Na, mein Engelchen, musst du jetzt an die kleine Anna denken?« In diesen Momenten wurde ihm mit schmerzlicher Klarheit bewusst, wie tief sein damaliger Griff ins Klo war. Das hoffte ich zumindest.
Jan und ich mussten einige Erfahrungsstationen durchlaufen, bis wir zueinanderfanden, doch irgendwann schienen die Bedingungen optimal. Ich war aus Saarbrücken zurückgekehrt und in eine kleine Einzimmerwohnung gezogen. Jan half mir, die Löcher für die Regalbretter in die Wand zu bohren. Als ich dicht neben ihm stand und plötzlich seinen Schweißgeruch wahnsinnig erotisch fand, wurde mir schlagartig klar, dass wir nicht mehr bloß gute Freunde sein konnten. Außerdem hatte Jan sich kurz zuvor der Tölen-Frau entledigt und war frei verfügbar. Nur fehlte ihm offensichtlich noch das Schlüsselerlebnis bezüglich meines Schweißgeruchs, weshalb sich unser Zusammenfinden um ein paar weitere Wochen verzögerte.
Wir übernachteten dauernd beieinander, aber nichts geschah. Ich lag mit Herzrasen neben ihm im Bett, in freudiger Erwartung der ersten zärtlichen Berührung, und Jan fing an zu schnarchen. Ich fand ihn zum Auffressen, wenn er morgens aufwachte und sich auf seinem Gesicht die rosafarbene Faltenlandschaft des Kopfkissenbezugs abzeichnete, aber Jan kochte nur Kaffee, anstatt sich ritterlich meiner Leidenschaft anzunehmen.
Am 1. Mai fasste ich mir endlich ein Herz. Ich war mir |12|sicher, dass Jan, der mit kommunistischen Arbeiterliedern aufgewachsen war und immer noch inbrünstig Auf, auf zum Kampf und die Internationale sang, es nicht übers Herz bringen würde, mich am Tag der Arbeit von seiner Bettkante zu stoßen. Bei Auf, auf zum Kampf fällt mir immer die Geschichte ein, dass der kleine Bruder eines Bekannten Jan irgendwann fragte, wer eigentlich der Kalli-Knecht sei. Schließlich sängen sie immer: »Der Kalli-Knecht, dem haben wir’s geschworen …« Ich kaufte zwei Karten für »Gisela May singt Hanns Eisler« im Berliner Ensemble. Das würde Jan schon in Stimmung bringen. Mein genialer Plan ging tatsächlich auf: Jan, überwältigt von sentimentalen Gefühlen für die internationale Arbeiterklasse, konnte sich meiner zärtlichen Avancen nicht mehr erwehren. Wir hatten eine rauschende, romantische Nacht. Leider überfielen uns beide bereits am nächsten Morgen grobe Zweifel an der Richtigkeit unserer Aktion. Denn schließlich waren wir ja – Schweißgeruch hin oder her – nur gute Freunde. Eigentlich wollten wir gar nichts voneinander. Oder vielleicht doch? Die nächsten drei Monate waren, zusammenfassend gesagt, zermürbend. Wechselseitig von Panikanfällen übermannt, nagte die fiese Made des Zweifels an uns. Schließlich waren wir innerlich komplett zerfressen, wir rochen aus dem Mund vor modrigen Skrupeln und lagen abends mit Wärmflaschen im Bett, um unsere rumorenden Mägen zu beruhigen. Schwefelgase erfüllten die Räume, in denen wir uns bewegten, als Zeichen unseres gärenden Unglaubens, dass wir füreinander bestimmt waren. Es war grauenhaft. Ekelerregend. Ein Alptraum.
In Wirklichkeit war es natürlich viel undramatischer. Ich neige manchmal zu drastischen Übertreibungen. Anfängliche Panikattacken ob der emotionalen Folgerichtigkeit unserer Beziehung haben wir nach einigen Monaten in den Griff |13|bekommen, und nach einem Jahr sind wir sogar zusammengezogen. Prinzipiell funktionierte das auch ganz gut. Bis vor einigen Wochen.
Jan steckte seit mehreren Monaten in den Vorbereitungen für sein zweites Medizin-Staatsexamen, ich hatte mein Studium abgebrochen und in einer PR-Agentur angefangen zu arbeiten. Dabei fehlte mir nur noch ein Schein, und ich hatte sogar schon ein Thema für meine Magisterarbeit (»Die Shakespeare-Rezeption im Sturm und Drang«) – aber irgendwie konnte ich die Uni plötzlich keinen Tag länger ertragen. Ich wollte auch diese ganzen Sprüche nicht mehr hören: »Germanistik? Das ist doch die Grundlagenausbildung für Taxifahrer! HAHAHA!« Hahaha. Zum Kranklachen. Das Schlimmste war, dass das Niveau der Seminare sich tatsächlich auf dem einer durchschnittlichen Taxikonversation bewegte, wobei ich damit keinesfalls die Taxifahrer beleidigen möchte. Ich allein kenne schon zwei gebildete Taxifahrer. Der eine spricht fließend Mittelhochdeutsch und hat ein abgeschlossenes Geschichtsstudium. Der andere hat kein abgeschlossenes Studium, aber er hört den ganzen Tag Deutschlandradio und RadioKultur. Wenn ich einen Theatertipp benötige, rufe ich ihn an.
Dass ich mein Studium abgebrochen habe, weil mir die sieben unbezahlten Praktika beim Radio, bei der Zeitung und im Theater so viel Spaß gemacht hätten, kann ich nicht behaupten. Ich habe während meines achten Praktikums bei einer PR-Agentur einfach ein gutes Angebot bekommen. Es war zu verlockend. Endlich nicht mehr abends kellnern, endlich kein Vier-Fronten-Kampf mehr (Uni, Praktika, Job, Beziehung), endlich Feierabend ohne schlechtes Gewissen. Ich sagte zu. Und bereute nach circa drei Wochen. Bis zu dem Zeitpunkt dieses ersten richtigen Jobs mit festem Arbeitsvertrag |14|inklusive beidseitiger Kündigungsfrist und allem Drum und Dran hatte ich nicht gewusst, wie zermürbend Langeweile sein kann. Jan lernte die ganze Zeit, sogar am Wochenende. Wenn ich abends völlig entnervt nach Hause kam, saß er zwischen einem Stapel dicker Bücher am Schreibtisch und war unansprechbar. Er hatte meistens weder eingekauft noch gekocht oder abgewaschen. Eigentlich stritten wir uns permanent deswegen. Vor zwei Monaten kam der verflixte Abend bei Jans Schwester und ihrem Freund hinzu. Sie hatten uns zum Raclette-Essen eingeladen und eröffneten uns freudestrahlend, dass sie heiraten würden. Auf dem Heimweg fragte mich Jan, ob ich mir vorstellen könnte, ihn zu heiraten.
Heiraten? Drehte er nun komplett durch? Wir stritten uns jeden Abend wegen dreckiger Geschirrberge und fehlender Lebensmittel, und er redete übers Heiraten! Wir waren noch nicht einmal in der Lage, einen Putzplan zu erstellen, der unseren individuellen Bedürfnissen gerecht wurde. Und da sollten wir einen Pakt fürs ganze Leben schließen? Es war absurd.
Jan fuhr auf den Seitenstreifen, hielt an und sah mich ernst an. »Du kannst dir nicht vorstellen, mich zu heiraten? Nicht mal theoretisch?«
Ich erklärte ihm, dass wir doch noch keine dreißig seien, dass wir unser ganzes Leben vor uns hätten, dass wir, überhaupt, unser Leben erst einmal in den Griff bekommen müssten! Er müsse das Examen bestehen, einen guten Job finden, wir seien einfach zu jung, um übers Heiraten zu reden … Und theoretisch könne man nicht heiraten, nur praktisch, deswegen könne ich mir das auch nicht theoretisch vorstellen, und praktisch gesehen sei dafür jetzt nicht der richtige Augenblick.
Seit diesem Abend klappte bei uns nichts mehr. Wir stritten |15|uns nicht mehr so viel, aber er ging mir aus dem Weg. Ich nahm eine Woche Urlaub und flog in die Schweiz, um eine Freundin zu besuchen und nachzudenken. Als ich zurückkam, sagte ich ihm, dass ich Abstand von ihm brauchte, Zeit, um mir über meine Gefühle klarzuwerden. Vier Tage später zog er aus.
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