Jane Austen. 100 Seiten - Christian Grawe - E-Book
Beschreibung

Jane Austens Romane gehören zu den meistgelesenen Klassikern der englischen Literatur. Ihre Geschichten über die amourösen Verwicklungen der englischen Gentry, die sie mit viel Herz, aber auch mit ihrem ganz eigenen Sinn für Humor und Ironie erzählt, begeistern immer wieder neue Leserinnen und Leser.Christian Grawe begegnete Jane Austens Romanen vor bald 50 Jahren zum ersten Mal: Es war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft. Die Übersetzungen, die er zusammen mit seiner Frau Ursula vorgelegt hat, haben zu Austens Popularität im deutschsprachigen Raum wesentlich beigetragen. Er hat mehrere Bücher über sie geschrieben und ist einer der besten deutschsprachigen Kenner von Leben und Werk.Seine Begeisterung für diese außergewöhnliche Schriftstellerin möchte er in diesem schmalen Band weitergeben. Entstanden ist eine ganz persönliche Einführung in Jane Austens Leben, die Zeit, in der sie gelebt, und die Welt, die sie in ihren Romanen erschaffen hat.

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EPUB

Seitenzahl:109


Christian Grawe

Jane Austen auf 100 Seiten

Reclam

Für mehr Informationen zur 100-Seiten-Reihe:

www.reclam.de/100Seiten

 

Die Zitate in den Kapitelüberschriften sind der deutschen Ausgabe von Jane Austens Briefen entnommen. Austens Werke werden nach den bei Reclam erschienenen deutschen Übersetzungen zitiert. (Siehe Lektüretipps im Anhang.)

 

2016 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: zero-media.net

Coverabbildung: FinePic®

Infografiken: Infographics Group GmbH

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2017

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961163-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020417-7

www.reclam.de

Inhalt

»Die witzigste Schriftstellerin der Gegenwart«»Miss Jane Austen«»Ich schreibe nur um des Ruhmes willen«»Der augenblicklich modische Kompositionsstil«Wie sah Jane Austen aus?»Häusliche Szenen auf dem Lande«»Einen Mann nach deinem Herzen … Quatsch«Jane Austens ›Feinde‹»Lebendige Skizzen von den interessantesten Örtlichkeiten«Sie »schreibt mit ungewöhnlicher Kraft und Lebendigkeit«»Adeiu«*Wie finden Neulinge am leichtesten Zugang zu Austens Werk?Der Film zum Buch, das Buch zum FilmLektüretippsZum AutorÜber dieses BuchLeseprobe aus Ovid. 100 Seiten

»Die witzigste Schriftstellerin der Gegenwart«

An einem Herbsttag vor fast fünfzig Jahren betrat ich die Campus-Buchhandlung der ›University of Oklahoma‹ in den USA. Hier hatte ich angefangen, Germanistik zu lehren, und fand, meine Kenntnis der englischen und amerikanischen ›Klassiker‹ sei zu dürftig. Also ging ich in die Abteilung Paperbacks: Literature, A to Z. Ich begann bei A: Amis, Kingsley – Anderson, Sherwood – Austen, Jane … Austen? War sie nicht eine der englischen Klassikerinnen? Ich kannte kaum den Namen, kaufte einen ihrer Romane – es war per Zufall Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil) – und begann abends im Bett zu lesen:

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.

(Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau. S. 5)

Ein Anfang wie gemeißelt, präzise, ironisch, aphoristisch und, wie ich bald merkte, so berühmt wie ein paar andere Anfänge von englischen Erzählwerken, etwa Charles Dickens’ »It was the best of times, it was the worst of times« (A Tale of Two Cities) und Edward Bulwer-Lyttons »It was a dark and stormy night« (Paul Clifford). Aber schon Mrs. Bennets erste Sätze enthüllen die Ironie von Austens Formulierung, denn eher die Umkehrung ist richtig: dass nämlich eine junge Frau ohne ein schönes Vermögen nichts dringender braucht als einen Mann.

Als ich das erste Kapitel von Pride and Prejudice beendet hatte, sagte ich zu meiner Frau: »Noch nie habe ich einen so charmanten Romananfang gelesen.« Hier wurde ein Ehepaar in einem Dialog so witzig, ironisch und lebendig vorgestellt, dass man sie gleich zu kennen glaubte. Mrs. Bennet aufgeregt und fast hysterisch, Mr. Bennet, mit seiner Frau gewissermaßen Katz und Maus spielend, indifferent, herablassend, zynisch. Ein Einstieg ohne langatmige Schilderungen von Ort und Zeit, knapp und zur Sache. Es ist erstaunlich, wie viele Informationen den Lesern auf drei Seiten vermittelt werden, ohne dass sich die erklärende Stimme der Autorin in das Gespräch des Ehepaars drängt:

Mr. Bennet hat eine dumme Frau geheiratet, deren Schönheit ihn offenbar vor mehr als dreiundzwanzig Jahren bestochen hat.

Sie geht ihm schon lange mit ihren ›Nerven‹ auf die Nerven.

Die Bennets haben fünf Töchter, für die ihre Mutter auf der Suche nach Ehemännern ist.

Drei der fünf werden so charakterisiert, dass bereits ihre Rolle im weiteren Verlauf des Romans angedeutet wird: Jane ist die hübscheste, Lydia die ausgelassenste, und Elizabeth ist die geistreichste und die Lieblingstochter des Vaters.

Aber alles in allem hält er seine Töchter für ziemlich albern.

Er hat offenbar zu seinem Bedauern keinen Sohn, und diese Tatsache wird für die Handlung des Romans eine wichtige Rolle spielen.

Ein reicher alleinstehender junger Mann hat sich zu Mrs. Bennets Freude in der Nachbarschaft angesiedelt und wird sogleich ›Freiwild‹ für ihre Heiratspläne.

Aber ihr Mann beabsichtigt nicht, den neuen Mieter durch einen Willkommensbesuch zu beehren.

Schon im zweiten Kapitel erfahren die Leser allerdings, dass Mr. Bennet nur behauptet, er werde Mr. Bingley nicht besuchen, um seine Frau zu ärgern, denn er hat es bereits getan. Dieses erste Kapitel war für mich ein eindrucksvolles Beispiel für szenisches, ökonomisches und ironisches Erzählen, das sogleich den Rahmen für den komödienartigen Charakter des ganzen Romans absteckt. Ich merkte bald, dass ich meine Begeisterung mit der Autorin selbst und unendlich vielen anderen Lesern teilte. Als Jane Austen das erste Exemplar von Stolz und Vorurteil erhielt, schrieb sie ihrer Schwester:

Miss Benn hat genau an dem Tag, als die Bücher kamen, bei uns gegessen, und am Abend haben wir uns gleich daran gemacht, ihr die erste Hälfte des ersten Bandes […] vorzulesen […]. Sie fand es ganz witzig, die arme Seele, das konnte sie denn doch nicht verhindern bei zwei Leuten, die sie so zum Lachen anregten; aber sie bewundert Elizabeth anscheinend wirklich. Ich muss selber sagen, ich finde sie eine der hinreißendsten Gestalten, die je gedruckt erschienen sind, und ich habe keine Ahnung, wie die Gnade vor mir finden sollen, denen sie nicht gefällt. (Briefe, S. 143)

Nach der Lektüre von Stolz und Vorurteil wurde ich zum ›Janeite‹. Der englische Kritiker George Saintsbury (1845–1933) sprach 1894 im Vorwort zu seiner Ausgabe von Stolz und Vorurteil von »Austenians and Janites«. Aber es war Rudyard Kipling, der den Begriff 1924 mit seiner Erzählung The Janeites popularisierte. In ihr finden sich englische Offiziere im Ersten Weltkrieg als begeisterte Austen-Leser in einer »Society of the Janeites« zusammen. Sie kommen alle im Krieg um, aber ein einfacher Soldat berichtet im Rückblick über ihre Gespräche. Drei Jahre später konstatierte Arnold Bennett:

Jane Austen? Ich glaube, ich begebe mich auf gefährliches Gelände. Jane Austens Ansehen wird geschützt von einer Kohorte von Verteidigern, die bereit sind, für ihr heiliges Anliegen einen Mord zu begehen.

Aber nicht nur zum Mord, auch zur Selbstverstümmelung hat Austen angeregt. Die Schriftstellerin Mary Russell Mitford (1787–1855), die als Kind Jane Austen noch persönlich gekannt hatte, erzählte 1828 deren Neffen James-Edward:

Ich wäre fast bereit, mir eine meiner Hände abzuhacken, wenn mich das dazu befähigte, mit der anderen so zu schreiben wie deine Tante.

So weit würde ich denn doch nicht gehen, ja, ich wäre nicht einmal bereit, Lord David Cecil (1902–1986) zu folgen, der in seiner Jane-Austen-Biographie geschrieben hat:

Ich wäre ernsthaft beunruhigt, ich würde mir Wochen lang Sorgen machen, wenn ich mir das Missfallen Jane Austens zuzöge.

Aber Jane Austen ließ mich nicht mehr los, ich wollte wissen:

Wer war Jane Austen?

Was hatte sie geschrieben?

Gab es deutsche Übersetzungen?

Gab es in Deutschland biographische Informationen über sie?

Es gab zwar ein paar Übersetzungen, aber keinerlei biographisches Material über sie. Wie unbekannt Austen damals im deutschsprachigen Raum noch war und wie wenig man um ihre Bedeutung wusste, lässt sich an zwei Beispielen illustrieren. Im Nachwort einer der Übersetzungen ihrer Romane wurde sie als »viktorianische Schriftstellerin« bezeichnet (Königin Victoria kam 1837 in Großbritannien auf den Thron, Austen starb 1817!). Und auf mein Angebot, die Austen-Biographie für eine Taschenbuch-Reihe zu schreiben, antwortete die Herausgeberin herablassend, ich wolle wohl auf ungebührliche Weise einer lebenden jungen Autorin zu unverdientem frühem Ansehen verhelfen.

Hier war also eine Lücke zu füllen, und so begannen meine Frau Ursula und ich unsere inzwischen fast vierzig Jahre währende ›Sisyphus-Arbeit‹, Austens Werk auch in Deutschland zu seinem verdienten Ruhm als einem der bedeutendsten der englischen Romanliteratur zu verhelfen. Wir haben Austen, so hoffen wir, durch die vollständige Übersetzung ihres Gesamtwerks – sechs Romane, drei unvollendete Romane, ihre Jugendwerke und Briefe – einen einheitlichen deutschen Klang gegeben. Um auch die biographische Lücke zu füllen, veröffentlichte ich 1988 die erste deutsche Jane-Austen-Biographie, der ich 2015 den Band Jane Austens Romane. Ein literarischer Führer folgen ließ. Wie meinen beiden anderen Austen-Büchern sind der Rat meiner Frau Ursula Grawe und ihr kritisches Urteil auch dem vorliegenden Band zugutegekommen.

Heute ist Jane Austen auch in Deutschland ein Begriff, und ihre Romane gehören neben denen Theodor Fontanes hierzulande zu den meistgelesenen aus der Zeit vor 1900. In der englischsprachigen Welt ist Austen seit hundert Jahren die beliebteste Klassikerin, eine Kultfigur, deren zahlreiche Fans weltweit in ›Jane Austen Societies‹ organisiert sind. In ihrem Namen gibt es eine regelrechte Industrie. Im ›Austen Centre‹ in Bath – und nicht nur dort – wird ein umfangreiches Angebot an ›Devotionalien‹ von der Austen-Handtasche über Austen-Briefpapier bis zu Mr.-Darcy-Manschettenknöpfen angeboten. Aber über Austens Beliebtheit bei den Lesern darf nicht die Austen-Forschung vergessen werden, die jedes Jahr neue Bücher, Dissertationen und Aufsätze über ihr Leben und ihre Werke veröffentlicht. In den letzten etwa zwanzig Jahren werden auch in Deutschland einige der englischen, auf ihren Romanen basierenden Filme und Fernsehserien gezeigt, so dass ihre Romane unterdessen auch als ›Buch zum Film‹ gelesen werden. Das eröffnet für Austen-Liebhaber einen neuen Zeitvertreib. Welche Version hält sich am getreuesten an das Original? Wer ist etwa der beste Mr. Collins, die beste Lady Catherine de Bourgh, wer die beste Fanny Price und wer die beste Anne Eliot? In welcher Serie ist das Ambiente am besten getroffen? In welchen historischen Gebäuden wurden Szenen gedreht? Wie ist die 2015 zum ersten Mal verfilmte Lady Susan ausgefallen?

Ist es eine Frage der Zeit, bis auch im deutschsprachigen Raum eine Jane-Austen-Gesellschaft gegründet wird? Aber dazu gilt es vorerst neue Austen-Leser zu gewinnen. Zur Sache also!

»Miss Jane Austen«

Wer war die zu ihrer eigenen Zeit weitgehend unbekannte Frau, deren Werke seit mindestens hundert Jahren als die beliebtesten klassischen Romane der englischen Literatur gelten und zu den kunstvollsten des Genres zählen? Wie sah sie aus? Wie und wo lebte sie? Die Austen-Forschung hat alles ›auszugraben‹ versucht, was irgend zur Kenntnis ihrer Person, ihres Lebens und ihrer Umwelt beitragen könnte, und hat trotz vieler nicht auszufüllender Lücken durch akribische Suche eine erstaunliche Fülle von Material gefunden, einiges davon erst in den letzten Jahrzehnten – so Briefe von Familienmitgliedern, Tagebücher aus der Verwandtschaft, Bankauszüge usw. Wer also war Jane Austen?

Nach der Geburt seiner jüngeren Tochter am 16. Dezember 1775 schrieb Mr. Austen an seinen Halbbruder:

Cassy [Mrs. Austen] hatte fest damit gerechnet, vor einem Monat zu Bett gebracht zu werden; aber gestern Abend war es so weit, und ohne große Warnung war alles glücklich vorbei. Wir haben nun ein zweites Mädchen, ein neues Spielzeug für ihre Schwester Cassy und eine zukünftige Gefährtin. Sie soll Jenny heißen […].

Sie wurde nicht nur das »Spielzeug«, sondern tatsächlich auch die lebenslange Gefährtin ihrer fast drei Jahre älteren Schwester Cassandra und verbrachte wie diese den größten Teil ihres Lebens auf dem Land im Süden Englands. Nur zwei Mal lebte sie einige Jahre in städtischem Ambiente. Man hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Janes Lebenskreis ohne weite Reisen und literarische Verbindungen recht eng war, aber für eine bürgerliche Frau ihrer Zeit war das eher die Norm. Ihren Werken kam es zugute. Sie spielen alle im südlichen England und strahlen die Lebensechtheit von Janes eigener Erfahrung und Vertrautheit mit den Schauplätzen aus. An vier Orten verbrachte sie den größten Teil ihres kurzen Lebens:

Steventon

Im ländlichen Hampshire etwa hundert Kilometer südwestlich von London war Janes Vater Pastor. In erreichbarer Nähe lagen die Häuser der befreundeten Familien. Die grüne Landschaft war noch unberührt von der aufkommenden Industrialisierung, die den Norden Englands zu verschandeln begann und das neue Proletariat mit seiner erbärmlichen Armut schuf. Hier lebte Jane die ersten beinahe fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens. Leider gibt es vor dem ersten erhaltenen Brief vom Januar 1796 aber keinerlei persönliche Äußerungen von ihr.

Jane hatte das Glück, in einer gebildeten Familie aufzuwachsen, die ihre literarischen Interessen teilte und ihre literarischen Ambitionen unterstützte. Ihre Mutter schrieb humoristische, ihr ältester Bruder James ernste Gelegenheitsgedichte. Er gab zudem nach seiner akademischen Ausbildung 1789/90 ein Jahr lang die satirische Zeitschrift The Loiterer (Der Bummler) heraus, an der auch sein Bruder Henry mitarbeitete. Ein Leserbrief darin am 28. März 1789 stellt wahrscheinlich die erste Veröffentlichung der dreizehnjährigen Jane dar. Als zweitjüngstes von acht Kindern war sie umgeben von anregenden älteren Geschwistern. Hinzu kamen die Schüler des Vaters, die in der Familie lebten. Pastor Austen unterrichtete auch seine eigenen Söhne selbst. James und Henry bereitete er auf ihr Universitätsstudium und Francis und Charles auf ihre Ausbildung auf der Königlichen Marineakademie in Portsmouth vor. Francis Austen, der hier von sich in der dritten Person spricht, stellte seinem Vater nach dessen Tod ein glänzendes pädagogisches Zeugnis aus:

Francis wurde zu Hause unter persönlicher Aufsicht seines Vaters erzogen, der auf bewundernswerte Weise zur Erziehung von Jungen geeignet war, da er ein ungewöhnliches Maß an klassischer Bildung und hochentwickeltem Geschmack für Literatur jeder Art mit Ausgeglichenheit und Höflichkeit verband.

Die beiden Töchter gingen von 1782 bis 1785 auf zwei sicher nicht besonders anspruchsvolle Mädcheninternate. Dort erwarben sie wohl die Anfänge ihrer Französisch-Kenntnisse. Danach hörten sie anscheinend sporadisch beim väterlichen Unterricht zu, denn Jane zitiert gelegentlich etwas auf Lateinisch.