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Als die freiheitsliebende Weltenbummlerin Yael von der Familie zu ihrer Tante in die Provence geschickt wird, rechnet sie damit, bald weiterreisen zu können. Doch in Sainte-Émilie erwartet sie eine böse Überraschung: Tante Sadie liegt nach einem Unfall im Krankenhaus, ihr Haus wirkt verwahrlost und die hübsche Töpferei ist geschlossen.
David kann die selbstbewusste Frau vom Flughafen nicht vergessen und als der Zufall sie ein zweites Mal zusammenführt, beschließt er, das Glück mit beiden Händen zu greifen. Doch er trägt die Verantwortung für seine kleine Tochter und der attraktive Witwer weiß: Wenn er sich für die Liebe entscheidet, dann muss er sich seiner Sache 100%ig sicher sein …
Provenzalische Liebe Teil 1: Lavendelblütenträume
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Jasminblütenzauber
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Epilog
Willkommen im Buchcafé
Provenzalische Rezepte
Die Autorin
Danke
Rechtliches usw.
Impressum
Meine Bücher
Der Kuss war anders - als lernten sie sich neu kennen, und gleichzeitig fühlte sich jede Berührung noch inniger an. Ihre Herzen öffneten sich wie Blütenkelche in der Morgensonne.
Für einen kurzen Sommer glaubt Lila, ihre große Liebe gefunden zu haben. Als Ben jedoch nach einem furchtbaren Streit nach Kanada zurückkehrt, verlässt auch sie Château Vauclain und zieht nach Sainte-Émilie, um zu sich selbst zu finden. Das Leben hat ihr in den vergangenen Monaten viel abverlangt und ihre Zukunft ist ungewisser denn je.
Kaum ist Yael in der Provence angekommen, gibt es schon Ärger. Wer ist dieser Typ, dessen Lächeln ihr nicht aus dem Kopf geht – und wie geht es weiter mit ihrer Schulfreundin Lila, Ben und dem Château Vauclain?
Die Welt ist ihr Zuhause. Die Französin Yael lebt als digitale Nomadin wo es ihr gefällt. Als sie eine Stippvisite in die Provence macht, erwartet sie eine unangenehme Überraschung: Ihre liebenswürdige Tante liegt im Krankenhaus, deren Haus in Sainte-Émilie befindet sich in keinem guten Zustand und der kleine Laden ist geschlossen.
David lebt und unterrichtet in Aix-en-Provence. Begeistert von Yaels Energie und ihrem natürlichen Charme möchte er sie näher kennenlernen. Doch das Glück seiner kleinen Tochter ist für ihn das Wichtigste im Leben. Der attraktive Witwer weiß: Wenn er sich für die Liebe entscheidet, dann muss er sich seiner Sache 100%ig sicher sein ...
Was wäre eine Reise in die Provence
ohne gutes Essen?
Einige von mir ausprobierte und frei interpretierte provenzalische Lieblingsrezepte sind im hinteren Teil dieses Buchs und auf meiner Website zu finden.
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Yael
12 août. ZwölfterAugust. Es gibt drei Dinge, die du nach einem nervigen Flug nicht erleben willst: einen aufgeplatzten Koffer, aus dem deine Unterwäsche hervorblitzt, einen aufdringlichen Drogenspürhund und einen rassistischen Zollbeamten. Aber der Reihe nach …
L’Aéroport Marseille, Provence. Zuerst fiel ihr das Gekicher der Leute gegenüber auf, von denen einige ihr Handy gezückt hatten, um Fotos zu machen. Die Frage, was da so Lustiges auf dem Gepäckband liegen mochte, beantwortete sich rasch. Der von Cousine Eli geliehene Koffer hatte die Reise nicht überlebt. Eilig zerrte sie das schwere Ding auf den Trolley. Der Reißverschluss war geplatzt, und irgendjemand hatte ihn mit einer pinkfarbenen Plastikfolie umwickelt, um das Schlimmste zu verhindern.
So gut es ging, stopfte sie die heraushängenden Sachen wieder zurück, betrachtete einen Augenblick lang ärgerlich ihr Lieblingshemd, das nun Reifenspuren zierten, und reihte sich in den Strom der Reisenden ein, die dem Ausgang zustrebten.
»Entschuldigung, gehört das Ihnen?«
Ungehalten wandte sie sich um und zwang sich ein Lächeln ab, als sie sah, was der Mann meinte. Er konnte nicht ahnen, dass er den wichtigsten Grund für die überstürzte Abreise aus Tel Aviv in der Hand hielt. Eine sehr männliche Hand, die zu jemandem gehörte, der körperliche Arbeit nicht scheute. Zupackend, mit kurz geschnittenen Nägeln, gepflegt. Sie sah ihm ins Gesicht. Intelligent, dachte sie. Ein attraktiver Mann.
»Vielen Dank, Monsieur. Ja, das ist meins.«
»Sie sollten den Schaden dokumentieren und der Fluggesellschaft melden.« Er zeigte auf ihr ramponiertes Gepäck und sah ihr unverwandt in die Augen, als hätte er etwas anderes sagen wollen.
»Das habe ich vor.« Yael fragte sich, ob sie ihn zum Dank auf einen Kaffee einladen sollte, als eine strenge Stimme sie zusammenfahren ließ.
»Zoll. Kommen Sie bitte mit!«
Obwohl der Uniformierte um einen neutralen Ton bemüht war, wirkte er feindselig auf sie. Hinter ihm stand ein Kollege bereit und ein dritter Beamter mit einem Hund, der aufgeregte Laute von sich gab und an der kurzen Leine zerrte.
Yael bemühte sich, nicht so entnervt zu klingen, wie sie sich fühlte. »Meinen Sie ihn oder mich?«
»Wollen Sie sagen, Sie gehören nicht zusammen?«
Der Mann neben ihr runzelte die Stirn. Offensichtlich war er eine solche Behandlung nicht gewöhnt, und sein unverwechselbarer Akzent, der ihn als Absolvent einer Elite-Universität auswies, wurde deutlicher. »Allerdings, ich habe Madame …«
»Das können Sie später erklären – Monsieur«, unterbrach ihn der Mann grob, und Yael beobachtete eine subtile, aber bemerkenswerte Veränderung in der Haltung ihres unfreiwilligen Begleiters. Er wirkte plötzlich unnahbar und konzentriert. Sie war fast sicher, dass er einen militärischen Hintergrund hatte.
»Na dann«, sagte sie und folgte den Beamten. Die machten auch nur ihren Job. Ihr Begleiter sah ärgerlich auf die Uhr, setzte sich aber ebenfalls in Bewegung.
Während er am Nebentisch erst den Pass und anschließend seinen ordentlich gepackten Koffer präsentierte, gab es bei ihr Diskussionen.
»Das hier ist der Einreise-Bereich für EU-Bürger. Sie sind Ausländerin!«
In der Aufregung hatte sie dem Zöllner ihren israelischen Reisepass gegeben. »Doch, warten sie …«
»Beide Hände auf den Tisch!«
Widerstrebend gehorchte sie. »Ich bin Französin. Der Ausweis steckt in meiner Tasche.«
»Langsam rausholen!«
Yael war beim Militär gewesen und hatte in der Zeit unzählige Menschen kontrolliert. Deshalb war sie mit der Anspannung vertraut, die damit einherging. Es konnte immer etwas passieren. Dieser Beamte allerdings wirkte weniger besorgt als vielmehr feindselig, und als sie nun den zweiten Pass hervorzog, verwünschte sie sich innerlich dafür, ihr Bargeld hineingelegt zu haben.
Prompt hörte sie ihn etwas knurren, das klang wie: »Ihr Juden versucht doch immer, alles mit Geld zu regeln.«
»Das ist mein Reisegeld. Hundert Euro«, sagte sie deshalb laut genug, damit es jeder hören konnte, und bemerkte mit Genugtuung, dass sich seine Ohren röteten. Offenbar hätte es ihm nichts ausgemacht, Geld von einer Jüdin einzustecken.
Die Durchsuchung ihres Gepäcks ergab nichts, abgesehen von dem bedauerlichen Umstand, dass nun die Folie durchtrennt war, die es zusammengehalten hatte.
»Was werfen Sie uns eigentlich vor?«, hörte sie den Mann neben sich fragen.
»Der Drogensuchhund hat angezeigt«, antwortete die Beamtin, die seine Sachen durchgesehen hatte. »Wir müssen dem nachgehen, Monsieur«, fügte sie beinahe entschuldigend hinzu, während Yaels Gegenüber auf das Päckchen zeigte, dass sie vorhin fast verloren hätte.
»Erde«, sagte sie trotzig, »und zwei Steine, wenn sie es genau wissen wollen.«
Die Augen des Zöllners wurden schmal. »Willst du mich verarschen, du …«
»Ja?«, fragte sie nicht minder aggressiv, als er nicht weitersprach. »Was wollten Sie sagen?«
»Gehen Sie zum Scanner und legen Sie das Zeug in die Schale!«
Sie tat, was er verlangte, und sah danach zu, wie ihr Mitbringsel für Tante Sadie in dem Röntgengerät verschwand, auf dessen anderer Seite wenig später eine Diskussion begann. Eine Zöllnerin und zwei Kollegen sprachen aufgeregt miteinander. Allmählich wurde ihr mulmig. Hatte ihre Cousine womöglich noch andere Dinge eingepackt?
Schließlich stand die Frau auf und kam zu ihr: »Wir müssen das genauer untersuchen, kommen Sie bitte mit.«
»Und meine Sachen?«
»Auf die kann Ihr Freund aufpassen.«
»Er ist nicht …«
»Bitte!«
Yael begriff, dass dies ein Befehl war. Obwohl sie das Bedürfnis hatte, laut zu schreien, nickte sie. »Ich mache keine Schwierigkeiten, okay? Den Mann kenne ich wirklich nicht. Lassen Sie ihn gehen.«
»Das müssen Sie schon uns überlassen.«
Mit einer entschuldigenden Geste in seine Richtung trottete sie hinter der Zöllnerin her, um sich zuerst in einen Bodyscanner zu stellen und anschließend darauf zu warten, was die nähere Untersuchung ihres Päckchens ergeben würde.
Eine halbe Stunde später drückte ihr jemand einen Klarsichtbeutel mit Sand und zwei Steinen in die Hand. »Sie können gehen.«
»Und was ist mit dem Drogenhund?«
»Der hat sich geirrt. Au révoir Madame und einen guten Aufenthalt in der République Française.«
Als sie in den Untersuchungsraum zurückkehrte, saß der Mann auf einem Stuhl neben ihrem zerfledderten Koffer und dem Rucksack, in dem sich all ihre wirklich wertvollen Habseligkeiten befanden. Es sah aus, als schliefe er, aber als Yael näher kam, öffnete er die Augen und sagte: »Da bist du ja. Können wir jetzt gehen?«
Draußen standen sie einen Augenblick lang unschlüssig herum, bis Yael sich ihrer Manieren besann. »Danke«, sagte sie. »Es tut mir leid.«
»Nein, mir tut es leid. Sie sind nicht korrekt behandelt worden.«
»Das ist nicht neu«, sagte sie. »Ich bin Yael. Das Du ist mir lieber.« Sie steckte das Kettchen mit dem Davidstern zurück unters T-Shirt.
Er lächelte und stellte sich als David vor. »Darf ich fragen, weshalb du Feldsteine nach Frankreich mitbringst? Wir haben davon wirklich mehr als genug hier in der Provence. Oder bist du Geologin?«
Sie lachte, und allmählich fiel die Anspannung von ihr ab. »Die sind für meine Tante, sie ist kürzlich Witwe geworden und selbst sehr krank. Sie hat es sich gewünscht«, fügte sie leise hinzu.
»Verstehe. Mein herzliches Beileid.« Er sah kurz zu dem Café in der Nähe des Ausgangs. Sein Blick wurde weich, und Yael hätte schwören können, dass er sie zu einem Drink einladen wollte, als sein Handy klingelte.
»Oui? Ah, Martine. Nein, ich bin am Flughafen aufgehalten worden. In spätestens einer Stunde bin ich da.«
Mit einem bedauernden Lächeln steckte er das Handy ein. »Ich muss los. Es war nett, Sie – dich kennengelernt zu haben.«
Sie sah ihm hinterher, bis er in der Menschenmenge verschwunden war, und eilte danach zum Schalter der Autovermietung.
Auf der Fahrt nach Sainte-Émilie-de-Vauclain ging er ihr nicht aus dem Kopf. David. Er war größer als sie und hatte ausgesprochen fit gewirkt. Die dunklen, extrem kurz geschnittenen Haare gaben ihm etwas Kühnes, obwohl die Art, wie er sich verhalten hatte, von einem kultivierten Hintergrund erzählten. Gebildet und nicht unvermögend, die Markenuhr an seinem Arm konnten sich nur wenige leisten. Das Bemerkenswerteste aber waren die tiefblauen Augen, in denen sie hätte versinken können.
Warum hatte sie ihn nicht nach seiner Telefonnummer gefragt? Ganz einfach: Weil sie nicht bereit war für einen Flirt, und für etwas Ernsthafteres schon gar nicht. Und außerdem hatte er sich auch nicht danach erkundigt. Wahrscheinlich, dachte sie, wartet diese Martine mit dem Essen auf ihn, und es war gut so, wie es war. Yael schob die Gedanken an den fein geschwungenen Mund beiseite, der streng wirkte – bis er lächelte.
Statt weiter darüber nachzudenken, was passiert wäre, hätten sie gemeinsam einen Kaffee getrunken, wählte sie Elis Telefonnummer und wartet nicht ab, bis ihre Cousine sich vollständig gemeldet hatte.
»Was zur Hölle war in dem Koffer?«
»Warum?« Eli kicherte.
»Ich hing ewig im Zoll fest, weil sie mich für eine Drogenkurierin gehalten haben! Du bist mir was schuldig.«
David
Es war reiner Zufall, dass er sie beim Verlassen des Parkdecks noch mal sah. Die untergehende Sonne tupfte rot glühende Lichter in ihr wildes Haar, bevor sie im Schatten des Parkhauses verschwand. Hinter ihm hupte jemand, und David hob entschuldigend die Hand, während er losfuhr.
Zu Hause stellte er den Motor ab und blieb sitzen, obwohl Martine sicher schon genervt auf ihn wartete.
Ärger rollte in Wellen durch seinen Körper. Ärger über sich selbst, weil er nicht den Mut gehabt hatte, Yael um ein Treffen zu bitten, und weil er nicht verhindert hatte, dass dieser unerträgliche Kerl sie schikanierte. Warum auch immer. Es gab viele Gründe. Weil sie eine Frau war, Jüdin oder einfach nur, weil er die Macht dazu hatte. David wusste es nicht, aber hätte man ihn aufgefordert, eine Wette abzuschließen, hätte er sich zwischen Rassismus und Frauenfeindlichkeit nicht entscheiden können.
Schließlich legte er die Finger ineinander wie zum Gebet und konzentrierte sich auf das, was nun kommen würde. Seine Tochter, ihre bedingungslose Liebe und erfrischende Neugier. Die stillen Vorwürfe der Tagesmutter. Später das einsame Abendessen. David seufzte und stieg aus.
* * *
Yael
Sie steuerte den Wagen durch die schmalen Straßen von Sainte-Émilie hinauf bis zum Place de l'Abbaye. Dort stieg sie aus und sah sich um. Der prachtvolle Olivenbaum stand immer noch da, aber nun war er eingefasst von einer Bank, deren helles Holz verriet, dass es sie noch nicht lange geben konnte. Die beiden Schaukeln neben dem Baum waren neu. Yael bekam sofort Lust, sich draufzusetzen und Schwung zu holen. Den kleinen Boule-Platz daneben kannte sie noch, und der Jasmin an der brüchigen Klostermauer war riesengroß geworden. Er verströmte einen feinen Duft, den sie unauflöslich mit der Provence verband, obwohl die Pflanze in vielen Ländern wuchs.
Yael überlegte, wann sie das letzte Mal hier gewesen sein mochte. Das musste kurz vor dem Abitur gewesen sein, das sie als Stipendiatin in einem Internat ganz in der Nähe abgelegt hatte. An die langen, heißen Sommer einige Jahre zuvor in Sainte-Émilie erinnerte sie sich dagegen noch genau. Sie war zwölf gewesen, und Maman ging es nicht gut. Heute wusste sie, dass ihre Mutter Krebs gehabt hatte.
Das Heimweh von damals war sofort wieder präsent. Dabei hatte sich Tante Sadie mit ihrem Mann Alain Fontaine liebevoll um sie gekümmert und versucht, ihren Kummer mit allerlei Beschäftigungen zu mildern. Sie durfte der Künstlerin beim Töpfern helfen und erinnerte sich noch genau an das Glück, das sie empfunden hatte, als ihr der erste gleichmäßig geformte Krug gelungen war, den sie später gemeinsam in den Farben der Provence bemalt und glasiert hatten. Auf einmal glaubte sie, auch den Duft von Brot und süßen Küchlein wieder in der Nase zu haben, der diese unbeschwerten Sommer begleitet hatte.
Sie seufzte. Die alte Bäckerei neben Sadies Geschäft war einer Galerie gewichen. Im Schein der Nachtbeleuchtung glänzten Objekte aus Stahl, wo früher der Tresen mit dem großen Bonbon-Glas gestanden hatte, aus dem ihr Madame Meir manchmal eins schenkte, wenn sie frühmorgens Baguette holte.
Das Eckhaus der Fontaines wirkte neben den herausgeputzten Nachbarn schäbig. Damit hatte Yael nicht gerechnet, denn sie hatte die Schwester ihrer Mutter und deren Mann als wohlhabend in Erinnerung. Der Laden sah verwaist aus, die Fenster der darüber liegenden Wohnung waren dunkel.
Sie wusste nicht, was sie erwartete. Ihre Mutter hatte einen Anruf aus dem Kloster erhalten, dass ihre vor einigen Monaten verwitwete und deutlich ältere Schwester Hilfe benötigte, die die Benediktinerinnen offenbar nicht leisten konnten.
Yael wurde auserkoren, nach dem Rechten zu sehen, denn ihre Familie nahm keinen Job ernst, für den man weder Laden noch Büroräume brauchte.
Sie klingelte an der seitlich gelegenen Haustür, aber niemand öffnete. Was, wenn Sadie etwas zugestoßen war? Die nette Madame Meir aus der Boulangerie hätte davon gewusst, aber sie lebte offensichtlich nicht mehr hier, und sonst kannte Yael keine Menschenseele. Erneut drückte sie auf den Klingelknopf, das Schellen im Haus war unüberhörbar. Als nichts weiter geschah, machte sie kehrt und ging die Klostermauer entlang bis zu dem bescheidenen Gebäude am Rande der Anlage, in dem schon damals nur noch wenige Nonnen gelebt hatten. Unterwegs kamen ihr zwei Paare entgegen, die Englisch miteinander sprachen und in einem der renovierten Häuser verschwanden. Touristen, die ihr nicht weiterhelfen konnten.
Am Kloster war ebenfalls alles dunkel, wenn man von der Straßenbeleuchtung absah, deren fahler Schein taumelnde Insekten anlockte. Yael hielt bereits die Kette in der Hand, mit der man eine Glocke im Inneren betätigte. Doch dann fiel ihr ein, dass das Klosterleben einem anderen Rhythmus gehorchte, als man ihn draußen in der weltlichen Umgebung kannte.
Was nun? Sollte sie zurück zum Rathausplatz, wo sie einen Gasthof passiert hatte?
Sie sah auf die Uhr. Es war anzunehmen, dass die Nonnen früh aufstehen würden. Für die wenigen Stunden lohnte es sich nicht, ein Zimmer zu mieten. Außerdem war es noch warm, und sie hatte schon schlechter gelegen als in einem Mittelklassewagen. Kurzerhand entrollte sie ihren Schlafsack, ließ die Autositze nach hinten sinken, setzte Kopfhörer auf und schloss die Augen.
Ein Geräusch weckte sie. Steif vom Liegen fühlte sie sich einen kurzen Augenblick orientierungslos, als lautes Klopfen aufs Autodach sie erneut zusammenfahren ließ. Yael riss die Tür auf und blinzelte ins fahle Morgenlicht. »Was zum Teufel …?« Der Anblick des uniformierten Polizisten ließ sie verstummen.
»Was tun sie hier?«, fragte er streng.
»Bonjour, Monsieur l’agent. Ich habe geschlafen.«
»Das sehe ich, Madame! Fahrzeugpapiere und Ihren Ausweis.« Er schien sich zu besinnen und schob ein brummiges S’il vous plaît nach.
Nicht schon wieder, dachte sie, kramte aber folgsam ihre Tasche hervor und zeigte ihm den Pass, diesmal den französischen, und die Unterlagen der Verleihfirma.
»Was haben Sie sich dabei gedacht, hier zu übernachten?« Er klang ehrlich empört, als er ihr die Papiere zurückgab. »Sie hätten gar nicht in die Stadt hineinfahren dürfen!«
Yael rieb sich die Augen. Ohne einen starken Kaffee war sie am frühen Morgen zu nichts zu gebrauchen. »Tut mir leid. Ich besuche meine Tante. Sadie Fontaine.« Sie zeigte auf das Haus.
Sein Gesichtsausdruck wurde milder. »Madame Fontaine hätte Ihnen sagen müssen, dass Sie eine Parkplakette benötigen. Die gibt es im Rathaus. Aber auch damit dürfen sie nicht im Auto übernachten«, fügte er streng hinzu.
»Ich weiß, es tut mir leid. Sie hat gestern Abend nicht geöffnet, und im Kloster war auch niemand wach. Die Oberin hat uns angerufen, deshalb bin ich hier. Aber jetzt mache ich mir Gedanken, dass etwas passiert sein könnte …«
Der Polizist sah auf die Uhr. »Inzwischen sind die frommen Damen bestimmt wach. Wissen sie was, wir fragen da einfach mal nach.«
»Eine gute Idee!« Yael lächelte ihn begeistert an, so als wäre sie nicht längst selbst darauf gekommen, und gemeinsam gingen sie zur Klosterpforte, die nun einladend geöffnet und mit einem Kranz Kräutern geschmückt war. Bei näherem Hinsehen stellte er sich allerdings als künstlich heraus, was bei der zu erwartenden Hitze sicher keine schlechte Idee war. Ein Schild lud zur Besichtigung des Kräutergartens ein.
Es dauerte nicht lange, bis sie herausfanden, weshalb am Abend niemand geöffnet hatte. Sadie war gestürzt und lag mit mehreren Brüchen im Krankenhaus. Die gute Nachricht war jedoch, dass die Schwestern einen Zweitschlüssel zum Haus besaßen, den sie ihr nun überließen, und auch die Telefonnummer der Klinik, in die sie gebracht worden war.
Der Polizist legte ihr ein weiteres Mal ans Herz, sich schnell eine Parkplakette zu besorgen, und gab ihr eine Visitenkarte, auf deren Rückseite er etwas gekritzelt hatte.
»Wenn Sie die im Rathaus vorzeigen, geht es schneller«, sagte er und zeigte nach vorn. »Dort drüben ist der Parkplatz. Hier dürfen Sie nämlich auch mit der Plakette nur zum Ein- und Ausladen halten.« Er wünschte ihr einen angenehmen Aufenthalt. »Alles Gute für Madame Fournier.«
Inzwischen war es in der Straße lebhafter geworden. Leute schlenderten herum, machten Fotos und wirkten allgemein entspannt und in Urlaubslaune. Welch ein Unterschied zu Tel Aviv oder Paris, wo es immer laut und hektisch zuging.
Sie schloss die Ladentür auf, und ihr schlug abgestandene Luft entgegen. Schnell durchquerte sie den Verkaufsraum, um die Hintertür zu öffnen und durchzulüften. Dabei bemerkte sie, dass das Fenster daneben einen Spalt offen stand, und schloss es.
Seit ihrem letzten Besuch vor mehr als zehn Jahren hatte sich einiges verändert. Der kleine Innenhof wirkte verwahrlost, und zurück im Laden fiel ihr sofort auf, dass der nun zweigeteilt war. Auf der einen Seite stand Sadies Keramik in den Regalen, und man konnte von hier aus immer noch in die Werkstatt blicken, um der Künstlerin beim Arbeiten zuzusehen. In der anderen Hälfte jedoch befand sich nun ein langer Verkaufstresen mit einer silbern glänzenden Kaffeemaschine und zwei Glasvitrinen, Regalen mit Gläsern und großen Brotkörben, wie man sie aus alten Bäckereien kannte.
Angelehnt ein Dutzend Klappstühle mit passenden Tischen, die ihr bekannt vorkamen, weil sie so untypisch für Frankreich waren. Natürlich! Die Fontaines hatten Teile der Ladeneinrichtung von nebenan übernommen und offensichtlich auch die Funktion der Boulangerie Meir als eine Art Kiosk für die Einheimischen. Hier traf man sich auf einen Apéro und konnte beispielsweise Eier oder Kekse kaufen, wenn einem der Weg hinunter in die Einkaufsstraße mit dem kleinen Supermarkt zu weit oder zu beschwerlich war. Rund ums Kloster hatten früher viele alte Leute gewohnt, erinnerte sie sich.
Doch offensichtlich hatte Sadie den Laden schon vor ihrem Unfall nicht mehr geöffnet. Die Regale und der gläserne Kühlschrank waren leer, und über allem lag eine feine Staubschicht, in die sie ihren Namen hätte schreiben können.
Als Nächstes trug Yael ihr Gepäck hinein und fuhr den Wagen zum Parkplatz, um ihn dort im Schatten der Stadtmauer abzustellen.
Wieder zurück stieg sie die Treppe zur Wohnung hinauf, in der die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Die dunklen Möbel, die sie als Kind schon bedrohlich gefunden hatte, wirkten zu massiv für die Räume. Die geschlossenen Fensterläden ließen nicht viel Licht hinein. Die stickige Luft und ein Hauch von Krankheit, der in der Luft hing, schlugen ihr aufs Gemüt.
Yael schob die schweren Vorhänge beiseite und öffnete alle Fenster. Die Sonne würde erst am Nachmittag hereinscheinen, bis dahin konnten die Läden mit dem abblätternden sonnenbleichen Lack getrost offen bleiben.
Als Kind hatte sie eine Etage höher in einer Mansarde geschlafen. Daneben befand sich ein großes helles Apartment mit eigenem Bad, das an Künstlerinnen vermietet wurde, die wenig Geld, aber den Wunsch hatten, einen Sommer in der Provence zu verbringen. Es gab sogar einen Balkon, gerade groß genug, um einen Stuhl hinausstellen zu können. Wenn niemand da gewesen war, hatte sie sich manchmal hineingeschlichen und davon geträumt, eines Tages selbst so eine schöne Wohnung zu besitzen. Bis heute hatte sich dieser Traum nicht erfüllt, ihr Leben war viel zu unstet, als dass sie über ein eigenes Zuhause nachgedacht hätte. Und wenn sie hier fertig war, würde es so weitergehen.
Schnell stieg sie hinauf, um nachzusehen, ob auch dort alles beim Alten geblieben war. Und tatsächlich, hier oben konnte sie aufatmen, die Traurigkeit, die im Haus zu hängen schien, hatte es nicht die steile Treppe hinauf geschafft. Sie hatte die Räume unter dem Dach schon immer sehr gemocht.
Die Ferienwohnung war sogar noch größer, als Yael sie in Erinnerung hatte. Den beiden Zimmern hätte sicher auch etwas Zuwendung gutgetan, aber der heiteren Atmosphäre tat dies keinen Abbruch. Hier würde sie erst mal bleiben, bis sie mehr über die Situation ihrer Tante wusste. Yael öffnete die Balkontür und zog ihr Handy aus der Tasche, um das Krankenhaus anzurufen.
Yael
13 août. Es dauerte ewig, bis sie mit jemandem verbunden wurde, der bereit war, ihr wenigstens die wichtigsten Informationen zu geben.
»Madame Fournier ist als Notfall bei uns eingeliefert worden, sie hatte nichts dabei …«
»Sie meinen die Carte Vitale?«
Die Frau am anderen Ende lachte. »Ja, die Versichertenkarte auch. Aber ich habe an Nachthemden, Wäsche und Ähnliches gedacht. Ihre Tante ist sehr erschöpft. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie kürzlich einen schweren Verlust erlitten?«
»Ihr Mann Alain ist im Februar gestorben.«
»Genau.« Die Frau klang zufrieden, und Yael kam es vor, als hätte sie gerade einen Test bestanden. »Wenn Madame Fournier nichts dagegen hat, kann ich Ihnen persönlich mehr über ihren Gesundheitszustand berichten.«
»Ich packe einige Sachen zusammen und könnte gegen Mittag da sein. Wie lange haben Sie Dienst?«
»Wer weiß das schon?« Die Frau hatte ein sympathisches Lachen. »Bis drei Uhr erreichen Sie mich auf jeden Fall. Au révoir, Madame Dayan. Bis später.«
Nachdem sie ihr Gepäck unters Dach geschleppt und geduscht hatte, betrat sie zögerlich das Schlafzimmer der Tante. Es wirkte noch düsterer und trauriger auf sie als der Salon im vorderen Teil des Hauses. Bei der Suche nach geeigneter Wäsche kam sie sich vor wie ein Eindringling, der Schränke und Schubladen durchwühlte, und sie bemühte sich, nichts durcheinanderzubringen.
Auf dem Nachttisch lag ein aufgeschlagenes Buch. Lächelnd las sie den Titel: Madame le Commissaire et les requins de l'immobilier. Der Roman über eine provenzalische Kriminalkommissarin und die Machenschaften der Immobilien-Mafia war derzeit unter den Top Ten der Krimi-Bestenliste, das hatte sie zufällig unterwegs in einem Magazin gelesen. Sie steckte ihn ebenfalls ein. Im Bad suchte sie ein paar Dinge zusammen, von denen sie annahm, dass die alte Dame Verwendung dafür haben würde. Lieber zu viel als zu wenig, dachte sie und nahm sich vor, auf dem Weg ins Krankenhaus an einer Drogerie Halt zu machen, um dort eine neue Zahnbürste und Einmal-Waschlappen zu kaufen – und was man im Krankenhaus eben sonst so brauchte.
In der Klinik stellte sich heraus, dass sie mit der behandelnden Ärztin telefoniert hatte. Eine Stationsschwester begleitete sie zum Zimmer ihrer Tante und zeigte ihr einen schmalen Schrank für die mitgebrachten Sachen. »Ich gebe Madame la docteure Bescheid, dass Sie da sind«, verabschiedete sie sich mit einem prüfenden Blick auf die Patientin.
Yael bedankte sich und ging zum Bett: »Tante Sadie! Was machst du nur?« Dabei versuchte sie, ihre Bestürzung darüber zu verbergen, wie sehr sich die alte Dame verändert hatte. So wenig war geblieben von der dynamischen Frau mit denselben widerspenstigen Haaren, wie sie typisch für ihre Familie waren. Blass und ausgezehrt lag sie in ihrem Krankenbett.
»Ach, Yael-Kindchen. Wie froh ich bin, dich zu sehen.« Sie streckte eine Hand nach ihr aus, die andere steckte bis fast zur Schulter in einem Gipsverband.
»Ich habe dir Nachthemden mitgebracht und eine Zahnbürste.« Sanft strich sie ihr über die knochigen Finger.
»Du musst dich um Cara kümmern.«
»Wer ist das?«, fragte sie erstaunt.
»Sie ist so dünn.« Sadie richtete sich auf und sah sie eindringlich an.
Hatte die Ärztin nicht gesagt, Sadie sei in einer guten Verfassung? Das klang nicht danach. Verwirrt fragte sie noch mal nach: »Wer ist Cara? Eine Freundin?«
Sadie lächelte. »Ja. Eine Freundin. Caramelle und Aquamarine sind liebe Freundinnen.« Sie schloss die Augen. »Ich kann jetzt schlafen. Du bist ja da.«
Ein schrilles Piepsen übertönte ihre Worte. Die Tür flog auf, und zwei Krankenpflegerinnen kamen herein. Jemand schob Yael auf den Flur.
In einer Krisensituation nichts tun zu können, hatte Yael schon immer verrückt gemacht. Als Sadie im Krankenbett eilig an ihr vorbeigeschoben wurde, fragte sie: »Was ist passiert?«
»Ein Schwächeanfall. Wir bringen Madame Fournier auf die Intensivstation«, rief ihr eine der Pflegerinnen über die Schulter zu.
Kaffee. Sie brauchte jetzt dringend eine Tasse von dem bitteren Gebräu, oder gleich einen ganzen Liter. Also gab sie im Schwesternzimmer Bescheid und ging zum Bistro, das nicht weit entfernt war. Mit einer Tasse herrlich duftendem Café serré setzte sie draußen in den Schatten und rief ihre Mutter an, die so was wie die Kommunikationszentrale der Familie war.
Mit wenigen Worten erzählte sie, was passiert war. Welch ein Schock! Als reichte es nicht, dass Sadie gestürzt war und Brüche davongetragen hatte, litt sie offenbar auch unter Verwirrungszuständen.
»Du musst bei ihr bleiben!«, sagte ihre Mutter aufgeregt.
»Natürlich bleibe ich, bis wir mehr wissen.«
»Ich habe Sadie nach Alains Tod gesagt, dass sie den alten Kasten verkaufen und hierher ziehen soll. Die Krankenhäuser in Frankreich sind so furchtbar rückständig.«
Das stimmte natürlich nicht, aber Yael hütete sich, darüber zu diskutieren. Stattdessen hörte sie sich Lobpreisungen über das Rabin Medical Center an und wie ihrer Mutter dort das Leben gerettet worden war.
»Wäre ich in Frankreich geblieben, hättest du keine Mutter mehr …«
»Madame Dayan?« Vor ihr stand eine Ärztin. »Wir haben vorhin telefoniert.«
»O ja, natürlich. Einen Augenblick … Mama, ich muss jetzt aufhören. Ja, ich melde mich!« Sie steckte das Smartphone ein und stand auf. »Danke, dass Sie Zeit für mich haben, Madame la docteure. Was ist mit Sadie?«
»Madame Fournier hatte einen Schwächeanfall. Sie wurde vorsichtshalber auf die Intensivstation verlegt. Dort können wir besser auf sie aufpassen.«
»Weshalb musste sie überhaupt in Krankenhaus? Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel darüber.« Yael erzählte mit wenigen Worten vom Anruf der Benediktinerinnen und ihrer Ankunft in Sainte-Émilie.
»Ihre Tante ist gestürzt und hat sich dabei den rechten Oberarm gebrochen. Außerdem ist die linke Kniescheibe zertrümmert. Mit der fortgeschrittenen Osteoporose sind die Verletzungen im Grunde noch harmlos.«
»Und was ist eben gerade passiert?« Sie war aufgewühlt, bemühte sich aber, Ruhe zu bewahren.
»Ich glaube, Ihre Tante leidet unter dem Broken Heart Syndrom.«
»Ihr Herz ist gebrochen?«
Im ersten Augenblick glaubte sie, die Ärztin wolle einen Scherz machen, aber dann überlegte sie. In der Familie hatten Sadie und Alain immer als das perfekte Ehepaar gegolten. Einander zugewandt, liebe- und respektvoll, und nicht einen Tag im Leben waren sie voneinander getrennt gewesen. Es war gut möglich, dass Alains Tod ihr das Herz gebrochen hatte.
»Wie furchtbar!«, sagte sie. »Aber es kann durchaus sein, dass Sie recht haben. Die Liebe hat große Macht über uns. Ich weiß nicht, ob man sich so eine innige Verbindung wünschen sollte oder besser nicht.«
Die Ärztin nickte. »Ich bin froh, dass Sie verstehen, was ich meine. Gebrochene Herzen können heilen, aber dafür braucht es viel Zeit und jemanden, der die Heilung begleitet. Sie sind nicht aus der Gegend, oder?« Es war ihr nicht entgangen, dass Yael mit ihrer Mutter Hebräisch gesprochen hatte.
»Ich bin …« Sie machte eine weiträumige Geste. »Weder hier noch sonst wo zu Hause.« Warum erzähle ich ihr das?, fragte sie sich.
»Wie lange können Sie bleiben?«
»So lange, wie es notwendig ist«, sagte sie entschlossen. »In meinem Beruf kann man die meiste Zeit auch online arbeiten«, fügte sie erklärend hinzu.
»Das ist gut!« Die Ärztin warf einen Blick auf ihren Piepser. »Ich muss weiter. Lassen sie der Stationsschwester ihre Kontaktdaten da, und wir halten Sie auf dem Laufenden.«
Auf dem Rückweg nach Sainte-Émilie telefonierte sie ein zweites Mal mit ihrer Mutter und erklärte die Situation.
»Natürlich bleibst du da. Ich sage deiner Schwester Bescheid. Wenn du Geld brauchst …«
»Maman! Noa ist kein Goldesel, und außerdem verdiene ich selbst genug, um über die Runden zu kommen.«
»Schon gut, kleines Zicklein. Halt mich auf dem Laufenden, ja?« Damit legte sie auf.
Himmel, wie sie es hasste, wenn ihre Mutter sie so nannte. Es mochte die Übersetzung ihres Namens sein, aber sie war doch keine Ziege und bestimmt nicht klein.
Zurück in Sainte-Émilie machte sie vor dem Rathaus Halt. Die Visitenkarte wirkte Wunder, und in weniger als einer Viertelstunde hielt sie die Parkplakette Première in den Händen. Es gab zwei Sorten, hatte sie erfahren. Eine für die Einheimischen, zu denen man sie dank des Polizisten nun zählte, und eine zweite Klasse für Touristen und Ferienhausbesitzer.
Unterwegs hatte sie in einem riesigen Supermarkt das Wichtigste eingekauft, aber noch nichts gegessen. Es wurde Zeit, etwas in den Magen zu bekommen.
Spontan ging sie in das Restaurant, vor dem sie vorhin einen freien Parkplatz gefunden hatte. Leider galt das nicht für die Tische auf der Terrasse, sie seien alle besetzt, teilte man ihr mit. Doch ein paar Häuser weiter, in der Boulangerie Gâteau, hatte sie mehr Glück. Yael bestellte das Tagesgericht, zu dem Thé à la menthe serviert wurde, und setzte sich draußen an einen frei gewordenen Tisch.
In den letzten vierundzwanzig Stunden war erstaunlich viel passiert, und sie fühlte sich erschöpft, als sie die Beine unter dem Tisch ausstreckte und ihre Nachrichten checkte. Ihre Mutter hatte unzählige Anweisungen geschickt, Cousine Eli immerhin eine Entschuldigung wegen des Koffers. Die letzte iMessage kam von ihrer Schwester. Noa meldete sich selten. Wenn sie es tat, dann meistens als eilig gesprochene Text-Nachricht, um ihr Ratschläge zu erteilen.
Diesmal klang sie anders: Ich bin verloren! Ruf mich an, wenn du kannst. Liebe Grüße an Tante Sadie!
Für heute hatte Yael genug Drama erlebt. Außerdem stand ein überaus appetitliches Gemüse-Quiche vor ihr. Sie nahm die Kopfhörer aus den Ohren und stellte das Telefon auf lautlos. Nach einem großen Schluck Pfefferminztee seufzte sie zufrieden und sog den Duft von Tomaten, gegrilltem Gemüse und zerlaufenem Käse ein.
»Pardon, ist hier noch frei?«
Sie sah auf. »Ja, klar«, sagte sie überrascht. Der Mann setzte sich und erklärte ihr unaufgefordert: »Die Quiches von Elise Gâteau sind vermutlich die besten in ganz Südfrankreich.« Unter Yaels fragendem Blick senkte er kurz die Augenlider, um Verlegenheit vorzugeben, strahlte sie aber gleich darauf an. »Entschuldigen Sie, Madame. Ich bin Christian Colmar, mir gehört die Agence de Provence gegenüber.«
Er zeigte mit dem Daumen über seine Schulter, und tatsächlich sah sie den Namen in bronzefarbenen Buchstaben auf einem Eckhaus durch die Blätter der Platanen blitzen.
»Sie sind die Enkelin von Madame Fournier, nicht wahr? Neuigkeiten machen hier schnell die Runde.«
»Nichte«, sagte sie automatisch und schnitt ein Stück aus der Quiche. »Wirklich lecker!« Was wollte der Mann von ihr?
»Wissen Sie, Ihre Tante war kürzlich bei mir und hat mich um Rat gebeten. Es sieht danach aus, als plante jemand, alle Häuser am Place de l’Abbeye aufzukaufen. Man hat ihr offenbar ein attraktives Angebot gemacht.« Er trank einen Schluck. »Ich bin Immobilienmakler, aber auch Bürger dieser Stadt, und wir möchten hier nicht dasselbe Schicksal erleiden wie Lacoste.«
»Was meinen Sie?« Interessiert sah sie auf.
»Dort haben Investoren den halben Ort gekauft, die Leute rausgeekelt und alles zu einer Art Disneyland zu Tode renoviert.«
»Das klingt ja schrecklich!«
»Nicht wahr? Ich dachte, Sie sollten das wissen.«
»Danke sehr, ich werde es mir merken.«
Sein Akzent war kaum wahrnehmbar, und doch wusste sie plötzlich, woran er sie erinnerte. In Gesellschaft von Deutschen fühlte sich Yael immer etwas beklommen. Das war bei jemandem, der nur ein paar Jahre älter sein dürfte als sie selbst, zwar irrational, aber sie konnte nichts dagegen tun. Diese Verunsicherung beruhte häufig auf Gegenseitigkeit, sobald ihre Herkunft offenbar wurde.
Um irgendetwas zu sagen, fragte sie: »Kennen Sie zufällig eine Cara? Meine Tante hat den Namen erwähnt, und ich hatte den Eindruck, sie macht sich Sorgen um ihre Gesundheit.« Dabei bemühte sie sich zu lächeln.
»Ich weiß nicht …« Er schien angestrengt zu überlegen. »Ich kenne niemanden mit dem Namen. Vielleicht ein Haustier? Die Katze meiner Schwester hieß so ähnlich.«
Das würde passen. Sie nahm sich vor, gleich danach Ausschau zu halten.
»Falls Sie jemand wegen eines Kaufangebots ansprechen sollte«, Christian erhob sich, »kommen Sie einfach in mein Büro. Oder Sie sprechen mit dem Bürgermeister.« Jetzt lächelte er, als wäre ihm bewusst geworden, dass ein Immobilienmakler nicht eben der seriöseste Ansprechpartner war, wenn man einen Hausverkauf verhindern wollte.
Zurück am Place de l’Abbaye packte Yael ihre Einkäufe aus. Die Frage, wer diese Cara sein konnte, hatte sie die ganze Zeit nicht losgelassen, und hier in der Küche fand sich die Antwort. Christian Colmar hatte recht gehabt.
Im fast leeren Kühlschrank lagen Tiermedikamente, im Küchenschrank fand sie Trockenfutter, und am Boden standen drei Keramikschalen, die ihr vorhin gar nicht aufgefallen waren. Deshalb also hatte das Fenster neben der Hintertür offen gestanden. Cara und Aquamarine waren Sadies Katzen.
»Du lieber Himmel, und ich habe euch ausgesperrt«, sagte sie, wusch die Näpfe aus und füllte Wasser und Futter auf.
Anschließend öffnete sie das Fenster zum Innenhof und machte sich dran, das Apartment unter dem Dach zu putzen.
Die Sonne versank bereits hinter den Bergen des Luberon, als sie die Flasche Rosé aus dem Kühlschrank nahm, dazu ein Glas aus dem Schrank, und wieder in die obere Etage hinaufstieg. Neben der Balkontür war eine schwarz gestrichene Eisenleiter in die Hauswand eingelassen. Auf dem Dach, das wusste Yael noch von früher, führten kleine Stufen zum Schornstein. Auf eine setzte sie sich, trank einen Schluck und blickte über die Dächer von Sainte-Émilie. Sie hatte vorhin im Krankenhaus angerufen, aber Sadie war nicht ansprechbar. Man versprach, sie sofort zu informieren, falls sich ihr Zustand ändern würde. Damit musste sie sich zufriedengeben.
Ein paar Häuser weiter stand eine Frau auf ihrer Terrasse und betrachtete ebenfalls den Sonnenuntergang. Sie prosteten sich zu, und Yael verspürte eine eigentümliche Verbundenheit mit der Fremden und mit diesem Ort.
Lila
13 août.
