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Beschreibung

Provenienzforschung ist so viel mehr als die Suche nach Herkunft: Sie öffnet Perspektiven auf Objekte, Sammlungen, ihre Geschichten und die facettenreichen Beziehungen, die in ihnen angelegt sind. Das Museum der Kulturen Basel untersucht seine Sammlung systematisch auf Kolonialität und verdeutlicht, wie zentral die Zusammenarbeit mit Communities des Globalen Südens ist. Dabei zeigt sich auch, wie vielschichtig und fordernd ethnologische Provenienzforschung ist. Dieser Band wirft "wegweisende Fragen auf, die in den kommenden Jahrzehnten die ethnologische Provenienzforschung prägen werden" (George Meiu).Das Museum der Kulturen Basel ist eines der fünf staatlichen Museen des Kantons Basel-Stadt und mit einer Sammlung von über 340.000 Objekten aus allen Regionen der Welt das größte ethnologische Museum der Schweiz. Die Bewirtschaftung dieses Bestandes – das Ergänzen, Bewahren und Sichern, Ausstellen und Vermitteln der Sammlung – ist die Kernaufgabe, auf die sich die Aktivitäten des Hauses konzentrieren. In den letzten Jahren nahm Provenienzforschung und die Zusammenarbeit mit sogenannten Herkunftsgesellschaften breiten Raum ein.

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Seitenzahl: 787

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jeder Fall liegt anders

Jeder Fall liegt anders

Ethnologische Provenienzforschung am Museum der Kulturen Basel

Herausgegeben von Anna Schmid und Museum der Kulturen Basel (mkb)

Einführung

Kolonialität und aktuelle Relevanz. Parameter ethnologischer Provenienzforschung

Anna Schmid

Grundlagen und Methodisches

Ordnen, Katalogisieren, Kategorisieren – Eine Strukturgeschichte des Museums

Basil Bucher

Das Museumsarchiv als Grundlage für die Provenienzforschung

Daniela Müller mit Isabella Bozsa, Basil Bucher, Silvia Greber, David Rentsch, Julia Singh

Alter Bestand

Basil Bucher

Nicht katalogisiert

Silvia Greber

Alte Inventarnummer

Silvia Greber

Mehr als eine Quelle. Fotografie in der Provenienzforschung

Aila Özvegyi

Akteur*innen und ihre Rollen – Cluster als Methode

Silvia Greber, Julia Singh mit Isabella Bozsa, Basil Bucher, Daniela Müller, David Rentsch

Reisen und Sammeln

Eine Reise um die Welt 1872–1873

Silvia Greber

Alfred Sarasin in Indien

Anna Schmid

Zwischen den Fronten – Frau Schmassmann in Algerien

Basil Bucher

Erwerbsumstände und Aneignungspraktiken

Mit dem Baedeker auf Antiquitätensuche, Palästina 1875

David Rentsch

Wie Paul Wirz in Nordindien an Dinge für die Sammlung gelangte

Isabella Bozsa

Die Aneignung eines Schreins

Basil Bucher

Jahrmärkte, Mönche, weidende Schafe – Forcarts Ankäufe in Ägypten

Daniela Müller

Buddha-Köpfe aus Thailand

Basil Bucher

Marktlogiken und Handelspraktiken

Ethnografika als Ware – Geschäftspartner*innen und Handelswege

Daniela Müller

Besteck aus dem Gefängnis, 1895

David Rentsch

Nachlass des Reichskanzlers : Provenienzangabe oder Verkaufsstrategie ?

Isabella Bozsa

Auf der Suche nach Geld

Julia Singh

‹ Pumpaktion › : Der Ankauf einer Textilsammlung

Silvia Greber

Mittelspersonen und Counterparts

Fünf Dolche von ‹ unbekannt ›

Basil Bucher

Von Kindern « beim Hüten der Wasserbüffel zum Zeitvertreib hergestellt »

Silvia Greber

Von den Füssen gekauft

David Rentsch

Mohareb Toudros – Ägyptische Händlerdynastie in diplomatischen Diensten

Daniela Müller

Haikanducht Tschachmatschjanz – Der ‹ gute Engel › der Schweizer Kaukasusexpedition 1912

David Rentsch

Kaira als Sprecher der Veddah

Basil Bucher

Communities of implication

Ein Buddha in Göschenen

Basil Bucher

Ein Zuckerpflanzer hat sie mir ‹ verehrt ›

Silvia Greber

Arnold Masarey – Schiffsarzt wider Willen

Julia Singh

I. G. Farben, Driessen und Iklé-Huber – Ein Textilfragment

Julia Singh

Entwurzelt – Wissen um Wirkung

Silvia Greber

Zur Biografie eines Rollbilds aus Nepal

Isabella Bozsa

Gandhara-Artefakte : Vorislamische Bürde oder nationales Kulturerbe

Anna Schmid

Gewaltkontexte

Gewalt im Museum – Sammlungen aus dem Kongo-Freistaat, 1885–1908

David Rentsch

‹ Waffenrock eines Derwischkriegers › – Koloniale Imaginationen

Daniela Müller

Jagdbeute – Kriegsbeute. Adam Davids Sammelaktivitäten

Daniela Müller

Raubgut aus chinesischen Kaiserpalästen

Isabella Bozsa

Fehlstellen und Lücken

Forschung in der Sammlung Europa – Ein Blick auf Fehlendes

Tabea Buri

Die Lücke in der Sammlung – Taiwan 1937/1958

David Rentsch

Aktuelle Relevanz

Dekoloniale Praktiken als Konsequenz der Provenienzforschung

Beatrice Voirol

Die Restitution eines Zeremonialpfeils

Basil Bucher

Mapping Philippine Material Culture

Silvia Greber

Die Bedeutung von visuellem Kulturgut für die Mafa

Tevodai Mambai

Dialogtreffen zu Sammlungen aus Kamerun in Basel

Isabella Bozsa

Die Begegnung mit einer Königin kesa, teheko und tsunan

Taloi Havini

Oktopudisch

Oktopudisch: Zur Tentakularität der egungun-Maske

Zainabu Jallo

Epilog

Dinge, Ethnologie, Kolonialität: Kritische Umwege

George Paul Meiu

Dank

Anhang

Quellen

Literatur

Autor*innen

Einführung

Kolonialität und aktuelle Relevanz. Parameter ethnologischer ProvenienzforschungAnna Schmid

Bei einer so umfangreichen Sammlung wie der des Museums der Kulturen Basel (mkb) sind bei jedem Gang ins Depot, bei jeder Sichtung von Artefakten Überraschungen garantiert. Sie können freudige Begeisterung oder Neugier auslösen, aber auch Ratlosigkeit, enttäuschte Erwartung, Frustration oder Entsetzen: Warum hat Paul Wirz fünf kleine Stückchen Mörtel von seiner Reise aus Indien mitgebracht (s. Abb. 1)? Was hat «durch Handabschneiden erbeutet. Massiv» auf einer Karteikarte zu einem Armreif zu bedeuten (s. Abb. 59)? Was sagt uns ein Etikett auf der Rückseite eines Textils, auf dem das Wort «Empire» prangt (s. Umschlag)? In jedem Objekt treten uns Fragmente von Begegnungen, von Erwerbs- und Aneignungsgeschichten entgegen. Solche ersten Anhaltspunkte an Objekten werden beim Sichten der Archivalien bestärkt, infrage gestellt oder konterkariert. Zu diesen historischen Dimensionen treten Fragen nach aktuellen Bezügen verschiedenster Akteur*innen und Fragen der Emotionalität1 hinzu. Diese Komplexität ist Gegenstand der Provenienzforschung, wie wir sie am mkb seit 2014 mit einzelnen Projekten begonnen haben2 und seit 2022 als Schwerpunkt betreiben.

Abb. 1: Mörtelstücke eines alten Gebäudes; Srinagar, Kashmir, Indien; vor 1938; Mörtel; Ø zwischen 2 cm und 7 cm; Einlieferer: Paul Wirz, Kauf 1939; IIa 490 © mkb, Corinne Kramer 2025.

Provenienzforschung – Eine «Daueraufgabe aller Museen»3

Dass wir diese Forschung im mkb intensivieren konnten, verdanken wir nicht zuletzt den vielen öffentlichen Diskussionen zu kolonialen Kontexten von Sammlungen und Restitutionsprozessen. Im Nachgang zu den Debatten um Provenienzen von ethnografischen Objekten oder ganzen Konvoluten und ihre Konsequenzen sahen sich auch politisch Verantwortliche veranlasst zu handeln.4 Politische Gremien verfassten Statements, Ministerien erliessen Richtlinien, und in manchen Staaten wurden Gesetzesvorlagen erarbeitet.5 Neben Initiativen zivilgesellschaftlicher Gruppen und von Fachkreisen aus Ethnologie und Geschichtswissenschaft, die in der breiten Öffentlichkeit bislang nur wenig Aufmerksamkeit fanden, befeuerte der vielbeachtete Bericht von Sarr und Savoy 2018 die Debatte weiter, sodass inzwischen viele Publikationen zu Vorgehen oder Forderungen im Umgang mit Sammlungen aus der Kolonialzeit vorliegen.6

In der Schweiz liess die Anerkennung der eigenen Verflechtungen mit dem Kolonialismus auf sich warten, da ein «Kolonialismus ohne Kolonien»7 lange für viele kaum vorstellbar war. Erst die Publikationen der 2010er Jahre mit dem Nachweis einer vielschichtigen Beteiligung nicht nur von einzelnen Protagonist*innen führte zu einer ernsthaften Diskussion des Themas.8 Gefordert wurde eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Fragen und eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, verbunden mit der Versicherung, dass es sich hierbei weder um eine Konzession an den Zeitgeist handle, noch moralische Zuschreibungen im Vordergrund stünden.9 Denn: «Dieser Kolonialismus hat auch das Land selber verändert».10 Das Konstatieren der kolonialen Beteiligung war nicht neu. So zitierte etwa Bundesrätin Baume-Schneider bei der Ausstellungseröffnung ‹kolonial› im Schweizerischen Nationalmuseum 2024 den Glarner Kantonsarchivar Eduard Vischer mit einer Aussage von vor etwa 60 Jahren: «In den europäischen und aussereuropäischen Kriegen und Streitigkeiten blieben wir [die Schweiz] als Staat neutral, individuell nahmen wir – als Reisläufer – daran teil, und ebenso schalteten wir uns als Kaufleute mit grosser Energie ein, wo es irgend möglich war, und beteiligten uns an der Verteilung der Reichtümer der Erde».11

Solche dezidierten Statements flossen auch in parlamentarische Vorstösse ein, in denen sich Stände- und Nationalräte zu Wort meldeten, um die Beteiligung der Schweiz am Kolonialismus und ihre Bedeutung für die Eidgenossenschaft anzuerkennen, die Akzeptanz der Folgen einzufordern und die Aufarbeitung – insbesondere auch anhand ethnografischer Sammlungen in schweizerischen Museen – zu einer nationalen Angelegenheit zu erklären.12 In ersten Beratungen lehnte der Bundesrat diese Begehren ab, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass die Anliegen zwar berechtigt seien, derzeit aber kein gesetzgeberischer Handlungsbedarf bestehe, weil der Bund bereits finanzielle Unterstützung leiste13 und als Ratgeber zur Verfügung stehe.14 Dagegen wurde die Motion des Nationalrats Jon Pult angenommen. Dieser beantragte am 9. Dezember 2021, eine unabhängige Kommission einzusetzen, die sich nicht nur mit ns-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern, sondern auch mit «Kulturgütern aus anderen, namentlich kolonialen Kontexten» beschäftigen solle.15 Auch der Antrag der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur auf Einrichtung und Koordination einer «Plattform in Form einer web-basierten Datenbank für Provenienzforschung von Kulturgütern zusammen mit anderen Partnern»16 vom 24. Februar 2022 wurde angenommen. Interessant ist die Formulierung der Stellungnahme vonseiten des Bundesrats vom 4. Mai 2022, in der er die Annahme des Antrags empfahl: «Die Provenienzforschung dient der Klärung offener Fragen zur Herkunft von Kulturgütern. Sie ist eine Daueraufgabe aller Museen [Hervorhebung as], sowohl bei Neuerwerbungen wie auch bei bestehenden Sammlungen. Die verbesserte Zugänglichkeit der Resultate über eine geeignete Plattform dient der Qualität und Transparenz der Provenienzforschung und fördert die Vernetzung zwischen den Forschenden».17

Die Aufmerksamkeitskonjunktur – wie der Basler Historiker Georg Kreis es bezeichnet18 –, die sich in Forschung und Publikationen zu ‹kolonialem Erbe› und damit auch zur Provenienz von Sammlungen aus kolonialen Kontexten niederschlägt, hat politische Gremien nicht nur auf nationaler, sondern auch auf kantonaler Ebene erreicht. So drehte sich die Diskussion um die Revision des baslerischen Museumsgesetzes in seiner letzten Phase gerade auch darum, ob Provenienzforschung explizit darin genannt werden solle. Mit dem Inkrafttreten am 1. Februar 2025 ist sie im Gesetz verankert19 und im Jahresbericht 2024 verkündete die Regierung: «Basel-Stadt ist der erste Kanton, der Museen gesetzlich zur Provenienzforschung, also zur Herkunftsforschung verpflichtet»,20 aber – so bliebe zu ergänzen – nicht ausreichend finanziert. Um mit den Aufgaben dennoch starten zu können, erwirkte die Regierung eine Rahmenausgabenbewilligung: Vorgesehen war, ab 2023 bis 2026 den fünf kantonalen Museen jährlich chf 250 000 für Provenienzforschung zur Verfügung zu stellen. Angesichts des Bedarfs stockte das Parlament diese Summe auf jährlich chf 1 Million auf. Damit bekundeten Regierung und Parlament ein aussergewöhnliches Interesse an Fragen zu Erwerbspraktiken der Museen, die wohl auch mit Risiken für die Reputation des Kantons zusammenhingen, sowie mit allfälligen Schadensregulierungen, die sich daraus ergeben könnten. Aus politischer Sicht sollte Provenienzforschung also einerseits proaktiv, andererseits bei akuten Problemfällen in Angriff genommen werden – bleibt nur noch die Verstetigung des Forschungszweigs, gerade auch im mkb.

Parameter der ethnologischen Provenienzforschung

Bei den politischen Aushandlungen folgten die involvierten Protagonist*innen einer Logik, die grösstenteils aus der Behandlung der ns-Raubkunst abgeleitet war – dass also rechtliche Ansprüche, die gegebenenfalls einzulösen seien, in finanzielle Forderungen münden könnten. Jüngste Beispiele aus der Schweiz zeigen, dass die Aufarbeitung des Kunstraubs aus der Zeit des Nationalsozialismus noch längst nicht abgeschlossen ist.21

In einer Veranstaltung der fünf kantonalen Museen unter dem Titel ‹Die ganze Geschichte: Provenienzforschung in den Basler Museen› im März 2025 wurden nicht nur disziplinäre Unterschiede überaus deutlich, sondern auch die historische Komplexität, mit der jedes Haus auf eigene Art konfrontiert ist.22 Die Präsentationen veranschaulichten die Unterschiede einerseits im Selbstverständnis der Häuser und andererseits im Prozess des Rollenwechsels vom gatekeeper zum caretaker.23 Daraus erwachsen auch Unterschiede im Vorgehen bei der Provenienzforschung und bei den Parametern, die es an die Forschung anzulegen gilt.

Die Analyse ethnografischer Sammlungsbestände darf sich nicht auf Handwechsel im Globalen Norden beschränken. Diese mögen wichtig werden – insbesondere, wenn sie mit juristischen Argumenten unterlegt und mit finanziellen Forderungen verbunden sind –, aber für Ethnografika ist der Zeitpunkt entscheidend, zu dem ein Gegenstand erstmals in europäische Hände übergeht, und die Umstände dieses Handwechsels. Es macht einen Unterschied, ob Waffen nach einem Krieg eingesammelt werden – wie etwa nach der Rückeroberung des Mahdireichs im Sudan 1898 (vgl. Müller 256–257), nach der Unterwerfung des chinesischen Kaiserreichs 1860 (vgl. Bozsa 260–261) oder nach der sogenannten ‹Mutiny› in Indien 1857 –, ob Menschen Raubgrabungen vornehmen, um sich durch den Verkauf ihrer Funde den Lebensunterhalt zu sichern, oder ob Gegenstände auf Basaren eingekauft werden, auch wenn alle Beispiele kolonial verursacht oder geprägt sind. Für eine Beurteilung der Provenienz kann die Analyse der historischen Kontexte Aufschluss darüber geben, unter welchen Umständen Menschen ein Ding hergegeben haben oder zur Abgabe gezwungen wurden. Dabei sollten weniger rechtliche Argumente ausschlaggebend sein, weil Rechtsvorstellungen im Allgemeinen und Eigentumsbegriffe im Besonderen erheblich differieren oder gar unvereinbar sind.24 Eindringlich hat dies Brian Martin25 bei der Rückgabe des dhulu an die Gamilaaroy im Jahr 2024 zu Gehör gebracht.26 Für die Gremien, die darüber zu entscheiden hatten, ob der beschnitzte Baumstamm zurückgeführt werden soll, war die Frage wichtig, wem er gehört. Die Antwort, dass er auf das Land der Gamilaaroy gehen werde, war wenig befriedigend. Erst die Erklärung der indigenen Perspektive «Nicht wir besitzen das Land, das Land besitzt uns» 27 vermochte zu überzeugen, und die Heimkehr konnte vollzogen werden (s. Voirol 283–284).

Neben dem historischen Kontext benennt dieses Beispiel den zweiten, äusserst komplexen Parameter: die aktuelle Relevanz für jeweilige Gemeinschaften. Diese Relevanz leitet sich einerseits aus Bedeutungen und kulturellen Werten ab, die in frühere Praktiken und in die dazugehörigen materiellen Dinge eingeschrieben sind. Andererseits liegen ihr Notwendigkeiten zugrunde, die sich aus genealogischen Prinzipien, aus dem Stellenwert der Ahnen und aus dem Subjektstatus eines Gegenstands ergeben. Während der dhulu im Globalen Norden bloss ein beschnitztes Stück Holz sein mag, ist er für Mitglieder der Gamilaaroy ein Subjekt, eine Verkörperung der Ahnen, die bestimmte Handlungen erheischen, um das Wohl der Gemeinschaft zu sichern. Diese Diskrepanz zeigt einmal mehr die Dringlichkeit offenzulegen, welche Objekte sich in den Sammlungen befinden. Nur dann wird es möglich, dass all jene sich mit ihren Dingen verbinden können, die sie einst hergestellt oder genutzt haben (s. Havini 312–317). Für die Forschung bedeutet es überdies, dass sie eigentlich nur in engem Austausch mit Mitgliedern von Anspruchsgruppen erfolgen kann.

Schliesslich – und eng mit dem vorherigen Punkt verbunden – bezieht sich ein dritter Parameter auf die Neubewertung der Objekte im musealen Kontext. Jeder Besuch einer Delegation führt vor Augen, wie beschränkt unser Wissen über die Gegenstände ist, die das mkb beherbergt. Wenn etwa Wannila Aththo, chief der chiefs der Veddah aus Sri Lanka (vgl. Bucher 291–294), in einem zweistündigen Rundgang mehr faktisches und kulturelles Wissen zu Dingen aus seiner Kultur vermitteln kann, als das Museum in über 100 Jahren zusammentragen konnte, wirft das nicht nur ein Licht auf mögliche Versäumnisse, auf unzulängliche Strukturen oder auf einen zu geringen Stellenwert der Forschung.28 Es verweist auch auf den Umstand, dass Sammlungen nicht eingefroren werden können, also ihre historischen Dimensionen stärker in den Vordergrund gerückt werden müssen. Dazu reicht es nicht aus, etwa die Beschriftungen in Ausstellungen in einer Vergangenheitsform abzufassen.29 Vielmehr würde es eines ständigen Austauschs bedürfen – was bei 340 000 Objekten aus allen Regionen der Welt schlicht nicht möglich ist. Anfänge haben wir gemacht (s. Beiträge 283–317),30 und mit jeder Kooperation und dem damit verbundenen intensiven Austausch finden Neukontextualisierungen statt, die auch dem Publikum des Museums zur Verfügung stehen (s. 21).

Damit sind die vorerst wichtigsten Parameter der ethnologischen Provenienzforschung benannt – vorerst deshalb, weil mit jeder zukünftigen Kooperation ihre Überprüfung ansteht und sich daraus sicherlich Anpassungen, Ergänzungen und/oder Differenzierungen ergeben werden.

Vom Zustand der Kolonialität zum Prozess der Dekolonisierung

Dass ethnografische Sammlungen und damit auch ethnografische Museen sich mit kolonialen Kontexten und kolonialem Erbe auseinanderzusetzen haben, ist nach vielen Diskussionen und schwierigen Kontroversen inzwischen allgemein akzeptiert. Um diese Arbeiten in und mit der Sammlung des mkb anzugehen, muss der Zustand der Kolonialität (als Resultat des Kolonialismus) zum Prozess der Dekolonisierung in Bezug gesetzt werden. Massgebliche Akteur*innen bei der Überwindung des Zustands durch Überführung in einen Prozess sind einerseits sogenannte Herkunftsgesellschaften und andererseits communities of implication, ein Begriff, den Erica Lehrer in die Debatte um soziale und ethische Verstrickungen von Museumsobjekten eingeführt hat (s. auch Bozsa 306).31

Kolonialität

Der Kolonialismus32 war mit der formalen Dekolonisierung keineswegs beendet. Vielmehr mündete er in das, was heute mit Kolonialität33 umschrieben wird. Sehr allgemein gefasst handelt es sich dabei um die Tatsache, dass sich Strukturen und Praktiken, die in der Kolonialzeit entstanden sind, etabliert haben und sowohl durchschlagende als auch anhaltende Wirkungen zeitigten. Im politischen und ökonomischen Bereich ist dies unmittelbar einsichtig; man denke nur an die kolonialen Grenzziehungen, die willkürlich und ohne Rücksicht auf kulturelle oder sprachliche Zugehörigkeiten der Bevölkerung gezogen wurden,34 oder an wirtschaftliche Abhängigkeiten. Im sozialen Leben und im kulturellen Bereich sind die Konsequenzen des Kolonialismus zwar wissenschaftlich eindeutig und vielfach belegt. Dennoch werden offensichtliche Folgen des Kolonialismus immer wieder geleugnet. Diese äussern sich in einer enormen Variationsbreite als Rassismus, in Bildwelten, in Epistemologien oder Denkmustern.35 Bis heute sind Gesellschaften von diesen Nachwirkungen des Kolonialen in nahezu allen Lebensbereichen geprägt. Auch in der Schweiz. Die Eidgenossenschaft sei zwar als Staat zu schwach gewesen, um sich an dem kolonialen Wettstreit zu beteiligen,36 aber die «koloniale Komplizenschaft»37 ist erwiesen. Als Söldner, Missionare, Kaufleute, Diplomaten, Forschungsreisende oder Wissenschaftler*innen interagierten Schweizer und Schweizerinnen auf kultureller, wissenschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Ebene mit Kolonialmächten – aus allen genannten Betätigungsfeldern resultierten auch Sammlungen für das mkb. Dabei nutzen die Akteur*innen die kolonialen Strukturen und in manchen Fällen wirkten sie auch – intendiert oder unbewusst – an ihrer Etablierung mit.38

Herkunftsgesellschaften und communities of implication

In Debatten zu Restitution wird auch immer wieder darum gestritten, welche Gruppen berechtigt sind, Ansprüche gegenüber Museen vorzutragen.39 Eine Vokabel, die dabei selten fehlt, ist die der Herkunftsgesellschaft.40 Damit sind diejenigen Gruppen bezeichnet, von denen Artefakte in Museen lagern. So hilfreich der Begriff auf den ersten Blick scheint, so irreführend kann er sein. Setzt er doch voraus, dass die Gruppen, von denen einst Objekte erworben wurden oder die sie hergestellt haben, bis heute nahezu unverändert fortbestehen, ihnen also Geschichte abgesprochen wird. Dieses Verständnis verdankt sich auch der Grundannahme, dass Kulturen bis zum ‹Einbruch der Moderne ›41 und zu der dadurch in Gang gesetzten Entwicklung statische Gebilde waren. Um diese Haltung zu überwinden, greife ich auf den von Lehrer zusätzlich eingeführten Begriff der community of implication zurück. Dabei geht es ihr um all jene Beziehungen, die durch einzelne Objekte oder Sammlungen in Museen gestiftet werden: «Their [the museums] legacies of collecting, categorizing, displaying, and looking not only reflect but also continue to impact relations among groups of people, mediating differently-situated visitors’ senses of connectedness to or distance from each other in the present day».42 Um Relationen zwischen Menschen und den Artefakten weder auf universalistische noch auf essentialistische Deutungsmuster zu reduzieren, die sich zunächst einzig auf die «physical manifestations of the world views of the groups that created the objects»43 beziehen, entwirft Lehrer eine Alternative anhand der Objektkategorie, die sie «awkward objects»44 nennt. Dabei geht es ihr um Objekte, in die Geschichten von Gewalt und Unterdrückung eingeschrieben sind, und die alle involvieren, die mit diesen Objekten in Berührung gekommen sind. Diesen awkward objects können wir nur gerecht werden, wenn bei der Entschlüsselung ihrer Geschichten ethische Inspiration45 genauso wie Empathie eine massgebliche Rolle spielen. Es gelte, die schwierigen Vergangenheiten anzunehmen und die – auf der Basis von Verbundenheit, gegenseitiger Verantwortung und Verpflichtung – dabei entstehenden communities einzubeziehen. Damit plädiert Lehrer für eine Museumspraxis, die sich an communities of implication – also an Beziehungen zwischen Menschen und Dingen – orientiert, um so die vielfältigen – auch schmerzhaften – Bedeutungen hinter den Objekten ansprechen und bearbeiten zu können.46 Für sie ist dieser Begriff nicht als Alternative zu source community gedacht. Wenn Restitutionen gefordert oder andere Ansprüche geltend gemacht werden, kann Herkunftsgesellschaft immer noch zielführend sein. Allerdings bezweifelt sie, dass in Prozessen der Restitution der angereicherten Geschichte eines Objekts tatsächlich Gerechtigkeit widerfahren kann.

Für Ethnografika, die zwischen den intendierten kulturellen Zusammenhängen, für die sie geschaffen wurden, und ihrer Musealisierung einen langen Weg zurücklegen mussten, lässt sich der Begriff communities of implication meines Erachtens gewinnbringend einsetzen, weil er uns zwingt, die Verflochtenheit der Gegenstände ernsthaft in den Blick zu nehmen und die auf ihnen abgelagerten Geschichten zu analysieren (vgl. Beiträge 205–235). Dazu hat Jallo (321–331) mit Rekurs auf Oktopoden mit ihren Tentakeln und deren Eigenleben ein kraftvolles Bild geschaffen, in dem Eigenständigkeit und Verwobenheit zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Damit ist die kritische Analyse der Kolonialität und die Suche nach neuen, ‹gerechten und fairen ›,47 aber vor allem gleichberechtigten Beziehungen zwischen den Akteur*innen als ein zentraler Aspekt der postkolonialen Forschung und Praxis etabliert.48 Ausserdem liesse sich mit diesem Begriff sichern, dass Prozesse nicht als abgeschlossen gedacht werden, weil immer weitere communities hinzutreten, also auch in die Aushandlung einbezogen werden können (vgl. Beiträge 205–235,Bozsa 306–311,Havini 312–317).

Prozesse der Dekolonisierung

Wie schwierig der Prozess der Dekolonisierung ist, zeigen die Bekenntnisse dazu in vielen Publikationen und die Ansprüche, die an diesen Prozess gestellt werden. Eine der weitreichendsten Forderungen formulieren Tuck und Yang, wenn sie der Dekolonisierung einen neuen Stellenwert zuschreiben, nämlich den einer dem Kampf um die Menschenrechte in den usa der 1960er Jahre gleichwertigen Bewegung.49 Die meisten Versuche und Experimente zu dekolonialen Praktiken in Museen müssten sich mit kritischen Kommentierungen auseinandersetzen: Mal lautet der Vorwurf Heuchelei, mal schlichtes Kooptieren oder ausschliesslich machtpolitisch motivierte Kooperation.50 Zu den (Un-)Möglichkeiten des Dekolonisierens stellten sieben Mitglieder verschiedener indigener Gruppen aus Australien, Neuseeland und Hawai’i in ihrem Artikel ‹Situating decolonization: An Indigenous Dilemma› weitreichende Überlegungen zu dem Thema an. Da es sich dabei ausnahmslos um Stimmen des Globalen Südens mit erheblichen Implikationen auch für das mkb handelt, stelle ich die Inhalte ausführlicher vor. Die Dekolonisierung von Geschichte, Literatur, Lehrplänen und überhaupt des Denkens verbinden die Autor*innen mit der Fragilität, die in der Konfrontation mit der «colonial condition» entsteht, und fragen: «What does decolonization mean for Indigenous peoples? Is decolonization an implied promise to squash the tropes of coloniality? Or is it a way for non-Indigenous people to create another paradigm or site for their own resistance or transgression of thinking? What are the roles of Indigenous and non-Indigenous peoples in this space of educational potential, this curriculum called decolonization?»51 Eine der ersten Feststellungen besteht darin, dass indigene Perspektiven nicht homogenisiert oder generalisiert werden könnten, weil sie immer auch an einen Ort gebunden seien.52 Das heisst, dass bei jeder Handlung die Ebene der community mit ihren Vorstellungen und Praktiken als Kategorie einzubeziehen ist.

Beim Versuch, ihre Erfahrungen zusammenzubringen, mussten die Autor*innen feststellen, dass sie damit koloniale Praktiken – die Amalgamierung der lokalen Erfahrungen zu einer Kategorie des Indigenen – fortsetzten. «As we collectively explored the question of decolonizing education, it became clear that trying to blend together our experiences would risk continuing the colonizing practices and assumptions of traditional, Eurocentric research on Indigenous education. This lack of assimilability of our voices signals the limits of the category of ‹the Indigenous ›. One effect of the widespread acceptance of the category of ‹the Indigenous› within scholarship is to generate a reified binary of Indigenous vs. Western/European knowledge, extended to people and culture».53 Brian Martin, einer der Autoren, kommt zum Schluss, dass zunächst eine Dekontamination der Begriffe geleistet werden müsse, zumal Bildung selbst durch und durch kolonial sei. Der Versuch, indigenes Wissen in den westlichen Bildungskanon einzubinden – so Georgina Stewart in ihrem Beitrag zu dieser Diskussion –, sei deswegen zum Scheitern verurteilt, weil es das Indigene verzerre: «The result is often cultural caricature: inert knowledge, shorn of its original contexts, webs of meaning, and corresponding fields of practice. Such incremental changes may make the curriculum more appealing but ought not be blithely elided with the paradoxical notion of a decolonizing curriculum».54 Ob es einen Ausweg aus dem Dilemma gibt? Die Autor*innen lassen diese Frage zwar unbeantwortet, aber ihm müsse mit einer partiellen Dekolonisierung der Logiken und damit ihrer Destabilisierung begegnet werden. «This act of ‹temporary overturning› is open to the eternal dialectic of assertion/negation with origins in ancient Maori metaphysics. For example, colonization and destabilization grapple together to produce something novel which is then claimed by colonization, undermined by destabilization, and so on, ad infinitum.»55 Alle Überlegungen dieses Artikels lassen sich auf die Prozesse im Museum übertragen – wichtig ist dabei, dass die Übertragung auf jeden einzelnen Fall angepasst werden muss und keine unvorsichtigen Verallgemeinerungen vorgenommen werden.

Auch mit neuen Begriffen und ihren Implikationen, mit dem Bewusstsein um Kolonialität, die nicht abgeschüttelt werden kann und die mit allen Bereichen des Lebens intrinsisch verwoben ist, kann es vorerst nur einen weiteren shift oder turn geben; ein Entkommen aus der Kolonialität scheint vorläufig kaum möglich, auch nicht in engster Zusammenarbeit mit Vertreter*innen anderer Kulturen. Aber nur in den Bemühungen darum können sich neue Wege auftun oder alternative Verfahren entwickeln lassen: Selbst um den Preis des Scheiterns gilt, weiterhin zu experimentieren.

Welche Möglichkeiten diese Überlegungen für Forschungen aus schweizerischer Perspektive eröffnen, betont Randeria: «Die analysierten Akteursnetzwerke und institutionellen Konstellationen, kulturellen Prägungen und politischen Strategien weisen auf die Notwendigkeit hin, den als ‹national› konzipierten Raum als Produkt transnationaler Verflechtungen wahrzunehmen»56 – daraus ergebe sich, so Randeria weiter, ein Blick von den Rändern auf den europäischen Kolonialismus.57 Der vorliegende Band hat zwar nicht zum Ziel, den europäischen Kolonialismus aus dieser Perspektive zu analysieren, aber er steuert eine wichtige Grundlage zu diesem Vorhaben bei, indem er Verflechtungen, Beteiligungen und Verstrickungen jener Akteur*innen aufzeigt, die mit der Sammlung einer Institution – der des ethnologischen Museums in Basel – aufs Engste verbunden sind.

Für die Forschungsarbeit sind die Erkenntnisse und Überlegungen aus dem bisher Skizzierten insofern weiterführend, als wir im Umgang mit den Objekten und Sammlungen immer wieder auf ‹alte› Denkstrukturen zurückgeworfen werden oder auf sie treffen. Aber allein das Bewusstsein dieser Tatsachen und eine beständige Reflexion darüber ist ein äusserst wichtiger Schritt. Es ergeben sich daraus Konsequenzen für Praktiken in Bezug auf die Artefakte, etwa wie sie präsentiert und kontextualisiert werden, welche spirituellen Hintergründe massgeblich sind oder welche sozialen Dimensionen berücksichtigt werden müssen. Bei allen Ansprüchen darf dennoch nicht verkannt werden, dass sich Dinge im Museum in einem abstrakten Raum befinden; daraus folgt unter anderem, dass die Anwesenheit der Artefakte keineswegs dazu verleiten darf, andere Kulturen imitieren zu wollen.58 Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen stehen Museen vor der Herausforderung, Ansprüche aus Ergebnissen der Provenienzforschung mit ihrer räumlichen Verortung zu vereinbaren59 und dabei die «entanglements of ongoing social, temporal and material trajectories and relationships, dislocations and relocations»60 einzubeziehen.

‹ Auf dem Prüfstand ›: Kolonialität der Sammlung

Aimé Césaire umriss in seiner berühmten Streitschrift von 1955, was Kolonisation für Kolonisierte bedeutete: «Sich darüber klar zu werden, was sie gerade nicht ist: weder Christianisierung noch philanthropisches Unternehmen noch der Wille, die Grenzen der Unwissenheit, der Krankheit und der Tyrannei zurückzudrängen, noch die Vergrösserung Gottes oder die Verbreitung des Rechts; zuzugestehen, ein für alle Mal, und ohne Scheu vor den Konsequenzen, dass das massgebliche Gebaren hier das des Abenteurers und des Piraten ist, des Grosshändlers für Kolonialwaren und des Reeders, des Goldgräbers und des Kaufmanns, der Begehrlichkeiten und der Gewalt; hinter sich ziehen diese den unheilvollen Schatten einer Zivilisation, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte von innen raus gezwungen sieht, den Wettstreit ihrer antagonistischen Wirtschaftssysteme auf die ganze Welt auszudehnen».61 Diese Umschreibung der Kolonialität hat nichts an Aktualität eingebüsst. Césaire schlussfolgert, dass keines der Versprechen eingehalten wurde, kein Kontakt stattgefunden habe, der diese Umschreibung verdiene, dass menschlichen Werten keinerlei Beachtung geschenkt worden sei und auch die Museen nichts dazu beizutragen gewusst hätten: «Auf der Waage der Erkenntnis wird das Gewicht sämtlicher Museen der Welt niemals auch nur einen einzigen Funken menschlicher Einfühlung aufwiegen».62 Nichts kann zurückgenommen, nichts ungeschehen gemacht werden. Es bleiben also nur Versuche, den Museen in Zukunft ‹menschliche Einfühlung› einzuhauchen.

Das ethnografische Museum ist ein Produkt der Kolonialzeit. Gegründet zwischen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts, war die Programmatik der Häuser einerseits dem Stand der Wissenschaften, die sich damals ausdifferenzierten, und andererseits den politischen Agenden der jeweiligen Träger geschuldet, so auch in Basel (vgl. Bucher 34–42). Zunächst fokussierte das Sammelprogramm auf die Repräsentation aller Regionen und Erdteile. Alsbald sah sich das Basler Museum in der Position, selbst Desiderate zu formulieren, mit den Konvoluten auch Kontexte zu Herkunft und Wissensbeständen einzufordern. Dabei nutzten jene, die das Museum betrieben, dort arbeiteten und seine Geschicke bestimmten (vgl. Bucher 38) jede sich bietende Möglichkeit der Sammlungserweiterung – Schenkungen von Reisenden, Erwerbungen von begehrten oder ungewöhnlichen Artefakten auf dem Markt (vgl. Beiträge 153–177), eigene Forschungsexpeditionen, Aufrufe an die Bevölkerung. Alle denkbaren Mittel wurden ausgeschöpft, um eine «Sammlung, so viel irgend in unseren Kräften steht, zu mehren»,63 die auch die Konkurrenz mit anderen europäischen Museen dieser Art nicht scheuen sollte. Ganz selbstverständlich bedienten sich die Beteiligten dabei der kolonialen Strukturen (vgl. Bozsa 130–138), verteidigten diese (vgl. Rentsch 239–253) oder stärkten sie sogar.

Die Untersuchung der Sammlung des mkb auf ihre Kolonialität hat diese Ausgangssituation anerkannt und vor diesem Hintergrund die Fragestellung für ein screening der Sammlungen entworfen. Die wichtigsten Vorarbeiten für das Projekt ‹Auf dem Prüfstand› waren die Forschung des ersten Fellows am mkb, Lukas Cladders, und die Ergebnisse des Projekts ‹Who is who in den Sammlungen des mkb ›.64 Entscheidende Fragen hatte Cladders bereits 2015 formuliert: «In welchem historischen Kontext fanden die Aneignungsprozesse statt? Unter welchen Umständen wurden Objekte, die sich heute im mkb befinden, erworben und an das Museum gebracht?»65 Der Fokus seiner Arbeit lag auf der Sammlungsgeschichte im Rahmen der europäischen Expansion, auf Kolonialkriegen und der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Beim Projekt ‹Who is who› lag der Schwerpunkt auf den an der Sammlungsentstehung und -erweiterung beteiligten Akteur*innen in ihren Netzwerken: «Wer waren die Personen, die Objekte ins mkb eingeliefert haben? Welche Netzwerke standen ihnen zur Verfügung? Wodurch waren die Erwerbsumstände – Kauf, Fund, Raub, Tausch, Geschenk – der Objekte und Konvolute gekennzeichnet?» 66 Trotz Überschneidungen in den Fragestellungen waren die Ergebnisse additiv, keineswegs repetitiv. Bei beiden Projekten bestand kein Anspruch auf eine systematische Bearbeitung der gesamten Sammlung.

Dieses Ziel hat sich das seit 2023 laufende Projekt ‹Auf dem Prüfstand› gesetzt. Auch hierbei stehen die Erwerbsumstände im Zentrum, und der akteurszentrierte Ansatz wurde beibehalten, um die Sammlung erstmals systematisch auf ihre Kolonialität hin zu untersuchen. Um die schiere Menge von etwa 340 000 Objekten zu bewältigen, musste ein analytisch angemessener, aber dennoch pragmatischer Weg gefunden werden. Wie die meisten ethnologischen Museen ist auch das mkb regional organisiert (vgl. Müller et al. 60), das heisst, die Sammlungen sind nach Kontinenten oder Teilen davon erfasst. Dieses Ordnungsprinzip – so problematisch es auch sein mag67 – strukturiert auch die gesamte Dokumentation: vom Inventarbuch über Karteikarten, Jahresberichte, Sammlungsakten bis hin zur Datenbank. Selbst wenn diese Struktur aufgebrochen würde, muss sie bei einer systematischen Bearbeitung berücksichtigt werden. Daher lag es nahe, sich an dieser Ordnung zu orientieren.

Auf den ersten Schritt − die Anzahl Einlieferungen aus einer Region oder einem heutigen Nationalstaat zu eruieren − folgt jeweils die biografische Recherche zur Person und zu den Artefakten, die sie ins Museum eingeliefert hat. Um das Vorgehen greifbar zu machen, sei ein Beispiel angeführt: Wann ging etwa die Baslerin Alice Keller, promovierte Nationalökonomin, die zeitweise die Niederlassung von Roche in Tokyo leitete, aus welchen Gründen nach Korea? Im Jahr 1935 hatte sie von Japan aus eine Ferienreise unternommen, Seoul und die Diamantberge besucht, von dort Textilien, Hüte, Spielzeug und Fotografien mitgebracht, die sie später dem Museum schenkte. Inwiefern diese Sammlung durch die japanische Kolonialherrschaft in Korea geprägt ist, können erst Forschungen beantworten, für die Quellen ausserhalb des mkb konsultiert werden müssten. Es bleibt ein Fall, der als Teil einer Forschung zu Kolonialität in Ostasien äusserst interessant werden könnte – also auf zukünftige Forschungsfragen abzielt. Mit diesem Beispiel sind bereits mehrere Aspekte des Projekts benannt.

1. Die Auflage, uns primär auf die eigenen Archivalien zu stützen, ermöglicht es, die systematische Überprüfung der gesamten Sammlung im vorgegebenen Projektzeitraum (2023–2026) leisten zu können. Das bedeutet, dass wir uns bescheiden müssen, um nicht dann, wenn es hochspannend wird, weiterzuforschen, sondern den nächsten Einliefernden oder das nächste Konvolut anzugehen. Damit unter Umständen nicht auch ein Teil des Wissens, das im Rechercheprozess entstand – oder auch Ahnungen, Ideen zu Kontexten und begründete Vorurteile –, verloren geht, bedarf es einer Art elektronischer ‹Buchführung ›, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann. Die obigen Bemerkungen zu Alice Keller sind ein Ergebnis dieser Notation.

2. Wir gehen bei der Forschung nicht nach einem für ethnografische Bestände unzureichenden Ampelsystem aus, das Kriterien wie Schuld, Opfer-Täter-Dichotomie oder Wiedergutmachung in den Vordergrund stellt. Vielmehr untersuchen wir alle Sammlungen bis 1970 auf koloniale Spuren, also auch die genannte Sammlung Keller, die nur bedingt Teil der europäischen Kolonialgeschichte ist. Nur so lässt sich ein Überblick über die Sammlungsstruktur mit allen Implikationen gewinnen.

3. Wie bereits gesagt, ist die Frage nach der aktuellen Relevanz von einzelnen Objekten oder ganzen Konvoluten für sogenannte Herkunftsgesellschaften und communities of implication weit wichtiger als die Handwechsel eines Objekts im Globalen Norden. Diese Relevanz systematisch zu bestimmen, kann nicht unsere Aufgabe allein sein. Vielmehr besteht die Aufgabe des Museums darin, Recherche- und Forschungsergebnisse so vorzulegen, dass jene, für die die Gegenstände relevant sind, darauf zurückgreifen und damit arbeiten können. Erste Anhaltspunkte für das Interesse von Anspruchsgruppen an Sammlungsbeständen liefern Publikationen68 oder Portale (s. Greber 295–297), die Akteur*innen vermehrt initiieren, um Interesse zu signalisieren oder Bedarf anzumelden. Zur Relevanz für verschiedene Gemeinschaften gehört es auch, die religiöse oder spirituelle Bedeutung eines Artefakts und ihre implizite ‹Behandlung› zu erkunden. Ein Beispiel dafür trägt Isabella Bozsa (s. 306–311) anhand des Dialogtreffens mit einer kamerunischen Delegation vor: Auch nach über 100 Jahren, so ein Mitglied der Delegation, habe ein mit Medizinen gefülltes Büffelhorn spirituelle Kraft, die «selbst in musealisiertem Zustand» (309) aktiviert werden könne. Neben der Gefahr, die wegen der unkontrollierten Kraft für das Museum selbst bestünde, stellen sich konkrete Fragen nach dem weiteren Umgang mit diesem und vergleichbaren Objekten im Museum. Weitreichende Vorgaben zu entsprechenden Objektkategorien treffen wir bei vielen Gruppen. Es sind insbesondere solche mit sacred /secret umschriebenen Artefakte, die Aufmerksamkeit erregen und nicht einfach voyeuristischen Blicken ausgesetzt sein dürfen, weil sie gefährlich werden können.69

Ein völlig anderes Problem warf wiederum ein Mitglied der kamerunischen Delegation auf. Er stellte die Frage nach Herkunftsgesellschaften: Wie und vom wem solle heute entschieden werden, ob ein Objekt mit der Angabe ‹Fang› zu einer so bezeichneten Gruppe in Gabun, Kamerun oder Äquatorialguinea gehöre? Bei einer über mehrere Nationalstaaten verteilten ethnischen Gruppierung mit mehreren Millionen Angehörigen könne dies kaum bestimmt werden. Bei allen Problemen, offenen Fragen und Ungewissheiten, die sich im Laufe der Forschung ergeben, steht am Ende der Bearbeitung der Konvolute bis 1970 aus einem heutigen Nationalstaat oder einer Region (etwa Himalayaländer) ein Bericht mit faktischen Angaben zu den Kriterien der Systematik,70 weiterführenden Kontakten und Publikationen, mögliche Fragestellungen zu einzelnen Artefakten oder Konvoluten sowie Vorschläge für zukünftige Forschungsprojekte.

Um eine aussagekräftige Zuordnung vornehmen zu können, teilten wir den Einliefernden Rollen zu, aus deren Anhäufung sich acht Cluster ergeben (s. Greber, Singh et al. 91–105). Eines der erstaunlichsten Ergebnisse beim jetzigen Stand des Forschungsprojekts71 ist die Erkenntnis, dass Personen im Dienst der Kolonialmächte unter den Einliefernden seltener vertreten sind als erwartet, dagegen sind Sammlungsreisende und Wissenschaftler*innen überrepräsentiert (vgl. ebd.). Das Quellenmaterial für die Forschungen bestand aus den Objekten selbst und aus den Archivalien des mkb(s. Müller et al. 60–66). Welche Erkenntnisse sich mit Einlaufbuch, Karteikarte, Sammlungsakte, Korrespondenz, Fotografien, Protokollen, Jahresberichten oder Einträgen in der museumseigenen Datenbank 72 erzielen lassen, davon zeugen die Beiträge in diesem Band.

Eine systematische Analyse dieser Art wurde meines Wissens bislang nicht vorgenommen – sicherlich ist schon allein der Umfang ein Grund dafür. Dieses Vorgehen zeitigt trotz inhaltlicher Einschränkungen erstaunliche Ergebnisse bezüglich Differenzierungsmöglichkeiten und Analogien bei völlig unterschiedlichen historischen Umständen. Dabei ist auch der Austausch innerhalb des Hauses – sozusagen die institutionseigene orale Tradition – von zentraler Bedeutung, bei dem unterschiedliche Wissensbestände zusammengeführt werden, sei es beim Entziffern von Handschriften, bei Kontextinformationen zu Personen oder bei der Kenntnis von historisch, materialtechnisch oder anderweitig analogen Konvoluten.

‹ Auf dem Prüfstand› mit externen Wissenschaftler*innen

Im Verlauf des Projekts führten wir fünf Workshops mit Expert*innen verschiedener Disziplinen durch – einerseits, um das methodische Vorgehen zu reflektieren und zu verfeinern, andererseits um vorläufige Ergebnisse zu diskutieren. Die Treffen fanden in den öffentlichen Räumen des mkb statt – mal in einer der Ausstellungen, mal integriert in die Projektreihe ‹Vor aller Augen› (s. 21). Unsere Gäste in den Workshops waren

– Brian Martin, Direktor des Wominjeka Djeembana Indigenous Research Lab an der Fakultät für Kunst, Design und Architektur der Monash University;

– Corey Ross, Direktor des Europainstituts der Universität Basel im Tandem mit Glenn Penny, amerikanischer Historiker an der University of California in Los Angeles;

– Bernhard Tschofen, Kulturwissenschaftler am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich;

– Anna-Maria Brandstetter, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien und Kuratorin der Ethnografischen Studiensammlung der Universität Mainz;

– Monica Juneja, Kunsthistorikerin und Sprecherin des Förderbeirats für Provenienzforschung zu Sammlungen aus kolonialen Kontexten am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.73

Die Gespräche und Diskussionen waren äusserst wertvoll, und jedes der fünf Treffen verlief anders. Die Gäste bezeugten überaus grossen Respekt vor der immensen Aufgabe, sich der systematischen Bearbeitung einer Sammlung dieses Umfangs zu stellen und sie auf ihre Kolonialität zu analysieren – «too difficult to deal with» war ein entsprechender Kommentar.

Brian Martin wies schon zu Beginn des Workshops darauf hin, dass er mit den Archivalien nichts anfangen, sie noch nicht mal lesen könne. Diese Aussage bezog sich weniger auf die Sprache (meistens Deutsch) oder eine schwierige Handschrift beim Archivmaterial, sondern vielmehr auf den Umstand, dass die Forschung aus Sicht des Museums mit seiner institutionseigenen ‹Kultur des Verschriftlichens› einhergeht. Letztlich sprach er aus, was wir bereits zu Beginn des Projekts wussten: Das Unterfangen der Provenienzforschung als systematisches screening der Sammlung bleibt bei aller Reflexion ein ethnozentrisches, solange nicht Perspektiven und Fragen von jenen Personen und Gruppen selbstverständlich Teil, wenn nicht gar Ausgangspunkt sind, von denen die Objekte hergestellt und genutzt wurden. Wie kritisch wir die Archivalien auch lesen – mit dem und gegen den Strich74(vgl. Bozsa 130) – bliebe es doch – so Martin – die Sicht jener, die die Briefe geschrieben, die Karteikarten erstellt, die Journale geführt hätten – selbst wenn Mehrdeutigkeiten und Vielstimmigkeiten in den Archiven enthalten seien.75 Zu viele Stimmen würden fehlen, zu sehr seien wir vom Blick auf die Dinge gelenkt, anstatt sie aus der Perspektive des Machens mit allen sensorischen Implikationen wahrzunehmen. Dies würde durch das akteurszentrierte Vorgehen noch verstärkt. Damit würden jene Personen, die gesammelt hatten, nachgerade in den Status von Autor*innen gehoben. Es würde suggeriert, dass diese Personen weit mehr als nur Beteiligte an der Sammlungsgenese seien. Einwände in eine ähnliche Richtung äusserte Monica Juneja, als sie völlig zu Recht die Beteiligung des jeweiligen Gegenübers bereits bei der Formulierung von Fragestellungen einforderte. Um sicher zu gehen, dass die Forschung kein white washing bliebe, müsse jede Seite ihre Anliegen einbringen können und an der Durchführung beteiligt sein. Dabei müsse das Aushandeln der Bedingungen und unterschiedlichen Erfordernisse selbstverständlich werden.

Corey Ross verwies auf die Potenziale für weitere Forschungsprojekte, die mit dem akteursbasierten Zugang einhergehen, etwa zur Funktion der kolonialen hillstations als Handelsplätze oder zur Struktur von schweizerischen Wissenschafts- und Wirtschaftsnetzwerken. Glenn Penny wiederum ist es ein Anliegen, die Erkenntnisse vergangener wissenschaftlicher Generationen nicht mit historischen Ereignissen zu parallelisieren und vor diesem Hintergrund zu bewerten. Es gelte, das ‹flüchtige Wissen› der wissenschaftlichen Vorgänger (und einiger weniger Vorgängerinnen) zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen. Würden diese Arbeiten ohne eingehende Beschäftigung mit ihrem wissenschaftlichen Denken be- oder verurteilt, entstünde daraus allzu leicht eine intellektuelle Selbstgefälligkeit und das Versäumnis, eigene Annahmen und Vorurteile kritisch zu hinterfragen.76

Die Diskussion mit Anna-Maria Brandstetter führte zur Verfeinerung des Clustersystems und zu Begriffsklärungen etwa bei den Rollen, die wir den Akteur*innen zugeordnet haben. Damit stand nicht mehr das Individuum, sondern seine Verortung in den kolonialen Strukturen im Vordergrund. Bernhard Tschofen skizzierte Möglichkeiten, das Dilemma der Provenienzforschung aufzulösen: Dieser Forschungszweig werde von vielen als Lösung von akuten Problemen gesehen, anstatt ihn als eigenständige Forschung mit immensem Potenzial zu verstehen – gerade auch in Abgrenzung zu Forschungen über ns-Raubkunst. Das Projekt könne der Beginn davon sein, dieses Potenzial auszuschöpfen, sobald die Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich sind und Erkenntnisse daraus ihren Niederschlag in weiteren Forschungen, Debatten und Handlungen finden.

Weitere Themen, die von den Gästen eher beiläufig angedeutet wurden und derzeit nicht Gegenstand des Projektes selbst sind, bezogen sich auf Unvereinbarkeiten bei Rechtssystemen oder Zeitvorstellungen der Beteiligten an Forschungs-, aber auch Restitutionsprozessen, auf potenzielle Essentialisierungen durch die Terminologie – etwa bei Herkunftsgesellschaft – sowie auf Emotionalität, die bei den Aushandlungen kategorisch unterschätzt würde. Aussagen und Argumente aus den Workshops flossen in die Reflexion, insbesondere auf das methodische Vorgehen ein und schärften die kritische Haltung einmal mehr (Greber, Singh et al. 91–105).

Potenziale und Einschränkungen

Der Vorwurf des Eurozentrismus fiel immer wieder von verschiedenen Seiten – nicht zuletzt bezichtigen sich viele Forschende selbst dieser Haltung. Ich plädiere dafür, sich stattdessen der Chiffre Ethnozentrismus zu bedienen, schlicht, weil Menschen zwangsläufig aus der eigenen Perspektive sprechen und handeln. Dabei kommt zum Tragen, dass wir uns je nach Situation zu spezifischen Gruppen in Beziehung setzen: mal schweizerisch, mal baslerisch, mal zu einer Verwandtschaftseinheit mit einem spezifischen Nachnamen – aber selten europäisch.77 Wichtig bleibt, den eingenommenen Standpunkt zu reflektieren, nur dann lassen sich Vorurteile erkennen und überwinden. Damit sind weder wir noch andere davor gefeit, Zwischentöne zu überhören, Interpretationen zu weit zu treiben oder den Archivalien gerecht zu werden. Wissenschaft ist ein schwieriges Geschäft, das nur so lange Wahrheiten produziert, bis diese widerlegt sind.

Akteur*innen ins Zentrum des Forschungsprojekts zu stellen, birgt in der Tat die Gefahr, dass wir bei aller gebotenen Vorsicht auf individuelle Fehler und Unzulänglichkeiten fokussieren. Dabei könnten systemische und strukturelle Ordnungen übersehen werden. Mit dem Fokus auf Rollen und ihre Zuordnung zu Clustern rückt die strukturelle Ebene und die Kolonialität ins Zentrum. Gleichwohl gilt, dass es Menschen sind, die gehandelt haben und handeln, und zwar immer in Situationen mit einem gedachten oder tatsächlichen Gegenüber, ausgestattet mit agency und eigenen Interessen.

Die Priorisierung des eigenen Archivmaterials mit all seinen Lücken, dem Be- und Verschweigen stellt für uns die grösste Einschränkung dar. Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass auch das umfassendste Archiv zwangsläufig nur Ausschnitte aus den Vorgängen beinhalten kann.78 In Zusammenhang mit ethnografischen Sammlungen werden insbesondere auch orale Traditionen immer eine immense Rolle spielen – ein Quellengenre, das in Archiven oft ausser Acht gelassen wird, weil es sich nicht ohne Weiteres an archivalische Gepflogenheiten anpassen lässt.79 Eine weitere Limitation liegt auf der (vorläufigen) Begrenzung des Zeitraums der untersuchten Sammlungseingänge ab der Entstehung der ‹Ethnographischen Sammlung› im 19. Jahrhundert (Bucher 39) bis 1970. Diese Zeitspanne ergab sich aus pragmatischen Gründen und berücksichtigt die paradigmatische Wende in der Rechtslage: den Zeitpunkt, als die unesco das ‹Übereinkommen über Massnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut› verabschiedet hat.80

Ungeachtet dieser Einschränkungen werden die Ergebnisse der Forschung über den vorliegenden Band hinaus in naher Zukunft öffentlich zugänglich sein. Sie bieten Anknüpfungspunkte und spannende Fragestellungen für weitere Projekte.

Die Reproduktion kolonialer Strukturen, die Orientierung an der Wissensproduktion hiesiger universitärer Systeme werden als Herausforderungen bestehen bleiben, solange nicht – um es mit Kavita Singh zu sagen – «the ‹scientific› and ‹rational› values derived ultimately from the Enlightenment become displaced within the ethnographic museum. No longer a universal, the Enlightenment itself becomes the relic of a cultural particular».81

Die grossen Verdienste des Projekts liegen in der Offenheit seiner Anlage. Mit den Rollen und Clustern verschliesst es sich keinen Zugängen, sondern öffnet sie für jegliche Art von Auseinandersetzung und Forschung (vgl. Meiu 335–342). Damit leistet es eine umfangreiche und solide Analyse der Bestände hinsichtlich ihrer Kolonialität. Diese Analyse nicht nur mit Herkunftsgesellschaften und communities of implication zu teilen, sondern darauf aufbauend neue Kooperationen einzugehen, bei denen alle Beteiligten gleichermassen von Anfang an vertreten sind, ist das nächste Grossprojekt. Möglicherweise werden dann die communities of implication die Agenda bestimmen und damit die Zusammenarbeit völlig neu definieren. Dann würde auch realistisch, dass die Deutungshoheit tatsächlich aufgegeben wird, Epistemologien des Globalen Südens den gleichen Stellenwert erhalten wie wissenschaftliche Zugänge und sich eine relationale Ethik entwickeln lässt, die auf alle Prozesse bezüglich Provenienzen, auf Zirkulationsmodi von Objekten und auf die Aufgaben des Museums ganz allgemein einwirkt. Die Voraussetzungen dazu schaffen wir mit den Ergebnissen aus dem Projekt sowie durch die Projektreihe ‹Vor aller Augen ›.

‹ Vor aller Augen ›

In dieser 2024 begonnenen Projektreihe stellt das mkb laufende Forschungen vor und zeigt Prozesse, die Objekte vor ihrer Rückführung oder auf ihren Wegen als Leihgabe oder andere Formen der Zirkulationsmodi durchlaufen. Dazu gehört, die Ergebnisse aus der Provenienzforschung mit dem Quellenmaterial, Publikationen sowie Fotografien und Filmmaterial der Öffentlichkeit vorzustellen. Nach der Präsentation der Konvolute erstens der Veddah, Sri Lanka, die 2024 zurückgeführt wurden (s. Bucher 291–294); zweitens aus Hiva Oa, Französisch-Polynesien, die als Leihgabe in einer Ausstellung auf Hiva Oa gezeigt werden sollen (s. Voirol 284); drittens aus Benin, Nigeria, die in einem dreijährigen Projekt zusammen mit sieben weiteren schweizerischen Museen auf ihre Herkunft aus dem Militärschlag von 1897 untersucht wurden,82 erfolgte der vierte Teil zu Bougainville, Papua-Neuguinea. Die Künstlerin und Kuratorin Taloi Havini setzte sich dabei mit den Gegenständen auseinander, die Felix Speiser in den Jahren 1929 und 1930 von seiner Sammelreise mitbrachte. Zentral ist für Havini die Darstellung einer Königin, kesa, die auch für das Selbstverständnis der Menschen von der Autonomen Region Bougainville von grosser Bedeutung sei (s. Havini 312–317). Ihr Anliegen ist eine digitale Restitution der ikonografischen und ornamentalen Elemente auf den Artefakten von den Inseln Buka und Bougainville. Ob sie sich darüber hinaus für weitere künstlerische Arbeiten inspirieren lässt, bleibt abzuwarten.83 Als letzte Folge im Jahr 2025 stellten Mitarbeitende in der Provenienzforschung unter ‹Vor aller Augen: Basel, Kolonial› Objekte zusammen, die teilweise Gegenstand von Analysen in diesem Band sind. Darüber hinaus wählten sie Artefakte aus, die mit aussergewöhnlichen Geschichten oder mit herausragenden Akteur*innen verbunden sind.

Jede Folge der Serie ‹Vor aller Augen› erzeugt einen spezifischen Begegnungsraum im mkb. Während der Öffnungszeiten ist immer eine Person aus dem Team des mkb vor Ort, um mit Besucher*innen zu sprechen, zu diskutieren, die Bedeutung der Provenienzforschung, der Konservierung oder auch der Fotografie zu vermitteln oder auf Anliegen und Fragen der Gäste einzugehen. Diese personale Vermittlung und das bewusste Weglassen von Beschriftungen unterscheidet die Projektreihe ganz wesentlich von einer Ausstellung. Der Dialog als Prinzip ermöglicht den direkten, offenen Austausch zu umstrittenen Themen, zeigt aber auch die Haltung des mkb und vermittelt Wissen, ohne Deutungshoheit zu beanspruchen. Dieses Experiment zeigt uns, dass Inhalt wie auch Methode unseres Ansatzes der Provenienzforschung sowohl nachvollzogen als auch sehr geschätzt werden. Zudem wird das mitunter abstrakte Gebilde Provenienzforschung, zu dem nur wenige Besucher*innen konkrete Vorstellungen haben, fassbar – und zwar jenseits von rechtlichen Regelungen, Wechsel des Besitzes oder moralistischen Urteilen.

Die Themen des Bandes

Diese Publikation ist für das Projekt ein weiterer Schritt in die Öffentlichkeit.84 Sie zeigt den Fortschritt des Forschungsprojekts, die Vielfalt der Sammlungen und die Komplexität der Sammlungsgenese. Um eine Rahmung zu schaffen, behandelt das erste einführende Kapitel die Strukturgeschichte des Museums. Darin beschreibt Basil Bucher (33–59) die strukturelle Entwicklung des Museums, die sich verändernden Rahmenbedingungen und personellen Entwicklungen. In diesem Setting wurden die eingelieferten Objekte und Konvolute eingepasst, geordnet und neugeordnet. Wechselseitig bedingten sich die Struktur der Institution und der Sammlung – Anpassungen an Gegebenheiten durch Sammlungseingänge, Vorgehen bei ihrer Bearbeitung, Platzmangel und Kampf um Subventionen, Entscheidungen über die Verwendung des Geldes, Netzwerke und Machtkämpfe zugunsten der Sammlungserweiterung sind Themen, die bei der Bedeutung der Institution und ihrer Wirkung in die Stadt Basel und nach aussen mitschwingen.

Die hausinterne Quellenlage in ihrer Differenziertheit, aber auch mit ihren Trouvaillen und ihrer Aussagekraft stellen Daniela Müller und das Provenienzforschungsteam (60–73) vor. Damit wird einerseits der museumsinterne Quellenbestand, auf dem die Beiträge in diesem Band grösstenteils fussen, veröffentlicht, sodass dieser Bestand allen Interessierten zur Verfügung steht. Andererseits wird die Perspektivierung der Beiträge offengelegt. Um die Quellengattungen zu veranschaulichen, zeigen drei empirische Beispiele spezifische Eigenheiten des Ordnungssystems: dazu gehört die Kategorie ‹Alter Bestand ›, ein in den Akten geführter Nachweis, dass ein Objekt aus unerklärlichen Gründen ‹nicht katalogisiert› wurde, sowie die Spuren mehrfacher Beschriftungen an einem Objekt, das im Tausch mit einem anderen Museum erworben wurde. Fotografie ist ein weiteres Quellengenre. In dem Beitrag von Aila Özvegyi (74–90) zu dieser Objektkategorie geht es darum, diese nicht ausschliesslich als Hilfsmittel für die Erkundung von Provenienzen zu betrachten, sondern sie in ihrer Vielschichtigkeit zu deuten und zu nutzen: «Fotografien haben Bedeutungen als Bilder und als materielle Dinge und in der Kombination von Bildträger und -inhalt» (Özvegyi 74). Dieser Komplexität geht die Autorin in ihrem Beitrag nach.

Im anschliessenden Beitrag ‹Akteur*innen und ihre Rollen – Cluster als Methode› fassen Silvia Greber, Julia Singh und das Projektteam (91–105) die Erarbeitung der Rollen und ihre Zuordnung zu Clustern prägnant zusammen, beleuchten das Prozedere mit Beispielen und belegen so die Aussagekraft des methodischen Vorgehens. Abschliessend präsentieren sie Ergebnisse der teaminternen Diskussion zu Gefahren wie Essentialisierungen, Quellenlage oder Reproduktion kolonialer Denkmuster, die es beständig zu reflektieren gilt.

Darauf folgen Themenblöcke zu Erwerbsarten und Aneignungspraktiken, Handelspraktiken und Marktlogiken, Mittelspersonen und Counterparts, communities of implication, Gewaltkontexten, Produktion von Lücken in der Sammlung und Beispiele von aktueller Relevanz für unterschiedliche Stakeholder. Alle Beiträge beziehen sich auf Gegenstände oder Konvolute, die sich im mkb befinden. Jeder Beitrag liefert neue Dimensionen und Hintergründe des Sammlungserwerbs. Mal stehen die Konvolute selbst, mal die Umstände ihrer Zusammenstellung, mal ihre An- oder Aufnahme im Museum im Vordergrund. Die über 40 Beiträge folgen zwar dem jeweiligen Hauptthema, streifen aber auch die Themen der anderen Blöcke, weil die Komplexität in jedem Sammlungszuwachs enthalten ist. Darüber hinaus werden in vielen Beiträgen ‹Querschnittsthemen› angesprochen. Dazu gehören die sogenannte Rettungsethnologie,85 die Komplizenschaft der Sammelnden mit kolonialen Verwaltungen und Missionsgesellschaften und − wenigstens implizit − immer wieder ethische Haltungen.

Im Themenblock Reisen und Sammeln gehen die Autor*innen in drei Beiträgen den Motivationen für Reiselust und der ‹Ausbeute› für das Museum zu verschiedenen Zeiten und Umständen nach. Auf die Weltreise der Brüder Zahn 1872–1873 (Greber 109–112), aus der etwa 100 Gegenstände für das Museum resultierten, folgt die Indienreise von Alfred Sarasin (Schmid 113–119), die er 1890 mit einem Freund unternahm und von der er dem Museum sukzessive 125 Objekte schenkte. Wie schon die Brüder Zahn begegnete auch Sarasin an vielen Stationen seiner Reise Kolonialbeamten, Missionaren und Personal anderer kolonialen Institutionen. Was zunächst als prinzipieller Unterschied zwischen den beiden Reisen – Weltreise versus Reise in einem einzigen Land – erscheint, erweist sich lediglich als gradueller: Beide Reisen dauerten ähnlich lang – etwas länger als acht Monate bei den Zahns, etwas kürzer als sieben Monate bei Sarasin − und beide Reisegesellschaften verweilten meistens nur wenige Tage an den besuchten Orten. Der Unterschied besteht darin, dass die Brüder Zahn vor allem die grossen Städte Nordamerikas, Asiens und des Vorderen Orients besuchten, während Sarasin sich auf Ägypten und Indien konzentrierte. Der dritte empirische Fall handelt von den ‹Abenteuerreisen› der Clara Schmassmann (Bucher 120–121), die sie auch nach Algerien führten. Diese Reisen weichen nicht nur zeitlich von den ersten beiden ab, sondern auch hinsichtlich der persönlichen Umstände, der finanziellen Möglichkeiten und der eingelieferten Objekte: Schmassmann war weder gut situiert, noch hatte sie eine fundierte Ausbildung genossen; sie wechselte des Öfteren ihre Arbeitsstellen und machte sich einen Namen als Streikführerin. Die Reise nach Algerien, von der sie einige Gegenstände dem Museum übergab, ist umso wichtiger, als Personen wie Schmassmann – so betont Basil Bucher – oft «beschwiegen» 86 werden: weiblich, niedrige soziale Stellung und dennoch kämpferisch und wohl auch selbstbewusst.

Zum Themenblock Erwerbsumstände und Aneignungspraktiken leitet David Rentsch mit seinem Beitrag zu einem Baedeker-Reiseführer für Palästina über. Für die Produktion dieser Publikation wandte sich der Verlag an den Basler Orientalisten Albert Socin, der mit der Region bestens vertraut war und auch die Bedingungen des Handels und Sammelns aus eigener Erfahrung kannte. Nicht zuletzt zeugt seine Schenkung selbst gesammelter antiker Gegenstände an das Museum davon. Im Reiseführer gab Socin Hinweise zu sammelwürdigen Gegenständen, wo sie zu finden seien und was dabei zu beachten sei: Er warnte vor Fälschungen und zu hohen Preisen, betonte die Bedeutung der Aufzeichnung von Fundorten, wies individuelle Personen oder Personengruppen als zuverlässige Verkäufer oder professionelle Führer und Vermittler aus und machte auf Probleme des Exports von Kulturgütern aufmerksam. Für die Provenienzforschung bietet Socins Baedeker – so Rentsch (128) – «wertvolle Einblicke in die Sammelpraktiken von Palästinareisenden im 19. Jahrhundert».

Isabella Bozsa zeichnet anhand des semantischen Felds ‹erwerben› die Modalitäten der Aneignung von Objekten nach, die Paul Wirz während seiner Reise durch Nordindien nannte: Neben ‹erwerben› verwendet Wirz ‹holen ›, ‹mitnehmen ›, ‹auftreiben ›, ‹finden› oder ‹retten ›, um die Aneignung von Gegenständen oder den Handwechsel zu charakterisieren. Einerseits gibt Wirz so Hinweise auf sein Selbstverständnis als Sammler, andererseits verweist er auf aus seiner Sicht problematische Situationen – insbesondere, wenn es sich um solche handelte, in denen er weder den Ablauf noch das Ergebnis beeinflussen konnte. Bozsa resümiert, dass die unterschiedlichen Bezeichnungen für die Handwechsel auf die Vielfalt der Erwerbsarten hindeuten: «vom Geschenk bis zum Raub», wobei die «Grenzen zwischen legitimem Erwerb, Täuschung, Nötigung und Raub» (139) durchaus fliessend seien. Bei Basil Bucher steht die Frage im Zentrum, ob es sich bei der «Aneignung eines Schreins» aus Thailand schlicht um einen Raub handelte und wie heute mit diesem sakralen Gegenstand umzugehen sei. Im Beitrag von Daniela Müller stehen Konvolute aus Ägypten im Zentrum, die Max Kurt Forcart, praktizierender Arzt in Kairo, eingeliefert hat. Er kaufte von Händlern und auf Jahrmärkten, «erwarb Werkzeuge direkt von einheimischen Personen, die sie gerade nutzten» (Müller 144). Nach eigenem Bekunden riss Forcart einmal einem weidenden Schaf gar ein Amulett ab. Im letzten Beitrag beschreibt Basil Bucher (146–150) den Erwerb ethnografischer Objekte aus Thailand über das Brüderpaar Eisenhofer aus München. Nach langwierigen Verhandlungen kam es zum Kauf von zwölf Gegenständen, die Emil Eisenhofer während seines Einsatzes als Bahningenieur der staatlichen thailändischen Eisenbahn in Besitz genommen hatte. Eisenhofer hatte seine Stellung als Bahningenieur, die historischen Stätten entlang der Eisenbahnlinie und vermutlich auch die Arbeitskräfte aus dem Tunnelbau für die Aneignung der Gegenstände genutzt. Die Expertise, die er durch die Kenntnisse vor Ort erlangen konnte, wusste er auf dem europäischen Markt mit Ethnografika einzusetzen.

Diese Beiträge zeigen spezifische Erwerbs- und Aneignungsumstände in kolonialen Kontexten, bei denen lokale Akteur*innen benutzt, übervorteilt oder ignoriert werden. Bei Handelspraktiken und Marktlogiken liegt der Fokus auf ökonomischen Zusammenhängen. In ‹Ethnografika als Ware› geht Daniela Müller (153–164) auf Zirkulationsgeschichten der Artefakte ein, um ihre lokalen oder transnationalen Handelswerte, ihre Kommodifizierung und die Transformation des Handels – etwa aufgrund steigender Nachfrage – nachzuzeichnen. Sie verfolgt die Rolle lokaler Händler am Beispiel des Kairener Phocion Tano mit seiner langjährigen Beziehung zum Basler Museum und beleuchtet die Produktion für einen wachsenden Markt wie auch die kritischen Reaktionen der Sammler*innen darauf. Nach Handelspraktiken von Sammlungsreisenden wie etwa von Boris Malkin oder von Protagonisten des Ethnografikahandels wie der Firma Umlauff in Hamburg stellt Müller Strategien der Wertsteigerung vor: Seltenheit und Eigenschaften der Objekte waren ebenso Teil der Argumentation wie Schwierigkeiten bei der Beschaffung oder der beliebte Hinweis auf ‹letzte Gelegenheiten ›.87 Für das Museum galt es, Argumente gegen einen zu hohen Einkaufspreis anzuführen; waren die Objekte aber erst im Museum, nutzte dieses die gleichen Argumente, um ihre Aufnahme in die Sammlung zu rechtfertigen und damit eine allgemeine Aufwertung des Hauses zu verbinden. Als Beleg für ein globales Wirtschaftssystem charakterisiert David Rentsch (165–166) die Produktion – oder vielleicht nur die Verfeinerung – von Bestecken in einem Gefängnis von Smyrna aus dem Jahr 1895. Diese Arbeiten sollten Resozialisierungsmassnahmen sein, gleichzeitig garantierte die ‹günstige Entlohnung ›, dass die Ware konkurrenzfähig war. Isabella Bozsa (167–169) legt zwei Interpretationen zu einem rituellen Gegenstand des tibetischen Buddhismus vor, den das Museum zu einem beachtlichen Preis vom Ethnografikahändler Julius Konietzko bezogen hat. Entweder sollte die Angabe, dass der Vorbesitzer Reichskanzler war, den hohen Preis rechtfertigen oder aber es handelte sich lediglich um eine Verkaufsstrategie.

Abgesehen davon, dass auch das Museum den Marktlogiken zu folgen hatte, war es auf finanzielle Zuwendungen angewiesen. Dazu waren Beziehungspflege und Erfindungsreichtum notwendig. In einem Fall (Singh 170–172) liegt nahe, dass eine anonyme Spende gezielt für den Ankauf einer «Trophäe eines Jivaros»88 eingeworben werden konnte. Im zweiten Fall startete das Museum eine «Pumpaktion» (Greber 173–177), um die nötigen Finanzmittel für eine wertvolle Sammlung indonesischer Textilien der Gebrüder Langewis aufbringen zu können. Dafür aktivierten sämtliche Mitglieder der Museumskommission ihre Netzwerke. Schlussendlich gingen 42 separate Beträge in erster Linie von Firmen, aber auch von Privatpersonen ein. Der Fehlbetrag wurde nach und nach aus Beiträgen des Kantons beglichen. Weder die Argumentationen noch die Verfahren bei Ankäufen und die Akquise von Finanzmitteln haben sich grundlegend geändert. Allerdings greift das mkb bei Sammlungserweiterungen nur noch höchst selten auf den professionellen Ethnografikahandel zurück.

Beim Gros der Objekte in den Sammlungen des mkb ist wenig bis nichts über das Gegenüber in den Transaktionen überliefert. Mühsame Detektivarbeit fördert bisweilen dennoch zutage, welche Personen daran beteiligt waren. Im Themenblock Mittelspersonen und Counterparts behandeln die Beiträge Situationen, bei denen Hinweise auf das Gegenüber vorhanden oder sogar Namen und Funktionen bekannt sind. Bei der Einlieferung der «fünf Dolche» (Bucher 181) aus verschiedenen nordafrikanischen Staaten erfahren wir den Namen des Vermittlers und auch Näheres zu einigen Vorbesitzern. Erstaunlich, dass der umtriebige Leopold Rütimeyer nicht alles unternahm, um die in Basel greifbaren Personen, die mit diesem Eingang zu tun hatten, zu treffen. Das lässt genauso Raum für Spekulationen wie der Fall der aus Gras geflochtenen Charaktere des javanischen Wayang-Schattenspiels (Greber 182–183), bei dem als Produzenten und ebenso als Personen, die diese Objekte dem Petrogeologen Justus Krebs übergaben, generisch Kinder genannt werden. Bei den Fellschuhen (Rentsch 184–186) liess sich zwar kein Name eruieren, wohl aber eine Fotografie, auf der der Vorbesitzer die Schuhe trägt: Sie wurden ihm «von den Füssen gekauft».89 Sehr viel greifbarer wird der koptische Antiquitätenhändler Mohareb Toudros (Müller 187–189), der deutscher Konsularagent in Luxor war, was ihm ausgezeichnete Kontakte und ein weitreichendes Netzwerk verschaffte, um Gegenstände zwecks Weiterverkauf zu erwerben. Zu seinen regelmässigen Kunden gehörten auch Mitarbeiter des Museums. Auch Haikanducht Tschachmatschjanz, Mittelsfrau und Dolmetscherin der schweizerischen Kaukasusexpedition 1912 und ausserdem promovierte Zoologin, erhält deutliche Konturen (Rentsch 190–196). Sie war für dieses Unternehmen als Reisedolmetscherin verpflichtet worden, nahm darüber hinaus aber auch Aufgaben bei Verhandlungen, bei der Verpflichtung von lokalem Personal oder bei Einkäufen – auch der Gegenstände, die später ins Museum eingeliefert wurden – für die Expeditionsteilnehmer wahr. Schliesslich porträtiert Basil Bucher (197–201) Kaira, Angehöriger der Veddah-Gemeinschaft und Mittelsmann für viele der wissenschaftlichen Unternehmungen, die sich ab Ende des 19. Jahrhunderts für die Gruppe der Veddah interessierten. Aus den Berichten dieser Unternehmungen lässt sich ein Bild des Gruppensprechers skizzieren, das sich aus «Momenten der Begegnung» speist. Dabei ist spannend, wie sich dieser ‹Gewährsmann› zwischen Ansprüchen der eigenen Gruppe und Forderungen, die von aussen an ihn herangetragen wurden, positionierte.

In allen Beiträgen klingt Handlungsmacht des jeweiligen Gegenübers an, aber sie lässt sich aufgrund der Quellenlage kaum spezifisch fassen. Insbesondere die Position des Dazwischen-Stehens verlangt ständig Entscheidungen der Mittelspersonen, bei denen eine einfache Dichotomie ‹die einen gegen die anderen› der Komplexität der Begegnung nicht gerecht werden kann.

Wie oben ausgeführt, sind in Bezug auf Sammlungen und Museen weit mehr Personen von der Kolonialität direkt betroffen, als dies der Rekurs auf ‹Herkunftsgesellschaften› vermuten lässt. Mit dem Konzept von communities of implication wird sowohl dem Übergehen von Anspruchsgruppen als auch dem Übersehen von Beteiligten Rechnung getragen. So zeichnet Basil Bucher (205–207) in ‹Ein Buddha in Göschenen› ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht nach, in dessen Mittelpunkt im Jahr 1901 eine Buddhastatue steht. Als Resultat des Zusammentreffens verschiedener Personen verbunden mit unterschiedlichen Schauplätzen wandert der Buddha in die Sammlung des Museums. Bei den weiteren vorgestellten Verflechtungen, die eine Einlieferung von Objekten zur Folge hatten (Greber 208–210;218-219;Singh 115–117;Bozsa 220–227,Schmid 228–235), unterscheiden sich die Gebiete und Orte des jeweiligen Geschehens, die Bedeutungszuschreibungen der Gegenstände wie auch die beteiligten Personen und Institutionen. Ganz sicher sind etwa bei dem Textilfragment aus Peru (Singh 215–217) neben dem Kaufmann, Textilfachmann und Sammler Fritz Iklé-Huber, einem Herrn Driessen, den I.G. Farben und Museen mit ähnlichen Fragmenten weitere communities – mit höchst unterschiedlichen Hintergründen – verbunden und folglich für seine Provenienz höchst relevant.

2017 bekannte der französische Präsident Emmanuel Macron in Ouagadougou, Burkina Faso, öffentlich, dass Kolonialismus ein Verbrechen an der Menschheit gewesen sei. Im gleichen Jahr trat die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy aus dem Expertenbeirat des Humboldt Forums aus und forderte zu wissen, wie viel Blut an den Objekten klebe. Spätestens seit diesen Ereignissen ist offenkundig, dass Gewalt in verschiedenen Formen und unterschiedlicher Gestalt zu musealen Sammlungen gehört. Unter Gewaltkontexte beleuchten die Beiträge die implizite Beteiligung an der Ausübung von Gewalt gegenüber kolonisierten und unterworfenen Gesellschaften. David Rentsch (239–253) zeichnet an Objekten aus der Zeit des Kongo-Freistaats (1885–1908) nach, wie offizielle Vertreter des Kolonialstaats die Gewaltherrschaft nicht nur legitimierten, sondern sich daran rücksichtslos beteiligten; der eingangs erwähnte Armreif ist Zeugnis davon. Im Nachgang zu kolonialen Kriegen – wie etwa dem als Mahdi-Revolte bezeichneten zwischen sudanesisch-mahdistischen Truppen und der anglo-ägyptischen Armee – waren Trophäen mit direktem Bezug zu den historischen Ereignissen begehrte Sammelstücke: so ein zunächst sufistisches, später militärisches Gewand, die jibba(vgl. Müller 254–257), oder Waffen, die der Grosswildjäger Adam David in der Nachfolge mehrerer kriegerischer Auseinandersetzungen mit der britischen Kolonialarmee äusserst günstig kaufen und dem Museum übereignen konnte (vgl. Müller 258–259). Ein weiteres Beispiel sind chinesische Objekte, die als Raubgut oder Kriegsbeute aus den beiden Opiumkriegen und aus der Niederschlagung der Taiping-Bewegung stammen (vgl. Bozsa 260–264). Wenn Rentsch (257) zusammenfassend konstatiert, dass Macht und Sammeltätigkeit zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Gebieten nicht nur eng miteinander verbunden seien, sondern auch mehrere Dimensionen kolonialer Gewalt offenbaren, bezieht er sich neben der physischen auch auf die strukturelle und epistemische Gewalt, die in all ihren Formen jeder kolonialen Beziehung eingeschrieben ist.

Bei Fehlstellen und Lücken geht es nicht etwa um die museale Chimäre der Vollständigkeit, der lange nachgejagt wurde. Vielmehr handelt es sich in einem Fall um museale Handlungsspielräume (Buri 267–272), im anderen um eine missglückte Transaktion (Rentsch 274–279)