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Literarische Spiele mit dem Unheimlichen: Wer träumt nicht hin und wieder von der Sünde? In Thomas Raabs neuem, an der Gothic Novel geschulten Roman treffen wir gleich zu Beginn auf einen unzuverlässigen Erzähler, der sich nicht nur mit einer geheimnisvollen Seuche, sondern auch der Suche nach der eigenen Identität herumschlägt. Auf den Fersen von »Jedermanns Dämon« enthüllen sich dabei die verqueren Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft und das Böse in uns allen. Ein literarisches Vexierspiel, das die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Traum und Wahn verschiebt und in der deutschsprachigen Literatur seinesgleichen sucht.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2026
Thomas Raab
DÄMON
Roman
Thomas Raab
ROMAN
Czernin Verlag, Wien
»I am sorry to say.«
Thomas De Quincey
Anatol Möller zugetan
An dieser Kreuzung nun standen drei Schilder.
Eines wies in Richtung des sich am Horizont unter den quellenden Wolken abzeichnenden Nadelwalds und trug die Aufschrift »Raab«. Das zweite dahinter wies nach links, und ich musste den Škoda ein paar Meter nach vorne setzen, um es lesen zu können. »Wien« stand darauf. Das dritte Schild, dessen untere Ecke verbogen war, wohl gerammt von einem der betrunkenen jungen Traktorfahrer, die hier in der Erntezeit zur Entspannung ihre Runden zogen, nannte als Ziel »Memersdorf«.
Aus Wien war ich gekommen und nach Raab wollte ich nicht, da von nahe dort dereinst mein Urgroßvater in die Stadt geflohen war. Er hatte sein Unternehmen, eine große Hufschmiede, zugrunde gewirtschaftet, weil er als Pferdenarr nicht glauben hatte können, dass die nunmehr modern werdenden Motorkraftfahrzeuge auch die Dienste der Post übernehmen würden, deren Pferde er beschlug.
Also trat ich das Gaspedal durch und lenkte den Wagen auf die schmale Straße nach Memersdorf.
Große Baustelle. Ein riesiger Stahlbetonträger, zehn Meter hoch, seine Form ein Viertelkreis. Er wird seitlich aus einem Haus entfernt. Kräne. Keine Menschen. Das Haus wird abgebaut.
Ich rede nicht gerne über die Seuche.
Natürlich ist auch sie ein Grund, warum ich letztlich den alten Škoda in der Werkstatt noch einmal flottmachen hatte lassen, um hierher in den Norden zu flüchten. In der Stadt waren noch keine großen Unruhen ausgebrochen, aber man konnte sich an allen zehn Fingern ausrechnen, dass es bald so weit sein könnte.
Zudem hatte ich genug von den Informationen. Eingebettet in meinen Social-Media-Account und die immer uniformer werdenden Fernsehmeldungen über die Seuche, die Steuerungs- und Rettungsversuche der überforderten Regierung, die verzweifelte Arroganz der Expertinnen und Experten und die zunehmenden Spannungen zwischen den Berufs- und Interessengruppen, war ich zu nichts Produktivem mehr gekommen. Meine Memoiren stockten. Außerdem schickte die Agentur kaum noch Schreibaufträge. Ihre Großkunden waren mit Kurzarbeit, Hygienemaßnahmen und Kreditabwicklungen ausreichend beschäftigt.
Also trat ich mit dem neuen Minimaleinkommen, das die Regierung jedem Bürger hatte zugestehen müssen, die Flucht ins erhoffte Funkloch an. Dort wollte ich in einem alten Schloss, das abgelegen im Dörfchen Memersdorf lag, fernab von Wien und noch ferner von Graz, meiner Herkunftsstadt, ein wenig meine Katastrophe ordnen.
Ohne social und ohne media.
Warum wirkt alles, was ich im Internet betrachte, so sentimental, so schlapp, so kraftlos? – Ich denke, das Internet sollte GAGA, großes Ableben/großes Archiv, heißen, denn alles, selbst das Neueste, ist nicht nur bereits vergangen, sondern wartet darauf – wenn es seriöse Information enthält, d. h. wenn jemand wenigstens einen Gedanken darin investiert hat, bevor er es kopierte –, nach Jahren angeschaut zu werden, oder es ist, wie die Tagesmeldungen, bereits bei Veröffentlichung vergessen und wird nie ins große Archiv gelangen, weil die Tagespresse und die Blogs und die sozialen Medien, die für solcherart Aktuelles zuständig sind, in ihrer Dynamik gar nicht archiviert werden können, sondern stattdessen das Ableben der Ereignisse dokumentieren – das dafür aber in »Echtzeit«. Die Geschichte hört nicht auf, aber sie wird vergessen und gerinnt zu TV-Programmen. In diesem GAGA-Umfeld gibt es kein Gut und Schlecht, weil es totaldemokratisch ist und die Anzahl der Klicks und viewing milliseconds fortan die Geschichte machen wird.
Oben im Norden Wiens sollte es solche Funklöcher geben. Oben im Norden, von wo meine Ahnen väterlicherseits herkamen.
Ich hatte meine Familie verlassen. Ich war seit ein paar Monaten auf Antidepressiva eingestellt, da ich nicht mehr hatte schlafen können. Immer mehr waren mir meine Erinnerungen fremder geworden. Ich hatte keinen Rahmen mehr für sie, und so blickten sie mich an wie ein hungriger Tiger sein Beutetier. Ich riss mich aus dem Halbschlaf hoch. Ich machte das Nachtlicht an. Ich zog den Vorhang zur Seite und machte das Fenster auf, um ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen und den Albtraum zu verscheuchen. Ich rauchte eine Zigarette. Ich trank einen Lavendeltee. Ich verschlang eine Tafel Schokolade. Ich versuchte mich mit der Konserve einer Sportübertragung ins Bedeutungslose zu hieven.
Als nichts mehr half und mich mein Verhaltenstherapeut für »durchtherapiert« erklärte, musste ich etwas Neues probieren. Die blanke soziale Wirklichkeit drängte sich auf, Freunde wollten mich wieder treffen, da die Seuche samt zugehöriger Angst normal geworden war. Die Wirtschaft kam nicht wieder hoch, weil eine Infektionswelle nach der anderen übers engmaschig vernetzte Land, ja die Welt schwappte. Und immerhin hatte ich noch die Kraft, den Minimalplan einer Autoreise ins Auge zu fassen.
Als wir in unserem schon rostenden Saab auf dem Weg nach Istanbul die Grenze zwischen Jugoslawien und Bulgarien überquerten, staunte ich nicht schlecht, als wir mit dem Wagen durch eine etwa anderthalb Meter tiefe, fünfzehn Zentimeter hoch mit braunem Wasser gefüllte Betonwanne fahren mussten, und mein Vater, wohl auf Nachfrage, erklärt bekam, dass Keime oder sonstige Verunreinigungen aus Jugoslawien von unseren Reifen gewaschen werden sollten. Vielleicht hätte man da, Mitte der Achtzigerjahre, bereits ahnen können, dass die uralten Vorbehalte zwischen den Gruppen auf dem Balkan so groß waren, dass sie sich in Krieg, Tod und Verbrechen ausformen könnten oder würden.
Memersdorf schien mir, warum auch immer, die einzige Wahl. Irgendwie zogen mich Ost, West und Süd, jedenfalls von Wien aus, nicht an. Und irgendwie war mir der Name bekannt vorgekommen. Vielleicht hatte ich Vater einmal davon reden hören?
Also drückte ich das Gaspedal durch. Die Felder zogen vorbei. Es war Frühling, und die Mohnblumen drängten sich mit ihrem Rot direkt in mein Gedächtnis. Kein Mensch zu sehen, nicht einmal Autos kamen mir auf der Straße entgegen. Der Balkan wehte mich an, Hitze, Sommer, Felsen, Ferien. Hier jedoch keine Erntemaschinen, die Felder brach oder mit undefinierbaren Pflänzchen übersät, manche chaotisch, also wohl Unkraut, andere regelmäßig, vielleicht Kartoffeln oder Rüben.
Ich sah Falken, ich sah Bussarde, ich sah Feldhasen und ich sah mein rechtes Auge hinter dem Brillenglas linksseitig im Rückspiegel. Über das mit USB-Kabel verbundene Smartphone konnte ich im Autoradio jemanden singen und Gitarre spielen hören. Irgendwo in der flachhügeligen, mit Feldern und kleinen Waldstücken überzogenen Landschaft ertönte aus den Lautsprechern pulsierend der Signalaustausch meines Smartphones mit dem wohl letzten Funkmast vor dem Loch. Es stimmte also: Bereits zehn Kilometer vor Memersdorf, das ganz nahe der Grenze lag, gab es keinen Empfang mehr.
Eine sonderbare Stimmung, die sich in den Tagen zuvor bereits in Wien als Unruhe manifestiert hatte, drängte mich ins flache Land. Dort, meinte ich jedenfalls, würde sich etwas lösen, dort würde meine Katastrophe deutlicher sichtbar werden. Dort würde ich sie vielleicht besser verstehen, um mich zu beruhigen.
Warum ich das wollte, konnte ich nicht genau angeben. Glaubte ich ehrlich, Verstehen und Ordnen würden mein Gewissen beruhigen? Immer, wenn ich das Wort »ordnen« innerlich deutlich aussprach, begann mein Kopf zu flirren. Ich wollte eine befriedigende Erklärung für mein Handeln, wenngleich ich wusste, dass es keine befriedigende Erklärung gab, weil man die menschliche Psyche nicht wie eine Maschine verstehen kann. Immerhin ist sie der Umwelt gegenüber offen, außer in den Phasen der tiefsten Depression. Nicht nur die Vagheit all dieser Begriffe war mir während der Therapie klar geworden. Auch das prinzipielle »Schweben« jeder psychologischen Theorie über ihrem Gegenstand angesichts der Fragilität des Erlebens, der Stimmungsschwankungen, die mich mehrmals am Tag von der Hölle ins Menschsein in den Himmel, ins Geister- und Tierreich und wieder zurückwarfen, war mir aufgegangen. Mein Verhaltenstherapeut nickte immer gelangweilt zu solchen Synthesen.
Die Uhr im Armaturenbrett zeigte vier Uhr nachmittags.
Es ist Sommer und ich befinde mich auf einem bevölkerten Strand. In der strahlenden Sonne, die aber nicht heiß ist, spielen Menschen in Badekleidung Ball, sonnen sich usw. Es herrscht die typische leichtherzige Strandstimmung. Immer deutlicher schälen sich aber aus diesem Panorama mehrere Gruppen halbnackter, abgerissen gekleideter, dürrer Kämpfer heraus, die mit echten Kanonen, Raketen und Torpedos zu hantieren scheinen. Der Hautfarbe nach zu schließen sind sie aus Indien oder Bangladesch und sie stellen sich ungeschickt an, johlen bisweilen, wenn eine Rakete beim Start in der Mitte explodiert und auseinanderreißt – und das alles inmitten der Urlauber. Plötzlich kippt die spielerische Stimmung ins Kriegerische, aber ich scheine der Einzige zu sein, der dies bemerkt. Ich sehe, wie die Dunkelhäutigen Torpedos auf Yachten und kleine Fährboote abschießen, die nur wenig außerhalb der Schwimmzone voll mit Touristen kreuzen. Einer schießt vom Strand aus sogar eine Dicke Berta ab, einen gedrungenen, etwa einen Meter langen, 50 Zentimeter dicken und vorne kugelförmigen Torpedo, dessen Weg knapp unter der Meeresoberfläche ich verfolgen kann, bis er mit entfernt donnernder Explosion ein Ausflugsschiff versenkt. Ich höre die panischen Schreckens- und Schmerzensschreie sterbender, brennender Menschen aus der Ferne, und trotzdem merken die am Strand Spielenden erst nach und nach, was los ist.
Eine neue Szene: Ich bin am selben Strand in einem Labyrinth aus Tunneln, die vielleicht alte Stellungen aus einem Abwehrkampf darstellen und mit Stahlleitern notdürftig befestigt sind, deren abblätternder Lack mich an meinen Lieblingsspielplatz aus der Kindheit erinnert. Einer der jungen Dunkelhäutigen verfolgt mich wie ein ungebetener Touristenführer, wobei er mich immer wieder sanft betatscht. Ich kann ihm nicht begreiflich machen, dass ich allein sein möchte, und weise ihn immer harscher zurück. Immer weiter klettere ich auf der Flucht vor ihm ins Labyrinth hinein, aber er kennt sich aus und holt mich über Abkürzungen ein …
Die Uhr im Armaturenbrett zeigte Viertel nach vier, als ich das Ortsschild von Memersdorf passierte. Die flachen Bauernhäuser strahlten in Pastellfarben, immer noch flirrte die Hitze über dem Asphalt.
Die länglichen eingeschossigen Häuser sind sämtlich an der Hauptstraße mit ihren kurzen Seiten aneinandergereiht. Jedes hat ein großes Einfahrtstor für Autos, Traktoren und andere Landwirtschaftsmaschinen, früher für Fuhrwerke und Pferde. Diese Tore sind immer geschlossen, außer wenn jemand in den Hof oder aus dem Hof fährt. Dahinter meist das Bellen des Haushunds, mal tief, mal hoch, mal ächzend, wenn der Hund alt ist, oder hektisch kläffend, sofern er jung ist. Die schmalen straßenseitigen Häuserfassaden haben zumeist nicht mehr als zwei Fenster, in denen oft schwere Rollläden oder Vorhänge die Blicke Fremder und Bekannter abhalten.
Katholisches Herzland. Europa, Alte Welt. Der ehemalige Eiserne Vorhang hängt immer noch über allen Wäldern und Wiesen. Fährt man die Hauptstraße solcher Dörfer entlang, erreicht man zumeist eine kleine, unbedeutende Barockkirche oder eine weilerartige Öffnung der Anlage, die andeutet, dass man einst hier im Grenzland das Dorf gegen Eindringlinge verschließen konnte.
Memersdorf entsprach diesem Typus nicht vollständig. Das Dorf lag am Abbruch der Thaya, eines träge mäandrierenden Grenzflusses, der zwei Mündungen später in die Donau entwässerte, die stromaufwärts auch durch Wien floss, von wo ich erst zu Mittag aufgebrochen war. Auch die zentrale Anlage mit Kirche oder wenigstens Opferstock fehlte zugunsten eines Schlosses an der Oberkante einer etwa zwanzig Meter hohen Terrasse, die die Thaya über Jahrtausende in die metamorphen Gesteine des Grundgebirges gegraben hatte.
Einmal während des dritten Sommerjobs, erinnere ich, schlief ich ermattet hinten im weißen VW-Bus der Abteilung Hydrographie der Österreichischen Draukraftwerke AG ein. Die Sonne schien warm in den Wagen und mein Körper wurde angenehm schwer. Es war dasselbe Autorückbank-Geborgenheitsgefühl, das ich als Kind öfters gehabt hatte – im Kopf auf Abenteuer mit Mädchen, Erfolg als Sportler, als Held der Kunst eingestellt und zugleich von Erwachsenen beschützt. Hinter mir im Kofferraum des weißen VW-Busses die Flügelmesser. Einmal haben wir die Durchflussmenge der Drau vermessen, ausgerechnet nahe des Dorfes, aus dem meine Großmutter stammte und in dem meiner Mutter Gewaltiges geschah, wobei wir einen Flügelmesser mit einem Propeller von mindestens dreißig Zentimeter Durchmesser, zuerst ein, zwei Stunden zusammenbauen und dann auf das quer über den Fluss gespannte Drahtseil setzen mussten, um dann stundenlang die Messwerte, die uns das Flügelgerät über Funk ausgab, in eine Liste einzutragen. Ich glaube zu wissen, dass mir die Drau durch diese langwierige Prozedur noch breiter vorkam, als sie optisch ohnehin erschien, aber das ist nicht Erinnerung, sondern allgemeines Wissen, denn jeder Fluss erscheint mir immer wesentlich schmäler, als er in Wahrheit ist.
All das sah ich auf den ersten Blick, als ich meinen Škoda vor dem Lebensmittelladen abstellte.
Nicht, dass ich zuvor bereits in Memersdorf gewesen wäre. Aber die Anlage glich der Anlage des nur wenige dutzend Kilometer entfernten Dorfes, aus dem mein Urgroßvater ausgezogen war und das ich einmal mit meinem Vater besucht hatte.
Wir waren nach dem Begräbnis seiner Cousine, das in einem anderen Dorf, etwa dreißig Kilometer südlich von Memersdorf an einem länglich von Osten nach Westen ziehenden Berghang hinab zur Donau stattgefunden hatte, Richtung Norden gefahren. Vater hatte ein neues Navi auf seinem geliebten Smartphone, dessen sonore Computerstimme uns in seine, nein, unsere Herkunftsgegend leitete.
»Nach zehn Kilometern rechts auf die Katastralstraße 41«, »Zwanzig Kilometer geradeaus der Straße folgen« usw. lauteten die Ansagen.
Das Begräbnis war so deprimierend gewesen, dass wir beide nach dem Leichenschmaus in stillem Einverständnis die erste Gelegenheit zur Flucht ergriffen hatten. Für ihn war dies gewiss schwieriger gewesen als für mich, war er doch, als einziger Gebildeter seiner Familiengeneration, der den Weg in die lichten Höhen des Halbwissens und des informierten Vorurteils, sprich den Sprung in die Stadt geschafft hatte, so etwas wie ein Ehrengast der Beerdigung gewesen. Ich war bloß sein Sohn.
Die Cousine meines Vaters war debil, meinte Mutter, und hatte sich demgemäß einen halbdebilen Ehemann aussuchen müssen, der indes jahrelang »auf sie aufgepasst« und sie auch mit einer nicht wesentlich weniger debilen Tochter beschenkt, will sagen geschwängert hatte. Ich mochte diese meine Cousine wohl zweiten Grades dennoch. Sie war so reduziert, dass ihr Gesicht immer ihre echte Stimmungslage auszudrücken vermochte, eine Fähigkeit, die so gut wie allen Städtern, Gebildeten und Nichtdebilen verloren gegangen ist, was im Grunde nichts mit Lüge oder auch nur Unaufrichtigkeit zu tun hat, sondern einfach eine zur Gewohnheit geronnene Schutzmauer ist, um nicht unterzugehen und alle Augenblicke von einem nur noch etwas mehr skrupellosen Städter, Gebildeten und Nichtdebilen über den Tisch gezogen zu werden.
Wie dem auch sei, die hockten nun ohnehin fast alle zu Hause und fürchteten sich vor der Seuche.
Zu dem Begräbnis war kaum jemand gekommen und allein die Tatsache, dass Vater aus Graz und ich aus Wien angereist waren, adelte uns zu Weltmännern ersten Rangs.
Ach, sie wussten nichts!
Und gerade deswegen hatte mich das Begräbnis ergriffen, das an allen Ecken und Enden – mit der nichtsahnenden Ansprache des Pfarrers, der die Cousine meines Vaters, die dann wohl meine Tante zweiten Grades gewesen sein musste, blödsinnig lauschte, mit den betrunkenen Bestattungsmitarbeitern mit ihren rostigen Schaufeln, mit den notdürftig über den Schlamm des ebenfalls frischen Nachbargrabes gelegten Holzplanken, über die die Trauernden oder Trauer Erahnenden ans offene Grab trotteten, um die letzte Schippe Erde auf die Gebeine des letzten echten Menschen der Welt zu werfen, mit der zu sexy aufgezäumten Freundin der Verstorbenen in ihrem schwarzen Netzkleid – ins Groteske geragt hatte.
Und so waren wir, nach unsrer fast gar nicht peinlichen Verabschiedung, denn alle unsere debilen Verwandten hatten irgendwie doch verstanden oder gespürt, dass wir fortwollten oder mussten, nach Raab, das Heimatdorf des Großvaters meines Vaters nahe Memersdorf gefahren.
Niemand in Raab konnte sich an irgendeinen unserer Verwandten erinnern. Eine Alte sprach kurz (wir verstanden ihren Dialekt kaum) von einer Hammerschmiede, die einem mit unserem Namen gehört haben sollte, als sie ein Kind war, aber mein Urgroßvater war nicht nur vor ihrer Zeit nach Wien ausgewandert, sondern auch, wie gesagt, ein deklassierter Hufschmied gewesen, und wenngleich Schmiede und Hufschmiede Ähnliches tun, war ihr Beruf doch etwas völlig anderes gewesen.
Wir ließen das Dorf zurück, ohne Wehmut, ohne Sentiment, Vater und ich, absolut neutral. Unser Kreis hatte sich geschlossen – und es war weder schön noch sonderlich hässlich gewesen.
Das gänzlich leere Institut, in das mich Vater mitnahm, und an dessen, in der abendlichen Stille knarrenden Parkettboden ich mich zu erinnern glaube, hatte im zentralen quadratischen Flur, von dem – wie Mönchszellen! – die Büros der Mitarbeiter abgingen, auch Glasvitrinen mit alten, schwer wirkenden Messgeräten aus Metall. Vater hatte mich sicher vom Kindergarten abgeholt, der gleich um die Ecke lag, und war beim Abholen wie immer spät dran gewesen, denn es muss Abend gewesen sein. Hatte Vater eigens ein Bett in seinem Büro aufgestellt, um dort zu übernachten, wenn er zu lange arbeitete, um noch nach Hause zu fahren, oder um Mutter zu entkommen? Warum war niemand da? Umgehend die seltsame Einsicht, dass ich so gut wie nichts über meinen Vater weiß, das er mir nicht selbst auf seine bis heute vollkommen kindliche Art erzählt hat.
Ich kaufte mir im Laden von Memersdorf, dessen Besitzer vielleicht sechzig Jahre alt war, eine Kräuterlimo. Ich verließ den Laden und blinzelte, vor der Tür stehend, in die Sonne.
Der Besitzer hatte mir zur Verabschiedung etwas zugebrummt und ich hatte »Auf Widersehen« geantwortet. Offenbar war ich nicht der erste Fremde seit langem und ich vermutete, dass es hier doch einige Wochenendhäuser für Bürger aus Wien geben müsste, denn die Häuser waren billig hier und mit anderthalb Stunden Fahrzeit weit, aber nicht sehr weit von der Stadt entfernt. Um zur Arbeit zu pendeln, war es für österreichische Verhältnisse wohl zu weit, nicht jedoch um am Wochenende Blumen zu gießen und sich als der Eigentümer zu fühlen, der man war. So war man Teil der Herrschaftselite, aber doch moralisch fein raus.
All das kannte ich ja von Freunden. Genau da hatte ich nicht hinwollen; das war Teil meiner Katastrophe. Ich saß im geparkten Škoda und nuckelte an der Limo. Natürlich zog es mich rauf zum Schloss. Wohin auch sonst?
In einer Winternacht irgendwo am flachen Land, das an Ungarn oder das Burgenland erinnert. Mit dem Škoda nachts unterwegs durch den Schnee. Ich stehe rechts neben dem Auto draußen und rede mit Cornelis. Im Škoda meine Mutter am Steuer, Vater auf dem Beifahrersitz. Cornelis sagt mit Blick auf die Straße: »Tja, da oben musste man sich ohnehin in ein Buch eintragen und bestätigen, dass man Winterausrüstung hat.« Ich erschrecke, weil ich da oben nicht stehen geblieben bin, aber da fährt Mutter schon ohne mich los. Auf dem Glatteis rutscht das Auto sofort nach links, dann nach rechts, Mutter verliert die Kontrolle und wird immer schneller. Zuerst denke ich nichts Schlimmes, weil es ja eh nur flach abwärts geht, und als das Auto dennoch beschleunigt, um dann unten links durch ein dickes schmiedeeisernes Tor, hinter dem sich vielleicht eine Kapelle befindet, schleudert, lache ich sogar. Doch da rutscht es rückwärts wieder aus der Einfahrt hinaus, über die einspurige Straße und kippt in einen schwarzen Teich. Es ist so unglaublich, aber dennoch will ich vor Cornelis so cool scheinen, dass ich nicht sofort hinlaufe, um zu helfen. Als ich mich endlich in Bewegung setze, sehe ich, dass der Škoda mitsamt meinen Eltern schnell im eiskalten schwarzen Wasser versinkt. Ich denke: Da kann ich nicht reinspringen, weil ich sofort erfrieren würde, und ich wache traurig über den Tod der Eltern auf.
Es gab hier draußen keine anderen Fremdenzimmer.
Einzig im Schloss, hatte ich einst von Freuden gehört, gab es deren vier. Also ließ ich die leere Limonadenflasche zwischen meinen Beinen auf die Plastikmatte gleiten, ließ den Motor an und rollte in dessen Richtung. Dabei bekam ich, ohne es zu wollen, einen ersten Einblick in die Verhältnisse im Dorf.
Als ich nämlich am Ende der Siedlung die Rechtskurve zur Zufahrtsstraße zum Schloss erreichte, die zwischen Obstbäumen und Wiesen hindurch schräg die Flussterrasse hinaufführte, sah ich im linken Augenwinkel etwas wie ein Frauengesicht. Warum erkannte ich so schnell, dass es das Gesicht einer Frau war? Da verschwand es auch schon hinter den Vorhängen im Fenster des hellgrün gestrichenen Bauernhauses.
Als ich unter dem niedrigen Erdgeschossbalkon, unter dem ich mich hinter einem Busch versteckt hielt, aufspringe, weil der Sucher des Versteckspiels »He, ich hab’ dich!« oder so ruft, donnere ich mit der Schädeldecke hart gegen Beton und merke sofort, dass Blut durch meine Haare sickert und über mein Gesicht zu laufen beginnt, und als ich die erschrockenen Augen des Suchers erblicke, weiß ich, dass ich nach Hause laufen muss, vorbei an der Sandkiste, den sanft geschwungenen Asphaltweg mitten durch den Hof meines Kindheitsblocks entlang, fünfzig Meter bis zu unserer Stiege, die drei Stockwerke hinauf. Doch als ich die Wohnung weinend betrete, um mich von Mutter verarzten und trösten zu lassen, gibt sie mir noch vor der Garderobe eine schallende Ohrfeige, und umgehend wieder dieses Gefühl, kein Heim zu haben. Dabei hatte ich, denke ich, bloß ihren ungeliebten und engen Tagesplan durcheinandergebracht, hatte mit meiner Verletzung auf ihre Isolation in der immer noch neuen Stadt verwiesen, weil sie nun mit mir ins nahe gelegene Unfallkrankenhaus eilen musste, wo meine Platzwunde genäht wurde.
Der Parkplatz lag etwa fünfzig Meter abseits des trotz seiner drei hochräumigen Stockwerke gedrungen wirkenden Bauwerks, das laut Internet vor tausend Jahren in seiner Urform errichtet und in der Renaissance erweitert und dekoriert worden war. Ich parkte den Wagen, zog die leere Limonadenflasche zwischen meinen Beinen hervor, umrundete mein Fahrzeug und nahm den Rucksack aus dem Kofferraum. Dann knallte ich die Heckklappe zu, wobei mir der Rucksack beinahe von der Schulter rutschte.
Auf der Brücke vor dem wuchtigen Eingangstor aus Granitblöcken blieb ich stehen. Die Mauern verbreiterten sich nach unten hin, wie bei solch alten, in Schwergewichtsbauweise errichteten Schlössern üblich. Oberflächliche Risse im Verputz waren mit zangenartigen Eisenbeschlägen zusammengeklammert, um die Setzungsdifferenzen zu kompensieren. Das Schloss war grau gestrichen und trug um die Emporen der Stockwerke herum blaugraue Ornamente. Neben dem Eingang das unauffällige Schild der Gewerkschaft für Landwirtschaft mit einem, wie ich es als Werbetexter aus der Stadt nicht anders erwartete, optisch missglückten, weil zu komplizierten Logo. Ich trat durch die enge Tür im Tor und schon stand ich im Innenhof.
Schräg rechts im Tordurchgang des Baus, in dem nicht ein einziger rechter Winkel gemauert war, lag eine etwa zwei Meter breite, flache Treppe zu einem Eingang ins Gebäudeinnere, über dem ein Schild in altertümelnden Lettern »Zur Verwaltung« wies. Dort musste ich wohl oder übel hin. Also stieg ich die Treppe hinauf und betrat den Ostflügel der Anlage. Vom breiten Vorraum des Untergeschosses, das ich nun gewahrte, ging in Richtung der Zimmer (im Westflügel befanden sich, wie ich dem Internet entnommen hatte, die Wirtschafts- und Repräsentationsräume) eine Tür ab, aber ein Schildchen am Beginn des Treppengemäuers befahl mich hinauf zur Verwaltung. Dasselbe im ersten Stock. Im obersten zweiten Stock endlich, der Rucksack drückte rechts in die Hüfte, links über einem Durchgang der Hinweis auf ein Zimmer, auf dessen Tür handschriftlich auf einem Zettel das Wort »Verwaltung« stand.
Zögerlich näherte ich mich und klopfte.
Mit Thomas in einer Altbauwohnung im zweiten Stock, die gerade umgebaut wird. Graue Wände, viel zu renovieren für uns, wir beide stehen am Fenster im Flur, der rechtwinkelig nach links abbiegt. Ich beginne, mir die Wohnung, in der offenbar eine Party stattfindet, und zwar mit einigen Leuten, die ich kenne und die grüppchenweise angeheitert durch die Zimmer streifen, anzusehen und betrete vom Flur aus die einzelnen Zimmer. Doch in einem Zimmer bin ich groß im Vergleich zur Raumhöhe, im anderen klein, und noch dazu sind auch meine Freunde in dem einen Zimmer größer, im anderen kleiner, sodass ich keinerlei Abschätzung der Höhen, auch meiner eigenen Größe habe, ich bekomme Panik und rufe Thomas zu, ich bliebe lieber in einem Zimmer, sonst würde mir schwindelig.
Die Verwalterin saß an einem Schreibtisch Typus Jugendheim aus billigem Holz und lächelte mechanisch, als sie mir »Guten Tag!« sagte.
»Sie sind der Herr aus Wien«, stellte sie nüchtern fest und streckte mir ohne aufzustehen die Hand entgegen.
»Ja«, drang es ein wenig zu schüchtern aus mir, aber ich war der Neue und ich war müde von der Fahrt und der Sonne. Anscheinend hatte die Reservierung geklappt. Ich war im trüben Ichdümpeln während der Seuche unsicher geworden, welche Mails ich bloß phantasiert und welche ich tatsächlich abgeschickt hatte. Die Staatshilfen hatten die Trauer ob meiner Katastrophe nur verstärkt.
»Sie kriegen Zimmer 7 im ersten Stock«, sagte die Verwalterin, die ein nichtssagendes beiges Kleid trug und deren Alter ich nur zwischen 45 und 65 schätzen konnte. Irgendwie kam mir der Gedanke »Gesangsverein«, noch einmal »Jugendheim« und irgendwie drängte sich auch »Jesus« auf, aber ich ließ diese Gemeinheiten gleichmütig, weil müde, an mir vorüberziehen und schwieg.
»Willkommen«, sagte die Verwalterin farblos.
»Sind auch andere Gäste da?«, fragte ich reflexhaft, obwohl ich daran die gesamte Anreise lang keinen Gedanken verschwendet hatte.
»Nein, nur Sie.«
»Und Personal?«
War ich von der Polizei, oder was? Mir war, als schüttelte ich den Kopf.
»Nur der Herr Kampfer, der hier die kleinen Arbeiten besorgt und Ihnen das Frühstück serviert«, entgegnete sie. »Er wohnt auf Zimmer 8 neben Ihnen – wegen dem Heizen.«
»Sie heizen noch?«, bohrte ich weiter (was war nur in mich gefahren?).
»Die Nächte hier sind auch im Frühling oft kalt«, entgegnete sie routiniert, denn offenbar fragte das jeder an dieser Stelle.
»Wann gibt es Frühstück?«
Das klang von meiner Seite wie eine Ablenkung.
»Von sieben bis zehn«, antwortete die Verwalterin wie ein Automat. »Das ist übrigens großzügig angesichts der wenigen Gäste. Aber der Hausdiener arbeitet gerne.«
Sollte nicht jedermann gerne arbeiten? Natürlich wollte ich auch wissen, ob die Seuche es bis hier heraus geschafft hatte, aber die Wahrscheinlichkeit war gering, dass es sich bei Memersdorf um einen viralen Hotspot handelte.
»Was haben Sie bei uns vor?«, fragte die Verwalterin und ich rutschte – zack! – in die Haltung des Angeklagten.
Bei uns?
»Nichts Besonderes«, log ich. »Ich war schon in der Gegend und mag es hier sehr. Aber ich bin nicht auf der Suche.«
»Man findet immer dort, wo man nicht sucht«, gab sie zurück und wandte den Blick wieder auf ihre Unterlagen. »Der Schlüssel liegt vor Ihnen«, setzte sie fort, und erst jetzt bemerkte ich, dass ein alter Schlüssel mit gelbem Plastikanhänger, auf dem in Handschrift die Zahl 7 stand, vor mir auf dem Schreibtisch lag.
»Danke«, sagte ich stockend, denn etwas hatte meine Stimmungslage verschoben. Ein Anflug von Ängstlichkeit.
»Kennen wir uns nicht?«, fragte die Verwalterin scharf, als ich mich gerade umwenden und gehen wollte.
»Ich erinnere mich nicht«, sagte ich allzu ehrlich.
Natürlich kam mir das hier alles bekannt vor, natürlich war das die Gegend meiner Ahnen, und auch die Verwalterin hatte ich irgendwann schon einmal gesehen, aber ich wusste nicht mehr, ob auf einem der Millionen Bilder im Internet, oder ob ich doch schon einmal hier gewesen war.
Wir verabschiedeten uns kurz und ich richtete mich im Zimmer 7 ein, dessen Fenster, wie ich erfreut feststellte, auf die Thaya und ihr breites Tal gerichtet war.
Die Peinlichkeit und der Schock, als Mutter den evangelischen Instruktor vor aller Freunde und Freundinnen Augen heftig beschimpfte, weil ich mit zwei fetten Veilchen aus dem Bus stieg, der uns vom Konfirmationswochenende zurückbrachte. Ich hatte sie mir bei einer Polsterschlacht im Dunkeln zugezogen, eines durch Aufprall auf einer Bettkante, das andere bei der kichernden Flucht im Dunkel an einem Türstock, und spürte deutlich, die Verantwortung dafür selbst zu tragen und tragen zu wollen, denn immerhin war ich vierzehn Jahre alt. Umgehend die Einsicht, dass ich weder das Selbstvertrauen noch die Kraft hatte, meine tobende Mutter zu stoppen, geschweige denn zu besänftigen. Diese Situation war nur ein Höhepunkt, sie ereignete sich so oder so ähnlich fast täglich, wenn Mutters starre Vorstellungen und Mythen der gelungenen Familie hart auf die wenigstens für mich normale Außenwelt prallten. Meine Flucht lag nahe.
Die erste Nacht in einem fremden Bett ist immer die schwerste. Bleiern schleppt man den Traum vom gestrigen Tag motivisch in die Nacht, wacht verschwitzt auf, gönnt sich die vorsorglich gekaufte Schokolade, quält sich zurück in den Schlaf.
So lag ich um acht Uhr abends in meiner Schlossstube 7 und die Augenlider senkten sich, obwohl ich nicht schlafen wollte, weil ich wusste, dass dann der Alb kam. Ich hatte natürlich ein paar Bücher in meinem Rucksack (auch De Quinceys Bekenntnisse eines englischen Opiumessers!), sogar den Laptop und meinen kleinen Drucker, denn immerhin wollte ich hier ein paar Tage oder Wochen die Seuche und meine Katastrophe aussitzen und allenfalls einlangende Schreibaufträge der Agentur abarbeiten. Doch die Konzentration auf den Schlaf, meinen Körper fand keinen Halt, der Verschub in die Einöde begann erst langsam einzusickern, die Aufmerksamkeit klebte noch am Außen. Streifen auf der alten Tapete, die mattweißen Fließen, der nüchterne Tisch, der sich quadratisch im Halbdunkel vor dem Grau abhob.
Die Worte der Verwalterin hallten nach. Neben dem Bett, einem Doppelbett natürlich, tauchte Paul auf, symbolisch, beugte sich zu mir herab und machte eine Geste, als wolle er mit mir High-Five abschlagen. Sofort glitt ich ins Wache zurück und der Schmerz und die Schuld, dass Paul nicht hier war und dass ich ihn verletzt hatte und dass ich doch sein Vater war, traf mich mitten ins Herz. Weder im Traum noch im Wachleben wollte mein Gehirn Ruhe finden.
»Man findet immer dort, wo man nicht sucht.«
Was hatte die Verwalterin damit gemeint? War ihr einfach ein Bonmot entwischt oder sagte sie das dreißigmal am Tag zu sich inmitten ihrer gewerkschaftlichen Listen, Zahlen, Stempel, Akten?
»Man findet immer dort, wo man nicht sucht.«
Ich musste daran denken, dass mein Vater ein guter Pilzsammler gewesen war. Pilze und wertvolle Mineralien. Beide findet man nur, wenn man eine Nase dafür hat, eine Nase, die auf Merkmale geeicht ist, die man nicht nennen, geschweige denn aufzählen könnte.
»Man findet immer dort, wo man nicht sucht.«
Also Verlieben – das könnte passen. Da sucht man schließlich auch kein Objekt, sondern findet es. Aber in wen sollte ich mich hier auf dem Land verlieben?
»Man findet immer dort, wo man nicht sucht.«
Vor mir tauchte ein großer schwarzer Vogel auf, der auf mich zuflog und, als er vor meinem Gesicht anlangte, mit seinen riesenhaften Flügeln meinen Kopf umschlang. Ich erschrak nicht. Es war eine warme, weiche Umarmung.
Der Vogel war mein Freund …
Mein Körper sank in den Schlaf.
Gemeinsam fahren wir auf der Landstraße durch eine hügelige Landschaft mit saftigen grünen Weideflächen und Wäldern, ich auf dem Fahrersitz, als ich plötzlich einen Japaner in der Wiese rechts neben der Straße panisch winken sehe. Seine adrette Kleidung ist zerrissen. Ich fahre langsamer, da sehe ich in der Wiese links andere Japaner – eine Familie? – mit blutenden Wunden und weit aufgerissenen Augen. Da kommt auch schon ihr brennender Wagen ins Blickfeld. Wir fahren weiter, da die offizielle Rettungsaktion anscheinend schon begonnen hat. Hundert Meter weiter noch mehr Leute, die blutend einem anfliegenden Hubschrauber winken, der sie anscheinend aus diesem Verkehrsinferno holen soll. Ich bin plötzlich auf dem Nebensitz und weise dich an weiterzufahren, da immer mehr brennende Fahrzeuge, darunter auch ein offener Geländewagen, auftauchen. Doch du drückst zu sehr aufs Gas, ich schreie – liegt da ein Fluch über diesem Straßenstück? – dir zu, du sollst langsamer fahren, doch da schleudern wir schon aus der nächsten Rechtskurve und unser Wagen wird die Böschung hinabgetrieben, ich merke mein Gleichgewicht schwinden …
Anderntags erwachte ich schweißnass und wie vom Stein getroffen.
Mein erster Blick fiel auf einen Gekreuzigten, dessen Bild ich am Vortag nicht bemerkt hatte, obwohl es auffallend nahe über dem buchenhölzernen Kopfbrett des alten Bettgestells hing. Maria Magdalena umfasste mitsamt seinen Beinen gleich auch die Vertikalstrebe des Kreuzes, rechts von ihr meinte ich die Muttergottes und links eine mir unbekannte Frau zu erkennen. In der rechten oberen Ecke drängten sich über dunkelgrau dräuenden Wolken drei dickliche Engel. Landbarock. Zwischen Bett und Fenster, vor dem nun der neue Tag aufzog, erkannte ich den quadratischen Tisch, dem fein säuberlich drei Sessel untergeschoben waren. Hier könnte ich arbeiten – wenn ich wollte, dachte ich.
Dann schleppte ich mich – man kennt das, der Kopf schwer vom letzten Traum, der nur noch als unkonkretes Gefühl im Körper steckt – ins kleine, mit den alten weißen Fliesen gekachelte Badezimmer und putzte mir die Zähne.
Als ich dann wieder am Bettrand saß, traf mich wie ein Blitz, dass ich nichts zu tun hatte. Ich war ja geflohen, und nur geflohen. Sicher, ich hatte Bücher dabei, sicher, ich hatte mein Notizheft, sicher, ich hatte Laptop und Drucker, sogar einen Packen A4-Papier, sicher, ich war wegen der Seuche in Heimarbeit und konnte jederzeit aus dem Funkloch fahren, um meine PR-Texte an die Agentur zu schicken, und würde weiterbezahlt. Aber die Werbekampagnen stockten, die Nachfrage war ob der Seuche zumindest mittelfristig eingebrochen.
Einmal mehr fiel mir das Motto der Verwalterin ein. »Man findet immer dort, wo man nicht sucht.« Vielleicht sollte ich das als Aufmunterung verstehen? Ich hatte ja noch nichts vom Schloss, nichts vom Dorf, nichts von der Gegend gesehen.
Nachdem ich beschlossen hatte, ein paar Sachen im Laden zu besorgen, zog ich Jeans, T-Shirt und Turnschuhe an und ging in den Frühstücksraum, dessen Eingangstür im Durchgang direkt gegenüber der schrägen Treppe im Westflügel lag. Auch sie musste man erklimmen, was ich zäh erledigte, denn immer noch schwallte mir der Kopf von den vergessenen Träumen.
Kampfer war ein mittelalter hagerer Mann, mittelgroß und mit langsamer Anmutung. Nachdem er mich knapp und weder freundlich noch unfreundlich gegrüßt hatte, wies er auf einen der fünf Tische in dem etwa acht mal acht Meter messenden Hochgewölbe, auf dem bereits Teller, Tasse und Besteck bereitlagen.
Kampfer brachte mir, nachdem ich mich hinter den etwas zu niedrigen Tisch gequetscht hatte, nicht ohne dabei mein wundes rechtes Knie am Tischbein zu stoßen, das von mir bestellte Kännchen Kaffee.
»Aus Wien?«, fragte er unvermittelt und ohne mir in die Augen zu blicken.
»Ja.«
»Geflohen?«
Ich stockte kurz. Wollte ich ihm nahekommen?
»Ja.«
»Allein?« Wieder drängte es mich in die Haltung des Angeklagten.
»Ja«, gab ich nach kurzem Zögern zu (er wusste es ohnehin).
»Gut geschlafen?«, fragte Kampfer weiter.
»Ja«, log ich, »aber die erste Nacht ist ja immer … besonders.«
Er nickte stumm und trollte sich hinter seinen Tresen.
Der Kaffee war natürlich dünn, ich hatte nichts anderes erwartet. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich den Hausdiener. Dasselbe wohlige Gefühl wie unter dem Wirtshaustisch, wenn die Debatte, die Anspannung und das Lachen der Erwachsenen in weite Ferne rücken, umgehend auch hier nachts auf der Rückbank des Autos, die Eltern vorne irgendetwas redend, und ich mit den Gedanken bei dem Mädchen, dem ich mich bereits viel näher fühlte, als ich es von ihnen gewohnt war.
Im Laden, das ich zu Fuß die Straße vom Schloss hinab erreicht hatte, befand sich kein Mensch außer dem Besitzer, der mich mit einem Nicken begrüßte.
Als ich mich mit dem Drahteinkaufskorb beim Brotregal, das im Übrigen eher schwach bestückt war, herumdrückte, bemerkte ich, dass er mich heimlich musterte. Er hatte den klassischen weißen Mantel für alle Zwecke an und trug kurzes, dicht gelocktes graues Haar.
»Kommt nur jeden dritten Tag frisch«, sprach er plötzlich lakonisch in meinen Rücken hinein. Ich drehte mich um.
»Das Brot!«, ergänzte er und blickte aufs entsprechende Regal vor mir.
»Aha, verstehe.«
»Sag ich nur«, setzte er fort, »weil die Leute aus der Stadt ja frischeres gewohnt sind.«
»Ich bin nicht sehr wählerisch«, log ich zurück und nahm ein Plastikpäckchen mit laschem Weißbrot aus dem Regal.
Natürlich hatte ich vor meiner Katastrophe wie fast alle Gleichaltrigen ein Interesse an Gourmetartikeln und teuren Gewürzen entdeckt. Ein Gourmet war ich aber nie geworden, der Nahrungsfetisch kümmerte mich nicht die Bohne, ich wollte nur dem Umfeld, wollte Constanze gefallen. Sicher, ich aß gerne, aber auf die Wissenschaft vom Geschmack gab ich keinen Cent. Wie bei so vielen, hatte mein Interesse keinen Ansatzpunkt mehr in der Familie gefunden, und obwohl ich, wie ich jetzt wusste, Halt brauchte, war es ausgerechnet ins Kulinarische abgeglitten.
»Die kochen nicht, oben im Schloss«, stellte der Mann im weißen Mantel fest.
»Ich weiß«, antwortete ich im Reflex, »und Gasthaus gibt es auch keins in Memersdorf.«
Er nickte.
»Seit drei Jahren nicht mehr«, informierte er mich, »es ist schon vor der Seuche pleitegegangen.«
»Zu wenig Leute im Dorf?«, fragte ich ehrlich neugierig.
»Zu wenig Alte«, gab er zurück, »und die Jungen kochen lieber selber.«
»Gut für sie«, sagte ich naseweis und sah, dass er missmutig die Augen zusammenkniff.
»Die meisten Jungen fahren am Samstag raus in die Bezirksstadt«, stellte er nüchtern und ohne Jammer fest. »Die zwei Supermärkte sind ein bisschen billiger und haben mehr Auswahl, als ich bieten kann. Edelfische, Asiazeug, exotische Gewürze.«
Ich nickte, ging den mittleren Regalgang entlang und begann, die Fischkonserven zu studieren. Vier Diamanten, Drei Sterne, MSC, Makrele, Sardine, Tomatensauce, Nuri, Rio Mare, John West, Delmaris, Mayflower. … Am liebsten hatte ich, in Wien, aber schon zuvor in Graz, die Makrelenfilets in pikanter Sauce gehabt.
»Wie viele von denen haben Sie?«, fragte ich den Ladenbesitzer und hielt eine Dose hoch.
»Genug«, meinte er.
»Ich bräuchte 22«, sagte ich, nachdem ich überschlagsmäßig meine Ration für die nächsten Tage errechnet hatte.
»Kein Problem«, gab er zurück und machte sich auf in den Rückraum seines Ladens.
Zum Brot packte ich Schokoladen, Kräutertee in Beuteln, Kaugummi, Kartoffelchips, Rotwein (kein Kühlschrank auf dem Zimmer), drei Gurken, Äpfel und Bananen in den Einkaufskorb, während der Ladenbesitzer mit den gewünschten Fischkonserven zurückkam und diese vor sich auf das Förderband an der Kassa legte.
Ich bezahlte und verabschiedete mich.
Dann trat ich ins Freie und die Sonne erwischte mich im Gesicht.
Die Sonne … orange … verschwindet … hinter der Felswand … rotblau … rockface … Höhlen … da hören die Vögel zu singen auf … unten im Dorf wartet die Kneipe … dein Bein über die Bettdecke gewunden … wir sind hier allein … nach dem Moped-Trip über die Insel … vorbei an der Müllkippe zum Kloster … alter (römischer?) Fliesenboden, Trompel‘Œil … Coca-Cola … rechts unter uns ein Strand mit ein, zwei Leuten darauf … auf der Rückfahrt an den anderen Strand runter … immer der Durst … August … deine Haut immer so … die Verwirrung ruht vom Rauschen des Bluts in den Schläfen … Liebe … die Zukunft kommt nicht, sie hat hier nichts zu tun … umgehend traurig.
Geblendet hielt ich kurz inne, um die Augen akkommodieren zu lassen.
Ich beschloss, halb aus Langeweile, halb aus Neugier, das Dorf entlang der Hauptstraße zu begehen. Gelb, grün, gelb, weiß, grün, rot, violett, grün, grün – alles in Pastell. Das waren die Schmalseiten der Häuser, wie sie die Hauptstraße entlang aufgereiht waren. Aber auch die Farben der Autos vor diesen Häusern strahlten in ähnlichen Schattierungen, bloß silbriger. Es waren kleinere Neuwagen, bloß ein einziger SUV, natürlich mit Wiener Kennzeichen.
Als ich an dem Haus vorbeispazierte, aus dem mich tags zuvor die Frau beobachtet hatte, bellte ein Hund mit seinem dumpfen Organ. Die Menschen sind ängstlich hier draußen, dachte ich spontan. Vielleicht glaubten sie, Fremde wie ich brächten die Seuche nach Memersdorf?
Aber wahrscheinlich hatten sie Angst vor sich selbst.
Bewegte sich da nicht wieder jemand hinter dem Vorhang?
Je ungebildeter, desto paranoider, dachte ich und wischte mein Unwohlsein fort.
Man kannte das ja noch vom Seuchenmanagement.
Das Gefühl, tatsächlich verantwortlich zu sein, als die beiden Bauarbeiter in der zwei Meter tief in den Flusskiesboden gebaggerten Künette von ihren Schaufeln weg zu mir aufblickten, weil ich sie, kaum neunzehn, anschnauzen musste, den Einschnitt mit einer Pölzung abzusichern, da dieser instabil war, wie ich von nur ein paar Stunden Darstellende Geometrie wusste, und umgehend die Wut, dass sie, obwohl sie viel älter waren als ich und wohl seit Jahren auf Baustellen schufteten, tatsächlich von einem Abiturienten abhängig waren, der als Ferienjob hier frühmorgens die Bauaufsicht schob.
Je ungebildeter, desto paranoider? Und ich?
Wieder oben auf dem Schlossberg angelangt, sah ich im Hof gleich Kampfer.
Aus meiner Entfernung schien er an den Topfpflanzen, die an der vormittäglichen Sonnenseite des Hofes entlang der Schwergewichtsmauer mit ihren großen Tontöpfen in Aufstellung gebracht worden waren, herumzuzupfen, doch als ich neugierig näher kam (schon machte sich die Einsamkeit bemerkbar! am zweiten Tag!), sah ich, dass er mit einem Handschaber oder Ähnlichem am Mauerverputz herumkratzte.
»Na? Wartungsarbeiten?«, fragte ich.
Kampfer schnaufte und spürte offenbar keinen Anlass, sich zu mir umzudrehen.
»Heißer Tag heute«, probierte ich es anders.
Ich fischte, kam mir vor, geradezu nach seiner Aufmerksamkeit.
Er aber schabte weiter, als bemerkte er mich nicht. Ob er so konzentriert war? Und wenn ja, warum? In der Wand zeichnete sich eine größere Ritze ab, die sich offenbar hinter dem Verputz versteckt hatte. Aber ist das nicht immer so bei so altem Gemäuer? Reparierte er etwas?
»Die Wasserleitung?«, fragte ich weiter.
»Weiß nicht«, antwortete er, ohne sich zu mir umzuwenden.
Wenigstens hatte ich das Eis gebrochen und ihn zum Reden gebracht.
»Ich muss mich heute noch eingewöhnen«, bekannte ich (der Angeklagte!), »da könnte ich Ihnen doch helfen.«
Kampfer hielt inne, wandte mir im Hocken sein Gesicht zu, wischte sich mit dem Ärmel der rechten Hand den Schweiß von der Stirn und atmete schwer durch. Ein Fremder, gerade angekommen und schon lästig – oder wenigstens auffällig. Typisch.
So dachte ich, glaube ich. Wider Erwarten lächelte Kampfer kurz.
»Wenn Sie möchten.«
»Reparieren Sie eine Leitung?«, fragte ich – meinem Gefühl nach zu neugierig. Warum rutschte ich hier oben im Schloss bloß in die Rolle des Untersuchungsrichters oder des Angeklagten?
»Ich habe eine große Fuge entdeckt«, gab er zögerlich zurück, »und hinter dieser Mauer ist im Plan nichts eingezeichnet.«
»Aha«, entgegnete ich, diesmal meinen investigativen Drang bewusst hemmend.
»Ich meine«, erklärte er, jetzt ohne mich anzusehen, »hinter dieser Mauer ist kein Zimmer verzeichnet, aber die Mauer kann laut dem übrigen Plan nicht dicker als einen Meter sein.« »Verstehe«, sagte ich, ohne zu verstehen.
Anscheinend gab es alte Pläne auf dem Schloss, und Pläne waren schließlich immer gut. Doch fertigte man früher überhaupt Pläne an, fragte ich mich. Oder hatte die Verwalterin einen Vermesser beauftragt?
»Ich mache jetzt Pause«, sagte Kampfer. »Kommen Sie um drei Uhr wieder, dann geht’s weiter.«
»Okay«, sagte ich erleichtert (warum?).
Es geht weiter, hatte Kampfer gesagt. Nicht wir machen weiter, aber auch nicht ich mache weiter. Es geht weiter. Das Schloss mutete gemeinschaftlich an, wie mir schien, und ich gehörte vielleicht bereits dazu.
»Aber ziehen Sie sich Sachen an, die dreckig werden dürfen«, wies mich der Hausdiener an, und wie ein braver Angeklagter, der seine Strafe durch wohlgefällig dressiertes Gehabe zu minimieren trachtet, nickte ich beflissen.
