Jenes Jahr - Gisela Stumm - E-Book

Jenes Jahr E-Book

Gisela Stumm

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Beschreibung

Ein Jahr, das Leben prägt Zwei junge Frauen treten ihr Diakonisches Jahr in einem Altenheim an. Zwischen Pflegealltag, Idealismus und Spannungen verliert sich eine von ihnen - bis zum totalen Absturz. Die andere findet den Mut, die Geschichte aufzuschreiben: über den Alltag in der Pflege, über Menschlichkeit und über einen außergewöhnlichen Heimleiter, der Wege öffnete, wo andere Grenzen sahen. "Jenes Jahr" ist weit mehr als eine Geschichte über ein Altenheim im Jahr 1962 - es ist ein Tatsachenbericht in Tagebuchform, mit der Intensität des Lebens und einem Hauch von Krimi. Und es ist ein Stück gelebte Zeitgeschichte, das angesichts gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen und mit Angeboten wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr aktueller ist denn je. Dieses Buch bewegt, macht nachdenklich und ermutigt hoffentlich einige junge Menschen, selbst ein Jahr ihres Lebens Pflege, Medizin oder Sozialem zu widmen.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

VORWORT

VOR JENEM JAHR

AUS DEM TAGEBUCH

NACH JENEM JAHR

DAS GROSSE WIEDERSEHEN

INFORMATION

KURZBIOGRAFIE

GISELA STUMM

DANKSAGUNGEN

Gewidmet

Friedrich Holst

und seiner Ehefrau Elisabeth

Zur Erinnerung an meine Großmütter

Maria Zierott und Maria Magdalena Antonia Kaiser

VORWORT

Reise in die Erinnerung

Die Alten

Es kann sein, dass wir im Rückblick auf unsere vergangenen Jahre Verknüpfungen der vielen Fäden entdecken, die unserem Leben Halt gegeben haben. Es kann sein, dass wir in einem Augenblick der Verklärtheit glauben, den Sinn in erfahrenen Höhen und erlittenen Tiefen zu erkennen.

Jene Momente können uns der Weisheit etwas näherbringen. Nachdenklich betrachten wir unsere Gegenwart und geben uns selbst das Versprechen, sie zukünftig bewusster zu leben, selbst im kleinsten Detail.

Die Generation unserer Eltern stirbt langsam aus. Wir sind es jetzt, die ihren Spuren folgen, wir, in den Augen unserer Kinder längst die Alten.

In besonderem Maße sorgen Fotos aus vorangegangener Zeit für die Beweise, dass wir von außen betrachtet nicht mehr die Jüngsten sind. Wissen und Unwissen, Weisheit und Naivität geben jedem von uns ein unverwechselbares, inneres Gesicht. Empfindlichkeiten kehren sich langsam um in Gelassenheit. Nur die Liebe und die damit verbundenen Emotionen erscheinen uns unverändert.

Schließlich macht uns der Rückblick auf die Vergangenheit bewusst, dass wir Alten uns von den Jüngeren unterscheiden durch ein besonderes Attribut: Es ist die erworbene Fähigkeit zum Reisen in die Erinnerungen.

Der Anrufer

Appetitanregende Düfte durchzogen das Haus. Eine festlich gedeckte Tafel und die mit dunkelroten Rosen gefüllte Vase verrieten eindeutig, dass hier jemand geliebt wurde und an diesem Tag geehrt werden sollte.

Mein Geburtstag, mein Fest, eine kleine Feier im engsten Familien- und Freundeskreis. Wie an solchen Tagen üblich hatte ich meine Gäste mit einem selbst gekochten und ausgefallenen Menü verwöhnt.

Zwischen Lachen und Atemholen plötzlich ein ‚Dideldideldim’. Das Telefon. Für einen Augenblick verstummte die fröhliche Gesellschaft.

»Ist da Gisela?« fragte ein Mann.

»Ja«, antwortete ich.

»Rat' mal, wer hier spricht?« Etwas Vertrautes lag im Tonfall dieser Stimme, die so klang, als sei sie in der Nähe der Waterkant beheimatet.

Kein Glückwunsch, also auch kein Gratulant, dachte ich und überlegte. Jemand, der mich duzte. Offensichtlich nicht mehr der Jüngste. Mit Sicherheit glaubte ich, keinen älteren Herrn aus dem Norden zu kennen, der mir derart vertraut war.

»Soll ich helfen?« fragte der Mann in die Stille hinein. Dann ein zitterndes Schnaufen. Ich merkte, wie er das Lachen unterdrückte.

Bevor ich antworten konnte, stellte er eine weitere Frage: »Was sagt dir das Lied: „Wie lieblich ist der Maien“?« In meinem Gedächtnis machte es ‚klick’.

»Herr Holst!« brüllte ich vor Freude in den Hörer hinein. Es war nicht zu fassen! Hier sprach jemand, von dem ich angenommen hatte, dass er seines Alters wegen längst nicht mehr am Leben sein konnte. Meine eigenen letzten Jahre glichen einer Ewigkeit! Und er, er hatte doch schon 1962 – als frisch gekürter Großvater – gute Reden geschwungen von seiner in Aussicht stehenden Pensionierung. Der Anrufer begann zu plaudern. Mir schien, als hätte sich die altvertraute Stimme in all den Jahren nicht verändert.

»Weißt du noch, dass du mir mal ein Lesezeichen gebastelt hast? Inzwischen ist es ganz abgegriffen. Immer, wenn ich auf der Rückseite deinen schönen Text lese, denke ich an unsere alten Zeiten zurück. Dieser Gruß hat mich beim Lesen über dreißig Jahre lang begleitet!«

Wir hatten uns längst aus den Augen verloren, Herr Holst und ich. Kein Wunder, denn inzwischen hatte ich geheiratet und mit meinem Mann und den zwei Kindern viele Jahre lang im Ausland gelebt.

»Wie haben Sie mich hier im Hessenland gefunden?« fragte ich neugierig den Mann, den ich als damals 21-Jährige in meiner schwärmerischen Art zu meinem Idol erklärt hatte, den ich seinerzeit wegen seiner gelebten Menschlichkeit zutiefst verehrt hatte.

»Ich wusste, dass du in Afrika warst, hatte aber leider keine Adresse. Als mir vor ein paar Tagen dein Lesezeichen in die Hände fiel, sagte die Mutti (so nannte er schon vor dreißig Jahren seine Frau), versuch’ doch mal, die Gisela zu finden. Über die Telefonauskunft geriet ich erstmal an deinen Bruder. Ich kannte ja nur deinen Geburtsnamen.«

Eine irrsinnige Freude hatte mich erfasst. Die weitere telefonische Unterhaltung glich einem kurzen Schlagabtausch mit dem Versprechen, sich zu schreiben und so bald wie möglich zu besuchen. Eines aber wollte ich vorher noch wissen. Wieso kam mir anfänglich die Assoziation Waterkant?

»Aber Mädchen«, sagte Herr Holst zu mir, der Frau, die inzwischen selbst ein halbes Jahrhundert alt war, »das weißt du nicht? Ich bin und bleibe ein alter Mecklenburger, auch wenn ich seit Jahrzehnten in Gifhorn, am südlichen Rand der Lüneburger Heide wohne.«

Das wusste ich nicht. Es schien mir, als hätten die Menschen von der Ostsee einen ähnlichen Klang in der Sprache, wie die von der Nordsee. Einen direkten Vergleich hatte ich nicht.

Herr Holst konnte natürlich nicht ahnen, dass sein Anruf mein schönstes Geburtstagsgeschenk war. Am liebsten hätte ich meine Gäste nach Hause geschickt und auf der Stelle nach meinem Tagebuch von damals gesucht. Aber hatte dieses Kleinod überhaupt die Wirren der letzten Zeit überlebt?

Erinnerungen zogen an mir vorbei. Es begann im April 1962. Vor mir lag ‚jenes Jahr’, das mein Leben prägen sollte, das sogenannte „Freiwillige Soziale Jahr“, damals „Diakonisches Jahr“ genannt. Für meinen Einsatz hatte ich die Arbeit in einem Altenheim gewählt. Herr Holst war der damalige Heimleiter gewesen. Warum hatte er mich nach all den Jahren nicht vergessen, obwohl es so viele Nachfolgerinnen gegeben hatte? Jenes Jahr war ein ganz besonderes, ein Jahr, wie er es nie zuvor, und ich glaube, auch nie wieder danach erlebt hatte.

»Suchet, so werdet ihr finden«, so steht es im Buch der Bücher (Matth. 7,7), ein Satz, den sich inzwischen der Volksmund zu eigen gemacht hat, Worte der Ermunterung, während man mit höchster Konzentration nach dem Verlorengegangenen forscht.

Ich fand sie tatsächlich, die drei kleinen, mit einem Schloss versehenen Tagebücher. Zehn Umzüge hatten sie überstanden. Seit drei Jahrzehnten lagen sie ungelesen zusammen mit Kinkerlitzchen aus meiner Jugendzeit in einer alten, leicht vor sich hin rostenden Blechkiste. Nur die Schlüssel der kleinen Bände blieben verschollen. Als ich überlegte, ob ich eine Schere zum Durchschneiden der Laschen oder lieber eine Kneifzange zum Öffnen der Schlösser nehmen sollte, riet mir eine innere Stimme zu einem anderen Versuch. Und siehe da, die Tagebücher waren gar nicht abgeschlossen. Als ich einen der Kunstlederbände aufschlug, fiel mir eine zusammengefaltete kleine Papiertüte entgegen. Neugierig sah ich hinein. Hier lagen sie vereint beieinander, die vermissten drei Schlüsselchen. Warum ich mich damals für diese Form der Aufbewahrung entschieden hatte, wusste ich nicht mehr.

Mit großer Spannung begann ich die in Schönschrift gesetzten Aufzeichnungen zu lesen. Sofort erinnerte ich mich wieder an die vergangene Zeit. Und noch während ich meine eigenen Worte verschlang, fragte ich mich: »Das soll ich geschrieben haben?« Ich war bewegt, in welcher Art und Weise ich als Einundzwanzigjährige Gedanken aufs Papier gebannt und damit versucht hatte, Emotionen zu verarbeiten.

Dabei wurde mir auch deutlich, dass sich meine Gefühle bis heute nicht wirklich verändert haben. Diese Wahrnehmung ermahnt mich, der Jugend mit noch mehr ernsthafter Aufmerksamkeit zu begegnen.

VOR JENEM JAHR

Wie ein Vogel vor seinem ersten Flug schüttelte ich am Nestrand mein Gefieder. Dann konzentrierte ich mich auf meine eigene Kraft.

Die Tür der Welt stand mir offen, und meine Möglichkeiten waren unbegrenzt, so dachte ich mit einundzwanzig, gerade volljährig geworden.

Ich hatte mich durchgerungen, meinen Job als Justizangestellte an den Nagel zu hängen, um für ein Jahr auf Probe mein Elternhaus zu verlassen, genauer gesagt, die Dreizimmerwohnung, in der ich mir mit meinen zwei jüngeren Brüdern einen Raum teilen musste. Ein Diakonisches Jahr in einem Altenheim sollte es werden, wie geschaffen für mich und meine Neigung zum sozialen Engagement. Zum ersten Mal hatte ich eine Entscheidung gegen den Willen meiner Eltern getroffen. Meinen früheren Berufswunsch, mich als Krankenschwester ausbilden zu lassen, hatten sie seinerzeit abgelehnt.

»Du bist körperlich viel zu schwach«, hatten sie gesagt, und das glaubten sie wirklich.

»Denk' mal an die letzten Jahre zurück! Warst du nicht selbst oft krank genug? Seit deiner Kindheit wird dir übel, wenn du Blut nur siehst! Und außerdem – willst du ein Leben lang anderen Leuten den Hintern abputzen?«

»Ich bin lernfähig und ein ganz normaler Durchschnittsmensch«, hatte ich danach geantwortet. »Mit meinen 58 Kilo bringe ich genug auf die Waage, und mit meiner Größe von 1,68 Meter übertreffe ich bei weitem Mutti und Oma, das wollen wir mal festhalten.«

Sogleich war ich erschrocken über meinen Mut zur Aufmüpfigkeit.

»Aber wenn der Wind weht, kippst du um!« Dieser Satz meines Vaters hatte meinen Berufswunsch unter den Tisch geblasen. Vielleicht hatte er ja Recht. Ich wollte es mir noch einmal überlegen.

Nach meiner kaufmännischen Schulausbildung war ich schließlich als Siebzehnjährige an einem Schreibtisch gelandet. Seit dieser Zeit arbeitete ich gelegentlich als ehrenamtliche Helferin in einem Krankenhaus in Lehrte. Bei jedem Einsatz schüttelten die Eltern verwundert den Kopf darüber.

Inzwischen war ich ein paar Jahre älter und innerlich stärker geworden, und meine übertriebene Furcht vor dem autoritären Vater war geringer geworden. Ich wusste: mit Eintritt der Volljährigkeit konnte ich ganz und gar selbstständig entscheiden, und ich wollte eine radikale Veränderung. Um den Eltern meinen Wunsch schmackhaft zu machen, warf ich ihnen einen Köder hin.

»Es handelt sich ja nur um eine einjährige Beurlaubung«, erklärte ich meinen vorläufigen Ausstieg. »Keine Angst! Mein Job ist nicht in Gefahr. Der Amtsgerichtsdirektor hat mir sein Wort gegeben. Danach will er sich sogar für meine Weiterschulung einsetzen. Er möchte mir gerne den mittleren Dienst ermöglichen.«

Diese Nachricht war natürlich genau das Richtige für meine Eltern. Trotzdem hatten sie Probleme, ihr ältestes Kind gehen zu lassen.

Insgeheim dachte ich gar nicht daran, nach meinem Einsatz zurückzukehren. Das hatte verschiedene Gründe.

Zu meiner liebsten Freizeitbeschäftigung gehörte das sogenannte ›gesellige Beisammensein‹. Vor allem die Treffen in unserer Jugendgruppe, das Singen im Chor und unser Theaterspiel bedeuteten mir viel.

In unserer Clique war ich stets ausgelassen und fröhlich. Aber es gab durchaus Zeiten, in denen ich emotionale Tiefs hatte: In Melancholie verkroch ich mich vor aller Welt und gab mich unter meiner Decke schön-traurigen Träumen hin. Als dauerhaft unglücklich Verliebte verzehrte ich mich in Sehnsucht nach Ronny, einem Schulkameraden. Und obwohl ich die Hoffnung auf Erfüllung meines Herzenswunsches längst begraben hatte, litt ich geduldig an dieser platonischen Liebe, viele Jahre lang. Es blieb mir ein Rätsel, warum ich niemals Eifersucht verspürte. Scheinbar selbstlos akzeptierte ich jedes Mädchen, mit dem mein Angebeteter gerade ging.

»Ich bin ja nur ein Durchschnittsmensch. Nichts Besonderes«, redete ich mir dann ein. »Ich bin es nicht wert, an seiner Seite zu leben, seine Nähe zu fühlen, ganz zu schweigen von anderen erotischen Fantasien.«

Bei gemeinsamen Aktivitäten begnügte ich mich mit seiner kameradschaftlichen Anwesenheit und dem damit verbundenen Gefühl meines bebenden Herzens; es kribbelte im Bauch, wenn ich nur seine Stimme hörte. Andere junge Männer, die sich ernsthaft um mich bemühten, hielten einem Vergleich mit dem Angebeteten einfach nicht stand. Gegenüber meinem fernen schönen Schmetterling waren die anderen nur unscheinbare Nachtfalter.

Sonderbarerweise hatte ein Teil meiner männlichen Jugendkreisfreunde mich zur Kummertante gekürt. Heimlich vertrauten sie mir ihre Sorgen an, beklagten sich über eine zickige Freundin und baten um Rat oder Vermittlung.

Mein eigenes Geheimnis trug ich, auch vor meinen Eltern, im Herzen fest verschlossen. Ich hatte Angst, ausgelacht zu werden. Wer nahm den Kummer eines jungen Menschen wirklich ernst? Erwachsene waren dafür bekannt, alles herunterzuspielen. Immer wieder musste ich mir die abgedroschene Phrase anhören, die mir schon zum Halse heraushing: »Du wirst sehen, eines Tages kommt schon der Richtige.«

Mit zwanzig Jahren hatte ich mir geschworen, meine lang gepflegte Verrücktheit zu beenden. Das Schaffen einer räumlichen Distanz schien mir ein vernünftiger erster Schritt zu sein.

Es gab noch andere Beweggründe für diese gewollte Veränderung. Ich brauchte Abstand vom Amtsgericht. Als ich während meiner Arbeit das erste Mal vom Missbrauch an Kindern erfuhr, hatte mein ‚heiles Weltbild’ einen großen Riss bekommen. Allein die gedankliche Beschäftigung mit Straftaten, Jugendkriminalität, und zwangsweiser Unterbringung von ‚durchgedrehten’ Kranken wurden zur seelischen Belastung für mich. Deshalb erhoffte ich mir nach dem einjährigen Ausstieg einen anderen Job.

Plötzlich war er da, dieser Augenblick, der erhoffte, lang ersehnte Start in die persönliche Freiheit, aber auch in die Selbstverantwortung.

Wie ein Jungvogel mit untrainierten Flügelschlägen, so verließ ich das vertraute Nest voller Zuversicht auf eine gute Zukunft.

AUS DEM TAGEBUCH

2. AprilAbnabeln

Heute ist es soweit. Endlich! Job und Alltagstrott ade. Eltern und Freunde auf Wiedersehen. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Luft knistert vor Spannung.

In den Startlöchern lauern die Selbständigkeit und die erträumte, große Freiheit. »Mama, kann ich ...? Papa, darf ich ...?« Das ist jetzt vorbei. Meine Entscheidungen treffe ich in Zukunft allein. Dieser einjährige Ausstieg soll der Anfang sein.

Diakonisches Jahr, so heißt der Aussteiger der evangelischen Kirche. Wie das klingt! Irgendwie so heilig. Aber ich bin keine Heilige, will auch gar keine sein. Andererseits, ein Jahr meines Lebens zu investieren für Menschen, die andere brauchen, das finde ich gut. Zur Auswahl stehen Krankenhaus, Altenheim, Kinderheim oder Einrichtungen für Behinderte. Eine Entscheidung fällt mir schwer.

Im Krankenhaus, da weiß ich ungefähr, was auf mich zukommt. Als Wochenendhelferin unseres kleinen Jugendgruppen-Teams kenne ich mich gut aus. War manchmal ganz schön anstrengend, das Rennen durch die langen Flure, das viele Hin- und Herlaufen von einem Zimmer zum anderen.

Vielleicht gehe ich in ein Altenheim. Hier stelle ich mir die Arbeit gemütlicher vor. Ich liebe alte Menschen. Wenn ich mit meinen Eltern oder meinen Freundinnen spazieren gehe, dann blicke ich nicht verzückt in einen Kinderwagen, sondern stattdessen auf das gütige Gesicht einer alten Frau und sage: »Schaut mal, was für eine liebe Oma!«

Heute beginnt der zehntägige Einführungskurs in der Ausbildungsstätte Lutherheim in Springe (Deister), in der Nähe von Hameln. Auf diese Zeit bin ich richtig gespannt. Für Informationen und Vorträge sollen ein paar wichtige Persönlichkeiten eingeladen worden sein.

Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft fleißig Tagebuch zu schreiben, will meinen Gefühlen Worte geben, besondere Erlebnisse festhalten. Dass es welche geben wird, davon bin ich fest überzeugt. Ich stelle mir vor, wie ich nach Feierabend allein in meinem Zimmer sitze und bei Klängen aus meinem alten Transistorradio den Schreibstift über das Papier flitzen lasse. (Während der Schulzeit gehörte das Schreiben von ellenlangen Aufsätzen zu meiner Lieblingsbeschäftigung, und wer von mir einen Brief bekommt, muss es sich beim Lesen bequem machen, sonst steht er sich die Beine in den Bauch!)

Es ist früh am Morgen. Ein letztes Gebet im vertrauten, uralten Eisenbett – von Oma geerbt. Sich einkuscheln unter einem Berg von Federn: im Nest der Geborgenheit mit allen Sinnen die Wärme spüren, bald ist das vorbei. Abschied. Habe großes Vertrauen gelegt in die Zukunft.

Der Lehrgang

Kurze Zusammenfassung vom 2. bis 12. April 1962. Teilnehmer: Vierundzwanzig weibliche und zwei männliche Personen.

Fast jeder aus unserer Gruppe hat irgendwelche anderen Motive für den Einstieg in ein Diakonisches Jahr. Manche suchen nur einen Übergang zum Berufswechsel, andere warten auf einen Studienplatz. Die meisten aber haben ihre Arbeitsstelle aufgegeben, um sich mit ihrem Engagement ein Jahr lang an einer Stelle einzusetzen, wo Hilfe wirklich nötig gebraucht wird, und das alles für ein Taschengeld von sechzig Mark im Monat, einschließlich Unterkunft und Verpflegung. Das geringe Bargeld ist natürlich ein großer Unterschied zu früher, und wir alle werden größere persönliche Wünsche ein Jahr lang zurückstellen müssen.

Ich will mich nicht näher aufhalten mit Berichten über diese zehn Tage. Sie waren eine Mischung aus Unterricht und Freizeit, vielen guten Informationen und sehr interessanten Vorträgen.

Zur Erinnerung hier die Namen unserer Gäste:

Frau Böhme, Hauptfürsorgerin, Hannover;

Pastor Maltusch, Leiter der Inneren Mission, Lutherhaus Hannover;

Landesjugendpastor Renner, Landesjugendpfarramt Hannover;

Pastor Weber, Präsident der Inneren Mission und des Ev. Hilfswerkes, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ‚Diakonisches Jahr’, aus dem Henriettenstift Hannover;

Landessuperintendent Schulze, Hannover;

Schwester Auguste, Gemeindeschwester, Paulusgemeinde Hannover;

Schwester Agnes Donadies, Johanniterschwester im Johanniterkrankenhaus, Gronau;

Diakon Schink, Landesjugendpfarramt Hannover, als Betreuer unserer beiden männlichen Teilnehmer;

Frau Müller, Landesjugendpfarramt Hannover, war zuständig für Vorträge, Basteln und Singen.

Im Mittelpunkt stand die pädagogische Leiterin und Beauftragte für die Durchführung des Diakonischen Jahres, Frau Margret Deutelmoser. Sie wird das ganze Jahr über unsere Ansprechpartnerin bleiben.

Besuch der Rotenburger Anstalten

Während dieser Vorbereitungstage besuchten wir auch die größte psychiatrische Einrichtung in Niedersachsen, die Rotenburger Anstalten. Das, was ich dort erlebte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Allein der Anblick eines geistig Behinderten fiel einigen von uns sehr schwer. Diesen kranken Menschen standhaft ins Gesicht zu sehen, hatte die meisten von uns große Überwindung gekostet. Das erfuhren wir in einer späteren Diskussion voneinander. Kenner aus Theorie und Praxis meinten jedoch, man gewöhne sich daran, das gehöre zum Alltag, später sei alles normal.

Ein freundlicher Mitarbeiter führte uns durch die große Anlage mit ihren vielen Häusern. Er ließ sich von einigen herumwandernden Heimbewohnern, die grunzend und mit fratzenhaft verzogenen Mundwinkeln auf ihn zukamen, betatschen, er nannte alle beim Namen, machte seine Späßchen, worüber sie aus vollem Herzen lachten, bat sie freundlich, sich wieder ihrer betreuten Spaziergruppe anzuschließen, und sie gehorchten ihm aufs Wort.

»Sie können richtig fröhlich sein, unsere kindlich wirkenden Heimbewohner«, sagte er. Während er uns durch die Anlage führte, erzählte er uns etwas über das eine oder andere Schicksal, aber auch von positiven Veränderungen.

»Jede körperliche und geistige Entwicklung unserer Kranken, und sei sie noch so klein, ist für sie selbst ein großer Schritt und für uns ein halbes Weltwunder.«

»Wie können Sie das alles verkraften, ich meine, unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen zu leben«, fragte ich ihn.

»Wir leben hier in einer guten Gemeinschaft«, antwortete er. »Die Arbeit ist zwar nicht leicht, aber sie macht Freude. Hier spürt man mit allen Sinnen, wie sehr jeder von uns gebraucht wird.«

Nach einer Pause sagte unser Begleiter mit ernster Miene: »Aber Sie sollen ebenso besonders traurige Seiten der Anstalt kennen lernen. Bevor sich jemand von Ihnen für eine Arbeit bei uns entscheidet, müssen wir Sie auch darüber informieren. Diese geschlossene Einrichtung, in die wir jetzt gehen werden, ist normalerweise für Besucher tabu.«

Mit gemischten Gefühlen betraten wir ein Haus, das etwas abseits lag. Schweigend blickten wir durch eine offenstehende Tür in einen schwach erleuchteten Raum. Hier standen vier Eisenbettchen, und in jedem lag ein Kind mit abgespreizten Armen. Wie gekreuzigt, dachte ich. Mit Schrecken sah ich, dass die Händchen an den Gitterstäben festgebunden waren. Die starren Blicke der Kinder schienen die Zimmerdecke zu durchbohren. Nachdem uns das erste Kind bemerkt hatte, drehte es ruckartig seinen Kopf in unsere Richtung. Dabei verzerrte sich sein Gesicht und mit gefletschten Zähnen starrte es uns an wie ein wildes Tier, und dann plötzlich ein Brüllen, das mir durch Mark und Bein ging.

»Das sind sehr kranke und besonders bedauernswerte Wesen«, sagte der Pfleger. »Diese Kinder, sowie etliche andere, sind voller Aggressivität, zerfetzen, was sie zwischen die Finger bekommen und zerkratzen sich selbst bis zur Unkenntlichkeit. Zur Bändigung ihrer krankhaften Unruhe müssen sie neben ihrer medikamentösen Behandlung leider auch fixiert werden.«

Mit einladender Handbewegung bat er uns, in den benachbarten Raum einzutreten. »Aber bitte nicht erschrecken!« warnte er.

Auch hier standen vier kleine Gitterbetten. Unser Begleiter machte uns auf die zwei mittleren aufmerksam, die eng aneinandergeschoben waren. Unsere Gruppe verstummte.

Ich dachte, mein Herz bliebe stehen, als ich die beiden vor uns liegenden Kinder sah. Sie hatten riesengroße Wasserköpfe. Über den normal proportionierten, überaus hübschen Gesichtern wölbte sich eine Stirn von etwa dreißig Zentimetern Höhe. Unfassbar!

»Das sind unsere Lieblinge«, sagte der Pfleger und lächelte. »Sobald die kleinen Jungen morgens wach werden, geht eines ihrer Händchen auf Wanderschaft in Richtung Nachbarbett. Wenn eins das des anderen gefunden hat, halten sie sich gegenseitig fest, den ganzen Tag lang! Deshalb haben wir die Betten auch so dicht zusammengeschoben.«

Zärtlich streichelte der Mann die Wangen seiner kleinen Schützlinge. Das zauberhafte Lächeln dieser Kinder erschütterte mich, und ich musste mit den Tränen kämpfen. Warum nur, warum so ein Schicksal? So eine Grausamkeit der Natur! Für wen sollte das gut sein?

»Ein Kind ist vier, das andere fünf Jahre alt«, sagte der Pfleger. »Damit haben beide bereits ein sehr hohes Lebensalter erreicht. Sie werden bald sterben. Um ehrlich zu sein, ich denke, es ist das Beste für sie. Aber eines weiß ich bereits heute. Diese beiden Kleinen werden wir mit Sicherheit sehr vermissen.«

Fünf aus unserer Gruppe entschlossen sich spontan für eine Aufgabe in den Rotenburger Anstalten. Ich bewunderte ihren Mut.

Ein ungleiches Paar

Während der Vorbereitungstage wohnte ich zusammen mit Ruth unter dem Dach des Lutherheimes in einem liebevoll eingerichteten Zimmer, das zu Recht den Namen ›Schwalbennest‹ trug. Da es zum System gehörte, mindestens zu zweit an einem Einsatzort zu arbeiten, einigten wir uns, gemeinsam in dasselbe Altersheim zu gehen. Wir hatten sofort Freundschaft geschlossen. Leider sollte unser Wunsch nicht in Erfüllung gehen.

Unter uns gab es eine Außenseiterin mit Namen Gerda. Ihr burschikoses Verhalten und ihre ungewöhnliche Schnoddrigkeit konnten wir nicht ausstehen. Insgeheim ließen wir sie links liegen. Für alle war sie nur ›der Knilch‹. Mir fiel auf, dass sich Frau Deutelmoser um dieses Mädchen besonders bemühte. Ihr Werben um Sympathie für Gerda blieb jedoch erfolglos.

Kurz vor Ende des Lehrgangs kam unsere Leiterin auf mich zu.

»Sicher haben Sie sich längst Gedanken darüber gemacht, mit wem Sie an Ihren Einsatzort gehen wollen.«

Ich nickte. Sie machte eine kleine Pause, dann fuhr sie fort: »Ich habe ein großes Anliegen. Ich möchte Ihnen Gerda anvertrauen.«

Ich war wie erschlagen. Nein, dazu kann sie mich doch nicht zwingen, dachte ich.

»Gerda, der Knilch, wie ihr sie nennt, bittet, ihr eine Chance zu geben, eine letzte, wie sie sich ausdrückt. Sie will versuchen, ihr verkorkstes Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie hat mir einiges erzählt, das ich ihr glauben will: Ein Leben lang ist sie überall das schwarze Schaf gewesen. Bereits als Kleinkind hat ihr die Mutter eingehämmert: ›Das kannst du nicht. Du bist zu blöd dazu.‹

Schließlich hätte sie es selbst geglaubt. Nicht nur ihre Geschwister hätten sie gehänselt, sondern auch in der Schule hätte man sie als dumm verspottet. Aber sie sei nicht dumm, sondern nur faul gewesen. Schließlich habe sie die Schule ohne Abschluss verlassen und sich einen Job als Arbeiterin in einer Alkoholfabrik gesucht. Alkoholvergiftungen seien dort keine Ausnahme gewesen. Gesoffen hätten da alle, wie Gerda sich ausdrückte.«

Ich hatte meinen Kopf in die Hand gestützt und blickte zu Boden. Meine Gefühle schwankten zwischen Mitleid und Abscheu. Saufen, und das als junges Mädchen? Ich konnte es nicht begreifen. Und jetzt ein Diakonisches Jahr? Vielleicht als Sühne oder Selbstkasteiung? Und was hatte ausgerechnet ich damit zu tun?

Frau Deutelmoser fuhr fort: »Gerda sagte: ›Bei der letzten Alkoholvergiftung bin ich dem Tod von der Schippe gehopst. Da habe ich wie eine Ertrinkende nach dem letzten Strohhalm gegriffen, bin zum Blaukreuz gegangen und der Jugendgruppe beigetreten‹.«

»Was ist denn das für ein Verein?« fragte ich neugierig.

»Das ist eine pietistische Gemeinschaft, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Alkoholikern zu helfen.«

»Und? Ist Gerda jetzt wenigstens trocken?« fragte ich etwas forsch.

»Anfangs ja, wie sie behauptete. Später habe es einen Zwischenfall gegeben, den sie mir nicht näher erklärt hat. Die Jesusfreunde, sagte sie, hätten sie danach fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel und sie als einen hoffnungslosen Fall bezeichnet.«

»Und dann war wieder alles beim Alten, oder? Nun hat sie erneut geschworen, sich zu ändern, stimmt's?«

»So ähnlich. Jetzt will sie endgültig beweisen, dass mehr in ihr steckt als andere glauben. Vielleicht ist es auch so eine Art Trotzreaktion. Ich denke, wir sollten ihr eine Chance geben!« Damit endete das Plädoyer für Gerda.

Betroffen schaute ich in eine Ecke. Auch die Einsatzleiterin schwieg. Sicher wartete sie auf meine Reaktion, auf irgendein Wort, ein Wort des Mitgefühls vielleicht.

»Ich bedauere Gerda, ja. Aber was habe ich damit zu tun? Weshalb soll ich darunter leiden? Warum soll gerade ich mit ihr ein ganzes Jahr lang zusammen sein?« fragte ich verzweifelt. »Warum nicht eine andere von uns?«

»Ich sprach von anvertrauen«, sagte Frau Deutelmoser. »Ich denke, nicht jede von Ihnen hat diese Kraft.«

Natürlich schmeichelte mir das, konnte mich aber nicht wirklich trösten. Da warf mir unsere Leiterin ein weiteres Bonbon zu.

»Ich habe Ihnen aus dem Bereich unserer Landeskirche den besten Heimvater ausgesucht, den ich kenne. Er leitet das Christinenstift in Gifhorn, ist Diakon und heißt Friedrich Holst. Er ist bereits informiert und hat sich einverstanden erklärt, Sie beide unter seine Fittiche zu nehmen.«

Also bereits abgemachte Sache! Und das hinter meinem Rücken! So eine Gemeinheit! Meine Entrüstung kannte keine Grenzen.

»Schlafen Sie mal drüber«, sagte Frau Deutelmoser. »Und morgen sagen Sie mir, wie Sie sich entschieden haben. Und bitte betrachten Sie unsere Unterhaltung als vertraulich.«

»Schweigen gehörte früher zu meiner dienstlichen Verpflichtung. Sie können sich auf mich verlassen«, sagte ich und reichte ihr zum Abschied die Hand. Fluchtartig verließ ich den Raum.

Wie ein geprügelter Hund rannte ich hinaus in den Garten. Jetzt konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Meine Enttäuschung war zu groß. Durch die drohende Doppelbelastung hatte meine Vorfreude einen starken Dämpfer bekommen. Ich hatte das Gefühl, als müsste ich mich auf einen Kampf mit dem Riesen Goliath einlassen. Ich hatte plötzlich Angst, dass meine Kraft nicht ausreichen würde. Aber bald plagten mich Gewissensbisse. Im Gebet suchte ich nach einer Entscheidungshilfe.

Schließlich nahm ich die Herausforderung an, als Schicksal oder gottgewollt, ich wusste es nicht. Vielleicht hatte ich durch meine Zusage ja einen Trumpf im Ärmel und wusste es nur noch nicht. Gleichzeitig wuchs meine Erwartung auf den erwähnten Heimleiter.

Am letzten Tag erhielten wir unsere Dienstkleidung in zweifacher Ausfertigung: weiße Bluse, blauweiß karierter Trägerrock und eine gestärkte weiße Schürze. Die Bekleidung glich einer Schwesterntracht ohne Haube.

13. AprilDie Ankunft

Auf unserer Fahrt mit der Eisenbahn hatte sich Gerda von ihrer besten Seite gezeigt. Wir würden uns aneinander gewöhnen, dachte ich.

Einmal sagte sie: »Gisela, du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass ich gerade mit dir zusammen sein darf.«

»Ich hoffe, dass du das eines Tages nicht bereuen wirst«, sagte ich. Etwas anderes war mir nicht eingefallen. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Magen. Sollte ich ihr meine Enttäuschung zeigen? Nein. Das wäre ein schlechter Anfang.

»Nach dem Besuch in den Rotenburger Anstalten war ich richtig zusammen geknackst«, erzählte Gerda. »Hast du das gemerkt?«

Ich schüttelte den Kopf. Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie: »Da wär' ich nicht hingegangen. Hätten die mich gezwungen, hätte ich alles hingeschmissen.«

»Niemand kann uns Vorschriften machen. Schließlich sind wir Freiwillige. Ich denke, wir beide können zufrieden sein. Frau Deutelmoser meinte, sie hätte uns einen sehr guten Arbeitsplatz ausgesucht.«

»Was ist das eigentlich für ein Haus, das Christinenstift« fragte Gerda. »Ist das wirklich nur ein Altenheim?«

»Ja, ein Heim für ungefähr 75 alte Menschen, in der Hauptsache für gesunde und noch selbstständige. Es soll aber auch eine kleine Abteilung für Pflegebedürftige geben.«

»Aber Frau Deutelmoser hat doch gesagt, dass es zu den Kästorfer Anstalten gehört! Sind auf dem Gelände etwa Behinderte so wie in Rotenburg?« fragte Gerda etwas verunsichert.

»So wie ich sie verstanden habe, sind die Kästorfer Anstalten diakonische Heime, die in einem Dorf außerhalb, aber ganz in der Nähe von Gifhorn liegen«, antwortete ich und versuchte mich zu erinnern, was unsere Einsatzleiterin erklärt hatte. »Hier soll es verschiedene Häuser geben, zum Beispiel für Suchtkranke, für schwer erziehbare Jugendliche und für so genannte ‚Brüder der Landstraße’«

»Ob die Penner da wie im Knast leben?« fragte Gerda unverblümt.

»Ich stell' mir vor, es sind Menschen, die sich vom Herumlungern freiwillig verabschiedet haben. Soviel ich weiß, gehört zu dieser Einrichtung auch ein großer landwirtschaftlicher Betrieb. Die Leute in den Heimen müssen ja schließlich ernährt werden. Sicherlich werden viele Anstaltsbewohner auf den Feldern und in den Ställen beschäftigt sein. Aber es soll auch etliche Werkstätten geben. Wenn ich mich recht erinnere, bekommen sie auch kleine Aufträge vom VW-Werk in Wolfsburg.«

»Und was hat jetzt das Gifhorner Christinenstift mit den Kästorfer Anstalten zu tun?« wollte Gerda endlich wissen.

»Ich vermute, dass dieses Heim von Kästorf aus nur verwaltet wird. Aber so genau weiß ich das auch nicht.« Damit hatte sich für mich das Thema erschöpft. Für den Rest der Fahrt dösten wir vor uns hin. Spannend wurde es erst, als unser Zug im Gifhorner Bahnhof einfuhr.

Auf dem Bahnsteig kam ein Ehepaar zielstrebig auf uns zu: zwei sympathische Menschen, die uns begrüßten, als seien wir alte Bekannte und sich mit dem Namen Holst vorstellten. Während wir in ihrem Pkw durch die gemütliche Stadt Gifhorn fuhren, stellte sich bei mir ein heimatliches Gefühl ein: Die zahlreichen Fachwerkhäuser erinnerten mich sehr an meinen eigenen Wohnort Burgdorf, eine kleine Kreisstadt in der Nähe von Hannover.

Das Altersheim Christinenstift, Lüneburger Straße 28, lag am Rande des Ortes auf einem großen Gelände mit altem Baumbestand. Das T-förmige Backsteingebäude, letztes Zuhause für 75 Heimbewohner, wurde umschlossen von einer aufgelockerten Gartenanlage.

Während wir den Weg entlang der bunten Blumenbeete gingen, kam eine freundliche Dame mit streng zurückgekämmten grauen Haaren auf uns zu. Sie begrüßte uns mit einem »Herzlich willkommen!«

Herr Holst stellte vor: »Das ist Frau Honig, der gute Geist im Hause, sozusagen meine rechte Hand, Ansprechpartnerin für Heimbewohner und Personal.«

Frau Deutelmoser hatte nicht übertrieben. Nicht nur die Liebenswürdigkeit der Heimleitung, sondern die ganze Atmosphäre dieser Anlage zog uns sofort in ihren Bann.

An einer Ecke des großen Grundstücks trafen zwei Bundesstraßen aufeinander. Nahe dieser Kreuzung lag ein freistehendes altes Haus. In der unteren Etage wohnte Familie Holst mit ihrer zehnjährigen Tochter Elisabeth. Margret, die älteste, war bereits verheiratet und Mutter eines Kindes. In der oberen Etage wohnen die Hausmädchen. Gerda und ich bekamen ein gemeinsames Zimmer an der Stirnseite des Gebäudes zugeteilt. Vorbei mein Traum vom eigenen Zimmer.

»Du darfst dir ein Bett aussuchen«, sagte Gerda großzügig. Gut gelaunt breiteten wir unsere mitgeschleppten Sachen aus. Unsere sicher verpackten Gitarren hatten wir vorerst an eine Wand gelehnt.

»Wir sind zwar ein ungleiches Paar, haben aber dasselbe Hobby«, sagte ich. »Und beide können wir nicht mehr als nur Akkorde anreißen. Aber zur Begleitung unserer Lieder wird das reichen.«

Mit einem Mal verspürte ich große Lust, mein Musikinstrument in den Arm zu nehmen. Ich musste an Ronny, meine unglückliche Liebe, denken. Er war es, der mir vor Jahren die ersten Griffe beigebracht hatte, damals, in unserem großen Hausflur auf der kalten Kellertreppe. Ich habe ein Erinnerungsfoto gemacht. Auf diesem Bild hat er große Ähnlichkeit mit Elvis Presley.

Gerda unterbrach meine Gedanken. »Ich hab' ein bisschen Bammel vor morgen«, sagte sie.

»Ich nicht. Vielleicht hängt das mit meinem Krankenhausdienst zusammen. Hier wird es sicher ähnlich sein. Du wirst sehen, bald geht es dir genauso wie mir.«

Nach einem Rundgang im Hause und dem Abendessen hatten wir uns in unser Zimmer zurückgezogen, denn wir wollten früh zu Bett gehen.

Mit prüfendem Blick stellte ich fest, dass Gerda auf einem kleinen Wandregal neben ihrem Wecker und der Taschenlampe ein paar geheimnisvolle Schachteln gestapelt hatte. Nun holte sie diese herunter.

»Ich pack' jetzt meine wichtigsten Sachen aus. Die krieg'n jeden Abend den gleichen Platz da unten neben meinem Bett«, sagte sie. »Gisela, aber bitte nicht erschrecken!« Gerda sah mich an wie ein treuer Hund.

Auf den Fußboden, nahe am Kopfende ihres Bettes, stellte sie ihre Taschenlampe, daneben legte sie eine abgegriffene Bibel. Was soll das, dachte ich, will sie etwa in der Nacht fromme Sprüche lesen? Als sie ein längliches Lederetui in die Hand nahm, bekam sie einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Und dann sah ich, wie die breite Klinge eines Fahrtenmessers aufblitzte. Vorsichtig legte sie es auf die Holzdielen, direkt neben ihre Bibel.

»Alle Achtung! Da kann mein kleines Taschenmesser nicht mithalten«, stellte ich fest. »Wozu brauchst du das Ding in der Nacht?« fragte ich amüsiert.

»Wart's ab!« meinte sie ungeduldig. »Und jetzt kommt die Hauptsache!« Vorsichtig öffnete sie den Deckel einer Zigarrenkiste. Dann kniff sie die Augen zusammen, so, als wollte sie ein Ziel anpeilen. Ihr Gesicht wurde ganz fremd. Plötzlich schnellte ihre Hand in meine Richtung. Mir fiel das Herz in die Hose. Wie hypnotisiert starrte ich in die Mündung einer schwarzen Pistole.

»Ist nur 'ne Schreckschusspistole«, sagte Gerda. »Keine Angst! Noch ist sie nicht geladen.«

Merkwürdig lächelnd zog sie den Arm zurück. Dann ein leises Klicken. Vorsichtig legte sie die Pistole neben ihr Fahrtenmesser.

»Alles griffbereit. Nur zur Sicherheit!«

Mir fehlten die Worte. Noch nie hatte ich eine solche Waffe aus der Nähe gesehen. Mich beschlich eine eigenartige Angst. Gleichzeitig war mir, als hätte mir jemand mit der Faust in den Magen geschlagen.

»Was soll der Quatsch?« fragte ich entsetzt. »Die Knarre sieht ja aus wie echt!«

»Soll sie ja! Aber ... ich warne dich! Du darfst mich nicht anpacken in der Nacht! Auf keinen Fall! Im Halbschlaf greif’ ich als erstes zur Pistole! Man kann ja nie wissen. Ich hab' gehört, hier soll's so komische Männer geben.«

Mir lief es eiskalt über den Rücken. Ich hatte ja gleich geahnt, dass die Sache mit Gerda einen Pferdefuß haben würde. Diese verrückte Person sollte also ein Jahr lang meine Partnerin sein? Die war ja kranker als ich gedacht hatte. Wie sollte ich das nur durchstehen? Am Ende müsste nicht nur sie, sondern auch ich zum Psychiater.

Gerda bat mich, den anderen von ihren ‚Schätzen’ nichts zu verraten. Eingeschüchtert gab ich ihr mein Wort. Insgeheim aber dachte ich: »Nur unter Vorbehalt.«

Mit großer Lautstärke dudelte Schlagermusik durch die Wand des Nachbarzimmers. Draußen auf der Straße, dicht neben unserem Haus, rauschte ein Fahrzeug nach dem anderen vorbei. Ich wunderte mich darüber, wie viele Autos in dieser Nacht gleichzeitig unterwegs waren.

Zum Einschlafen verstopfte Gerda ihre Gehörgänge mit Ohropax. »Das Zeug hab' ich immer und überall dabei«, sagte sie, »ohne kann ich nicht schlafen.«

Ich war todmüde. Alpträume quälten mich in der Nacht.

14. AprilDer erste Arbeitstag

Jetzt am Abend habe ich das Gefühl, als hätten wir nicht viel getan. Müde sind wir trotzdem. Sicher liegt das an dem ungewohnten Hin- und Herlaufen auf den Stationen. Hinzu kommen all die neuen Eindrücke, die fremde Umgebung, die vielen Menschen. Die meisten von ihnen machen einen gesunden Eindruck. Sie sind einfach nur alt. Aber die Hilfsbedürftigkeit der Kranken und Siechen auf der Pflegestation berührt unser Herz.

Ein Teil meiner Aufgaben heute bestand darin, das Zimmer einer gestern verstorbenen alten Dame zu räumen. Ich sollte die Schränke, Schubladen und Kisten ausleeren und beim Sortieren aller Sachen nach Wertgegenständen suchen.

Das also ist der Nachlass, dieses kleine Hab und Gut eines Menschen, von dem er sich verabschiedet hat. Viel hat er nicht gebraucht am Ende seiner Tage. Wie unwichtig mir mit einem Mal alles Irdische erscheint.

»Das letzte Hemd hat keine Taschen«, so drückt es humorvoll der Volksmund aus. Und in der Bibel steht irgendwo der Satz: »Wir sind nur Gast auf Erden.« Ich glaube, wenn jeder von uns diese Worte ernst nehmen könnte, wir würden uns das Leben nicht so schwer machen.

Da ich die verstorbene alte Dame nicht kannte, empfinde ich keine persönliche Trauer. Aber ich spüre, wie sich in mir eine leise Ahnung davon breit macht, dass sich mein Leben in den nächsten zwölf Monaten umkrempeln wird. Ich habe mir vorgenommen, diese Veränderung mutig zuzulassen. Bisher habe ich noch keinen Menschen sterben sehen. Leichen kenne ich nur aus dem Kino.

Nach Abschluss meiner Inspektion reinigte ich alle Gegenstände gründlich und desinfizierte sie. Das Wachsen und Bohnern des Bodens gaben dem Raum den Geruch des Alltags zurück, frisch und sauber.

Auf der kleinen Station, die mir als Arbeitsgebiet zugeteilt wurde, gibt es ein Einzel- und sechs Doppelzimmer. Zwei werden von Ehepaaren bewohnt, miteinander vertraute Menschen, die gemeinsam alt werden dürfen.

Bei dieser Abteilung spricht man von einer ‚leichten’ Pflegestation. Für mich heißt das, zur Hand gehen beim Waschen und Anziehen, aber auch bei Bedarf einfach da zu sein. Rein pflegerische und behandelnde Tätigkeiten auf dieser Station übernimmt in der Regel die leitende Krankenschwester Maria.

Einige unserer Stationsbewohner, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr gemeinsam mit den anderen im Speisesaal essen können, nehmen die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein. Alle Speisen werden in der Großküche im Kellergeschoss zubereitet und von uns mit Hilfe eines kleinen handbetriebenen Aufzugs nach oben in unsere Stationsküche gezogen. Von hier aus tragen wir das Essen in den Saal oder verteilen die einzelnen Mahlzeiten auf unserer Station. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen es genießen, sich von uns bedienen zu lassen. Frühstück und Abendessen stellen wir für unsere Station nach individuellen Wünschen zusammen.

Die nette kleine Edith, eine Polin, und ich haben die Arbeit auf unserer Station untereinander aufgeteilt. Jede von uns hat also immer dieselben Leute zu betreuen. Dazu gehört auch das Säubern ihrer Räume, einschließlich der Fenster. Zusätzlich reinigt eine von uns das Stationsbad und die Toiletten, die andere bearbeitet täglich den langen Flur mit einem Bohner. Das ist ein filzbespanntes, wirklich schweres Ding aus Eisen, das an einem langen Stiel mit Kugelgelenk hin und her geschoben wird. Zurzeit gehört das zu meinen Aufgaben. Ich bin gespannt, ob es mir gelingen wird, im Laufe des Jahres an eine elektrische Bohnermaschine heranzukommen.

Die meisten der rüstigen, insgesamt etwa fünfundvierzig Altenheimbewohner, die hier ihren Lebensabend verbringen, leben über zwei Etagen verteilt in einem der zahlreichen Einzelzimmer gemütlich zwischen ihren eigenen Möbeln. Hier liegt Gerdas Arbeitsgebiet. Sie räumt auf, reinigt die Zimmer, vermittelt Wünsche, teilt besondere Auffälligkeiten mit. Die pflegerische und medizinische Verantwortung auch für diese alten Leute trägt wie bei unserer leichten Pflegestation Schwester Maria.

Optisch getrennt von der großen Gemeinschaft liegt die eigentliche Pflegestation mit zwanzig Betten. Hier arbeitet entsprechend qualifiziertes Pflegepersonal. Außer bei Geburtstagen oder größeren Veranstaltungen bleiben die Pflegerinnen unter sich. Sie arbeiten zusammen wie in einer großen Familie und sind auf ihrer Station sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht werden.

Die kleine Küche, die zu meiner Abteilung gehört, versorgt gleichzeitig den großen Saal, in dem die Hauptmahlzeiten eingenommen werden. Wir decken die Tische ein und bedienen jeden Heimbewohner persönlich. Später räumen wir durch eine praktische Durchreiche das Geschirr wieder in unsere Küche zurück. Zum gemeinsamen Abwasch kommen neben Gerda auch ein paar Mädchen aus der Großküche dazu. Eine Spülmaschine gibt es nicht. Alles muss durch unsere Hände gehen. Wie im Akkord heißt es: Waschen, spülen, abtrocknen, einsortieren. Anschließend für die nächste Mahlzeit eindecken. Danach erst beginnt unsere Mittagspause.

Heute, an unserem ersten Arbeitstag, zeigten zwei Mädchen aus der Großküche uns bereits die Zähne. Ungeniert zogen sie über Gerda und mich so her, als sähen sie in uns Konkurrentinnen. Sie wollen uns wohl gleich zu Beginn einschüchtern, damit wir sofort richtig einschätzen, wer hier das Sagen hat.

Diakonische Helferinnen wie wir – in der Regel mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und in den meisten Fällen auch älter als das Küchenhilfspersonal – haben besondere Motive zum Ausüben ihres Dienstes. Da sie stets nach einem Jahr wieder gehen und Nachfolgerinnen das Feld überlassen, bringen sie natürlich auch Unruhe mit ins Haus.

Inzwischen wissen wir, warum gestern so zahllose Autos unsere Nachtruhe gestört haben: Direkt unter unserem Fenster kreuzen sich die stark befahrene Bundesstraße 4 und die Straße, die zum Volkswagenwerk nach Wolfsburg führt. Nach dem Spätschichtwechsel kommen mit großer Geschwindigkeit Pkws und Lastwagen herangerauscht, bremsen an der Straßeneinmündung, geben lautstark Gas und brausen davon wie beim Start eines Autorennens, manche sogar mit quietschenden Reifen. Der Geräuschpegel ist enorm. Die allabendliche Autokolonne trifft gegen 22.45 Uhr vor unserem Hause ein und löst sich erst nach einer guten halben Stunde wieder auf.

Über diese sehr störende, leider unvermeidliche Tatsache wurden wir heute aufgeklärt. Da wir aber voller Tatendrang sind, ist uns das im Moment einerlei. Wir werden also versuchen, so früh ins Bett zu gehen, dass wir spätestens um 22.45 Uhr schon eingeschlafen sind. Im ersten Tiefschlaf hört man ja meistens nichts mehr. Sollte uns das nicht gelingen, würden wir erst gegen Mitternacht zur Ruhe kommen, warnte man uns.

15. AprilÜberraschender Besuch

Langsam schaffe ich mich in die Arbeit hinein. Es war ein guter Tag. Wie eine Freundin haben sie mich morgens auf der Station begrüßt. Der lange Flur, die Zimmer, die Menschen hier, alles ist mir bereits sehr vertraut. Mein neuer Job macht mir richtig Spaß.

Am Abend gab es eine große Überraschung. Ich traute meinen Augen nicht. Meine Eltern standen vor mir. Die haben es aber eilig gehabt, ihre Neugierde zu stillen, dachte ich. Bevor ich dazu kam, sie zu fragen, wie sie das ohne Auto geschafft hätten, tauchten aus dem Hintergrund ihre Freunde aus Lachendorf auf.

»Für uns ist die gemeinsame Fahrt nach Gifhorn ein Katzensprung«, sagten sie.

Herr Holst begrüßte meine Gäste mit großer Herzlichkeit. Er lud sie zu einer Hausbesichtigung und einem gemeinsamen Abendbrot ein. Ich glaube, meine Leute waren sehr überrascht von dieser netten Heimleitung und der Atmosphäre im Hause.

18. AprilKonturen des Alltags

Meine Arbeit: Den mir anvertrauten Hilfsbedürftigen bei der Morgentoilette helfen, sie mit Rollstuhl oder zu Fuß den langen Flur entlang zur Toilette begleiten, da sich keine in ihrem Zimmer befindet, ihre Zimmer reinigen, in der Küche Frühstücks- oder Abendbrote streichen und verzieren, mittags das Essen auf die Teller schöpfen und in die Zimmer bringen. Zwischendurch Büroarbeiten.

Auf der Station war heute großer Putztag. Auch die Fenster gehörten dazu. In altmodischer Weise reinigten wir sie mit Wasser, dem wir zuvor ein paar Tropfen Geschirrspülmittel hinzugefügt hatten. Zum Trockenreiben benutzten wir altes Zeitungspapier.

Mir ist aufgefallen, dass einige der Küchenmädchen sehr unfreundlich miteinander umgehen. Außerdem nahmen sie sich heraus, uns in einem unangenehmen Befehlston herumzukommandieren. Ich habe gewagt, ihnen in der Mittagspause meine Meinung zu sagen. Das scheint ein bisschen geholfen zu haben, denn später waren alle ungewöhnlich freundlich.

Nachmittags, während einer kleinen Andacht, feierten die Bewohner des Hauses das Abendmahl. Anschließend bat mich Pastor Hallmann, ihn in einzelne Zimmer zu begleiten. Auch die Schwachen und Siechen sollten Gelegenheit zum Abendmahl bekommen. Ich durfte das Tablett tragen, das er zu diesem Anlass wie einen kleinen Altar hergerichtet hatte. Dazu gehörte ein Blumengesteck, ein stehendes Kreuz, eine brennende Kerze, sowie Kelch und Oblaten. Bei diesem Dienst erfasste mich ein besonders feierliches Gefühl. Da begann ich mit einem Mal die Ernsthaftigkeit der kleinen katholischen Messdiener zu begreifen.

Als Gerda und ich im Bett lagen, sagte sie gekränkt: »Ich hätte auch gern das Tablett getragen. Na ja, vielleicht ein andermal.«

19. AprilGerda in Aktion Geburtstagskaffee und kein Verzeihen

Mit dem heutigen Arbeitstag war ich nicht sehr zufrieden. Seit gestern hatte ich auf eine bessere Zusammenarbeit gehofft, aber ich habe mich getäuscht. Annegret, ein achtzehnjähriges Küchenmädchen, schimpfte und meckerte unentwegt. Obwohl sie mir überhaupt keine Vorschriften zu machen hat, nahm ich mir ihr dummes Geschwätz doch sehr zu Herzen. Es machte mich so fertig, dass ich heimlich zu weinen begann.

Als ich zur Mittagspause verweint unser Zimmer betrat, fragte Gerda nur: »Annegret?« Ich nickte. Mit einem Schwung sprang sie aus ihrem Bett und verließ wortlos den Raum. Bald hörte ich einen markerschütternden Schrei. Es konnte nur Annegret sein. Noch voller Rage tauchte Gerda kurze Zeit später wieder auf. Sie knallte die Tür zu und sagte: »Na, die hab ich ganz schön zurechtgestaucht!«

»Was hast du mit ihr gemacht? Warum hat sie so geschrien?« fragte ich erschrocken.

»Ich hab’ ihr mal ordentlich Bescheid gegeben. Ich hab’ sie am Kragen gepackt und ihr ins Gesicht geblökt. Am liebsten möchte ich dich umbringen! hab’ ich gebrüllt. Du hast Glück, dass ich Christin bin. Aber mir wird ja gesagt, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Nimm’ dich in acht! Dann hab’ ich sie losgelassen. Vor Angst hat sie geschrien wie am Spieß«. Gerda ließ sich aufs Bett fallen und lachte schadenfroh.

Ich staunte. Gerda hat mich verteidigt, die Rolle der Beschützerin gespielt, obwohl ich sie gar nicht darum gebeten habe. Das finde ich toll. Ich bin gerührt. Nur die Art und Weise gefällt mir nicht.

Nachmittags hat sich Annegret nicht mehr blicken lassen. Bei unserem gemeinsamen Abenddienst war sie extrem freundlich und hilfsbereit.

Ein weiteres Erlebnis ging mir heute sehr zu Herzen. In einem der Zweibettzimmer hatte eine Frau Geburtstag. Zu diesem Anlass hat sie ein paar Nachbarinnen zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Mir fiel auf, dass ihre Zimmerkameradin nicht dabeisaß, sondern dass diese auf ihrem Bettrand hockte und wie versteinert vor sich hinstarrte. Als ich nach dem Grund fragte, bekam ich von der Gastgeberin zur Antwort: »Die habe ich auch nicht eingeladen. Was die mir angetan hat, kann ich nicht vergessen.«

Den eigentlichen Grund erfuhr ich nicht, der war mir auch egal. Schweigen aber konnte ich nicht, und so sagte ich im Beisein ihrer Gäste: »Was es auch sein mag, mir fällt da der Satz ein: »... und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.«

»Ich vergebe keine Schuld!« schrie die Frau erbost. »Und Gott braucht mir auch keine Schuld zu vergeben! Amen!«

Ich war geschockt. Diese Lebenseinstellung finde ich ganz schrecklich! Und das von einer alten Frau! Aufgewühlt verließ ich den Raum. Dich geht das gar nichts an, versuchte ich mir einzureden.

Als ich mit Frau Otto, einer Pflegerin, darüber sprach, meinte sie nur: »Versuchen Sie nicht, alte Leute zu erziehen. Das funktioniert nicht mehr.«

Am Abend fuhr Herr Holst mit Gerda, mir und Muttchen, unserer guten Küchenfee, nach Kästorf zum Gründonnerstags-Abendmahl. Erst hier fand ich meine innere Ruhe wieder.

20. AprilKarfreitag und Parsifal

Bei uns zu Hause in Burgdorf wird der Karfreitag sehr festlich begangen. Allgemein sagt man, es sei der wichtigste evangelische Feiertag im Jahr. Warum, das weiß ich nicht. An diesem Tag betreten viele der Kirchgänger ihr Gotteshaus in festlich schwarzer Kleidung. Ob das hier auch so ist?

Leider konnte ich das nicht vergleichen, denn zum ersten Mal musste ich an diesem Feiertag arbeiten, allerdings nur halbtags.

Unseren ersten freien Nachmittag verbrachten Gerda und ich gemeinsam. Das schöne Wetter lockte uns raus in die Natur. Während eines langen Spaziergangs durch den Wald pflückten wir im Hinblick auf Ostern grüne Birkenzweige für unser Zimmer.

Abends folgte ich der Einladung einer Heimbewohnerin. Sie wünschte sich Gesellschaft beim Hören von Radiomusik, der Oper Parsifal von Wagner. Zu meiner Freude hatte die alte Dame Saft, Nüsse und Kartoffelchips bereitgestellt. Nachdem ich mir in aller Ruhe den Bauch vollgeschlagen hatte, verabschiedete ich mich noch während der Übertragung der Oper mit der Begründung: »Morgen muss ich wieder früh aufstehen.« In Wirklichkeit hatten die ellenlangen Arien meine Nerven zu sehr strapaziert.

»Na, wie war die Musik bei Opa Patzlaff?« fragte Gerda, als ich wieder im Zimmer auftauchte.

»Wie kommst du auf Opa Patzlaff?« fragte ich verwundert.

»Ich denke, du warst bei Opa Patzlaff! Das hab' ich jedenfalls Herrn Holst gesagt. Er hat dich gesucht.«

Ich schüttelte mich aus vor Lachen.

»Bei Frau Wollermann war ich und nicht bei Opa Patzlaff! Ich habe ›Oper Parsifal‹ gesagt. Das ist ein großes musikalisches Werk von Richard Wagner. Heute Abend wurde im Radio eine Aufzeichnung von den Bayreuther Festspielen gesendet!«

»Und warum bist du zu Frau Wollermann gegangen?« fragte Gerda begriffsstutzig.

»Ganz einfach. Sie hat mich eingeladen! Sie wollte heute Abend nicht allein sein.«

21. AprilErste Vertretung Vorbereitungen für Ostern Gerda verhindert Abschiedskuss

Schwester Maria hat zwei Tage Urlaub. Das Austeilen der Medikamente wird während dieser Zeit Frau Honig übernehmen. Die leichten pflegerischen Arbeiten dagegen hat die Krankenschwester mir übertragen. Vertrauen auf Vorschuss. Sogar Verbände darf ich anlegen. Heute Morgen bin ich ein Stückchen gewachsen.

Nachmittags beschäftigten wir uns mit dem Osterschmuck im Hause. Für die Flure und den großen Speisesaal hat Herr Holst riesengroße Birkensträuße besorgt, die wir mit bunt bemalten Eiern und flauschigen Textilküken behängten. Anschließend füllten wir über einhundert Nester mit süßen Leckereien und eingefärbten, hart gekochten Eiern.

Viele flinke Hände verwandelten den Speisesaal in einen wunderhübschen Osterraum. Wir dekorierten die Tische und stellten vor jedes Gedeck ein Nestchen. In einer Ecke bauten wir eine große Osterwiese auf.

Am Spätnachmittag übte Herr Holst mit Gerda und mir ein Osterlied ein. Unseren Gesang begleitete er am Klavier. Gleichzeitig versuchten wir, auf unseren Gitarren passende Akkorde zu finden.

Wir hatten uns vorgenommen, den heutigen Tag mit einem Spaziergang abzuschließen. Gut gelaunt schlenderten wir bei hellem Mondschein in die Nacht hinein. Gerda erzählte mir ein paar Anekdoten aus ihrem Leben. Einmal fragte ich sie, ob sie keinen Freund hätte. Sie schüttelte den Kopf.

»Trotzdem misch’ ich mich unters Volk. Ich tanz’ zum Beispiel gern«, sagte sie.

»Und dann bringt dich nachts kein Kavalier nach Hause?«

»Klar! Aber in der Regel jeder nur einmal!« Sie grinste. »Wenn wir dann unter der Haustür steh’n, woll’n die meisten Kerls ’nen Abschiedskuss. Nicht bei mir, sage ich. Und wenn sie dann anfang’n zu fummeln, zück’ ich meine Schreckschusspistole. Das hat bisher immer gewirkt! Was meinst du, wie die gerannt sind!«

»Du bist ne komische Nudel! So bekommst du ja nie einen Freund!« sagte ich amüsiert.

»Will ich auch nicht«, beteuerte sie. »Hauptsache, ich hab’ meine Freiheit!«

22. April – 1. OstertagDas Überraschungsei Tanz in die Nacht

Wir feierten ein fröhliches Osterfest! Die helle Morgensonne durchflutete den Raum. An den liebevoll dekorierten Tischen saßen festlich gekleidet unsere betagten Damen und Herren und verfolgten aufmerksam die Lesung des Tages. Mit einem schwungvollen musikalischen Vortrag unterstrich der Gifhorner Posaunenchor die Feierlichkeiten. Nein, wirklich kein kirchliches ‚Blasenleiden’, im Gegenteil. Die freiwilligen und sehr engagierten Musiker spielten perfekt und unterstützten zusätzlich unseren Gesang. Zu unserer Überraschung spielte Herr Holst die Tuba.

Als kleine Beigabe folgte am Schluss unser eingeübtes Lied, und die Heimbewohner beschenkten uns mit großem Applaus.

Am zweiten Ostertag hatte ich frei. Ursprünglich wollte ich in aller Frühe nach Hause fahren. Doch kurz entschlossen verlegte ich meine Abreise bereits auf den vorherigen Abend. Als ich nach Dienstschluss den Fahrplan studierte, stellte ich zu meinem Schrecken fest, dass meine Reise nicht in Burgdorf, sondern bereits 8 Kilometer früher, am großen Eisenbahnknotenpunkt in Lehrte enden würde. An den Feiertagen gab es keinen passenden Anschluss. Sicher würde sich irgendeine Lösung finden lassen, dachte ich. Da in dem Acht-Familien-Haus, in dem meine Eltern wohnen, niemand ein Telefon besaß, ging ich an die benachbarte Tankstelle zu Herrn Freitag, kündigte per Telegramm den Eltern meinen Besuch an und wies gleichzeitig auf die schlechte Zugverbindung hin.

Was ich zu dieser Zeit nicht wusste, aber später dann erfuhr: Während der Telegrammbote meine Nachricht wenig später überbrachte, saß zufällig Hans-Peter, ein Freund meines Bruders, in unserem Wohnzimmer. Er hatte sich angeboten, mich von Lehrte mit seinem Motorroller abzuholen.

Inzwischen hatte ich eilig meine Reisetasche geschnappt und mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Als ich an der Tankstelle vorbeikam, winkte mich Herr Freitag zu sich herüber. Er stellte mir einen fremden Mann vor.

»Das ist ein guter Bekannter von mir«, sagte er. »Der hat eben getankt und fährt zufällig auch nach Burgdorf. Soll er Sie mitnehmen?«

Dank dieser Autofahrt stand ich unerwartet ein paar Stunden früher vor der elterlichen Haustür, man könnte fast sagen, als sogenanntes Überraschungsei.

»Ich bin Strohwitwe«, sagte meine Mutter. »Papa ist für ein paar Tage zu Besuch bei seinen Eltern.«

»Macht nichts. Du bist ja da! Das ist die Hauptsache«, sagte ich voller Vorfreude auf ein paar gemütliche dienstfreie Stunden.

Mein Bruder Wolf-Dieter, drei Jahre jünger als ich, schlug vor, zum Tanzen zu gehen, eine tolle Idee, wie ich fand. Er tanzte sehr gut und ich leidenschaftlich gerne. Wenn wir mit Schwung unsere Runden auf dem Parkett drehten, vergaßen wir die Welt um uns herum, und dann strahlten wir uns an wie frisch Verliebte. Äußerlich sahen wir uns nicht ähnlich. Da jeder von uns seinen eigenen Freundeskreis hatte, der auch altersmäßig drei Jahre auseinander lag, ahnten viele nicht, dass wir Geschwister waren. Deshalb hielt man uns anfangs für ein neues Pärchen.

Mein Bruder durfte seinerzeit einen Tanzkurs absolvieren. Zu mir hatte mein Vater gesagt: »Wozu willst du Unterricht nehmen? Du kannst ja tanzen! Oder war ich dir bisher als Lehrer nicht gut genug?«

Ich musste zugeben, mein Vater konnte tatsächlich fantastisch tanzen. In ihrer Heimatstadt Danzig hatten meine damals noch jungen Eltern sogar einige Preise im Paartanz gewonnen.

Meinen Wunsch nach einem Tanzkurs hatten meine Eltern auch aus finanziellen Gründen nicht eingesehen. Dabei ging es mir natürlich nicht nur um das perfektere Erlernen schwieriger Tanzschritte, sondern um das ganze Drum und Dran, diese knisternde Spannung, diese Neugierde auf andere Partner. Zudem gab es inzwischen modernere Tänze, die mein Vater mir nicht beibringen konnte.