Jerry Cotton 3563 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton 3563 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Am Vorabend des Día de los Muertos, dem mexikanischen Tag der Toten, erschütterte ein brutales Verbrechen East Harlem. In der Krypta einer kleinen Kirche wurde der beliebte Vikar Roberto Mendoza tot aufgefunden. Der Altar, der traditionell dazu diente, die Seelen der Verstorbenen willkommen zu heißen, war mit Blut und Symbolen verunstaltet, die an alte Aztekenrituale erinnerten. Unsere Ermittlungen führten uns zu einem zwielichtigen Kunsthändler, den wir schon lange im Visier hatten ...

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Día de los Muertos – Tag der Toten

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Día de los Muertos – Tag der Toten

Gedämpftes Licht erhellte die Krypta der Iglesia de Todos los Santos, als Vikar Roberto Mendoza gemessenen Schrittes das Gewölbe betrat.

Zunächst bemerkte er nichts Ungewöhnliches. Erst als sich fremde Schritte unter seine mischten, drehte er sich überrascht um.

Nach altmexikanischem Glauben war der bevorstehende Día de los muertos der Tag, an dem die Toten zurückkehrten, um mit den Lebenden ein rauschendes Fest zu feiern.

Die Schreckensgestalt mit dem höhnisch grinsenden Totenschädel war jedoch nicht zum Feiern gekommen.

Als Mendoza das Messer sah, sprach er ein stummes Gebet und bekreuzigte sich. Einen Atemzug später bohrte sich die tödliche Klinge in seinen Leib!

Die Wärme unzähliger Flammen und der Zitrusduft von Copal-Räucherwerk hingen schwer in der Luft, als Officer Mike Mendoza den Altarraum der Iglesia de Todos los Santos betrat. Hinter der Tür nahm er seine Uniformmütze ab und bekreuzigte sich, bevor er den kurzen Mittelgang entlangging.

Der Raum war in flackerndes Licht Hunderter Kerzen getaucht, die entlang der Wände und auf dem Altar platziert waren. Frische Ringelblumen hingen in dichten Girlanden von der Decke und ergossen sich wie ein goldener Fluss über den Boden und die Bänke der mexikanischen Kirche.

Für all das hatte er keine Augen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er auf den Hochaltar, der mit bunten Totenschädeln aus Zuckerguss geschmückt war, und zu dem mannsgroßen, mit leuchtenden Blumen, Kerzen und Schädeln dekorierten Kreuz. Die symbolische Vereinigung von Leben und Tod. Und obwohl das, was auf dem Altar lag, perfekt in dieses Bild passte, war es nicht Teil der Dekoration.

Im ersten Moment hatte Mendoza geglaubt, jemand hätte eine Puppe auf die purpurroten Tücher gelegt. Erst beim Näherkommen erkannte er seinen Irrtum.

Trotz der feierlichen Atmosphäre beschleunigte er seine Schritte, und als er die Mitte des Korridors erreichte, rannte er fast. Mendoza war so konzentriert, dass er nur am Rand bemerkte, wie sich die Tür zur Sakristei öffnete und Padre Emanuel mit wehendem Talar herausstürmte.

Bevor Mendoza den Altar erreicht hatte, fing ihn der Pfarrer ab, der in der Gemeinde für seine Silbermähne bekannt war, und fasste ihn an den Schultern.

»Warte, Mike! Bevor du ihn dir ansiehst, solltest du wissen ...«

Mike Mendoza hörte dem alten Pfarrer nicht mehr zu. Der Respekt vor dem Würdenträger verbot es ihm, ihn einfach zur Seite zu schieben. Stattdessen beugte er sich an ihm vorbei, um die Gestalt zu betrachten, die mit gefalteten Händen auf dem Altar aufgebahrt lag.

»Michele, Michele, ich bitte dich!«, sprach Emanuel ihn mit seinem vollen Namen an. Er war es, der Mendoza auf seinem Privattelefon angerufen hatte.

Mendoza war nicht nur der Neffe des Pfarrers, sondern seit seiner Kindheit ein geschätztes Mitglied der Gemeinde in East Harlem. Emanuel hatte ihn getauft, ihm unzählige Male die Beichte abgenommen, ihm das Sakrament der Erstkommunion gespendet. Mendoza ahnte, dass es einen guten Grund geben musste, wenn er ihn am Abend vor der Spätmesse zu sich rief.

Schließlich hielt es Mendoza nicht mehr auf seinem Platz, und er drängte sich an dem alten Priester vorbei. Noch während er die Treppe hinaufeilte, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

»Onkel Roberto!«, rief er.

Die Augen des Vikars waren geschlossen, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Er sah aus, als würde er schlafen, der Blutfleck auf dem weißen Hemd verriet etwas anderes.

Mike Mendoza spürte, wie sich die Hände des Pfarrers beruhigend auf seine Schultern legten, doch er hatte nur Augen für das grausame Bild vor seinen Augen. Sein Onkel war umgeben von Blumengirlanden und kleinen Totenköpfen aus Zuckerguss. Im Kerzenschein wirkte der Anblick wie ein Gemälde. Erst auf den zweiten Blick bemerkte Mendoza die Zeichen und Symbole, die Onkel Roberto auf Hände und Wangen gemalt worden waren.

Mike Mendoza war mit den Erzählungen über sein mexikanisches Erbe aufgewachsen und kannte daher die spirituellen Bräuche seiner Vorfahren. Was er hier sah, schien den alten Erzählungen entsprungen zu sein.

Er fühlte den Puls seines Onkels. Die Kälte seiner Haut verriet ihm, dass jede Hilfe zu spät kam.

Hastig wandte er sich Pater Emanuel zu und umklammerte dessen Schultern mit beiden Händen.

»Wer war das?«, keuchte er. »Wer hat das getan?«

»Michele, ich weiß nicht«, sagte der Pater mit samtweicher Stimme. Er war sichtlich erbleicht, versuchte aber, die Fassung zu wahren. »Ich habe ihn erst vor einer Viertelstunde gefunden.«

»Wen hast du noch benachrichtigt?«

»Bisher nur dich«, erklärte Emanuel schulterzuckend. »Ich dachte, du wüsstest, was zu tun ist.«

Ohne den Padre aus den Augen zu lassen, zückte Mendoza sein Walkie-Talkie und forderte Verstärkung an.

Dann sah Emanuel ihn eindringlich an.

»Ich möchte, dass Maria es von dir erfährt«, sagte er leise.

Mike Mendoza nickte verhalten. Maria war Onkel Robertos Mutter, die ihren Sohn durch schwere Zeiten gebracht hatte. Ihre Liebe zu ihm war das Einzige, was die junge Frau noch am Leben hielt.

Mike Mendoza wusste, dass ihm der schwerste Gang seines Lebens bevorstand.

Es war Ende Oktober, und der Winter, der in New York normalerweise erst zu Beginn des Jahres richtig zuschlug, hatte bereits eine erste Kostprobe gegeben. In der Nacht hatte es dicke Flocken geschneit, die am frühen Morgen in Regen übergingen und die Straßen in eine matschige Rutschbahn verwandelten.

Als ich Phil an unserer üblichen Ecke abholte, sah mein Jaguar F-Type aus, als hätte ich an der Rallye Dakar teilgenommen.

»Da wird ein Ausflug zur Waschstraße fällig«, meinte Phil, während er sich auf den Beifahrersitz fläzte.

»Die müssen heute Sonderschichten einlegen«, sagte ich, während ich all die anderen Autos betrachtete, denen es nicht besser erging.

Zäh schleppte sich der Verkehr an diesem Morgen durch die Straßenschluchten. Er und der bleigraue Himmel, der sich schwer und wolkenverhangen über Manhattan spannte, trübten die Stimmung.

Dabei hatten wir eigentlich Grund zur Freude. In letzter Zeit hatten wir und unsere Kollegen einige größere Erfolge in unserem Kampf gegen das organisierte Verbrechen verbucht. Das war nicht selbstverständlich, denn auch unsere Gegner wurden gewiefter und setzten immer häufiger technische Mittel ein, mit denen wir Schritt halten mussten. Dass wir es trotzdem geschafft hatten, verdankten wir nicht zuletzt unserem IT-Wunderkind Dr Ben Bruckner, der immer den Finger am Puls der Zeit hatte.

Nachdem wir das Federal Building erreicht und eine Spur aus Schmutz und Nässe in der Tiefgarage gezogen hatten, fuhren wir mit dem Lift in den dreiundzwanzigsten Stock.

Alles war wie immer an diesem Morgen. Die Kollegen ließen sich vom Wetter nicht die Laune verderben und eilten wie Ameisen durch die Gänge. Einer von ihnen, Steve Dillaggio, kam uns mit einer Tasse Kaffee entgegen, als wir gerade unser Büro aufschließen wollten.

»Meeting in fünf«, raunte er uns im Vorbeigehen zu. »Kleiner Konferenzraum.«

Dann war er auch schon um die Ecke verschwunden.

So viel zum Thema sanfter Start in den Tag. Wir luden unsere Taschen ab, holten uns auch noch jeder einen Kaffee und machten uns auf den Weg zum Konferenzraum. Die Tatsache, dass es der kleine war, ließ vermuten, dass das Meeting in überschaubarer Runde stattfinden würde.

Tatsächlich trafen wir neben Steve und seinem Partner Zeerookah zwei Kollegen aus einer anderen Abteilung, mit denen wir bisher nicht direkt zusammengearbeitet hatten. Der eine war um die fünfzig, der andere etwa halb so alt.

Unser Chef Mr High trat kurz nach uns ein, sodass wir nicht dazu kamen, viele Worte zu wechseln.

»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagte er und setzte sich an den Kopf des Konferenztischs. »Ich möchte besonders Agent Martin und Agent Pedrillo von unserem Art Crime Team begrüßen.«

Die fünfköpfige Abteilung bestand erst seit wenigen Jahren und beschäftigte sich hauptsächlich mit Kunstdiebstahl, Kunstfälschung und dem illegalen Handel mit internationalen Kulturgütern.

Nachdem Mr High ihnen zugenickt hatte, klappte der Jüngere – Pedrillo – sein Notebook auf, das er drahtlos mit dem Beamer an der Decke verbunden hatte. Kurz darauf wurde ein Bild auf die gegenüberliegende Wand projiziert. Es zeigte einen Totenschädel. Kein echter, sondern ein Kunstobjekt, vermutlich aus Marmor oder ähnlichem Material. Die Augen waren rote Rubine, die Zähne des lachenden Schädels waren mit Gold überzogen.

Pedrillos Blick streifte alle Anwesenden. »Was ihr hier seht, ist El muerto que ríe. Der lachende Tote. Britische Archäologen gaben ihm diesen Namen, nachdem sie ihn in einer Höhle im Tal von Mexiko gefunden hatten. Man vermutet, dass diese Reliquie bei bestimmten aztekischen Opferriten Verwendung fand. Er besteht aus weißem Flint oder Feuerstein. Die Augen sind aus Smaragden, die Zähne mit Blattgold überzogen. Eigentlich sollte der Schädel zusammen mit anderen Kunstgegenständen ins Britische Museum gebracht werden, aber während des Transports verschwand er spurlos.«

»Gestohlen?«, fragte ich interessiert. Noch hatte ich keine Vorstellung davon, wie diese Geschichte in unser Ressort passte, war jedoch gespannt wie ein Flitzebogen. Die Geschichte der alten Azteken, ihre Bräuche und Riten hatten mich schon immer fasziniert.

»Wahrscheinlich. Der Transport war zwar gut gesichert, deshalb vermutet man, dass ein Mitglied der Wachmannschaft bestochen wurde. Doch das ist nicht das Entscheidende.«

»Sondern?«, fragte Phil stirnrunzelnd.

»Das Entscheidende ist«, fuhr Pedrillo mit bedeutungsvoller Miene fort, »dass der Schädel fast zwanzig Jahre lang als verschollen galt.«

»Das heißt, er ist wiederaufgetaucht?«, fragte ich.

»Sozusagen«, antwortete Pedrillo. »Um kurz darauf wieder zu verschwinden ...«

»Vielleicht sollten Sie Ihre Geschichte etwas abkürzen«, sagte Mr High mit der ihm eigenen freundlichen Autorität.

Pedrillo nickte. »Natürlich. Gestern gab es einen Mord in einer mexikanischen Kirche in East Harlem, der Iglesia de Todos los Santos.

Ich hatte davon gehört. Der Pastor der kleinen Gemeinde war ermordet worden.

»Die Leiche wurde auf dem Altar gefunden, bemalt mit aztekischen Schriftzeichen, die im ersten Moment auf ein religiöses Motiv hindeuteten.«

»Auf den ersten Blick?«, hakte Steve nach.

Pedrillo lächelte sparsam.

»Der Tag der Toten steht vor der Tür«, erwiderte er scheinbar zusammenhanglos. »Der Día de los muertos, der für die mexikanische Gemeinschaft von großer Bedeutung ist.«

Das Fest wurde traditionell am 1. und 2. November gefeiert. Es diente dem Gedenken an verstorbene Familienmitglieder. An diesen Tagen wurde der Glaube gefeiert, dass die Seelen der Verstorbenen zu den Lebenden zurückkehrten. Auch in New York mit seiner großen mexikanischen Gemeinschaft wurde das Fest alljährlich mit bunten Umzügen zelebriert. Vor allem in Harlem und anderen Vierteln mit hohem Einwandereranteil.

»Die Kirchen bereiten sich intensiv auf diesen Tag vor«, sagte Special Agent Martin. »Die Altarräume werden geschmückt und, wenn vorhanden, Reliquien ausgestellt.« Er nickte Pedrillo zu.

»Um es kurz zu machen: Die Iglesia de Todos los Santos besitzt auch einige sakrale Kunstgegenstände, die zu diesem Anlass aus ihrem Schrein geholt werden, wo sie das ganze Jahr über sicher aufbewahrt werden. Kurz nach der Ermordung seines Vikars bemerkte der Pfarrer der Iglesia das Fehlen einer dieser Reliquien. Er meldete es der Polizei, und die Beschreibung des Gegenstandes lässt darauf schließen, dass es sich höchstwahrscheinlich um den lachenden Toten handelt.«

Ich runzelte die Stirn. »Der Schädel ist zwanzig Jahre lang verschwunden und taucht plötzlich in einer kleinen Kirche in East Harlem auf?«

»Der Pfarrer behauptet, nicht gewusst zu haben, dass der Schädel Diebesgut ist. Offenbar wurde er der Kirche von einem Privatsammler vermacht, der vor einigen Jahren verstorben ist. Deshalb sind wir uns ziemlich sicher, dass es sich nicht um eine Nachbildung handelt.«

Ich nickte. »Der Padre sagt wahrscheinlich die Wahrheit. Sonst hätte er den Diebstahl nicht bei der Polizei angezeigt.«

»Das denken wir auch«, gab Pedrillo zurück. »Deshalb ist der Fall schließlich auf unserem Tisch gelandet.«

Mr High, der bisher geschwiegen hatte, beugte sich vor, faltete die feingliedrigen Hände und sagte mit sonorer Stimme: »Es handelt sich nicht nur um Kunstraub, sondern auch um Mord. Der Täter ging mit großer Brutalität und äußerster Präzision vor. Offenbar wusste er von der Existenz des Schädels und kannte den Umstand, dass er am Tag der Toten aus seinem Schrein geholt wird. Offenbar hat er dem Vikar aufgelauert, ihn ermordet und den Schädel entwendet.«

»Wir haben es also mit einem gewöhnlichen Kunstraub zu tun«, sagte Phil. »Und die Symbole auf dem Körper des Toten und die rituelle Aufbahrung der Leiche?«

»Könnte eine Finte sein«, warf Agent Martin ein. »Vielleicht wollte der Täter eine falsche Spur legen.«

»Und dabei hat er riskiert, am Tatort erwischt zu werden?«, fragte ich. Die Vermutung überzeugte mich nicht.

»Vielleicht ist es eine Kombination aus beidem«, antwortete Pedrillo. »Der Täter handelte aus finanziellen Motiven und hält trotzdem an den alten Riten fest.«

»Das sind alles wilde Spekulationen«, sagte Mr High. »Deshalb bitte ich Sie, mir Fakten zu liefern.« Er sah Phil und mich an. »Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir es hier mit einem internationalen Netzwerk mit mafiösen Strukturen zu tun haben, deshalb bleibt der Fall beim FBI. Ich möchte, dass Sie die Ermittlungen in diesem Mordfall übernehmen. Steve und Zeerookah sollen die Kollegen vom Art Team unterstützen.«

Phil und ich nickten. Als Erstes würden wir uns den Tatort ansehen und bei der Gelegenheit mit dem Priester sprechen, der den Toten gefunden hatte. Da der Täter so gut informiert gewesen zu sein schien, bestand die Möglichkeit, dass er aus den Reihen der Gemeindemitglieder stammte. Ich war jedenfalls sehr gespannt, was uns Padre Emanuel dazu sagen konnte.

Padre Emanuel war ein freundlicher älterer Mann Anfang sechzig. Mit seinem Rauschebart und den markanten Gesichtszügen war er bestimmt eine Vaterfigur, zu der seine Gemeinde ehrfürchtig aufschaute.

Doch an diesem Morgen lagen dunkle Schatten über seinem Gesicht. Tiefe Ringe hatten sich unter seinen geröteten Augen gegraben, und er blinzelte in einem fort.

Der Tod seines Vikars hatte ihn tief getroffen. Die beiden waren eng befreundet gewesen, wie es in einem ersten Bericht der NYPD-Kollegen hieß.

»Roberto war wie ein Bruder für mich«, sagte er, als wir den schmalen Mittelgang zum Altar entlanggingen. Da der Altarraum seit letzter Nacht als Tatort galt, hatte er sie uns aufschließen müssen, nachdem wir ihn telefonisch über unsere Ankunft informiert hatten.

»Haben Sie eine Ahnung, wer für die Tat verantwortlich sein könnte?«, unterbrach ich die feierliche Stille im festlich geschmückten Altarraum.

Padre Emanuel sah mich überrascht an, als hätte er daran noch keinen Gedanken verschwendet.

»Sie sagten, dass außer dem Schädel nichts gestohlen wurde«, erklärte ich meine Überlegungen. »Der Dieb hat also gezielt danach gesucht. Der Kreis derer, die von der Reliquie wussten, ist überschaubar.«

Der Padre sah mich überrascht an, die Spitzen seiner buschigen Brauen berührten sich fast. »Ich kenne jeden in meiner Gemeinde mit Namen. Und für jeden lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Nicht so voreilig«, sagte Phil. »Es gibt Sorgen und Nöte, die selbst den anständigsten Menschen zu schlimmen Taten verleiten können. Ich denke an jemanden, dem das Wasser finanziell bis zum Hals steht. An jemanden, der Spielschulden hat. An jemanden, der bei Geldeintreibern in der Kreide steht. Wer, wenn nicht Sie, hätte davon erfahren?«

Padre Emanuel hielt inne und sah meinen Partner streng an. »Sie fordern mich doch nicht auf, das Sakrament der Beichte zu brechen?«

»Natürlich nicht«, sagte Phil. »Aber wenn Sie zufällig etwas gehört haben, das einen Hinweis auf den Mörder von Mister Mendoza geben könnte ...«

»... würde ich das persönliche Gespräch suchen und den Betreffenden auffordern, sich zu stellen«, antwortete der Padre bestimmt.

Wir bezweifelten zwar, dass diese Methode immer zum gewünschten Ergebnis führen würde, wir ließen es jedoch dabei bewenden.

Als wir den Altar erreichten, blieb der Padre davor stehen.

Obwohl der Leichnam längst abtransportiert war, lag etwas Unheilvolles in der Luft. Vielleicht lag es auch an den Kerzen, dem Weihrauch und den kleinen Totenschädeln aus Zuckerguss, die auf dem Altar verteilt waren.

Día de los muertos. Ich fragte mich, ob diese schreckliche Tat vielleicht in einem direkten Zusammenhang mit dem bevorstehenden mexikanischen Totenfest stand.

»Der Tote wurde auf eine Weise präpariert, die darauf hindeutet, dass sein Mörder spirituell orientiert war«, sagte ich.

Der Padre sah mich eindringlich an. »Bitte machen Sie kein großes Ding daraus. Ich möchte nicht in der Presse lesen, dass in meiner Gemeinde Aztekenrituale und dergleichen stattfinden.«

Phil und ich tauschten einen Blick aus. Für unseren Geschmack wiegelte der Pfarrer etwas zu schnell ab.

»Kennen Sie Leute, die den alten Glauben praktizieren?«, fragte ich.

Padre Emanuel wandte sich dem Kreuz zu, das groß und mächtig hinter dem Altar in die Höhe ragte, als hoffte er auf göttlichen Beistand.

»Es gibt immer ein paar Verrückte, Agent Cotton. Die Geschichte der Azteken, ihre Bräuche und Rituale üben auf viele Menschen eine große Faszination aus. Ja, die Symbole an Robertos Leiche deuten darauf hin, dass sich sein Mörder intensiv mit der alten Religion beschäftigt hat. Aber ich würde nicht davon ausgehen, dass das das Motiv für die Tat war.«

»Was macht Sie so sicher?«, hakte ich nach.

Er drehte sich zu mir um und sah mich mit geröteten Augen an. »Ich habe die Symbole studiert. Es sind Bannsprüche, die die Seele des Toten besänftigen sollen, damit sie nicht auf die Erde zurückkehrt.«

»Sie meinen, der Mörder hatte Angst, von Vikar Mendozas Geist heimgesucht zu werden?«