Jerry Cotton Sonder-Edition 116 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition 116 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Die Insel des Würgers

Der Kerl war wie ein Phantom. Er holte sich sein Opfer und verschwand spurlos.
WÜRGER HAT WIEDER ZUGESCHLAGEN! SIEBZEHNJÄHRIGE ERDROSSELT!
Das lasen wir am nächsten Morgen in der Presse. Als Schlagzeile, unübersehbar. Und man zerriss uns in der Luft. Uns, das FBI New York. »Das sind Pfeifen!«, sagten die Leute.
Wir jagten diese Bestie in Menschengestalt, Tag und Nacht. Dann hörten wir von jener Insel. Der Insel des Würgers. Keiner kannte sie. Ich wünsche mir noch heute, dass ich sie niemals kennengelernt hätte ...

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Impressum

Die Insel des Würgers

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelfoto: Nomad_Soul/shutterstock

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-8856-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Insel des Würgers

Ich war Jeff Bender, der schlagzeilengeile Sensationsreporter, und ich jagte einer verdammt heißen Story hinterher: Ein Serienmörder wütete in Port Washington im Staat New York, erwürgte junge Frauen und Mädchen!

In Wirklichkeit war ich natürlich weiterhin der FBI-Agent Jerry Cotton und inkognito unterwegs, um diese Bestie in Menschengestalt aus dem Verkehr zu ziehen. Ich musste den »Würger von Port Washington« um jeden Preis stoppen, bevor noch mehr unschuldige Frauen ihr Leben verloren.

Noch ahnte ich nicht, dass ich es nicht nur mit einem kranken Frauenhasser zu tun hatte, sondern dass ein Verbrechergenie von einer mysteriösen Insel aus die Strippen zog, um seine perversen Rachegelüste zu befriedigen …

Die Jerry Cotton Sonder-Edition bringt die Romane der Taschenbücher alle zwei Wochen in einer exklusiven Heftromanausgabe. Es ist eine Reise durch die Zeit der frühen Sechziger bis in das neue Jahrtausend.

Zwischen den Bäumen des Parks hing die Dunkelheit dicht und undurchdringlich wie schwarze Watte.

Der Mörder stand an den glatten Stamm einer Buche gelehnt. Er wartete. Äußerlich wirkte seine Haltung träge, fast schläfrig, doch er stand sprungbereit, und seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt.

Schritte näherten sich. Leichte, schnelle Schritte. Der Mörder kniff die Augen zusammen. Er spähte zu dem Weg hinüber, der zwischen den Büschen und Bäumen nur wie ein schmales graues Band sichtbar war. Ein paar Sekunden vergingen – dann tauchte eine Gestalt aus dem Dunkel auf und trat in den Lichtkreis einer vereinzelten Peitschenleuchte.

Die Augen des Killers glitten über das kurze rotblonde Haar der jungen Frau, über die schlanke Figur im roten Minikleid, über die langen gebräunten Beine. Sie war nicht älter als neunzehn Jahre. Sie schwenkte eine Basttasche am kleinen Finger, ging schnell und strebte offenbar eilig auf die Middle Neck Road zu, die den Park auf der Nordseite begrenzte.

Der Mörder wartete, bis sie mit ihm auf gleicher Höhe war.

Seine Lippen hatten sich zusammengepresst, in den schmalen dunklen Augen lag ein fiebriger Glanz. Seine Hände reckten sich vor, die Finger krümmten sich wie Krallen. Mit einem langen, geschmeidigen Schritt glitt er an die ahnungslose nächtliche Passantin heran – und als sie das Geräusch hinter sich hörte, war es bereits zu spät.

Sie wollte sich herumdrehen – doch da schlossen sich schon die Hände des Würgers um ihren Hals. Seine Nägel bohrten sich in ihr Fleisch, seine Finger drückten zu mit mörderischer, erbarmungsloser Gewalt.

Sie konnte nicht einmal mehr einen einzigen Schrei ausstoßen.

***

Joyce Kendall warf die Tennisschläger auf den Notsitz des giftgrünen Siata Spring. Sie verzichtete darauf, die Tür zu benutzen, und schwang sich mit einer gekonnten Flanke in den offenen Wagen.

Während sie mit der Linken den Zündschlüssel drehte, tastete sie mit der Rechten nach der Sonnenbrille und warf noch einen Blick zu dem großen, L-förmigen Bungalow zurück.

Ihr Vater stand auf der Terrasse und sah ihr nach.

Joyce winkte ihm zu, dann ließ sie den Motor kommen. Der kleine, auf Oldtimer getrimmte Wagen setzte sich in Bewegung, ließ den Kies vor der Garage aufspritzen und kurvte auf die Straße.

Joyce schlug den Weg zur Küste ein. Die Plätze des Tennisklubs, dem sie angehörte, lagen an der Hempstead Bay, ziemlich einsam, abgeschirmt gegen neugierige Blicke und nahe genug am Strand, um nach einem heißen Match ein kühles Bad zu gestatten.

Joyce fuhr ein Stück über die Middle Neck Road, winkte einem ihr bekannten jungen Mann zu, der in einem offenen roten Roadster an ihr vorbeirauschte, und bog nach ein paar Minuten in die schmale, sandige Straße ein, die in die Dünen führte.

Während sie den Siata um die Kurven steuerte, schweiften ihre Gedanken ab. Sie dachte an das Strandfest, zu dem sich die jungen Leute ihres Bekanntenkreises morgen Abend verabredet hatten. Musik, Tanz, Barbecue im Freien – es sollte eine großartige Sache werden.

Aber sie wusste noch nicht genau, ob sie hingehen würde. Gestern hatte sie sich mit ihrem Freund verkracht. Eine Unmutsfalte erschien auf ihrer Stirn, als sie an Ralph dachte. Er war ein Snob, arrogant und entsetzlich von sich eingenommen. Joyce fragte sich, wieso sie das nicht von Anfang an bemerkt hatte.

Als Begleiter kam dieser blöde Kerl jedenfalls nicht in Frage. Eher würde sie zu Hause bleiben oder allein gehen oder …

Ihre Gedanken stockten.

Ein Wagen tauchte vor ihr auf. Ein uralter, klappriger Ford Edsel. Er stand quer, er versperrte fast die ganze Straße, und sein Besitzer war mit Kopf und Oberkörper unter die geöffnete Motorhaube getaucht.

Joyce trat auf die Bremse.

Sie tat es nicht aus besonders ausgeprägter Hilfsbereitschaft und auch nicht, weil ihr irgendetwas an der mageren Gestalt des Edsel-Fahrers interessant erschienen wäre. Aber sie verstand etwas von Autos, sie hatte einen Pannenkursus mitgemacht und legte Wert darauf, ab und zu ihre diesbezüglichen Kenntnisse unter Beweis zu stellen. Besonders Männern gegenüber.

Lässig stieß sie den Wagenschlag auf, stieg aus und schlenderte zu dem Burschen hinüber, der immer noch den defekten Motor betrachtete.

»Hallo«, sagte sie. »Kann ich Ihnen helfen?«

Der Mann richtete sich auf.

Er war um die fünfzig Jahre alt, hatte ölig glänzendes Haar und engstehende dunkle Augen. Sein grauer Anzug schlotterte, die Krawatte saß schief. Einen Moment lang sah er sie starr an, musterte ihren knappen Tennisdress, das halb von der Sonnenbrille verdeckte Gesicht, die nackten braunen Beine, dann zog er die Lippen von den Zähnen und grinste.

»Keine Ahnung, warum er nicht mehr läuft«, sagte er heiser. »Vermutlich Altersschwäche.«

Joyce lachte. »Darf ich mal sehen?«

»Bitte! Wenn Sie was davon verstehen …«

Er machte einen Schritt zur Seite. Joyce trat an den Wagen heran. Mit einer selbstbewussten Geste nahm sie die Sonnenbrille ab, kniff die Augen zusammen und beugte sich vor.

»Starten Sie mal«, bat sie. »Wenn der Motor läuft, kann ich vielleicht sehen …«

Weiter kam sie nicht.

Die jähe Bewegung hinter sich nahm sie zwar wahr, doch sie achtete nicht darauf. Und Sekunden danach war es zu spät.

Ein Schatten fiel über sie. Heißer, erregter Atem schlug in ihren Nacken, und Joyce Kendall spürte nur noch die Hände, die sich wie Eisenklammern um ihre Kehle schlossen …

***

Neben mir auf dem Beifahrersitz lag eine Zeitung. Sie war aufgeblättert, und ab und zu streifte mein Blick die balkendicke Schlagzeile:

Würger schlägt wieder zu

Siebzehnjährige erdrosselt

Bilder vom Tatort und dem Opfer illustrierten den Bericht. Ein nettes dunkelhaariges Mädchen, etwas füllig, mit Sommersprossen auf der Nase und lustigen Grübchen. Mir gab es einen Stich, und zwangsläufig fielen mir die gestochen scharfen, grausam deutlichen Aufnahmen der Mordkommission ein. Ich vermied es, mich an Einzelheiten zu erinnern, blickte angestrengt geradeaus und konzentrierte mich auf meine Umgebung.

Ich fuhr durch Port Washington – durch den alten Teil des Orts, wo nicht Bungalow-Siedlungen, Hotels und Nachtklubs, sondern graue Mietskasernen das Bild beherrschten. Irgendwo in diesem Häusermeer, zwischen dem Luxus der Millionärskolonie und der Armut sanierungsreifer Slums, trieb ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen. Sechs junge Frauen hatte er umgebracht – erdrosselt in Parks, am Strand, in einsamen Hinterhöfen. Er lauerte ihnen auf, fiel sie an, versuchte die Leichen beiseitezuschaffen. Drei seiner Opfer waren spurlos verschwunden. Aber wir hatten ihre Wagen gefunden, Handtaschen, Stofffetzen, Blutspuren, Zeichen des Kampfes, und es gab nicht den geringsten Zweifel darüber, welches Schicksal sie ereilt hatten.

Meinen Jaguar hatte ich zu Hause gelassen. Der klapprige rote Ford, den ich fuhr, hatte weder Funk noch Sirene, aber dafür passte er zu meiner Rolle. Seit drei Tagen war ich nicht mehr der G-man Jerry Cotton, sondern der Fotoreporter Jeff Bender, der in einem heruntergekommenen Apartment hauste, ständig eine Kamera mit Blitzlicht um den Hals trug und eine Story über den Würger schreiben wollte.

Bisher allerdings sah es nicht so aus, als ob ich auf diesem Weg weiterkommen würde. Ich seufzte leicht – und dabei sah ich die Bewegung rechts von mir.

Zwei Gestalten im Schatten einer schmalen Einfahrt. Die lange rote Mähne einer Frau. Und ein breitschultriger Lederjacken-Typ, der …

Verdammt, ja, er hatte sie gegen die Wand gedrängt, und es sah ganz so aus, als versuche er, sie bei der Kehle zu packen!

Ich rammte den Fuß auf die Bremse.

Die Reifen des alten Ford quietschten erbärmlich. Ehe der Wagen ganz stand, stieß ich schon die Tür auf und sprang ins Freie. Der Lederjacken-Typ merkte nichts davon. Er wandte mir seinen breiten Rücken zu, ich sah, wie er an der Bluse der jungen Frau riss, und im nächsten Moment begann sie zu schreien.

»Nein!«, gellte ihre Stimme. »Hilfe! Du Schwein, du dreckiges Miststück, du …«

Die Hand des Kerls zuckte hoch und traf ihren Mund. Sie verstummte. Mit einem ratschenden Geräusch zerriss der Stoff der Bluse, und in der gleichen Sekunde war ich heran.

Ich bekam schwarzes Leder zu fassen und riss den Burschen herum. Die Frau stieß einen schrillen Schrei aus, der Kerl starrte mich an, als wäre ich ein zweiköpfiges Mondkalb. Er war neunzehn oder zwanzig Jahre alt, blond und kräftig gebaut, trug die Lederjacke auf der nackten Haut – und schien sich mächtig stark zu fühlen.

»Hau ab, oder ich mach dich alle, du Laus!«, fauchte er mich an.

Ich beförderte meine Kamera von der Brust auf den Rücken, wo sie im Zweifelsfalle weniger schnell zu Bruch gehen würde.

»Nimm den Mund nicht so voll«, warnte ich. »Ich könnte sonst …«

Er stürzte sich einfach auf mich. Sein erster, mäßig harter Haken landete in meinem Rippenbogen, ich konterte mit einer Doublette, die auch nicht von schlechten Eltern war, und tänzelte zurück, um den nächsten wütenden Hieben auszuweichen.

Aber da war der Kampf bereits zu Ende. Polizeisirenen heulten. Offensichtlich hatte einer der Anwohner die Cops alarmiert – und ebenso offensichtlich verspürte der Lederjacken-Jüngling wenig Lust, dem Auge des Gesetzes ins Blickfeld zu geraten.

Der Bursche ließ die Faust fallen, die er mir eben in die Magengrube hatte setzen wollen, warf sich herum und rannte wie ein Hase.

Ich jagte ihm nach.

Mir klang immer noch der Schrei der jungen Lady in den Ohren. Ob ich den Lederfan für den Würger hielt? Nein, zu diesem Zeitpunkt bestimmt nicht mehr. Aber ich durfte nicht die winzigste Möglichkeit außer Acht lassen, nicht nach sechs Morden.

Mit langen Sätzen folgte ich ihm in einen Hinterhof, die Kamera knallte bei jedem Schritt unsanft in meinen Rücken, und beinahe lief ich voll gegen eine Batterie Mülleimer, die mitten auf dem Hof den Weg versperrten.

Der Lederjacken-Bursche hatte die Feuerleiter erreicht.

Er sprang hoch, erwischte die unterste Sprosse ohne Schwierigkeiten. Eine halbe Sekunde vertrödelte er mit einem Blick über die Schulter – und als er sich mit einem Klimmzug nach oben ziehen wollte, war ich heran.

Ich bekam gerade noch seinen linken Fuß zu fassen.

Ein kräftiger Ruck – der Bursche brüllte auf wie ein Stier und ließ die Eisensprosse los. Im Sprung versuchte er, seinem Körper eine Drehung zu geben und sich auf mich zu werfen, aber ich war darauf vorbereitet. Blitzartig wich ich aus. Mein Gegner landete hart auf Knien und Ellenbogen, für ein paar Sekunden war er benommen, und ehe er sich auch nur halbwegs erholen konnte, hatte ich ihn schon sicher im Abführgriff.

»Saukerl!«, fauchte er. »Das zahle ich dir heim! Das …«

Er verstummte, als die beiden Cops aus dem Streifenwagen den Hof stürmten.

Ich konnte mir beim Anblick der Uniformierten ein Grinsen nicht verkneifen. Ich kannte sie. Erst vor einer knappen Woche waren sie nach Port Washington versetzt worden. Angeblich. In Wahrheit handelte es sich überhaupt nicht um Beamte der City Police, sondern um meine Kollegen Phil Decker und Zeerookah vom FBI, die als Cops getarnt agierten, um – genau wie vier andere G-men – nach Möglichkeit zu verhindern, dass es noch einmal zu einem »Würger-Mord« in der kleinen Hafenstadt auf Long Island kam.

Jetzt nahmen sie mir meinen Gefangenen ab, und mein Freund Phil fasste mich scharf ins Auge – genau wie es sich bei einem zweifelhaften Subjekt mit Kamera gehörte.

»Was ist passiert?«, fragte er. »Was geht hier vor?«

Der Lederjacken-Kerl holte Luft, aber ich kam ihm zuvor.

»Der Knabe hier hat eine junge Dame angegriffen, Officer«, berichtete ich. »Mir kam es so vor, als wolle er ihr an die Gurgel gehen und …«

»Lüge!«, kreischte der Junge. »Der dreckige Mistkerl will euch reinlegen! Die verdammte Ratte …«

Zeerookah, unser Indianer, der nur diesen einen Namen hat, produzierte einen seiner furchteinflößenden Blicke.

»Weisen Sie sich erst einmal aus«, forderte er. »Und Sie auch, Mister.«

Die letzten Worte waren an mich gerichtet.

Ich präsentierte den garantiert echten Presseausweis mit dem Namen Jeffrey Bender. Der Lederjacken-Typ führte seine Identitycard in einer Zellophanhülle mit sich, die an einem Silberkettchen auf seiner nackten Brust baumelte. Wie sich herausstellte, hieß er Tom Flemming, war neunzehn Jahre alt – und natürlich unschuldig wie ein neugeborenes Lamm.

Phil und Zeery hörten sich den Sermon geduldig an.

»Okay«, sagte mein Freund schließlich. »Ob Sie die Wahrheit sagen, wird sich auf dem Revier herausstellen. Die Lady, die Sie belästigt haben, sitzt nämlich in unserem Streifenwagen.«

»Wo?«, fragte der Rocker entgeistert.

»Im Streifenwagen. Ihre Bluse ist zerrissen, und sie hat Kratzer am Hals. Bin gespannt, wie Sie uns das erklären wollen, Flemming.«

Tom Flemming zeterte irgendetwas von »überspannten Weibern«. Aber es half ihm nichts – er musste mit aufs Revier. Ich kam mit der Ankündigung davon, dass man meine Aussage vielleicht noch brauchen werde, erntete ein aufmunterndes Zwinkern von Phil und durfte mich davonmachen.

Zwei Minuten später saß ich wieder in dem alten Ford und überlegte, was ich als Nächstes unternehmen konnte.

Denn darauf, dass uns dieser blonde Rocker auch nur einen Schritt weiterbringen würde, machte ich mir erst gar keine Hoffnungen.

***

Joyce Kendall hatte das Gefühl, aus der Tiefe eines bodenlosen schwarzen Abgrunds emporzutauchen.

Sie fühlte weiche Kissen unter sich, sie spürte eine sanfte, schaukelnde Bewegung, und für ein paar Sekunden empfand sie das Erwachen als angenehm. Erst als sie eine Bewegung machte, flammte der jähe Schmerz in ihrem Hals auf – und dabei fiel ihr wieder ein, was geschehen war.

Der Mann mit dem alten Edsel!

Der Würger!

Joyce riss die Augen auf. Über sich sah sie eine weiße Decke, eine drahtumspannte Lampe. Nein, sie befand sich nicht mehr auf der Straße am Rande von Port Washington. Sie war davongekommen. Irgendein Umstand hatte sie gerettet, vermutlich lag sie im Krankenhaus und …

Ein klatschendes Geräusch unterbrach sie. Wasser! Mühsam stützte sie sich auf die Ellenbogen, wandte den Kopf – und zuckte überrascht zusammen.

Links von ihr fiel Licht durch ein rundes, dick verglastes Bullauge. Wassertropfen hingen an der Scheibe, die schrägen Strahlen der Abendsonne fingen sich darin und funkelten rötlich.

Mit gerunzelter Stirn sah sich Joyce um. Sie entdeckte, dass sie in einem schmalen Pullman-Bett kauerte, sie sah den Tisch und die beiden Drehsessel, die fest im Boden verankert waren, und jetzt wusste sie auch das ständige leichte Schaukeln zu deuten.

Sie befand sich auf einem Schiff, kein Zweifel. Aber warum? Wie kam sie hierher? Wer …

Sie bewegte den Kopf, als wolle sie die drängenden Fragen abschütteln. Vorsichtig tastete sie über die schmerzenden Stellen an ihrem Hals und schluckte probeweise. Es tat weh – aber es ging. Entschlossen schwang sie die Beine aus dem Bett, taumelte zu dem Waschbecken an der gegenüberliegenden Wand und drehte den Hahn auf.

Wasser sprudelte heraus. Joyce wartete, bis es ein wenig abgekühlt war, trank ein paar Schlucke aus der hohlen Hand und richtete sich wieder auf. Mit einem tiefen Atemzug wischte sie sich über den Mund, stolperte – immer noch unsicher – zu dem Bullauge und presste das Gesicht gegen die Scheibe.

Wasser.

Graue, leicht bewegte See bis zum Horizont – einem rot glühenden Horizont. Joyce blinzelte und zog nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie war an der Atlantikküste aufgewachsen, gehörte einem Jachtklub an und kannte das Meer. Sie wusste sofort, dass die Fahrt in Richtung Ost-Südost ging und dass sie selbst sich irgendwo im Vorschiff aufhielt. Aber damit war die Situation nicht geklärt. Mit einem tiefen Atemzug richtete sich Joyce auf, warf die lange blonde Mähne auf den Rücken und wandte sich um.

Sie wollte zur Tür – und dabei musste sie an dem festgeschraubten Tisch vorbei.

Ihr Blick fiel auf die Fotos, die dort ausgebreitet waren. Ruckartig blieb sie stehen, griff nach einer der Aufnahmen, und ihre Augen weiteten sich.

Die Bilder zeigten sie selbst.

Sie waren offenbar heimlich gemacht worden – Amateuraufnahmen, zwar relativ scharf, aber doch mit technischen Mängeln behaftet. Drei stammten von einer Regatta, an der sie teilgenommen hatte, zwei zeigten sie mit ihrem Freund beim Tanzen, bei den anderen bildeten das Haus ihrer Eltern, der Strand und der Tennisplatz den Hintergrund.

Der Fotograf musste sie wochenlang verfolgt und beobachtet haben.

Verständnislos schüttelte Joyce den Kopf und ließ die Bilder wieder sinken. Sie überlegte krampfhaft, versuchte sich zu erinnern, ob ihr in letzter Zeit irgendein Mann mit Kamera in ihrer Umgebung aufgefallen war – doch sie kam beim besten Willen zu keinem Ergebnis.

Aber das spielte ja auch jetzt keine Rolle. Wichtig war allein die Frage, was der Überfall und die Entführung bezwecken sollten. Vermutlich ging es darum, ihren Vater zu erpressen. Jemand wollte sie als Druckmittel benutzen, Lösegeld kassieren und …

Ein Geräusch unterbrach ihre Gedanken. Schritte näherten sich draußen auf dem Niedergang – kurze, energische Schritte. Joyce hob den Kopf, starrte zur Tür und beobachtete, wie der polierte Messingknauf herumgedreht wurde.

Ein Mann betrat die Kabine.

Joyce kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie im Leben gesehen. Ihr Blick flog über die lange, auffällig hagere Gestalt, über die schmalen, behaarten Hände, über den grauen Anzug, der nicht recht auf ein Schiff passte, und blieb schließlich an dem knochigen Gesicht mit den dünnen Lippen, dem braunen Haar und den engstehenden blassgrauen Augen hängen.

Der Fremde grinste matt.

»Hallo«, sagte er. »Du bist ein bisschen früh aufgewacht, Baby. Tut mir leid, dass ich dich unter diesen Umständen wieder einschläfern muss.«

Und erst bei diesen Worten fiel Joyce die blitzende Injektionsspritze auf, die er in der Hand hielt.

***

Die Diskothek hieß »Big Bottle« und war ein beliebter Treffpunkt der Jugend – der finanzkräftigen Jugend, wohlgemerkt, denn die Preise mussten jeden abschrecken, der Dollars nicht einfach hatte, sondern durch Arbeit verdiente.

Die Wagen, die auf dem kleinen, von Büschen und Bäumen umgrenzten Parkplatz standen, passten in dieses Bild. Ich fuhr an einer Reihe chromblitzender Sportflitzer vorbei, rangierte mein Vehikel zwischen einen schwarzen Maserati und einen weißen Sunbeam Alpine und stieg aus.

Ich hatte das »Big Bottle« schon einmal aufgesucht – auftragsgemäß musste ich Kontakte zu jungen Frauen knüpfen, zu möglichen Opfern des Würgers, und meine Rolle als neugieriger Reporter erlaubte es, mich auch hier umzusehen.

Die Kamera ließ ich diesmal im Wagen. Unter den halb spöttischen, halb neugierigen Blicken von zwei vorbeischlendernden Mädchen schloss ich die alte Karre ab, versenkte den Schlüssel in der Tasche meiner zerknautschten Wildlederjacke und schlenderte auf den Eingang des Lokals zu.

Als ich die breite, beleuchtete Freitreppe hinauflief, stoppte hinter mir mit kreischenden Reifen ein Wagen.

Ich achtete nicht darauf. Meine Gedanken beschäftigten sich immer noch mit dem Rocker-Typen, den ich Phil und Zeery übergeben hatte.

Aber schon in der nächsten Minute wurde ich aufgeschreckt.

Eine Tür knallte zu.

»Nicht!«, rief eine helle, energische Frauenstimme. »Lass mich los, zum Teufel, ich …«

Und gleichzeitig hörte ich das Klatschen einer Ohrfeige.

Ich drehte mich um.

Knapp drei Yard vor der Treppe parkte ein blauer Mini-Cooper mit laufendem Motor. Die Insassen waren ausgestiegen. Ein großer, dunkelhaariger Kerl mit Sportlerfigur wandte mir das Gesicht zu. Ein markantes, gutgeschnittenes Gesicht, jung und so braun, wie man es von einem einzigen Urlaub im Jahr nicht wird. Er sah wütend aus, hielt den Arm eines Mädchens gepackt, von dem ich nur die Rückseite sehen konnte, und er hatte seiner Begleiterin offenbar gerade eine schallende Ohrfeige versetzt.

»Du blöde Gans!«, schrie er. »Du verdammte, dämliche …«

Zugegeben, es gibt sicher auch Frauen, auf die der Ausdruck »blöde Gans« passt. Aber Frauen schlägt man nicht – das ist ein Punkt, über den ich nicht diskutiere. Dass ich mich umdrehte und die Treppe wieder hinunterging, hatte also nicht das Geringste mit meinem Auftrag zu tun.

Der Junge sah mir entgegen. Offensichtlich begriff er sofort, was ich wollte – und ebenso offensichtlich kam ich ihm gerade recht als Ventil für seine Gefühlswallungen. Jedenfalls schob er seine Kinnlade vor und das Mädchen zur Seite, hakte die Daumen hinter die Gürtelschnalle und übte sich in der Pose des Helden vor dem Kampf.

»Halten Sie sich raus!«, schnauzte er, ehe ich ein Wort sagen konnte. »Wenn Sie sich einmischen …«

»Ich glaube kaum, dass die Lady etwas gegen meine Einmischung einzuwenden hat«, unterbrach ich ihn ruhig. »Wenn Sie sich schon nicht entschuldigen wollen, sollten Sie schleunigst verschwinden, Mister.«

Er musterte mich vom Kopf bis zu den Zehen. Seine Nasenflügel bebten. Die erste Wut jedoch schien so weit verraucht zu sein, dass er seine Aggressivität halbwegs zügeln konnte.

»Halten Sie sich raus!«, wiederholte er. Und in Richtung der jungen Frau: »Du kommst mit, los!«

Dabei wollte er wieder nach ihr greifen – aber ich war schneller. Hart packte ich zu, fing sein Gelenk ab und bog ihm den Arm nach unten.

Seine Augen wurden schmal.

»Pfoten weg!«, zischte er. »Kommen Sie bloß nicht auf die Schnapsidee, sich mit mir anzulegen. Ich habe Boxen gelernt, Mister!«

Immerhin ein netter Zug, dass er mich davon in Kenntnis setzte. Ich revanchierte mich.

»Ich habe es ebenfalls gelernt«, sagte ich trocken. »Aber ich bin nicht an einem Ausscheidungskampf interessiert. Sie hätten nicht den Schimmer einer Chance.«

Wieder vibrierten seine Nasenflügel – diesmal eindeutig verächtlich. Ein paar Sekunden zögerte er, dann nahm er die linke Faust zurück.