Jerry Cotton Sonder-Edition 147 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition 147 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Von der ersten Notiz über jenen Amokfahrer, der schließlich mit seinem Wagen in einen See stürzte, nahmen Phil und ich keine besondere Kenntnis. Beim zweiten Fall, bei dem mich der Amokfahrer um Haaresbreite erwischte, begannen bei uns die Alarmglocken zu schrillen. Dann stellten die Amok-Gangster ihr Ultimatum: Geld - oder sie würden New York mit Amok überziehen. Phil und ich zweifelten an unserem Verstand. Die Gangster fackelten nicht lange. Die Amok-Bande schlug erneut zu. Und diesmal gab es Tote.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Die Amok-Gang

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: antoniodiaz / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0672-8

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Die Amok-Gang

Von der ersten Notiz über jenen Amokfahrer, der schließlich mit seinem Wagen in einen See stürzte, nahmen Phil und ich keine besondere Kenntnis. Beim zweiten Fall, bei dem mich der Amokfahrer um Haaresbreite erwischte, begannen bei uns die Alarmglocken zu schrillen. Dann stellten die Amok-Gangster ihr Ultimatum: Geld – oder sie würden New York mit Amok überziehen. Phil und ich zweifelten an unserem Verstand. Die Gangster fackelten nicht lange. Die Amok-Bande schlug erneut zu. Und diesmal gab es Tote.

1

Das Kind konnte nicht so laufen wie alle anderen. Am Morgen wurde sein verkürztes Bein in eine eiserne Schiene gespannt, die es strecken sollte. Dann humpelte es durchs Haus, hangelte sich die Treppe hinunter, und die Mutter hob es zum Frühstück auf den Stuhl am Tisch.

Später holte es sich sein Spielzeug aus dem Winkel unter dem Alkoven, einen zerbeulten roten Truck mit Anhänger, und bei schönem Wetter bewegte sich das Kind hinaus auf den Hof an der großen Straße. Dort wo die Sattelschlepper und Lastzüge vorbeidonnerten, hockte es auf dem steinigen Boden und fuhr den kleinen roten Truck brummend und summend hin und her, stundenlang.

Das Kind konnte nicht spielen wie alle anderen. Zu dem verkürzten Bein kam bei ihm eine gestörte geistige Entwicklung.

Es sah aus großen, runden Augen in die Welt, die es nicht verstand. Und nur wenn einer der schweren Wagen über die Straße dröhnte, kam ein Schimmer des Verstehens in seine stumpfen Züge – und wenn es die Mutter aufnahm und ins Haus zurücktrug.

Die Sonne stach an diesem Morgen zwischen regenschweren Wolken hervor. Das Kind schlug ungelenk nach den Mücken, die es umtanzten, und stieß den blechernen Truck rasselnd über die Erde. Hinter dem Hügel kreischten für einen Moment die blockierenden Bremsen eines Wagens, dann röhrte ein überdrehter Motor auf.

Das Kind blickte hoch, schien aufmerksam zu werden. Es stand mühsam auf und hinkte ein paar schleifende Schritte näher zur Fahrbahn. Es erblickte den roten Ford, der wie im Sprung über die Hügelkuppe geschossen kam. Seine Augen glänzten auf.

Der Wagen kam in rasender Fahrt die Straße herunter, hätte eigentlich vor der Kurve am Haus abbremsen müssen, aber der Fahrer schien blind zu sein. Wie wild blinkte er mit der Lichthupe. Dann, im letzten Moment, trat der Fahrer wohl doch auf die Bremse, und gleichzeitig riss er das Steuer herum. Der Wagen brach mit dem Heck aus und schleuderte, fast querstehend, heran.

Das Kind öffnete den Mund zu einem Schrei. Da wurde sein verzerrtes Gesicht von den hochgeschleuderten Steinen getroffen, und Sekundenbruchteile später erfasste die heransausende Stoßstange das Beinchen mit der Metallschiene.

Das Kind flog hoch in die Luft. Es wurde herumgewirbelt. Immer noch hielt es den kleinen roten Truck in der Faust. Erst als es mit dem Kopf schwer auf den Asphalt schlug und über die Fahrbahn schlitterte, löste sich der Griff seiner Finger, und das Spielzeug rollte davon, hinter dem roten Ford her, der in einer Staubwolke in der nächsten Kurve verschwand.

Der Fahrer schien von alledem nichts gemerkt zu haben. Er saß vornübergebeugt hinter dem Steuer, das er krampfhaft umklammert hielt, und stierte auf das schwarze Band der Straße. Er meinte geradeaus zu fahren und schlingerte jedoch immer wieder über die Mittellinie.

Ein weißer Sportwagen kam ihm entgegen. Er sah ihn ganz klein in weiter Ferne, leckte sich die Lippen, als er im Näherkommen größer wurde, und hielt direkt darauf zu.

Kurz vor dem Zusammenprall wollte er das Steuer herumreißen. Aber der Fahrer des Sportwagens verlor die Nerven. Als er den offenbar Wahnsinnigen auf seiner, der falschen Straßenseite heranrasen sah, bremste er voll ab und lenkte nach rechts – vielleicht um knapp davonkommen zu können. Der schmale Grasstreifen war allerdings abschüssig, und der weiße Sportwagen schoss über die Schräge, flog sich überschlagend den Abhang hinunter.

Der rote Ford machte einen Schlenker in die Fahrbahnmitte zurück und wurde die kleine Anhöhe hinaufgezogen. Ein Schild zeigte an, dass weiter oben an der Straße gearbeitet wurde. Gerade jetzt blieb der Ford jedoch auf der äußersten rechten Fahrbahnseite und preschte mit unverminderter Geschwindigkeit auf die Kuppe zu. Er zischte haarscharf an den Bäumen vorbei. Unter einem zweiten Warnschild, das die Arbeiter in Kopfhöhe an einen Baum genagelt hatten, tauchte er um Haaresbreite hindurch. Dann hatte er die Kuppe des Hügels erreicht ...

Ob der Fahrer die rot-weiße Bake sah, wird man nie mehr erfahren können. Er erwischte sie mit dem vorderen rechten Kotflügel, riss sie aus ihrer Auflage und ließ sie wie ein buntes Blatt Papier emporwirbeln.

Der Straßenarbeiter, der gerade seinen Teer auf einem Propangaskocher erhitzte, hörte noch den Krach. Er fuhr herum, hob in unwillkürlicher Abwehr die Hände – da war der rote Ford über ihm. Der Teerkessel schien zu explodieren. Der Mann spürte die glühend heiße Flüssigkeit nur eine Sekunde lang, zugleich mit dem heftigen Stoß vor die Brust, der ihm die Rippen brach. Die reißenden Seitenbleche des roten Ford, die platzende Gasflasche, der Schrei des Arbeiters, der mit dem Kessel vor der Brust zwischen die Büsche flog, das alles vermischte sich zu einem kreischenden Inferno.

Die Windschutzscheibe des roten Ford war zum größten Teil mit Teerspritzern bedeckt. Aber der Fahrer schüttelte nur den Kopf, presste die Lippen zusammen und trat das Gaspedal voll durch. Er nahm nicht wahr, dass ein Teil der abgerissenen Türverkleidung auf der Straße schleifte, schließlich abriss und in den Graben segelte. Er sah nur die lange Gerade vor sich, die er entlangschoss. Damit er überhaupt noch etwas sehen konnte, saß er weit vorgebeugt.

Am Ende der Geraden kam wieder eine Linkskurve, die schräg nach oben führte. Ehe sie diese Küstenstraße ausgebaut hatten, war sie Zufahrt zu einem Aussichtspunkt oben auf den Klippen gewesen. Jetzt hatte man, damit sich kein Ortsfremder verfuhr, den alten Teil der Straße mit einem hölzernen Geländer abgesperrt und die Straße in einer lang gezogenen Rechtskurve weitergeführt.

Der rote Ford hatte die Mittellinie genau zwischen den Rädern, als er in die erste Linkskurve ging. Die Reifen pfiffen auf dem glatten Asphalt.

Mit einem gewohnheitsmäßigen Blick in den Rückspiegel sah der Fahrer weit hinter sich das zuckende Warnlicht eines Streifenwagens, der seine Verfolgung aufgenommen hatte. Dann wandte er den Blick wieder nach vorn, sah den Richtungspfeil, der von dem Geländer weg nach rechts wies, und biss die Zähne zusammen. Wahrscheinlich kannte er die Gegend nicht und vermutete dahinter eine gesperrte Abkürzung. Jedenfalls durchbrach er mit voller Geschwindigkeit die Barriere. Nur ein kurzer Ruck ging durch das Fahrzeug, als die Vorderfront endgültig eingedrückt wurde. Die Splitter des Geländers flogen nach allen Seiten. Der Wagen preschte über den Kies, raste mit unvermindertem Tempo auf den verlassenen Parkplatz des ehemaligen Aussichtspunkts. Der Fahrer musste einfach sehen, dass es hier nicht weiterging, dass die Kante vor ihm den steilen Absturz von der Klippe markierte, hinter dem es fast dreihundert Fuß in die Tiefe ging, aber er hielt den Fuß auf dem Gaspedal. Erst in allerletzter Sekunde nahm der rote Ford das Heck hoch, als würde er mit aller Macht abgebremst. Doch es war zu spät. Wie eine Rakete schoss der Wagen ins Leere hinaus.

In das Sausen des Windes mischte sich das Schrillen des überdrehten Motors, der die Räder in rasendem Wirbel weiter antrieb, als sie schon längst keinen festen Grund mehr unter sich hatten. In einer lang geschwungenen Parabel flog der Wagen durch die Luft.

Vom Atlantik her rollten die schweren Wogen heran und schäumten als Brecher über die Felsklippen. Der Wagen schlug aufs Wasser, wurde sofort von einer heranstürmenden See gepackt und auf einen Felsen geschlagen. Die Seitenholme brachen, das Dach zerbarst. Rauschend lief das Wasser von dem dampfenden Wrack, da kam schon die nächste Woge, hob den Trümmerhaufen empor und schleuderte ihn abermals zwischen die Felsen. Wie mit Hammerschlägen wurde das Fahrzeug zertrümmert, zerfetzt und auseinandergerissen. Eine Sitzbank tanzte auf den weißlich schäumenden Wellenkämmen. Für einen Augenblick wurde die dunkle Gestalt eines Mannes sichtbar, die aus einem kreiselnden Strudel auftauchte und sofort von der alles zermalmenden Strömung wieder weggerissen wurde.

Ich hatte in Hartford zu tun gehabt – Aufräumungsarbeiten, wenn Sie so wollen, abschließende Protokolle und Berichte eines Falls, den ich mit den FBI-Kollegen von Connecticut bearbeitet hatte. Dieser Papierkrieg ist unvermeidlich, und so ungern ich mich damit befasse, so selbstverständlich braucht doch das Gericht alle Unterlagen, um Anklage erheben zu können, wenn wir ermittelt und einen Täter überführt haben.

Es war später Nachmittag, als ich vom Interstate Highway abbog und auf schmalen Straßen zur Küste hinüberrollte. Auf dem Hinweg hatte ich schon gesehen, dass der Interstate Highway 95 bei New Haven durch eine Reihe von Schwertransportern überfüllt war. Das hatte sich vermutlich bis jetzt nicht gebessert, und da mir der Rest des schönen Tages ganz allein gehörte, wollte ich gemütlich an der Küste und später am Long Island Sound entlangbummeln und die paar freien Stunden am Steuer meines roten Jaguar genießen. Nach New York zurück kam ich immer noch früh genug. Ich drehte das Seitenfenster herunter und ließ die frische Seeluft herein. Für einen smoggeplagten New Yorker ein seltenes Vergnügen ...

Die Straße war mächtig befahren. Noch hatte die Touristensaison nicht eingesetzt, die kleinen Küstenortschaften Connecticuts, durch die ich gemächlich fuhr, machten einen verschlafenen Eindruck. Hin und wieder trat ich aufs Gaspedal und überholte einen Lieferwagen oder ein paar Leute, die nach Dienstschluss noch ein wenig hinausfuhren, zum Angeln vielleicht oder zum nächsten Golfplatz.

Ich sah den gelben Chevrolet schon von Weitem heranfegen. Er näherte sich der Straße von rechts auf einem Feldweg, und die Staubfahne, die er hinter sich herzog, deutete auf eine unangemessen hohe Geschwindigkeit. Ich ging ein wenig vom Gas, ehe ich die Einmündung erreichte. Vielleicht lag ein Notfall vor, und er fuhr so schnell, um Hilfe zu holen. Vielleicht war es ein Betrunkener, und denen geht man besser aus dem Weg. Auf jeden Fall erwartete ich, dass er sein Tempo mäßigen würde, doch er dachte gar nicht daran.

Obwohl der Feldweg fast im rechten Winkel auf meine Straße stieß, wurde der Chevy brutal in die enge Kurve gerissen. Die Reifen radierten, das Heck schleuderte herum, und nur weil der Fahrer im genau richtigen Augenblick wieder Vollgas gab, schoss der Wagen aus der wilden Schleuderei kurz vor meinem Kühler in der neuen Fahrtrichtung davon. Er geriet dabei für einen Moment auf den Seitenstreifen und warf mir ein paar Steine und Grasbüschel gegen die Windschutzscheibe. Automatisch registrierte ich die Zulassungsnummer. Ich habe zwar offiziell mit dem Straßenverkehr nichts zu tun, aber ich mag Rowdies nicht, die sich und andere gefährden.

Jetzt fuhr er stur seine achtzig Meilen. Ich hängte mich dran. Noch glaubte ich, dass er in der nächsten Ortschaft anhalten würde, vielleicht beim Arzt, vor dem Krankenhaus oder der Apotheke. Er donnerte allerdings mit unvermindertem Tempo durch den kleinen Ort.

Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich aus einer Seitenstraße einen alten schwarzen Dodge kommen sah, vorsichtig zwar, weil er in die Hauptstraße einbiegen wollte, jedoch nicht gefasst auf einen wie verrückt heranrasenden Wagen. Der Fahrer – das sah ich aus den Augenwinkeln im Vorüberjagen – riss das Steuer herum und bohrte sich einen Lampenmast in den Kühler. Dann waren wir schon wieder aus der Ortschaft heraus.

Leider hatte ich für die Fahrt nach Hartford mein Warnlicht nicht mitgenommen. Sollte ich die Sirene anstellen? Sie würde wenigstens andere Verkehrsteilnehmer vor diesem Irren warnen. Ich drückte auf den Knopf, und das Geheul begann.

Den Fahrer vor mir schien es nur noch anzuspornen. Mehrmals machte ich den Versuch, mich neben ihn zu setzen, ihn zu überholen, aber er scherte immer so ruckartig aus, dass ich fast von der Straße gedrängt wurde.

Mein Blick ging zum Funktelefon. Ich kannte die Frequenz der Verkehrspolizei in diesem Teil Connecticuts nicht, und bei diesem Tempo war es unmöglich, den Wähler zu bedienen und gleichzeitig den Hörer zu halten.

In der Ferne sah ich die zuckenden Lichter einer Straßensperre. Offensichtlich hatte jemand die Polizei alarmiert, die den Fahrer des gelben Chevy nun zu stoppen versuchte. Wir kamen näher. Ich erkannte den quergestellten Streifenwagen und die versetzt aufgestellten Absperrbalken. Hoffentlich würde der Verrückte darauf reagieren!

Jetzt ... jetzt müssten seine Bremslichter aufleuchten. Der Cop schwenkte seine rote Lampe. Der Chevy jagte genau auf ihn zu. Meine Sirene schrie in den höchsten Tönen, und ich presste zusätzlich noch den Daumen auf die Hupe. Mit einem Krach durchbrach der gelbe Chevrolet vor mir die Sperre. Die Bretter flatterten davon, ich sah den uniformierten Polizisten mit einem verzweifelten Hechtsprung im Gebüsch verschwinden.

Anscheinend hatte der Chevy alles ohne großen Schaden überstanden. Er legte sogar noch an Tempo zu. Ich hatte Mühe, ihm auf dieser Slalomstrecke zwischen den flachen grünen Hügeln zu folgen, denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man riskant fährt oder verrückt ...

Es ging auf eine Kurve zu. Sie war ziemlich weit geschwungen, und man hatte sie zu einem Parkplatz ausgebaut, der früher wohl einmal eine Abkürzungsstrecke gewesen war. Wenn der Fahrer vor mir die Gelegenheit nicht nutzte, bot sie mir die Möglichkeit, ihn zu überholen und ihm den Weg abzuschneiden.

Er übersah die Einfahrt. Jetzt konnte ich die Überlegenheit meines Jaguar ausspielen! Ich trat das Gaspedal voll durch. Der Wagen machte aus der hohen Geschwindigkeit heraus einen Satz nach vorn. Ich donnerte über den lang gestreckten, leeren Parkplatz, geriet auf dem Rollsplit und den Kieselsteinen ein wenig ins Rutschen, fing den Wagen aber ab und schoss mit einem halsbrecherischen Schwenk auf der anderen Seite der abgeschnittenen Kurve wieder auf die Straße – vielleicht drei, vier Yards vor dem heranjagenden Chevrolet.

Jetzt hatte ich ihn hinter mir. Er fuhr mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern, drückte immer wieder auf die Hupe. Vor uns war die Straße frei. Ich hob die Hand und gab ihm ein Zeichen anzuhalten. Er dachte gar nicht daran, sondern rückte auf, dass sich beinahe unsere Stoßstangen berührten.

Irgendwie musste ich ihn jetzt stoppen. Die nächste Ortschaft kam in Sicht, und es wäre verbrecherisch gewesen, mit dieser Geschwindigkeit weiterzufahren. Sacht drückte ich auf die Bremse. Ich fuhr genau in der Mitte der Straße. Ein dumpfes Poltern zeigte mir, dass er aufgefahren war, mein Heck berührt hatte. Sollte die hintere Partie meines Flitzers zum Teufel gehen, wenn ich diesen Wahnsinnigen wenigstens anhalten konnte. Ich bremste stärker, er schien von hinten zu schieben.

Auf einmal kam ich frei. Er bremste nun auch. Dann erkannte ich, warum. Da war eine kleine Abzweigung nach rechts, nicht mehr als ein Weg. Er führte direkt auf einige Schuppen und Fabrikgebäude zu. Im Rückspiegel sah ich, wie der gelbe Chevy auf diesen Weg schleuderte. Rechnete er sich da eine Chance aus, mir zu entkommen?

Ich bremste voll ab und schaltete die Sirene aus. Meine Reifen zogen zwei schwarze Linien auf den Asphalt. Ich lenkte den Jaguar auf den Seitenstreifen, blickte nach rechts, meine Hand ging zum Türgriff, als plötzlich aus einem der Schuppen eine Stichflamme hochschoss. Die graue Seitenwand wölbte sich nach außen, Qualm brach aus den Ritzen hervor.

Für Sekundenbruchteile war ich wie erstarrt. Dann legte ich den Rückwärtsgang ein, setzte bis zu der Abzweigung zurück und schlug das Steuer ein. Der Chevy hatte tiefe Spuren in den Sand gezogen, und sie führten geradewegs auf den Schuppen zu und hinein in den schwarzen Qualm, der mir entgegenwolkte.

Ich stoppte, riss reflexartig den Feuerlöscher aus der Halterung und rannte los. Aber ich hatte den brennenden und halb zusammengestürzten Schuppen noch nicht erreicht, als mir aus dem Rauch ein Mann entgegentaumelte. Er hielt die Hände vors Gesicht und blutete aus einer Kopfwunde. Ich fing ihn auf.

»Hey, was ist passiert?«, schrie ich.

Er schüttelte nur den Kopf.

»Verrückt, verrückt ...«, stammelte er.

Ich ließ ihn zu Boden gleiten. Anscheinend stand er unter Schock, und ich musste nachsehen, ob sich noch mehr Personen im Schuppen befanden.

Hitze strahlte mir entgegen. Irgendetwas war explodiert. Das Schuppentor hing verbogen in den Angeln, die Wände waren ebenfalls aus den Befestigungen gerissen. Das Wellblech glühte an einigen Stellen, und selbst auf dem Boden kam mir etwas entgegen, das wie flüssiges Feuer aussah. Ich drehte das Ventil des Feuerlöschers auf und schickte einen Strahl Kohlensäureschaum in die hochzüngelnden Flammen. Dampf wölkte zischend hoch, ich kam ein paar Schritte in den Schuppen hinein. Sofort überfiel mich wieder die Glut, die den ganzen Raum erfüllte.

Draußen näherte sich Sirenengeheul, das vor dem Schuppen erstarb. Ich allein konnte hier nichts ausrichten. Deshalb wandte ich mich zurück und wankte, von der Hitze benommen, ans Tageslicht und an die Luft.

Zwei Feuerwehrwagen hielten direkt vor mir. Ein Feuerwehrmann stürzte auf mich zu, hielt mich wohl für ein Opfer der Katastrophe, doch ich winkte ab, als er mich stützen wollte.

»Ich habe versucht zu löschen. Verdammt heiß da drinnen!«

Er nickte und sah verächtlich auf meinen kleinen Feuerlöscher herab. »Wie ist das passiert?«

Seine Kollegen entrollten schon die Schläuche und schlossen sie an die Tanks auf den Fahrzeugen an.

»Ein Wagen ist anscheinend hineingefahren, von der Straße abgekommen und in dem Schuppen gelandet. Mehr kann ich nicht sagen.«

»Okay. Das ist nämlich 'ne Metallgießerei. Duralumin und so 'n Zeug. Hat er den Ofen beschädigt?«

»Keine Ahnung, sieht aber so aus. Mir kam flüssiges Metall entgegen.«

Er winkte seinen Leuten zu und gab ein paar unverständliche Anweisungen. Mit zwei Löschgruppen rückten sie vor und schossen aus ihren Rohren das Wasser in den Schuppen.

»Und wenn noch jemand drinnen ist?«, schrie ich dem Feuerwehrmann ins Ohr.

Er zuckte mit den Schultern. »Nichts zu machen, solange der ganze Laden glüht. Joe meint, er sei allein gewesen.« Er wies auf den Mann, der sich gerade seine Kopfwunde verbinden ließ.

»Na schön, und der Fahrer des Wagens?«

Der Feuerwehrmann hob die Arme hilflos in die Höhe. »Aluminium schmilzt bei schätzungsweise tausenddreihundert Grad Fahrenheit.«

Es zischte gewaltig, wo das Wasser auf die heißen Wände traf, und dichte weiße Dampfwolken brachen aus allen Ritzen und Löchern.

»Trotzdem«, wandte ich ein, »was immer von dem Fahrer übrig ist, ich möchte es obduziert haben.«

Ich spürte den verwunderten Blick des Feuerwehrmanns. Dann drehte er den Kopf herum und betrachtete meinen roten Jaguar, las das Nummernschild und sah mich wieder an.

»Davon hab ich schon mal was gehört. Roter Jaguar mit New Yorker Nummer, und ein ziemlich scharfer Hecht – FBI, nicht wahr?«

»Ja. Ich bin Jerry Cotton.«

»Dacht' ich mir's doch! Und das ist ein FBI-Fall? Hab ich recht?«

»Das ist kein FBI-Fall«, stellte ich klar. »Der Fahrer des Wagens, der jetzt da drinnen verglüht, kam mir zufällig in die Quere. Er fuhr wie ein Irrer, und als ich ihn überholt hatte und stoppen wollte, rammte er mich von hinten, ehe er schließlich in diesen Seitenweg abbog und in die Gießerei raste. Ich würde das gern Ihrem Sheriff erzählen. Nehme an, er interessiert sich für die Verrückten auf seinen Straßen.«

Der Feuerwehrmann nickte bedächtig. »Das tut er, wenn er nicht gerade mit Blinddarmentzündung im Hospital liegt. Und der Deputy ist seit heute Morgen in New Haven bei einer Gerichtsverhandlung ...«

»Mehr haben Sie hier nicht an Polizei?«

»Nein. Wir sind ein friedliches Städtchen. Aber wenn es Sie in den Fingern juckt, ich glaube mich zu erinnern, dass Sie in diesem Fall Polizeigewalt haben, G-man. Zumal der Verrückte, von dem Sie reden, die Staatsgrenze überfahren hat, während er gegen irgendwelche Gesetze verstieß. Da hinten am Wäldchen verläuft sie.«

Er hatte recht. In diesem Fall war ich nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, polizeilich tätig zu werden, wenn der begründete Verdacht auf eine Straftat bestand. Einer der Feuerwehrleute kam heran, triefnass und schwitzend.

»Feuer aus«, meldete er. »Wir könnten hinein und nachsehen, was alles kaputt ist, wenn Ihnen daran liegt.«

»Mir liegt sehr viel daran«, bestätigte ich.

»Zieht die Schuppentüren mit der Winde auseinander«, befahl der Feuerwehrchef.

Sie gingen geschickt und schnell zu Werk. Von der vorderen Seilwinde des ersten Fahrzeugs rollten sie ein Drahtseil ab, befestigten es an den schief in den Angeln hängenden Wellblechtüren und schalteten den Windenmotor ein. Das Seil straffte sich, es knackte in dem verglühten Blech, und dann sprangen die geborstenen Türen nach außen auf. Noch einmal drang eine Qualmwolke heraus, drinnen blieb alles dunkel und still.

»Gehen wir.« Ich marschierte an der Seite des Feuerwehrmanns in den dunklen Schuppen hinein.

Es stank nach heißem Metall und verbranntem Öl. Auf dem Fußboden stand das Wasser in schmierigen Pfützen.

»Na ...«, sagte der Feuerwehrmann nur.

In der Mitte des Raums hatte die Gießmaschine gestanden. Der Wagen war mit voller Wucht durch die geschlossenen Türen gerast und gegen den Ofen mit der aufgesetzten Schmelzwanne geprallt. Diese war geplatzt, und das flüssige Metall hatte sich mit der Gewalt einer Explosion in den ganzen Raum verteilt. der ehemals gelbe Chevrolet steckte mit dem ganzen Vorderteil in den Trümmern der Gießmaschine. Er war von der Hitze dunkelbraun geworden, aber die Scheiben aus Sicherheitsglas hatten gehalten. Sie waren milchweiß und bröckelig geworden, füllten jedoch nach wie vor ihre Rahmen aus. Der Kofferraumdeckel stand hoch, die innere Verkleidung qualmte und war zusammengeschmolzen.

»Sollen wir ihn herausziehen?«

»Wäre das Beste. Können Sie die Szene vorher fotografieren?«, fragte ich.

»Natürlich. Haben wir zur Beweissicherung immer dabei.«

Diese ländliche Feuerwehr war tatsächlich gut ausgerüstet. Einer der Leute blitzte den Chevy von allen Seiten, dann holten sie wieder das Seil der Winde und zogen den Wagen krachend und auf den verbogenen Felgen ans Tageslicht.

Die Türen waren zusammengestaucht, doch sie holten eine Brechstange und wuchteten die linke Tür mit ein paar Hebelbewegungen auf.

Der Mann auf dem Fahrersitz bot keinen schönen Anblick. Die Hitze hatte ihm ziemlich zugesetzt. Das Haar war puderig verascht, und der Anzug löste sich bei der leisesten Bewegung auf. Trotzdem musste eine Obduktion möglich sein.

»Wo ist die nächste Gerichtsmedizin?«, fragte ich.

»In New Haven. Einen Krankenwagen haben wir, aber wie kriegen wir den Mann dorthin? Er zerfällt uns, wenn wir ihn nur bewegen.«

Der Feuerwehrmann hatte recht. Trotzdem, es musste sein. Ich wollte Klarheit haben, warum dieser Mann wie ein Amokfahrer über die Straßen gerast war, und vielleicht würde es der Arzt bei einer Untersuchung herausfinden.

»Kann man nicht das ganze Fahrzeug auf einen Pritschenwagen heben und nach New Haven fahren? Notfalls muss der Arzt dann an Ort und Stelle obduzieren.«

»Kann man.« Der Feuerwehrmann nickte. »Wenn Sie die Anweisung geben und unterschreiben, machen wir das.«

»Okay. Fangen Sie an«, sagte ich kurz entschlossen und überlegte, wer denn nun eigentlich zuständig wäre, wenn dies ein Fall würde. Dabei hatte er längst begonnen ...

2

»Jerry, sofort zum Chef!«, sagte Steve Dillaggio, als ich am anderen Morgen die Halle der Headquarters betrat.

Ich hatte sowieso vor, Mr. High Bericht zu erstatten, und so fuhr ich gleich hinauf, erfreute Helen, die Sekretärin des Chefs, mit meinem Lächeln und wurde gleich zu ihm hineingebeten.

Mr. High saß, ein ungewohnter Anblick, hinter seinem aufgeräumten Schreibtisch und las Zeitung. An den meisten Tagen hat er dazu kaum Muße, er überfliegt den Pressespiegel, der für ihn in aller Frühe zusammengestellt wird, und wenn er das pflichtgemäß tut, hat er die New Yorker Morgenzeitungen längst gelesen.

Es war jedoch auch keine New Yorker Zeitung, wie ich mit einem verwunderten Blick feststellte.

»Hallo, Jerry«, begrüßte er mich und legte das Zeitungsblatt auf den Tisch. »Sie waren gestern in Hartford, richtig?«

»Gewiss, Sir. Die Abschlussprotokolle im Fall Keeling.«

»Und auf dem Rückweg ... sind Sie da zufällig durch New Haven gekommen?«

»Nein. Allerdings war ich in der Gegend, das Nest heißt Seaport, und ich wollte Ihnen gerade berichten, was da vorgefallen ist.«

Er nickte. »Gut. Ich habe hier einen Zeitungsbericht, in dem ein New Yorker G-man erwähnt wird, und da ich sehr genau weiß, wo sich meine Beamten aufhalten, dachte ich mir schon, dass nur Sie ... Aber berichten Sie erst, Jerry. Ich möchte, dass Sie unbeeinflusst den Hergang schildern.«

Ein bisschen wunderte mich die geheimnisvolle Art des Chefs, der sonst recht schnell zur Sache kommt. Ich gab ihm den gewünschten Bericht und schloss damit, dass ich sicherheitshalber den Toten nach New Haven zur Gerichtsmedizin hatte schaffen lassen und jetzt auf den Obduktionsbericht des Arztes wartete.

»Hm«, machte Mr. High nachdenklich. »Sie haben gerade, vielleicht unbewusst, den Ausdruck ›Amokfahrer‹ gebraucht.«

»Ich kann seine Fahrweise und seine Reaktionen nicht anders schildern, Sir.«

»Ja, sicher. Ich verstehe. Doch lesen Sie selbst.«

Er schob mir die Zeitung herüber. Es war das Lokalblatt von New Haven, die erste Seite, und die Schlagzeile Amokfahrer unterwegs! war nicht zu übersehen. In ziemlich reißerischer Aufmachung schilderte der Artikel die Todesfahrten zweier offensichtlich Geistesgestörter, die in den letzten zwei Tagen in der Gegend aufgetaucht sein sollten. Der erste hatte zwei tödliche Unfälle und einen Unfall mit zwei Schwerverletzten verursacht, ehe er mit seinem Wagen über eine Klippe in die See gestürzt war, der zweite war gestern durch eine Polizeisperre gerast, ehe er in eine Aluminiumgießerei hineingefahren und darin zu Tode gekommen war.

»Von dem ersten Fall hatte ich keine Ahnung, die Fakten des zweiten stimmen.«

»Gut. Aber lesen Sie zuerst zu Ende, Jerry.«

Tatsächlich kam das Interessanteste noch. Der Verfasser, der nur mit seinen Anfangsbuchstaben gezeichnet hatte, stellte zum Schluss die merkwürdige Frage, ob sich diese Fälle in naher Zukunft wohl häufen würden, ob eine regelrechte Amokepidemie zu befürchten sei und sich bald niemand mehr ungefährdet auf den Straßen bewegen könne. Die Polizei schlafe wohl, die öffentliche Gesundheitsfürsorge sei offenbar unfähig, und bei den bevorstehenden Wahlen werde der Bürger mit großer Aufmerksamkeit ...

»Was soll der Unsinn?«, fragte ich aufgebracht. »Ein Blick ins nächste Lexikon hätte dem Mann sagen können, dass Amok keine ansteckende Krankheit ist. Und die Tatsache, dass zufällig an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ...«

Mr. High nickte. »Vollkommen richtig, Jerry. Ich habe genauso reagiert. Es ist unverantwortlich, die Bevölkerung auf diese Weise zu beunruhigen. Deshalb habe ich mit der Redaktion dieses Blatts telefoniert.« Er machte eine Pause.

»Und?«

»Der Lokalredakteur hat angeblich einen Anruf erhalten, er möge sich doch einmal um das Untersuchungsergebnis bei der Gerichtsmedizin in New Haven kümmern. Und heute Morgen bekomme er weitere Nachrichten über eine drohende Amokepidemie!«

»Klingt verrückt, Sir. Ich würde das für die übliche Sensationsmache halten, wenn ...«

»Wenn?«