Jerry Cotton Sonder-Edition 149 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition 149 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Bisher hatte Raul Carmody alle Probleme auf seine Weise gelöst: durch Mord. Aber als er June Merrit umbringen ließ, hatte er den entscheidenden Mord zu viel begangen. June Merrits Rächer jagte ihn. Carmody fing an, um sein Leben zu kämpfen - doch was er auch tat, es schien auf der ganzen Erde keinen Platz mehr zu geben, an dem der Gangsterboss sicher war. Eine Höllenjagd begann. Phil und ich mussten zu einem erbarmungslosen Wettlauf gegen den Tod antreten, der erst jenseits des Atlantiks, in Amsterdam, in einem blutigen Finale endete ...

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Ein Mord zu viel

Vorschau

Impressum

Ein Mord zu viel

Bisher hatte Raul Carmody alle Probleme auf seine Weise gelöst: durch Mord. Aber als er June Merrit umbringen ließ, hatte er den entscheidenden Mord zu viel begangen. June Merrits Rächer jagte ihn. Carmody fing an, um sein Leben zu kämpfen – doch was er auch tat, es schien auf der ganzen Erde keinen Platz mehr zu geben, an dem der Gangsterboss sicher war. Eine Höllenjagd begann. Phil und ich mussten zu einem erbarmungslosen Wettlauf gegen den Tod antreten, der erst jenseits des Atlantiks, in Amsterdam, in einem blutigen Finale endete ...

1

»Das ist nicht wahr!« Ihre Stimme klang schrill, ihre blauen Augen flackerten. »Es ist nicht wahr, Raul! Ich habe den Kerl überhaupt nicht angeschaut. Was kann ich denn dafür, wenn mich dieser verdammte Playboy belästigt, was ...?«

Raul Carmody schwankte.

Er hatte getrunken, sein ansonsten markantes Gesicht unter dem lackschwarzen Haar wirkte gedunsen, die Augen gleißten in unvernünftiger Wut. June Merrit war bis in eine Ecke des eleganten Livingroom zurückgewichen, und der kräftige, muskulöse Mann im Smoking versperrte ihr den Weg.

»Du hast dich dem Kerl an den Hals geworfen!«, fauchte er. »Aus dem Haus sollte ich dich schmeißen, du Miststück! Glaubst du, ich behänge dich mit Pelzen und Schmuck, damit du ...?«

»Hör auf!« Auch Junes Gesicht verzerrte sich jetzt vor Zorn. »Hör endlich auf mit deiner elenden Eifersucht! Ich kann's nicht mehr ertragen! Das ist ja krankhaft, das ...«

Ihre Stimme erstickte.

Völlig überraschend schlug Raul Carmody zu. Junes Kopf wurde gegen die Schranktür geschleudert, sie zerschnitt sich die Lippen an den Zähnen, und ihr Blick verschwamm hinter einem Tränenschleier.

»Du Schwein!«, flüsterte sie. »Du gemeines, dreckiges ...«

Carmody wollte noch einmal ausholen. June versteifte sich. Krampfhaft presste sie sich gegen die Schrankwand, aber auch sie hatte Alkohol im Blut, und die Wut, die in ihr hochkochte, ließ sich einfach nicht beherrschen.

»Fass mich nicht an!«, schrie sie. »Fass mich nicht an, oder du wirst es bereuen! Vergiss ja nicht, was ich alles von dir weiß! Das Genick könnte ich dir brechen, du ... du ...«

Sie stockte abrupt.

Der Mann vor ihr hatte die Hand sinken lassen. Sein flackernder Blick vereiste. Die verzerrte Fratze wurde von einer Sekunde zur anderen zu einer glatten Maske hellwacher, vollkommen nüchterner Aufmerksamkeit, und die jähe Veränderung ließ Junes Zorn wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

Sie begriff, dass sie zu weit gegangen war.

Entschieden zu weit ...

Ihre Lider zogen sich auseinander, alles Blut wich aus ihrem Gesicht, die tödliche Angst schnürte ihr die Kehle zu und überschwemmte ihr Bewusstsein gleich einer Woge.

»Raul«, flüsterte sie erstickt. »Raul, ich ...«

»Halt den Mund«, erwiderte er, während er sich ruckartig abwandte.

»Ich hab's nicht so gemeint, Raul! Ich war nur wütend, weil du mich geschlagen hast! Bitte, Raul, bitte, ich ...«

Er blieb an der Bartheke stehen. Seine kalten, hellen Augen musterten June, und in seinen Zügen war keine Regung zu lesen.

»Schon gut«, sagte er flach. »Geh jetzt auf dein Zimmer! Lass uns morgen darüber reden, wir haben beide zu viel getrunken ...«

Zwei Wochen später saß Raul Carmody in einem Sessel desselben Livingroom und musterte den blonden, hageren jungen Mann, der sich an der Bartheke einen Whisky Sour mixte.

Duane Merrit war fünfundzwanzig Jahre alt und gehörte zu den smarten, zielstrebigen Nachwuchsleuten in Carmodys Syndikat. Einmal mehr stellte er fest, dass der Junge mit seinem schmalen, sommersprossigen Gesicht und den grüblerischen grauen Augen im Grunde einen ziemlich harmlosen Eindruck machte. Aber er war härter und cleverer, als er aussah, er besaß einen scharfen Verstand, er machte Gebrauch davon, und man konnte sich auf ihn verlassen. Eigentlich hat er nur einen einzigen Fehler: Er war June Merrits Bruder – und von June Merrit, seiner Ex-Freundin, hatte sich Raul Carmody trennen müssen.

Auf seine Weise ...

Er lächelte bedauernd, als er daran dachte. Das Bedauern war echt, June hatte ihm gefallen, doch bei Entscheidungen, die seine Sicherheit betrafen, waren Gefühle gleich welcher Art noch nie ausschlaggebend für ihn gewesen.

Er stemmte sich aus dem Sessel hoch. Das bedauernde Lächeln lag immer noch auf seinen Lippen, als er neben den jungen Mann trat und ihm eine Zigarette anbot.

»Tut mir wirklich leid, die Sache mit deiner Schwester«, sagte er leise.

Merrit warf ihm einen Blick zu. Einen dieser schnellen, aufmerksamen Blicke, die typisch für ihn waren. Hatte er die Mundwinkel herabgezogen, sich unmerklich versteift? Seine Züge verrieten nichts, waren glatt und ausdruckslos – genauso glatt und ausdruckslos wie vor drei Tagen bei der Beerdigung seiner Schwester.

»Verrückt, sich mit zwei Promille Alkohol im Blut ans Steuer eines Sportwagens zu setzen«, murmelte er.

Carmody nickte. Er hatte dafür gesorgt, dass Junes Tod als Unfall getarnt worden war. Die Drinks und das Rauschgift hatte sie freiwillig genommen, vor allem, da die letzten Tage ihres Lebens von quälender Angst beherrscht gewesen waren. Danach hatte ein wenig geschickte Regie genügt. Sie war beinahe freiwillig mit dem roten Spitfire in den Hudson gefahren ...

»Wäre ich nur dabei gewesen!«, sagte Carmody. »Wirklich, Duane, es tut mir entsetzlich leid. Auch für dich, ich weiß, wie du an ihr gehangen hast. Wenn du vielleicht mal einen Tapetenwechsel brauchst, ein paar Tage Urlaub ...«

»Nicht nötig. Danke.«

Der junge Mann trank sein Glas aus. Er lächelte matt, als er nach der zerknautschten Wildlederjacke neben sich griff, die Lider hatte er halb über die Augen gesenkt. Mit der Linken warf er die Jacke über die Schulter, die Rechte hob er zu einer grüßenden Geste.

»Ich verschwinde jetzt, Boss. Bis morgen!«

»So long, Duane ...«

Die Tür klappte. Carmody hörte Merrits Schritte, er hörte das Rücken der Stühle, als sich die beiden Leibwächter im Vorzimmer erhoben, und dann den summenden Kontrollton, der bewies, dass ein Eingeweihter und kein Unbefugter den Lift heraufholte, der die Wohnung direkt und ohne Zugang von anderen Etagen mit dem Erdgeschoss verband. Raul Carmodys blaue Augen funkelten flüchtig, ein Ausdruck der Zufriedenheit angesichts perfekter Sicherheitsmaßnahmen. Das Haus gehörte ihm. Der Architekt war sein Freund, den Bauleiter, den Polier und zwei städtische Beamte hatte er bestochen, und deshalb gab es in dem zehnstöckigen Gebäude Einrichtungen, von denen die normalen Mieter nur träumen konnten. Dass einer der Bauarbeiter, der zu scharfe Augen besessen und sich per Abendkurs zum Ingenieur weitergebildet hatte, bei einem bedauerlichen Unglücksfall ums Leben gekommen war, hatte Raul Carmody schon fast wieder vergessen.

Er trat ans Fenster.

Tief unten flutete der Verkehr des West Broadway, die Türme des kürzlich vollendeten World Trade Center ragten in den roten Abendhimmel wie düstere, anmaßende Symbole eines übersteigerten menschlichen Strebens. Carmody liebte den Ausblick auf diese Türme – sie rührten tief in seinem Inneren eine Saite an, denn auch er war von dieser Besessenheit erfüllt: immer mehr Geld, immer mehr Luxus, mehr Einfluss und Macht, immer größere Geschäfte. Einen Moment lang starrte er gebannt hinüber, dann löste er den Blick von der Bienenwabenfassade und sah wieder nach unten. Duane Merrits blonder Haarschopf erschien unter den Passanten. Winzig wie eine Spielzeugpuppe bewegte er sich und ließ sich an der Ampel über die Straße treiben, auf einen kupferroten Haarschopf zu, der seiner Freundin gehörte. Carmody beobachtete aus schmalen Augen, wie sein Angestellter den Arm um die Schultern der jungen Frau legte. Laurie Ann hieß sie mit Vornamen. Einmal hatte Carmody sie gesehen. Er fand sie zu jung, zu mager, zu modern und emanzipiert, zu wenig anschmiegsam und weiblich, was für ihn gleichbedeutend mit unterwürfig war. Ansonsten versteckte Merrit sie förmlich. Er tat es, weil er sie liebte, weil er sie nicht ins Milieu der Unterwelt hineinziehen wollte, doch darüber hatte sich Raul Carmody noch nie Gedanken gemacht.

Er sah noch einmal zu den Doppeltürmen des World Trade Center hinüber, dann wandte er sich ab und nahm eine Zigarette aus der Dose.

Seine Gedanken arbeiteten.

Gedanken, die um June und Duane kreisten, immer wieder. Carmody war überzeugt, dass er Duane Merrit getäuscht hatte. Außerdem hielt er ihn für klug genug, um das Geschehen auf sich beruhen zu lassen und keine schlafenden Hunde zu wecken. Aber er war sich seiner Sache nicht völlig sicher ...

Duane Merrit und Laurie Ann Sheldon saßen sich in einem Drugstore gegenüber.

Sie hatten Sandwiches bestellt, Duane rührte die appetitlich belegten Brote jedoch nicht an. Er nippte nur an seinem Brandy. Zwischen seinen grauen Augen stand eine steile Falte, die Beherrschung in seinen Zügen war wie eine Maske zerbrochen, und sein schmales, unregelmäßiges Gesicht wirkte blass, gespannt und aufgewühlt.

»Und ich sage dir, dass es Mord war«, flüsterte er. »Er hat sie umgebracht! Ich weiß es! Ich weiß es ...«

Laurie Ann legte ihm die Hand auf den Arm.

Sie suchte Duanes Blick, während ihre Fingerkuppen mechanisch eine Narbe auf seiner Haut umkreisten.

»Lass uns gehen, Duane!«, bat sie eindringlich. »Weg aus New York, irgendwohin – so wie wir es vorhatten! Du musst endlich loskommen von dem Kerl. Du ... du hast mir versprochen, dass du diese Art Leben aufgeben willst, dass du ...«

»Ja«, murmelte er. »Ja, sicher ...«

Laurie Ann sah ihn an. Ihre Augen waren grün, ein helles, sanftes Grün, das zu dem warmen Kupferton ihres Haares passte.

»Dann lass es uns jetzt tun«, verlangte sie leise. »Ehe etwas passiert! Ich ... ich habe Angst, Duane.«

Er antwortete nicht sofort.

Für einen Moment ging sein Blick ins Leere. Das blonde Haar fiel ihm in die Stirn, die Kiefermuskeln spielten.

»Ich kann nicht«, erwiderte er rau. »Nicht jetzt! Ich ...«

»Duane! Bitte, Duane, wir wollten doch ...«

»Ich kann nicht«, wiederholte er. »Ich kann jetzt nicht weggehen, Laurie Ann.« Und mit einem tiefen Atemzug: »Nicht, bevor ich es ihm heimgezahlt habe.«

»Guten Abend, Mister Bollinger«, sagte ich trocken.

Helios Bollinger – der Himmel mochte wissen, wie er zu dem Vornamen gekommen war – lag mir sozusagen zu Füßen. Zusammengerollt wie eine Katze, mit einer Wolldecke zugedeckt, die ihn zwar vor der nächtlichen Kälte, aber nicht vor dem penetranten Gestank des abbruchreifen Hauses schützte. Die Qualität der Decke hielt den Standard des korrekten braunen Anzugs, denn Helios Bollinger war bis vor Kurzem kein armer Mann gewesen. Sein Pech, dass er in der letzten Woche nach einem Bankraub mit drei Komplizen als Einziger entkommen war. Insofern Pech, als er die Beute verloren hatte, sich weder in seine Wohnung noch in ein Geldinstitut wagen konnte und ohne Freunde und Barmittel auf dem Trockenen saß. Die Wolldecke, sein einziger Besitz, stammte vermutlich aus dem Fluchtauto, dessen Nummer bekannt gewesen war und das er natürlich ebenfalls hatte stehen lassen müssen.

Jetzt fuhr er hoch.

Aus rosigen Träumen schreckte er bestimmt nicht auf, sein Gesicht wurde dennoch käsig. Er war mittelgroß, mittelblond, mittelschlau – in jeder Beziehung mittel. Seine Augen wieselten von mir zu meinem Partner Phil Decker hinüber, zu unseren Kollegen Joe Brandenburg und Steve Dillaggio und wieder zu mir.

»Cops?«, fragte er hellsichtig.

»FBI«, bestätigte ich. Die vier Räuber waren in New York ansässig und hatten sich eine Bank auf der New-Jersey-Seite ausgesucht – daher die Zuständigkeit.

»O Mann!«, flüsterte Helios Bollinger.

Im nächsten Moment schnellte er hoch wie von der Tarantel gestochen. Fix war er, das musste ihm der Neid lassen. Die Wolldecke flog Phil um die Ohren, Steve bekam eine leere Bierdose an den Kopf, mich wollte der Bursche mit einem Kniestoß erwischen. Sein Pech, dass er angesichts seiner knappen Mittelgröße nicht mehr trainiert hatte. Ich wurde am Oberschenkel getroffen, nicht übermäßig hart, und statt mich aufschreiend zusammenzukrümmen, wie er es wohl erwartet hatte, wirbelte ich blitzartig herum und erwischte seinen nicht mehr ganz sauberen Kragen.

Der Stoff riss.

Bollinger zappelte wie ein Fisch an Land, um loszukommen, da zerrte ihm Joe jedoch schon die Arme auf den Rücken. Handschellen schnappten. Phil und Steve nahmen den kleinen Gangster in die Mitte, und danach gab es keinerlei Zwischenfälle mehr.

Eine halbe Stunde später blinzelte Helios Bollinger in das Neonlicht eines kahlen Vernehmungszimmers.

»Ich mache den Kronzeugen!«, verkündete er. »Ich sag euch alles, was ich weiß, ich ...«

Phil schüttelte den Kopf. »Geschenkt, Bollinger! Wir haben Ihre Komplizen, wir haben drei unterschriebene Aussagen, wir haben Zeugen und Beweise noch und noch. Hier bei uns sind Sie nur aus Gründen der Routine gelandet.«

Der Bursche starrte uns an. Sehr verunsichert hatte er bisher nicht gewirkt, doch jetzt begannen Schweißtropfen an seiner etwas zu klein geratenen Nase herunterzulaufen.

»O Mann«, stöhnte er erneut. »Das ist ja ... das ist ja ...«

»Künstlerpech«, ergänzte ich, obwohl mir notfalls noch ein treffenderes Wort eingefallen wäre.

Was Bollinger als Kommentar einfiel, ist nicht druckreif. Er fiel förmlich in sich zusammen. Ein paar Sekunden lang hockte er da wie ein begossener Pudel, dann hob er den Kopf und peilte mit neu erwachter Hoffnung in die Runde.

»Und ... und wenn ich euch 'nen heißen Tipp gebe?«, fragte er.

Ich hob die Schultern. »Sie sind zweimal vorbestraft, Bollinger, Sie kennen sich aus. Versprechen kann ich nichts, aber Chancen sind immer im Topf. Wenn Sie uns helfen, ein Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern, wird das auf jeden Fall einen günstigen Eindruck auf das Gericht machen.«

»O Mann! Und wer garantiert mir ...?«

»Niemand«, sagte ich hart. »Reden Sie, dann werden wir weitersehen! Einen Kuhhandel können Sie mit dem Gesetz nicht machen.«

Helios Bollinger seufzte abgrundtief.

Er wusste, dass er in der Klemme saß und keine Wahl hatte. Sein Blick erinnerte mich lebhaft an einen Dackel, der gerade die Morgenzeitung gefressen hat. Und dann sagte er etwas, das Phil und mich fast von den Stühlen riss.

»O Mann, ihr könnt einen schwach machen! Sollte mich überhaupt wundern, wenn ihr bisher nichts davon gehört habt. Die Spatzen pfeifen es doch von den Dächern, dass der große Raul Carmody seit Tagen wie eine Stecknadel einen Typen namens Duane Merrit sucht, der ihm einen Haufen wichtiger Papiere aus dem Safe geklaut hat ...«

Duane Merrit wusste, dass er einen Fehler gemacht und Raul Carmody unterschätzt hatte. Die Sache mit dem Safe war einfach gewesen. Merrit kannte die Zahlenkombination und das Schlüsselwort, das gehörte zu den Informationen, die er seinem scharfen Verstand und seinen wachen Sinnen verdankte. Hier ein schneller Blick, da ein paar aufgeschnappte Worte, ein bisschen Denkarbeit, auf diese Weise hatte er mehr erfahren, als Carmody ahnte. Entgangen war ihm die instinktive, fast traumwandlerische Sicherheit, mit der der Gangsterboss Menschen durchschaute und Gefahren voraussah. Als er den aufgebrochenen Safe gefunden und das Verschwinden der Papiere entdeckt hatte, die ihn lebenslänglich ins Zuchthaus bringen konnten, muss er nicht geahnt, sondern gewusst haben, wer dafür verantwortlich war. Duane Merrit war der Falle ganz knapp entgangen, weil auch er Gefahren zu wittern verstand. Jetzt wurde er gejagt, in die Enge getrieben, und das Bewusstsein, dass das alles zu schnell, zu früh und zu überraschend passiert war, stresste seine Nerven bis zum Zerreißen.

Die Pension, in der er untergeschlüpft war, hieß schlicht Donnelly's und gehörte einem Freund. Bisher jedenfalls war Reg Donnelly Duane Merrits Freund gewesen. Jetzt hatte der lange Ire Angst, und da Merrit diese Angst spürte, wuchs auch in ihm die Furcht. Unruhig tigerte er in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Fäuste in den Taschen, kettenrauchend, und grübelte.

Er hatte die Papiere.

Er würde sie dem FBI zuspielen, aber vorher musste er sich und Laurie Ann in Sicherheit bringen. Er steckte zu tief drin, er hatte zu lange für Carmody gearbeitet. Sich als Kronzeuge Straffreiheit erkaufen? Er lachte bitter auf, als er daran dachte. Carmody würde Mittel und Wege finden, ihn umbringen zu lassen, das stand so fest wie das Empire State Building. Nein, er musste aus der Schusslinie verschwinden und alle Spuren hinter sich verwischen. Europa! Tausend Meilen und den Atlantik zwischen sich und New York bringen! Falsche Papiere, ein falscher Name, ein neues Leben! Er hatte damit gerechnet, das alles in Ruhe vorbereiten zu können. Jetzt brannte ihm die Zeit auf den Nägeln, seine Nerven vibrierten wie überspannte Violinsaiten.

Merrit drückte seine Zigarette aus und ging ins Bad hinüber, um sich ein Glas Wasser zu holen. Er musste sich zwingen, die Finger von der Whiskyflasche zu lassen. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken starrte ihn ein blasses, übernächtigtes Gesicht mit tiefen Augenringen an, und er grinste bitter, während er darauf wartete, dass das Wasser kalt wurde. Flüchtig fielen ihm ein paar Bilder aus seiner Jugend in einem der Erziehungsheime ein, die Verbrecher am Fließband produzieren. »Lynx« hatten sie ihn dort genannt, den Luchs, wegen seiner katzenhaften Geschicklichkeit. Jetzt wurde der Luchs gejagt, und die Jäger würden nicht zögern, ihn wie ein wildes Tier zusammenzuschießen. Hätte er besser daran getan, die Augen zu schließen? Die Wahrheit zu ignorieren? Er dachte an June, an seine kleine Schwester, und etwas schien sich von innen her in seine Magenwände zu krallen.

Langsam trank er das klare, kalte Wasser aus.

Als er den Hahn zudrehte, hörte er das Klopfen an der Tür. Donnelly, der ihm irgendein Essen brachte, das er ohnehin kaum anrühren würde. Er verließ das Badezimmer, ging leicht schlurfend über den Teppich und öffnete die Tür.

Es war nicht Donnelly.

Eine Sekunde lang hatte Duane Merrit das Gefühl, als falle die Welt über ihm zusammen, dann begriff er, dass es auch nicht Carmodys Leute waren. Er starrte auf die Pistolen in den Fäusten der beiden Männer. Langsam wich er zurück, und die ungebetenen Besucher kamen herein und schlossen die Tür hinter sich.

Merrit biss die Zähne zusammen.

Er kannte die Kerle. Griffin und Greg Bruce, knallharte Einzelgänger, die vom Einbruch bis zum Raubmord alles auf ihrem Programm hatten. Der jüngere, Greg, besaß eine fast verblüffende Ähnlichkeit mit dem Mann vor seiner Waffenmündung. Griffin war zehn Jahre älter, breiter gebaut und schwerer, das blonde Haar trug er zur Bürste geschnitten, und in dem knochigen, harten Gesicht gab es ein halbes Dutzend Messernarben, die ihm den Namen »Scarface-Griffin« eingetragen hatten.

Er grinste spöttisch.

»Hallo, Duane«, sagte er. »Erschrocken?«

Merrit kämpfte gegen den Kloß in seiner Kehle an. »Vor deiner Visage immer! Was wollt ihr?«

In Griffins stahlgrauen Augen blitzte es auf. Auch diese Augen unterschieden sich von denen seines Bruders, in denen das helle Blaugrau fast freundlich wirkte.

»Rate mal«, antwortete er. Und nach einer Pause: »Du hast etwas, das wir gern für uns hätten, Duane.«

»Das ist mir neu. Wie habt ihr mich gefunden?«

Die letzte Frage berührte ein Thema, das für Merrit lebenswichtig war. Griffin Bruce grinste hämisch, weil er es wusste.

»Verbindungen«, warf er hin. »Dass Big Carmody dich sucht, weiß inzwischen jeder minderjährige Mugger. Verdammt leichtsinnig von dir, ihm sein bestgehütetes Geheimnis aus dem Safe zu krallen, mein Junge!«

Duane Merrit ließ die Arme hängen. Er bemühte sich, die aufkeimende Panik zu verbergen. Carmody jagte ihn, und er setzte dabei offenbar sämtliche Spitzel und Zuträger ein, über die er verfügte. Die ganze Branche wusste Bescheid.

»Was soll der Quatsch?«, fragte er rau. »Es ist eine Sache zwischen Raul und mir. Wieso steigt ihr da ein?«

Griffin Bruce lachte leise. Er gab seinem Bruder einen Wink, der schob sich zur Seite, warf einen Blick in das leere Badezimmer und ging dann zum Fenster. Merrit verursachte die Anwesenheit des Burschen in seinem Rücken ein leichtes Prickeln zwischen den Schulterblättern. Er wartete immer noch auf Antwort.

»Die Papiere sind ein erstklassiges Geschäft, das weißt du selbst«, sagte Griffin. »Raul Carmody wird jeden Preis bezahlen, um ...«

»Er wird mit einem Stück Blei bezahlen, verdammt noch mal!«

»Nicht, wenn er nicht weiß, wer ihm die Pistole auf die Brust setzt.« Griffin grinste. »Natürlich muss man es geschickt einfädeln, aber das ist unser Bier. Zur Sache, Sonny! Wo hast du die Papiere?«

Merrit senkte die Lider.

Seine Gedanken jagten sich. Wenn er nicht weiß, wer ihm die Pistole auf die Brust setzt, klang es in ihm nach. Also wollten die Brüder ihn umbringen. Denn wenn sie ihn am Leben ließen, mussten sie damit rechnen, dass er über kurz oder lang Carmody in die Hände fiel – und dann würde der Gangsterboss erfahren, wer die Papiere hatte.

»Idiot!«, sagte Griffin gefährlich leise. »Du weißt verdammt genau, dass du den Mund aufmachst, wenn wir dich erst durch die Mangel drehen. Also, spuck es aus, ehe wir ungemütlich werden!«

Merrit ließ die Schultern sinken, gespielte Resignation im Blick.

»Wie ihr wollt«, murmelte er. »Wenn ihr so wild darauf seid, von Carmody massakriert zu werden ...«

»Halt keine Volksreden! Beeil dich!«

Merrit zeigte auf das Eisenbett. »Es ist im Koffer.«

»Dann hol es heraus, verdammt noch mal! Oder hast du geglaubt, einer von uns würde dir den Rücken zudrehen?«

Duane Merrit zuckte mit den Schultern.

Als er sich umwandte, glitt sein Blick zu Greg Bruce hinüber, registrierte die Haltung des Jungen, halb dem Fenster zugewandt, die Pistole schussbereit, die Aufmerksamkeit geteilt zwischen dem Zimmer und der Straße. Klar, die Brüder mussten damit rechnen, unter Umständen von Carmodys Leuten gestört zu werden. Was würden sie dann tun? Sang- und klanglos verschwinden? Einen Kampf beginnen, in dem sie allenfalls die Chance eines vorläufigen Sieges hatten? Merrit wusste es nicht, und im Moment war es ihm auch gleichgültig, weil er genug damit zu tun hatte, seine eigene Chance zu suchen.

Er bückte sich, zog den Koffer unter dem Bett hervor.

Die Sprungfedern der Matratze knirschten, als er ihn auf die karierte Wolldecke warf. Seine Finger zitterten beim Öffnen der Schnappschlösser. Das war normal, das würde keinen Verdacht erregen. Langsam klappte er den Deckel hoch, und er konnte die Spannung der beiden Männer in seinem Rücken mit jeder Nervenfaser fühlen.

Hemden, Wäsche, Pullover, Handtücher – die Unordnung in dem Koffer verriet immer noch die Eile, mit der er gepackt worden war. Merrit hörte, wie Griffin Bruce von der Seite an ihn herantrat. Zwei Yards trennten sie nur noch. Eine gute Entfernung! Griffin fühlte sich sicher, aber er wusste nicht, dass er es mit Lynx Merrit, dem Luchs, zu tun hatte.

Duane wandte den Kopf.

Ihm war klar, dass die anderen umso misstrauischer reagieren würden, je unauffälliger er sich zu benehmen versuchte. Mit einem gut gespielten Ausdruck ohnmächtiger Wut starrte er seinem Gegner in die Augen.

»Schwein!«, krächzte er. »Ich hoffe, Carmody wird Streifen aus eurer Haut schneiden ...«

Dabei griff er mit der Rechten unter einen Stapel neuer, noch in Zellophan verpackter Oberhemden.

Und während Griffin spöttisch auflachte, schlossen sich Duane Merrits Finger um den kühlen Kolben seines Reserverevolvers ...

2

»Streng deinen Kopf an, mein Junge!«, sagte Phil. »Die Prämie ist nicht umsonst so hoch ausgefallen. Dafür kannst du schon mal deine Gehwerkzeuge bewegen und herumhorchen.«

Er legte den Hörer auf. Mit dem Kugelschreiber hakte er einen Namen auf der Liste ab, dann lehnte er sich zurück.

»Das war der Letzte«, sagte er. Er meinte die V-Männer, die wir angespitzt hatten, um Duane Merrits Aufenthaltsort herauszufinden. »Eigentlich«, setzte er gedehnt hinzu, »kann einem der Junge leidtun. Wenn Helios Bollinger recht hat und die Spatzen schon von den Dächern pfeifen, was mit Merrit los ist, werden sich eine verdammte Menge Geier auf seine Fährte setzen.«

Ich hob die Schultern. Ob Duane Merrit Mitleid verdient hatte, wagte ich zu bezweifeln. Er war ein Gangster, ein Nachwuchsmann aus Raul Carmodys Syndikat. Er hatte wissen müssen, worauf er sich einließ, als er seinem Boss belastende Papiere aus dem Safe gestohlen hatte. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich nichts anderes annehmen, als dass es sich bei der ganzen Sache um den Versuch einer Erpressung handelte, und meiner Meinung nach war dieser Alleingang ein völlig chancenloses Unternehmen.

Für uns reduzierte sich das Problem auf die Notwendigkeit, Duane Merrit zu finden, bevor Carmody ihn fand.

Nicht nur um einen Mord zu verhindern, obwohl wir Merrits Leben natürlich schützen würden, wenn es so weit war. Die Papiere spukten uns im Kopf herum. Papiere, die Raul Carmody belasteten, die angeblich Beweismaterial enthielten, die ihn vernichten konnten! Und was das hieß, das ließ sich nur ermessen, wenn man über die Macht, die Brutalität, die völlige Unangreifbarkeit dieses Gangsterbosses so gut informiert war wie wir vom FBI.