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Für die Behörden war Ray Anderson ein gefährlicher Aufwiegler, für seinen Sohn Little aber war er ein Abgott. Niemand ahnte, welche blutigen Verwicklungen Andersons Verhaftung auslösen würde. Das erkannten wir schaudernd, als der Broadway starb ...
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Als der Broadway starb
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Als der Broadway starb
Für die Behörden war Ray Anderson ein gefährlicher Aufwiegler, für seinen Sohn Little aber war er ein Abgott. Niemand ahnte, welche blutigen Verwicklungen Andersons Verhaftung auslösen würde. Das erkannten wir schaudernd, als der Broadway starb ...
1
Harlem, 137st Street und Broadway
Über dem Eingang zur Subway knarrte eine Lampe im leichten Wind, der vom Hudson River herüberwehte. Auf den ausgetretenen Sandsteinstufen eines alten Wohnhauses spielten ein paar Kinder. Vor der Bar an der Ecke versammelten sich die Mitglieder der Silver Pumas. Die Nacht brach an.
Im düsteren Schlund der Einfahrt steckte wie ein Korken eine große Limousine mit getönten Scheiben. Der Lack schimmerte dunkelviolett. Vorn auf dem Kühlergrill war eine Maske aus poliertem schwarzem Holz befestigt. Das Grinsen der toten Augen und der wulstigen Lippen war böse. Wie Totenwächter lehnten zwei schwarze Bodyguards an den Kotflügeln. Jedes Kind in Harlem kannte diesen Wagen. Er gehörte »Bad« Jake Shero, dem Mann, der wie sie im Getto geboren war. Er hatte Harlem verlassen und war jetzt wiedergekommen, um seinen Brüdern und Schwestern die Freiheit zu bringen.
So jedenfalls verbreiteten es seine Gefolgsleute auf den Straßen und Plätzen, in den Bars und in den Schlangen vor den Ausgabestellen für Lebensmittelmarken. Und die Menschen glaubten ihm. Denn er beschränkte sich nicht auf Worte. Er nahm den schwarzen Dealern, Buchmachern und Zuhältern, die für die weißen Gangster in der weißen Midtown arbeiteten, das Geld ab, das sie in Harlem einnahmen. Und verteilte es im Getto!
Knisternde grüne Scheine haben eine eigene Überzeugungskraft. Und so blieb es nicht aus, dass die Schar derjenigen, die bereit war, alles für ihn zu tun, unaufhaltsam wuchs.
Tiefer in der Garage brannten mehrere Lampen auf Kosten der City of New York. Ihr hartes Licht fiel über etwa zwei Dutzend Schwarze, die im Halbkreis um einen massigen, hünenhaften Mann herumstanden.
Der Hüne war »Bad« Jake Shero.
Bad Jake hatte große Plattfüße und schaufelförmige Hände. Sein kahler Schädel glänzte. In den mächtigen Pranken hielt er einen Billardstock, den er wie einen Bogen spannte. Aus vorquellenden Augen musterte er die Anwesenden, als wollte er sie in seinen Bann ziehen.
Sein Blick verweilte kurz auf einem hageren Schwarzen von asketischem Äußeren. Er hatte ein eingefallenes Gesicht und tief liegende dunkle Augen. Ein spitzer krauser Bart spross auf dem Kinn. Der linke Jackenärmel hing leer hinab. Seine rechte Hand ruhte auf der Schulter eines etwa achtjährigen Jungen.
Ray Anderson stand etwas abseits von den übrigen Mitgliedern der Versammlung. Er schien damit zu betonen, dass er nicht zu ihnen gehören wollte. Er hielt dem Blick des schwarzen Hünen ruhig stand. Bad Jake verzog die vollen Lippen zu einem schnellen Grinsen. Dann ließ er den Billardstock durch die Luft pfeifen und deutete auf Anderson.
»Ray«, sagte er mit lauter Stimme, die hohl in dem leeren großen Keller hallte, »ich freue mich, dass du gekommen bist. Brüder, ihr alle kennt Ray Anderson. Er ist ein Veteran der Black-Power-Bewegung. Vor fünfzehn Jahren gehörte er zu den Vertrauten des unvergessenen Malcolm X. Jetzt wird Ray unsere Botschaft verbreiten. Er wird sie allen unseren Brüdern mitteilen.«
Ray Anderson nickte würdevoll. Der Junge an seiner Seite blickte zu ihm auf. Seine Augen leuchteten. Ray drückte seine Schultern. Bad Jake kam mit schweren plumpen Schritten auf Ray zu. Er reichte ihm eine Hand. Dann strich er über Little Ray Andersons krauses Haar. Der Junge erschauerte.
Bad Jake kehrte zu seinem Platz zurück. Hinter ihm an der Betonwand hing eine große Karte von Manhattan. Es war wie ein Symbol, als sein Schatten über den Umriss von Manhattan fiel und ihn verdeckte.
Er trat etwas zur Seite, sodass jeder die Karte genau erkennen konnte. Er tippte mit der Spitze des Stocks gegen die Wand und zog dann den Umriss Harlems nach.
»Hier machen wir ihnen das Leben schon schwer«, sagte er. »Sie können nicht mehr an jeder Ecke stehen und das Zeug verkaufen, mit dem sie uns und unsere Kinder vergiften. Oder uns mit ihren Losen betrügen. Oder unsere Töchter zwingen, ihre Körper zu verkaufen.« Bad Jakes Schatten bewegte sich, als er die Spitze des Stocks den Verlauf des Broadway nachzeichnen ließ. »Seht diese Straße, meine Brüder. Von Harlem aus stößt der Broadway wie eine Lanze mitten hinein in das kranke Herz dieser krebszerfressenen Stadt. Hier unten sitzen sie, die uns den Lebensraum streitig machen, die uns töten!« Er deutete auf den Times Square, folgte der Linie des Broadway nach Süden, verharrte pochend bei der City Hall und stieß dann auf die Stelle, wo die Wall Street den Broadway traf. »Hier sitzen sie, unsere Feinde, und haben Angst. Zehn Jahre lang haben wir sie in Ruhe gelassen!« Bad Jakes Augen hefteten sich auf Ray Anderson.
Er straffte sich.
»Aber die Angst haben sie nie verloren. Sie haben Angst vor unserer Lebenskraft. Deshalb fürchten sie uns. Denn sie sind bereits tot, tot, tot!« Die Stimme hallte unter der Betondecke. Der schwere Mann ließ den Billardstock sinken. Das gepolsterte Ende pochte auf den Boden. »Geht jetzt«, sagte er, und seine Stimme klang erschöpft. »Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Geht jetzt, geht ...«
Ray Anderson blieb sekundenlang reglos stehen. Er musterte den schweren Mann, der nach Harlem gekommen war und hier den Messias spielte.
»Geh, Ray!«, sagte Bad Jake laut. »Geh, und erzähl ihnen von mir! Geh!«
Ray Anderson nickte unwillkürlich. Er verdrängte seine Zweifel. Hatte Bad Jake nicht selbst schon Opfer gebracht? Erst am Morgen hatten weiße Gangster Jakes Bruder Herbert ermordet. Sie mussten sich wehren. Sie mussten einig sein. Alle, alle mussten sich am Kampf gegen die weißen Ausbeuter beteiligen. Keiner durfte sich ausschließen.
Detective Neil St. Clair, ein hellhäutiger elegant gekleideter Schwarzer vom 26. Revier, zog eines der großen Schubfächer aus dem Gestell. Wir blickten in das im Tode erstarrte Gesicht eines Schwarzen. Ein weißes Laken verdeckte die beiden Einschusslöcher in der breiten Brust.
St. Clair sah die beiden Frauen an, die auf der anderen Seite des herausgezogenen Kühlfachs standen und in das graue, grob geschnittene Gesicht des Toten starrten. Sie nickten. Die eine war schmal, jung und hübsch, die andere größer und um die vierzig. Die Augen der jüngeren Schwarzen füllten sich mit Tränen. Sie wandte sich ab.
Der Detective schob die Lade ins Fach zurück, und wir verließen den Kühlraum des Leichenschauhauses. Im Schreibzimmer des ersten Stocks bot er den Ladys Platz an und fragte sie, ob er ihnen irgendetwas bringen könne. Kaffee? Sandwiches? Die Frauen schüttelten die Köpfe. Sie wollten es hinter sich bringen.
Ich fragte mich, weshalb Neil St. Clair mich angerufen und gebeten hatte, zum Leichenschauhaus zu kommen. Okay, es brodelte in Harlem. Es gab da einen Burschen, der die Schwarzen um sich scharte und die Kriegstrommel schlug. Jacob Shero, ein Kerl, der die letzten Jahre in Baltimore gelebt hatte. Von Verbrechen, wie es hieß. Die Polizeibehörden hatten bereits eine Sonderkommission gebildet. Ich, der G-man Jerry Cotton, war dazu ausersehen, den Verbindungsmann zwischen den städtischen Polizeidienststellen und dem FBI darzustellen.
Neil St. Clair drehte ein Formular in die Schreibmaschine. Personalien der Zeugen. Wanda Simms, vierundzwanzig Jahre alt, und Barbara Ortiz, geborene Shero.
Jetzt wurde ich hellwach.
»Beschreiben Sie bitte Ihre persönlichen Beziehungen oder den Verwandtschaftsgrad zu dem Toten«, bat der Detective die Frauen.
»Ich ... Er war mein Bruder, Herbert Shero«, erklärte Barbara Ortiz.
Neil St. Clair bearbeitete die Tasten. Dann blickte er Wanda Simms an.
»Ich war seine Verlobte«, sagte sie leise und wischte sich mit einer feingliedrigen Hand über die Augen. »Wir wollten im Juni heiraten. Herbert hatte einen Job in Union City in Aussicht ...«
Neil St. Clair schrieb mit. Als er einmal innehielt, sah er die beiden Frauen scharf an. »Und Sie identifizieren den Toten als Herbert Shero?«
»Ja«, antwortete Wanda Simms.
»Ja«, bestätigte Barbara Ortiz.
Der Detective füllte zwei weitere Zeilen aus. Dann riss er das Blatt aus der Maschine und schob es zu ihnen hinüber. »Unterschreiben Sie bitte. Dort.« Er drückte Barbara einen Kugelschreiber in die Hand.
Barbara unterschrieb und gab den Kugelschreiber an Wanda weiter. Die setzte ebenfalls ihren Namen auf das Formular.
»Sie können gehen«, sagte St. Clair.
Die Frauen standen auf und gingen hinaus. Als die Tür hinter ihnen zufiel, sagte ich zu dem Kollegen: »Wissen Sie, wer ihn getötet hat?«
St. Clair zog einen dünnen Ordner aus der Tasche, die neben seinem Stuhl stand. »Wir haben zwei Zeugen, die beschwören, dass es zwei weiße Gangster gewesen sind.«
»Sie glauben es nicht?«, fragte ich. St. Clairs Tonfall machte mich stutzig. »Es würde passen. Jake Shero macht den weißen Gangstern zu schaffen, und sie knallen seinen Bruder ab, weil sie an ihn nicht herankommen.«
St. Clair warf mir ein Blatt zu. Es war ein Fernschreiben aus Baltimore.
Übersandte Fingerabdrücke identisch mit Formel von Thomas Traveras – schwarz – Alter 35 – vorbestraft – wegen bewaffneten Raubes etc. – Unterlagen folgen – Baltimore Metropolitan Police
Dept. – Lt. F. Dolye
»Was bedeutet das?«, fragte ich beunruhigt.
Neil St. Clair lächelte dünn. »Der Junge in der Schublade da unten ist nicht Herbert Shero. Nach meinen Unterlagen hatte Jake Shero nie einen Bruder. Was sagen Sie nun?«
Ich spürte ein flaues Gefühl im Magen. Da schürte jemand das Feuer, und zwar auf ganz hundsgemeine Weise!
»Dieser Bastard«, fuhr St. Clair fort, »hat Thomas Traveras aus Baltimore kommen lassen und ihn seinen Leuten als seinen Bruder vorgestellt. Dann hat er ihn von seinen eigenen Killern abknallen lassen. Das ist meine Meinung.«
»Und die Aussagen von Wanda Simms und Barbara Ortiz?«, gab ich zu bedenken.
»Die beiden lügen«, erklärte der Detective schlicht und räumte seine Papiere zusammen.
»Was haben Sie vor?«, fragte ich.
St. Clair hob die Schultern. »Ich lege das Material dem District Attorney vor. Vielleicht klagt er die Frauen wegen Irreführung der Behörden an.«
»Wichtiger wäre es, die Presse einzuschalten«, sagte ich scharf.
St. Clair lächelte. »Selbstverständlich werden wir unsere Erkenntnisse veröffentlichen. Nur, wer wird sie glauben? Jake Shero wird die entsprechenden Berichte als Schachzug der Behörden hinstellen und sie als Beweis dafür anführen, dass die Polizei mit der weißen Mafia unter einer Decke steckt. So sieht es aus, Agent Cotton.«
Es sah nicht gut aus. Wir steuerten einem neuen heißen Sommer zu.
Eddie Gibbons war ein großer, stämmiger Schwarzer. Er trug eine weite Cordhose und einen hellen Blouson über dem marineblauen Pullover. Kurz nach zehn Uhr am Abend betrat er den Pornoladen an der 42nd Street in unmittelbarer Nähe des Broadway. Vorn an der erhöhten Kasse saßen zwei handfeste Burschen, die ihn kurz mit ihren Blicken abklopften. Gibbons ließ die Augen über die ausgestellten Sexmagazine im vorderen Teil des Ladens wandern. Dann schob er sich an den Kabinen vorbei, in denen man für einen Quarter ein Stück Pornofilm betrachten konnte.
Sein Interesse galt der Treppe im Hintergrund, wo ein blutroter Pfeil gebieterisch in die Höhe wies.
Live! Peepshow! Girls, Girls, Girls! Live!
Auf der untersten Stufe stand ein bulliger Mann mit Seehundsbart. Seine Hände steckten in der umgeschnallten Segeltuchtasche, wo sie herausfordernd mit den Münzen klapperten. Gibbons gab dem Mann zwei Dollarscheine und erhielt dafür acht Fünfundzwanzigcentstücke. Langsam stieg er die Treppe zur oberen Galerie hinauf.
Musik drang durch die dünnen Türen der schmalen Kabinen. Die roten Lämpchen zeigten an, dass alle besetzt waren. Ein paar Männer drückten sich auf dem Vorplatz herum und warteten darauf, dass jemand seinen Platz vor einem der Guckfenster aufgab.
Eddie Gibbons zündete sich eine Zigarette an. Tief atmete er den Rauch ein. Er hielt sich in der Mitte der Reihe, ging mit trägen Schritten auf und ab, bis in der Nähe eine Tür geöffnet wurde. Rasch drängte er sich an dem herauskommenden Mann vorbei in das enge, stickige Loch. Er verriegelte die Tür und schob einen Quarter in den Schlitz des Automaten. Sofort rollte der Vorhang vor dem kleinen eckigen Fenster in die Höhe und gab den Blick auf den mit Spiegeln und rotem Plüsch ausgelegten Raum frei. In der Mitte drehte sich ein mit einem Fell bezogenes Podest. Darauf räkelte sich eine üppige Blondine. Ihre Bewegungen sollten Verzückung ausdrücken.
Zwei andere Frauen, eine hellhäutige Schwarze und eine Weiße, tanzten im Rhythmus der Musik an den geöffneten Guckfenstern vorbei, bewegten aufreizend ihre Hinterteile, drehten sich herum, hielten sich an den Handgriffen fest, die rechts und links neben den Fenstern angebracht waren, und zuckten vor den Augen, die sie aus den dunklen Kabinen heraus anstarrten.
Gibbons sah ihren biegsamen Körper und lächelte. Die Schwarze bemerkte das Lächeln in seinem Gesicht und erwiderte es kurz.
Dann bewegte sie sich auf das nächste Guckloch zu.
Gibbons verdrehte den Kopf. Er wartete auf das schlanke weiße Girl, das sich gerade vor einem anderen Fenster produzierte. Es sollte ein weißes Girl sein. Bad Jake wollte es so. Auch das weiße Girl würde nur ein ahnungsloses Opfer sein in einem großen Spiel. Bad Jake wollte die weiße Mafia treffen ...
Das schlanke Girl schob sich näher heran. Er konnte ihre straffe glatte Haut im Spiegel auf der anderen Seite erkennen.
In diesem Moment löste der Automat die Sperre, und der Vorhang sank herab. Die junge Frau ahnte nicht, wie hauchdünn der Faden gewesen war, an dem ihr Leben gehangen hatte.
Gibbons zertrat die halb aufgerauchte Zigarette und zog die schwere Pistole mit dem Schalldämpfer aus der Jacke. Dann steckte er einen neuen Quarter in den Schlitz.
Wieder öffnete sich die Bühne vor seinen Augen. Das schlanke Mädchen befand sich nicht in seinem Blickfeld. Die schwammige Blondine stieg jetzt von ihrem Podest. Ihre Bewegungen waren träge und plump, das Lächeln in dem blassen Gesicht gewöhnlich. Gibbons starrte auf die schweren Brüste, und ganz kurz spürte er so etwas wie Mitleid, als ihm bewusst wurde, dass auch sie ausgebeutet wurde, dass sie ein Opfer war, so oder so.
Die Blondine bewegte die Schultern. Gibbons betrachtete sie leidenschaftslos, bis der Automat mit leisem Knacken den Vorhang löste. Ihr weißer Leib füllte den kleiner werdenden Spalt.
Gibbons hob die Hand mit der Pistole. Er schoss zweimal. Wie gestanzt aussehende Löcher erschienen in der dünnen Sperrholzwand. Der Schalldämpfer schluckte die Explosionsgeräusche fast vollständig. Beißender Pulverdampf stieg in Gibbons' Augen. Als er einen dumpfen Fall hörte, steckte er ruhig die Waffe ein und öffnete gelassen die Kabine.
Ein schwitzender übergewichtiger Mann quetschte sich an ihm vorbei. Gibbons ging auf die Treppe zu. In diesem Augenblick brach die Musik mit einem schrillen Missklang ab, und zwei Frauen begannen zu schreien.
Der bullige Mann mit dem Seehundsbart am Fuß der Treppe drehte sich um und blickte Gibbons entgegen. Ruhig ging er weiter. Eine Stimme dröhnte aus einem Lautsprecher. Sie schrie ein Wort, das Gibbons nicht verstand.
»Einen Augenblick, Mister«, sagte der Bullige und zog eine Hand aus der Segeltuchtasche. Münzen klirrten.
Dann sah Gibbons in das schwarze Loch eines kurznasigen Colt-Revolvers.
Gibbons schoss durch die Tasche seines Blousons. Die Kugel traf den anderen in die Kehle. Der Mann zog den Colt durch. Es krachte, und Gibbons spürte einen Schlag im linken Ellenbogen. Sein Unterarm baumelte kraftlos hinab. Er sprang an dem Zusammenbrechenden vorbei und rannte den Gang entlang auf den Ausgang zu.
Die beiden Männer an der Kasse richteten sich auf. Einer hielt einen langläufigen Revolver in der Faust. Er sah ihn heranrasen, dennoch zögerte er. Erst als Gibbons die rechte Hand hochriss und auf ihn zielte, zog er zweimal ab.
Die beiden Kugeln stoppten Gibbons. Er brach in die Knie und kippte dann auf die linke Schulter. Seine Augen rollten nach oben.
»Bitte, Gentlemen, bewahren Sie Ruhe!«, schepperte die Lautsprecherstimme. »Es ist alles in Ordnung ...«
Times Square, Mitternacht. Hier kreuzt der Broadway die 42nd Street und schneidet die Seventh Avenue. Unbeeindruckt von der Tageszeit folgt das Leben auf diesem Platz seinem eigenen Rhythmus.
Als wir endlich den Pornoshop verließen, atmete ich die frische Luft tief ein. Uniformierte Polizisten drängten die Neugierigen hinter die Sperrbalken zurück. Die Menge gaffte. Auf dem Gehweg standen die Einsatzfahrzeuge der Mordabteilung, die Wagen der Detectives und des Polizeiarztes und der Kombi eines Fernsehteams. Zwei Leichenwagen bahnten sich gerade ihren Weg durch das Gewühl.
Drei Tote. Mein Gott, dachte ich. Die ermordete Frau hatte einen scheußlichen Anblick geboten. Die Wachmänner hatten entschlossen gehandelt. Mit drei Schüssen hatten sie den Killer niedergestreckt. Trotzdem hatte es einen von ihnen erwischt.
Die Bosse des Pornoimperiums würden nicht stillhalten. Es konnte ihnen nicht recht sein, wenn sie im Zusammenhang mit einer blutigen Schießerei in die Schlagzeilen gerieten. Das tat dem Geschäft nicht gut. Sie würden reagieren.
Phil und ich waren am Schauplatz dieses Verbrechens erschienen, weil uns im Moment alles interessierte, was in irgendeinem Zusammenhang mit der sich anbahnenden Auseinandersetzung zwischen schwarzen und weißen Gangstern stehen konnte.
Der Mord in der Peepshow passte haargenau ins Schema. Das Pornogeschäft war zurzeit die einträglichste Geldquelle der Mafia.
Ich schob Phil durch die Mauer der Gaffer. Meinen Jaguar hatte ich an der 40th Street, Ecke Seventh Avenue abgestellt. Ich wollte raus aus dieser Gegend.
»Aber einen Drink könnte ich vertragen«, meinte ich.
»Gehen wir doch zu Bernie's«, schlug Phil vor.
Ich war einverstanden. Bei Bernie gab es jederzeit außer kaltem Bier auch schmackhafte Hamburger, die man an der Theke verzehren konnte.
Langsam schoben wir uns auf die Seventh Avenue zu. Schräg gegenüber, am Niedergang zur Subway, umringte eine rasch anwachsende Zuhörermenge einen Schwarzen mit schmalem Gesicht, der auf einer Kiste stand und die Köpfe seiner Gemeinde überragte. Selbst aus der Entfernung konnte ich die fanatisch glühenden Augen in dem Gesicht erkennen. Sein rechter Arm stieß immer wieder in die Höhe. Unwillkürlich blieben Phil und ich stehen. Hin und wieder verstand ich ein paar Satzfetzen:
»... ihr seid stark! Der weiße Ausbeuter hat Angst vor eurer Kraft! Zeigt ihm, dass ihr stark seid! Macht kaputt, die euch kaputtmachen!«
Die Stimme klang schneidend. Die Zuhörer – ausnahmslos Schwarze – bewegten sich und wogten langsam vor uns zurück, als stünden sie unter einem Bann. Zwei Cops gingen in weitem Bogen um die Menge herum, dann stellten sie sich in den Eingang eines Kinos. Der schwarze Prophet senkte die Stimme. Beschwörend redete er auf die Menschen ein, die reglos an seinen Lippen hingen. Erst jetzt bemerkte ich den leeren Jackenärmel.
Phil stieß mich an. »Kennst du den Mann?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Das ist Ray Anderson«, sagte Phil. »Erinnerst du dich an Ray Anderson?«
Ich erinnerte mich nicht.
»Vor fünfzehn Jahren gehörte er zu den Männern um Malcolm X. Nach dessen Tod versuchte er, die gemäßigte Politik Malcolms fortzuführen. Bei den Unruhen achtundsechzig hat ihm eine Kugel den linken Arm zerschmettert. Eine Polizeikugel, wie es hieß. Sie traf ihn, als er seine kranke Mutter aus einem brennenden Haus holte und mit ihr die Feuertreppe hinunterkletterte. Er konnte sie nicht mehr halten. Sie stürzte ab und starb.«
»Was hat er in der Zwischenzeit gemacht?«, fragte ich.
»Er ist untergetaucht und hat sich einer radikalen Gruppe angeschlossen. Er wurde geschnappt und kam ins Gefängnis. Nach der Amnestie einundsiebzig kam er wieder raus. Soviel ich weiß, hat er geheiratet und Psychologie und Theologie studiert.«
Ich sah über die Straße. Ray Andersons Stimme übertönte den Verkehrslärm.
»Aber da ist ein Mann, der für euch da ist ... wenn ihr für ihn da seid! Ihr seid er! Er wird euch befreien! Ich weiß es!«
»Komm«, sagte Phil. »Gehen wir, bevor er dich hypnotisiert.«
Das Gefühl des Unbehagens verdichtete sich in meinem Magen.
2
Michele Grondona schlug mit der flachen Hand auf die polierte Mahagoniplatte.
»Was will dieser schwarze Bastard von uns?«, fragte Don Michele, wie er sich nach alter Sitte nennen ließ, mit leiser Stimme.
Die sechs Anwesenden, Don Micheles Unterführer, sahen einander stumm an. Keiner von ihnen wollte sich den Zorn des Don zuziehen.
Don Michele richtete den Blick auf Joe Mariano. Joe galt als Don Micheles Kronprinz. Joe hatte auf den besten Universitäten der Staaten studiert. Er konnte mit Computern umgehen und mit dem Revolver. Keiner von den gelackten Managern in den Büroetagen, wo das legalisierte Geld der »Familie« verwaltet wurde, konnte Joe Mariano etwas vormachen. Dabei war Joe erst siebenundzwanzig Jahre alt.
»Joe, sag du es mir, was verlangt dieser fette Kerl? Wir haben ihm doch so viel angeboten – das ganze Harlem-Geschäft ...«
Joe blickte ihm lächelnd ins Gesicht.
Als er sich sicher war, dass Don Michele nicht weitersprechen würde, sagte er: »Er will alles. Harlem genügt ihm nicht. Er ist der erste schwarze Gangster, der genau weiß, dass er stärker ist als wir.«
Die anderen Unterführer murmelten protestierend. Der Don hob jedoch die linke Hand, und sie verstummten.
»Sprich weiter, Joe«, forderte er seinen Vertrauten auf.
Joe deutete der Reihe nach auf die fünf anderen Unterführer, die zu Don Micheles Familie gehörten. »Jeder von ihnen trommelt mühelos ein paar mehr oder weniger hirnlose Schläger zusammen, mit denen er einen Laden auseinandernehmen oder ein paar alte Leute erschrecken kann. Wir alle zusammen können fünf, sechs Burschen auftreiben, die bereit sind, einen anderen für ein paar Tausender umzubringen. Aber wenn wir einen Killer brauchen, müssen wir schon einen aus Las Vegas oder Los Angeles kommen lassen, es sei denn, wir machen eine Anleihe bei einer anderen New Yorker Familie.«
Don Michele verzog das Gesicht und zeigte, das kam nicht infrage. Das hieße, eine Schwäche zugeben. Außerdem waren die anderen Familien kaum in besseren Positionen. Sie waren alle fett und träge geworden. Sie hockten in ihren Villen und ließen sich von smarten Managertypen betrügen.
»Wir bringen also im Höchstfall hundert Mann zusammen«, fasste Joe Mariano zusammen, um nach einer kleinen Pause hinzuzufügen: »Bad Jake kann hunderttausend auf uns loslassen.«
Das Schweigen im Hinterzimmer des Capri Club an der Sullivan Street war abgrundtief. So deutlich hatte noch nie jemand die Lage analysiert. Jeder der Anwesenden wusste, dass Joe als junger Caporegime recht hatte. Wenn es ein Mann verstand, die vielen Dutzend Straßenbanden Harlems mit den Tausenden und Abertausenden arbeitslosen Schwarzen zusammenzubringen und sie zu gemeinsamem Handeln zu bewegen, dann gab es nichts, was sie aufhalten konnte – außer der Nationalgarde. Doch mit der würde sich Bad Jake nicht anlegen. Bad Jake beschränkte sich darauf, die Mafia zu vertreiben. Nicht mehr und nicht weniger.
»Hat jemand etwas dazu zu sagen?« Der Don nahm eine Zigarre auf, schnitt die Spitze ab und steckte sie zwischen seine Lippen.
Nick Licata gab ihm beflissen Feuer.
»Wenn wir diesen Drecksack umlegen, fällt der Spuk in sich zusammen«, sagte er mit einer Stimme, die Zuversicht verbreiten sollte. »Immerhin haben wir heute einen seiner Killer erwischt ...«
Don Michele lachte trocken auf. »Ihr habt gehört, was Joe gesagt hat. Bad Jake kann tausend Mann auf uns loslassen! Dieser eine tut ihm nicht weh. Aber wenn wir am Ende der Woche zusammenrechnen, werden wir sehen, dass uns viele, viele Dollars aus den Geschäften am Times Square fehlen werden. Von den Verlusten aus den anderen Geschäftszweigen ganz zu schweigen. An Bad Jake kommen wir nicht heran, oder? Hast du einen Plan, Joe?«
»Nein, Don Michele«, gestand er. »Ich könnte nur einen Weg aufzeigen. Er ist langwierig ...«
»Ja? Sprich!«
»Auch wir müssen uns einigen. Die fünf New Yorker Familien sind seit Jahren ohne Oberhaupt. Sie sind zerstritten.«
Joe wusste, dass er damit ein heißes Eisen berührte. Don Michele wäre eigentlich der Mann, der den Vorsitz der Kommissionen einnehmen müsste. Er war der dienstälteste Don in New York. Er hatte den einträglichsten Bezirk.
In den letzten Jahren hatte er jedoch auch einige Male Pech gehabt. Die G-men hatten ihm zugesetzt, und Don Michele war müde geworden.
Doch niemals würde er einen anderen Don über sich dulden.
»Ich wollte Alternativen erörtern, Joe«, sagte der Don.
Joe Mariano spürte, dass er zu weit gegangen war. Wie der Don wusste er, dass die anderen Familien Bedingungen stellen würden, die Don Michele nicht erfüllen konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Den anderen Familien stand eben das Wasser noch nicht bis zum Hals.
Don Micheles Gebiete grenzten an Harlem. Er versorgte Harlem mit Rauschgift. Er rekrutierte den Nachschub für seine Bordelle, Peepshows und die Pornofilmproduktionen aus Harlem. Er beherrschte den Times Square, die Lebensader seines Bezirks. Dort war er verwundbar. Denn die glitzernden Lichter des Times Square zogen die Schwarzen magisch an. Jede Nacht kamen sie aus dem Getto herunter. Eine gewaltige Vorhut des schwarzen Mannes oben in Harlem.
»Wir müssen versuchen, ihn umzulegen. Immer wieder«, sagte Joe.
Die anderen Mafiosi nickten beifällig. Das war ein Vorschlag nach ihrem Geschmack.
»Dafür brauchen wir schwarze Killer ...«
»In Chicago, Detroit oder Philadelphia gibt es genug«, sagte Nick Licata.
Joe schüttelte den Kopf. »Ein fremder Schwarzer kommt nicht an Bad Jake heran. Wir brauchen einen aus dem Getto.«
»Joe, du denkst an einen bestimmten?«
»Ja«, antwortete Joe Mariano. »Ich habe gehört, dass Moses Gilhooly in dieser Woche entlassen wird.«
Die Männer schwiegen. Jeder versuchte offenbar, sich an das zu erinnern, was er über Gilhooly wusste. Moses Gilhooly hatte einen von ihnen erstochen, einen Capo aus Brooklyn, der seine Schwester gezwungen hatte, in einem vornehmen Nightclub in Brooklyn Heights als Bardame und Edelprostituierte zu arbeiten. Moses Gilhooly war kein unbeschriebenes Blatt gewesen, aber er hatte die Sympathien der Geschworenen und der öffentlichen Meinung auf seiner Seite. Deshalb war er mit sechs bis vierzehn Jahren davongekommen.
»Sie haben ihn acht Jahre abreißen lassen«, sagte Joe.
»Und du meinst ...?« Don Micheles Stimme sank zu einem heiseren Krächzen herab. »Ich kann mir nicht vorstellen ...«
»Ich weiß, wo seine Schwester steckt«, sagte Joe.
Hoffnung blitzte in den hellen Augen des Don, um gleich wieder neuer Skepsis zu weichen. »Sie ist nicht mehr das junge, unschuldige Ding von damals.«
»Nein, das ist sie nicht«, gab Joe Mariano zu. »Aber für ihn ist sie immer noch die kleine Schwester. Er knüpft wieder dort an, wo er vor acht Jahren gestanden hat. Er hat ihre Entwicklung nicht mitvollzogen.«
Der Don nickte.
»Wenn dieser schwarze Killer an Bad Jake herankommt ...« Er starrte ihn an. »Joe, das wäre dein Verdienst!«
Joe nickte. Gilhooly würde an den fetten schwarzen Schweinehund herankommen. Er, Joe, wusste das genau. Er hatte nicht alles verraten, was er wusste.
»Ich kümmere mich darum«, sagte er. »Doch wir dürfen uns nicht auf einen einzigen Weg verlassen, Don Michele.«
Michele Grondona zog die Brauen zusammen. »Was können wir noch tun?«
