Jerry Cotton Sonder-Edition 278 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition 278 E-Book

Jerry Cotton

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Waffenschieber trumpften auf! Sie belieferten Kuba direkt aus Militärdepots in Florida, und die Zuckerrohrinsel versorgte damit Rebellen in Lateinamerika. Wir hatten einen Tipp erhalten und stiegen in das gefährliche Geschäft mit ein. Im mörderischen Miami gerieten wir ziemlich schnell in die Schusslinie der Organisation ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Inhalt

Mörderisches Miami

1

2

3

4

5

6

7

Intermezzo

8

9

10

11

12

Vorschau

Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?

Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Mörderisches Miami

Waffenschieber trumpften auf! Sie belieferten Kuba direkt aus Militärdepots in Florida, und die Zuckerrohrinsel versorgte damit Rebellen in Lateinamerika. Wir hatten einen Tipp erhalten und stiegen in das gefährliche Geschäft mit ein. Im mörderischen Miami gerieten wir ziemlich schnell in die Schusslinie der Organisation ...

Am 11. September befand sich der Raketenzerstörer Bluebird auf einer Patrouillenfahrt rund dreißig Seemeilen südlich von Key West. Die See war ruhig, es gab kaum Wind, und die Sonne stand an einem wolkenlosen Himmel.

Es war 14:32 Uhr Ortszeit, als der Backbordausguck, der Matrose Jee Kenneth Ward, ein seltsames Gebilde auf einem Wellenkamm entdeckte, das sogleich wieder verschwunden war. Da es aber im Kurs des modernen Kriegsschiffs anzutreiben schien, richtete Ward sein Fernglas auf die fragliche Meeresgegend und gab nicht auf, bis er das rätselhafte Ding erneut im Glas hatte. Er drehte an der Feineinstellung, verlor den Gegenstand erneut zwischen zwei Wellenkämmen, bekam ihn wieder zu sehen – und wurde bleich.

Er setzte das Glas ab, fragte sich erschrocken, ob er betrunken sein könnte, musste die Frage ehrlich verneinen und hob das Glas. Ein kurzes Suchen, dann sah er es wieder. Er schluckte, schüttelte den Kopf und eilte auf die Brücke.

»Sir«, sagte er, »da ... da draußen schwimmt der Kopf von einem Menschen!«

Die Meldung entsprach nicht der militärischen Ausdrucksweise, doch sie entsprach den Tatsachen.

1

Mein Freund Phil Decker und ich kamen am Freitag, den 14. November gegen elf Uhr vormittags in Miami Beach an. Wir hatten die ganze lange Strecke von New York aus mit meinem roten Jaguar zurückgelegt – in nur zwei Tagen! – und waren froh, als wir in Miami das Hauptpostamt gefunden hatten. Endlich konnten wir aussteigen und uns die Füße vertreten.

Am Schalter für postlagernde Sendungen schrieb ich auf einen Zettel das Wort Haifisch und schob den Zettel dem Schalterbeamten hin.

»Gibt es Post unter diesem Kennwort?«, fragte ich.

Der Clerk hinter dem Schalter musterte mich unfreundlich und brummte: »Sie sind aus dem Norden, was?«

»Stimmt«, sagte ich. »Und Sie sind bei der Post, wie?«

Er runzelte die Stirn.

»Na sicher«, sagte er. »Das sehen Sie doch. Was ...?«

»Können Sie mal nachsehen, ob es unter diesem Kennwort postlagernde Sendungen gibt?«, wiederholte ich.

»Muss ich ja wohl«, maulte er.

Er war höchstens zwanzig Jahre alt und sprach seinen Südstaatenakzent so betont aus, dass es Absicht sein musste. Vielleicht trug er sich mit der Absicht, den Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd aus dem vorigen Jahrhundert noch einmal aufleben zu lassen. Leute, die sonst nichts Nennenswertes aufzuweisen hatten, pochten ja immer auf ihre Herkunft. Er kramte in einem Fach, das mit dem Buchstaben H gekennzeichnet war, und zog schließlich einen großen braunen Umschlag heraus.

Nachdem er ihn um und um gewendet hatte, bedachte er mich wieder mit seinem unfreundlichen Blick. Er hatte eine dünne rotblonde Bürste auf der Oberlippe, die er vermutlich für einen Bart hielt. Auf mich wirkte sie eher wie eine weggeworfene Zahnbürste.

»Woher weiß ich denn, dass Sie berechtigt sind, diese Post in Empfang zu nehmen?«, fragte er allen Ernstes.

Ich tippte mit dem Zeigefinger auf meinen Zettel, bevor ich ihn einsteckte.

»Da steht's«, sagte ich. »Ich weiß das Kennwort. Bei postlagernden Sendungen reicht das. Machen Sie mal einen Fernkursus. So schwer kann's nicht sein, das zu lernen, was man für Ihren Job braucht.«

Bevor er sich weiter zieren konnte, hatte ich mich ein bisschen vorgebeugt, den Arm ausgestreckt und ihm den Umschlag abgenommen.

Er wollte protestieren, doch ich kam ihm leise, aber eindringlich zuvor.

»Es könnte öfter mal Post unter diesem Kennwort ankommen«, erklärte ich ihm. »Ziehen Sie so eine Show wie eben nicht noch einmal ab. Wiedersehen, Sportsfreund!«

Wir verließen das Postamt und stiegen in den Jaguar. Ich riss den Umschlag auf. Wir fanden eine Straßenkarte mit einer eingezeichneten Route, die von Miami nach Süden führte, und zwei Bund Schlüssel.

Phil nahm die Karte und dirigierte mich aus Miami hinaus auf eine Straße, die ziemlich nah am Meer entlang nach Süden führte. Palmen säumten die Straße, am Strand ließen sich die Touristen aus aller Welt in der Sonne braten, hochseetüchtige Motorboote tuckerten scheinbar ziellos herum, manchmal überquerten Bikinischönheiten die Straße. Kurz, es herrschte die richtige Urlaubsstimmung.

»Wir hätten's schlimmer treffen können«, sagte Phil fröhlich.

»Wieso?«

»Sie hätten uns auch mit einem Auftrag nach Alaska schicken können.«

Damit hatte er allerdings recht. In den Dienstverträgen der G-men stand, dass sie jederzeit bereit sein mussten, an jedem beliebigen Ort der USA Dienst zu tun. Wer hätte da nicht den Sunshine State vorgezogen, wie sich Florida gerne selbst nannte?

Wir hatten von Miami aus nur ein paar Meilen zurückgelegt, als wir in eine kleine Stadt namens Cutler Ridge kamen. Ich schätzte sie auf etwa sieben- bis achttausend Einwohner, und nach der auf unserer Karte eingezeichneten Route mussten wir durch das Städtchen hindurch und gleich hinter dem Ortsausgang nach links abbiegen.

Tatsächlich fanden wir einen ungepflasterten Weg, der als Privatstraße ausgewiesen war. Er führte direkt auf das Meer zu und endete an einem strahlend weißen Bungalow. Er hatte einen eigenen Swimmingpool, der jetzt leer war, zwei Garagen und einen Außenkamin auf der Terrasse.

Als wir ausstiegen, grinste ich anerkennend. »Wir hatten schon schlechtere Urlaubsquartiere, alter Junge.«

»Von wegen Urlaub«, sagte Phil und reckte seine vom langen Sitzen steif gewordenen Glieder.

Rechts von unserem neuen Domizil erstreckte sich sandige Strandlandschaft, die ungefähr hundert Yards vom Meer entfernt in Gras überging. Palmen gab es im Überfluss und jede Menge wild wachsende Orangenbüsche.

Ungefähr zweihundert Yards weiter südlich stand das nächste Haus, ein bisschen größer als unseres und wohl auch ein bisschen luxuriöser. Es war nicht zu erkennen, wo unser Grundstück an das des Nachbarn grenzte, denn es gab weder Markierungen noch Zäune oder Hecken. Vielleicht nahm man es hier nicht so genau.

Wir begannen, den Kofferraum des Jaguar auszuladen, als mich ein fernes Geräusch stutzig machte. Es kam näher, aber ich brauchte eine Weile, bis ich seine Ursache erkannt hatte. Vom Nachbarhaus tuckerte quer über den Rasen ein kleines Elektroauto auf uns zu, wie man es auf manchen Golfplätzen finden konnte.

»Wir kriegen bereits Besuch, Phil«, sagte ich.

»Ich hab's gesehen. Das hat uns gerade noch gefehlt: ein neugieriger Nachbar!«

Das Wägelchen war herangekommen und hielt. Ein Gentleman stieg herab, der trotz der Wärme hellgraue Flanellhosen, ein Klubjackett mit goldgesticktem Wappen auf der Brusttasche und einen Seidenschal im Halsausschnitt seines goldgelben Freizeithemds trug. Er war schlank, sonnengebräunt und irgendwo über sechzig, denn sein volles, kurz geschorenes Haar war schneeweiß, genauso wie der dicke Schnäuzer auf der Oberlippe.

»Guten Tag«, sagte er formell. »Ich bin Andrew W. Mourne, Ihr Nachbar. Ich wollte Sie nur willkommen heißen und Sie fragen, ob ich Ihnen bei irgendwas behilflich sein kann.«

»Das ist aber nett, Mister Mourne«, sagte Phil und stellte uns beide vor. »Wie Sie sehen, haben wir nicht einmal ausgepackt.«

»Wenn Sie entdecken, dass Sie irgendwas vergessen haben, rufen Sie mich einfach an. Hier ist meine Karte, ich helfe Ihnen gerne.«

»Danke, Sir«, sagte Phil artig und steckte die Visitenkarte ein. »Wir müssen noch Lebensmittel und Getränke kaufen. Wo macht man das am besten?«

»Wenn Sie keine ausgefallenen Spezialitäten brauchen, werden Sie im Supermarkt von Cutler Ridge alles Nötige finden. Nur von den Sonderangeboten dort rate ich dringend ab. Die Kerle versuchen immer wieder, ihre Ladenhüter mit dem Reizwort Sonderangebot schmackhaft zu machen. Wenn Sie ausgepackt, eingekauft und sich ein wenig frisch gemacht haben, kommen Sie doch rüber zu mir auf einen Willkommensschluck, Mister Decker und Mister Cotton.«

»Gerne«, versprachen wir, und Mourne kurvte mit seinem Caddy davon.

Ich hob zwei Koffer auf, da klingelte es entfernt. Wir sahen uns verdattert an, dann begriffen wir, dass das Klingeln aus dem Haus drang.

Phil lief zu der schweren, schwarz gestrichenen Eichentür, fummelte mit den Schlüsseln herum und bekam endlich die Haustür auf. Ich folgte ihm mit den ersten beiden Koffern in ein riesiges Wohnzimmer, in dem elfenbeinfarbene Wände und Vorhänge angenehm dezent zu den lichtgrauen Stoffbezügen der Sessel und der anderen Sitzgelegenheiten passten. Die Holzflächen der Möbel waren weiß gehalten, nur zwei mächtige Balken an der langen Decke brachten einen dunklen Kontrast in die Helligkeit des großen Wohnraums.

Das Klingeln kam von dem Telefon, das vorne neben der Tür auf einem kleinen Tisch stand. Ich nahm den Hörer, weil Phil in seinem Eifer schon viel zu weit in das Zimmer hineingelaufen war, wo es neben dem Kamin ein zweites Telefon gab, beide Apparate in der Farbe von altem Elfenbein.

»Jerry Cotton«, sagte ich. »Wer spricht denn da?«

»Seid ihr endlich angekommen!«, röhrte eine mächtige Bassstimme. »Ich warte schon seit Tagen auf euch! Zur Feier des Tages spendiere ich heute Abend die Drinks. Um acht Uhr in der Bar vom Hotel Ivanhoe. Das steht am Strand von Bal Harbour. Also, bis dann!«

Ich starrte den Hörer an, als die Verbindung längst unterbrochen war. Dabei überlegte ich: Es gab nur wenige Kollegen in New York und noch weniger Kollegen hier unten in Florida, die etwas von unserem Auftrag wussten.

»Wer war das?«, fragte Phil.

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Vielleicht der Weihnachtsmann.«

In einer gewissen Weise war er es tatsächlich.

Kurz nach drei Uhr nachmittags fuhr an diesem Freitag ein Taxi vor dem Hotel Ivanhoe vor. Carl Frish stieg aus. Er trug einen dunkelgrauen, einreihigen Anzug. Der Fahrer des Taxis lud das Gepäck aus dem Kofferraum, im Nu waren zwei Pagen zur Stelle und brachten die drei Koffer, eine Reisetasche und ein Aktenköfferchen in die Halle.

Frish trat an die Rezeption. »Ich heiße Carl Frish. Für mich ist ein Zimmer reserviert.«

Der Empfangschef spielte am Computer und nickte. »Ja, Sir. Ist gebucht. Wenn Sie sich bitte eintragen wollen.«

Mit tausendfach geübter Bewegung drehte er das Gästebuch herum. Carl Frish zog einen dünnen, goldfarbenen Kugelschreiber aus dem Jackett und machte seine Eintragung. Der Empfangschef hatte längst gelernt, Schriften auf dem Kopf mitzulesen, und so bemerkte er sofort, dass der neue Gast als Heimatadresse New York angab.

»Sie haben sicher einen Safe, in dem ich etwas deponieren könnte?«, fragte Carl Frish, als er seinen Goldstift wieder einsteckte.

»Sir, in Ihrem Zimmer gibt es einen kleinen Wandsafe. Den Schlüssel dazu finden Sie im Nachtschränkchen auf der linken Bettseite.«

»Sehr schön«, sagte Frish. »Aber wird das da reingehen?«

Von der Gepäckkarre der beiden Pagen nahm er sein schwarzes, mit Zahlenschlössern versehenes Aktenköfferchen und legte es vor dem Empfangschef auf den Tisch.

»O nein, allerdings nicht. Augenblick, Sir.«

Der Empfangschef schrieb eine Aufbewahrungsquittung und griff mit der linken Hand lässig nach dem Aktenköfferchen. Er bekam es kaum hoch.

»Bisschen schwer, nicht?«, sagte Carl Frish und grinste.

»Ja«, gab der Empfangschef zu und vergaß, seinem neuen Gast den üblichen angenehmen Aufenthalt zu wünschen.

Carl Frish fuhr mit den beiden Pagen, seinem Gepäck und einer älteren Lady im Lift nach oben. Die Lady trug ein rosafarbenes Kleid, einen rosafarbenen Riesenhut und rosafarbene Schuhe. Sie hielt ein keuchendes Wollknäuel auf dem Arm, das wahrscheinlich ein Hund war, auch wenn sich die anatomischen Einzelheiten nicht ausmachen ließen.

In der sechsten Etage verließ die rosafarbene Lady den Lift, und eine Etage höher schoben die beiden Pagen ihre Gepäckkarre hinaus. Carl Frish folgte ihnen.

Er hatte ein großes Zimmer mit einem Balkon zur Seeseite hin, sah sich flüchtig um und war zufrieden. Er drückte den Pagen ein Trinkgeld in die Hand, nachdem er ihr Angebot, das Gepäck auszupacken und in die Einbauschränke zu hängen, dankend abgelehnt hatte. Als sie das Zimmer verlassen hatten, schloss er es von innen ab.

Er zog sein Jackett aus. Darunter trug er ein Schulterholster mit einer automatischen Pistole schweren Kalibers. Nachdem er seine Leibwäsche in einige Schrankfächer verteilt, die Anzüge aufgehängt und eine ganze Kollektion von Krawatten säuberlich über die Halter gezogen hatte, räumte er auf dem großen Tisch seine Reisetasche aus.

Besondere Sorgfalt verwandte er auf den Inhalt eines gefütterten Beutels, in dem er sein Rasierzeug und einige Utensilien der täglichen Körperpflege verstaut hatte. Er stellte eine Flasche, die nach ihrer Aufschrift hätte Rasierwasser enthalten müssen, beiseite und sah sich suchend um.

Er fand nichts, was sich für seine Zwecke geeignet hätte, und so zog er das Nachtschränkchen auf der linken Seite des Bettes auf. Ein kleiner Schlüssel lag darin und natürlich eine Bibel, wie es in amerikanischen Hotels üblich war.

Carl Frish nahm eine Dollarnote aus einer kleinen Rolle von Banknoten, die er in der linken Hosentasche trug, und klappte sein Taschenmesser auf. Während er leise vor sich hin pfiff, trennte er aus der Bibel ein daumendickes Bündel Papier in der genauen Größe der Dollarnote heraus.

Danach machte er sich auf die Suche nach dem angekündigten kleinen Safe. Er fand ihn hinter einem modernen Aquarell, das vielleicht die Quadratur des Kreises, vielleicht aber auch etwas ganz anderes darstellen sollte.

Er hängte das Bild ab und schloss den Safe auf. Das Bündel Bibelseiten mit der Dollarnote darauf schob er nach hinten. Dann schraubte er den Verschluss von der Flasche mit dem Rasierwasser und drückte sofort den Daumen fest auf die Flaschenöffnung. Dabei traten Schweißperlen auf seine Stirn. Mit der linken Hand stellte er die Flasche vorne in den Safe, die Öffnung noch immer mit dem Daumen abdichtend.

Dann zog er mit der rechten Hand die Safetür so weit heran, wie es seine noch im Fach befindliche Linke erlaubte. Er atmete einmal tief, wandte sich nach rechts, um den Kopf hinter der Safetür in Sicherheit zu bringen, riss die linke Hand aus dem eingemauerten Fach heraus und schlug gleichzeitig mit der rechten die Safetür zu.

Es war gut gegangen, doch ihm zitterten hinterher jedes Mal die Hände. Er war kein ängstlicher Mann, ganz gewiss nicht, er traute der Chemie allerdings nicht.

Er warf sich aufs Bett, reckte sich und schloss die Augen. Dank der Klimaanlage war es kühl im Zimmer, und nach ein paar Minuten begann Frish sogar zu frösteln.

Er stand auf, zog sich aus und duschte kalt. Nachdem er mit seinem Elektrorasierer die jüngsten Stoppeln entfernt hatte, zog er frische Wäsche, ein sauberes Hemd, aber denselben Anzug an, mit dem er gekommen war. Er setzte sich auf die Bettkante und wollte zu seinem Notizbuch greifen, als ihm etwas einfiel.

Er nahm den Safeschlüssel vom Nachtschränkchen und holte aus seinem Nähetui ein Röllchen mit fast unzerreißbarem Nylonfaden. Er schnitt ein Stück ab, band den Schlüssel daran und sah sich im Badezimmer forschend um. Im Handwaschbecken passte der Schlüssel nicht durch das Ablaufsieb, auch in der Dusche und in der Badewanne nicht. Doch der Schlüssel passte in den Überlaufschlitz der Badewanne. Der farblose, dünne Nylonfaden war fast nicht zu sehen.

Zufrieden pfeifend kehrte Carl Frish zum Bett zurück. Er zückte sein Notizbuch, blätterte und wählte schließlich.

»Ja? Wer ist da?«, tönte eine meckernde, alte Männerstimme durch die Leitung.

»Hier ist Carl Frish. Sie kennen mich nicht, Mister Dryke. Ich möchte mich trotzdem gerne mit Ihnen unterhalten. Ich brauche ein paar Auskünfte. Ich würde natürlich dafür bezahlen.«

»Bezahlen, ja?«

»Ja, Mister Dryke.«

»Was für Auskünfte? Und was für eine Bezahlung?«

»Das sollten wir vielleicht besser nicht am Telefon besprechen.«

»Aha. Ich verstehe. Na gut. Kommen Sie runter zum Kriegsmarinehafen. Wo die Gallina Bar ist, sagt Ihnen dort jedes Kind. Können Sie in einer Stunde dort sein?«

»Sicher«, sagte Carl Frish. »Woran erkenne ich Sie?«

»Ganz einfach: Wenn dort ein alter Knacker an der Bar ein riesiges Glas Myer's Plantagenrum auf ex säuft, dann wissen Sie, wen Sie vor sich haben. Der Rum geht natürlich auf Ihre Kosten.«

Carl Frish lachte und wollte etwas erwidern, aber sein Gesprächspartner hatte bereits aufgelegt.

2

Wir hatten uns das Haus angesehen. Wie bei allen umbauten Räumen zeigte es sich von innen größer, als es von außen schien.

Es hatte neben dem großen Wohnzimmer nach rechts hin eine ziemlich große Küche mit einer Frühstücksbar für sechs Personen. Nach links schlossen sich an den Wohnraum sage und schreibe vier Schlafzimmer an, von denen jedes sein eignes Badezimmer hatte.

»In Manhattan müsste man Multimillionär sein, um eine solche Wohnung auch nur mieten zu können«, meinte Phil.

»Ich fühle mich als Millionär«, sagte ich fröhlich. »Bei dem Wetter, dem Strand und den Girls, die hier herumlaufen! Besser kann man's gar nicht kriegen. Das FBI soll hochleben!«

»Das FBI wird dir schon noch den Unterschied zwischen Auftrag und Urlaub klarmachen. Welches Schlafzimmer nimmst du?«

»Das hinterste«, sagte ich sofort. Es lag so weit vom Wohnzimmer entfernt, dass man dort das Klingeln des Telefons unmöglich hören konnte.

»Warum gerade das hinterste?«, wollte mein Freund wissen.

»Oh«, sagte ich, »bis ich von da zum Frühstück in die Küche gekommen bin, habe ich einen Langstreckenlauf hinter mir. Damit wäre das Thema Frühsport für mich dann schon erledigt.«

Phil runzelte die Stirn. »Ich komme schon noch dahinter, was der wahre Grund ist.«

Wir beluden uns mit unseren Koffern und marschierten in die Schlafzimmer ab. Jedes einzelne war groß genug, dass man es auch als Wohnraum mitbenutzen konnte, wozu Farbfernseher und Stereoanlage beitrugen, die es ebenfalls in jedem Schlafzimmer gab.

Und was stand noch in jedem dieser verdammt gemütlichen Schlafzimmer? Natürlich ein Telefon. Ich hob den Hörer ab. Der Apparat lief über den Hauptanschluss im Wohnzimmer, aber er funktionierte. Mit der erhofften Ruhe war es also nichts. Ich überlegte, ob ich meine Koffer nun nicht doch wieder näher zum Wohnzimmer hin befördern sollte, dann war allerdings mit neuerlichen Fragen von Phil zu rechnen.

Also ließ ich es und packte Wäsche, Socken, Schuhe und Anzüge in die eingebauten Schränke. Danach duschte ich, zog mich wieder an und ging ins Wohnzimmer. Ich zog mein Notizbuch hervor, griff zum Telefon und wählte die Rufnummer 379 – 2421 in Miami.

»Federal Bureau of Investigation, Miami Field Office«, sagte eine weibliche Stimme.

»Hier spricht Jerry Cotton«, sagte ich. »Geben Sie mir den Special Agent in Charge bitte.«

Der diensttuende Distriktleiter meldete sich gleich darauf mit den Worten: »Thomas Richard. Ich hörte schon, dass Sie angekommen sind, Cotton.«

»Oh!«, sagte ich überrascht. »Von wem denn?«

»Man hat so seine Beziehungen. Ich hoffe, dass Sie sich bei uns wohlfühlen werden. Übrigens wollte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Lizenz fürs Hochseeangeln erst ab morgen früh zehn Uhr gilt.«

»Danke«, sagte ich. »Hatten Sie Erfolg bei der Suche nach meinem entfernten Verwandten?«

»Ja. Der Mann heißt Fizzy Dryke. Telefonisch ist er unter der Rufnummer 424 – 6621 zu erreichen. Ab Sonnenuntergang finden Sie ihn in der Gallina Bar in der Nähe des alten Kriegshafens.«

»Danke«, sagte ich und legte auf.

Phil tauchte aus dem langen Flur auf, der zu den Schlafzimmern führte. Er trug einen schicken Sommeranzug in hellem Beige und eine goldgelbe Seidenkrawatte.

»Hui!«, sagte ich. »Du scheinst dir ja mächtig was vorgenommen zu haben.«

»Ich spiele nur unsere Rolle so gut wie möglich. Vergiss nicht, dass wir zwar undurchsichtige, aber auf jeden Fall betuchte Geschäftsleute sind.«

»Deswegen muss man doch in Florida nicht mit einem Schlips rumlaufen. Ich habe die Kollegen in Miami angerufen. Unser Kontaktmann heißt Fizzy Dryke und scheint ein prächtiger Säufer zu sein. Und unsere Ausrüstung kommt erst morgen früh um zehn.«

»Fein, dann brauchen wir heute auch nicht hier herumzuhocken. Hast du schon in der Küche nachgesehen, welche Vorräte wir brauchen?«

»Was soll ich denn noch alles machen, während du dich herausputzt?«, maulte ich.

Wir stellten gemeinsam eine Liste von Nahrungsmitteln, Gewürzen und Getränken auf und kletterten in meinen roten Jaguar, um nach Cutler Ridge zum Einkaufen zu fahren. Palmen und Strand nahmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und vor allem natürlich die Frauen in ihren luftigen Strandanzügen oder Bikinis. Trotzdem fiel mir unterwegs noch etwas Sachliches ein.

»Während ich im Supermarkt unsere Lebensmittel einkaufe«, sagte ich, »könntest du etwas Nützliches tun.«

»Und zwar?«, fragte Phil.

»Sieh dich ein bisschen um, wo du die neuesten Stadtpläne, Straßenkarten und Adressbücher dieser Gegend auftreiben kannst. Ich möchte nicht wegen jeder Kleinigkeit die Kollegen in Miami anrufen müssen.«

»Okay. Wir treffen uns am Wagen.«

Ich nickte und rangierte auf einen freien Parkplatz neben dem Supermarkt von Cutler Ridge. Während Phil die Straße überquerte, ging ich in das Einkaufszentrum. Es war keiner von diesen unübersichtlichen Riesenläden, wo die Regalreihen so lang wie ganze Häuserblocks waren, sondern ein überschaubares, der Größe von Cutler Ridge angemessenes Geschäft.

Ganz rechts hinten gab es eine Glaskabine, in der ein Mann von etwa dreißig Jahren saß. Er hatte strohgelbes, langes Haar, das ihn von hinten fast wie ein Mädchen aussehen ließ. Vorne war das übliche Drehkreuz mit den Einkaufswagen und vier Kassen, von denen nur zwei besetzt waren. Als ich den Laden betrat, mochten alles in allem rund zwanzig Leute da gewesen sein, die meisten ältere Frauen.

Ich zog meine Einkaufsliste aus der Tasche und machte mich auf die Suche nach allem, was wir in den nächsten Tagen brauchen würden. Ich hatte bereits Butter, Zucker, Eier und Toastbrot im Einkaufswagen liegen, als ich an einem Regalende fast mit einer hübschen jungen Frau zusammenstieß. Sie war vielleicht Mitte zwanzig, hatte brünettes, kurz geschnittenes Haar und meergrüne Augen in einem hier unten seltsamerweise gar nicht sonnengebräunten Gesicht.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich höflich.

»Ist ja nichts passiert«, erwiderte sie. Es war nur ein kurzer Satz, aber die Aussprache verriet mir dennoch, dass sie aus dem Norden stammen musste.

»Da wir uns schon begegnet sind«, fuhr ich fort, »könnten Sie mir ein Geheimnis verraten.«

»Ein Geheimnis?«, wiederholte sie verwirrt.

»Ja. Wo haben die hier das Salz versteckt?«

Sie lächelte amüsiert, dann beugte sie sich vor und raunte mir zu: »In der nächsten Regalreihe ganz hinten und ganz unten.«

»Ma'am«, sagte ich ernst, »Sie haben mich zu ewigem Dank verpflichtet.«

Wir lächelten uns freundlich zu, schoben unsere Einkaufswagen aneinander vorbei, ich bog um die Ecke und war nun durch eine Regalreihe von der attraktiven jungen Lady getrennt. Ich zückte meine Einkaufsliste und sah nach, was wir außer Salz noch brauchten, als es vor mir klirrte. Ich blickte auf.

Ungefähr sechs Schritte vor mir stand ein junger Mann an dem langen Regal. Er trug verwaschene Jeans und eine offen stehende schwarze Weste auf dem nackten muskulösen Oberkörper. Zu seinen Füßen lag eine zerbrochene Flasche Mayonnaise. Eine zweite Flasche hielt er in der Hand, las das Etikett und ließ sie fallen. Sie zerbrach klirrend.

Ich stopfte den Einkaufszettel zurück in die Jackentasche. Der Bursche vor mir hatte langes Haar, das im Nacken von einem Gummibändchen zusammengehalten wurde. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, grinste er herausfordernd, schob den linken Arm ins Regal und fegte ein halbes Dutzend Flaschen heraus.

Die Sorte kannte ich besser als mein Auto. In einigen Ecken der Downtown, in gewissen Gegenden von Brooklyn und in der ganzen South Bronx wimmelte es von diesen Typen, die um jeden Preis provozieren wollten, denen Zerstören eine perverse Befriedigung verschaffte und die immer erst Ruhe gaben, wenn sie mal an einen Stärkeren gerieten.

Ich hatte verdammt wenig Lust, gleich am ersten Tag in diesem sonst so friedlichen Städtchen in eine Prügelei verwickelt zu werden. Also tat ich, als kümmerte ich mich nicht um ihn. Manchmal gaben sie es ja auf, wenn man sie nicht beachtete.

Aber in seiner Nähe befand sich auch noch eine ältere Lady. Und die trat ihm in den Weg und rief empört: »Was machen Sie denn da, Sie Lümmel?«

»Halt's Maul, Oma!«, grunzte er und stieß sie beiseite, sodass die alte Frau ausrutschte und stürzte.

Sie schrie vor Schreck und Schmerz, und im selben Augenblick übertönte ein schriller Schrei ihren Ruf. Der Schrei kam aus der nächsten Regalreihe, und es war ein Schrei, wie ihn nur Menschen in äußerster Panik ausstießen. Mir fiel sofort die junge Lady ein, mit der ich kurz gesprochen hatte. Ich ließ meinen Einkaufswagen stehen, rannte zurück, bog um die Regalecke und blieb stehen, als wäre ich gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen.