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Jerry Cotton Sonder-Edition 280 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Don Joseph galt als die graue Eminenz unter den alteingesessenen, großen Mafiafamilien. Er genoss das Vertrauen selbst verfeindeter Clans. Ihn holte man als Mittler und Schiedsrichter. Heute war Don Joseph nicht mehr der Alte. Sein Machtanspruch glich einer Fassade, die bröckelte und einzustürzen drohte. Andrea Orlando, seine lebenshungrige und attraktive Tochter, schien in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Auf den ersten Blick keine schlechte Wahl, war sie doch geschäftstüchtig und hart wie ihr Vater. Eben eine richtige Mafiaprinzessin.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Die Mafiaprinzessin

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

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Impressum

Die Mafiaprinzessin

Don Joseph galt als die graue Eminenz unter den alteingesessenen, großen Mafiafamilien. Er genoss das Vertrauen selbst verfeindeter Clans. Ihn holte man als Mittler und Schiedsrichter. Heute war Don Joseph nicht mehr der Alte. Sein Machtanspruch glich einer Fassade, die bröckelte und einzustürzen drohte. Andrea Orlando, seine lebenshungrige und attraktive Tochter, schien in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Auf den ersten Blick keine schlechte Wahl, war sie doch geschäftstüchtig und hart wie ihr Vater. Eben eine richtige Mafiaprinzessin.

1

Irgendetwas war mit meinem rechten Bein nicht in Ordnung. Vorsichtig zog ich es ein wenig an und verlagerte mein Körpergewicht auf die linke Hüfte und den linken Ellenbogen. Ein Tier wieselte neben mir her und wühlte sich raschelnd ins modernde Laub.

Es war lausig kalt hier oben am See, obwohl der Frühling bald vorbei war. Das Wasser unten schimmerte wie eine schwarze Scheibe. Über dem Schilf hingen Dunstschleier. Das Haus auf der anderen Seite, hoch über dem Ufer, sah mit seinem hölzernen, von weißen Säulen getragenen Vorbau und dem gedämpften Licht hinter schweren Gardinen wie die Kulisse eines Hitchcock-Films aus.

Wir verbrachten jetzt schon die vierte Nacht in der freien Natur. Aber heute würde es passieren, in dieser Nacht, das wusste ich, dafür brauchte ich meinen Instinkt nicht zu bemühen. Zum ersten Mal waren die Lichter angeblieben. Die ganze Bande war wach und wartete auf den Deal.

Es wartete auch eine Überraschung auf sie. Die nächste Nacht und die folgenden Jahre würden ein paar der namhaftesten Vertreter der Mafia von Atlantic City und Chicago in Gefängniszellen verbringen.

Es wurde Zeit, verdammt. Drei Tage und vier Nächte, die Nase immer im feuchten Laub, weil niemand genau wusste, welche elektronischen oder sonstigen Kinkerlitzchen die Leute da unten aufgeboten hatten, um sich vor ungebetenen Besuchern zu schützen.

Dabei war das nicht einmal eine FBI-Aktion. Die Kollegen von der Drogenfahndung hatten uns nur gerne dabei, wenn es um einige hundert Pfund Kokain und Heroin ging. Und um ein paar Millionen Dollar in bar.

Uns hatten die Kollegen mit Joe Orlando und Vic Colasanto vom Atlantic-City-Mob geködert. Don Joseph, wie sich der alte Orlando nennen ließ, galt als die graue Eminenz unter den alten, großen Mafiafamilien des Landes. Er genoss das Vertrauen selbst verfeindeter Familien. Ihn holte man als Mittler und Schiedsrichter. Und als Kurier.

Es waren gigantische Mengen Rauschgift, die, wenn sie einmal im Land waren, verteilt werden mussten. Und ebenso gigantisch waren die Summen Geld, die bei jedem großen Deal anfielen und irgendwohin transportiert werden mussten. Nach Las Vegas oder auf die Bahamas, nach Europa oder Südamerika und zurück. Die Kurierdienste besorgte Joe Orlando zusammen mit Vic Colasanto, dem smarten Aufsteiger mit Collegeabschluss.

Orlando lebte in einem Hotel in Atlantic City, das ihm gehörte. Die Casinolizenz hatte er einem Neffen überlassen, um sich besser seinen Mittler- und Kurierdiensten widmen zu können.

Quartiere wie das Herrenhaus an dem kleinen See in den Pocono Mountains kaufte oder mietete er dutzendweise und gab sie schnell wieder auf, was die Chance, ihn bei einem Deal zu erwischen, zum Lotteriespiel machte.

Dieses Mal hatten wir ihn am Wickel. Denn den Kollegen von der Drogenfahndung war es gelungen, einen Spitzel in die Bande kolumbianischer Gangster einzuschleusen, die das Heroin ins Land schmuggelten und es nicht aus den Augen ließen, bis sie die knisternden Scheine in Händen hielten. Und weil es um besonders viel Geld ging und sich der alte Orlando so sicher wie der Boss einer Hemdenfabrik fühlte, hatte er es sich nicht nehmen lassen, diesen Deal persönlich zu managen.

Es knackte im winzigen Hörer meines Walkie-Talkie. Die Kapsel befand sich in meinem Ohr, das Gerät selbst steckte in einer der zahlreichen Taschen meines Overalls.

»Kann sein, dass es bald so weit ist. Der Radarbeobachter am Pecks Point hat was auf dem Schirm«, meldete Todd Denkin, der Einsatzleiter.

Denkin war ein paar Jahre älter als ich. Wir hatten schon mehrere Einsätze gemeinsam gemeistert, und ich schätzte ihn als zuverlässigen Partner in heiklen Situationen.

»Lasst eure Nasen unten, Jungs, bis ich das Zeichen gebe.«

Okay, okay, Todd, dachte ich und bewegte das gefühllos gewordene Bein. Hoffentlich ließen mich meine steifen, ausgekühlten Knochen gleich nicht im Stich.

Genau in diesem Moment begann es zu regnen.

»Noch drei Minuten«, sagte Paul Gilligan über die Schulter hinweg zu Joe Orlando.

Er stand seit einer Stunde reglos hinter ihm. Nur der Rauch seiner Zigarre verriet seine Anwesenheit.

Gilligan rieb verstohlen über seine brennenden Augen und lockerte dabei die Kopfhörer.

Joe Orlando kniff die Lider zusammen. Er legte Gilligan eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz.

»Pass auf, Paul«, sagte er. »Wir wollen die Lichter nicht zu früh einschalten. Hol ihn möglichst nah ran.«

Orlando zog die Schultern fast bis zu den Ohren hoch. Er vergaß die Zigarre zwischen seinen Lippen.

Sein Gesicht verwandelte sich in eine Maske aus Stein. Er fragte sich, was die Latinos unten in der Halle jetzt machten. Jetzt sah er ein, dass es ein Fehler von ihm gewesen war, selbst herzukommen – und Andrea mitzubringen. Er hatte die Blicke dieser kleinen Kerle gesehen, mit denen sie seine Tochter musterten. Seine Andrea. Dabei war sie noch ein Kind, trotz ihrer neunzehn Jahre.

Nun, Vic Colasanto würde schon auf sie aufpassen, aber ihre Tugend war bei ihm auch nicht sicher. Warum hatte er sich breitschlagen lassen, die Sicherheit seines Hauptquartiers in Atlantic City zu verlassen und selbst hierherzukommen?

Es war Andreas Wunsch gewesen, dieses Haus, das sie nur von Fotos her kannte, kennenzulernen. War das der wirkliche Grund? Colasanto bildete sich ein, dass Andrea in seiner Nähe sein wollte. Er, Joseph Orlando, wusste es besser. Er war Andreas Vater, er kannte jeden Gedanken in dem hübschen Köpfchen seiner Tochter. Deshalb wusste er genau, dass Andrea Vic Colasanto nicht mochte, auch wenn sie ihn, weil sie eine folgsame Tochter war und sich den alten Traditionen und Werten verpflichtet fühlte, eines Tages heiraten würde. Dass sie an dem Tag unberührt sein würde, dessen war er sich nicht so sicher. Andrea hatte das wilde, heiße Blut ihrer Mutter geerbt.

Orlando nahm den Hörer des Haustelefons ab und drückte eine Taste. Vic Colasanto meldete sich sofort.

»Ja, Joe?«

Es gab nur wenige, denen es Orlando gestattete, ihn nur mit dem Vornamen anzureden. Colasanto hatte er es nicht erlaubt, Colasanto hatte sich das Recht selbst herausgenommen, und er, Joe Orlando, hatte es hingenommen.

Vic Colasanto war ein Neffe von Silvio Tomassetti aus Las Vegas, und Orlando wusste genau, weshalb Don Silvio ihn um den Gefallen gebeten hatte, Colasanto unter seine Fittiche zu nehmen.

Auch er, Joe Orlando, hatte nichts gegen eine Verbindung mit der einflussreichen Familie der Tomassettis einzuwenden, nachdem er Colasantos Intelligenz, Kaltblütigkeit und Loyalität schätzen gelernt hatte. Nur, die Erlaubnis, ihn einfach mit Joe anzureden, hätte er ihm gerne selbst erteilt – an dem Tag, an dem Vic Colasanto ihn um die Hand seiner Tochter gebeten hätte.

»Alles in Ordnung da unten?«, fragte Orlando.

»Natürlich«, antwortete Vic Colasanto kühl.

Colasanto war ein wenig zu selbstbewusst, wie Orlando meinte. Das war Colasantos einziger Fehler, und der würde ihm eines Tages zu schaffen machen.

Paul Gilligan hob eine Hand. »Tom braucht jetzt das Signal.«

Orlando nickte.

»Tom kommt rein«, sagte er in den Hörer.

»Okay«, bestätigte Vic. »Ich gehe dann raus mit den Jungs.«

»Wo ist Andrea?«, wollte Orlando wissen.

»In ihrem Zimmer und dort wird sie auch bleiben.«

Da war er wieder, dieser selbstsichere, beinahe schon arrogante Unterton. Orlando legte schnell den Hörer auf.

Regenwasser lief den Hügel hinab und sammelte sich in der flachen Mulde, in der ich lag. Mein Overall hatte sich mit Wasser vollgesogen, die dünne schussfeste Nylonweste klebte auf meiner Haut.

Der trommelnde Regen zersplitterte die vorher so glatte Oberfläche des Sees und zog einen Vorhang vor das Haus am anderen Ufer. Die Kollegen mit ihren Horch- und Nachtsichtgeräten waren jetzt auch gehandikapt. Ich tastete nach dem Walkie-Talkie, zog die Hand aber wieder zurück. Todd Denkin würde sich melden, wenn es Neues gab oder wenn er eine Planänderung in Erwägung zog.

Ich wischte das Wasser aus den Okularen meines Feldstechers und presste ihn an die Augen. Der dichte Wacholderstrauch halb links von mir war nur als verschwommener Schatten zu erkennen. Dort lag Phil Decker, mein Freund, Kollege und Partner.

Ich schwenkte das Glas herum. Die Lichter hinter den Fenstern verschwammen zu diffusen Flecken. Ich strengte alle Sinne an. Plötzlich zog sich die Haut in meinem Nacken zusammen. Ich hörte ein schnell anschwellendes Rauschen, das von überall herzukommen schien. Ich riss den Kopf herum und warf mich auf den Rücken.

Der Umriss eines Helikopters erschien über den dunklen Fichten. Die Rotorblätter peitschten die Spitzen, dann strich die Maschine den Hügel hinab, wie ein Raubvogel auf der Jagd nach Beute – genau auf mich zu.

Das Heulen der Turbine füllte die Luft, der Druck schien mich tiefer in meine Mulde zu pressen. Das Positionslicht unter der Kabine funkelte wie ein Brillant, dann strich der Hubschrauber den Hang hinab und auf den See zu.

Ich stieß den angehaltenen Atem aus. Mein jagender Herzschlag beruhigte sich schnell wieder. Drüben ragte plötzlich eine Lichtlanze senkrecht in den Himmel. Unter einer Dachluke musste sich ein starker Scheinwerfer befinden, der dem Hubschrauberpiloten als Orientierungsmarke diente.

Im nächsten Moment schaltete der Pilot seinen Außenscheinwerfer ein. Der grellweiße Lichtkegel schnitt einen hellen Kreis in die Dunkelheit. Der Kreis flog wie eine von einer geheimnisvollen Kraft angetriebene Scheibe über den See, wanderte drüben das Ufer hinauf und kam auf dem ebenen Rasen, nur vierzig oder fünfzig Yards vor dem Haus, zum Stillstand. Der Helikopter senkte sich auf die Scheibe nieder. Die Lichtlanze, die in den Himmel stieß, erlosch, als der Pilot die Maschine aufsetzte.

Ich versuchte, das Glas schärfer auf den Lichtfleck einzustellen, ohne jedoch mehr als den Umriss des Helikopters ausmachen zu können. Ich knirschte mit den Zähnen. War ich hier zur Untätigkeit verdammt? Sollte ich nicht einmal mit ansehen, wie die drei oder vier Abgesandten des Chicagoer Syndikats ihre Koffer mit den Dollars und die tragbare Laborausrüstung ins Haus schleppten, um den Deal perfekt zu machen?

Phil und mir war die Aufgabe zugefallen, die linke Flanke des Sees zu sichern. Die Hauptzufahrt zum Haus befand sich auf der rechten Seite. Für Jäger und Holzfäller gab es einen unbefestigten Weg, der links um den See herum in die Wälder führte.

Und in der großen Remise hinter dem Haus stand ein hochrädriger Jeep.

Ich zog die Beine unter meinen Körper und richtete mich ein wenig auf. Von hier oben aus konnten wir bei den herrschenden Lichtverhältnissen den Weg in die Wälder nicht sichern. Wir mussten es riskieren, näher an das Haus und den Hubschrauber heranzugehen, auch wenn wir damit gegen den Einsatzplan handelten.

Das Gelände um den See herum war zwar weiträumig von Beamten der Staatspolizei umstellt, die auf Todd Denkins Befehl hin alle Straßen absperren würden, um das Haus herum befanden sich dagegen nur zwölf Männer. Jeder weitere Mann hätte das Risiko erhöht, von Orlandos Männern entdeckt zu werden. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass in diesen drei Tagen und vier Nächten keine Panne passiert war.

Ein paarmal streckte ich das rechte Bein, um die Blutzirkulation in Gang zu setzen, bevor ich die kurzläufige Maschinenpistole aus dem Etui herauszog, das an meinem Gürtel befestigt war. Ich überprüfte die Waffe, entsicherte sie und hielt sie schussbereit in der Hand, als ich geduckt den aufgeweichten Hang hinabschlitterte.

Phil erwiderte meinen Erkennungspfiff und kam hinter dem Wacholderstrauch hervor. Wir brauchten keine Worte, um uns zu verständigen. Nur auf Armlänge voneinander entfernt, arbeiteten wir uns auf die Stelle zu, wo das Flappen der Rotoren dünn das Rauschen des Regens durchdrang und der Lichtfleck uns den Standort der Maschine verriet.

Die Stimme des Einsatzleiters knisterte in meinem Ohr. Sie klang absolut ruhig. Dabei wusste jeder, wie viel auch jetzt noch schiefgehen konnte.

»Sie sind alle drin«, sagte Todd Denkin. »Also los, machen wir den Laden dicht!«

Paul Gilligan streifte die Kopfhörer ab und stand auf. Er wollte seinen Bruder Tom begrüßen, der die Typen aus Chicago und ihre Millionen herübergeflogen hatte. Tom war ein schneidiger Bursche, Gilligan bewunderte ihn sehr.

Er trat unter die Dachluke. Das Metallgehäuse des Scheinwerfers, dessen Licht Tom als Orientierungshilfe gedient hatte, war noch warm. Gilligan stellte sich auf die Zehenspitzen.

Regen strömte über sein Gesicht, er achtete nicht darauf. Er sah die langsam im Leerlauf kreisenden Rotoren, hörte das schwache Pfeifen der Antriebsturbine. Es war ein Fairchild Hiller, Gilligan kannte die Maschine genau, er hätte sie sogar fliegen können, weil sein Bruder ihm bei ihren gemeinsamen Flügen im Auftrag des Don alle Funktionen erklärt hatte. Vielleicht ließ Don Joseph ihn bald den Pilotenschein machen, nachdem er ihm schon vor zwei Jahren den Funklehrgang bezahlt hatte. Mit der Sprechfunklizenz konnte er jederzeit mit den Flugstunden beginnen.

Er wollte sich abwenden, um nach unten zu gehen, als ihn eine schattenhafte Bewegung am Hubschrauber innehalten ließ. Und dann sah er sie. Die Umrisse mehrerer Gestalten huschten vor dem Lichtkegel des Bodenscheinwerfers her. Das waren nicht die Wachen, die Vic Colasanto aufgestellt hatte. Es waren zu viele. Und die rannten auf das Haus zu.

Paul Gilligan warf sich herum, riss die Tür auf und stürmte die schmale Speichertreppe hinab.

Keuchend erreichte er die Galerie über der Halle. Der Don, Colasanto, ihre Bodyguards, Tom, die Männer aus Chicago und die Kolumbianer hockten in der Küche im Tiefgeschoss und prüften das Heroin, zählten die Dollars. In der Halle stand nur Sid, das schmale Vogelgesicht, und der bullige Lenny. Sie sahen nach oben und winkten ihm grinsend zu, während er mit überschnappender Stimme immer dasselbe brüllte.

»Die Cops ... die Cops ... sie sind draußen ...!«

Es war zu spät. Bevor die Information irgendwelche Reaktionen in den Köpfen der Gorillas auslöste, zersplitterte hinter ihnen die Eingangstür, und Männer in durchnässten Kampfanzügen und schweren Schutzwesten, die Maschinenpistolen im Anschlag, walzten über sie hinweg.

Gilligan wirbelte herum, als er eine Bewegung am Ende des Flurs bemerkte. Andrea stand vor ihrer Zimmertür, und sein Herz zog sich zusammen. Sie war ein langbeiniges Geschöpf mit mädchenhaften Formen. Fraulich waren ihre großen Brüste, die sich deutlich unter dem dünnen Stoff ihres Nachthemds abzeichneten.

Paul Gilligan stand einen Moment steif da, starrte in die großen, sanft schimmernden dunklen Augen, dann ging er auf sie zu, während unten die Hölle aufbrach.

Ein paar Warnschüsse krachten, begleitet vom Gebrüll der hereinstürmenden Polizisten, dann wachten die Kolumbianer endlich auf. Die Salven ihrer ekelhaft schnarrenden Hochrasanzgeschosse sägten über Wände und Türen. Irgendjemand schrie gellend auf, der Schrei erstarb gleich darauf in einem Gurgeln.

»Paul«, flüsterte Andrea, »ich habe auf dich gewartet!«

Gilligans Magen krampfte sich unwillkürlich zusammen, er sah sich hastig um. Von Vic Colasanto war nichts zu sehen. Der hatte jetzt andere Probleme.

Schritte polterten die breite Treppe hinauf. Das waren Sid und Lenny, und sie schossen auf die Cops unten in der Halle. Und die Cops schossen zurück. Ihre Neun-Millimeter-Kugeln zerfetzten das Geländer und stanzten Löcher in die Holztäfelung.

Gilligan fasste einen Entschluss. Er hob Andrea hoch und rannte mit ihr auf die unauffällige Tür am Ende des Flurs zu. Dahinter lag eine Treppe, die Dienstbotentreppe, vermutete er. So was kannte er nur aus den Romanen, die er früher gelesen hatte.

Andrea schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte den Kopf an seine Schulter. Das volle, schwarz glänzende Haar floss in weichen Wellen über das weiße Nachthemd und die Wölbung ihrer Brüste.

Er stieß die Tür mit dem Fuß auf, sprang durch die Öffnung, stolperte über die Zementstufen abwärts. Über ihm schlug die Tür in den Rahmen, und Finsternis hüllte sie ein. Andrea schauderte und klammerte sich enger an ihn.

»Weißt du nicht, dass ich nur wegen dir mitgekommen bin?«, fragte sie.

Er spürte ihre Lippen an seinem Hals. Ein Schauer lief durch seinen Körper, da rannte er am Fuß der Treppe gegen eine massive Mauer und fand sich unvermittelt am Boden wieder.

»Was ist passiert?«, flüsterte Andrea. Ihr warmer Atem strich über seine Wange.

»Wir haben die Cops im Haus«, antwortete er und wand sich behutsam aus der Umklammerung. Er bedauerte es, den Druck der großen festen Brüste nicht mehr zu spüren, aber wenn Vic Colasanto ihn hier mit Andrea überraschte, wie sie auf dem Boden einer finsteren Treppe hockten, großer Gott, dachte er, Colasanto würde ihn, ohne zu zögern, umlegen!

Er tastete die Umgebung ab. Seine Hände strichen über das Metall einer Tür, wanderten aufwärts bis zum Drehknauf. Er drehte ihn behutsam und hielt inne. Was erwartete ihn hinter der Tür? Er vermutete, dass sie ins Tiefgeschoss des Hauses führte, dorthin wo sich auch der Küchentrakt befand. Er zögerte er.

»Die Cops?«, flüsterte Andrea. »Meinst du die Polizei?«

Mein Gott, dachte Gilligan, weiß sie wirklich nicht, was hier gespielt wird? Hält sie den Trip in die Pocono Mountains für eine Urlaubsreise?

Er zog vorsichtig an der Tür. Sie war nicht abgeschlossen. Ein schmaler Lichtstreifen fiel über staubgrauen Zementboden und Andreas schlankes nacktes Bein. Paul Gilligan brachte ein Auge an den Spalt.

Er hatte sich nicht getäuscht, er blickte in einen Vorraum der Küche. Gegenüber befand sich die Treppe, die von der Halle herunterführte.

Er zuckte zusammen, als er das verzerrte Gesicht eines Kolumbianers sah, der mit fliegenden Fingern versuchte, ein neues Magazin in seine Maschinenpistole einzusetzen. Blut floss aus einer Stirnwunde und tropfte auf seine Hände.

Zwei Tränengaspatronen kollerten die Treppenstufen auf der anderen Seite des Vorraums herunter. Gelbliche Gasschwaden breiteten sich rasend schnell aus.

Der Kolumbianer sprang auf und sah sich gehetzt um. Er wusste, dass oben die Polizei wartete. Sein Blick fiel auf die Tür, auf den Spalt, und Gilligan glaubte, den Blick der kleinen schwarzen Augen wie Dolchstiche zu spüren. Der Kolumbianer riss die Maschinenpistole herum und sprang auf die Tür zu.

Paul Gilligan schmetterte die Tür in den Rahmen. Er presste sich gegen das Metall und stemmte die Füße gegen die Wand. Er spürte den Aufprall des Kolumbianers, er hörte gedämpft Schüsse, die Kugeln pochten laut gegen das Metall der Tür, und Gilligan glaubte, den schrillen Schmerzensschrei des Kolumbianers zu hören, bevor der Druck gegen die Tür nachließ.

Er keuchte laut, dann hätte er beinahe einen Schrei ausgestoßen, als Andrea eine Hand über seine Lippen legte.

»Pst!«, sagte sie und schmiegte sich an ihn.

2

Phil und ich rannten jetzt. Der aufgeweichte Boden hing wie Blei an unseren Füßen.

Wir waren noch gut hundert Schritte von dem Hubschrauber entfernt, als der hochrädrige Jeep hinter dem Haus hervorkam. Sehen konnten wir ihn nicht, der Fahrer hütete sich, die Scheinwerfer einzuschalten. Wir hörten nur das Dröhnen der Maschine, die den Wagen über den tiefen Boden vorantrieb. Das Motorgeräusch schwoll rasch an.

Phil rannte nach links hinauf, um dem Fahrzeug den Weg abzuschneiden, bevor es den Wald erreichte. Ich lief auf den Hubschrauber zu.

Der helle Fleck des Außenscheinwerfers wies mir den Weg. Und immer noch flappten die Rotorblätter durch den strömenden Regen. Niemand war bisher dazu gekommen, das Triebwerk abzuschalten, um die Maschine am Starten zu hindern. Irgendetwas lief verdammt schief. Die Schüsse im Haus wollten nicht verstummen.

Neben und hinter dem Haus stiegen lautlos drei Leuchtraketen in den Himmel. Die Leuchtsätze zerplatzten und schwebten langsam herab. Ihr Licht hätte ausgereicht, das Aktionsfeld schattenlos auszuleuchten – wenn der verdammte Regen nicht gewesen wäre. So reichte es nur für ein gespenstisches Leuchten, das bizarre Schatten über die Hausfassade und den Platz davor warf.

Immerhin erfassten die Stoßfänger und die Frontscheibe des Jeeps etwas von dem sprühenden Licht. Der Wagen schlingerte quer über den Rasen und steuerte direkt den Helikopter an – und nicht den Waldrand! Er legte einen Zahn zu. Trotzdem würde der Jeep die Maschine vor mir erreichen, das war klar.

Plötzlich schepperte Todd Denkins Megafonstimme metallisch herüber.

»Halt! Bleiben Sie stehen!«

Der Jeep hielt unbeirrt auf den Hubschrauber zu. Mehrere Gestalten klammerten sich am Überrollbügel fest.

»Phil! Jerry!«, klirrte es gleichzeitig aus dem Megafon und der winzigen Hörkapsel in meinem Ohr. »Sie wollen zum Hubschrauber!«

Verdammt, das sah ich auch. Und noch etwas erkannte ich im schwächer werdenden Schein der Leuchtraketen. Der Jeep schlitterte breitseits auf den Helikopter zu und kam haarscharf außerhalb des Drehkreises der Rotorflügel zum Stehen.

Eine Maschinenpistole ratterte los, ein kurzer Feuerstoß aus einer Polizeiwaffe. Todd Denkin? Verdammt, Todd, bleib, wo du bist, dachte ich.

Todd sollte den Einsatz aus sicherer Entfernung von außen leiten. Deshalb trug er als Einziger keine schusssichere Weste, weder das dünne Zeug, das Phil und ich unter unseren Overalls trugen, noch eine schwere Schutzweste wie die Männer, die in das Gebäude eingedrungen waren.

Plötzlich flammten die Scheinwerfer des Jeeps auf und erfassten den heranrennenden Todd Denkin. Es war eine albtraumhafte Szene. Meine Lungen brannten, und ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

Ich riss meine MP hoch und feuerte im Laufen. Die Kugeln prasselten in das Blech des Wagens, ohne erkennbaren Schaden anzurichten.

Todd schlug einen Haken, um die breiten Lichtbahnen der Scheinwerfer zu verlassen. Die Kugeln seiner MP hämmerten in den Vorderteil des Wagens. Blech riss, Glas klirrte. Die Gestalten hechteten aus dem Jeep und rollten sich neben dem Wagen ab. Dabei feuerten sie aus allen Rohren.

In der Sekunde, als die Scheinwerfer, von Todd Denkins Feuerstoß getroffen, erloschen, erwischte es ihn. Er überschlug sich mehrere Male, dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Mein Inneres gefror. Ich stellte meine MP auf Dauerfeuer und zog durch.

Die Schatten spritzten auseinander, als die Kugeln aus meiner Waffe in das Blech des Jeeps klatschten. Geduckte Gestalten kreuzten das Licht des Hubschrauberscheinwerfers. Ich achtete nicht auf sie. Der Motor des Jeeps heulte plötzlich auf. Die Grobprofile der Reifen rissen Grasbrocken aus dem Boden, wirbelten sie hoch in die Luft, packten dann und schleuderten das geländegängige Fahrzeug vorwärts.

Ich leerte das Magazin auf den davonschießenden Wagen und setzte im Laufen ein neues ein. Der Jeep hielt auf den Waldrand zu. Phils Waffe bellte auf.

»Todd!«, schrie ich. »Todd! Wo bist du?«

In meinem Ohrhörer krächzte eine undeutliche Stimme. Das Licht der Leuchtraketen war längst erloschen. Aber ich sah ihn im nassen Gras liegen. Der schwache Widerschein des zuckenden Positionslichts unter der Hubschrauberkabine warf einen geisterhaften Schimmer über Todds nasses Gesicht.

Ich warf mich neben ihn, ließ die MP fallen, tastete nach Todds Kopf. Meine Finger spürten klebrige Nässe. Blut, vom Regenwasser verdünnt. Seine Hand suchte meinen Arm, krallte sich in den Stoff meines Overalls.

»Mein Fehler«, keuchte er. »Zu viele im Haus ... miserable Vorbereitung ... ich bin verantwortlich ...«

»Ruhig, Todd«, sagte ich heiser, während ich seinen Oberkörper abtastete, um die Art und Schwere der Verletzungen festzustellen. Gleichzeitig versuchte ich, das Walkie-Talkie aus der Halterung an Todds Koppel zu zerren. Jemand musste das Kommando übernehmen. Nach Lage der Dinge war ich der Einzige, der dafür infrage kam.

Als ich Todds Jacke aufriss und über seine Brust tastete, zog ich scharf den Atem ein. Überall war Blut und aufgerissene Haut. Und Todd bewegte sich nicht mehr. Ich ließ das Walkie-Talkie, wo es war, und stieß die Finger in Todds Halsgrube. Vergeblich tastete ich nach dem Puls.

Regen strömte kalt über mein Gesicht. Ich presste einen Augenblick die Lider zusammen. Sie hatten ihn abgeknallt wie ein Kaninchen.

Das jähe Anschwellen des Hubschraubertriebwerks traf mich wie ein Tritt in den Magen. Die Gestalten, die vom Jeep gesprungen und in der Dunkelheit untergetaucht waren!

Ich ließ Todd Denkins Oberkörper zurücksinken, griff nach meiner Maschinenpistole, lud sie durch. Die Rotorblätter pfiffen schrill und peitschten Wassertropfen über mein Gesicht. Ich riss die MP hoch, als die Maschine abhob.

Ohne zu zögern, zog ich den Abzug durch.

Ich hörte die Einschläge der Kugeln. Die Kabine begann zu schwanken, setzte hart auf, sprang wieder hoch. Der Scheinwerfer unter dem Kabinenboden brannte immer noch. Die helle Lichtscheibe tanzte den Hang hinunter, auf das Seeufer zu.

Ich jagte noch einen Feuerstoß in den Heckpropeller. Sofort geriet die Maschine außer Kontrolle. Die Kabine torkelte, der Lichtfleck schwankte, die Maschine setzte schräg auf nur einer Kufe auf.

Ein Ruck ging durch die Kabine. Mit einem scharfen Laut sprang einer der Rotoren ab und zischte ins Wasser. Die Kabine neigte sich, der Lichtfleck wanderte zu mir herauf, dann kippte die Kiste wie ein überdimensionaler Gummiball ins Wasser.

Ich rannte zu ihr. Hinter mir brachte Phil den Jeep mit einigen Feuerstößen aus seiner Waffe zum Stehen.