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Der Brooklyn-Fighter war die Nummer eins im Schwergewicht. Ein Champion, dessen fatales Schicksal den Massen weithin unbekannt war. Als Eigentum der Mafia war er ein Sklave im Ring, verheiratet mit der launischen Tochter eines Mafiabosses. Kaum versuchte er, seinem Schicksal zu entrinnen, ließ die Organisation ihn fallen. Seine Karriere war zu Ende. Die Scheidung und der finanzielle Ruin folgten. Als mich eine couragierte Journalistin auf den Brooklyn-Fighter aufmerksam machte, nahm ich die Ermittlungen auf.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Brooklyn-Fighter
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Der Brooklyn-Fighter war die Nummer eins im Schwergewicht. Ein Champion, dessen fatales Schicksal den Massen weithin unbekannt war. Als Eigentum der Mafia war er ein Sklave im Ring, verheiratet mit der launischen Tochter eines Mafiabosses. Kaum versuchte er, seinem Schicksal zu entrinnen, ließ die Organisation ihn fallen. Seine Karriere war zu Ende. Die Scheidung und der finanzielle Ruin folgten. Als mich eine couragierte Journalistin auf den Brooklyn-Fighter aufmerksam machte, nahm ich die Ermittlungen auf.
Oregano würzte die Luft, feuchtes Mehl und Hefe sorgten für die Geruchsgrundlage. Ich schlenderte aus der mit Kunststoffknoblauch und Plastikweintrauben garnierten Pizzeria in den hinteren Korridor. Der Schnellsprecher des lokalen italienischen Radiosenders von Borough Park, Brooklyn, blieb mit seinem Silbenstakkato jenseits der Schwingtür zurück.
Mein Mann war irgendwo hier. Im Labyrinth der rückwärtigen Räume hatte er nur ein knappes Dutzend Möglichkeiten zu verschwinden. Billardzimmer, Automatenspielhalle, das Zimmer für Familienfeiern, Küche, Kühlraum, Vorratsraum. Und so weiter.
Aus der Automatengegend ratterte, klingelte und pfiff es. Im Billardzimmer war es ruhiger: Nur die schweren Kugeln klickten. Der Teppichboden schluckte meine Schritte. Die Küchentür flog auf und zu. Jedes Mal, wenn die Kellner durch den Nebenkorridor zum Restaurant stürmten, wehte ein Schwall von Geräuschen herauf. Geschirrklappern, laute italienische Wortfetzen, Brodeln und Zischen von den Herdplatten und aus den Pizzabacköfen.
Ich warf einen Blick auf die Flipperfreaks und die schweigenden Typen am Billardtisch. Mein Mann war nicht von dieser Sorte. Es überraschte mich nicht. Ich hatte eine vage Vorstellung davon, in welcher Umgebung ich ihn wiedersehen würde, nachdem er den Laden vorne verlassen hatte. Die Küche konnte ich in die engere Wahl nehmen.
Ich folgte der Geruchsmischung aus Oregano, Mehl und Hefe. Mit Leinenschuhen, Jeans und heller brauner Lederjacke sah ich nicht aus wie der typische Schlips-und-Anzug-G-man der Hoover-Ära. Hinter der Korridorbiegung nach links pendelte die breite Tür und ließ heiße Luft, den Lärm und einen eiligen Kellner mit schwerem Tablett heraus. Er bemerkte mich, wie durch Augen im Hinterkopf. Schon drei Schritte entfernt, bremste er die dampfende träge Masse auf seinem Tablett und schwenkte gekonnt herum.
Was da dampfte und duftete, reichte von Napoletana bis Calzone, und wenn mich nicht alles täuschte, war meine Quattro Stagioni auch dabei. Der Bursche, den ich verfolgte, war schuld daran, dass mein Magen weiter knurren würde.
»Für Gentlemen? Geh hinten!«, kehlte der Servierer, als hätten sie ihm bei der Einwanderungsbehörde erst gestern die Arbeitserlaubnis ausgehändigt.
Ich hob die Hand und grinste schief. »O sorry! Danke!«
Ich machte kehrt und setzte mich zum Schein in Bewegung.
Er drehte sich um und stürmte weiter. Ich hörte das Schnattern des Vorhangs aus Glasperlenketten im Durchgang zwischen Korridor und Restaurant, blieb stehen und tat noch einmal, als suchte ich in der entgegengesetzten Richtung.
Diesmal schaffte ich es bis zur Küchentür. Als sie aufschwang, spähte ich in den mehligen Dunst, bevor der heranmarschierende Kellner Nummer zwei mein Blickfeld ausfüllte. Ich konnte gerade noch den schlanken kleinen Mann im dunklen Anzug sehen, der in einer Ecke bei den Backöfen mit einem größeren Mann in dunklem Anzug redete.
»Gentlemen?«, fragte ich blinzelnd.
Der Tablettträger schüttelte den Kopf unter seiner balancierten Last. Ihm war anzusehen, wie schwer es ihm fiel, höflich zu bleiben.
»Hinten, Sir, ganz hinten. Hier ist die Küche.«
Ich beeilte mich, zur Seite zu springen, bedankte mich, entschuldigte mich und verschwand. Jetzt hatte ich ihn. Garantiert. Am Erfolg fehlte nur eine Kleinigkeit. Und die würde ich sehen, wenn er den Laden verließ. Durch den Vordereingang?
Ich blickte mich dort um, wo die mit Signori und Signore beschrifteten Türen jedem naturalisierten Italienischstämmigen klarmachten, dass er gefälligst die Sprache seiner Vorfahren zu lernen hatte, wenn er wissen wollte, wie man Ladys und Gentlemen unterschied. Ich verschwand hinter der männlichen Mehrzahlsendung »i«, vergewisserte mich, dass ich allein war, und schickte meinem Freund und Partner die Botschaft über den Antennenstummel des Walkie-Talkie.
»Übernimm den Hinterhof«, sagte ich gedämpft. »Ich will nicht als Zechpreller auffallen.«
»Soll das heißen ...?«
»Was denn sonst?«, unterbrach ich ihn. »Stell dir das bitte vor: Beim Italiener sitzen und keine Pizza essen! Da kann ich mir ja gleich ein Schild mit Namen und Dienstgrad umhängen!«
»Mein Gott, und ich sitze hier mit einem Magen, der so leer ist wie ... wie ...« Ihm fiel nichts mehr ein.
»Beeil dich«, bat ich. »Umso eher kriegst du deine Pizza. Ende!«
Ich steckte das Funkgerät ein und kehrte nach vorne zurück. Tatsächlich war meine Quattro Stagioni serviert worden. Ich fiel mit Heißhunger darüber her.
Mein Tisch befand sich in einer rebenumkränzten Nische in der Nähe des Eingangs. Ein Bündel dicker roter Paprikaschoten aus Kunststoff hing von der Decke herunter und beeinträchtigte mein Gesichtsfeld in der oberen Hälfte. Ansonsten konnte ich das Lokal gut überblicken, was vielleicht gar nicht nötig sein würde.
Ich schaffte meine Pizza, während ich am Mineralwasser nippte.
Phil betrat das Restaurant, sah sich suchend um, entdeckte mich und steuerte mit der freudigen Miene des guten alten Bekannten auf mich zu. Er setzte sich mir gegenüber. Da die Tische in der Nachbarschaft nicht besetzt waren, verzichteten wir auf eine lautstarke Scheinbegrüßung.
Ich schob eine Zwanzigdollarnote zu der Rechnung unter den Tellerrand und erklärte, dass ich die Spesenabrechnung erledigen würde. Phil nickte wie jemand, der endlich Genugtuung bekommen hatte.
»Die 36th runter nach links«, nuschelte er.
»Okay«, sagte ich laut und erhob mich. »Wir sehen uns gleich.«
Als ich den Bürgersteig erreichte, hatte der kleine Mann im dunklen Anzug ungefähr zweihundert Yards in der angegebenen Richtung zurückgelegt. Seine blitzblanken schwarz-weißen Schuhe marschierten wie selbstständige kleine Wesen – vorbei an den rostigen Gittern der Erdgeschossfenster, an den Pulks lungernder Jugendlicher, die aussahen wie Müllkübelbewohner, und an den Autos mit ihren schiefhängenden Stoßstangen und zernarbten Karosserien.
Delbert Mann.
Sein Nachname schrieb sich tatsächlich so, und er war das, was man einen Bagman nannte, einen Taschenmann. In diesem Fall war die Tasche ein eleganter schwarzer Aktenkoffer, der zu seinem gepflegten Erscheinungsbild passte. Es handelte sich um die besagte Kleinigkeit, die Phils und meinen Erfolg ausmachen sollte.
Ich ging in aller Ruhe los.
Seit drei Tagen wurde Delbert beschattet. Niemals war ein Kollege bei diesem Job zweimal eingesetzt worden. Delbert Mann mochte ein kleines Licht sein. Doch seine Lohnliste wurde in einer hochrangigen Firma geführt. Insgesamt, so hieß es, sollte diese Firma der größte Konzern der Welt sein. Aber sie teilte sich eben auf in viele einzelne Familien, die sich vom großen Kuchen bedienten.
Diese Familien brauchten Burschen wie Delbert Mann. Unauffällig wie graue Office-Mäuse mussten sie sein und vor allem zuverlässig. Denn ein Bagman stand schon eine Stufe über dem Fußvolk. In seiner Tasche transportierte er wichtige Dokumente oder schwarzes Geld. Sachen also, die sich nicht in Luft auflösen und telefonisch oder im Kontenverkehr der Banken an den Empfänger übermitteln ließen.
Die Mafia benutzte keine gepanzerten Geldtransporter.
Delberts Halbglatze schimmerte hell über seinem dunklen Haarkranz und dem dunklen Anzug. Immerhin hatte er lange genug palavert und mir die Zeit gegeben, meine Pizza zu genießen.
Er war seit Mitternacht auf den Beinen und hatte an acht Stellen abkassiert – vom illegalen Buchmacher bis zum Bordell, vom Zuhälterboss bis zur Pizzeria. Beim Erreichen jeder Station und gleich nach dem Abmarsch hatten wir ihn fotografiert. Es sah so aus, als befände er sich auf dem Weg zum Bestimmungsort. Denn vorher hatte er immer ein Taxi genommen. Jetzt strapazierte er die Sohlen unter dem Schwarz-Weiß.
Er kreuzte durch ein paar Seitenstraßen und kehrte zehn Minuten später auf die 36th zurück. Delbert war nachlässig. Nicht mehr als zweimal hatte er sich umgedreht. Das erste Mal war ich in einer Einfahrt verschwunden, das zweite Mal hinter dem Kastenaufbau eines Lieferwagens. Delberts Ziel befand sich an einer Kreuzung, Ecke 6th und 36th Street.
The Prospect Club. Große bunte Schilder zierten ein flaches Gebäude. An den Seiten der Schilder befanden sich furchterregend aussehende Boxer und Catcher in Angriffspose. Mit wetterfesten Farben gemalt, schwarz und weiß.
Das Grundstück musste einmal eine Tankstelle beherbergt haben. Sockel von Zapfsäulen, die den Parkplatz begrenzten, deuteten darauf hin. Aber die einzelnen Gebäudetrakte, aneinandergeschoben wie große betonfarbene Schachteln, nahmen die meiste Fläche ein.
Delbert benutzte den Haupteingang.
Ich blieb vor einem Walk-in-Coffeeshop diesseits der Fußgängerampel und stellte mich mit einem Pappbecher giftig schwarzer Brühe an einen der bauchhohen Tische im Freien. Über die Dächer haltender und anfahrender Limousinen hinweg beobachtete ich den Prospect Club. Ein Name, der von Fantasielosigkeit zeugte. In der Nähe gab es den Prospect Park.
Ein Trupp von schwarzledernen Motorradfans hing drüben auf dem Bürgersteig herum. Die Maschinen hatten sie aufgebockt. Leere Bierdosen zeigten an, dass sie schon länger auf den Trainingsbeginn warteten.
Tänzelnde Jünglinge in Jogginganzügen, mit Sporttaschen unter dem Arm, schwangen sich aus einem kaum zerbeulten Wagen und federten auf einen Seiteneingang zu. Ich sah, dass es dort zu den Bodybuildingstudios ging.
»Hi«, drängte sich eine Stimme in mein Bewusstsein. »Ich mach's dir, wie du's haben willst. Alles, was du willst, Sir.«
Das Girl hatte sich von einem der Nachbartische herübergeschoben – struppig, mit ausdruckslosem Gesicht und grauen Rändern unter den stumpfen Augen, die mich nicht einmal ansahen. Die Kleine war auf dem absteigenden Ast. Ihren Schuss brauchte sie innerhalb der nächsten ein bis zwei Stunden, schätzte ich. Niemand beachtete sie.
Die übrigen Leute in meiner Umgebung sahen nicht viel besser aus. Keiner kümmerte sich um den anderen. Wenn ich das Girl auch nicht beachtete, würde sie mich aus der Anonymität reißen, indem sie mich beschimpfte. Genauso, wenn ich sie abwies. Ich konnte mir verdammt genau vorstellen, welchen Wortschatz sie drauf hatte.
»Nach dem Training«, sagte ich daher und deutete mit einer Kopfbewegung auf die andere Straßenseite. Ich grub in der Tasche nach und schob Kleingeld auf den Tisch. »Kauf dir so lange einen Kaffee.«
Ein schwacher Glanz von Hoffnung erschien in ihren trüben Augen. Ich wusste, sie würde warten und warten. Ich leerte den Pappbecher und erwischte die grüne Phase der Fußgänger. Kein obszöner Fluch folgte mir. Die Schwarzledernen blickten nicht einmal zur Seite.
Der Haupteingang führte in eine bonbonfarbene Empfangshalle, die an ein Kinofoyer der Fünfzigerjahre erinnerte. Plakate von Boxveranstaltungen hingen eingerahmt an den Wänden. Einem fragend blickenden Girl mit prall gefülltem Rippchenpulli, passend zum Fünfziger-Look, erklärte ich, dass ich mir den Studiobetrieb ansehen wollte. Sie zeigte auf die Besucherstühle und griff zum Telefonhörer, wohl, um einen fach- und ortskundigen Fremdenführer herbeizurufen.
Ich zog mein Walkie-Talkie, sagte den Einsatzcode Ten-Six auf und nannte Namen und Adresse des Klubs.
Dann sprintete ich los, bevor die Frau überhaupt von der Schrecksekunde gepackt wurde. Eine Kellertreppe war der einzige Weg aus dem bonbonfarbenen Geviert. Als die Frau zu schreien anfing, war ich schon unten.
Blitzschnell orientierte ich mich in der Leuchtstoffröhrenhelligkeit der gelb gestrichenen Korridore. In der Halle der Boxer hüpften und keuchten sie, bearbeiteten sich gegenseitig, ließen Punchingbälle rattern oder wuchteten ihre Fäuste in lederummantelte Sandsäcke. Nichts als Boxershorts und Trainingsanzüge.
Ich wirbelte herum, stieß Türen auf und rannte weiter. Ärgerliche Blicke aus Umkleide- und Duschräumen waren nur flüchtige Eindrücke für mich. Ich brauchte zwei Sekunden, um in den Bodybuildingbereich überzuwechseln. Die Wandfarbe wechselte zu aggressivem Rot.
Es war das Ende meiner rasanten Suche.
Ich sah Delbert im Profil, durch einen Glaskasten, eine Art Abfertigungsoffice. Er stand in einem abgeschlossenen Büro, hinter einer halb offenen Tür, vor einem Schreibtisch. Was ich noch sah, war der aufgeklappte Deckel des Aktenkoffers. Genug.
Mit zwei schnellen Schritten war ich in dem verglasten Office. Der Bursche, der hinter dem Schreibtisch emporwuchs, trug ein altmodisches weißes T-Shirt über der Breite seiner Muskelberge. Ich beachtete ihn nicht, flankte schon an ihm vorbei, als er noch nicht einmal richtig in Bewegung geraten war. Mein Fußtritt ließ die Tür nach innen fliegen. Es knallte. Ich zog den 38er im Sprung.
Delbert sah aus wie schockgefrostet, den Mund weit aufgerissen. Er kriegte keinen Laut mehr heraus. Und selbst wenn – kein Warnschrei hätte dem anderen noch etwas genützt.
»FBI!«, rief ich schneidend. »Keine Bewegung!« Fast überflüssig.
Der andere, sportlich in Sweatshirt und Edeljeans, hatte die Hände schon oben. In der Rechten hielt er ein Bündel Banknoten. Gebrauchte Scheine. Vor Schreck hatte er das Geldzählen vergessen. Auch die restlichen Scheine im Koffer sahen zerknittert aus. Der Teil der Einnahmen, den sie in den Läden für die Familie abzuzweigen hatten.
Ich verharrte breitbeinig vor dem Schreibtisch, ließ Delbert und den anderen nacheinander in die Revolvermündung blicken. Mit einem knappen Befehl schickte ich sie auf den Fußboden, Gesicht nach unten. Hinter mir dröhnten Schritte. Ich duckte mich und wich zur Seite weg.
Der Muskelberg hatte alles, was er an Kraft und Lebendgewicht besaß, in seine Gerade gelegt. Jetzt konnte er sich nicht mehr bremsen. Mit Gebrüll segelte er an mir vorbei, auf die Schreibtischplatte. Irgendetwas stieß er sich an der Kante, denn sein Brüllen wurde zum Kreischen.
Noch im Landeanflug rammte er den Geldkoffer weg, und die Notenbündel flogen auf Delbert Mann und den Empfänger des Dollarsegens hinab. Ich beendete das Schmerzensgeschrei mit einer punktgenau getupften Handkante.
Phil und die Cops aus dem Revier an der 36th waren so schnell zur Stelle, dass ich es eben noch schaffte, Delbert und den Mann mit dem Sweatshirt mit Handschellen aneinanderzuketten. Den Rest der Arbeit nahmen die Kollegen mir ab. Wir hatten, was wir brauchten: zwei Syndikatsmänner, bei der Übergabe von Bargeld erwischt, dessen Herkunft sie uns erst einmal erklären mussten. Außerdem war Delberts Kassiererroute durch die Fotos lückenlos belegt.
»Das Grundstück ist umstellt«, berichtete Phil, während er dem Muskelberg Stahlfesseln anlegte.
Ich nickte. »Ich sehe mir an, was ich noch nicht gesehen habe«, erklärte ich, wandte mich ab und holsterte meinen Smith & Wesson. Ein schlechtes Gewissen brauchte ich wegen dieser neuerlichen einsamen Entscheidung nicht zu haben. An der Nasenspitze meines Freundes und Partners hatte ich ablesen können, dass er für seine Pizza Zeit genug gehabt hatte.
Ich klemmte die Metallplakette mit dem FBI-Adler außen an die Brusttasche meiner Lederjacke. In den Korridoren und Kellerräumen wimmelte es von uniformierten Cops. Die Alarmschreie des Empfangsgirls hatten nichts mehr genützt. Ich blieb im roten Bodybuildingbereich.
Schwitzende Athleten, Handtücher um den Nacken, lehnten in offenen Türrahmen und starrten mich an. Sobald ich Anstalten machte, den ein oder anderen Raum zu betreten, wichen sie bereitwillig beiseite. Ich hatte bislang kein einziges bekanntes Gesicht gesehen – abgesehen von Delbert Mann. Aber der zählte ja nicht.
Ein großer Trainingssaal war bereits von den Cops besetzt. Sie trieben schweißtriefende, wie geölt aussehende Körper an die Wand. Männliche und weibliche. Sie ließen sie in dieser unbequemen Schräghaltung Aufstellung nehmen, die jedes Kind aus den Fernsehkrimis kannte. Ich begrüßte den Dienstältesten, einen Sergeant, mit einem Handzeichen und wanderte durch das Labyrinth aus chromfunkelndem Gestänge, das an den verschiedensten Stellen mit schweren schwarzen Gewichten behängt war.
Ich fand einen Notausgang, der in den Korridor führte. Auf der anderen Seite zeigte ein Schild auf einer blutroten Stahltür an, dass sich dahinter der Duschraum für Ladys befand. Ich trat hemmungslos ein. Nichts rauschte. Niemand duschte.
Etwas flog blitzend auf mich zu.
Ich zog den Kopf ein. Schnell genug. Gleich hinter mir krachte es. Das blitzende Ding hieb ein Loch in die Tür und blieb darin hängen. Eine Hantel aus Chromstahl. Ich sah es im Herumrucken und wandte mich sofort wieder dem gefliesten Raum zu.
Die Stimme gellte mir entgegen, noch bevor ich sehen konnte, wer dazugehörte.
»Hau ab! Verschwinde! Hier kommt keiner rein! Das ist nur für Ladys!«
Das nächste Wurfgeschoss war ein schlappes Gewirbel aus Federn und Griffen. Ein Expander. Ich fing ihn auf, warf ihn weg und ging auf die Duschkabine zu, in der er auf die Reise geschickt worden war.
»Raus, verdammt noch mal! Raus, sage ich!«
Ich erblickte die einzige anwesende Lady. Meine Überraschung, als ich stehen blieb, konnte sie nicht übersehen. Und sie war nicht weniger überrascht. Ihre zornfunkelnden Augen schraubten sich an meinem Dienstadler fest.
Sie trug nur wenig mehr als nichts auf dem Körper. Ihre Muskeln glänzten nahtlos von Kopf bis Fuß. Keine übertriebenen Muskeln, die abstoßend gewirkt hätten. Nein, dieser Körper war auf eine verteufelte Weise weiblich.
Connie Romano war eine wirklich hübsche Frau. Unter ihrem schwarzen Haar beeindruckten ebenmäßige Gesichtszüge. Manche fanden die leicht habichtartig gebogene Nase störend, andere hielten gerade diese einzige Unregelmäßigkeit an ihr für das, was sie überhaupt interessant machte.
»Scheißbulle«, zischte sie, nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.
»Ihr Daddy würde nicht erfreut sein, Sie so reden zu hören«, sagte ich und bewegte verständnislos und tadelnd den Kopf.
»Mein Daddy geht dich einen Scheiß an!« Ihr Lieblingswort wurde einem im Handumdrehen deutlich.
»Wunschdenken«, sagte ich kalt. »Er geht mich mehr an, als ihm lieb sein kann. Und von Ihnen, Mrs Romano, würde ich gerne wissen, was Sie hier tun.«
Sie kicherte. »Jetzt würdest du gerne von mir hören, dass ich den Laden leite, was? Sorry, aber den Gefallen kann ich dir nicht tun.« Sie verschränkte die Arme unter der eindrucksvollen Oberweite und sah mich zwei Atemzüge lang aus schmalen Augen an. »Ehrlich, ich wollte gerade duschen. Hättest du Scheißtyp mich nicht gestört, hätte ich ...«
Sie unterbrach sich. Ihr Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln. Ihre Bewegungen hatten etwas katzenhaft Fließendes. Sie löste das Oberteil ihres bikiniartigen Trainingsanzugs.
Wenn ich nicht schon einiges gesehen hätte, hätte es mir in diesem Augenblick den Atem verschlagen.
»Ich verstehe«, sagte ich scheinbar gelassen. »Sie nehmen Hantel und Expander mit, wenn Sie duschen gehen.«
»Himmel!«, gurrte sie und schob sich langsam an mich heran. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als ich. »Warum müsst ihr Bullen bloß immer auf Einzelheiten herumhacken!«
Sie senkte ihre Stimme zu einem Hauch und bedachte mich mit einem Augenaufschlag, der jede Bronzestatue George Washingtons zum Schmelzen gebracht hätte. Ihr Lieblingswort hatte sie auch schon vergessen.
»Warum nicht zu zweit duschen? So was muss doch auch einen G-man in Fahrt bringen, oder? Meine Güte, du müsstest ja ein Narr sein, wenn du so ein Angebot ausschlägst!«
Ich spürte den Druck ihrer herausragendsten Muskelpartien. Ich konnte mir ein Grinsen nicht schenken, während ich auf sie hinabblickte. Ihre Kohleaugen glühten verheißungsvoll.
»Ich könnte Ihrem verehrten Vater nicht mehr unter die Augen treten, Mrs Romano«, sagte ich salbungsvoll wie ein Hirte, der seine Schafe in der Kirchentür begrüßte. »Im Übrigen habe ich schon viel aufregendere Angebote gehabt. Glauben Sie, das holt mich aus den Schuhen?«
Ihr betörendes Lächeln zerfiel. Die alte Wut flammte in den beiden Kohleaugen auf.
»Wie hätte es anders sein sollen!«, fauchte sie. »Du verdammter, elender Scheißbulle bist so cool, dass man kotzen kann!«
Romano senior hatte wirklich nicht viel für ihre Umgangsformen getan. Ich wollte ihr erklären, dass ich das Spiel jetzt für beendigt hielt, wollte ihr klarmachen, dass der komplette Laden vorübergehend unter der Kontrolle der vereinten Kräften von FBI und City Police stand. Es war unmöglich.
Sie umklammerte mich einfach, stemmte sich gegen mich und schaffte es wahrhaftig, mich ein paar Schritte auf die Fliesenwand hinter meinem Rücken zuzuschieben. Ihre Kräfte waren enorm.
»Mann, das hätte ich mir nicht träumen lassen!«, klang ihre Stimme gepresst gegen mein Zwerchfell. »Dass ich mal einen verdammten Bullen vergewaltige!«
Sie meinte es ernst. Das spürte ich an diesem Kraftaufwand, mit dem sie mich bedrängte. Bevor sie richtig handgreiflich werden konnte, packte ich ihre Arme. Gleichzeitig trotzte ich ihrem Schieben.
Es wurde eine Kraftprobe. Unter meinen Fingern spürte ich das Vibrieren und Beben ihrer Armmuskeln. Sie keuchte. Dann biss sie zu. Zum Glück habe ich einen flachen Bauch. Da gab es nichts, was ihre Zähne erwischen konnten. Nur ein bisschen Hemdstoff zerriss. Ich hätte wetten können, dass ihre Kaumuskeln genauso gestählt waren wie alles andere an ihr.
Ich packte fester zu. Sie stöhnte vor Schmerz. Meine Fäuste glitschten in ihre Ellenbogenbeugen. Langsam drückte ich sie von mir weg. Ihre Zähne schlugen aufeinander wie die Fänge einer angreifenden Wölfin. Ihrem hochzuckenden Knie begegnete ich mit einer ähnlichen Bewegung, und es wurde ein Rammstoß daraus, der ihr wehtat, nicht mir.
Schritte hallten auf den Fliesen. Ich ließ mich nicht irritieren. Connie war in ihrer rasenden Wut zu allem fähig, und das war mehr als nur ein bisschen Augenauskratzen. Phil erschien in meinem Blickfeld und gab ein missbilligendes Zungenschnalzen von sich.
»Das hätte ich nun wirklich nicht von dir erwartet. Sei froh, dass es keine Zeugen gibt. Missbrauch der dienstlichen Befugnisse, um sich eine schwache junge Frau gefügig zu machen – das ist kein Pappenstiel. Also ...«
Connie Romano witterte Morgenluft. Jäh erschlafften ihre geölten Muskelstränge, und sie ließ sich aus meinem Griff wegsacken.
»Dieser Scheißkerl!«, schrie sie. »Der wollte mich mit Gewalt ...!«
Sie verstummte, als sie herumkreiselte und Phil vor sich hatte. Einen Moment lang sah sie aus, als würde sie zusammenbrechen.
Sie kannte Phil genauso gut wie mich. Wir hatten uns bei mindestens vier verschiedenen Gerichtsverhandlungen im Laufe der letzten drei Jahre gesehen. Dabei waren die Rollen immer nach dem gleichen Drehbuch verteilt gewesen. Romano senior auf der Anklagebank, Tochter Connie Zeugin der Verteidigung, Phil und ich Zeugen der Anklage. Auch alle anderen, die der Federal Attorney außer uns noch hatte aufmarschieren lassen, hatten nichts genützt. Ed Romano blieb der große Unantastbare. Immer wieder waren Zeugen in letzter Minute umgekippt oder hatten sich in Widersprüche verstrickt.
Connie Romano hielt uns stumm ihre ölglänzenden Handgelenke hin.
Ich schüttelte den Kopf. »Keine Fluchtgefahr, keine Verdunkelungsgefahr. Sie werden durch einen der Kollegen vernommen, dann können Sie nach Hause gehen, Mrs Romano.«
Ich hatte nicht vor, Jules Marchetto die Möglichkeit zu geben, uns etwas wegen widerrechtlicher Festnahme anzuhängen. Phil nickte bekräftigend. Marchetto war der Anwalt der Familie Romano. Connie wegen vorsätzlichen Angriffs auf einen Vertreter der Staatsgewalt heranzukriegen, zog ich nicht ernsthaft in Erwägung.
Sie starrte mich an.
Wir übergaben sie der Obhut der Cops, die mittlerweile bis in den Duschraum für Ladys vorgedrungen waren. Oben, auf dem ehemaligen Tankstellengrundstück, wurden die Festgenommen in einem von diesen hässlichen dunkelblauen Kastenwagen abtransportiert. Delbert Mann, der Bagman, blickte durch das hintere Gitterfenster. Er sah traurig aus. Mit ihm wurden der Manager des Prospect Club, der Muskelberg aus dem Vorzimmer und drei weitere Typen aus den Offices davongekarrt, die so aussahen, als hätten sie etwas mit der Leitung des Ladens zu tun. Ich warf einen Blick zu dem Coffeeshop auf der anderen Straßenseite. Die struppige Fixerin war nicht mehr da, vertrieben von Uniformen und Warnlichtern.
Mir gefiel die Vorstellung nicht, dass sie sich vielleicht gerade in dieser Minute das Geld für den Schuss verdiente.
