Jesus erleben in einer digitalisierten Welt - John Eldredge - E-Book

Jesus erleben in einer digitalisierten Welt E-Book

John Eldredge

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Beschreibung

Endlose Informationsfluten, ständige Erreichbarkeit, permanente Reizüberflutung - wir leben in einer Welt voller Ablenkungen. Und doch fühlen wir uns oft leer, erschöpft und entwurzelt. Unsere Seele hungert nach mehr - nach Tiefe und echtem Leben: nach Gott. Der Bestsellerautor John Eldredge zeigt einen anderen Weg: den Weg des "gewöhnlichen Mystikers". Eine uralte, wunderschöne Alternative zur Rastlosigkeit unserer Zeit. Dieses Buch ist eine Einladung, die heilende Gegenwart Jesu mitten im Alltag zu erfahren - nicht als Theorie, sondern als lebendige Realität. Mit inspirierenden Geschichten, praktischen Übungen und Gebeten führt John Eldredge uns in eine Erfahrung hinein, die unsere Sehnsucht stillen kann: - Die Fähigkeit, neu zu glauben und Hoffnung zu schöpfen - Zuflucht in der Gegenwart Gottes zu finden, die uns jederzeit umgibt - Tiefe, echte Gemeinschaft mit Jesus im Alltag Geistliche Praktiken, die Herz und Glauben erneuern Lass die digitale Flut hinter dir und finde zurück zu dem Ort, nach dem sich dein Herz am meisten sehnt - in die Gegenwart eines Gottes, der dich liebt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2026

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John Eldredge

Jesus erlebenin einer digitalisierten Welt

Ruhe finden, Kraft schöpfen, neu staunen

Titel der Originalausgabe: Experience Jesus. Really.

© 2025 by John Eldredge

Veröffentlicht in Nashville, Tennessee, von Nelson Books, einem Imprint von Thomas Nelson. Nelson Books und Thomas Nelson sind eingetragene Marken von HarperCollins Christian Publishing, Inc.

Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Yates & Yates, www.yates2.com.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Renate Hübsch

Bibelzitate sind folgender Ausgabe entnommen:

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). © Neues Testament und Psalmen: Genfer Bibelgesellschaft, Romanel-sur-Lausanne, Schweiz. © Altes Testament: Genfer Bibelgesellschaft, Romanel-sur-Lausanne, Schweiz, Brunnen Verlag GmbH Gießen, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten.

Weitere verwendete Übersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet:

EÜ Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift; © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.

GNB Gute Nachricht Bibel, © 1997 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Hfa Hoffnung für alle®. © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™. Hg. von ’fontis – Brunnen Basel.

MSG The Message by Eugene H. Peterson. © 1993, 1994, 1995, 1996, 2000. NavPress Publishing Group. Alle Rechte vorbehalten. Deutsche Fassung: Renate Hübsch.

NLB Neues Leben. Die Bibel. © der deutschen Ausgabe 2002/2006/2024 SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Max-Eyth-Str. 41, 71088 Holzgerlingen.

Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Trainings und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt.

© 2026 Brunnen Verlag GmbH

Gottlieb-Daimler-Str. 22, 35398 Gießen

[email protected]

www.brunnen-verlag.de

Umschlagfoto: stocksy.com

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul, Brunnen Verlag GmbH

Satz: Brunnen Verlag GmbH

ISBN Buch 978-3-7655-4268-8

ISBN E-Book 978-3-7655-7783-3

In Liebe und Dankbarkeit für meine Gemeinschaft „gewöhnlicher Mystiker“ in aller Welt

Inhalt

Einleitung

Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!

1

Was Kinder und Mystiker wissen

2

Auf der Suche nach Zuflucht

3

Zuflucht bei Gott

4

Die Umkehr des Herzens

5

Der Mythos der Neutralität im Gegensatz zum geheiligten und geweihten Leben

6

Zuflucht in der Wahrheit suchen

7

St. Patricks Brustpanzer

8

Löwen, Ottern, Skorpione

9

Liebe als Zuflucht

10

Jesus: Das Zentrum, das alles zusammenhält

11

Reintegration: Die Heilung der Fragmente

12

Das Blut und der Strom des Lebens

13

Feuer und Herrlichkeit

14

Der Atem Gottes

15

Morgen- und Abendgebet

16

Was kann ich erwarten?

17

Nur du und das, was du tust

Anhang 1

Das Gebet des AbstiegsJesus in dir finden

Anhang 2

Das tägliche Gebet in einer kräftigeren Form

Anhang 3

Das Abendgebet in einer kräftigeren Form

Anhang 4

Wer ich in Christus bin

Danksagung

Über den Autor

Anmerkungen

Eine Seele, die mit Gott vereint ist,

fürchtet der Teufel ebenso,

wie er Gott selbst fürchtet.

Johannes vom Kreuz

EinleitungHilf mir heraus aus meinem Unglauben!

Jesus sagte zu ihm:

„Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Da rief der Vater des Jungen:

„Ich glaube!

Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!“

Markus 9,23-24

Der Glaube im menschlichen Herzen war schon immer eine zerbrechliche Angelegenheit. Kostbar, lebensrettend, aber empfindlich, so wie ein Korallenriff empfindlich ist oder ein Rehkitz im Wald. Der Glaube ist etwas, das geschützt werden muss.

Dein Glaube ist der Schlüssel, der dir die Tür zu Jesus öffnet. Und wenn du ihn gefunden hast, bekommst du Zugang zu seiner Hilfe und zu allen Schätzen seines Reiches! Ohne diesen Schlüssel treiben wir hilflos auf einem endlosen grauen Meer dahin. Deshalb ist der Glaube dein wertvollster Besitz, wertvoller als alle materiellen Güter, die du jemals ansammeln könntest.

Aber deinen Glauben schützen – machst du dir darüber jemals Gedanken?

Es ist schon seltsam, dass etwas so Mächtiges wie der Glaube gleichzeitig so zerbrechlich sein kann und so leicht zu erschüttern ist. Aber ist es mit der Liebe nicht ähnlich? Durch einen einzigen vernichtenden Satz von einem Menschen, dem du vertraut hast, kann sie zerstört werden. Und was den Glauben angeht, habe ich eine Sorge: die Sorge, dass unsere Glaubenskompetenz – die Fähigkeit, zu vertrauen und zu glauben – heimlich durch etwas untergraben wurde, dessen sich die meisten von uns überhaupt nicht bewusst sind.

Es hat damit zu tun, dass wir alle Jünger des Internets sind.

Vielleicht möchtest du jetzt protestieren. Jünger des Internets? Ich doch nicht. Aber denk mal darüber nach. Was ist ein Jünger? Ein Jünger ist ein Schüler – oder auch ein Nachfolger. Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir alle in den sozialen Medien „Follower“ von irgendwem sind – Anhänger. Nachfolger. Aber wovon? Du bist ein Jünger der Person oder des Systems, von dem du dich instruieren lässt und an die du dich täglich wendest, um Ratschläge für dein Leben zu bekommen. Für die meisten Menschen ist hierbei das Internet die entscheidende Instanz. Und das macht sie zu Jüngern, zu Followern des Internets, auch wenn sie sich selbst als Jünger – oder Nachfolger – Jesu bezeichnen. Wenn du eine Frage hast, fragst du Google oder ChatGPT: Sag mir was über neue Erkenntnisse über Kinder mit ADHS, wie oft normale Ehepaare Sex haben, Gedächtnistraining für alternde Eltern, die richtige Temperatur für eine Ofenkartoffel. Das machen wir den ganzen Tag. Und fast jeden Tag.

Aber mir geht es hier gar nicht um die Inhalte, die wir im Internet suchen.

Mir geht es darum, was wir im Prozess der Internetnutzung selbst über die Jahre hin gelernt haben.

Zum einen haben Suchmaschinen unsere Seele darauf konditioniert, Antworten sofort zu erwarten. Man gibt eine Frage ein, und die Antwort kommt im Handumdrehen. Drei Millionen Ergebnisse in 0,003 Sekunden – du musst nicht warten. Die Heiligen der Vergangenheit wären darüber entsetzt gewesen. Warten galt als prägende Tugend für die Seele. Man säte im Frühling und erntete im Herbst; da gab es nichts zu beschleunigen. Wenn man etwas brauchte, ging man zum Markt – zu Fuß. Und dann wieder zurück mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Kilometern pro Stunde.

Aber heute? Wenn du dich heute an Jesus wendest und die Antwort kommt nicht so prompt wie die aus dem Internet, hast du das Gefühl, dass er dir nicht zuhört oder du ihn nicht hören kannst. Und traurigerweise glaubst du dann, dass ihr auf Distanz zueinander seid, weil deine Seele auf sofortige Antworten programmiert ist. Die Vorstellung, einfach vor Gott zu verweilen oder gar auf ihn zu harren – geduldig zu warten –, passt nicht zu dem Tempo, das wir gewohnt sind.

Das ist nur ein Beispiel dafür, welche Auswirkungen das Leben in der digitalen Welt auf uns hat. Aber in ihrer Gesamtheit sind die Konsequenzen der Internet-Jüngerschaft viel weitreichender.

Müder, skeptischer Pragmatismus

Egal, wo auf dieser Welt du lebst – fast überall ist es möglich, mit nur ein paar Klicks Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit zu haben. (Unsere geistlichen Vorfahren wären fassungslos gewesen; sie hätten darin eine heimtückische Verführung und Falle für die Seele gesehen. Wahrscheinlich hätten sie sogar gedacht, das Ende sei gekommen.*) Uns stehen so viele Informationen zu jedem erdenklichen Thema jederzeit zur Verfügung, dass wir gar nicht merken, was das mit uns macht.

Jemand leitet ein Video weiter, in dem ein „führender Neurowissenschaftler“ über die Bedeutung von Vitamin B12 spricht. („Jeder sollte B12 für mehr Energie und geistige Gesundheit einnehmen!“) Wir lesen, dass ein renommierter Ökonom sagt, Anleihen seien derzeit die sicherste Anlageform für unsere Ersparnisse. Wir schauen uns ein TikTok-Video an, das zeigt, wie man richtig trainiert oder Gewicht verliert. Okay, verstanden! Jetzt kann ich endlich erfolgreich sein.

Aber schon am nächsten Tag wird alles, was wir für zutreffend gehalten haben, durch neue Informationen auf den Kopf gestellt.

Ein anderer (vermeintlicher) Experte meldet sich zu Wort und sagt: „Deine Angst könnte tatsächlich durch die Menge an B12 verursacht werden, die du einnimmst; diese Werte sind neurotoxisch.“ – „Anleihen sind im Moment eine schlechte Entscheidung.“ – „Die Art und Weise, wie du trainierst, schadet deinem Körper. Deine Diät hat deine Zellen in Wirklichkeit darauf programmiert, dass sie Gewicht halten.“ Die führenden Krebszentren empfehlen, einen Hut und Sonnencreme zu tragen, um Hautkrebs vorzubeugen. Ups … neue Studien zeigen, dass Amerikaner jetzt einen Vitamin-D-Mangel haben, weil sie Hüte und Sonnencreme benutzen.

Und so geht es endlos weiter.

Wir klammern uns an den Glauben, dass praktische Informationen der Weg zum Heil sind. Aber Informationen werden ständig widerlegt, hinterfragt, zertrümmert – und was in uns zurückbleibt, ist ein Gefühl von Verletzlichkeit, Unsicherheit und Zynismus. Es ist, als wären wir in einer alten östlichen Parabel gefangen, die von einem Dilemma erzählt:

Eine Frau, deren Kind im Sterben lag, kam zu den Göttern, um sie um Hilfe zu bitten.

„Bitte rettet mein Kind“, betete sie.

Die Götter antworteten, indem sie drei Kisten vor sie hinstellten.

„In einer dieser Kisten befindet sich das Heilmittel, das das Leben deines Kindes retten wird. Die zweite Kiste wird eine Hungersnot über das Land bringen. Die dritte wird einen Fluch über jemanden bringen, den du nicht kennst. Entscheide dich, so gut du kannst, oder entscheide dich gar nicht.“

Informationen fühlen sich für uns an wie der Weg zum Heil. Aber Informationen sind verführerisch und launisch; sie bieten dir Zuflucht und entziehen sie dir im nächsten Moment.

Das Leben in der ungefilterten Informationsflut des Internets hat unser Vertrauen, dass wir überhaupt wissen können, was wahr ist, stark erschüttert. Und gleichzeitig hat es das Streben nach Wahrheit beschleunigt. Es ist ähnlich wie bei der Spielsucht. Wir wollen Erfolg haben; wir wollen, dass unsere Lieben Erfolg haben. Wir sind überzeugt, dass wir, um Erfolg zu haben, die richtigen Informationen finden müssen, eben „die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“. Aber diese Informationen ändern sich ständig, und die Wahrheiten, an denen wir heute festhalten, werden morgen durch neue Informationen widerlegt.

Dieser Schleuderkurs hat uns alle zu Skeptikern gemacht – zu erschöpften, müden Skeptikern.

Der Zimt in deinem Küchenregal enthält Blei. Die bekannte Automarke hat nachgewiesenermaßen illegale Vorrichtungen eingebaut, um die Abgasuntersuchungen ihrer Fahrzeuge zu umgehen. Russische Hacker verbreiten Fake News, um Wahlen überall auf der Welt zu beeinflussen. Das Foto, das dir so gut gefallen hat und das ein Freund gepostet hat? Es war gefälscht, von einer KI erstellt.

Verstehst du, was ich meine?

Das Internet hat durch sich ständig widersprechende Nachrichten und die permanente Aufdeckung von Falschmeldungen unsere Fähigkeit untergraben, irgendetwas zu glauben. Wir verlieren das Zutrauen in unsere Fähigkeit zu vertrauen; unsere Glaubenskompetenz zerbröselt und löst sich in Misstrauen auf.

Wie sicher bist du dir im Moment, dass du an die echten Nachrichten kommst – die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Wie sicher bist du dir, dass deine finanzielle Zukunft bei den Leuten, die dafür zuständig sind, in guten Händen ist? Wie sicher bist du dir, dass deine Regierung dir die Wahrheit sagt?

Langfristiges Misstrauen kann zu etwas führen, was eine Zeitung als „aktive übertriebene Zuschreibung“ bezeichnet hat – wir beginnen, anderen Hintergedanken zu unterstellen, die diese vielleicht gar nicht haben, aber das beeinträchtigt unsere Fähigkeit, anderen zu vertrauen.1 (Denken wir an die Politik – immer sind es „die anderen“, die in üble Machenschaften verstrickt sind.) Das Internet hat uns zu müden, skeptischen Pragmatikern gemacht.

Man könnte meinen, dass sich diese Skepsis auf Sport, Politik oder andere Bereiche des öffentlichen Lebens beschränken könnte. Aber inzwischen hat sie sich auch auf unsere Fähigkeit ausgewirkt, Zugang zu Gott zu finden.

Können wir Jesus wirklich erfahren?

Das Internet hat uns als seinen „Followern“ beigebracht, dass es keine Geheimnisse mehr geben darf. Wir können jede Frage bis auf den Grund klären und jedes Geheimnis lüften. Wir wurden gründlich darauf trainiert, Geheimnisse, wenn sie denn tatsächlich mal im Raum stehen, zu hinterfragen. Ein Geheimnis ist gleichbedeutend mit einer möglichen Täuschung oder einem Skandal. Das einzig Verlässliche sind Fakten, daneben aber nichts.

Für unsere geistlichen Väter und Mütter wäre auch diese Auslöschung des Mysteriums schockierend. Wir haben das Gefühl, dass wir, um Jesus zu erleben und seine Hilfe zu bekommen, geistliche Themen genauso angehen und verstehen müssen wie Fragen in Bezug auf Ernährung, Sport oder Altersvorsorge. Ein Freund fragte mich diese Woche: „Ja, aber wie liebe ich Gott? Wie mache ich das, allein ihm zu vertrauen? Ich meine, ganz praktisch?“

Das ist die Frage eines Menschen, der vom Internet geprägt ist.

Sobald du hörst, dass jemand im Blick auf geistliche Erfahrungen praktische, einfache, klare und sofort umsetzbare Schritte mit messbaren Ergebnissen verlangt, weißt du, dass du mit einem Jünger des Internets sprichst. Das ist eine ganz andere Frage, eine ganz andere Haltung, als wenn jemand in vergangenen Zeiten einen Heiligen gebeten hat: „Lehre mich, mit Gott vertraut zu werden.“

Wenn ich dir sagen würde: „Die Bibel sagt, dass Gebete Kraft haben“, würdest du sagen: „Ja, sicher.“ Wenn ich dir aber sagen würde: „Ich habe diese Studie gesehen, in der gezeigt wurde, wie Gebet die Hirnstrukturen von Nonnen so umgeformt hat, dass sie einen friedlicheren Geisteszustand erreichten“, würdest du sagen: „Wow. Das ist so cool. Ich glaube, ich möchte mehr beten.“

Diese Sucht ist echt verrückt. Mein Freund hat gefragt: Wie mache ich das?, so wie er fragen würde: „Wie kann ich den Wasserfilter in der Kaffeemaschine wechseln?“ In seiner Frage (ich kenne ihn gut) steckte so viel Forderung danach, die Mechanik zu verstehen, so wie: Mach Gott wie meine Kaffeemaschine – nicht geheimnisvoll, sondern konkret. Gib mir das Praktische. Mach es umsetzbar. Gib mir die neuesten (pseudo-)wissenschaftlichen Erkenntnisse, sonst glaube ich dir nicht; eigentlich glaube ich dir jetzt schon kaum.

Aber versteht ihr, Freunde: Jesus und sein Reich praktisch – praktikabel – zu machen, bedeutet, ihnen alles Wunderbare, alles Geheimnisvolle und alle Macht zu nehmen!

Das ist, als würde man sich die Hilfe eines Technikers holen, um sich zu verlieben oder das Funkeln des Sonnenlichts auf dem Meer zu genießen oder ein verängstigtes Kind zu trösten. Es ist, als würde man sich weigern, dem Lachen zu vertrauen, bis jemand dessen neurowissenschaftliche Grundlagen erklärt. Ehrlich gesagt, die Frage: „Wie liebe ich Gott?“ ist wie die Frage: „Wie liebe ich meinen Sohn, meine Tochter?“. Menschenskind – das Herz weiß, wie man liebt, ohne dass man ihm die neuesten Forschungsergebnisse präsentieren muss.

Das ist die Klemme, in die uns unsere Internetjüngerschaft gebracht hat – unser müder, skeptischer Pragmatismus hält uns davon ab, den Gott zu erleben, ohne den wir sterben.

Aber es gibt einen Ausweg.

Gott sei Dank gibt es einen Weg hin zur Freude täglicher, erfüllender Erfahrungen mit Jesus. Der Zugang zu Gott und zu seinem wunderbaren Reich ist viel einfacher, als unsere kulturelle Prägung uns glauben macht – und erfahren lässt.

Und das sind sehr, sehr gute Nachrichten.

Die frische Luft der Mystiker

Es gibt eine Tradition in der Christenheit, die uns aus der schlimmen Lage helfen kann, in der wir als Internetjünger stecken (ganz zu schweigen von all den anderen ermüdenden Dingen, die uns dieses Zeitalter beschert hat). Eine faszinierende historische Gemeinschaft von Männern und Frauen innerhalb der christlichen Geschichte, die (von anderen) als christliche Mystiker bezeichnet werden. Ich schätze, du kennst Namen wie Augustinus, Franz von Assisi, Thomas von Aquin, Bruder Lorenz, Juliana von Norwich, Martin Luther, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz.*

Auch viele der Wüstenväter und -mütter der ersten christlichen Jahrhunderte wären als Mystiker bezeichnet worden. Das Gleiche gilt für die meisten irischen Mönche (Männer und Frauen), die überall auf der einst wilden Insel verstreute Einsiedeleien in der Wildnis errichteten, die sich zu kleinen Klostergemeinschaften entwickelten, die dann wieder auf den Kontinent kamen und Europa evangelisierten.

Früher brachte das Wort „Mystiker“ Respekt oder Ehrfurcht zum Ausdruck, ähnlich wie „Heiliger“ oder besser noch „wahrhaftiger Nachfolger von Jesus, der regelmäßig Erfahrungen mit Gott macht“.

Aber für uns, die wir in den Trümmern der Aufklärung leben, hat das Wort „Mystiker“ eine ganz andere Bedeutung bekommen: entweder „jemand, der ein bisschen verrückt und realitätsfern ist“, oder jemand, der eine Art nicht christliche Naturspiritualität praktiziert. Natürlich gibt es in jeder Bewegung Sonderlinge. Aber wenn wir die Schriften der christlichen Mystiker lesen und etwas über ihr Leben erfahren, entdecken wir, dass es ganz normale Männer und Frauen waren, die einen äußerst geerdeten Bezug zur Realität hatten. Aber es waren Menschen, die die Schönheit Jesu und seines Reiches erlebt hatten.

Bischöfe und Kardinäle kamen zu dem bescheidenen Karmelitermönch Bruder Lorenz, um Rat und Unterweisung zu erhalten, weil dieser einfache Mann eine so innige Verbindung zu Jesus hatte. Er schrieb:

Es gibt auf der Welt kein süßeres und herrlicheres Leben als das des unablässigen Gesprächs mit Gott, doch nur wer es praktiziert und erlebt, kann dies verstehen.2

Daran war nichts Seltsames oder Häretisches; Bruder Lorenz war ein ganz normaler Christ. So erklärt G. K. Chesterton:

Das mystische Moment ist es, was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus. Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben. Seit jeher steht er mit einem Fuß auf der Erde und mit dem anderen im Feenland.3

Chesterton, ein tiefgläubiger Christ, meinte mit „Feenland“ die Welt der Wunder und Geheimnisse, die Kinder als real akzeptieren und die Christen als das schöne, unsichtbare Reich, die Ruhe des Reiches Gottes, verstehen. Einen Fuß auf der Erde und einen in dem Reich, das die Bibel „die Himmel“ nennt und das nicht weniger real ist.

Wir brauchen täglich Begegnungen mit Jesus. Das ist das, worauf wir aus sind. Nichts anderes wird der menschlichen Existenz gerecht. Der Apostel Paulus kam nicht zum Glauben an Christus, weil ihm jemand irgendwelche neuesten Forschungsergebnisse oder Fakten vorlegte. Er hatte eine unbestreitbare persönliche Begegnung mit Jesus auf der Straße nach Damaskus, die nicht nur seinen Glauben, sondern auch die Zukunft des Christentums veränderte. Paulus hatte danach viele Begegnungen mit Jesus, die ihn zu einem der ersten Mystiker machten. Und als der Apostel Johannes – ebenfalls ein Mystiker im wahrsten Sinne des Wortes – seinen Schülern über die wahre Natur des Lebens mit Christus schrieb, sagte er Folgendes:

Vom ersten Tag an waren wir dabei und haben alles aufgenommen – wir haben es mit unseren eigenen Ohren gehört, mit unseren eigenen Augen gesehen und mit unseren eigenen Händen überprüft. Das Wort des Lebens erschien direkt vor unseren Augen; wir haben gesehen, wie es sich ereignet hat! Und jetzt erzählen wir euch in aller Nüchternheit, was wir – unglaublich! – da gesehen haben: Das unendliche Leben Gottes selbst hat vor unseren Augen Gestalt angenommen.

Wir haben es gesehen, wir haben es gehört, und jetzt erzählen wir euch davon, damit ihr es mit uns erleben könnt, diese Erfahrung der Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben das einfach aus einem Grund: Wir wollen, dass ihr dasselbe ebenfalls genießen könnt (1. Johannes 1,1-4; MSG).

Das biblische Christentum war immer, immer so gedacht, dass es aus einer tiefen Erfahrung erwachsen sollte. Gerade in unserer Zeit kommen Tausende von Muslimen durch echte Begegnungen mit Jesus in Träumen und Visionen zum Glauben an Christus.4 Diese unbestreitbaren Begegnungen – erfahrene Begegnungen – stärken ihren Glauben trotz der unmittelbaren Verfolgung, der sie oft ausgesetzt sind.

Leider haben viele Christen in der heutigen Zeit die unmittelbare Erfahrung Gottes verloren. Die Ablenkungskultur, in der wir leben – YouTube, Netflix, der nächste Klick zur nächsten höchst überflüssigen Nachricht –, trägt ihren Teil zu diesem Verlust bei, ebenso wie vieles andere, was diese Zeit der menschlichen Seele antut. Aber wenn wir heute den Glauben wiederfinden und ihn festigen wollen, ist eines unverzichtbar: dass wir Jesus wieder täglich erfahren. Lasst mich also noch mal Bruder Lorenz zitieren: „Es gibt auf der Welt kein süßeres und herrlicheres Leben als das des unablässigen Gesprächs mit Gott, doch nur wer es praktiziert und erlebt, kann dies verstehen.“

Also, um das klarzustellen: Mir ist bewusst, dass ich ein ziemliches Risiko eingehe, wenn ich über „Mystiker“ rede. Aber manchmal muss man Risiken eingehen, und die aktuelle Krise ist definitiv so ein Fall. Wir werden uns auf den nächsten Seiten genauer anschauen, was das Wort „Mystiker“ wirklich bedeutet. Wenn man sich nämlich nur auf die Dinge beschränkt, die man ohnehin schon versteht und erlebt, gibt es kaum einen Grund, ein Buch zu lesen, zu reisen, die Nachrichten zu hören oder durch die Wälder zu wandern, oder? Zum Glück haben diese bescheidenen, heiligen Männer und Frauen großzügig über ihre Erfahrungen geschrieben und andere eingeladen, Jesus und sein Reich als das normale christliche Leben zu erleben. In Wahrheit ist das „mystische“ Element unserer Vorfahren viel, viel umfassender, als man uns glauben machen will.

Ich habe mit zahllosen Männern und Frauen rund um den Globus gesprochen, die ich als „gewöhnliche Mystiker“ bezeichnen würde: ganz normale Leute, die ihr Leben in normalen Berufen leben, die aber von einem beglückenden Gefühl der Gegenwart Gottes erfüllt sind und tägliche Erfahrungen mit Jesus machen. Viele davon sind mittlerweile liebe Freunde geworden. Und ich möchte auch dich einladen: Entdecke dieses Leben für dich selbst ganz neu. Denn wie der Apostel Johannes betonte: Es ist das Leben, das Gott schon immer für dich vorgesehen hat.

Und es wird sich als absolute Rettung für deinen Glauben erweisen.

Ein Moment zum Innehalten

Ich spreche jetzt zu dir, wenn du ein erschöpfter Internet-Follower bist. Auch deine Seele wurde darauf konditioniert, jeden Tag riesige Mengen an Inhalten aufzunehmen – weit mehr als das, was die Seele verarbeiten kann. Du denkst, das sei normal, aber das ist es nicht.

Denn was passiert dabei? Wertvolle Wahrheiten werden Stunde für Stunde weggespült von Inhalten, die einfach nur „neu“ sind und deshalb deine Aufmerksamkeit gewinnen. Es ist, als würde man Wasser in ein Glas gießen, das bereits mit gutem Wein gefüllt ist: Der Wein verdünnt sich immer mehr und die verdünnte Mischung schwappt über die Ränder und verrinnt nutzlos.

Mach deshalb jetzt eine Pause.

Atme ein paarmal tief durch.

***

Wir werden uns in diesem Buch die Zeit nehmen, nur so schnell voranzugehen, wie die Seele verkraften kann.

Nimm dir deshalb jetzt einige Minuten zum Nachsinnen, bevor du weiterliest. Ich habe in der Einleitung einige grundsätzliche Dinge gesagt. Eigentlich in der Absicht, dich zum Innehalten zu bringen.

Lass sie dir noch ein paar Augenblicke lang durch den Kopf – und durch die Seele – gehen.

*

Im Jahr 1982 beobachtete der Philosoph Buckminster Fuller die Auswirkungen des beschleunigten Wandels auf das menschliche Wissen. In seinem Modell konnte das gesamte menschliche Wissen um das Jahr 1 n. Chr. – von Architekturtechniken über Landwirtschaft bis hin zur Tierhaltung – als ein einziges überschaubares Wissensgebiet dargestellt werden. Von diesem Zeitpunkt an dauerte es 1.500 Jahre, bis sich das gesamte Wissen verdoppelt hatte. Dann verdoppelte es sich erneut innerhalb von 250 Jahren. Und dann noch einmal in 150 Jahren. Je nachdem, welchen Google-Strategen man glaubt, verdoppelt sich das menschliche Wissen heute innerhalb von Jahren oder sogar Monaten.

*

Ja, Thomas von Aquin und Luther. Siehe Robert Barron,

Thomas Aquinas, Spiritual Master

(Word on Fire Academic, 2022), 1; Bengt Hoffman,

Luther and the Mystics

(Augsburg, 1976), 190.

1Was Kinder und Mystiker wissen

Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein.

Karl Rahner

Dinge, die wir immer wieder tun, formen die Seele. Das ist seit Jahrtausenden ein bewährter Grundsatz des geistlichen Lebens.

Dass die Jahre, die wir inzwischen in den digitalen Welten leben, unsere Seele prägen würden, war unvermeidlich, ob wir das wollten oder nicht. Ein Freund sagte zutreffend: „Es ist nicht so, dass wir etwas falsch gemacht haben, aber uns wurde etwas Falsches angetan.“

Als Follower des Internets zu leben, hat unsere Seele geprägt: Wir erwarten Instant-Antworten auf unsere Fragen; wir haben ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Formen des Geheimnisvollen inhaliert; die Informationsflut hat unsere Sucht nach dem „Praktischen“ als dem einzig Realen im Leben angeheizt; unser Vertrauen, dass es verlässliches Wissen geben könnte, wurde untergraben, weil die Fakten von gestern schon morgen widerlegt werden oder überholt sind. Und diese Weise, in der Welt zu funktionieren, hat uns alle erschöpft, denn es ist kein Leben darin.

Es ist kein Leben darin.

Kein Wunder, dass es Menschen heute schwerfällt, Jesus zu erfahren.

Wenn du einem Kind sagst: „Morgen fahren wir an den Strand!“, dann ist die Reaktion nicht: „Hmmmh … vielleicht. Schau’n wir mal. Hast du überhaupt gecheckt, wie das Wetter wird?“ Das ist die Reaktion eines Erwachsenen. „Vielleicht sollten wir lieber nicht fahren – da gab es doch diese Meldung im Netz, dass es diese Abwasserverschmutzung an der Küste gibt.“ Ein Kind nimmt das Versprechen eines Abenteuers einfach an und erlebt eine doppelte Freude: einen Tag voller Vorfreude auf den Strand und dann einen tatsächlichen Tag am Strand! Doppelte Freude! Denn Kinder handeln nicht aus einer müden Skepsis heraus, nicht aus Zynismus oder der Einstellung: „Ich glaube es erst, wenn du es mir wissenschaftlich beweisen kannst.“

Vielleicht hilft uns die Erinnerung an unsere Kindheit, zu verstehen, was Jesus gemeint hat, als er sagte: „Ich versichere euch: Wenn ihr euch nicht ändert und so werdet wie die Kinder, kommt ihr ganz sicher nicht in Gottes himmlisches Reich“ (Matthäus 18,3; Hfa).

„Kommt ihr ganz sicher nicht hinein“ – sind ziemlich starke Worte. Ganz sicher nicht?

Jesus verhält sich oft wie ein Feuerwehrmann, der gefährdete Menschen aus einem brennenden Gebäude retten will. Er sagt extrem ernste Dinge, weil die Situation extrem ernst ist.

Hier versucht er, uns von der Barriere zu befreien, die uns daran hindert, Gott und sein Reich zu erfahren. Eine Barriere, die sich in uns ausbildet, bis wir erwachsen sind – der müde, skeptische Zynismus … der reservierte Vorbehalt. Jesus sagt hier im Kern: „Ich habe euch so viel zu zeigen, so viel zu bieten. Aber ihr müsst etwas loslassen – den Zynismus, den Skeptizismus, den Pragmatismus. Öffnet euch wieder für den Glauben. Für das einfache Vertrauen – so wie ein Kind.“

Das können wir tun. Wir können es wirklich.

Wir können all das, was die Internet-Jüngerschaft uns angetan hat, an Jesus aushändigen. Ich wähle das Wort aushändigen bewusst, weil wir gern an unserer Skepsis festhalten – aus Selbstschutz. Jesus scheint zu glauben, dass es eigentlich gar nicht so schwer ist, zuzulassen, dass unsere Glaubenskompetenz durch neue Zuversicht belebt wird; er weiß, dass das kindliche Herz in uns noch vorhanden ist.

Hier liegt unsere Rettung: Die Mystiker wussten, dass man, um glauben zu können, nicht die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse braucht. Man muss etwas nicht verstehen, um es zu erleben. Für sie war das Mysterium, das Reich des Geheimnisvollen, etwas Gutes, Teil der Freude, Gott und sein herrliches Reich zu entdecken. Sie wussten nichts darüber, wie Sonnenlicht auf unserer Haut Vitamin D in unseren Zellen produziert (verstehst du das wirklich?). Aber sie hielten trotzdem ihre blanke Haut in die Sonne und jubelten über die Güte Gottes, die sie darin spürten. So betete St. Patrick von Irland:

Ich erhebe mich heute durch die Kraft des Himmels:

Licht der Sonne, Glanz des Mondes, Glanz des Feuers.1

Und tausend Jahre später sang der heilige Franziskus:

Gelobt seist du, mein Herr,

mit allen deinen Geschöpfen,

zumal dem Herrn Bruder Sonne,

welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.

Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:

Von dir, Höchster, ein Sinnbild.2

Das hat was wunderbar Kindliches: Diese Männer stehen mit einem Fuß in der Natur und mit dem anderen im unsichtbaren Teil von Gottes großem Reich. Sie haben etwas im Herzen verstanden: Wir können uns der Gegenwart Gottes öffnen, so wie wir uns in die Sonne halten können, um ihre Wärme zu genießen.

„Wie die Blüten sich der Sonne öffnet sich das Herz vor dir“ schrieb Henry van Dyke in einem schönen poetischen Bild.3 Hier finden wir keinen ernsten Rationalismus, der sich in Teilen der Christenheit eingeschlichen hat; ebenso wenig etwas von der „Beweis es mir“-Haltung, die unter Jüngern des Internets so weitverbreitet ist. Und das ist genau der Grund, warum diese Heiligen so tiefgehende Begegnungen mit Jesus und seinem Reich erleben konnten, die in ihnen eine Widerstandsfähigkeit hervorbrachten, nach der wir uns heute sehnen.

Keine Panik

Ich weiß: Die Wörter „mystisch“ und „Mystiker“ sind in manchen christlichen Kreisen nicht ganz unbelastet. Aber wir sollten hier keine Berührungsängste haben. Es sind gute Wörter, die von der christlichen Gemeinschaft wiederentdeckt werden sollten. Es gibt heilige Mystik und unheilige Mystik, genauso wie es heiligen und unheiligen Sex, heilige und unheilige Kunst, Wissenschaft und so ziemlich alles andere gibt. Sicher, es gab im Laufe der Jahrhunderte Mystiker, die die orthodoxe christliche Lehre verließen. Heute suchen viele Menschen „transzendente Erfahrungen“ durch Meditationsretreats oder auch Zeremonien mit berauschenden Substanzen. Diese Dinge können den Zugang zur spirituellen Welt öffnen, aber hier gibt es immer die Möglichkeit, dass sich das Reich der Finsternis hereindrängt. Wir halten uns in diesem Buch an die heilige Tradition der biblischen, christlichen Mystik, die wiederum einfach die normale Erfahrung des einen wahren Gottes ist, wie er in Jesus Christus und seinem unermesslich wunderbaren Reich offenbart wurde.

Wenn man die biblischen Erzählungen in der Heiligen Schrift betrachtet und die Schriften der Heiligen aller Zeiten liest, ist es fast unmöglich, die Einladung zu übersehen: Wir alle sollen Gott und die Schönheit seines Reiches erfahren, und zwar auf tiefe und bedeutungsvolle Weise. Es gibt keinen anderen Weg nach Hause. Es gibt kein anderes Leben, das wirklich Leben ist. Wie gesagt: In diesem Licht betrachtet war der Apostel Johannes ein Mystiker. Der Apostel Paulus ebenso. König David war ein Mystiker, Adam und Eva ganz sicher auch.

Und das macht Jesus von Nazareth zum größten Mystiker überhaupt. Denn er lebte sein Leben in ununterbrochener Gemeinschaft mit Gott, seinem Vater. Und seine Erfahrungen sind Fenster, durch die wir sehen, wie es ist, im verwirklichten Reich Gottes zu leben.

Verstehen wir Mystik doch so: Mystik ist die tägliche Erfahrung Gottes und seines Reiches. Dann können wir sagen: Mystik ist das, was das normale christliche Leben ausmacht. Das heißt: Es ist die menschliche Existenz, die wieder auf die richtige Spur gesetzt wurde. Es ist das, was Eva und Adam anfangs genossen haben, und es ist zentral dafür, wie Gottes Wiederherstellung der Menschheit aussehen soll.

Gewöhnliche Mystiker

Die englische Mystikerin und Theologin Evelyn Underhill hat eine der wichtigsten Studien über christliche Mystiker geschrieben. Sie war eine Frau mit einer tiefen Jesus-Liebe, und es war ihr ein wichtiges Anliegen, Menschen das Verständnis dafür zu erschließen, dass Mystik etwas völlig Normales ist: Jeder Mensch hat die latente Fähigkeit, Gott zu erfahren. Genau dafür bist du geschaffen. Die Fähigkeit dazu ist also zutiefst in deinem Wesen verankert.4

Vor dem Zeitalter der Vernunft hätten wir das Wort „mystisch“ überhaupt nicht verwenden müssen. „Mystiker“, das sind einfach normale Christen, Freunde Gottes. Wenn es hilft, kannst du sagen: „Mystiker“ ist ein „amphibisches“ Wort – es fühlt sich in zwei Welten wohl, sowohl in der spirituellen als auch in der physischen. Wenn du zum Beispiel betest, stehst du irgendwo hier auf festem Boden (oder vielleicht kniest du), auf dem Planeten Erde – aber du stehst in Kontakt mit der unsichtbaren Welt darüber. Himmel und Erde treffen sich, wenn du betest. In einer sehr „mystischen“ Passage schreibt Paulus: „In Gott leben wir, bestehen wir und sind wir“ (Apostelgeschichte 17,28). Wir sind umgeben von der Gegenwart Gottes. Wir schwimmen jeden Tag darin – das passt zu der Vorstellung, dass menschliche Natur und Erfahrung „amphibische“ Wirklichkeiten sind. Die Freude kommt, wenn wir lernen, uns darauf einzustimmen, der Gegenwart Gottes unsere Aufmerksamkeit zu schenken und in tiefen Zügen davon zu trinken.

Die Bibel hat noch so viel mehr über das „amphibische Leben“ von Christen zu sagen; man findet auf fast jeder Seite etwas dazu. Der Hebräerbrief stellt fest: Wenn wir beten, können wir „voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten“5 – eine Einladung, unsere Amphibiennatur auszuleben, indem wir ganz bewusst in die Gegenwart Gottes kommen (dazu werde ich später noch mehr sagen). Außerdem wird uns versichert, dass Christus jetzt in uns lebt – wir können also seine Gegenwart auch tief in unserem Inneren erfahren. Wenn der Mystiker Thomas von Kempen aus dem 15. Jahrhundert die folgende Einladung ausspricht, spricht er von einer Erfahrung, die jedem Menschen uneingeschränkt zugänglich ist:

Bekehre dich von ganzem Herzen zum Herrn […] und du wirst das Reich Gottes zu dir kommen sehen. […] Christus wird zu dir kommen und dir seinen Trost zu kosten geben, wenn du ihm in deinem Inneren eine würdige Wohnung zubereitet haben wirst. […] Den inneren Menschen besucht er oft, redet mit ihm auf die angenehmste Weise, tröstet ihn liebreich, gibt ihm tiefen Frieden und geht so zärtlich und vertraulich mit ihm um, dass man darüber nicht genug staunen kann.6

Dieses zärtliche, heilende Gespräch ist etwas, worüber die Vertrauten Gottes aus allen Traditionen im Laufe der Jahrhunderte geschrieben haben. Das ist eigentlich ganz natürlich und wunderbar. Wir genießen Kaffee, Fahrräder, Sonnenuntergänge und die Gegenwart des lebendigen Gottes zusammen mit den unsichtbaren Reichtümern seines wundervollen Reiches! Deshalb mag ich den Begriff „gewöhnliche Mystiker“ – er soll uns daran erinnern, dass eine mystische Welt- und Gotteserfahrung nichts Außergewöhnliches oder Seltenes ist. Sie mag ungewohnt sein, aber das sind die kalifornischen Redwoods auch, wenn man noch nie durch diese märchenhaften Wälder gewandert ist. Genauso wie die unendliche Stille der Sahara. Aber ungewohnt heißt nicht, dass etwas nicht real ist. Die Gemeinschaft mit Christus ist absolut real und steht jedem offen. Und sie bringt uns noch mehr zum Staunen als die Redwoods oder die Sahara.

Damit wir uns aber nicht zu sehr mit dem Wort „mystisch“ aufhalten, lass uns mal klarstellen, was christliche Mystik ist. Zugegeben, die Schriften einiger berühmter Mystiker sind so abgehoben, dass sie den Eindruck verstärken, Mystik hätte etwas mit wilden Visionen und Ekstasen zu tun.

Aber das ist nicht der Fall.

Gewöhnliche Mystiker, die Freunde und Freundinnen von Jesus, …

… genießen die spürbare Gegenwart Jesu, ihres gemeinsamen „Papas“ und des Heiligen Geistes.*

… hören die Stimme Gottes im täglichen Leben.

… können eine innereVerbindung zu Jesus aufbauen, der in ihrem Herzen wohnt.

… schöpfen ihr Leben aus Gott.

… sind nicht überrascht, wenn im Alltag Wunder passieren.

Rückkehr nach Hause

Die Menschheit lebt im Moment in völliger Armut. Fast alles Wunderbare, Schöne und Bezaubernde an dieser Welt und an dem Gott, der sie geschaffen hat, wurde uns genommen und zerstört, sodass wir keinen Ort mehr haben, wohin wir uns in den Stürmen des Lebens flüchten können. Die zynische Jagd nach dem Pragmatischen hindert uns daran, das Leben unter der schützenden Hand Gottes zu erleben.

Aber es gibt einen Weg nach Hause. Das Reich Gottes hat nicht im Geringsten an Bedeutung verloren, auch wenn die Menschheit es nicht mehr ernst nimmt. In Jesus und seinem Reich finden wir sichere Zuflucht und Heilung; es umgibt uns in jedem Augenblick. Der gewöhnliche Mystiker sagt: „All diese Dinge sind real. Ich muss sie nicht verstehen, aber ich freue mich darauf, sie zu erleben, wenn ich begreifen lerne, wie Gott und sein Reich wirken.“

Es wäre schön, einen sicheren Ort zu haben, an den wir nach Hause kommen können.

Es wäre schön, einen sicheren Ort zu haben, an den wir jederzeit gehen können, wenn wir ihn brauchen.

Und es wäre wirklich wunderbar, wenn wir auf all die außergewöhnliche Schönheit und Fülle des Reiches Gottes Zugriff hätten, wann immer wir sie brauchen. Es wäre fantastisch – fast so, als würdest du in ein Märchen hineinstolpern, das absolut wahr ist.

Genau das kannst du tun.

Du musst es tun.

Wagen wir uns weiter vor?

Ein Moment zum Innehalten

Atme ein paarmal tief durch.

Lass das gerade Gelesene nachklingen. Welche Gedanken beschäftigen dich?

Vielleicht ist dieses Gebet gerade jetzt passend:

Jesus, die Welt, in der ich lebe, prägt mich. Bitte heile die Auswirkungen meiner Kultur, die meinem Leben und meinem Glauben schaden. Heile die unguten Prägungen und Gewohnheiten, die die Online-Welt in mir hinterlassen hat. Ich händige dir meine Skepsis, meinen Zynismus und meine „Beweise es mir“-Einstellung aus. Ich gebe meinen Unglauben auf. Heile meine Fähigkeit zu glauben. Ich möchte mit einem kindlichen Vertrauen in dich und in unseren Papa leben. Ich möchte das Staunen und die freudige Erwartung wiederfinden. Ich möchte das Reich Gottes erleben – jeden Tag neu. Jesus, ich lege meinen Zynismus, meine Skepsis und meinen Pragmatismus ab. Belebe meinen Glauben durch deinen Geist.

*

Ich benutze bewusst das Wort „Papa“ anstelle von „Himmlischer Vater“ aus zwei Gründen: 1. Die Bibel tut dasselbe, wenn sie uns lehrt, „Abba“ zu rufen (Römer 8,15). Und 2., weil abgehobene religiöse Ausdrücke wie „unser himmlischer Vater“ ihn fern und unnahbar erscheinen lassen – und genau das hat er durch das Kommen Jesu für immer beseitigt.

2Auf der Suche nach Zuflucht

Wohin sollen wir gehen? Es gibt keinen sicheren Ort.

Eine Mutter im Nahen Osten, März 2024

In den Kindertagen der Menschheit lebten wir zusammen mit Gott in einem paradiesischen Garten. Wir schlenderten in der Abendkühle mit unserem Abba-Vater im Garten herum und plauderten vertraut miteinander wie Kinder mit ihrem Daddy. Wir waren gewöhnliche Mystiker und genossen die beglückende Gemeinschaft mit Gott und die Fülle seines Reiches in vollen Zügen. Eden war unser Zuhause, und unser Leben entfaltete sich im sicheren Raum eines Paradieses, in dem Himmel und Erde sich begegneten.*

Aber wir haben dieses Zuhause verloren, und seitdem suchen wir anderswo nach einer Zuflucht.

Für gewöhnliche Mystiker, für Freunde und Freundinnen Jesu, die heute in Verbindung zu ihm leben, gibt es viele Schätze, Wunder und Abenteuer zu erleben. Aber ich denke, zuerst einmal müssen wir einen sicheren Ort finden. Wir sind dafür gemacht, im Schutzraum Gottes zu leben. Menschen, die außerhalb dieses Schutzraums umherirren, auch Christen, sterben an Hunger der Seele und belastenden Einflüssen aller Art.

Beginnen wir deshalb unseren Heilungsweg von der Internet-Jüngerschaft, indem wir zuerst die Gegenwart Gottes suchen. Sie ist die Zuflucht für unsere Seele. Jeder Mensch ist dazu geschaffen, als gewöhnlicher Mystiker in dieser Welt zu leben und zu wirken. Wir können lernen, unsere amphibische Natur zu nutzen, um in den Schutzraum Gottes zurückzukehren.

Leben jenseits von Eden

Jedes Mal, wenn ich auf den Britischen Inseln wandere, besonders an den zerklüfteten Küsten Schottlands und Irlands, zieht es mich zu den Überresten alter Steintürme – manche davon sind Tausende von Jahren alt. Diese mit Moos und Flechten bedeckten, teilweise zerfallenen Ruinen faszinieren mich; ich gehe um sie herum, klettere hinein, wenn ich kann. Die meisten stehen an wilden, sturmumtosten Küsten oder auf noch abgelegeneren vorgelagerten Inseln. Die Menschen, die an diesen exponierten Orten lebten, haben diese Türme als Zufluchtsorte vor Seeräubern, Sklavenhändlern und Angreifern erbaut.

Später entstanden die berühmten Rundtürme Irlands, die überall dort die Landschaft prägen, wo einmal klösterliche Siedlungen blühten. Im Südwesten der USA gibt es die Felsbehausungen der Anasazi, malerische Steindörfer, die in Höhlen und Felsvorsprünge auf halber Höhe gigantischer Felswände gebaut wurden. Wenn die Leiter hochgezogen war, gab es weder von oben noch von unten einen Zugang zur Siedlung.

Das alles sind Monumente der Zuflucht – des menschlichen Bedürfnisses nach Zuflucht.

Es ist ein uraltes Urbedürfnis, das im Hintergrund unseres Bewusstseins immer vorhanden ist. Es ist ein Bedürfnis, das uns von unserem Schöpfer gegeben wurde, und in Zeiten der Unsicherheit bricht es an die Oberfläche durch. Und jeder Historiker wird bestätigen, dass diese unsicheren Zeiten weit prägender für die Menschheitsgeschichte waren als Zeiten des Friedens und der Sicherheit. Es ist bemerkenswert, wie oft die Mystiker, die die Psalmen geschrieben haben, von Zuflucht sprechen:

Doch alle, die bei dir Zuflucht suchen,

werden sich freuen.

Ihr Jubel kennt keine Grenzen,

denn bei dir sind sie geborgen.

Ja, wer dich liebt, darf vor Freude jubeln! (Psalm 5,12; Hfa)

Der Herr ist mein Fels,

meine Festung und mein Befreier.

Mein Gott ist meine Zuflucht,

mein Schild und mein starker Retter,

meine Burg in sicherer Höhe. (Psalm 18,2)

Höre, o Gott, mein lautes Flehen,

achte auf mein Gebet!

Aus weiter Ferne, wie vom Ende der Erde, rufe ich zu dir,

denn mein Herz ist mutlos geworden.

Ach führe mich doch auf jenen Felsen,

der für mich zu hoch ist!

Denn du bist für mich zu einer Zuflucht geworden,