Jetzt ist Kuss! - Janet Evanovich - E-Book

Jetzt ist Kuss! E-Book

Janet Evanovich

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Beschreibung

Ein flüchtiger Verbrecher überfällt einen Gefrierlaster voll beladen mit Eiskrem – in dem nach kurzer Schmelzphase auch noch eine gefrorene Leiche auftaucht. Kopfgeldjägerin Stephanie Plum schleust sich undercover in die Eiskremfabrik Bogart ein, um herauszufinden, wer die Mitarbeiter so eiskalt um die Ecke bringt. Ranger, Sicherheitsexperte und Stephanies größte Versuchung seit Vanilleeis mit Kirschen, arbeitet bei diesem Einsatz eng mit ihr zusammen – zu eng, wie Trentons heißester Cop Joe Morelli findet. Und Stephanie kann sich mal wieder nicht entscheiden zwischen zwei sexy Typen, Becher oder Waffel, Vanille oder Schoko. So süß war das Plum'sche Chaos noch nie!

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Seitenzahl: 350

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Buch

Nach einem Überfall auf einen Laster voll feinstem Bourbon Whiskey soll Larry Virgil eigentlich vor Gericht erscheinen – doch er ist flüchtig. Glück für Kopfgeldjägerin Stephanie Plum, dass Larry die Dummheit besitzt, fast das gleiche Verbrechen noch mal zu begehen: Diesmal überfällt er einen Gefrierlaster beladen mit Eiscreme. Nach kurzer Schmelzphase findet sich dort auch noch eine gefrorene Leiche. Stephanie wird als Undercover-Agentin in die Bogart Eiscremefabrik geschickt, um herauszufinden, wer die Mitarbeiter so eiskalt um die Ecke bringt. Hierzu muss sie eng mit Ranger zusammenarbeiten, Sicherheitsexperte und süßer als das beste Vanilleeis. Das gefällt Trentons heißestem Cop Joe Morelli natürlich gar nicht. Und so stürzt sich Stephanie schneller als ihr lieb ist mal wieder Hals über Kopf ins Chaos …

JANET EVANOVICH

Jetzt ist Kuss!

Ein Stephanie-Plum-Roman

Aus dem Englischenvon Thomas Stegers

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Turbo Twenty-Three« bei Bantam Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Evanovich, Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

em · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-20022-0V004

www.goldmann-verlag.de

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1

Larry Virgil ist ein schlaksiger, schmieriger Typ um die vierzig. Er wohnt allein, in einem Zimmer hinter seiner Autowerkstatt in der Baker Street in North Trenton. Seit mindestens zehn Jahren hat er sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Er trinkt zu viel, und angeblich missbraucht er Frauen. Auf seine Stirn hat er sich einen Hot Dog mit Hoden tätowieren lassen, könnte auch ein männliches Glied sein. Der Tätowierer war wohl kein Meister seines Fachs, für mich ist es ein Hot Dog.

Larry Virgil könnte mir völlig egal sein, wenn die Trenton Police ihn nicht vor einigen Wochen in flagranti erwischt hätte, als er gerade einen mit Kisten Premium Bourbon Whiskey beladenen Sattelschlepper kapern wollte. Virgil wurde verhaftet und umgehend gegen Zahlung einer Kaution durch den Kautionsagenten Vincent Plum, zufällig mein Cousin und Arbeitgeber, wieder freigelassen. Den Gerichtstermin vor einer Woche ließ Virgil verstreichen, und Vinnie ist ordentlich angepisst. Wenn Virgil der Justiz nicht wieder zugeführt wird, verliert Vinnie seine Kaution.

Mein Name ist Stephanie Plum. Ich habe einen College-Abschluss, immerhin, aber keine besondere berufliche Qualifikation. In den letzten Jahren habe ich als Kopfgeldjägerin gearbeitet und Vinnies Kautionsflüchtlinge aufgespürt. Was mir an Kompetenz fehlt, mache ich durch Kamikaze und Zähigkeit wett, denn bezahlt werde ich nur bei Erfolg.

Es war zehn Uhr abends, Mitte September, und schon so kalt, dass ich außer einem T-Shirt gut noch ein Sweatshirt gebraucht hätte. Ich observierte gerade Virgils Dreiergarage und hoffte, dass er aus dem Haus kam oder reinging, damit wir ihn festnehmen konnten. Ich war nicht allein, am Steuer meines Fluchtwagens saß Lula. Seit zwei Stunden hockten wir hier, und meine Augen schielten schon vor lauter Langeweile.

»Das bringt doch nichts«, sagte ich. »Er geht nicht ans Telefon, und in seinem Haus brennt kein Licht.«

Lula ist eine ehemalige Prostituierte, die Vinnie vor langer Zeit mal als Sekretärin für die Aktenablage eingestellt hat. Als die gesamte Kommunikation digitalisiert wurde, fand er nicht den Mut, Lula vor die Tür zu setzen. Jetzt erscheint sie jeden Tag zur Arbeit und macht das, wozu sie gerade Lust hat. Meistens hängt sie mit mir ab. Sie ist etwas kleiner geraten als ich, bringt aber in ihren engen Klamotten weit fülligere Formen unter. Ihre Hautfarbe ist braun, ihre Haltung ein gereiztes Hä? und ihr Haar momentan pink gefärbt.

Gegen Lula verblasse ich. Mein schulterlanges braunes, lockiges, unbändiges Haar raffe ich der Einfachheit halber meist zu einem Pferdeschwanz zusammen. Man hat mir schon gesagt, ich sähe ein bisschen wie Julia Roberts aus, als Nutte in Pretty Woman. Geiles Kompliment, oder?

»Also, ich glaube ja, dass sich der Loser längst aus dem Staub gemacht hat«, sagte Lula. »Er hat keine Familie hier, und besonders gesellig scheint er auch nicht zu sein. Wenn er mal ausgeht, dann nur, um Trucks zu kapern, aber vielleicht ist ihm ja letztes Mal jemand in die Quere gekommen.«

Scheinwerferlicht blitzte. Ein Sattelschlepper tuckerte auf uns zu und hielt vor dem am Haus angrenzenden Grundstück, das von einem zwei Meter hohen und mit Stacheldraht bewehrtem Maschendrahtzaun umgeben war. Ein Mann schwang sich aus dem Führerhaus und ging zu dem Tor im Zaun, fummelte an dem Schloss herum, und das Tor klappte auf.

»Da ist er!« Lula stieß mit der Hand in ihre unförmige paillettenbesetzte Handtasche und kramte nach ihrer Pistole. »Arschgeige Larry Virgil. Was hab ich dir gesagt? Er kommt wieder. Wo hab ich denn bloß meine Pistole? Warte, ich hab sie gleich gefunden.«

»Keine Waffen!«, sagte ich. »Er ist angeblich unbewaffnet. Wir brauchen nur zu warten, bis er im Haus ist. Dann schleichen wir uns rein und legen ihm Handschellen an.«

»Ich hab sie«, sagte Lula. »Ich hab meine Pistole gefunden. Los jetzt!«

»Noch nicht«, sagte ich.

Zu spät. Lula glitt hinter dem Steuerrad ihres Firebirds hervor und rannte knarreschwingend schreiend über die Straße: »Stehenbleiben! Kautionsagent!«

Virgil, im ersten Moment wie gelähmt vor Schreck, stürzte zur nächsten Straßenecke. Lula nahm die Verfolgung auf. Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass sie in ihren Via-Spigas-Highheels einen super Sprint hinlegte.

»Stehenbleiben oder ich schieße!«, rief Lula.

Ich versuchte sie einzuholen. »Nicht schießen! Wehe, du schießt auf ihn!«

Virgil schlug einen Haken zurück zur Garage, überquerte die Straße, erreichte Lulas Firebird, riss die Tür auf, klemmte sich hinters Steuer und brauste davon.

»Der hat mein Baby geklaut!«, kreischte Lula. »Meine Handtasche liegt auf dem Sitz. Die hab ich selber bestickt. Ein einmaliges Stück! Mein ganzes Make-up ist da drin.«

»Du hast den Schlüssel im Anlasser stecken lassen«, sagte ich japsend.

»Alles nur deine Schuld«, fauchte Lula mich an. »Du hast mir verboten, auf ihn zu schießen. Hätte ich ihm ein paar Kugeln verpasst, wäre das alles nicht passiert.«

»Ich melde es der Polizei«, sagte ich.

»Ich hab keine Lust, auf die Polizei zu warten«, sagte Lula. »Ich jage ihm hinterher.«

»Zu Fuß?«

»Nicht zu Fuß. Mit seinem Truck.«

»Kannst du so einen schweren Sattelzug überhaupt fahren?«

»Klar«, sagte Lula. »Was hast du denn gedacht?«

Sie setzte einen Fuß auf die unterste Stufe des Treppchens zum Führerhaus, konnte sich jedoch nicht allein hochwuchten.

»Das blöde Ding ist zu steil. Schieb mich mal am Hintern an.«

»Niemals!«

»Dann zieh mich von der anderen Seite rein.«

Ich erklomm das Führerhaus von der Beifahrerseite, krabbelte über die Sitze und streckte Lula die Hand entgegen.

»Eine blöde Idee«, sagte ich. »Du weißt doch überhaupt nicht, wo er hingefahren ist. Virgil ist längst über alle Berge, und diesen Truck hat er vermutlich gestohlen.«

»Ich weiß genau, wo er hingefahren ist«, sagte Lula. »Zur Autowerkstatt in der Stark Street. Die schlachten meinen Firebird aus und verhökern die Einzelteile für teures Geld. Die respektieren einfach keinen Privatbesitz.«

Ich nahm mein Handy aus der Tasche. »Ich rufe jetzt die Polizei.«

Verwundert betrachtete Lula das Armaturenbrett. »Ganz schön viel technischer Schnickschnack.«

»Hast du nicht eben noch damit angegeben, du könntest mit so einem Ding fahren?«

»Ich sag doch nur, dass das hier ein schicker Schlepper ist. Mit Getränkehalter und allem Drum und Dran.« Sie sah zum Fußraum. »Und so viele Pedalen. Mist. Was ist das große hier für eins?«

»Die Kupplung.«

»Ach ja. Jetzt fällt es mir wieder ein. Bevor ich mich als Nutte selbständig gemacht hab, bin ich viel mit Uncle Jimmys Kipplaster gefahren.«

Sie stellte einen Via Spiga auf die Kupplung und schaltete. »Passiert ja gar nichts.«

Der Truck machte einen Satz nach vorne, und es knirschte im Getriebe.

»Das hörte sich nicht gesund an«, sagte ich.

»Kein Problem«, entgegnete Lula. »Ob man ein, zwei Gänge überspringt, ist dem Truck egal. Er hat ja noch viel mehr davon.«

Wir schnurrten gemächlich die Straße entlang.

»Ist wie Fahrradfahren«, prahlte Lula. »Verlernt man auch nie.«

Beim ersten Abbiegen nahm sie einen Müllbehälter mit.

»Du hast die Kurve zu scharf geschnitten«, sagte ich.

»Kann schon sein, aber hast du gesehen, wie sanft mein Baby über die Tonne gerollt ist? Wie ein Panzer.«

»An der Kreuzung ist eine Ampel«, sagte ich. »Du weißt hoffentlich, wie man einen Truck zum Stehen bringt.«

»Man tritt auf die Bremse.«

»Schon klar, aber hält dann gleichzeitig auch der Sattelaufleger?«

Lula sah wieder zu Boden. »Die beiden sind doch miteinander verbunden, ich kann jedenfalls nur ein einziges Bremspedal erkennen.«

»Ampel! Pass auf!«, schrie ich.

Lula rauschte über die Kreuzung.

»Du hast gerade eine rote Ampel überfahren!«

»Oh«, sagte Lula. »Meine Schuld. Gut, dass kein Verkehr ist.«

Im Rückspiegel flackerte das Blaulicht eines Streifenwagens auf. »Ich glaube, die Polizei ist hinter uns. Fahr mal lieber ran.«

»Kommt nicht in Frage«, sagte Lula. »Wir verlieren nur Zeit. Ich muss unbedingt an der Autowerkstatt sein, bevor sie anfangen, meinen Firebird zu zerlegen. Den Kerl hinter uns bremse ich aus.«

»Du kannst ja mit dem Truck nicht mal normal abbiegen, ohne was zu demolieren. Ausbremsen für den Arsch.«

»Warum so zickig? Der Polizeiwagen ist unsere Eskorte, so musst du das sehen. Ist doch praktisch, wenn wir damit in der Stark Street einlaufen und Larry Virgil stellen. Heute ist unser Glückstag.«

Der Streifenwagen überholte uns, hielt vor der nächsten Kreuzung und blockierte die Straße. Zwei Polizisten mit gezogener Waffe stiegen aus.

»Bremsen!« sagte ich. »Du sollst bremsen!«

Lula latschte aufs Bremspedal, und der Sattelschlepper verlangsamte, blieb aber nicht stehen. In letzter Sekunde sprangen die beiden Polizisten zur Seite. Lula rammte den Streifenwagen und schob ihn einen halben Block vor sich her, bis die Maschine endlich zum Stillstand kam.

»Gehorcht leider nicht auf Kommando, das Ding«, stellte Lula fest.

Einer der Polizisten näherte sich uns. Ich ließ das Fenster runter und verzog das Gesicht. Es war Eddie Gazarra. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Heute ist er mit meiner Cousine verheiratet, Shirley, der Heulsuse.

»Hallo, Eddie«, sagte ich. »Wie geht’s?«

»Scheiße«, sagte Eddie.

Lula beugte sich über mich und sah Eddie von oben herab an. »Ihr haltet uns nur auf. Dieser Idiot Larry Virgil hat mein Auto gestohlen. Ich muss zur Werkstatt in die Stark Street, bevor die aus meinem Baby ein Ersatzteillager machen. Würdet ihr euren Streifenwagen bitte aus dem Weg räumen.«

Eddie und ich sahen zu dem Haufen Blech, der von dem Wagen übriggeblieben war. Das Wrack würde sich keinen Zentimeter mehr bewegen.

»Tut mir leid um euer Auto«, sagte ich. »Lula hat die fünf Achsen noch nicht ganz unter Kontrolle.«

Neben Eddie stand sein Partner Jimmy. Unsere Wege hatten sich bereits einige Male gekreuzt, aber ich kannte ihn noch nicht so gut. Er hatte die Fäuste in die Seiten gestemmt und machte eine Miene, als fände er das Ganze urkomisch und müsste an sich halten, um nicht laut loszuprusten.

»Du musst sie nach ihrem Führerschein und den Fahrzeugpapieren fragen«, sagte Jimmy.

»Mein Führerschein ist in meiner Handtasche. Meine Handtasche ist in meinem Auto. Und mein Auto wurde mir gestohlen«, ratterte Lula herunter. »Und was macht ihr? Steht rum und behindert den Lauf der Gerechtigkeit.«

»Du weißt, dass der Truck gekapert wurde, ja?«, fragte Eddie.

»Kann man so nicht sagen«, widersprach ich. »Lula und ich waren gerade dabei, Virgils Garage zu observieren, da fährt er mit diesem Truck vor. So kam eins zum anderen.«

»Sollen wir sie nun festnehmen oder nicht?«, fragte Jimmy grinsend.

»Wir nehmen sie nicht fest«, sagte Eddie. »Ihre Oma würde mir das Leben zur Hölle machen.«

»Und was ist mit dem Streifenwagen?«, wollte Jimmy wissen.

»Bestell einen Abschleppdienst. Und melde den Firebird als gestohlen.«

»Mein Firebird ist rot«, sagte Lula zu Jimmy. »Und auf dem Beifahrersitz liegt eine paillettenbesetzte Handtasche, ein wertvolles Einzelstück.«

Ich kletterte aus dem Führerhaus. »Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich gerne jemanden anrufen, ob er mich abholen kann.«

»Morelli?«, fragte Eddie.

Joe Morelli ist Zivilfahnder bei der Trenton Police, Abteilung Verbrechen gegen Menschen. Außerdem mein Freund.

»Nein. Ich greife mir einen von Rangers Einsatzwagen ab. Und überrede ihn, in der illegalen Werkstatt vorbeizufahren und zu verhindern, dass sie dort Lulas Auto ausschlachten.«

Ranger, früher Agent der Special Forces, war heute Unternehmer und Sicherheitsexperte. Er ist gut eins achtzig groß, ein perfektes Muskelpaket, ein richtiger Checker, ungefähr mein Alter, aber mir in Lebenserfahrung um Lichtjahre voraus. Nach Hautfarbe und Ethnie gilt er als Latino. Er ist Single und hat nicht die Absicht, diesen Status zu verändern. Ihm gehört Rangeman, ein exklusives Security-Unternehmen in einem gut getarnten Gebäude in der City von Trenton.

»Klingt doch gut«, sagte Eddie und zeigte mit dem Daumen auf Lula. »Nimmst du sie mit?«

»Was bleibt mir anderes übrig.«

»Sie muss morgen auf der Wache den Unfall anzeigen. Bis dahin ist euch doch wohl eine Erklärung eingefallen, oder?«

»Ja. Du hast was gut bei mir.«

»Kommt wie gerufen«, sagte Eddie. »Ich brauche nämlich am nächsten Samstag einen Babysitter.«

Ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Eddies Kinder waren kleine Monster. »Ich werde da sein.«

Ich rief Ranger an und stellte mich zu Lula und Eddie neben den Sattelzug.

»Das ist ein Kühlfahrzeug«, sagte Lula. »Ich frage mich, was Larry Virgil damit vorhatte? Besitzt er eine Tiefkühltruhe, die so groß ist, dass man eine ganze LKW-Ladung Gefriergut darin verstauen kann? Oder wo hätte er die Ware sonst bis zum Weiterverkauf deponiert?«

»Vielleicht ist der Hänger leer«, sagte ich. »Und er hat die Ladung längst irgendwo anders gelagert.«

»Bogart Ice Cream hat den Wagen als gestohlen gemeldet«, sagte Eddie. »Der Kompressor ist eingeschaltet, wahrscheinlich ist der Hänger noch voll beladen mit Eis.« Er ging zur Heckklappe. »Er hat keine Sicherheitsplombe. Nur ein Vorhängeschloss.«

»Soll ich das Schloss zerschießen? Dann könnten wir die Klappe öffnen und reingucken«, schlug Lula vor.

Eddie warf Lula einen verstohlenen Blick zu.

»Das könnte ich natürlich nur, wenn ich eine Pistole bei mir hätte«, zog Lula kleinlaut ihr Angebot zurück. Sie hatte keine Erlaubnis, eine Waffe zu tragen, nicht mal verdeckt.

»He, Jimmy«, rief Eddie. »Guck doch mal, ob der Schlüssel für die Hecktür irgendwo in der Fahrerkabine liegt.«

Jimmy stieg ins Führerhaus und kam mit dem Schlüssel in der Hand wieder. Eddie schloss die Hecktür auf, und ein menschlicher Körper plumpste vor uns auf den Boden. Erschrocken wichen wir zurück.

»Ach du Scheiße«, sagte Jimmy.

Es war ein tiefgefrorener, mit Schokolade überzogener und gehackten Pekannüssen bespickter Mann. Das heißt, eigentlich war nicht zu erkennen, ob es sich um eine echte menschliche Leiche handelte oder nur um eine Skulptur aus massiver Schokolade, vielleicht eine Neuheit der Süßwarenindustrie.

Gemeinsam sahen wir auf den Schokoeiszapfen.

»Wehe, das ist ein Toter«, sagte Lula. »Ihr wisst ja, ich kann Tote nicht ab.«

»Es könnte auch ein großes Eis am Stiel sein«, sagte Jimmy und stieß mit dem Fuß gegen den Schokoladenbrocken.

»Glaube ich nicht«, sagte Lula. »Steckt ja kein Stiel in seinem Auspuff.«

»Mach Meldung«, sagte Eddie zu Jimmy. »Sie sollen die Spurensicherung schicken, und zwar schnell, bevor das Ding schmilzt.«

»Wir legen ihn solange wieder in den Truck«, schlug ich Eddie vor.

»Ja«, sagte Eddie. »Ist vielleicht besser.«

Niemand machte Anstalten, Schokomann aufzuheben.

»Oder doch hier liegenlassen?«, sagte ich.

»Das wäre meine Wahl«, sagte Lula. »Ich rühr das Ding nicht an. Könnte Totenläuse haben.«

»Behalt ihn im Auge«, bat Eddie mich. »Ich versuche, den Kofferraum von unserem Streifenwagen aufzukriegen, da sind Absperrband und Gummihandschuhe drin.«

Lula warf einen Blick in den Sattelanhänger. »Die haben den Mann zwischen Ladung und Hecktür geklemmt«, sagte er. »Der Rest des Anhängers ist bis hinten voll mit Bogart-Eiscreme-Kartons. Da wird aber morgen jemand schwer enttäuscht sein, wenn er seine Eiscreme nicht geliefert kriegt. Eigentlich bin ich ja eher der Mo-Morris-Eistyp. Aber wenn man es mir auf einem Silbertablett liefert oder es zufällig von einem LKW fällt, würde ich einen Bogart-Eisbecher nicht verschmähen.«

»Das nennt man Fälschung von Beweisen«, belehrte Jimmy sie.

»Ich mein ja nur.«

Eddie kam mit gelbem Absperrband und einer Schachtel Einweghandschuhe zurück.

»Ich würde ja gerne helfen, aber die Handschuhe sind nicht meine Größe«, sagte Lula.

»Die haben eine Einheitsgröße«, sagte Eddie.

»Trotzdem«, sagte Lula. »Solche Dinger stehen mir nicht, die würden meinen Nagellack ruinieren.«

Ein schwarzer, glänzender Porsche Cayenne bremste sanft neben uns ab, und Ranger in seiner schwarzen Rangeman-Uniform stieg aus. Er ist der Chef, packt aber immer noch selbst mit an, wenn die Sicherheitslage es erfordert oder gerade Personalmangel herrscht. Er trat näher und sah sich den Schokoladenmann an.

»Hübsche Deko, die gehackten Nüsse«, lautete sein Kommentar. »Wer ist der Mann?«

»Keine Ahnung«, sagte Eddie. »Ich will nicht in seine Hosentaschen fassen und den Schokoladenmantel zerstören.«

Eddie und Ranger streiften sich Gummihandschuhe über, stemmten den steifen Körper in den Sattelanhänger und schlossen die Klappe.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz des Cayenne, Lula nach hinten. Schweigend düsten wir zur Stark Street. Vor der Werkstatt hielten wir an. In der Einfahrt stand, mit laufendem Motor, ein schwarzer Ford Explorer, daneben parkte Lulas Firebird. Ein Rangeman-Mitarbeiter, der wie Hulk aussah, nur dass er nicht grün war, stieg aus dem Explorer und kam auf uns zu.

»Der Firebird wurde gerade abgeliefert«, sagte er zu Ranger und überreichte ihm die Autoschlüssel. »Anscheinend unbeschädigt. Auf dem Rücksitz liegt eine Handtasche.«

»Anzeichen von Larry Virgil?«, fragte Ranger.

»Nichts. Wahrscheinlich hat er das Auto einfach nur hier abgestellt und ist abgehauen.«

Ranger übergab Lula die Schlüssel.

»Mein Baby! Ich hab mein Baby wieder!«, frohlockte Lula, nahm die Schlüssel und stieg aus dem Porsche. »Sag Bescheid, wenn ich was für dich tun kann«, sagte sie zu Ranger. Sie sah zu Hulk. »Gilt auch für dich, Badass.«

2

Ranger fuhr los und überließ Lula seinem Mitarbeiter, der sie fett angrinste.

»Sie nimmt ihn ran, dass ihm die Knie weich werden«, sagte Ranger. »Steht dein Auto vor dem Büro?«

»Nein. Lula hat mich zu Hause abgeholt.«

»Babe.«

Babe aus dem Mund von Ranger deckt ein breites Bedeutungsfeld ab, je nach Betonung. Heute sprach er es weich aus, mit einem lüsternen Unterton, als wollte er mich in seine Höhle entführen. Mir wurde sofort schwindlig, eine Hitzewelle schwappte durch meine inneren Organe. Ich unterdrückte den Schwindel und ignorierte die Hitzewelle, wobei mir ein unfreiwilliges Stöhnen entwich.

»Ist was?«, fragte Ranger.

»Morelli.«

Morelli und ich haben seit meinem fünften Lebensjahr eine Hin-und-her-Beziehung. In letzter Zeit ist öfter Ranger eingesprungen, wenn Morelli und ich mal wieder auf Distanz sind. Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als fehlte mir bei diesem Wechsel zwischen zwei Männern der moralische Kompass. Dabei sind es nur zwei Männer. Ich meine, ich bin nicht in ein ganzes Footballteam verknallt. Und ganz ehrlich, auf einer Skala von eins bis zehn liegen die beiden bei zwölf. Und ich, an guten Tagen, vielleicht bei acht. Ich kann mich also echt nicht beklagen. Vor ein paar Wochen haben Morelli und ich uns aus einer Euphorie heraus versprochen, uns zu verloben. Es war ein schöner Moment, aber ich glaube, es ist so, als würde man sich vornehmen, im Lotto zu gewinnen oder fünf Kilo abzunehmen. Echt jetzt, wie hoch stehen da die Chancen?

»Bedauerlich«, sagte Ranger. »Aber ganz abschreiben will ich den Abend trotzdem nicht. Immerhin hab ich einen Mann gesehen, der als Bogart-Schokoriegel verkleidet ist. Was hattet ihr eigentlich an dem Kühlwagen zu tun?«

»Lula und ich haben das Haus von Larry Virgil überwacht, da fährt der mit dem Sattelzug vor. Eins kam zum anderen, und kurz darauf hat Lula mit dem Truck Eddie Cazarras Streifenwagen plattgewalzt.«

»Und der Tote?«

»Wir wollten gucken, was der Truck geladen hat, machen die Tür hinten auf, und Schokomann fällt raus.«

»Es ist nämlich so«, sagte Ranger. »Harry Bogart hat mich engagiert. Er will die Sicherheitsmaßnahmen in seiner Fabrik verbessern. Seit Jahren liefert er sich einen Eiskrieg mit Mo Morris. Bis jetzt hat er sich beschränkt auf harten Preiswettbewerb, Rezeptdiebstahl, an Verleumdung grenzende Anzeigenkampagnen und gelegentliche Wortgefechte bei Familienzusammenkünften.«

»Sind Harry Bogart und Mo Morris miteinander verwandt?«

»Sie sind Cousins.«

»Und können sich anscheinend nicht leiden.«

»Das ist noch geschmeichelt. In letzter Zeit sind einige schlimme Dinge in Harry Bogarts Fabrik passiert. Salmonellen im Schokoeis. Eine falsche Bombendrohung, die die Produktion einen Tag lang lahmgelegt hat. Ausfall des Kühlsystems über Nacht, am nächsten Morgen war eine Tonne Eis geschmolzen. Bogart ist sich sicher, dass Mo Morris ihn in den Ruin treiben will, aber er kann es nicht beweisen.«

»Deswegen hat er dich engagiert.«

»Seine Fabrik ist noch ganz traditionell. Keine Überwachungskameras. Kein Notalarm bei Maschinendefekt. Schlösser, die sich mit einer Nagelfeile öffnen lassen. Bisher hatte er es nicht nötig. Er betreibt ja keine Kernforschung.«

»Und du sollst das jetzt alles in Ordnung bringen.«

»Ja, aber das dauert seine Zeit. Es ist ein großer Auftrag. Bogart braucht neue elektrische Leitungen, und er muss die Systemplanung absegnen. Ich möchte ihm für den Anfang, bis wir alles installiert haben, zwei Männer schicken, die auf dem Gelände Streife laufen sollen. Er lehnt das ab. Er sagt, Eiscreme, das ist Genuss und Glücksversprechen, und seine Kunden würden sich für Geburtstagskuchen und Käsemakkaroni entscheiden, wenn sie glaubten, Eiscreme gäbe es nur noch im Belagerungszustand.«

»Muss ein sympathischer Mann sein.«

»Er ist gnadenlos und geizig. Von sympathisch bis jetzt keine Spur.«

»Er macht leckeres Eis.«

Ranger nickte. »Das hab ich auch gehört.«

»Könnte der Tote Harry Bogart sein?«

»Nein. Die Statur passt nicht zu ihm. Bogart ist groß und kräftig.«

»Weil er so viel süßes Eis isst?«

»Weil er überhaupt zu viel isst.« Ranger bog auf meinen Parkplatz. »Ich brauche jemanden, der sich in beiden Eisfabriken mal genauer umschaut. Hast du Zeit, ein bisschen nebenher für mich zu arbeiten?«

»Was soll ich tun?«

»Fürs Erste würde ich dir einen Job am Fließband besorgen. Die meisten Fließbandarbeiter sind Frauen, du würdest also nicht weiter auffallen. Musst nur Augen und Ohren offenhalten. Man hat mir gesagt, bei Mo Morris dürfte jeder nach der Schicht einen Becher Eiscreme mit nach Hause nehmen.«

»Wie soll man da Nein sagen?«

Ranger hielt vor dem Hintereingang meines Hauses. Ich wollte gerade aussteigen, da zog er mich an sich und küsste mich. Obwohl leicht und flüchtig, war in seinem Kuss unmissverständlich gezügelte Leidenschaft zu spüren. Er ließ mich los und lehnte sich entspannt in seinen Sitz zurück.

»Also, ich verschaffe dir zuerst Arbeit in Bogarts Fabrik, dann melde ich mich wieder«, sagte Ranger.

Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich zu sortieren. »Alles klar«, sagte ich. »Fahr vorsichtig.«

»Babe.«

Morelli saß auf dem Sofa vor dem Fernseher. Neben ihm lümmelte Bob, sein – mehr oder weniger Golden – Retriever. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Pizzakarton.

Morelli blickte grinsend auf. »Schönen Abend gehabt?«

»Eddie Gazarra hat dich angerufen, oder?«

»Die halbe Stadt hat mich angerufen, einschließlich deiner Mutter und die Trenton Times.«

»Schlechte Nachrichten sprechen sich schnell herum.«

»Wird ja auch nicht jeden Tag einer in Schokolade getaucht und mit gehackten Nüssen dekoriert. Üblicherweise werden die Leute hier erstochen oder erschossen.«

Ich quetschte mich zwischen Morelli und Bob, klappte den Deckel des Pizzakartons auf und nahm mir ein Stück. »Ich dachte, die Meldung wäre vielleicht bei dir eingegangen.«

»Ich hatte gerade eine Doppelschicht hinter mir, deswegen stand ich ganz unten auf der Bereitschaftsliste. Butch Zajak hat die Meldung entgegengenommen.«

»Ich muss ständig an den Toten denken.«

»Ja, ich auch. Eddie hat gesagt, er hätte wie ein Bogart-Schokoeisriegel ausgesehen. Du hast nicht zufällig welche da, oder?«

»Nein, aber der Kühlwagen war bis oben beladen mit Kartons voller Schokoriegel. Als wäre der Schokomann Teil der Bogart-Bar-Kampagne.«

»Bei dem Gerede über Bogart-Schokoriegel werde ich ganz kuschelig«, sagte Morelli.

Mit Morelli ist das so: Ganz egal was man redet, er wird immer kuschelig.

Er schlang einen Arm um mich und knabberte mein Ohrläppchen an. »Nach der Pizza brauche ich unbedingt einen Nachtisch. Ein Bogart-Riegel wäre genau das Richtige.«

»Ich mache mir nichts aus Bogart-Riegeln.«

»Na gut. Wie wäre es mit einem Karamell-Eisbecher?«

»Damit bin ich schon eher einverstanden.«

»Hast du Eiscreme da? Schokoladensoße?«

»Nein.«

»Auch keine Sahne in der Dose?«

»Nein.«

»Kein Problem. Ich lass meine Fantasie spielen.«

Ich freundete mich mit der Idee an.

»Und weißt du, was dann kommt?«

»Was?«

»Ich bin der Eisbecher.«

Mist! Ich wusste, die Sache hatte einen Haken.

3

Werktags steht Morelli immer in aller Herrgottsfrühe auf. Zu Hause frühstückt er für gewöhnlich in der Küche. Wenn er bei mir übernachtet, schnappt er sich dagegen meistens auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee und ein Sandwich. Ich bin keine Haushaltsfee. Ich halte die Wohnung sauber und schaffe es gerade noch, für einen stetigen Vorrat an Grundnahrungsmitteln zu sorgen, also Erdnussbutter, Oliven, Froot Loops für mich und Gemüsenuggets für meinen Hamster Rex. Rex haust in einem Aquarium, das auf dem Küchentresen steht. Er ist ein vorbildlicher Mitbewohner. Er schläft in einer Suppendose, und nie jammert er.

Es war still in der Wohnung, als ich die Augen aufschlug. Neben mir kein warmer Körper. Ich wohne im ersten Stock eines dreigeschossigen Wohnhauses am Stadtrand von Trenton. Meine Fenster zeigen zum Parkplatz hinterm Haus, und die Geräusche von draußen – zuschlagende Autotüren, einzelne Gesprächsfetzen – drangen hinauf zu meinem Schlafzimmer. Der Tag hatte ohne mich angefangen. Auch gut. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht waren gemischt. Manche gut, manche schlecht.

Eine Stunde später stellte ich meinen zehn Jahre alten Jeep Cherokee am Straßenrand vor dem Kautionsbüro in der Hamilton Avenue ab. Das Auto hatte ich gebraucht gekauft, auf dem Big Boomer’s Car Lot. Es hatte irgendwo im Mittleren Westen eine Flut überlebt und war einwandfrei, abgesehen von der Elektronik und dem Schimmelgeruch, der den Rücksitzen entströmte.

Connie Rosolli, Büroleiterin und Wachhund in einem, saß an ihrem Schreibtisch. Sie ist ein paar Jahre älter als ich. Meine Vorfahren sind halb italienisch, halb ungarisch, ihre sind hundert Prozent italienisch. Ihr Onkel Lou gehört der Mafia an, was ganz praktisch ist, wenn man einem Gegner mal eine Abreibung verpassen, sich aber nicht die Finger schmutzig machen will. Ihr Haar ist toupiert, die Oberlippe aufgespritzt, in der untersten Schublade ihres Schreibtischs liegt eine geladene Glock. An diesem Tag trug sie einen Sweater mit sehr tiefem Ausschnitt und einen schwarzen Minirock, der auch jede Menge Einblicke bot, allerdings unterhalb der Tischplatte. Ihr Nagellack war hochglanzpoliertes Mahagoni, das sehr schön zu Lulas Hautfarbe passte.

Auf Connies Schreibtisch stand wie jeden Morgen eine offene Schachtel mit Donuts. Ich suchte mir einen Boston-Creme aus und ging zu unserem Kaffeeautomaten an der Wand gegenüber.

»Wo sind die anderen?«, fragte ich.

»Lula hat angerufen. Sie muss heute Morgen wegen des Unfalls Anzeige bei der Polizei erstatten. Und Vinnie bringt Lucille zum Flughafen. Sie will ihre Schwester in Atlanta besuchen.«

Lucille ist Vinnies Frau. Vinnie ist Eigentümer der Kautionsagentur, aber in Wahrheit gehört sie Lucilles Vater, genannt Harry, der Hammer. Er hat Vinnie in der Tasche. Vinnie ist ein solider Kautionsagent, in jeder anderen Hinsicht allerdings ein Schmarotzer. Er hat die Figur eines Frettchens und die passende Fresse dazu. Haare nach hinten gegelt. Enge Hosen. Angeblich hatte er mal eine Affäre mit einer Ente, und gelegentlich lässt er sich von der Zigeuner-Domina Madam Z auspeitschen.

»Ihr müsst ja einen schönen Abend gehabt haben gestern, Lula und du«, sagte Connie.

»Der spottet jeder Beschreibung. Du hättest dabei sein müssen. Hast du was über den Toten in Erfahrung gebracht? Hat die Polizei ihn schon identifiziert?«

»Nein. Nichts Neues über den Toten. Aber die Fabrik ist vorerst geschlossen. Sie muss gereinigt und alles desinfiziert werden. War der Mann wirklich mit Schokolade überzogen und mit gehackten Nüssen gespickt?«

»Ja«, sagte ich. »Es wird lange dauern, bis ich wieder ohne Grusel in einen Bogart-Schokoeisriegel beißen kann. Das ärgert mich, weil Bogart-Schokoeisriegel einfach zu meiner Kindheit gehört haben. Ich komme mir vor, als wollte mir jemand meine Erinnerungen kaputtmachen.«

»Das verstehe ich gut«, sagte Connie. »Ich hab Bogart-Schokoeisriegel auch geliebt. Deswegen wühlt mich das so auf. Die hätten den Toten besser als Leberwurst verpacken sollen.«

Vor meinem inneren Auge sah ich eine tiefgefrorene menschliche Leberwurst, und ich schüttelte mich unwillkürlich.

»Diese beiden Akten sind gestern reingekommen.« Connie nahm die Hefter vom Schreibtisch und übergab sie mir. »Einmal schwere Körperverletzung und dann noch Simon Diggery.«

Simon Diggery war ein professioneller Grabräuber, der in einem maroden Mobilheim südlich von Trenton wohnte.

»Was hat Simon diesmal verbrochen?«

»Myra Kranshaw ausgebuddelt. Er wurde erwischt. Sagt, er habe nach Würmen gegraben und nicht gewusst, dass Myra da unten lag.«

»Was hat er ihr abgenommen?«

»Einen Diamant-Ehering und eine Perlenkette.«

»Und zu seinem Gerichtstermin ist er nicht erschienen, nehme ich an.«

»Ich hab ihn angerufen. Sein Truck ist im Arsch, deswegen kann er nicht kommen, aber wenn ihn jemand abholt und zum Gericht bringt, würde er dem Richter gern Hallöchen sagen.«

Ich steckte die beiden Hefter in meine Umhängetasche, aß meinen Donut auf, trank den letzten Schluck Kaffee, da rauschte Lula herein.

»Sind noch Donuts da?«, begrüßte sie uns. »Ich brauche nämlich ganz dringend einen. Auf der Polizeiwache gab es nichts zu essen. Da bestellen sie einen zu nachtschlafender Zeit zu sich und bieten dir nicht mal einen Donut an. Dabei weiß jeder, dass irgendwo in dem Gebäude welche sein müssen. Ein Bulle, der seinen Tag nicht mit einem Donut beginnt, taugt in meinen Augen nichts.«

»Wie ist es gelaufen?«, fragte ich.

»Ganz okay. Ich wurde nicht verhaftet oder so. Wahrscheinlich kriege ich eine Anzeige wegen unachtsamen Fahrens, aber der Polizist, der den Bericht aufgenommen hat, kam immer durcheinander. Kann sein, dass nichts daraus wird. Nach ein paar Sätzen hat er ganz aufgehört zu schreiben und bekam so einen abwesenden Blick, als wäre er mit den Gedanken woanders.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte Connie.

»Ich hab ihm alles haarklein erklärt, aber er hat nichts kapiert«, sagte Lula. »Ständig diese blöden Fragen. Wann ich das letzte Mal einen Schlepper gefahren hab, ob ich überhaupt einen Führerschein hab.« Lula nahm sich einen Donut mit Schokoglasur und stopfte ihn sich in den Mund. »Ich bin völlig ausgehungert. Könnte eine ganze Hähnchenbatterie verputzen. Ist schon Mittag?«

Ich sah auf die Uhr. »Halb zehn.«

»Hm«, machte Lula. »Kommt mir später vor.«

»Ich muss Simon Diggery zum Gericht bringen«, sagte ich. »Bist du dabei?«

»Wie bitte? Simon Diggery? Weißt du nicht mehr? Das letzte Mal hätte mich beinahe seine Schlange gebissen. Wir waren in seinem super beschissenen Mobilheim, da sprang mir aus einem Schrank die Schlange entgegen.«

»Das war keine Schlange, das war ein Scheuerlappen. Der ist rausgefallen, als du die Tür aufgemacht hast, und du bist ausgeflippt.«

»Gut, aber es hätte eine Schlange sein können.«

»Ich lade dich auch zu einem Frühstückssandwich ein.«

»Alles Klärchen«, sagte Lula. »Schnappen wir uns den Kerl. Aber wir nehmen dein Auto, Diggery soll mir nicht meinen Firebird vollstinken.«

Ich schlang mir die Umhängetasche über die Schulter, Lula griff sich noch einen Donut ab, und wir verließen das Kautionsbüro. Vor Cluck-in-a-Bucket hielt ich an, und während Lula ihre Bestellung aufgab, kam ein Anruf von Ranger.

»Bogarts Fabrik wurde wegen einer Generalreinigung geschlossen«, sagte er. »Ab morgen früh soll sie wieder produzieren. Sei um acht Uhr da, dann suchen sie dir eine Arbeit.«

»Gibt es schon mehr Informationen über den Toten?«

»Es ist Arnold Zigler. Alleinstehend. Leiter der Personalabteilung bei Bogart Ice Cream. Er wurde Freitagnachmittag zuletzt gesehen.«

»Er könnte nicht zufällig in die Schokoladenrührmaschine gefallen sein, oder?«

»Wenn, dann erst nachdem er durch Kopfschuss getötet und tiefgefroren wurde.«

»Gibt es Verdächtige?«

»Es liegen noch nicht alle Informationen vor. Ich bin gerade unterwegs zur Fabrik. Nach meiner Unterredung mit Bogart weiß ich mehr.«

Ich legte auf, und Lula kam mit einem Frühstückssandwich, einem Eimer Hähnchennuggets, Biskuits mit Soße und einer XXL-Limo aus dem Restaurant. Sie schnallte sich an und machte sich über die toten Vögel her.

»Hast du keine Bedenken wegen der vielen Kalorien?«

»Es sind gar nicht so viele, wie du denkst. Ist nämlich eine Diät-Limo. Und ich hab extra auf eine ausgewogene Mahlzeit geachtet und jeweils eine Speise aus den verschiedenen Lebensmittelgruppen ausgewählt. Frittierte Proteine, knackige Kohlehydrate und Soße.«

»Soße ist keine eigene Lebensmittelgruppe.«

»Ach, echt nicht?«

Eine halbe Stunde später befand ich mich auf einer Schotterstraße, die sich durch ein knapp hundert Hektar großes, von den GPS-Satelliten wohl noch nicht erfasstes Gebiet von Trenton wand. Die Bewohner waren von der öffentlichen Versorgung so gut wie abgeschnitten, weil sie ihre Stromrechnung nicht bezahlen konnten oder wollten. Kleine marode Häuser wechselten sich mit aufgebockten durchgerosteten Trailern und Mobilheimen ab. Autowracks, ausrangierte Kühlschränke und Müll in den Vorgärten. Rudel verwilderter Katzen streunten umher.

Simon Diggery wohnte am Ende der Straße. Mit dem windschiefen Mobilheim, das er in Besitz genommen hatte, gehörte er zu den Wohlhabenderen hier. Freunde und Verwandte kamen und gingen, nur Simon und seine Boa waren Dauerbewohner.

Kurz vor Diggerys Heim fuhr ich an den Straßenrand und parkte den SUV auf dem befestigten Seitenstreifen. Lula und ich stiegen aus, und ich steckte den Elektroschocker in die Gesäßtasche und ein Paar Handschellen in den Hosenbund meiner Jeans. Ich rechnete nicht damit, dass ich sie benutzen würde. Manchmal musste ich Diggery hinterherlaufen, manchmal versteckte er sich, aber zum Schluss widersetzte er sich nie seiner Festnahme.

»Ich warte hier«, sagte Lula. »Unter seiner Rosthütte ist eine Schlangengrube, und im Haus hält er sich eine Boa. Keinen Fuß setze ich in diesen alten verschimmelten Kasten.«

Große Lust hatte ich auch keine. Ich trat etwas näher und rief: »Simon! Bist du da?«

Keine Reaktion. Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu und sah, dass die Schlangen hervorgekrochen waren, um sich zu sonnen. Sie hingen über den Stufen und tummelten sich auf dem sandigen Fleckchen Rasen, den Diggery für seinen Vorgarten hielt. Ich trat mit dem Fuß auf, warf Steinchen nach ihnen, worauf sie wieder unters Haus glitten.

»Die Luft ist rein«, sagte ich.

»Glaube ich nicht«, sagte Lula. »Du hast sie vergrault, aber sie lauern unten. Sie warten nur darauf, dich anzuspringen und zu erwürgen, wenn du näher kommst.«

»Hallo!«, rief ich wieder. »Ist da jemand?«

»Sieht nicht so aus«, sagte Lula. »Wir können wieder abziehen.«

»Tagsüber ist er immer da«, sagte ich. »Er geht nur nachts aus dem Haus, um Gräber auszurauben und Lebensmittel zu klauen.«

»Ich gehe erst, wenn du die Tür aufmachst, Simon«, rief ich. »Ich weiß, dass du da bist.«

Die Haustür öffnete sich, Diggery schaute heraus. »Was willst du? Du störst meinen Frieden.«

Diggery war lang wie eine Bohnenstange, hatte struppiges graues Haar und wettergegerbte Haut. Er trug ein ärmelloses T-Shirt und Baggypants, an der Unterlippe klebte eine Zigarette.

»Du musst mit mir zum Gericht, einen neuen Prozesstermin vereinbaren«, sagte ich.

»Ist gerade kein guter Zeitpunkt«, antwortete Diggery. »Ich stecke mitten in einer Sache.«

»Du kannst weitermachen, wenn ich dich zurückgebracht habe. Es dauert nicht lange. Das Gericht tagt heute.«

»Erzähl mir keine Märchen«, sagte Diggery. »Die buchten mich ein und lassen mich schmoren, solange sie lustig sind.«

»Ja, aber wenn du über Mittag bleibst, kriegst du einen Burger von McDonald’s«, sagte Lula. »Mit Pommes und allem.«

»Das letzte Mal haben sie die Pommes vergessen«, sagte Diggery. »Die können nur billig, deswegen.«

Diggery stand in der geöffneten Tür. Ich beobachtete eine Bewegung zu seinen Füßen, und plötzlich schlängelte sich die Boa aus dem Haus, die wackligen Stufen hinab. Das Tier war ungefähr drei Meter lang und wog gut dreißig Kilo.

»Ach du Scheiße, ach du Scheiße, was für eine mega Scheiße, weg hier, nichts wie weg hier«, kreischte Lula. »Die Schlange verschlingt uns gleich!«

So schnell würde es schon nicht passieren, die Schlange bewegte sich mit geschätztem einen Stundenkilometer fort. Trotzdem wollte ich ihr nicht allzu nahe kommen.

Diggery blickte zu Boden. »Ethel! Was soll das, verdammte Hacke? Du hast hier nichts zu suchen. Du weißt, dass du nicht aus dem Haus darfst.«

Ethel schenkte ihm keine Beachtung. Sie schlängelte zielstrebig das Wäldchen hinter dem Mobilheim an.

»Du musst mir helfen, Ethel einzufangen«, sagte Diggery und lief der Boa nach. »Wenn sie erst mal im Wald ist, kriegt man sie unmöglich wieder gefangen. Sie klettert auf einen Baum und bleibt oben, bis sie Hunger hat. Man darf sie auf keinen Fall zu lange hungern lassen. Normalerweise ist sie ein liebes Mädchen, aber wenn der Hunger zu groß ist, frisst sie, wer oder was ihr vors Maul kommt.«

»Hat sie jetzt auch Hunger?«

»Nö. Gestern hat sie ein dickes altes Murmeltier gefressen.«

»Wie schrecklich.«

»Na ja, nicht zu vergleichen mit einem zarten gekochten Virginia-Schinken, aber Ethel hat es geschmeckt. Ich hab es am Straßenrand gefunden, war schon aufgedunsen.«

Diggery packte Ethel am Schwanzende und zog sie zurück zum Trailer, aber er hatte keinen guten Halt.

»Geh nach vorne und scheuch sie zu mir«, sagte Diggery.

Von wegen nach vorne gehen. Für’n Arsch. »Stell du dich doch vor sie, bei dir rollt sie sich vielleicht zusammen«, sagte ich.

Diggery trabte um Ethel herum und stellte sich vor sie. »Na komm, Ethel, ab in die Küche mit dir. Ich hab auch was Süßes für dich.«

Ethel stutzte und überlegte.

»Was hast du denn Süßes?«, fragte Lula.

»Ein Snickers.«

»Das ist ein guter Schokoriegel«, sagte Lula. »Gegen Snickers hätte ich nichts einzuwenden. Im Auto liegt noch ein Hähnchennugget von Cluck-in-the-Bucket. Tauschen wir Hähnchen gegen Snickers?«

»Ethel würde bestimmt lieber das Hähnchen fressen«, sagte Diggery. »Also abgemacht.«

»Aber nur, wenn du danach mit mir zum Gericht fährst«, sagte ich.

»Versprochen«, sagte Diggery.

Lula holte das Hähnchennugget aus dem Auto und gab es Diggery, der Ethel damit zurück ins Haus lockte und die Tür hinter sich zuknallte. Fünf Minuten vergingen, kein Diggery.

»He!«, rief ich. »Simon!«

Die Tür ging auf, und Diggery steckte den Kopf durch den Spalt. »Was ist?«

»Los jetzt!«

»Wohin?«

»Das weißt du genau«, sagte ich. »Wir haben eine Abmachung. Du hast es mir versprochen.«

»Ich halte nie, was ich verspreche.« Wieder knallte er die Tür zu.

»Der macht mich rasend«, sagte Lula. »Nimmt sich einfach mein Hähnchennugget und will mir nicht den Schokoriegel geben.«

Ich seufzte. Es würde nicht leicht werden. Ich musste die Bude stürmen, Diggery an den Haaren rausziehen und auch noch aufpassen, dass ich Ethel nicht vors Maul kam.

»Ich will meinen Schokoriegel!«, brüllte Lula. »Wehe, du isst meinen Schokoriegel!«

Nichts. Keine Reaktion.

»Jetzt reicht’s«, sagte Lula. »Das lass ich mir nicht bieten. Ich hatte mich so auf was Süßes gefreut. Ich bin total stinkig. Wenn ich eins auf den Tod nicht leiden kann, dann Männer, die mir Süßes versprechen und nicht liefern.«

Lula stapfte los, die wackligen Stufen hinauf und hämmerte gegen die Tür. »Aufmachen!«, sagte sie. »Mach auf und gib mir mein Snickers, sonst passiert was.«

»Bla bla bla«, ließ sich Diggery hinter der Tür vernehmen. »Du bist nur ein schlechter Verlierer, weil ich dich ausgetrickst habe!«

»Ausgetrickst? Pass auf, wer hier gleich wen austrickst.« Lula hievte ihre Glock aus der Handtasche und setzte sieben Schuss auf die Tür ab.

Ein ganzes Knäuel von Schlangen glitschte unter dem Trailer hervor und tauchte im Wald unter. Ich schrie, sie solle aufhören mit der Ballerei. Diggery riss die Tür auf und starrte Lula wütend an.

»Bist du wahnsinnig?«, fragte er. »Einfach so auf das Haus eines friedliebenden Bürgers zu schießen. Wir sind hier in einem anständigen Wohnviertel. Guck dir an, was du mit meiner Tür gemacht hast. Wer soll mir das reparieren?«

»Wo ist mein Schokoriegel?«, fragte Lula.

»Ich hab keinen Schokoriegel«, sagte Diggery. »Das war gelogen.«

Lula beugte sich vor. »Du riechst nach Snickers aus dem Mund, und dein Bart ist mit Schokolade beschmiert. Du hast meinen Schokoriegel gegessen, gib es zu!«

»Ich war gestresst«, verteidigte sich Diggery. »Ich brauchte was Süßes. Mein Blutzucker fiel rasend schnell ab. Ein Notfall.«

»Ich verschwende nur meine Zeit mit dir«, sagte Lula. »Ich habe was Besseres vor. Und gerade habe ich den totalen Jieper auf Snickers.«

Lula packte Diggery am Hemdkragen, zerrte ihn aus dem Trailer und trat die Tür zu. Sie schleifte ihn die Stufen hinunter, verlor das Gleichgewicht und stürzte. Die beiden wälzten sich auf dem Boden, bis Lula die Oberhand gewann und sich auf Diggery hockte.

»Ich kriege keine Luft«, sagte Diggery. »Du musst ja eine Tonne wiegen. Gut, dass ich den Schokoriegel gegessen habe. Schokoriegel machen dich nur noch dicker.«

Ich legte ihm Plastikhandschellen an, und Lula stieg von ihm herab. Wir stellten ihn auf die Beine und brachten ihn zu meinem Wagen.

4

Gegen Mittag verließen wir die Wache. Diggery wartete in Polizeigewahrsam darauf, dass Vinnie ihn gegen Kaution freikaufte, und ich hielt die Empfangsbestätigung in Händen, die besagte, dass ich Diggery aufgegriffen und den Behörden übergeben hatte.

»Warum machen wir uns eigentlich die ganze Mühe«, sagte ich zu Lula. »Wir verschwenden nur Zeit und Energie. Vinnie hinterlegt eine Kaution, Diggery kommt frei, taucht unter, wir spüren ihn auf, übergeben ihn der Polizei, und das Theater beginnt von vorne. Gar keine richtige Arbeit. Stört dich das nicht?«

»Nö«, sagte Lula. »Ich mache es wegen des Gelds.«

»Die Bezahlung ist beschissen. Guck dir nur mein Auto an.«

»Ja. Anscheinend kannst du nicht mit Geld umgehen, schließlich hab ich das geilste Auto überhaupt.«

»Du verdienst weniger als ich. Einen minimalen Prozentsatz von meinen Prozenten.«

»Stimmt, aber außerdem mache ich hier noch ein bisschen was und da noch ein bisschen.«

Ich sah sie misstrauisch an. »Hier ein bisschen, da ein bisschen? Was meinst du damit?«

»Meine unternehmerische Seite. Zum Beispiel gebe ich Prostituierten Unterricht. Ich helfe Mädchen, die Profis werden wollen. Ich bringe ihnen Techniken bei. Ich war eine der wenigen Nutten, die Kunden in Zeitnot eine Handbefriedigung in dreißig Sekunden verschaffen konnte. Das hab ich den Indianern und ihrem erotischen Ohrlecken abgeguckt. Ich gebe auch modische Ratschläge und bin ihnen bei der Suche nach der richtigen Straßenecke behilflich. Ich sage immer, auf die Location kommt es an, die Location ist das A und O. Ein anderes Geschäftsmodell sind meine Dekotalente. Du würdest staunen, wie viele Leute etwas dekoriert haben wollen, aber nicht die Zeit dafür haben. Ich hab sogar eine eigene Visitenkarte, nur dafür.«

»Ich hatte ja keine Ahnung, was du so alles machst.«