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Immer wieder ist über die DDR-Wirtschaft zu lesen, ohne den "Wendeherbst" von 1989 wäre unweigerlich ihr baldiger Kollaps eingetreten. Nur wenige stellen diese seit mehr als 20 Jahren kolportierte These infrage. Diese Anthologie rückt die wirklichen Verhältnisse in den Fokus. Wirtschaftstheoretiker wie Christa Luft und Klaus Blessing und Wirtschaftspraktiker - dazu gehören die in diesem Buch versammelten Kombinatsdirektoren, in deren Verantwortungen ehedem zehntausende Beschäftigte arbeiteten - berichten aus ihren Erfahrungen und zeigen die Realität in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Sie melden nicht nur begründete Zweifel an der grassierenden Kollaps-These an, sondern schildern auch mit viel Sachverstand, was auch heute noch aus diesem reichen Erfahrungsschatz zu lernen ist.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2014
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SONDERAUSGABE
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Die Kombinatsdirektoren
Was heute aus der DDR-Wirtschaft zulernen ist
Herausgegeben von Rohnstock Biografien
Die in diesem Buch versammelten Texte sind zusammengetragen aus mündlichen Beiträgen der Protagonisten auf der Tagung »Krise und Utopie. Was heute aus der DDR-Planwirtschaft für ein zukünftiges Wirtschaften gelernt werden kann«. Veranstaltet wurde die Tagung vom Verein zur Förderung lebensgeschichtlichern erinnerns und biografischen Erzählens – unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Firma Rohnstock Biografien. Die Beiträge von Christa Luft und Jörg Roesler wurden für dieses Buch geschrieben. Die mündlichen Texte aufgeschrieben, alle Materialien zusammengestellt und bearbeitet hat Bettina Kurzek.
www.rohnstock-biografien.de
eISBN 978-386789-816-4
1. Auflage dieser Sonderausgabe
Alexanderstraße 1
10178 Berlin
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© 2013 by BEBUG mbH/Edition Berolina, BerlinUmschlaggestaltung: Jana Krumbholz, ACDMFotos: Sebastian Bertram, Rohnstock Biografien
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Vorwort
DDR-Wirtschaft – Marode und bankrott? Ihre Kapitäne Versager?
Prolog
»Wer will was aus unserer jüngsten Geschichte lernen?«
Der Plan und das Kombinat – Potenziale und Grenzen
Kombinate – Moderne Wirtschaftseinheiten oder formale Gebilde?
Der Versuch war nicht umsonst
Das eigentliche Wirtschaftswunder
Vom Konkurs in die Gewinnzone
Waren die Leiter der volkseigenen Betriebe wirkliche Unternehmer?
Forschung und Planwirtschaft – Zwischen Innovation und Improvisation
Innovation und Improvisation in der DDR-Industrie
Kreatives Potenzial in der Forschung nicht ausgeschöpft
Handel – Zwischen Wettbewerb und Kooperation
Außenwirtschaftliche Aufgaben und Zwänge – Der mustergültige Vorgang »DDR – VW AG«
Energiewirtschaft unter dem Vorzeichen der Abhängigkeit
Der Handel mit der SU – Nicht nur ein außenwirtschaftliches Thema
Von der Wiege bis zur Bahre – Das Kombinat als soziale Einheit
»Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen – die Schwarze Pumpe wird nie untergehen!«
Kollektiv und Kommune – Verantwortung über das Kombinat hinaus
Epilog
»Was wir von den ›Verlierern‹ lernen können!«
Nachwort
Anhang
DDR-Kombinatsdirektoren – Eine Bestandsaufnahme
Kompendium – Ausgewählte Institutionen und Kombinate im Überblick
Die Urteile über die Wirtschaft der verblichenen DDR gehen nach wie vor weit auseinander. Die einen haben noch die zu Zeiten Walter Ulbrichts aus Prestigegründen in Umlauf gesetzte These im Ohr, die DDR belege, gemessen am absoluten Produktionsumfang, Rang 10 unter den Industriestaaten der Welt. Tatsächlich war die in Mengeneinheiten erfasste Produktion im internationalen Vergleich beachtlich. Nur war damit nichts über den Arbeitsaufwand, mithin über Produktivität und Konkurrenzfähigkeit gesagt.
Für andere glich der zweite deutsche Staat mit seiner volkseigenen Wirtschaft einem Schrotthaufen und Bankrotteur. Diese Schmähthese soll dazu dienen, die überstürzte D-Mark-Übertragung auf die DDR wie auch das zerstörerische Treiben der Treuhandanstalt (THA) als alternativlos zu rechtfertigen und die ostdeutsche Bevölkerung demütig zu machen. Die über zweihundertfünfzig Milliarden D-Mark von der Privatisierungsbehörde hinterlassenen Schulden müssen bis heute als Indiz für eine geerbte »verrottete« Substanz herhalten.
Beide Sichtweisen werden vor der Geschichte keinen Bestand haben. Sie widerspiegeln die Realität verzerrt. Faktum ist, dass die DDR ein hochindustrialisiertes Land mit moderner Landwirtschaft und weltweiten Außenhandelsbeziehungen war. Viele Erzeugnisse »made in GDR« waren in weiten Teilen der Welt bekannt und begehrt. Sie zeugten von der hohen Qualifikation der Facharbeiter und Ingenieure. Die größten Ex- und Importpartner waren die Sowjetunion und die Bundesrepublik Deutschland. Bis zum Ende ihrer Existenz belegte die DDR unter den Mitgliedsländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in der Wirtschaftsleistung pro Kopf den ersten Rang. In Wissenschaft und Technik nahm sie einen Spitzenplatz ein. Das traf auch auf den Lebensstandard der Bevölkerung zu. Mit vielen entwickelten westlichen Ländern konnte sie sich ebenfalls messen.
Im stets naheliegenden Vergleich mit der angrenzenden Bundesrepublik erwies sich die Produktivität der DDR-Wirtschaft als Achillesferse. Bereits in den ersten fünfzehn Nachkriegsjahren war gegenüber dem vom Marshall-Plan begünstigten Nachbarn ein Rückstand eingetreten, der bis zuletzt nicht aufgeholt werden konnte. Neben systemeigenen Ursachen waren dafür äußere Erschwernisse maßgebend, so die umfangreichen Reparationsleistungen an die UdSSR in Form von Demontagen und Entnahmen aus der laufenden Produktion, die Embargomaßnahmen kapitalistischer Länder, der Verbund mit wirtschaftlich sowie technologisch zumeist weniger entwickelten sozialistischen Ländern und ebenso die offene Grenze zum Westen und die damit einhergehende Abwanderung gut ausgebildeter Männer und Frauen.
Ende der 1980er Jahre hatte sich die ökonomische Lage der DDR zugespitzt. Erich Honeckers Kurs der »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«, eine an sich wünschenswerte und auf die beschleunigte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen gerichtete Linie, war durch die reale Leistungsfähigkeit der Wirtschaft nicht gedeckt. Das ökonomische Wachstum schwächte sich gemessen an vorangegangenen Zeiträumen ab, die Akkumulation ging stark zurück. Die knappen Investitionsmittel wurden auf ausgewählte Zweige (Mikroelektronik, Veredelungschemie, Erdöl- und Erdgaschemie) konzentriert. Das ging zu Lasten vor allem der verarbeitenden Industrie. Es kam zwar auch dort noch in den 1980er Jahren zum Import hochmoderner Anlagen und Ausrüstungen aus westlichen Ländern, aber die Alterung des Kapitalstocks konnte damit nicht nachhaltig gebremst werden. In Infrastruktur und Umweltschutz stauten sich die Rückstände. Die Versorgung der Bevölkerung mit Waren des gehobenen Bedarfs stockte. Der Kaufkraftüberhang stieg. Die Auslandsverschuldung in konvertierbarer Währung schwoll an und war drückend. Immer größere Anteile des Inlandsprodukts mussten für die Devisenerwirtschaftung aufgewendet werden, nur um den Schuldendienst zu leisten. Längst stand eine grundlegende Reformierung der Wirtschaft an.
Aber war die DDR pleite? Nein! Bankrott ist ein Staat, wenn er seinen fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann und international als nicht mehr kreditwürdig gilt. Beides traf Ende 1989 nicht zu. Das sah auch der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl so. Der oberste westdeutsche Banker reduzierte den Zustand der DDR nie auf den Begriff »pleite«. Ob der Insolvenzfall bei unveränderter Politik in zwei, drei oder vier Jahren eingetreten wäre, ist Spekulation. Woher aber stammt die von Politikern der BRD ab Anfang Februar 1990 verbreitete Alarmmeldung, die DDR sei illiquid?
Welche Ironie! Als »Kronzeugen« gelten bis heute der langjährige Vorsitzende der Staatlichen Plankommission (SPK), Gerhard Schürer, und der Chef des Außenhandelsbereiches »Kommerzielle Koordinierung« (KoKo), Alexander Schalck-Golodkowski. Die beiden sowie weitere hochrangige Staatsfunktionäre verantworteten eine »Geheime Verschlusssache« zur »Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen«. In Auftrag gegeben hatte diese am 24. Oktober 1989 Egon Krenz, der nach Erich Honeckers Sturz frisch das Amt des SED-Generalsekretärs angetreten hatte. Die Autoren gingen von einer unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit ihres Staates aus. Für Ende 1989 erwarteten sie Bruttoschulden in konvertierbarer Währung in Höhe von 49 Milliarden Valutamark respektive D-Mark.
Daran hätte die Volkswirtschaft tatsächlich ersticken können, weniger wegen der nominalen Höhe der Verbindlichkeiten, sondern weil die Mittel für den Schuldendienst mit immer höherem Inlandsaufwand in Fremdwährung erwirtschaftet werden mussten. In den 1980er Jahren »kostete« eine beim Export erlöste D-Mark im Schnitt 4,40 Mark der DDR. Das schmälerte zunehmend die inländische Verwendung des erzeugten Produkts. Es zeigte sich indes bald, dass die Westverschuldung in der Analyse überhöht angegeben war. Doch die Panikziffer war in der Welt. Unter Schützenhilfe der Regierung Kohl wurde sie von den marktwirtschaftlichen »Machern« der alten Bundesrepublik sofort aufgegriffen und als Hebel für die Durchsetzung eigener Interessen genutzt. Bis heute werden genüsslich Verschuldungszahlen aus dem sogenannten »Schürer-Papier« kolportiert, obwohl diese mehrmals öffentlich korrigiert wurden. Schürer selbst hatte bereits Ende November 1989 die Volkskammer der DDR darüber informiert, dass die Westverschuldung der DDR brutto nicht 49 Milliarden D-Mark betrage, wie im Geheimpapier genannt, sondern 38 Milliarden D-Mark. Unter dem Druck der politischen Ereignisse hatte der Bereich »Kommerzielle Koordinierung« schließlich seine bis dahin streng geheim gehaltenen, außerhalb der offiziellen Zahlungsbilanz geführten Devisenreserven zu einem Teil offengelegt. Transparent waren sie zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht. Am 11. Mai 1990 gab der Finanzminister der Regierung de Maizière – der von mir sehr geschätzte Walter Romberg – vor dem Parlament bekannt, dass die Auslandsverschuldung gegenüber westlichen Ländern per 31. März 1990 in D-Mark umgerechnet 27,2 Milliarden betrug. Im Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom Juli 1990 wurden die zu diesem Termin erfassten Verpflichtungen in konvertierbaren Devisen mit 24,7 Milliarden D-Mark angegeben. Die Lage blieb angespannt, hatte sich aber entdramatisiert. Schließlich wies die Deutsche Bundesbank in einem Bericht vom August 1999 als Netto-Schuldenstand der DDR in konvertierbaren Devisen am 30. Juni 1990, das heißt einen Tag vor Beginn der Währungsunion, 19,8 Milliarden D-Mark aus. Zum Vergleich: Die deutsche Hauptstadt Berlin allein steckt heute mit 63 Milliarden Euro in den »roten Zahlen«!
Ich habe während meiner Zeit als PDS-Abgeordnete im Deutschen Bundestag in jeder Rede, in der es passte, auf den berichtigten Schuldenausweis hingewiesen. Nicht, um die DDR-Lage im Nachhinein zu beschönigen, sondern im Interesse der historischen Wahrheit. Interessiert hat es die Damen und Herren der übrigen Fraktionen nicht. Es bestätigte sich, was auch bei anderen Themen zu beobachten ist: Die erste, zumal in das gewünschte Bild passende Meldung setzt sich fest und ist kaum wieder zu löschen.
Was in der DDR-Wirtschaft anstand, war, Modernisierungsund Wachstumsblockaden zu lösen, den Kombinaten und Betrieben mehr Eigenverantwortung zu übertragen, zukunftsfähige Branchen auszubauen und Absatzmärkte zu stabilisieren. Auf bundesdeutscher Seite fehlte aber die Bereitschaft, den ostdeutschen Betrieben Zeit und Mittel für notwendige Strukturanpassungen, für den weitestgehenden Erhalt traditioneller Kunden beziehungsweise die Neugewinnung von Märkten zu gewähren. Mitglieder der Mitte Februar 1990 gebildeten ost-west-gemischten Kommission zur Vorbereitung der Währungsunion berichteten, die DDR-Vertreter hätten immer am kürzeren Hebel gesessen, weil über allen Verhandlungen »erschreckende Zahlen« aus dem sogenannten »Schürer-Papier« schwebten. Das blieb dann auch so bei dem von Bonner Beamten vorbereiteten Treuhandgesetz der de-Maizière-Regierung. Es zielte – typisch neoliberal – auf rasche und flächendeckende Privatisierung der bis dahin volkseigenen Industrie der DDR und anderer Bereiche der gewerblichen Wirtschaft. Es ging nicht im Schumpeterschen Sinne um »schöpferische Zerstörung«, um etwas Neuem Raum zu geben. Die Destruktion diente dem Zweck, mögliche Konkurrenten auszuschalten und sich deren Märkte anzueignen.
Die Treuhand zerschlug entgegen westeuropäischem Trend nahezu alle Großunternehmen, statt eine gesunde Mischung verschiedener Betriebsgrößen anzustreben. In der Endzeit der DDR hatte es 145 Wirtschaftseinheiten mit jeweils mehr als 5.000 Beschäftigten gegeben. Am Ende der Treuhand-Ära waren ganze fünf übriggeblieben. Es entstand eine überwiegend kleinteilige Wirtschaft, was bis heute die ökonomische Entwicklung der neuen Bundesländer beeinträchtigt. Natürlich hätten nicht alle »Giganten« unter den Bedingungen eines offenen Marktes überleben können. Aber die Frage nach einem Betriebsgrößenmix – für Beschäftigung, Kooperationsnetze, Gründungs- und Ansiedlungsgeschehen ausschlaggebend – hat nie eine Rolle gespielt.
Forderungen und Vorschläge, die die Treuhand beim Abstoß des ostdeutschen produzierenden Gewerbes in die Fänge der westdeutschen und ausländischen Konkurrenz und damit seine Liquidierung respektive Marginalisierung hätten bremsen können, fanden kein Gehör. Warum hätten nicht traditionsreiche, zumeist eine ganze Region prägende, in weiten Teilen der Welt für ihre Produkte bekannte Großunternehmen (zum Beispiel Chemieanlagenbaukombinat Leipzig-Grimma (CLG), TAKRAF Leipzig, VEB Waggonbau Ammendorf) mehrjährig im Bundes- oder Landeseigentum fortgeführt werden können? Das hatte auch der bald aus dem Weg geräumte Vorgänger von Birgit Breuel im Treuhand-Präsidentenamt, Detlev Karsten Rohwedder, weitsichtig erwogen. Die jeweiligen Landesregierungen wären stärker in der Pflicht gewesen, Investitionsmittel zu mobilisieren, Absatzmärkte im In- und Ausland neu oder zurückzugewinnen und damit den Beschäftigungsabsturz zu dämpfen. Ein diese These belegendes Beispiel ist die Jenoptik GmbH. Hervorgegangen aus dem Kombinat VEB Carl-Zeiss-Jena und 1996 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, befand sie sich seit 1991 zunächst einhundertprozentig im thüringischen Landeseigentum. Der Freistaat trennte sich erst 2007 von seinem letzten Aktienanteil. Anno 1998 an der Börse gelistet, hat die Jenoptik AG die marktwirtschaftliche Umstrukturierung und Neuorientierung nicht ohne Aderlass, insgesamt aber besser überstanden als die abrupt privatisierten, dabei ausgeschlachteten und häufig liquidierten vormaligen Großunternehmen.
In meiner Zeit als Parlamentarierin habe ich im Deutschen Bundestag und im Bundeswirtschafts- sowie Bundesfinanzministerium für ein »Bündnis für Aufträge« geworben. Dies war ein gemeinsam mit den Industrie-, Außenhandels- beziehungsweise Bankexperten Karl Döring, Kurt Falkenberg und Edgar Most sowie dem auf Rechtsfragen im Osteuropageschäft spezialisierten Anwalt Lothar de Maizière erarbeitetes Projekt zur Wiederbelebung industrieller Arbeitsplätze in den einstigen Hochburgen des Chemieanlagenbaus um Leipzig, Halle, Merseburg. Bekannt war der marode, umweltgefährdende Zustand russischer Erdöl- und Gasförderanlagen. Zum größten Teil aus der DDR bezogen, bedurften sie nach Jahrzehnten dringend einer Modernisierung. In Sachsen und Sachsen-Anhalt gab es noch Nachfolgefirmen früherer Lieferbetriebe und hochqualifiziertes Personal mit spezifischen Erfahrungen bei der Abwicklung von Russlandgeschäften. Russischen Unternehmen mangelte es an Devisen, um entsprechende Aufträge auszulösen. Sie hätten mit europa- und weltweit vermarktbarem Erdöl oder Gas bezahlen können. Es gab Firmen, die auf solche Transaktionen spezialisiert waren. Westdeutsche Konzerne nutzten umstandslos deren Know-how. Bis die »Bezahlware« verkauft ist und das Geld im Kasten klingt, hätten ostdeutsche Anlagenlieferanten in Vorleistung treten, also kreditieren müssen. Das wollten sie allerdings nur tun, wenn der Kredit – wie in anderen Fällen üblich – staatlich gegen eventuelle Zahlungsausfälle verbürgt würde. Dies lehnte die Bundesregierung mit Hinweis auf die Europäische Kommission ab. Die würde darin eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Nicht einmal zu einer Anfrage in Brüssel war die Bundesregierung zu bewegen. Vorwände wurden gesucht. Man wollte eingefahrene Gleise nicht verlassen und gab uns zu verstehen, wir hätten antiquierte Vorstellungen. Aber es ging wohl vor allem darum, auf keinen Fall einer ostdeutschen Initiative zum Erfolg zu verhelfen, auch wenn das zum Nachteil Tausender war, die in Beschäftigung hätten kommen können. Selbst Manfred Stolpe, als Ministerpräsident von Brandenburg von unserem Projekt noch angetan, hatte sich als späterer Bundesminister mit Ostzuständigkeit im Schröder-Kabinett »auf Linie« bringen lassen.
Am Beispiel der immer noch kursierenden Verschuldungszahlen und der Schrotthypothesen zeigt sich, dass die Annäherung an die historische Wahrheit ein langwieriger Prozess ist. Manches bisher über das Ende der DDR, den Zustand und die Zerschlagung ihrer Wirtschaft zumeist von Außenstehenden Geschriebene ist zu ergänzen oder geradezurücken, manches einseitige Urteil zu korrigieren. Alle eifernden Schreiber über den zweiten deutschen Staat und dessen Ökonomie sollten sich an ein Wort von Golda Meir halten. Die frühere israelische Ministerpräsidentin hatte gemahnt: »Moderne, also Zeitgeschichte, sollte mit dem Bleistift geschrieben werden.« Das betrifft auch das, was zu den dominierenden Wirtschaftseinheiten der DDR, den Kombinaten und dem Umgang mit ihnen beim Übergang in die Marktwirtschaft bislang zu Papier gebracht worden ist. Aber zur Annäherung an die historische Wahrheit gehört auch die Recherche, was aus den Kapitänen der »industriellen Dickschiffe«, wie man in Treuhandkreisen zu sagen pflegte, geworden ist, wie sie ihre damalige Arbeit beurteilen und die inneren und äußeren Bedingungen, unter denen sie zustande kam. Wo sehen sie die Erfolge der von ihnen geleiteten Einheiten und ihre persönliche Leistung bei der Navigation ihrer »Dickschiffe« in mitunter tosendem Gewässer? Welche Gestaltungsspielräume hatten und nutzten sie in der zentralistisch geleiteten Wirtschaft? Sehen sie im Rückblick Versäumnisse, auch Fehler? Wie haben sie den kaltschnäuzigen Umgang der Treuhand mit dem langjährigen Führungspersonal persönlich erlebt und verarbeitet? Viele von ihnen hatten zumeist nach einem naturwissenschaftlichen oder Ingenieurstudium jahrzehntelange wirtschaftspraktische und wirtschaftsleitende Erfahrungen aufzuweisen, galten ihren Verhandlungs- und Kooperationspartnern im Westen wie im Osten als kompetent und verlässlich. Etliche von ihnen besaßen Patente oder hatten an der Wiege bahnbrechender Innovationen gestanden. Da gibt es einen Fundus an Erfahrungen, der bisher öffentlich weitgehend unbeachtet geblieben ist.
Es ist das Verdienst des Unternehmens Rohnstock Biografien und »seines« Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens, sich dieser bisherigen »Leerstelle« in einer Tagung im September 2012 zugewandt und nun ein erstes Ergebnis vorgelegt zu haben. Die Zusammenkunft verdeutlichte, dass es mehr Raum und Zeit erfordert, das Erfahrungswissen der »roten Wirtschaftsmanager« zu bergen. Deshalb veranstalten die Initiatoren seither monatliche Erzählsalons, in denen jeweils ein Generaldirektor auf sein Berufsleben und die Entwicklung seines Kombinats zurückblickt.
Was waren das für Männer und wenige Frauen, die sich langjährig Sporen an der Spitze großer, vom Umfang westlichen Konzernen vergleichbarer Wirtschaftseinheiten verdient haben? Mehrheitlich kamen sie aus sogenannten bildungsfernen Schichten, aus kleinen Verhältnissen, wie es im Sprachgebrauch von Soziologen heißt. Sie sind der lebendige Beweis für das in der DDR gebrochene Bildungsprivileg. Bildungsaufsteiger denken »sozialer«, kennen besser die Lebensrealität der »normalen Leute« als in gut bürgerlichen oder gar großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Elitenangehörige. So lautet der Extrakt aktueller soziologischer Untersuchungen. Das Sozialverhalten der ostdeutschen »Wirtschaftskapitäne« stützt diese These. Ein monolithischer Block waren sie dennoch nicht. Es sind auch Fälle von Patriarchengehabe im Leitungskollegium und Raubeinigkeit gegenüber Mitarbeitern bekannt. Doch übergreifend war, dass die Chefs Belegschaftsinteressen im Auge hatten, sich um soziale und kulturelle Belange kümmerten und einen kooperativen Arbeitsstil pflegten. Das brachte ihnen nach der Wende in altbundesdeutschen Amtsstuben nicht selten den Vorwurf ein, sie hätten eher Betriebsrats- statt Managerqualitäten, wären »Parteibuchkarrieristen«. Die solches Urteil fällen, hängen an den Lippen des konservativen US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman. Dessen Lehrmeinung hat in der westlichen Welt Generationen von Wirtschaftseliten geprägt. Anfang der 1960er Jahre warnte er: »Es gibt nur wenige Tendenzen, die das Grundgefüge unserer freien Gesellschaftsordnung so nachhaltig unterminieren könnten, wie das Bestreben von Führungskräften der Großbetriebe, andere soziale Verantwortung zu übernehmen, als lediglich die Aufgabe, für ihre Aktionäre so viel Geld wie möglich zu verdienen.« Diese Diktion wurde zum Maßstab für Wirtschaftskompetenz, die man folglich den ostdeutschen Kombinatsleitern absprach. Solches Urteil kann sie nicht kränken, ihre Lebensleistung nicht herabwürdigen. Sie waren Akteure in einer Gesellschaft, in der der Mensch nicht auf eine Humanressource reduziert war, die sich rechnen muss. Sie wirkten in einem System, in dem die Wirtschaft zuvorderst eine soziale Funktion und nicht die Aufgabe privater Profitmaximierung hatte. Übergeordnete gesamtgesellschaftliche Erfordernisse und einzelwirtschaftliche Rationalität waren in Einklang zu bringen. Das war eine große Herausforderung und gelang nicht immer. Wenn Kombinate, was zutrifft, nicht selten auch Dinge produzierten und exportierten, die sich betriebswirtschaftlich nicht rechneten, dann geschah das auf der Grundlage »weiter oben« gefällter, im Staatsplan verankerter politischer Entscheidungen. Wenn die Generäle in ihren Unternehmen erarbeitete Gewinne kaum nach eigenem Ermessen einsetzen konnten, dann lag das nicht daran, dass sie fachlich überfordert gewesen wären. Die Ursache lag im längst reformbedürftigen Wirtschaftsmechanismus der DDR. Natürlich mochte der Langmut der meisten Kombinatschefs angesichts zunehmender zentralistischer Eingriffe in ihren Verantwortungsbereich erstaunen. Sachkundige Vorschläge für dringend gebotene Veränderungen hatten sie genug in petto. Offenbar fehlte ihnen, wie vielen Zeitgenossen in anderen Gesellschaftsbereichen der DDR – auch vielen von uns in der Wirtschaftswissenschaft –, zu lange die Courage, die Faust nicht nur in der Tasche zu ballen. Das zeigte sich zum Beispiel bei den turnusmäßigen apodiktischen Vergatterungen der »Generäle« zu Planüberbietungen durch den obersten DDR-»Wirtschaftslenker«, Günter Mittag. In der Regel geschah das im Umfeld der Leipziger Messen. Nicht selten stockten die Versammelten ihre kurz vorher von der Zentrale bestätigten Pläne mit »Selbstverpflichtungen« auf. Die Bevölkerung quittierte dieses Ritual bestenfalls mit einem Kopfschütteln, zunehmend aber mit Unbehagen. Anders war es auf der Generaldirektorentagung, die die Modrow-Regierung Mitte Dezember 1989 in Berlin einberufen hatte. Da hielt niemand der Geladenen mehr still. Kluge Vorschläge für substanzielle Veränderungen im Planungs- und Bilanzierungssystem wurden unterbreitet, alles konnte ihnen nicht rasch genug gehen. Viel Zeit aber blieb nicht für Korrekturen. Am 18. März 1990 wurde die erste Nach-Wende-Regierung abgewählt. Fortan wurden die Weichen für die Übernahme des altbundesdeutschen Wirtschaftssystems gestellt. Das Schicksal der allermeisten Generaldirektoren war alsbald besiegelt. Etliche von ihnen waren nach ihrer Entlassung – besser: ihrem Rauswurf durch die Treuhand – als Berater großer bundesdeutscher oder ausländischer Konzerne gefragt, andere gründeten erfolgreich eigene Unternehmen.
Erlebnisse und Erfahrungen dieser an der Wirtschaftsfront eines nicht auf Maximalprofit orientierten Gesellschaftssystems tätig gewesenen Berufsgruppe sind es wert, endlich gesammelt und verdichtet zu werden. Die sachliche Rückschau wird es erlauben, prüfend-selbstkritisch Erreichtes ebenso zu benennen wie nicht Gelungenes. Im Hegelschen Sinne gilt es vor allem, tragfähige Ansätze und Geleistetes vor dem Vergessen oder der Herabsetzung zu bewahren und sich mit einseitigen Urteilen, wie sie vielfach Außenstehende abgeben, auseinanderzusetzen. Diesem Pilotprojekt widmet sich das vorliegende Buch, dem eine interessierte Leserschaft in Ost und West zu wünschen ist.
»Krise und Utopie. Was heute aus der DDR-Planwirtschaft für ein zukünftiges Wirtschaften gelernt werden kann« – so lautete die Überschrift der Tagung, die am 21. September 2012 auf Initiative des Berliner Unternehmens Rohnstock Biografien und des Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens – unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung – stattfand.
Der Überschrift nach kamen wir zusammen, um herauszufinden, was von den Arbeits- und Lebenserfahrungen führender Wirtschaftslenker der DDR für künftiges Handeln bewahrenswert sein könnte. Die wohl einmalig zusammengesetzte Tagungsrunde kompetenter Zeitzeugen – zwölf ehemalige Generaldirektoren von Industriekombinaten sowie DDR-Wirtschaftsfunktionäre wirkten mit – befragten wir in vier thematischen Komplexen und einem Epilog. Was der Gedankenaustausch an Anregungen auch erbracht haben mag und wie wir diese Erfahrungen auch bewerten mögen – der erste und wohl wichtigste Schritt besteht darin, sie festzuhalten, zu dokumentieren, zu bewahren.
Im Anhang ist dazu eine ernüchternde »Bestandsaufnahme« von Isolde Dietrich wiedergegeben: »Alle schreiben Autobiografien – nur die einstige Elite der ostdeutschen Industrie nicht.« Das Symposium war der Auftakt für ein Projekt, das dies ändern soll und zugleich zwei Lücken zu schließen versucht: Zum einen fehlen in der inzwischen reichen (auto-) biografischen Literatur der Ostdeutschen die wirtschaftlichen Führungskräfte so gut wie ganz. Und zum anderen hat die reiche biografische Literatur deutscher Wirtschaftsführer eine Leerstelle: Es fehlen ihr die Ostdeutschen. Das kann nicht angehen und sollte ausgeglichen werden. Noch ist es dazu nicht zu spät.
Von den Initiatoren der Sitzung wurde ich gebeten, für das Treffen eine Art Prolog vorzutragen – und dies als Kulturwissenschaftler, also als ein in vieler Hinsicht Fachfremder. Um mich ein wenig zu legitimieren und mein Interesse an der Sache zu begründen, möchte ich zuerst kurz erzählen, dass mich die Lebensgeschichte einer wirtschaftspolitischen Führungskraft seit meiner Kindheit außerordentlich bewegte und ihre Biografie den eigenen Lebenslauf mitbestimmt hat. Bis heute mache ich mir den Vorwurf, sie nicht beizeiten festgehalten zu haben.
Ich spreche von meinem Vater, der (wie meine Mutter) im östlichen Zentrum von Berlin in sehr »einfachen Verhältnissen« 1909 geboren wurde und neben dem heutigen Karl-Liebknecht-Haus aufgewachsen ist. Er war ein guter Schüler, kam in die Förderklasse, erhielt eine Freistelle an der Realschule, absolvierte fünf Semester Gauss-Schule und wurde Ingenieur für das Fachgebiet Kalkulation. Außderdem war er ein sehr linker Sozi: Sozialistische Arbeiterjugend, Freidenker, Naturfreunde. 1945 wurde er Ortssekretär der SPD mit Büro im Antifa-Heim. Vater und Mutter stimmten 1946 – beide SPD-Delegierte auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD – aus tiefer Überzeugung mit »Ja«. Sie zogen die Lehren aus ihrer wie aus deutscher Politikgeschichte. Für sie war es selbstverständlich, dass alles das, was mühsam wieder aufgebaut wurde, nicht denen gehören sollte, deren wirtschaftliches und politisches Handeln Deutschland ruiniert hatte. Es sollte künftig den arbeitenden Menschen gehören, Volkseigentum sein. Vater wurde Kursant Nr. 46 der SED-Parteihochschule, war dann 1948 in der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) für die Kontrolle der landeseigenen Betriebe zuständig und hatte ab Herbst 1949 im neuen Ministerium für Planung eine Hauptabteilung zu leiten, zu der die Bereiche Arbeitskräfte, Löhne, Soziales, Berufsausbildung, Gesundheitswesen und Kultur gehörten.
Ein gutes Jahr später bescheinigten ihm Heinrich Rau und Bruno Leuschner in einer überschwänglichen Beurteilung, was er dort alles aufgebaut habe. Sie bedauerten es sehr, dass er auf eigenen Wunsch dies Amt aufgebe. In Wirklichkeit aber war »auf Parteiebene« die FDJ-Gruppe gegen ihn mobilisiert worden, die ihn für sein »Zweifeln an der Tatkraft der Jugend« anklagte und seine Entfernung forderte. So flog er in Wahrheit (wie andere auch) wegen seiner SPD-Herkunft aus dem Ministerium und weil er 1945 drei Monate in einem Gefangenenlazarett der britischen Zone gelegen hatte. Hinzu kam, dass sein Konzept vom »progressiven Leistungslohn« der neuen Losung »Normerhöhung steigert den Reallohn« widersprach. Überdies stand der deutsche Ingenieur mit Fachgebiet Kalkulation einigen nun zur Vorschrift gewordenen Praktiken der sowjetischen »Freunde« leicht skeptisch gegenüber.
Aus dem Ministerialdirigenten der Regierung wurde der Haupttechnologe und später der Produktionsleiter des Transformatorenwerks Oberschöneweide (TRO). Anschließlich war mein Vater als Produktionsplaner in den Elektro-Apparate-Werken »J. W. Stalin« tätig. Bis in die Fünfzigerjahre hatte er Offerten des Ostbüros der SPD ebenso abzuwehren wie Anschuldigungen der eigenen Parteiführung. Freunde der Familie gingen ganz in den Westen, Vater nur zu Agitationseinsätzen – für mich war das Familienleben zugleich aufregende Politik- und Wirtschaftsgeschichte mit vielen heißen Debatten. Selbstredend habe ich kaum verstanden, wie kompliziert und eigenartig der Wiederaufbau der ostdeutschen Industrie in sozialistischer Absicht damals war.
Die Biografie meines Vaters scheint mir eine für die erste Generation der »DDR-Wirtschaftskapitäne« typische Variante zu sein (die sozialdemokratische). Heute kann ich zwar abschätzen, von welcher Zukunftserwartung, welchen politischen Überzeugungen und Feindbildern sie sich leiten ließen, mit welchen fachlichen Voraussetzungen und mit welchem Lerneifer Vater und seine Genossen wie auch Kollegen darangingen, das neuartige Volkseigentum zu verwalten und zu mehren. Doch hätte ich gern mehr gewusst. Insbesondere wie es geschehen konnte, dass sachorientierte deutsche Ingenieure und Ökonomen zu Sozialisten sowie Sachwaltern von Volkseigentum werden konnten.
Dieses Interesse gilt inzwischen auch der zweiten und dritten Generation der wirtschaftlichen Führungskräfte. Zwar kann ich in der Fachliteratur nachlesen, aus welchem sozialen Milieu solche Führungspersönlichkeiten kamen, welchen Bildungsweg sie gegangen sind.1 Aber ich erfahre nicht, welche Eigenschaften, Kenntnisse, Lebensvorstellungen, Grundsätze, moralischen Prinzipien jemand haben musste, der ein solches Imperium wie ein volkseigenes Industriekombinat zum Wohle aller – sowohl der vielen Mitarbeiter als auch des Gesellschaftsganzen – zu führen in der Lage war. Welche Interessenkonflikte haben sie geprägt und welche »Innenausstattung« hat sie zu welchen Entscheidungen geführt?
Was ich heute nicht mehr kann: Mir von meinem Vater erzählen lassen, wie er die konfliktreichen Jahrzehnte erlebt hat, was ihm Halt gab und ihm wichtig war und worin er die Summe seines Lebens sieht – ich habe da etwas versäumt. Dies auch, weil zu seinen Lebzeiten noch niemand von »Oral History« redete und autobiografische Verortungen auch mit dem damaligen Geschichtsbild der SED kaum zusammenpassten.
Zwar kann ich heute an seinen Anstreichungen in den Büchern von Friedrich Behrens, Friedrich Zahn, Friedrich Lenz noch irgendwie rekonstruieren, wie sich Friedrich Mühlberg einst gemüht hat, einen für die neuen Verhältnisse praktikablen Begriff von Arbeitsproduktivität zu gewinnen. Aber seine Autobiografie gibt es nicht, er starb vor vierzig Jahren als Frührentner – davor wäre noch etwas Zeit gewesen, ihm die Lebenserinnerungen nachdrücklich abzufordern. Er selbst, wie wohl die meisten seiner Genossen und Kollegen, hielt das nicht für wichtig, fühlte sich eher als Parteisoldat, der – ohne Aufhebens zu machen – einfach seine Pflicht tat. Sie alle haben wohl nicht recht realisiert, dass sie es waren, die Ostdeutschland aus dem Chaos von Zerstörung und der zu tilgenden Kriegsschuld führten, indem sie eine leistungsfähige Industriegesellschaft aufbauten.
Ich selbst habe aus dieser erlebten frühen DDR-Geschichte meine »Lehren« gezogen: Ich wollte kein Ingenieur, kein Ökonom und kein Politiker werden, sondern wissen, was hinter all dem steckt, nach welchen ehernen Bewegungsgesetzen die Gesellschaft funktioniert und schrieb mich folglich zum Philosophiestudium ein.
Auf den ersten Blick schien mir in den frühen Fünfzigerjahren in der DDR alles dafür zu sprechen, dass wir im Osten aus der deutschen Geschichte das Richtige gelernt haben. Wir haben den »Irrweg einer Nation« (Alexander Abusch) verlassen und die »Lehren deutscher Geschichte« (Albert Norden) beherzigt. Was ich aber bald aus der (Philosophie-)Geschichte lernen musste: Seit ihrem Anbeginn hat es eine Debatte darüber gegeben, ob aus der Geschichte überhaupt etwas gelernt werde oder gelernt werden könne. Inzwischen ist auch die DDR Geschichte geworden – aber können wir daraus lernen? Die Überschrift unserer Tagung setzte das voraus und fragte analog: Was denn alles aus der Geschichte und speziell aus der »DDR-Planwirtschaft« gelernt werden könnte?
