Jetztmensch 1 - Mike Barke - E-Book

Jetztmensch 1 E-Book

Mike Barke

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Beschreibung

Vor etwa 12.000 Jahren vollzog sich in Mittel-Europa der Übergang von der letzten Eiszeit zur jetzigen Zwischen-Warmzeit, dem Holozän (Jetzt-Zeit). Als Jäger und Sammler trotzte man mit einfachsten, steinzeitlichen Mitteln den harten Lebensbedingungen in der sich dramatisch verändernden Umwelt. Viele Arten starben in jener Zeit aus oder wanderten ab. Kultur-Pflanzen, Nutztiere und Metall waren noch völlig unbekannt, doch der Mensch besaß schon einen treuen Freund und Helfer: Den Hund. Der junge Jäger Hukan liebt Bebeh, soll als bester Nachwuchs-Jäger jedoch ein anderes Mädchen, welches den Idealen seines Stammes entspricht, traditionsgemäß zur Frau nehmen. Hukan verweigert sich. Als kurz darauf eine tödliche Infektions-Krankheit im Stamm ausbricht, erklärt der Schamane Hukan für schuldig daran, spricht die Verbannung über ihn aus, und lässt ihn nackt und unbewaffnet verstoßen, auf dass die Götter ihn töten mögen. Hukan flüchtet in die mystischen felsigen Berge, wo er um sein Überleben kämpft.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mike Barke

Jetztmensch I

Höhlenfrauen

Prähistorischer Abenteuer-Roman

© 2012 Mike Barke

2., überarbeitete Auflage

Umschlaggestaltung, Illustration: Mike Barke

Lektorat, Korrektorat: Raphael Barke

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8491-6518-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Vor etwa 12.000 Jahren befand sich Mitteleuropa in einem gewaltigen Umbruch. Nach mehr als 100.000-jähriger Kaltzeit-Periode („Weichsel-Eiszeit“), mit öfteren heftigen Klima-Schwankungen, schien das Klima sich endlich dauerhaft erwärmt zu haben.

Für Flora und Fauna bedeutete dies existenzielle Herausforderungen. Viele Tierarten wanderten ab, manche starben aus, Wälder bildeten sich, neue Arten wanderten ein.

Es begann die Jetztzeit, das Holozän, die Blütezeit des Homo sapiens, des modernen Menschen.

Die zigtausende Jahre als Jäger und Sammler hatten ein Wesen geformt, welches sich nun anschickte, den Planeten Erde zu beherrschen.

Seit jener Zeit haben Mensch und Natur sich nicht wesentlich verändert.

Noch immer war Steinzeit. Mit einfachsten Mitteln kämpften die wenigen Menschen jeden Tag auf´s Neue um ihr Überleben. Ständig bedroht von Raubtieren, unerklärlichen Krankheiten und unbarmherzigen Naturgewalten. In Götterglauben und Schamanismus suchte man Zuflucht.

Kulturpflanzen wie Getreide, Gemüse und Obst gab es noch nicht, Metall war noch unbekannt.

Doch der Mensch hatte bereits einen treuen Helfer: Den Hund.

1. Kapitel: Ausgestoßen!

Kühl und trocken war diese klare, aber mondlose Sommernacht. Ein grandioser Sternenhimmel breitete sich über der dunklen Weite der nacheiszeitlichen mitteleuropäischen Tiefebene aus. Selbst die schwachen Lichtscheine einzelner Galaxien konnte das Auge in diesem überwältigenden Lichter-Meer erkennen. Es ließ im Betrachter ein Gefühl von Ergriffenheit und Ohnmacht vor der unergründlichen Natur aufkommen.

Vollkommen unbedeutend und kaum wahrnehmbar brannten hier und da die Feuer der wenigen hundert Menschen, die in dieser Zeit das weite Land bevölkerten.

Keine Luftbewegung störte die fast schon überirdisch anmutende Ruhe. Das milde Plätschern der gleichmäßig strömenden Wasserläufe konnte diese Stimmung nur verstärken. Aber an einem Flussufer rannte verzweifelt ein nackter Mensch. Über die halbe Nacht rannte Hukan schon. Füße und Beine brannten von den vielen Schnitten, die er sich zugezogen hatte. Blut lief auf beide Füße hinab, machte die Fußsohlen klebrig. Erst lief er überhastet, Todesangst trieb ihn zu höchstem Tempo. Immer wieder blieb er keuchend stehen und sah sich hektisch um. Als er seine Energie langsam schwinden fühlte und sich sicher war, dass ihm nichts unmittelbar folgte, besann er sich. Er verringerte seine Geschwindigkeit, um nicht vorzeitig ganz zu entkräften. Er wollte sein Ziel, die felsigen Berge, auf jeden Fall noch in dieser Nacht erreichen. Nur dort konnte er der Wut seiner aufgebrachten Stammesgenossen und dem Zorn der unsichtbaren Mächte entkommen.

Das Licht der Sterne erhellte das sumpfige Gelände nur unzureichend, doch wendig und geschmeidig suchte der athletische junge Mann sich seinen Weg durch die wilde Natur. Dem Flüsschen folgend, musste er bald die Tal-Öffnung erreichen, die von Norden aus den Zugang zu den teils felsig-kahlen, aber größtenteils bewaldeten Höhen bildete.

Hastig zupfte Hukan die Haarsträhne von einem knorrigen Aststumpf, woran er in der Finsternis hängengeblieben war. Bisher hatten nur einzelne Erlen und Weiden das Ufer markiert, jetzt zeichnete sich im Süden schemenhaft dichter werdender Baumbestand ab. Deutlich spürbar ging es nun leicht bergan, von weit her roch es nach Fichten: Das Ende der Ebene hatte er also erreicht. Erleichtert trabte er weiter. Bald darauf türmten sich in der Dunkelheit bedrohlich wirkende Höhen links und rechts von ihm auf: Die Tal-Öffnung.

Hukan hielt kurz an, um sich zu orientieren. Ja, er erkannte die Stelle. Vor einigen Jahren war er einmal mit seinem Vater und ein paar weiteren Jägern seines Stammes auf der Jagd bis hierher vorgedrungen. Von halb rechts oben duftete es nach Beeren Sträuchern, zwischen ihnen würde er sich verstecken können. Noch einmal lief er kurz zum Ufer zurück, um seinen Durst zu stillen und sich das verräterische Blut von den Füßen zu waschen. Der Geruch von Blut, einmal von der feinen Nase eines Raubtiers wahrgenommen, machte es gierig und aggressiv.

Er war vollkommen unbewaffnet!

Der Flüchtende erklomm auf allen vieren einen Geröllhang, erreichte mit nachlassender Kraft den flacheren, dicht bewachsenen Bereich, um einen verborgenen Schlafplatz zu suchen. Beim Erwachen im Morgengrauen sollten ihn die Waldfrüchte stärken.

Heftiges Rascheln und Trappeln von vielen kleinen, fliehenden Hufen ließ Hukan kurz zusammenfahren, dann grinste er zufrieden: Er war nicht der Einzige, der hier nächtigen wollte; ein Rudel Rehe war soeben vor ihm geflüchtet. Dieses Klangbild war, wie viele andere auch, im Gehirn des Jägers gespeichert. Seine Ohren konnten solche Geräusche sehr präzise differenzieren.

Zwischen den Zweigen ertastete er einladend weiche Moospolster. Ein Feuersalamander beeilte sich, ihm Platz zu machen. Hukan hob sacht den trägen ungenießbaren Lurch beiseite, zwei Steine warf er hinter sich. Total erschöpft legte er sich auf die Seite und zog die schmerzenden Beine an den Körper. Mit flacher werdendem Atem spürte er erst jetzt die herankriechende Kälte, die ihn zusätzlich am Einschlafen hindern würde. Vor allem war er aber innerlich immer noch viel zu aufgewühlt.

Alles hatte sich an diesem verfluchten Tag gegen ihn verschworen. Die „Norsuns“ (Sonnen des Nordens), wie sein Stamm genannt wurde, weil fast alle von ihnen leuchtend gelbe Haare hatten, waren in großem Aufruhr. Eine schwere, bisher unbekannte Krankheit hatte in den letzten zwanzig Tagen bereits ein Viertel ihres Stammes getötet; Männer, Frauen und Kinder, gleich welchen Alters. Er, Hukan, war Schuld am Zorn der unsichtbaren Mächte, davon waren fast alle Blondschöpfe (wie sie sich selbst nannten) überzeugt. Als bester der jungen Jäger sollte er am Fest der Sommersonnenwende, zu dem sich alle, normalerweise getrennt voneinander umherstreifenden Sippen der Norsuns trafen, bei den weisen Steinen das schönste und perfekteste Mädchen zur Frau nehmen.

Er hatte es verweigert.

Nicht dass er Sunea nicht schön fand, dieses reizvolle, junge Weib. Mit ihrer strahlenden Erscheinung, den langen hellsten Haaren, entsprach sie einfach dem Schönheitsideal aller Männer und Frauen. Hellblonde Haare stellten das höchste, wertvollste Schönheitsideal dar. Es gab sie überhaupt erst seit einigen Generationen und fast nur bei den Norsuns. Sie waren der Stolz des Stammes. Begegnete ein Fremder zum ersten Mal einem Blondschopf, war er zutiefst beeindruckt, durch die überirdisch anmutende Erscheinung. Denn sonst hatten alle Menschen dunkle oder, ebenfalls selten, rote Haare.

Doch der 16-jährige Hukan war schon länger der ein Jahr jüngeren Bebeh zugetan, einem eher unscheinbaren, aber herzensguten Mädchen, dessen ruhige Stimme und weiche und warme Ausstrahlung den wilden Jäger fast hypnotisch in ihren Bann zog. Ja, Bebeh liebte ihn auch, für sie beide stand fest, dass sie zueinander gehörten.

Er hatte sich bereits einige Tage vor dem Fest voller Angst seinem Vater anvertraut. Hukan, der kühne beste junge Jäger der Norsuns hatte Angst gehabt! Seit seiner Kindheit hatte er dieses Gefühl nicht mehr verspürt. Dabei war es allerdings auch keine direkte Bedrohung, welche sie nun ausgelöst hatte. Er hatte gelernt, den Gefahren des Alltags mit Waffen, Geschicklichkeit, Mut und Verstand zu begegnen, den Eigenschaften, welche die wenigen Menschen seiner Zeit den Tieren überlegen machten.

Aber jeder von ihnen brauchte auch den Schutz und die Geborgenheit seiner Gemeinschaft. Erst dies ermöglichte ein Überleben als Jäger und Sammler auf Dauer. Wie alle anderen Stammesmitglieder, hatte er dies bereits in jungen Jahren begriffen. Wie leicht wurde man bei der Jagd von einem wehrhaften Wild verletzt! Größere Tiere mit Pfeil oder Speer schnell zu töten, war schwierig. Kein Tier ließ sich einfach und ergeben das Leben nehmen. Sie wehrten sich mit Horn- oder Geweih-Stößen, Huftritten und Bissen.

Ein einzelner, verletzter Mensch wurde schnell Opfer von Raubtieren oder konnte selbst nicht mehr jagen und musste verhungern.

Die Jagd und der Fischfang bildeten auch jetzt, nach der Eiszeit, noch immer ihre Lebensgrundlage.

Die wenigen genießbaren Pflanzenblätter wie zum Beispiel Löwenzahn und Rauke wuchsen nur in der grünen Jahreszeit. Dazu gab es noch ein paar Wurzel-Knollen verschiedener Gewächse. Das Sammeln von Beeren, Pilzen und Nüssen zur Nahrungsergänzung war auf Spätsommer und Herbst beschränkt.

Und dann existierten da noch die dunklen Mächte, welche Gewalt über das Wetter besaßen und Menschen und Tiere mit Katastrophen, Krankheiten, Schmerzen und frühem Tod bestrafen konnten. Sie übten Einfluss auf ihr Leben aus, dem man sich nicht entziehen konnte. Mit Ritualen und Gebräuchen und der Hilfe der Schamanen, welche die Fähigkeit besaßen, mit diesen unsichtbaren Mächten in Kontakt zu treten oder in Träumen deren Willen zu erfahren, versuchten sie, ein solches, eigentlich nicht zu verstehendes Unheil abzuwenden.

Hukan hatte Angst gehabt, sich gegenüber seinen Stammesgenossen, ihren Gesetzen und Bräuchen falsch zu verhalten, so den Zorn der unsichtbaren Mächte auf sich zu ziehen.

Aber seine Gefühle zu Bebeh! Diese stärksten aller Gefühle, die fast ständig in ihm wach waren! Hukan konnte sich nicht vorstellen, dass solch schöne und starke Gefühle einfach nichtig sein sollten, gegenüber einem Stammesbrauch.

Sein Vater war natürlich entsetzt gewesen, als er von ihm erfuhr, dass er sich nicht mit Sunea verheiraten lassen wollte. Der alte, erfahrene Mann hatte einfach schon zu viele Schicksalsschläge erlebt, wusste, wozu die unsichtbaren Mächte fähig waren. Er hatte Hukan unmissverständlich klar gemacht, dass er sich dem Brauch nicht verweigern dürfe.

Voller Beklemmung war der zurechtgewiesene Jungjäger am Festtag weggeschlichen. Ziellos war er umhergestreift, hatte aus Verlegenheit einen Adler erlegt und mit der beeindruckenden Beute erst am folgenden Tag das Lager wieder aufgesucht. Sein Ansehen als Jäger war einfach zu groß, als dass ihn irgend jemand wegen seiner Verweigerung zur Rede gestellt hätte. Das Fest hatte eben ohne ihn stattgefunden, der zweitbeste Nachwuchsjäger, der 15-jährige Tokan, seine Rolle angenommen. Eigentlich bedeutete aber auch dies einen Verstoß gegen die Regeln, denn Jungen sollten mindestens 16, Mädchen mindestens 14 Winter überlebt haben.

Schließlich musste es aber an diesem bedeutenden Tag der Sonnenwende, dem längsten, lichtreichsten Tag des Jahres, zelebriert werden. Vor allem auch, weil Sunea bereits 17 war und somit wegen einer Alters-Lücke bei den Jung-Jägern bereits drei Jahre auf ihre Vermählung wartete. Tann, der Stammesführer, hatte notgedrungen alles so angeordnet.

Doch Druko der Schamane prophezeite schweres Unheil für die Norsuns, wegen Hukans Eigenmächtigkeit.

Als dann auf den Tag genau einen Mondzyklus später die tödliche Krankheit im Stamm ausbrach, gegen die alle Heilkunst des Schamanen versagte, hatte dieser dem Rat der Alten klargemacht, dass Hukan durch sein Verhalten diese Strafe über die Blondschöpfe gebracht hatte und zu seiner Verbannung aufgerufen. Hukan müsse verstoßen werden, sein Schicksal den unsichtbaren Mächten überlassen, sonst würden sie den ganzen Stamm vernichten.

Natürlich konnte niemand den Offenbarungen des Schamanen widersprechen. Er, Hukan, der sich dem Ritual des Stammes verweigert hatte, musste schutzlos der Natur ausgeliefert werde. Die tödliche Bedrohung durch die Krankheit brachte alle dazu, eine aggressive Haltung gegen ihn anzunehmen. Selbst seine nächsten Verwandten steigerten sich in ungezügelte Wut hinein, fähig, ihn mit Waffen-Gewalt fortzujagen. Er wusste, sie alle zusammen würden ihn töten, wenn er nicht floh.

Nur Bebeh ließ sich nicht mitreißen. Sie schien verschwunden zu sein.

Hukan war zwar mit den Verhaltensweisen der wilden Tiere und allen anderen Gefahren der Wildnis bestens vertraut, doch er wusste: Ein einzelner Mensch, ohne Waffen und andere Hilfsmittel nackt davongejagt, vom schützenden Zusammenhalt des Stammes ausgeschlossen - die Natur und ihre unsichtbaren Mächte waren grausam und unerbittlich und würden seinem Leben ein baldiges Ende bereiten. Die Geister, die Druko oft beschwor, nahmen wahrscheinlich schon bald Gestalt an um ihn grausam in Tod und Verderben zu treiben.

Doch selbst wenn sie ihn nicht direkt angriffen, wie sollte er sich und seine Beute allein und unbewaffnet demnächst zum Beispiel gegen ein Rudel Wölfe verteidigen können?

Wenigstens vor krachenden Blitzen und schmatzenden Sumpflöchern, „Tötungswerkzeugen“ der Unsichtbaren, konnte er sich als armseliger Ausgestoßener in den Bergen zwischen den Felsen verstecken, dachte er, während er bei flacher werdendem Atem die Kühle der Nacht immer eindringlicher an seiner nackten Haut spürte.

Je länger der Verbannte ruhig dalag, tat sich vor seinem geistigen Auge ein immer größer werdendes dunkles Loch auf.

Sie hatten ihn einfach fortgejagt!

Seit seiner frühesten Kindheit sehnte er sich nicht mehr so sehr nach menschlicher Nähe. Allein die beruhigende Stimme Bebehs, die ihn nach einer schweren Verletzung unermüdlich und aufopferungsvoll gesundgepflegt hatte, würde ihm schon neuen Mut machen.

Vor einem Jahr hatte ihn bei einer Jagd ein Wisent mit dem Schädel erwischt, ihn zu Boden gedrückt und ihm mit gewaltigem Stoß das Becken gebrochen, bevor die Speere seiner Kameraden das zornige Tier endlich töteten. Zwei Mondzyklen konnte er nicht mit auf die Jagd. Wenn der Stamm weiter zog, wurde Hukan, wie die Gebrauchsgegenstände, auf einer Trage transportiert.

Junge, unverheiratete Jäger, deren Mutter noch lebte, wurden natürlich von dieser im Bedarfsfall gepflegt, oder von einer Schwester. Doch Hukan war der Erstgeborene und seine Mutter verstarb bei der Geburt seines Bruders als er ein Jahr alt war.

Halb träumend erinnerte sich Hukan, wie Bebeh sich mit liebevoll-besorgtem Gesicht über ihn beugte, ihre Brüste an ihn drückte und seinen Kopf mit den Händen streichelte, während über ihnen der Regen auf die Zelthäute prasselte.

Bebeh hatte bereits schon beide Eltern verloren. Das war auch nichts ungewöhnliches. Selten erreichte ein Mensch ein hohes Alter. Frauen starben oft während oder kurz nach einer Entbindung, Männer wurden häufig auf der Jagd von wilden Tieren getötet oder starben an dabei erlittenen Verletzungen. Zu schwache Kinder wurden von den unsichtbaren Mächten aus dem Leben gerissen.

Der warnende Ruf einer Eule holte den Träumer jäh in die Realität zurück. Etwas kam den Geröllhang hinauf, das Klacken der losen Steine näherte sich schnell. Blitzschnell hockte sich Hukan, zum Sprung bereit, das Gesicht der Gefahr zugewandt. Deutlich hörte er ein mehrfaches, heftiges Hecheln, irgendwelche Wesen folgten seiner blutigen Fährte. Hukan hockte wie ein Frosch, der dem Todesbiss der Schlange im letzten Moment durch Aufbietung aller Kräfte entfliehen will. Doch schlagartig schlug die Anspannung in Freude um: Das waren Bulan und Packa! Dieses Hecheln kannte er nur zu gut. Seine Hunde hatten sich befreit und waren ihm gefolgt!

Verwirrt erlebten die Nachttiere der Umgebung, wie Mensch und Hunde sich in überschäumender Freude begrüßten.

Hukans Hunde waren von einer Rasse, die sich von ihren Vorfahren, den Wölfen und auch den sonst allgemein verbreiteten Hunden äußerlich schon sehr deutlich unterschied. Seine Vorväter hatten immer nur die kräftigsten, mutigsten und anhänglichsten Nachkommen verpaart und so den für ihre Zwecke geeignetsten Hunde-Typ erzielt. Sie brauchten Begleiter, die sowohl beim Jagen von Großwild, als auch zur Verteidigung des Lagers gegen Raubtiere unerschrocken, zuverlässig und stark waren. Etwas kleiner, aber kräftiger als ihre grauen Ahnen, konnten sie zwar nicht mehr so ausdauernd Beute zu Tode hetzen, was sie im Team mit ihren Menschen aber an Wild stellten, packten sie unerschrocken mit unbändiger Kraft und hielten es fest, damit Speere, Pfeile oder Steinäxte trafen.

Bulan war Packas eineinhalb-jähriger Welpe, von eher zurückhaltendem, abwartendem Wesen und noch geringer Jagderfahrung. Die sechsjährige Hündin dagegen besaß einen aufbrausenden Charakter, war beim Stamm geschätzt wegen ihrer Einsatzfreude. Ihr wuchtiger Körper mit breitem Schädel zeigte mehrfache Spuren harter Jagdeinsätze. Vom rechten Ohr war nur noch ein kläglich herabhängender Rest vorhanden. Als junger Hund hatte sie übermütig einen Luchs gestellt und erfahren müssen, dass die reaktionsschnellen Katzen nicht nur ein kräftiges Gebiss wie sie hatten, sondern dazu scharfe Krallen.

Ein Braunbär hatte ihr den größten Teil des Schwanzes abgebissen. Mit einer blitzschnellen Wendung war es Packa dann doch gelungen, den viel größeren Gegner an der Kehle zu erwischt und ihn trotz der in ihrem Fleisch wühlenden Krallen eisern festzuhalten, bis die Speere der Jäger dem Bären das Herz durchstachen. Lange Narben auf ihrem Rücken zeugten ebenfalls von diesem Kampf auf Leben und Tod. Als besondere Ehrung hatte Akor, Hukans Vater, der tapferen Hündin einen Halsriemen gefertigt, an dem er die durchbohrten Reißzähne und Krallen des Bären befestigte.

Nach der Wiedersehens-Zeremonie sicherten die Hunde flugs schnüffelnd den näheren Umkreis ihres Nachtlagers und als sie nichts Verdächtiges bemerkten, leckten sie ihrem Herrchen kurzzeitig die wunden Füße und legten sich dann wärmend zu beiden Seiten ihres „Leittiers", worauf alle Drei endlich ihre ersehnte Nachtruhe fanden.

Noch vor Morgengrauen ging ein ergiebiger Regenschauer nieder, was der erwachende Hukan zufrieden zur Kenntnis nahm. So wurden ihre Duftspuren und Fußeindrücke weitgehend beseitigt.

Um nicht zu frieren, begann der nasse Flüchtling tastend, süße Beeren zu pflücken. Diese hingen so reichlich, dass er schon gut gestärkt war, als endlich die wärmende Sonne aufging. Auch die Hunde hatten einzelne Beeren geschleckt, konnten aber kaum von ihnen satt werden. Vom wolkenlosen Himmel trafen die Sonnenstrahlen so prächtig auf den Beeren-Hang, dass Mensch und Hunde sich nach Erleichterung ihrer Blasen erst mal wieder an einer freien Stelle niederlegten und Licht und Wärme genossen. Vögel begaben sich zwitschernd auf Nahrungssuche, irgendwo hämmerte ein Specht. Unter Steinen und Wurzellöchern hervor erschienen vorsichtig sichernd Waldeidechsen. Hukans Blick verfolgte mit langsamer Kopfbewegung einen über ihnen kreisenden Habicht.

Er reckte seinen fast haarlosen, nackten Körper noch einige Male in der Sonne, bevor er sich endlich völlig aus dem Buschwerk heraus begab.

Es war ein vollkommen unmögliches Gefühl, ganz ohne Waffe in der Hand loszugehen. Das gab es gar nicht, das ein Mann seiner Zeit sich von seinem Schlafplatz erhob, ohne eine Waffe zu ergreifen. Viel schlimmer als seine Nacktheit war für Hukan in diesem Moment seine völlige Waffenlosigkeit. Ein Bogen und der zugehörige Pfeilköcher auf dem Rücken, die Steinaxt und die Feuersteinklinge am Hüft-Riemen und ein paar Speere in den Händen, das war zwingend die Ausstattung eines Steinzeitmannes.

In einigen hundert Schritten Entfernung befand sich ein hochgelegener freier Felsen, von dem aus er zunächst Ausschau halten wollte, um seine nächsten Überlebensschritte zu planen. Liebevoll kraulte er seine beiden treuen Begleiter, bevor er sie zum Aufbruch ermunterte.

Packa ging in seiner Richtung voraus, Bulan schweifte etwas bergab, wo er ein paar Pilze entdeckte, die er neugierig probierte, aber gleich wieder ausspuckte. Hukan kannte die Sorte nicht, ließ also die Finger davon. Kurz vor dem Felsen kreuzten sie einen Wildwechsel, den die Hunde noch eifrig beschnupperten, während Hukan sich bereits an den Aufstieg machte. Sie mussten zunächst auf jeden Fall zu ihrer Sicherheit weiter in die Berge. Hukan glaubte nicht, dass ihn Stammesmitglieder verfolgen würden. Sie hatten ihn fortgejagt und somit den unsichtbaren Mächten ausgeliefert, wie Druko ihnen geraten hatte. Aber in den Bergen war vieles ganz anders als in seinem gewohnten Lebensraum, der Ebene. Dort herrschten andere unsichtbare Mächte, glaubten die Norsuns, weshalb sich niemand dorthin traute. Hukan, in seiner Not, hoffte, die Geister aus der Ebene würden ihn da vielleicht nicht bedrohen. Er wollte in der raueren und unheimlichen Gegend zunächst Zuflucht suchen und dann weitersehen.

Weiter zu wandern war zurzeit noch nicht problematisch. Noch war es Sommer, die Temperaturen angenehm und es gab Beeren und Pilze. Doch mit dem nächsten Mondzyklus würde der Herbst in den Bergen einziehen. Die Nächte waren bereits jetzt kühl, hier am Fuße der Höhen. Zu kühl für einen unbekleideten Menschen ohne Unterschlupf. Waffen und Werkzeuge anzufertigen, war dringend nötig. Dann könnte er Wild erlegen, hätte zu essen und würde sich aus dessen Fell Kleidung fertigen.

Vor allem aber musste er an seine Verteidigung denken. Er war nicht das einzige „Raubtier“. Packa hatte reichlich Kampferfahrung, aber sich allein auf sie zu verlassen, falls ihnen zum Beispiel ein Bär Nahrung streitig machen wollte...?

2. Kapitel: Unbekannter Feind

Mittlerweile hatte Hukan seine Aussicht erklommen. Vom Felsen aus erkannte er in einiger Entfernung einen Bachlauf zwischen dem Blattwerk hindurch glitzern, dem Flüsschen zustrebend. Dort musste es Forellen geben. Auch konnte er in der Nähe mehrere junge Bäume entdecken, wo er sich als Erstes einen einfachen Speer abschlagen wollte. Scharfbrüchiges und hartes Gestein zum Zuschlagen von Schabern und Faustkeilen für die Holzbearbeitung gab es sicher bei den Felsen am Bach oder im Bachbett. Er stieg zunächst hinunter zum Bach und bereits kurze Zeit später mit einfachsten Steinwerkzeugen in den Händen wieder hinauf, um sich eine Speer-Stange abzuschlagen. Provisorisch brachte er seine primitive Waffe in eine einigermaßen spitze und glatte Form. Immerhin hielt er jetzt etwas in Händen, um sich notdürftig verteidigen zu können. Richtige, präzise Jagd-Speere mit Geweih- oder Stein-Spitzen müsste er sich später herstellen.

Jetzt fehlte ihm vor allem ein Transportbehälter. Er konnte unmöglich Werkzeuge, andere Gebrauchsgegenstände und später Fleischvorrat oder Fische ständig in den Händen halten.

Also stieg er hinunter zum Flüsschen um Weidenzweige zu sammeln und daraus einen Trage-Korb, außerdem einen Stülp-Korb zum Fischen und vielleicht auch eine Fisch-Reuse zu flechten. Das Wetter würde noch einen weiteren Tag gut bleiben, bevor es viel Regen geben würde, das erkannte er an der sich milchig verschleiernden Sonne.

Mittag war bereits vorüber, als der fleißige Sammler mit einem großen Bündel Weidenzweige bepackt, sich an den Wiederaufstieg machte. Der bequemste Weg zum Bach führte durch das durchschnittlich nur knietiefe Flussbett. Im Wasser watend hinterließen sie außerdem keine Spuren.

Packa und Bulan waren richtige Wasserratten, die tiefere Strecken auch gegen die Strömung schwimmend gut bewältigten. Bald erreichten sie die Stelle, wo der Bach von rechts in das Flüsschen mündete. Sein Bett wurde nach einigen hundert Schritten aufwärts zunehmend steiniger, weshalb die Drei dann das Wasser verließen. Davonschnellende Fische hatten sie zwar gesehen, doch um welche mit den Händen zu fangen, dazu hätte Hukan systematisch vorgehen müssen, wozu heute einfach keine Zeit blieb.

Zwischen zwei Höhen hindurch erreichten sie schließlich ein langgestrecktes Tal mit kürzeren und längeren Strecken Wiesengrund, wo sich sicher öfter Wild sehen ließ. Dem oberen Teil des Tals schloss sich seitlich eine kleine Schlucht an, an deren Beginn es stark nach Fuchsbau roch. Das Quartier eines größeren Raubtiers war in der Nähe also kaum zu erwarten. Hukan wusste, dass er sich auf die Schläue und Vorsicht eines Rotpelzes verlassen konnte.

Auf etwa halber Höhe bildete ein Felsüberhang, zusammen mit einer daran lehnenden, umgestürzten Kiefer, ein passables Versteck mit genügend Platz für die Drei. Hier legte Hukan sein Bündel ab und begann sofort mit der Geflecht-Arbeit. Die Blätter legte er sorgfältig beiseite, um sie für den Bedarfsfall aufzuheben. Weidenblätter benutzten sie, um frische Wunden damit zu bedecken und kauten sie bei Zahnschmerzen. Sie wirkten Schmerz lindernd und Heilung fördernd.

Als Erstes flocht Hukan einen etwas weitmaschigeren Stülp-Korb. Dieser hatte etwa die Form eines stumpfen Kegels und wurde mit schneller Bewegung über einen Fisch auf den Gewässergrund gestülpt. Durch eine Handöffnung in der Mitte konnte man anschließend den gefangenen Fisch nach oben entnehmen.

In den frühen Abendstunden hatte der Ausgestoßene auch noch einen größeren Korb fertig, durch dessen Tragegriffe er einen unterwegs von einem Busch abgebrochenen Knüppel stecken konnte, um ihn zu schultern.

Packa und Bulan durchstöberten bereits den näheren Umkreis, als der Handwerker seinen Behälter zufrieden auflud und sich aufmachte, Farnwedel und Moospolster im Unterholz zu sammeln, um das Nachtlager zu bereiten. Dabei stieg er bis zum Waldrand am Wiesengrund hinab. Hier drehte Hukan jeden größeren Stein und am Boden liegende größere Holzstücke um und ließ sich die darunter versteckten Würmer, Engerlinge und hin und wieder auch einen Molch schmecken.

Es dämmerte unter den Bäumen schon, als er neben einem entwurzelten Baumstumpf eine große und ziemlich dicke Kreuzotter überraschte, die sich blitzschnell zusammenrollte und drohend den Kopf aufrichtete, um ihn bei weiterer Annäherung sofort zu beißen. Flink löste Hukan den Knüppel vom Korb und erschlug mit zwei schnellen Hieben das giftige Reptil. Mit der scharfen Kante eines seiner behauenen Steine hackte er den Kopf ab und warf diesen in seinen Korb. Den Schlangenkörper teilte er und warf ihn den herbeigeeilten Hunden hin, die ihn samt Mageninhalt, bestehend aus zwei halb verdauten Mäusen, gierig verspeisten. So brauchte sich keiner von ihnen ganz hungrig zur Nachtruhe zu begeben. Vor der Rückkehr zum Lager tranken sie noch ausgiebig aus dem nahen Bach. Am nächsten Morgen wollte Hukan den Forellen nachstellen.

Farnwedel und Moos breitete er gleichmäßig auf dem Boden ihres Unterschlupfs aus, den er vorher mit einem großen Stein als Schieber geglättet hatte. Dem Schlangenkopf zog er das schon halb-starre Maul weit auf, so dass die langen Giftzähne in Beiß-Stellung nach vorn klappten. Dann steckte der Verbannte ihn an einen Ast-Stumpf des dicken, quer liegenden Stammes über seinem Unterschlupf und hing Packas Halsriemen mit den Bärenzähnen ebenfalls daran. Diese Jagdtrophäen sollten ihr Nachtlager vor allen bösen Mächten bewahren.

Der verflossene Tag war schnell vergangen. Viel zu schnell. Hukan hatte gemessen an dem, was er noch alles schaffen musste um sein Überleben zu sichern, nur gerade das Allernötigste erreicht. Generell musste er in diesem unwegsamen Gelände mehr vor Angriffen durch Raubtiere auf der Hut sein, als in der weitläufigen und daher besser überschaubaren sumpfigen Ebene, mit ihren sanften, meist mit Birken und Kiefern bewaldeten Erhebungen. Doch nun, in ihrem Unterschlupf, fühlte er sich mit seinen aufmerksamen Hunden ziemlich sicher, da er keine Jagdbeute dabei hatte, deren Blutgeruch vielleicht größere Raubtiere angelockt hätte.

Die Dunkelheit verhinderte leider irgendwelche handwerklichen Aktivitäten, denn um Feuer zu machen, bedurfte es bestimmter Materialien. Am einfachsten war das Feuer-Schlagen mittels Feuerstein, Pyrit und getrocknetem Zunder-Pilz. Feuersteine und Pyrit waren sehr selten und daher das Kostbarste, was es für Menschen gab. Schlug man diese unterschiedlichen Steine gegeneinander, so sprangen kräftige Funken ab, welche, wenn sie auf getrockneten Zunder-Pilz trafen, diesen zum Glimmen brachten. Zunder-Pilze wuchsen häufig auf Birken, doch Feuersteine und Pyrit bekam man nur von anderen Nomaden gegen Tauschware. Sie stammten von sehr weit entfernten Gebirgen, wo sie aus dem Boden gegraben wurden oder von felsigen Küsten.

Eine weitere, aber mühsame Möglichkeit zum Zündeln hatte man mittels Hölzern, mit denen Feuer durch Reibungshitze erzeugt wurde. Passende Hölzer zum Feuer-Reiben oder -Bohren musste man sich suchen und passend schnitzen. Er würde in den nächsten Tagen sicher welche finden.

So dasitzend, wurde sich der Norsun seiner deprimierenden Lage als Ausgestoßener wieder bewusst. Die Gegenwart von Packa und Bulan, die er langsam und nachdenklich kraulte, spendete zwar Trost, ließ ihn seine geliebten Menschen und die Geborgenheit des Stammes aber noch stärker vermissen.

Hukan seufzte, er fühlte sich kein bisschen krank, doch wen hatte die Strafe der Götter wohl noch dahingerafft? Würde Bebeh überleben? Würde er irgendwann noch jemals wieder Menschen begegnen, wenn es ihm überhaupt gelingen sollte, dem Zorn der unsichtbaren Mächte zu entkommen?

Der Flügelschlag einer fast lautlos dicht an seinem Gesicht vorbeihuschenden Fledermaus lenkte ihn kurz ab. Packa und Bulan lagen zufrieden neben ihm. Sie schienen voll Gelassenheit und Zuversicht der Zukunft, an der Seite ihres Herrchens entgegen zu blicken. Tiere dachten offenbar nie an die Zukunft. Warum mussten Menschen sich immer über alles so viele Sorgen machen?

Aber seine Hunde konnten wohl kaum den vielen schrecklichen Erzählungen mit Verstand gefolgt sein, die abends am Lagerfeuer die Runde machten. Die drei Alten des Stammes wussten aus teils uralten Überlieferungen viel zu erzählen. Von den Gefahren des Lebens, aber auch von schönen Dingen. Viel zu wissen brachte Vorteile, manches konnte man vorausplanen. Aber viele drückende Fragen blieben offen. Vor allem: Wie tat man alles recht, um die unsichtbaren Mächte, welche die Menschen so furchtbar strafen konnten, gütig zu stimmen?

Große Angst herrschte nicht nur bei den Norsuns, sondern ebenfalls bei anderen Stämmen auch davor, dass die ganzjährige Kälte irgendwann wieder zurückkehren würde, die vor unzähligen Generationen den Menschen ein Überleben sehr schwer machte. Das viele Eis war in der Ebene längst verschwunden. Frostig kalt war es nur noch im Winter. Ziemlich genau zwischen der Winter- und Sommersonnenwende wurde es nun immer so warm, dass der Schnee zunächst in der Ebene und dann auch auf den Bergen schmolz und die Flüsse die Ebene teilweise überschwemmten. Aber die Menschen hatten die Überlieferungen von der Eiszeit nicht vergessen.

Mit der großen Kälte gingen auch die Mammuts und Woll-Nashörner. Den Erzählungen nach sollten weit im Osten, woher im Winter die kalten Winde kommen, noch welche leben. Die Norsuns kannten in ihrem Jagdgebiet noch vereinzelte Fundstellen, wo sich Knochen und Stoßzähne dieser wohl größten aller Tiere befanden und sie besaßen Schmuck und Gebrauchsgegenstände aus Elfenbein, die seit Generationen weiter vererbt wurden.

Die Vorfahren der Norsuns und aller ihrer benachbarten Stämme waren irgendwann vor vielen, vielen Jahren... Hukan lauschte angestrengt in die Dunkelheit nach halb rechts, wohin beide Hunde ruckartig die Köpfe gewendet hatten, die Ohrmuscheln in reger Bewegung. Ein dumpfes Trampeln und Keuchen war jetzt vom Tal herauf zu hören, gefolgt vom Krachen brechender Äste und dann ein dumpfer Aufprall, als ob ein großes Tier in mehreren hundert Schritt Entfernung mit Wucht zu Boden gestürzt wäre. Hukan stieß sich schwer den Kopf, als er zeitgleich mit Packa und Bulan hochfuhr. Keiner der Drei gab aber auch nur den leisesten Ton von sich. Angespannt hörten sie die folgenden Geräusche, die sie als Jäger nur zu gut kannten: Dort unten in der Dunkelheit hatte ein Raubtier ein großes Opfer, es musste sich mindestens um einen Hirsch handeln, gepackt und zermalmte ihm mit seinem Gebiss die Rückenwirbel. Ein langgezogenes, seufzendes Stöhnen noch, das Hukan kalten Schweiß in den Nacken trieb, dann war minutenlang Stille.

Aufgeregt zuckte der noch recht unerfahrene Bulan mit den Beinen, sein Herrchen legte ihm schnell den rechten Arm vor die Brust und hielt ihm mit der linken Hand die Schnauze zu. Der Hund begriff sofort: Bloß hier bleiben und stillhalten!

Fast ein Viertel der Nacht dauerten die schließlich einsetzenden schweren Fressgeräusche. Als der nächtliche Räuber schließlich sein Mahl beendet und sich zum Glück wohl in eine andere Richtung entfernt hatte, wich endlich die Anspannung aus den Körpern der Ohrenzeugen dieses nächtlichen Dramas.

Hukan überlegte fieberhaft. Sollte er es jetzt sofort wagen? Nicht dass ihn der Appetit trieb, Menschen und Hunde in dieser harten Zeit waren gewohnt, auch mal ein paar Tage zu hungern, ja im Grunde waren sie sogar relativ satt. Er brauchte dringend Sehnen für die Herstellung eines Bogens und zum Binden von anderen Waffen und Gebrauchsgegenständen! Das Fell des Opfers war bestimmt mehrfach zerrissen, also weitgehend unbrauchbar. Von anderen großen Räubern war nichts zu hören, aber Dachse, Füchse oder auch ein Luchs erschienen sicher bald, um sich an den Resten zu laben und zerstörten dabei sicher die kostbaren Sehnen. Falls überhaupt noch welche unbeschädigt waren.

Der Jäger wusste aber trotz seiner nicht geringen Erfahrung nicht, welche Art von Räuber es gewesen war. Theoretisch hätte es eigentlich nur ein Bär gewesen sein können. Aber alles hatte irgendwie anders geklungen. Hukan war irritiert. Sollte es in den von ihnen aus Angst vor fremden Mächten gemiedenen Bergen eine große Raubtierart geben, von der sie in der Ebene nichts ahnten? Rührte daher vielleicht die Annahme, dort herrschten andere Götter? Jedenfalls musste er besonders vorsichtig sein, denn er konnte nicht wissen, welche Gewohnheiten solch ein unbekanntes Raubtier besaß, wie weit es sich wirklich entfernt hatte und ob es vielleicht sogar wieder zurückkehren würde. Ohne seine gewohnte Bewaffnung schien ihm der nächtliche Gang schließlich doch zu riskant.

Da war auch schon zu hören, worauf er gewartet hatte: Keifen und Knurren, Kleinräuber stritten sich um den Rest der Beute. Was Hukan soweit beruhigte, dass er nun endlich schlafen konnte.

Die Sonne ging schon auf, als Packa und Bulan sich endlich erhoben und vorsichtig sichernd ihren Unterschlupf verließen. Jetzt erwachte auch der Jäger. Sofort packte ihn die Neugier, das nächtliche Geschehen aufzuklären. Sorgfältig prüfte er die Windverhältnisse, um die Richtung der Annäherung festzulegen und brach gleich auf.

Mit seinen Hunden verstand der Norsun sich ohne Worte, sie achteten auf jede seiner Bewegungen. Anders herum bemerkte Hukan sofort, wenn sie etwas bedeutungsvolles witterten oder hörten. Insgesamt ergänzten sie sich bei der Jagd hervorragend. Lediglich der noch zu unerfahrene Bulan ließ in brenzligen Situationen Feinschliff in seinem Verhalten vermissen.

Die schwierigen Geländeverhältnisse in dieser wilden, unwegsamen Landschaft gestalteten die Annäherung gegen den Wind sehr zeitraubend. Als sie endlich unterhalb des Wiesentals die Überreste der Beute sichteten, pickten ein paar Raben daran herum; einen Fuchs sahen sie gerade noch im Dickicht verschwinden.

Wie Hukan vermutet hatte, handelte es sich um die Überreste eines Hirsches. Diese Tierart war nach den Überlieferungen der Alten erst nach dem Ende der Vereisung hier eingewandert. Sie erschienen, als die Steppe aufgetaut, die Mammuts verschwunden waren und immer mehr Büsche und Bäume wuchsen.

Der Durchmesser des Geweihs betrug über zwei Schritte. Um an das Hirn zu gelangen, hatte der Räuber es sogar geschafft, den Schädel aufzubrechen. Der gesamte Hinterleib mit den Läufen, also gut ein Drittel des Hirsches, fehlte. Den hatte das Raubtier offensichtlich mit sich fortgeschleppt.

Zahlreiche Fußabdrücke kleinerer Nachträuber konnte Hukan spontan erkennen. Als er ein paar Schritte entfernt die deutliche Fährte des großen Räubers erblickte, erschrak er. Zweifellos hatte es sich um eine Katzenart gehandelt. Katzenfüße, so groß wie eine Bärentatze, hatte er aber noch nie gesehen. Offensichtlich waren die Erzählungen aus der Zeit der Ahnen also keine Fantasien. Von Menschen fressenden Raubkatzen wurde erzählt, in deren Rachen der Kopf eines Mannes passte. Und von Fangzähnen, so lang wie ein Daumen, war die Rede. Zum Glück für die Norsuns gab es diese riesigen Höhlenlöwen in der Ebene nicht mehr, aber offensichtlich lebten in den Bergen noch welche. Das waren ja schöne Aussichten für ihn und seine Hunde. Solch ein riesiges Raubtier hatte sicher ein sehr ausgedehntes Jagdrevier und nur zufällig war es in der letzten Nacht hier, nahe der Ebene, umhergestreift. Da es einen Teil des Hirsches aber mitgenommen hatte, stand zu erwarten, dass es jetzt in nicht allzu großer Entfernung ruhen würde, um seine Mahlzeit später fortzusetzen. Die Fährte führte bachabwärts in die Richtung, aus der er mit Packa und Bulan auf seiner Flucht gekommen war. Instinktiv wusste Hukan, dass das Untier nicht wieder hierher kommen würde.

Seine Hunde nagten natürlich längst an den Knochen und Hukan schaute ebenfalls, was es an verwertbaren Teilen noch für ihn gab. Aus abgesplitterten Knochen- und Geweih-Stücken ließen sich hervorragende Pfeil- und Speer Spitzen und Werkzeuge herstellen. Die beiden Geweih-Hälften mitsamt den daran haftenden Schädeltrümmern legte er zuerst beiseite. Fellstücke befreite er mit einem scharfkantigen Stein von Fleisch und Fett, wobei er den Hirschtalg gleich in einem schnell geformten Fell-Täschchen sammelte.

Für größere Bekleidungsstücke reichte es erwartungsgemäß nicht. Die großen und kleinen Räuber hatten die Haut ganz schön zerfetzt.

Hukan sammelte, was ihm brauchbar erschien und stapelte die Stücke. Dann machte er sich, wie die Hunde, an Knochenmark heran. Das Aufschlagen der Knochen mit schweren Steinen verursachte zwar auch viel verräterischen Lärm, doch er hatte Hunger und ließ sich wenigstens noch schnell das Mark der Vorderläufe schmecken.

Zum ersten Mal seit seiner Flucht empfand er dabei so etwas wie menschliches Wertgefühl. Viele Tiere waren stärker oder schneller als ein Mensch oder ihm sonst wie überlegen. Seine Hunde waren kleiner als er und konnten doch, im Gegensatz zu ihm, alle Knochen des Hirsches zerbeißen. Aber er, Hukan der Jäger, wäre mit Hilfe von Steinen und dem Geschick seiner Hände sogar im Stande gewesen, den Schädel des Hirsches zu öffnen und sein Hirn zu schlürfen, wenn der unbekannte Riesenräuber dies nicht bereits erledigt hätte.

Die Sonne hatte ihren Höchststand noch lange nicht erreicht, Bewölkung kam auf. Die Hunde waren leidlich satt geworden und lagen träge umherblinzelnd und gelegentlich witternd etwas abseits, als Hukan seine Zerteilungsarbeit beendete. Er nahm seinen gefüllten Korb, aus welchem lustig die Geweihenden ragten und einen Packen Fellfetzen und ging zum Bach um alles sauber zu waschen. Danach stiegen sie aufwärts, zurück zur kleinen Schlucht. Er redete zu seinen Hunden, so wie die Jäger nach erfolgreich beendeter Jagd es miteinander taten. Hukan konnte sehr zufrieden sein, er hatte genug Material, um sich mehrere Tage mit der Herstellung aller möglichen Teile zu beschäftigen.

Selbst eine kleine Anzahl Sehnenstücke hatte er noch von den Vorderläufen lösen können. Leider reichten diese nicht für die Fertigung einer Bogen-Sehne, aber man konnte allerlei mit ihnen verbinden oder schnüren.

Im Versteck lud er seine Schätze ab, um sich nun endlich mit ein paar scharfen Steinen ausgestattet, auf die Suche nach geraden Stämmchen oder Ästen und Baumharz zur Waffenherstellung zu begeben. Baumharz eignete sich dazu, Waffenspitzen aus Knochen- Stein- oder Geweih-Spitzen einzukleben, um sie dann zusätzlich durch Umwickeln mit Sehnen oder Bast (also Faserschnüren aus Rinde) zu sichern.

Besser war natürlich Pech. Mit Pech konnte man alles kleben. Es war die beste Erfindung der Menschen bisher; überall herzustellen, wo es Birken gab, aber für den Herstellungsprozess benötigte man Erfahrung, Gefühl und Ruhe.

Dieser magische Stoff entstand, wenn man Birkenrinde luftdicht unter Erde oder Asche verpackt erhitzte, sodass sie nicht verbrennen konnte. Man konnte Pech, diese schwarze Masse, jederzeit wieder erwärmen, sodass sie klebrig und leicht formbar wurde. Er selbst hatte es noch nie richtig hinbekommen, mit der Gewinnung, musste es aber bei späterer Gelegenheit unbedingt versuchen. Warum sollten es nur die Alten schaffen?

Auf seinen Wegen der letzten beiden Tage hatte er sich natürlich bereits die Standorte von Büschen und Bäumen gemerkt, von denen er passende Holzteile mit seinen scharfkantigen Steinen schlagen konnte. So kam es, dass sie am späten Nachmittag bereits wieder auf dem Rückweg waren, als es leicht zu regnen begann. Die verbliebene Tageszeit mochte gerade noch reichen, um gemeinsam das Glück beim Fischfang zu versuchen.

Hukan lud seine Stangen und Stücke ebenfalls im Versteck ab. Mit Stülp-Korb und seinem Trage-Korb als Transportbehälter begaben sie sich zu einem vielversprechenden Bachabschnitt. Packa und Bulan kannten ihre Aufgabe beim Fische-Greifen schon sehr gut. Gemeinsam waren sie dabei schon oft erfolgreich gewesen. Hukan stellte sich abwärts in eine seichte, verbreiterte Stelle des Baches und versperrte durch aufgeschichtete Steine hinter sich den Fischen den Fluchtweg. Von weiter aufwärts trieben ihm die langsam den Bach abwärts watenden Hunde die flinke Beute zu. Nun kam es ganz auf das Geschick des Jägers an, diese entweder mit dem Stülp-Korb oder der bloßen Hand zu erhaschen und in seinen Korb am Ufer zu werfen. Selbst den Hunden gelang es hin und wieder, eines der glitschigen Beutetiere mit den Zähnen zu packen, wenn es versuchte, zwischen ihren Beinen aufwärts zu entwischen.

Bis zum Einbruch der Dämmerung erbeuteten sie elf Stück, genug, um die drei zu sättigen; zumal Hukan natürlich am Nachmittag bei der Holzsuche jede Möglichkeit genutzt hatte, Beeren zu Pflücken und gleich zu verspeisen.

Als vorausdenkender Mensch öffnete Hukan noch die Steinsperre, damit schnell wieder genügend Forellen nachrücken konnten, weil er davon ausging, dass sie vielleicht noch mehrere Tage an diesem Ort verbleiben würden.

Inzwischen hatte der Regen stärker eingesetzt. Sie beeilten sich, ihr Versteck zu erreichen. Es war gerade noch hell genug um die Fische Entschuppen und Ausnehmen zu können und den Unterschlupf mit stark belaubten Zweigen gegen Regen zu sichern. Die zusätzlich auf den Boden ausgebreiteten Fellreste ließen sogar einen Hauch von Gemütlichkeit aufkommen, als sie sich die rohen Fische schmecken ließen.

Satt legten sie sich schließlich aneinander und Hukan kraulte zärtlich seinen treuen Begleitern die Pelze, wobei er langsam und sinnierend von gemeinsamen Tagen bei ihrem Stamm erzählte. Packa und Bulan hörten sichtlich aufmerksam zu und hoben hin und wieder schief den Kopf, wenn sie ihnen bekannte Namen oder Begriffe verstanden. Einmal leckte Bulan ihm zärtlich den Hals als er offensichtlich die Worte „... am Feuer sitzen und mit Bebeh Braten essen...“ verstand.

Der Regen prasselte immer heftiger. Monoton rauschend gingen große Wassermengen auf den Bergwald nieder und ließen den Bach zunehmend wilder plätschern. Mit dieser Geräuschkulisse, die anstrengenden Arbeiten des Tages in den Gliedern, schlief Hukan, gewärmt von seinen Hunden, schnell ein und schlummerte nach zwei aufregenden Nächten tief und fest.

3. Kapitel: Archaische Jagd

Eine feuchte Hundenase, die in sein Gesicht stupste, war es, was den Blondschopf am nächsten Morgen aus seinen Träumen holte, noch bevor die Sonne aufging. Die Nase von Packa, die Hukan aufgeregt weckte. Der Jäger begriff sofort: Wild war in der Nähe! Flott richtete er sich auf und pirschte mit den Hunden Richtung Talsohle, woher ein leichter Morgenwind die Witterung zu ihnen herauf trug. Im diffusen Licht des anbrechenden Tages bewegte sich ein Rudel Rehe ruhig äsend durch das Wiesental aufwärts. Zwischen Bäumen und Büschen hindurch spähend, zählte er die Tiere. Ein Bock und fünf Ricken unterschiedlicher Größe, die sich sicher bald zum Wiederkäuen ins Dickicht zurückziehen würden, um später weiter vom saftigen Grün des Talgrundes zu fressen. Vielleicht konnten sie ihnen übermorgen mit neuen, guten Waffen auflauern.

Er benötigte unbedingt mehrere Speere und vor allem Feuer. Letzteres nicht nur zum Garen (was das Fleisch wesentlich leichter verdaulich und haltbarer machte), sondern auch, um sich hinterher gegen andere Räuber verteidigen zu können. Ein großes Feuer machte ihn praktisch unangreifbar. Selbst das hungrigste Raubtier fürchtete instinktiv Flammen. Nur der Mensch hatte gelernt, diese Furcht zu überwinden und Feuer zu kontrollieren und nutzbar zu machen.

Emsig ging er zunächst daran, die drei geraden Stämmchen, welche er bereits am Versteck liegen hatte, mit Hilfe von teils scharfkantigen und teils rauen Steinen zu glätten und in eine möglichst gleichmäßige Form zu bringen. Anschließend testete er die noch „unbewehrten“ Speer-Stangen auf einem freien Hangstück mit Probewürfen und arbeitete ihre Formen entsprechend nach.

Nachmittags hatte er Glück bei seiner Suche nach Holzteilen zum Feuer-Bohren. Er hatte noch ein hartes Rundholz benötigt, also optimal Ulme oder Eibe, zum Quirlen zwischen den Handflächen. Über mehrere weiche Stücke aus Weide, Birke oder Pappel, auf dem er damit die Reibungshitze erzeugen konnte, verfügte er bereits. Nach entsprechender Nachbearbeitung der Formen hatte Hukan schließlich alles beisammen und lagerte es sorgfältig feuchtigkeitsgeschützt, zusammen mit vertrockneten, leicht entflammbaren Pflanzenteilen.

Abends verhielten sie sich bewusst ruhig und beobachteten von weitem wieder die Rehe.

Nach einer ruhigen Nacht führte er am nächsten Tag seine Handwerksarbeiten fort. Einen halbwegs geeigneten Stein schlug er als Axt-Klinge zurecht und schnitzte einen dazu passenden Holzgriff. Spitzen seines Hirschgeweihs schabte er zu Speer-Spitzen. Aus Rindenstücken löste er durch Zerklopfen Bastfasern heraus. Mit diesen Bändern, sowie Sehnen und Baumharz befestigte er die Speer-Spitzen und die Axt-Klinge an den eingekerbten Holzschäften.

Weil sie sich bei den Blondschöpfen schon als Jungen fast nur mit derartigen Dingen befassten, besaß Hukan soviel handwerkliches Geschick, dass er am Nachmittag bereits seine drei einfachen Speere und eine Steinaxt fertig hatte. In seinem Arsenal fehlten jetzt nur noch ein Bogen nebst Pfeilen und ein Steinmesser. Solch ein Steinmesser bestand aus einer harten, aber spröden Stein-Schneide, welche zur Stabilisierung in einen Holzrücken oder einen Griff aus Geweih eingefügt wurde. Eine wirklich gute Messerklinge ließ sich aber nur aus dem seltenen Feuerstein in mühevoller Handarbeit durch geschicktes Abschlagen herstellen. Hukan fand es unwahrscheinlich, in den Bergen spontan Feuersteine zu finden oder Menschen zu begegnen, von denen er Feuersteine im Tausch erwerben könnte. Er wollte die Augen offen halten. Vorläufig musste er sich eben mit gewöhnlichen, scharfkantig abgesplitterten Steinen als Schneidwerkzeug behelfen und Feuer durch Reibungshitze mit Hölzchen entfachen.

Mit gesteigertem Selbstwertgefühl stieg er jetzt endlich einmal die kleine Schlucht weiter hinauf, um sich oben auf der Berghöhe mit Fernblick zu orientieren. Er wollte nach Fertigstellung einer Grundausrüstung, vor allem natürlich noch Kleidungsstücken, in ein paar Tagen weiter marschieren, um noch vor Beginn der ersten Frostnächte an der Südseite eines Berges, vielleicht in einem Bach-Tal, in einer Höhle oder einer selbst gebauten Behausung aus Steinen, Stämmen, Ästen, Laub und Fellen zu überwintern. Hukan wusste allerdings nicht mal, wie weit die Berge wirklich reichten, ob sich dahinter eine weitere Ebene verbarg, wie erzählt wurde, welche Tiere und vielleicht sogar Menschen dort lebten und so weiter. Er würde sehen.

Wie er so nachdachte, fand er es plötzlich seltsam, dass die Götter ihn noch nicht vernichtet hatten. Seit seiner Flucht waren nur gewöhnliche Dinge geschehen, wie immer, wenn er auf Jagd war. Hukan war sowieso kein wirklich abergläubischer Mensch, der die unsichtbaren Mächte zu allen möglichen Gelegenheiten um Beistand bat. Er war Realist, der sich auf seine Tüchtigkeit verließ, und Angst verspürte er eigentlich nie. Ein ängstlicher Jäger kann nicht erfolgreich sein, denn Angst lähmt. Das wussten schon sein Großvater und sein Vater, seine wichtigsten Lehrer. Auch sein Großvater war ein Mann der Tat gewesen. Ein kühner, aber berechnender Jäger, für den die Jagd immer auch Kampf war und wobei nie vorher feststand, wer der Sieger sein würde. Im Kampf mit einem überlegenen Tier zu sterben war eine Ehre. Ein erfolgreicher Jäger lebte nach einem gewaltsamen Tod in den Erzählungen seiner Nachkommen unendlich weiter.

Ja, Hukan hatte das ungewöhnliche Glück gehabt, den Vater seines Vaters noch kennenzulernen. Großvater war erst im außergewöhnlich hohen Alter von 49 Jahren von einem Eber niedergetrampelt worden und an seinen Verletzungen gestorben. Er konnte längst nicht mehr scharf sehen und litt sehr an steifen Gelenken, war also gar nicht mehr in der Lage gewesen, erfolgreich Waffen zu führen. Doch bei jener Treibjagd brauchten sie jeden Mann. Schließlich zählte ihre Sippe nur 16, der gesamte Stamm der Norsuns nur etwa 70 Menschen.

Hukan war sich seiner Fähigkeiten bewusst und auf seine selbst gefertigten Waffen und seine Hunde konnte er weitgehend vertrauen. Trotzdem würde auch ihn irgendwann einmal wieder ein wehrhaftes Wild oder ein Raubtier erwischen. Darüber war er sich im Klaren. Seine Verletzungen waren bisher immer gut verheilt, ohne ihn nachhaltig zu beeinträchtigen, selbstverständlich aber war dies nicht. Wohl ihm, wenn er sich im Falle eines solchen Unglücks wieder in menschlicher Gesellschaft befinden würde.

Begleitet von diesen Gedanken hatte der junge Jäger mit seinen Hunden die Höhe erreicht, wo er eine hoch aufragende Fichte erkletterte. Soweit er sehen konnte, schlossen sich noch drei Höhenzüge südlich an, von denen der Hintere jeweils den Vorderen überragte. Südöstlich erhoben sich noch höhere Berge. Er würde sich auf dem Weg nach Süden also mehr westlich halten. Abgeschirmt durch die Höhen konnte ihn dort der kalte Ostwind nicht so hart treffen.

Zufriedenstellend orientiert machte er sich wieder an den Abstieg. Die Richtung wählte er jetzt gleich so, dass sie im oberen Talverlauf gegen den Wind eintreffen würden.

Kurz bevor die Sonne unterging, bezog Hukan mit Bulan hinter Felsen und Gebüsch am Waldrand Warteposition. Packa hatte er zum oberen Tal-Ende hin etwa einhundert Schritte weiter positioniert, wo die erfahrene Hündin brav abwartete. Schon bald schnürte ein Fuchs unbekümmert quer über den Wiesengrund, ohne die lauernden Jagdgefährten zu wittern. Geduldig harrten Hukan und die Hunde weiter aus, bis sich tatsächlich gegenüber Bewegungen im dämmrigen Unterholz zeigten. Vorsichtig sichernd betrat ein Rehbock den lichten Wiesengrund. Zwischen Erlen durchquerte er schließlich den Bach und betrat die Talseite, auf der Hukan und die Hunde sich verbargen. Immer wieder abwechselnd äsend und witternd, die Lauscher ständig in Bewegung, wandte er sich langsam aufwärts, trippelte bedächtig an Hukan und Bulan vorbei, Richtung Packa, gefolgt vom äsenden Rudel. Die letzten Tiere passierten auf Hukans Höhe, das nächste etwa 25 Schritte von ihm entfernt. Jetzt! Hukan schleuderte den ersten Speer. Aus dieser Entfernung konnte er zwar kaum mit tödlicher Wucht treffen, aber sicher das Tier schwer genug verletzen, um sein Entkommen zu verhindern. Blitzschnell nahm er den zweiten Speer in die Wurfhand und sprintete los. Als der erste Speer sein Ziel fast mittig in die Seite traf, hatte Hukan im Laufen bereits den Zweiten geworfen, welcher dem gerade erschreckt losgaloppierendem zweitnächsten Opfer in das Hinterteil drang. Das gesamte Rudel wandte sich zur Flucht.

In diesem Augenblick preschte Packa aus ihrem Versteck und trieb die panisch reagierenden Tiere wieder zurück. Da kamen die Ersten auch schon wieder in Hukans Wurfweite. Er stellte sich voll aufgerichtet mit Bulan den frontal heranspringenden Tieren entgegen, die darauf ihre Laufrichtung nach links änderten und ihm so wieder die sicherer zu treffenden und empfindlicheren Seiten zuwandten. Vorsprintend schleuderte Hukan den dritten Speer dem nur etwa 20 Schritte entfernt vorbei galoppierenden Bock schräg entgegen. Der Speer traf zu flach, drang nicht in den Körper ein, sondern prallte ab und fiel zu Boden. Der Bock sprang mit weiten Sätzen in den Wald davon, gefolgt von den drei unverletzten Ricken.

Hukan schaute sich um. Das zuerst in die Seite getroffene Tier lag strampelnd am Boden, Bulan war deshalb dem ins Hinterteil getroffenen zweiten Reh nachgehetzt. Dieses versuchte mit Bocksprüngen und nach hinten ausschlagend, den Speer abzuschütteln, was ihm auch gelang. Dann setzte es zum Sprung über den Bach an. In diesem Augenblick bekam der Hund einen Hinterlauf zu fassen. Reh und Hund stürzten ins Wasser. Sofort änderte Packa, die dem Bock chancenlos hinterher gejagt war, ihre Richtung und galoppierte hinzu. Das seitlich im Bach liegende Reh trat verzweifelt mit dem freien Hinterlauf auf Bulans Kopf ein und traf seine Nase, worauf dieser ärgerlich jaulend losließ. Die Beute rappelte sich auf und setzte zu einem Sprung an das Gegenufer an. Doch da war auch schon Packa zur Stelle. Mit mächtigem zielsicherem Sprung packte die schwere Hündin das Reh am Hals und riss es wieder nieder.