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In der Steinzeit waren Jäger bereits in jungen Jahren vom Überlebenskampf gezeichnet. So auch der Norsun Hukan. Zähigkeit, Überlebenswille, Geschick, Intelligenz und (nicht zuletzt) die Hilfe seiner treuen Hündin ließen ihn schwere Verletzungen und Schicksalsschläge auch ohne menschlichen Beistand überstehen. Trotz und Selbstmotivation hatte er gelernt. Er musste auch erkennen, dass der Mensch unter Umständen selbst zum Schrecklichsten fähig ist: Andere Menschen zu töten. Doch als stärkste Kraft erweist sich immer wieder die Liebe, welche ihn letztendlich voll Hoffnung voran treibt. Todesmutig hat er seine Freundin Zetti aus der Gewalt religiöser Fanatiker befreit, sie anschließend aufopferungsvoll und geduldig aus geistiger Umnachtung ins Leben zurückgeholt. Jetzt will er nur noch eines: Zurück zu seiner großen Liebe Bebeh, Gewissheit erlangen, ob in seiner Heimat überhaupt jemand den Meteoriteneinschlag überlebt hat. Er ist auf das Schrecklichste gefasst, doch: wie viel kann ein Mensch ertragen? Dann ist da noch das Klima, welches sich als unberechenbar erweist …
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2013
Mike Barke
Jetztmensch III
Die Rückkehr
Prähistorischer Abenteuer-Roman
© 2013 Mike Barke
Umschlaggestaltung, Illustration: Mike Barke
Lektorat, Korrektorat: Raphael Barke
Die Nachbildung einer Höhlen-Löwin wurde mit freundlicher Genehmigung des Museum für Ur- und Ortsgeschichte Bottrop fotografiert.
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
eBook-ISBN: 978-3-8495-0363-5
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Vorwort:
In der Steinzeit waren Jäger bereits in jungen Jahren vom Überlebenskampf gezeichnet. So auch der Norsun Hukan.
Zähigkeit, Überlebenswille, Geschick, Intelligenz und (nicht zuletzt) die Hilfe seiner treuen Hündin ließen ihn schwere Verletzungen und Schicksalsschläge auch ohne menschlichen Beistand überstehen.
Trotz und Selbstmotivation hatte er gelernt. Er musste auch erkennen, dass der Mensch unter Umständen selbst zum Schrecklichsten fähig ist: Andere Menschen zu töten.
Doch als stärkste Kraft erweist sich immer wieder die Liebe, welche ihn letztendlich voll Hoffnung voran treibt.
Todesmutig hat er seine Freundin Zetti aus der Gewalt religiöser Fanatiker befreit, sie anschließend aufopferungsvoll und geduldig aus geistiger Umnachtung ins Leben zurückgeholt.
Jetzt will er nur noch eines: Zurück zu seiner großen Liebe Bebeh, Gewissheit erlangen, ob in seiner Heimat überhaupt jemand den Meteoriteneinschlag überlebt hat.
Er ist auf das Schrecklichste gefasst, doch: wie viel kann ein Mensch ertragen?
Dann ist da noch das Klima, welches sich als unberechenbar erweist …
Hukan war außer sich vor Glück. Was er nach seiner letzten Ausschau noch nicht zu hoffen gewagt hatte, wurde ihm von Goff offenbart: Ja, der Lenn war mit der Wemse identisch, es handelte sich um ein und denselben Fluss, dem die im Süden und Norden lebenden Stämme lediglich einen anderen Namen gegeben hatten. Sogar verwundert war der Alte gewesen, dass der Norsun dies nicht gewusst hatte. Freilich besaß der Lenn hier, an den Hügeln, der wundersamen Lebenswelt des Sonderlings Goff, bei weitem noch nicht die Breite, mit der er etwas weiter nördlich, in seiner Heimat, beeindruckte. Dieser Umstand hatte den jungen Jäger irritiert. Jetzt wusste er vom alten Einsiedler: Ein größerer Zufluss von Westen her, hinter weiteren Hügeln nördlich von Goffs Versteck verborgen, die Fulla, bescherte dem Lenn erheblich größere Wassermassen.
Hukan hatte an diesem klaren Nachmittag vom höchsten Baum der Hügel aus, ohne es zunächst zu erkennen, einen Blick in seine Heimat geworfen! Sie waren ihrem Ziel, seiner Bebeh zu Hilfe zu eilen, also bereits viel näher, als vermutet. Zetti, Packa und er könnten in drei bis vier Tagen sogar schon bei den weisen Steinen sein, denn diese befanden sich weit im Südwesten ihrer Jagdgebiete, in direktester Linie nur drei Tagesmärsche von der Wemse entfernt. Hukan war sich sicher, vom Floß aus die Uferstelle erkennen zu können, von wo aus sie auf dem Landweg weiterreisen müssten.
Wenn sie noch an diesem Abend aufbrächen, würde der Fluss ihr Floß im Tagesverlauf dorthin tragen.
Doch Zetti arbeitete immer noch an Goffs neuer Hose. Sie hatte dem alten Männchen (der Norsun bedachte den Alten keinesfalls aus Geringschätzung in Gedanken mit dieser verniedlichenden Bezeichnung, aber einen kleineren Mann hatte Hukan wirklich noch nie gesehen!) die Fell-Hosen wieder abgestreift, um die Verschnürung zu ändern. Etwas unglücklich hockte der untenrum nackte Greis am Feuer und wandte sich endlich wieder dem jungen Jäger zu. „Zu euren weisen Steinen möchtest du also zunächst?“ – Hukan nickte und antwortete, ebenfalls mit einer Kombination aus Gebärden und Lautsprache: „Soweit ich heute Nachmittag erkennen konnte, sind die Waldschäden durch die Himmels-Katastrophe im Westen meiner Heimat nicht so stark. Ich kann mir vorstellen, dass eventuelle Überlebende aus den anderen, stark zerstörten Gebieten sich zunächst zu den weisen Steinen aufmachten, unserer wichtigsten Stätte. Dort hatten die Schamanen sicher die Götter um Rat gefragt, zu klären was geschehen war und wie man sich weiter verhalten müsse.“ – Goff antwortete nicht gleich, sondern schaute den Norsun länger wie abwesend an. Mit monotoner Stimme und ohne Gebärden murmelte er dann: „Und Zetti träumte, Bebeh sei dort jetzt in Not ...“ – „Sie hat mir ihren Traum so detailliert geschildert, dass kein Irrtum möglich ist. Sie erwähnte Einzelheiten, die sie unmöglich kennen konnte. Und außerdem war da noch der seltsame Fisch.“ Zetti hatte die Unterhaltung schon halb mitverfolgt und hielt nun lauschend in ihrer Arbeit inne.
„Was denn für ein Fisch?“ Die Spannung in Goffs Frage war nicht zu überhören. – „Ein gleicher Fisch einer uns unbekannten Art, wie vor fast einem Jahr, als Zetti vor unserem Aufbruch in der Höhle angstvolle Zukunftsträume hatte.“ – „Du meinst, du hattest damals und jetzt wieder, einen unbekannten Fisch gefangen, zu den Zeiten als Zetti diese Träume hatte?“ – „Genau an den betreffenden Tagen! Und damals verschwand der Fisch auch noch auf unerklärliche Weise aus der Höhle.“ – „Kannst du mir die Fische beschreiben?“ Der Alte konnte seine Wissbegier nicht verbergen. – „Etwa halb so groß wie ein ausgewachsener Hecht, aber ziemlich plump und ohne auffällige Merkmale,“ erklärte Hukan schnell. – Der Alte starrte zunächst Hukan und dann Zetti mit offenem Mund an und als die Höhlenfrau bedächtig, bestätigend nickte, erklärte er: „Solch einen, auch mir bisher unbekannten Fisch, hatte ich auch am Tag eines seltsamen Traums in einer Reuse.“ – Zetti legte nervös ihre Handarbeit beiseite, kniete sich dicht vor den Alten, um jede seiner Mienen im flackernden Schein des Feuers genau erkennen zu können und forderte mit zwingendem Ton: „Du musst deinen Traum erzählen!“ – Goff schloss seine Augen, wie es seine Art war, und sagte zunächst gar nichts.
Als wenn er sich dann erst sicher sein konnte, alle Details vor seinem geistigen Auge präsent zu haben, begann er plötzlich: „Vor einigen Mondzyklen bereitete mir der rote Wandelstern große Sorgen. Ich beobachtete Abend für Abend wie er immer größer und heller anschwoll. Blutrot beschwor er großes Unheil herauf.“ Er machte eine Pause. „Dann, in einer Neumondnacht, in der er mir wieder noch größer und unheilvoller erschien, fand ich überhaupt keinen Schlaf. Innerlich aufgewühlt wälzte ich mich auf meinem Lager hin und her. Ich konnte mir nicht erklären, warum. Am nächsten Tag fand ich diesen seltsamen Fisch in der Reuse.“ Wieder machte er eine Pause. „In der Nacht darauf konnte ich spät endlich wieder einschlafen. Und hatte dann diesen fürchterlichen Traum: An einem mir unbekannten felsigen Berg, nahe an einem Fluss, dröhnten dumpfe Schläge durch die Nacht. Unheimlich bemalte Menschen, wie ich noch nie gesehen habe, versammelten sich dort um einen Felsblock. Einige von ihnen umtanzten wild ein Feuer. Man beschwor den blutroten Stern und wollte ihm Opfer darbringen, zuerst ein Tier und dann eine Frau. - Unter viel Geschrei entstand ein Tumult, alles rannte durcheinander, ich sah Blut spritzen, menschliche Körper wurden von Pfeilen und Speeren durchbohrt ... Es war schrecklich.“ Der Alte schüttelte sich unter der Macht der grausigen Erinnerung. „Ich erwachte in Schweiß gebadet, hatte Mühe, mich wieder zu beruhigen.“ Goff atmete tief durch. „Viele Tage hielt mich dieser schreckliche Traum umfangen. Ich fand das alles ungeheuerlich, dass ein lebender Mensch Göttern geopfert werden sollte, dass Menschen, wie Wild auf der Jagd mit Waffen getötet wurden. Schrecklich!“ Wieder schüttelte er sich. „Wie kann man so was unglaubliches träumen. Ich frage mich, ob die Götter mich damit dafür strafen wollen, dass ich einfach alle verlassen habe.“
Hukan starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Feuer. Er, Hukan, hatte die Menschen mit Pfeilen und Speeren durchbohrt! Er selbst war es gewesen. In diesem Augenblick erst, nachdem jemand sein Tun erzählte, wurde ihm das ganze Ausmaß seines Handelns bewusst. Diese gewaltige Schande, die er auf sich geladen hatte. Es war wirklich geschehen! Goff hatte es nicht nur geträumt.
Schande! Schande! Schande!
Aber, wie war es möglich, dass ein Mensch, weit von diesem schrecklichen Ereignis entfernt, es im Schlaf sah, als sei er anwesend gewesen?
Hukan schaute verstohlen zu Goff hinüber. Hatte der Alte ihn im Traum erkannt? Wusste Goff, dass er, der ausgestoßene Norsun dieser Menschen-Töter war? Bisher hatte er sich nur darüber geäußert, dass er aus Träumen wusste, dass Zetti und er zu ihm kommen würden und dass er, Hukan, ein tüchtiger Jäger sei, und mit seinem Hund schrecklichen Menschen entkommen konnte.
Hukan schluckte. „Sag mal, Goff, konntest du in deinem Traum erkennen, von wessen Pfeilen und Speeren die Menschen getroffen wurden?“ – Der Alte schüttelte den Kopf, seinen Blick zu Boden gerichtet. „Nein, alles wirbelte kreuz und quer durcheinander. Viel Blut spritzte. Dann wurde ich wach.“ – „Und du kanntest niemanden aus deinem Traum?“ – „Nein, alles, alles war mir unbekannt!“ – Goff hatte also auch Zetti nicht konkret in seinem Traum gesehen. – Dann brannte Hukan eine weitere Frage auf der Zunge: „Goff, sag mal, woher wusstest du, dass wir kommen würden?“ – Der Alte sah Hukan offen an: „In dem Moment, wo ich euch den Hang zu mir heraufkommen hörte, war mir einfach so, dass ich euch erwartet hatte. Als ich Zetti und dich dann vor mir sah, ward ihr mir gleich sehr vertraut. Ich kannte euch, kann dir aber nicht sagen, woher.“ – Hukan nickte. Genau so hatte der Alte sich bei ihrem Eintreffen verhalten.
Eine weitere Frage war da noch, die den Norsun bewegte: „Du sagtest auch, Frauen und Kinder seien dort getötet worden, woher wir kämen. War das auch einer deiner Träume?“ – „Wann hatte ich das gesagt?“, fragte Goff verwundert. „Ich kann mich nicht erinnern.“ – Hukan stutzte. „Gestern Abend sagtest du das auch, als du so lange mit geschlossenen Augen saßest und dann plötzlich schlafen wolltest!“, meinte er leicht vorwurfsvoll. – „Ach,“ seufzte der Alte, „ich weiß auch nicht, was da mit mir los war. Irgendwie hatte mich das Nachdenken sehr angestrengt.“ Zetti, die schweigend zugehört hatte, meldete sich zu Wort: „Hukan, das war bei Toba ähnlich gewesen, wenn sie im Magie-Raum Beschwörungen abgehalten hatte. Sie war dann anschließend immer sehr erschöpft gewesen und hatte sich an ihr Gesagtes nicht mehr erinnern können!“ Zetti begleitete ihre Worte mit bekräftigendem Nicken.
Hukan schluckte und schwieg. ‚Goff hätte vielleicht ein sehr guter Schamane werden können’, dachte er. Alle drei verfielen in schweigendes Nachdenken.
Zetti führte ihre Handarbeit zum Abschluss und bat Goff dann zu einer letzten Anprobe. Die Hose passte. Hukan schmunzelte, zwar hatte Zetti prima Arbeit geleistet, doch wegen der eingeschränkten Verfügbarkeit aus dem Vorrat, der Einfachheit halber für die Jacke dichtes, graues Wolfsfell verwendet, wogegen sie die Hosen aus glatteren Rehfellen zurechtgeschnitten hatte. Ein amüsanter Kontrast. Doch Goff schien das egal zu sein. Endlich fertig eingekleidet bewegte er sich geradezu genießerisch und machte nach verschiedenen Bewegungsübungen auch gleich eine Sitzprobe. „Fantastisch! Sogar sitzen kann man darin,“ freute er sich. Seine alten Augen glänzten, wie die eines beglückten Kindes. Ganz klar hatte er so angenehm weiche Felle noch nicht kennengelernt. Das war etwas ganz anderes als die steifen Dinger die man allgemein trug, betonte der Alte. – Hukan fügte noch hinzu: „Vor allem wärmen Kleidungsstücke aus geschmeidigen Pelzen besser, weil sie dichter am Körper anliegen. Diesen Vorteil wirst du noch schätzen lernen, wenn du bei Kälte draußen unterwegs bist. Ich danke es jedes Mal Zetti und ihren Stammesgefährtinnen.“
Die Frauen aus der Maunter-Höhle beherrschten die Fertigkeit der Fellaufbereitung eben wie sonst niemand.
Hukan verspürte immer noch starke Beklemmung wegen seiner Menschen-Tötungen. Um diese zu verdrängen griff er ein anderes bewegendes Thema auf. „Der rote Wandelstern ist längst wieder kleiner und unscheinbarer geworden, nicht wahr, Goff?“ – „So ist es,“ antwortete der Alte, „mehrere Wandelsterne verändern sich immer wieder mal auf diese Weise. Aber nicht so regelmäßig wie der Mond mit seiner Phasen-Gestalt. Früher soll ein sehr alter Schamane bei uns viel über die Gestirne und ihre Veränderungen gewusst haben. Leider gerieten die meisten Einzelheiten darüber in Vergessenheit. Bis auf zwei Ereignisse, welche sehr selten auftreten, dann aber erfahrungsgemäß große Panik unter den Menschen auslösen.“ – Hukan wurde hellwach, nicht wieder sollte ihm passieren, dass er ein Himmelsereignis, wie bei den vielen Sternschnuppen geschehen, nicht deuten konnte. „Was für Ereignisse wären das?“ - Goff nickte bedeutungsvoll. „Sowohl die Sonne, als auch der Mond können sich plötzlich teilweise, oder auch ganz verdunkeln. Das wirkt sehr, sehr schlimm, ist aber ganz ohne Folgen.“ – „Das soll also heißen, dass weiter nichts schlimmes passiert?“, fragte Hukan, um es ganz sicher zu verstehen. – „Nichts schlimmes passiert. Genau! Sie sind kurz verdunkelt und anschließend leuchten sie wieder normal. Meistens sind die Menschen aber sehr verängstigt, weil man nicht erkennen kann, was genau dabei am Himmel passiert, und fast immer bringen es Schamanen mit irgendwelchem Unheil in Verbindung.“ – „Diese Überlieferung hatte uns auch Toba oft erzählt,“ bemerkte Zetti. „Die meisten Menschen sollen ein solches Ereignis nie erleben, so selten passiert es.“ – „Ja, ja,“ nickte Goff, „es soll sogar noch mehr seltsame Ereignisse geben, die wegen ihres seltenen Auftretens aber nach einiger Zeit leider alle irgendwann bei den Überlieferungen vergessen wurden.“ Wieder schwiegen die Drei. Dann war es zu Hukans Überraschung Goff, der die Beiden zum Aufbruch mahnte. „Ich fühle sehr stark, dass jemand äußerst dringend eure Hilfe braucht. Auch wenn wir sicher noch viele Erfahrungen miteinander austauschen könnten, so solltet ihr nun weiter reisen. Um mich braucht ihr euch nicht zu kümmern. Dir Zetti danke ich sehr für die neue Kleidung. Ich werde weiter allein klarkommen!“
Hukan schaute den Alten groß an, natürlich empfand er die Aufforderung wie einen Vorwurf. Als wenn er an Bebeh erinnert werden müsste! Er staunte aber auch über die einfühlsame Weise, mit der Goff seine Empfindungen mitteilte und dass er an seine, Hukans, verloren gegangene Liebe dachte. Goff schien zu fühlen, welche Gedanken dem Norsun durch den Kopf gingen und er sprach weiter: „Es mag wieder seltsam klingen, aber ich fühle tatsächlich die Not deiner Bebeh, auch wenn ich nicht einmal von ihr geträumt habe. Doch ist es nicht nur ein Gefühl, sondern Gewissheit.“ – Zetti dachte wieder an Tobas Eingebungen und meinte bestätigend: „Du hast die Fähigkeit, Ereignisse aus der Ferne zu fühlen. Ich glaube dir.“ Zu Hukan gewandt fuhr sie fort: „Ja, lass uns aufbrechen. Vielleicht können wir unseren Freund ja schon bald wieder besuchen.“ – Hukan nickte nur stumm.
Goff begleitete sie still zum Floß, half ihnen, es abzustoßen und sie trieben schweigend, ohne sich noch einmal umzusehen, auf den breiten, ruhigen Fluss hinaus, in die Finsternis.
Es war wirklich finster, trotz der weißen Schneedecke auf dem Land, denn dichte Bewölkung verdeckte die himmlischen Lichter. Bald darauf begann es leise zu schneien. Kein Wind wehte und wie von einer Wolke getragen, trieben sie dahin. Eng aneinander gekauert saßen Hukan, Zetti und Packa unter dem kleinen Wetterschutz. Ihnen war nun kalt, nach dem Aufenthalt im vom Feuer gewärmten Goff’schen Versteck.
Hukan dachte an seinen Traum nach Kattas Tod, in welchem er mit Packa über eine weite, verschneite Landschaft schritt, begleitet von Kattas überirdischer Lichtgestalt. Die Sorge um die zurückgebliebenen, ihm lieben Frauen, war die treibende Kraft in seinem verzweifelten Überlebenskampf gewesen. Die Höhle mit den Maunterinnen war längst Vergangenheit, sein Ziel war nun Bebeh, in jetzt nicht mehr allzu weiter Ferne. War es nicht auch eine Art Zukunftsvision gewesen? Wenn auch nur eine schwache?
Der Geist seiner wilden, getöteten Freundin begleitete ihn tatsächlich auf allen seinen Wanderungen. Hukan fühlte es immer wieder. So viele tiefgreifende Erlebnisse hatte er mit ihr geteilt, so wichtige Erfahrungen mit ihr gesammelt... Sie hatten sich geliebt.
Als habe ihm Kattas Lichtgestalt mahnend auf die Schulter geklopft, fuhr er hoch. Er musste sich auf den Fluss konzentrieren! Wie leicht könnten sie plötzlich gegen ein Hindernis im Wasser oder Gestrüpp am Ufer treiben! Er küsste Zetti, die in seinem Arm bereits eingeschlafen war, ließ sie sanft auf das Fell gleiten und begab sich, mit einer Stange bewehrt, auf den vorderen Teil des Floßes.
Die Wemse besaß hier plötzlich eine so große Tiefe, dass Hukan den Grund mit seiner vier Schritte langen Stange nicht mehr erreichen konnte. Sie mussten die Einmündung der Fulla also bereits passiert haben. Kurskorrekturen konnte er nun nur noch mit seinem Paddel vornehmen. Hukan, als erfahrener Wasserfahrer, fand es nicht zu riskant, sich bei Dunkelheit auf einem so großen Fluss dahintreiben zu lassen. Jetzt, in der langen Frostperiode führte die Wemse nicht sehr viel Wasser und in der nördlichen Ebene, welche sie nun erreichten, gab es kaum felsigen Untergrund, sodass der Fluss ruhig dahinströmte. Allmählich ließ auch der Schneefall nach, so vermochte Hukan die Ufer ganz gut zu erkennen.
Als es dämmerte, erwachte die Höhlenfrau und erschrak, ob der großen Wasserfläche ringsum. „Hukan, ich kann nicht schwimmen!“, stieß sie ängstlich hervor.
Damit hatte Hukan nicht gerechnet! Überhaupt hatte er sich über solch eine Möglichkeit keine Gedanken gemacht, dass ein Mensch nicht schwimmen können könnte. In seiner Heimat, mit den vielen Gewässern, war es so selbstverständlich, man musste auf den Wanderungen so oft tiefere Wasser durchqueren, dass dem Norsun niemals der Gedanke gekommen wäre, dass ein Mensch dies nicht vermochte. Auch Katta und Schalla konnten es doch. Aber, wie er sich die Lebensgewohnheiten der Maunter vor Augen führte und Zettis ängstliches Gemüt, verstand er es schnell. Sie hatte die Nähe der Höhle nie verlassen müssen, durch ihre handwerklichen Fähigkeiten bedingt, war dort ihr Platz in der Gemeinschaft gewesen. Jagen und Sammeln taten die Anderen.
Hukan prüfte mit seinen Blicken kurz noch einmal den Flussverlauf in Fahrtrichtung und setzte sich dann zu Zetti aufs Fell. Beruhigend legte er einen Arm um die Ängstliche und flüsterte: „Das Fahren hier ist jetzt gar nicht gefährlich. Es ist unmöglich, dass das Floß kentert. Und du kannst ja ruhig hier unter dem Dächlein sitzen bleiben.“ – Zetti schaute ihn groß an: „Und wenn wir auf Stromschnellen stoßen, wie oberhalb, bei den Tiwazzern?“ – „Es gibt hier keine Stromschnellen, die Wemse ist so tief, dass man weit über dem Grund schwimmt.“ – Entsetzt schaute sie ihn an: „Soll das heißen, dass man in diesem Wasser nirgends stehen kann?“ – Hukan, war irritiert, hätte er doch bloß nicht die Wassertiefe erwähnt! Bisher war Zetti doch immer unbekümmert mitgefahren. Ruhig sagte er: „Wenn du mitten auf dem Floß sitzen bleibst, kann dir überhaupt nichts geschehen. Übrigens kenne ich das Land auf der rechten Seite hier bereits. Es ist meine Heimat! Spätestens heute Nachmittag sind wir auf der Höhe der weisen Steine, wo wir an Land gehen.“ Zetti zeigte sich halbwegs beruhigt, hockte aber sichtlich verkrampft.
Hukan dagegen lebte auf. Wie lange hatte er darauf gewartet, endlich wieder direkt zu Bebeh unterwegs zu sein! Was für ein schönes Gefühl, in vertraute Umgebung zurückzukehren! Auch Packa regte sich. Aufgeregt die Nase in den Wind gehoben, witterte sie den Duft des heimatlichen Landes, blinzelte zu den verschneiten Kiefern und Birken hinüber. Hukan war in diesem Augenblick wieder überzeugt davon, dass auch Hunde sich an alle Ereignisse der Vergangenheit erinnern können.
Wut und Hass auf seine Stammesangehörigen traten weit in den Hintergrund, die Sorge um Bebeh und die Frage, wer überhaupt überlebt hatte, bestimmten Hukans Denken und Fühlen. Ja, die Druckwelle hatte bis hierher gewütet. Auf allen Erhebungen lagen die Bäume flach. Vor seinem geistigen Auge erschien der gewaltige Lichtschein am Himmel, wie er ihn in der Löwenschlucht erlebt hatte, wie Bäume, Felsbrocken und Unmengen Dreck herangeschleudert wurden, vor denen Katta, er und die Hunde mit knapper Not in die Löwenhöhle flüchten konnten. Bulan hatte es nicht ganz geschafft, war noch im Höhleneingang zerschmettert worden. Ob Packa ihren Jungen wohl noch oft vermisste? Hukan hätte viel darum gegeben, würde dieser hervorragende Hund noch leben. Packa wurde nun langsam alt. War sie wirklich das letzte Tier ihrer Hundezucht, die sie schon seit Generationen betrieben hatten und auf die er so mächtig Stolz gewesen war? Solche Hunde, richtig erzogen und ausgebildet waren unschätzbar wertvolle Helfer für den Menschen im Überlebenskampf.
Nicht nur Hukan und sein Vater, auch andere Norsuns hatten vierbeinige Begleiter von Packas Stammbaum besessen. Jetzt, bei seiner Rückkehr, hoffte der Ausgestoßene, dass wenigstens ein paar von ihnen noch lebten.
Wie würden Stammesangehörige ihn wohl empfangen? Hukan konnte sich nun nicht vorstellen, dass ausgerechnet nur Bebeh noch lebte, wie Zetti geträumt hatte. Eine ungeahnte Spannung baute sich in dem jungen Jäger auf. Er konnte vor allem auch wirklich nicht abschätzen, wie man sich nun ihm gegenüber verhalten würde.
Auch hier lag der Schnee nicht hoch und es herrschte nur schwacher Frost. Nichts wies auf eine Wetterverschlechterung hin. Sie würden gut wandern können. Doch wie sah es weiter östlich aus, wo Hukan das Zentrum der Katastrophe vermutete? War das Land ohne weiteres passierbar? Der sonst so kühle Jäger wurde zusehends aufgeregter, je weiter sie nach Nordosten trieben, denn in diese Richtung floss die Wemse nun. Vom Floß aus beobachteten sie Rehe und Hirsche und einmal ein Rudel Wölfe. An Jagen dachte Hukan gar nicht mehr, ihm galt es nur noch, so schnell wie möglich anzukommen, und auch Zetti klagte nicht über Hunger. Die Nichtschwimmerin wurde ohnehin nur noch vom Drang dominiert, endlich dieses große Wasser zu verlassen.
Gerade das, nämlich der Gedanke an das Verlassen des Floßes, bereitete Hukan aber etwas Sorge. Denn die Wemse war zu den Ufern hin in einer Breite von mehren Schritten zugefroren. Erfahrungsgemäß war das Eis an den Rändern zur Flussmitte hin zu dünn, das konnte Probleme geben, es sei denn, sie fänden wieder einen ins Wasser gestürzten Baum, an welchem sie anlegen könnten.
Sie hatten Glück. Zwar lag der Baum an einer ungünstig weit entfernten Uferstelle, weit vor der Höhe der weisen Steine, doch er lag für ihren Zweck perfekt, dass sie gefahrlos das Floß befestigen und verlassen konnten. Hukan räumte auch die mitgebrachten Sachen ab und lagerte sie in Ufernähe, etwas erhöht, unter weiteren umgestürzten Stämmen, wo er sie, so gut es ging, abdeckte.
Es war kurz nach Mittag, als sie zu den weisen Steinen aufbrachen. Wie gewohnt nutzte der Jäger schon bald die Gelegenheit, einen größeren, noch stehenden Baum zu besteigen, um Ausschau zu halten. Das Ausmaß der Zerstörung, welches sich nach Osten hin darbot, entsprach seiner Befürchtung. Im Ferndunst erkannte er die drei flachen Hügel, zwischen zwei Seen gelegen, an denen sich die weisen Steine befanden. Kein Baum war stehen geblieben. Ansonsten konnte Hukan nichts bemerkenswertes entdecken.
Gemächlich, damit Zetti nicht zu schnell ermüdete, setzten sie ihren Weg fort. Hukan, strapaziöses Gehen gewohnt, ging barfuß, Zetti dagegen trug Fell-Schuhe, um ihre Fußsohlen zu schonen. Zwischen den zerstörten Wäldchen gab es viele Heide Flächen und jetzt gefrorene Moore, sodass sie wesentlich besser vorankamen als seinerzeit Hukan und Katta in den felsigen Bergen. Hukan schoss ein Birkhuhn, einen Fuchs und ein Kaninchen, die Packa aufgestöbert hatte.
Bei Anbruch der Dämmerung befanden sie sich bereits in dem Bereich, in welchem kein Baum mehr aufrecht stand. Hukan konnte nicht mehr Ausschau halten und ließ sich deshalb etwas Neues einfallen. Um Aufmerksamkeit zu erregen, legte er in einem dichten Gebüsch Feuer. Prasselnd schlugen mehrere Schritte hohe Flammen gen Himmel, illuminierten eine sehr weit sichtbare Rauchsäule. Zetti hatte währenddessen bereits begonnen, die Beute zuzubereiten und als es dunkel war, aßen sie sich schweigend satt.
Der Buschbrand erlosch nach einiger Zeit selbst. Hukan sammelte vor dem Schlafengehen ungewöhnlich viel Holz, um die ganze Nacht über ihr Lagerfeuer weithin sichtbar am Brennen halten zu können, dann sprachen sie die Reihenfolge ihrer Nachtwachen ab und der Jäger legte sich als erster schlafen.
Trotz der durchwachten letzten Nacht, gelang es ihm nicht, abzuschalten. Hätte er nicht auf Zetti Rücksicht nehmen müssen, Hukan wäre mit seiner Hündin weiter gewandert. Bereits nach kurzer Zeit löste er seine Gefährtin ab und erbot sich, die ganze Nacht zu wachen.
Unruhig entfernte er sich immer wieder vom Feuer, spähte wieder und wieder horchend in die dunkle Landschaft. Wie sehr er doch einen Aussichtsbaum vermisste! Immer wieder kreisten seine Gedanken darum, was sie tun könnten, wenn sie bei den weisen Steinen wider Erwarten keine Hinweise von Überlebenden, von Bebeh finden würden. Diese Ungewissheit war kaum auszuhalten. Doch Zetti brauchte Ruhe und Schlaf, er musste sich bis zum nächsten Tag gedulden.
Diese, ohnehin lange Winternacht schien nicht enden zu wollen. Beim ersten, noch kaum wahrnehmbaren Dämmerlicht weckte Hukan seine Gefährtin und mahnte zum Aufbruch.
Zielstrebig schlugen sie den direkten Weg zu den weisen Steinen ein, schon bald konnten sie sich an den immer deutlicher sichtbaren drei Hügeln orientieren. Je mehr sie sich ihnen näherten, desto mehr wurde Hukan klar, dass jemand, der sich am gestrigen Abend dort aufgehalten hätte, unbedingt den unnatürlichen Buschbrand bemerkt haben müsste und sie folglich, gegebenen Falls, erwarten würde. Immer wieder blieben Hukan und Zetti stehen, um ruhig zu den Hügeln zu spähen, doch weder Mensch noch Tier ließen sich auf den schneebedeckten freien Erhebungen blicken.
Kurz nach Mittag betrug die Entfernung nur noch einige hundert Schritte, als sie Hundefährten kreuzten. Hundefährten! Deutlich erkennbar hoben sich die Fußeindrücke zweier Hunde von der sonst weit und breit unversehrten Schneedecke ab. Ganz eindeutig Hundeeindrücke, gleich denen von Packa. Keinesfalls handelte es sich um Wolfsfährten, da diese und die etwas kleineren Rothunde beim Laufen gewöhnlich „schnürten“, also mit den Hinterfüßen in die Eindrücke der Vorderfüße traten, was hier nicht der Fall war.
Zwei Hunde alleine! Eigentlich etwas unmögliches, denn die Hunde der Norsuns hätten sich niemals von ihren Menschen entfernt. Hukan wurde mulmig zumute. Betroffen ließ er seinen Blick über die fast geradlinig von Süden nach Norden führende Fährte gleiten. Die Hunde waren also weder von der nahen Kultstätte gekommen, noch wollten sie zu dieser. Das konnte nur bedeuten, dass sich dort in letzter Zeit kein Mensch aufgehalten haben konnte, denn sonst hätten die Hunde deren Gegenwart gewittert und sich dazugesellt.
Der Blondschopf betrachtete Packa, die aufgeregt die Spuren beschnuppert hatte und in erwartungsvoller Freude ihr Herrchen ansah, bereit, der Fährte zu folgen. Ganz offensichtlich handelte es sich um ihr bekannte Hunde. Zetti, die Packa mittlerweile auch recht gut kannte, und die Mimik der Hündin weitgehend verstand, schaute Hukan fragend an: „Folgen wir ihnen? Es sind doch sicher Hunde von Bekannten.“ – Hukan schaute ihr mit versteinerter Miene in die Augen und schluckte. Dann wandte er seinen Blick langsam zu den Hügeln und antwortete matt: „Wir müssen zunächst bei den weisen Steinen nach Anzeichen Überlebender suchen. Die Hunde können wir sowieso nicht schnell einholen, weil die Fährte mindestens einen Tag alt ist.“ – „Warum bist du so betrübt? Glaubst du nicht, dass die Hunde zu Stammesangehörigen von dir unterwegs sind?“ – Hukan schüttelte den Kopf: „Unsere Hunde streifen niemals allein umher, ohne ihre Menschen.“ Eindringlich schaute er seine Gefährtin bei diesen Worten an. Zetti verstand und sagte nichts mehr. Schweigend wandten sie sich den Hügeln zu.
Es war so wie Hukan befürchtet hatte: Außer Fährten verschiedener Kleintiere waren in weitem Bereich auf und um den Hügeln keine Spuren zu entdecken. Seit vielen Tagen hatte sich niemand dort aufgehalten. Ratlos pendelten das Paar und die Hündin im Schnee zwischen den weisen Steinen umher. Konsterniert gab Hukan Packa die Befehle: „Such! Such Bebeh! Such Menschen!“ Emsig dem Befehl folgend, aber sichtlich irritiert spürte die Hündin durch den Schnee umher. Hukan und Zetti folgten ihr stehend eine Zeit lang mit ihren Blicken, bis beide sich endlich eingestanden, wie vergeblich sich Packa mühte. Dem Norsun schnürte die Sehnsucht nach seiner Liebe mehr und mehr die Kehle zu, und ermattet durch die drückende Last der Hoffnungslosigkeit ließ er sich schließlich an Bebehs und seinem Lieblingsstein nieder. Zetti tat es ihm gleich. Schwermütig ergaben sie sich der mystischen Ausstrahlung dieser bedeutungsvollen Stätte.
Wie oft mochten Menschen hier die schönsten Tage ihres Lebens verbracht haben? Die Norsuns feierten hier den längsten, lichtreichsten Tag des Jahres soweit ihre Überlieferungen zurückreichten. Vor langer, langer Zeit hatten Schamanen die hier besonders zahlreich herumliegenden schweren Steine nach ihren Eingebungen und Erkenntnissen angeordnet. Einige so, dass man an deren Schatten exakt den Höchststand der Sonne am Tag der Sonnenwende ablesen konnte. Zwischen weiteren Steinen hindurchschauend, sah man sie an diesem längsten Tag des Jahres auf- beziehungsweise untergehen. Sie markierten die Anfangs- und Endpunkte der längsten Tages-Bahn des Hauptgestirns. Schwere, von den Kräften der Natur abgeschliffene Steine waren es, welche nur mit den vereinten Kräften vieler Männer bewegt werden konnten. Von Wind und Wetter unverrückbar lagen sie dort. Unzählige Liebende hatten hier der Tradition gehorchend ihren Bund fürs Leben geschlossen.
Mit schwacher Aufmerksamkeit beobachtete das einsame Paar noch einmal die unermüdliche Hündin. Schließlich, der Schnee im gesamten Umkreis war von ihren Fußstapfen übersät, gab Packa auf und legte sich zu ihren Menschen.
Hukan dachte daran, wie er, dem Tod entronnen, am Opferstein der Tiwazzer nach Brauchbarem gesucht hatte, um sich wieder mit dem Nötigsten auszustatten. Dort hatte eine kleine, leichte Hütte gestanden, welche seine Feinde bei einem Aufenthalt nutzten, in ihr auch verschiedenes während ihrer Abwesenheit lagerten. Hier, bei den weisen Steinen existierte so etwas nicht. Längst war auch auf dem sandigen Boden in weitem Umkreis jeder höhere Bewuchs abgeholzt. Die Norsuns pflegten alles in großen, mit Fellen abgedeckten Körben und auf Tragegestellen mitzuführen, wenn sie sich zum Fest der Sommersonnenwende hier trafen. Selbst Brennholz mussten sie mitbringen. Außer Knochenresten und hier und da herumliegenden Bruchstücken oder Fetzen abgenutzter oder defekter Gebrauchsgegenstände gab es nichts zu finden.
Hukan und Zetti entdeckten nichts von besonderer Bedeutung oder Wert!
Wenn Bebeh ihm irgendein Zeichen hier hinterlassen hätte! „War es in deinem Traum eigentlich Winter?“, fragte er Zetti unvermittelt. „Hast du sie Not leidend am selben, betreffenden Tag gesehen, an welchem du träumtest?“, setzte er gleich nach. Mit großen Augen blickte sie ihn an und antwortete bedächtig: „Nein, es lag wohl kein Schnee. Ich sah sie im blühenden Heidekraut vor diesem Stein sitzend.“ Das Erstaunen über diese Erkenntnis stand Zetti ins Gesicht geschrieben. Hukan senkte den Kopf. Mitfühlend legte seine Gefährtin ihm den Arm um die Schultern. Sie schluckte ein paar mal, um die eigene Ratlosigkeit zu überwinden und flüsterte dann, sich auf Hukans Schlauheit besinnend: „Sicher werden wir sie trotzdem finden. Wäre sie nicht mehr am Leben, hätte ich bestimmt nicht im Traum ihren Hilferuf gesehen.“ Hukan nickte stumm und umarmte seine Freundin dankbar.
Wie sie ihre Umarmung endlich wieder lösten, sah der Jäger sich mit Packas aufforderndem Blick konfrontiert. Als wolle sie ihn hypnotisieren, saß sie, ihn anstarrend unmittelbar vor ihm. Eindringlich ermahnte die Hündin ihr Herrchen, die Fährte der Hunde nicht zu vergessen. Hukan verstand und erhob sich. Ermutigt, diesen nächsten, logischen Schritt zu unternehmen, forderte er Zetti auf: „Lass uns aufbrechen, den Hunden zu folgen! Wie ich Packa verstehe, muss es sich um uns bekannte Individuen handeln. Es wird uns von großem Nutzen sein, unser Rudel zu vergrößern. Außerdem liegt mir viel daran, unsere Zucht weiter fortzuführen.“ Sofort machten sie sich auf.
Der Fährte zu folgen erwies sich zunächst als vollkommen unproblematisch. Schon bald wähnte sich der Jäger sicher, zwei Rüden vor sich zu haben, so oft fand er deren Urin-Markierungen an Sträuchern oder Steinen. Dann wichen die Fährten plötzlich von der ursprünglichen Richtung ab, die Hunde waren in Galopp verfallen; die Fußeindrücke vereinigten sich kurz darauf mit einem Gewirr vieler Hufeindrücke. Der stark aufgewirbelte und zertretene Schnee verriet dem Jäger, dass die Gesuchten eine Herde Pferde aufgeschreckt hatten. Nun war es spannend für den Jäger und seinen Hund, die Stelle zu finden, an der sich die Fußeindrücke der Hunde und jene eines einzelnen Pferdes aus dem Fährten-Gewirr lösten. Den beiden Rüden war es, wie zu erwarten stand, wohl tatsächlich gelungen, ein schwächeres Tier aus seiner Gemeinschaft heraus zu treiben. In panischer Flucht zwischen Gebüschen hindurch und über gefrorene Moorflächen und umgestürzte Bäume, hatte das unglückliche Pferd versucht, seine hungrigen Verfolger abzuschütteln, - vergebens. Nach einer größeren Verfolgungsstrecke erblickte das Menschenpaar in einiger Entfernung die neben dem aufgerissenen Kadaver ihrer Beute satt und träge ruhenden Hunde. Erstaunt hoben diese zunächst die Köpfe, als sie die Herannahenden bemerkten. Freudig sprangen sie dann auf und stürmten ihnen entgegen. Offensichtlich waren sie froh, endlich Menschen zu begegnen und erkannten in Packa und Hukan schnell vertraute Gestalten. Dem „Hundekönner“ der Norsuns bereitete es natürlich ebenfalls keine Mühe, die zwei Rüden zu identifizieren. Vor Freude strahlend erkannte Hukan Tok, einen Bruder Packas, und Wago, einen jetzt Dreijährigen aus einer Zucht-Nebenlinie, der einem Norsun namens Saman gehört hatte. Beide Besitzer waren also ziemlich sicher umgekommen.
Stürmisch sprangen die verwaisten Vierbeiner an ihrem Bekannten hoch. Erst als Hukan sie ausgiebig getätschelt und gelobt hatte, fielen sie auch förmlich über Packa her und wandten sich abschließend, weniger aufgeregt, Zetti zu. Die Höhlenfrau staunte, wie ähnlich sie Packa sahen. „Ganz klar sind das eure Hunde!“, rief sie erfreut, wandte ihren Blick der Beute zu und fügte anerkennend hinzu: „Ganz tüchtige Hunde!“ – Hukan lachte: „Natürlich gehört ihre Beute jetzt uns. Lass uns gleich Holz sammeln, wir haben für den Rest des Tages zu tun.“
Für die Maunterin war es das erste Pferdefleisch, doch obwohl es sich um ein schon altes Tier gehandelt hatte, äußerte sie sich lobend über den angenehmen Geschmack. „Nur schade, dass es kein Geweih oder Hörner trägt, aus denen man etwas machen könnte,“ fügte sie kauend hinzu. „Aber aus dem langen Schwanzhaar werde ich mir etwas flechten.“ – „Wir stellen aus den Haaren zum Beispiel Matten oder Kopfbedeckungen her,“ pflichtete Hukan ihr bei. „Haar ist leichter und weicher als Pelz und hält trotzdem schön warm.“
Die Stimmung des Norsun hatte sich nun deutlich gebessert. Die Trauer darüber, Bebeh nicht angetroffen zu haben, war Zuversicht gewichen. Am liebsten hätte Hukan gehabt, Packa wäre gerade läufig gewesen. Doch deren Paarungsbereitschaft trat immer mit schöner Regelmäßigkeit im Herbst ein.
Die Rüden zeigten sich bei bester Gesundheit, hatten die Katastrophe wohl ohne größere Verletzungen überstanden. Aber wie und wo? In seiner Heimat gab es keine Felsenhöhlen; eine andere Möglichkeit wollte dem Jäger nicht einfallen. Tatsache aber war, dass die beiden Hunde überlebt hatten, also konnten auch Menschen überlebt haben. Das Problem bestand einzig darin, sie zu finden, in dem riesigen Gebiet. Das war Tok und Wago trotz ihres guten Spürsinns nicht gelungen. Doch während Zetti und Hukan still aßen, fiel dem Jäger eine Möglichkeit ein, auf welche Hunde wohl kaum kommen konnten: Während die Rüden vermutlich nur aufs Geratewohl umhergestreift waren, könnten sie zusammen sich nun zur Sommersonnenwende bei den weisen Steinen aufhalten; wie die Blondschöpfe dies traditionell taten. Überlebende mussten an diese Möglichkeit denken! Eine weitere Chance, wieder auf Menschen zu treffen, sah Hukan darin, weit im Osten jene Flussfurt aufzusuchen, an welcher sein Onkel Hapo mit seinem Klan sich niedergelassen hatte. Dort passierten öfters Wandernde, um Tauschgeschäfte mit den sonst nomadisierenden Norsuns zu treiben. Hapo, oder jemand anderes von seinem Klan, war deshalb immer dort anzutreffen. Zwar gab es auch da keine Höhle, aber eine Hütte, - und: die Furt lag sehr weit entfernt im Südosten, vermutlich weit genug von der Katastrophe entfernt. Der Winter würde bald vorüber sein und die Zeit gut reichen, um zur Sonnenwende wieder zu den den Steinen zurückzukehren.
Zufrieden über seine Planung legte er das letzte, angebissene Stück Braten aus der Hand und seufzte: „Mehr schaffe ich nicht.“ – Zetti hatte ihn während des Essens still beobachtet, wie immer, wenn sie spürte, dass ihr Gefährte über etwas grübelte. Ihr war nicht der zufriedene Gesichtsausdruck entgangen, mit dem er das Nachdenken beendete. „Hast du eine Idee, wie wir nun weiter vorgehen könnten?“, fragte sie voller Hoffnung. Hukan nickte: „Wir werden nach Osten wandern, bis zum Strom Woo, der das natürliche Ende unseres Verbreitungsgebietes bildet. Dort gibt es eine einzige Möglichkeit, den riesigen Fluss zumindest in trockeneren Perioden zu Fuß und teilweise schwimmend zu überqueren. Alle Großtierherden nutzen seit undenklichen Zeiten die Passage auf ihren Wanderungen. Dort lebt der Klan meines Onkels Hapo, von dem ich euch in der Höhle erzählte. Wenn wir bis dorthin Bebeh nicht begegnet sein sollten, kehren wir zur Sommersonnenwende wieder zu den weisen Steinen zurück.“
Der Norsun legte dies alles mit solcher Selbstverständlichkeit dar, dass Zetti keine Bedenken kamen. Sie nickte stumm und zufrieden. Hukan selbst fühlte sich so sicher, alles bewältigen zu können, dass schon wieder eine ungeheure Katastrophe oder eine heimtückische Erkrankung bei Zetti oder ihm geschehen müsste, sollten sie vor unlösbare Probleme gestellt werden. Er fühlte sich auch sicher, den Zeitpunkt der Sonnenwende einigermaßen präzise vorherbestimmen zu können, mit seiner jetzigen Erfahrung. Wenngleich es früher ausschließlich Aufgabe der Schamanen gewesen war.
Tok und Wago hatten schläfrig, aber mit stillem Interesse den Menschen und Packa beim Essen zugeschaut. Jetzt, nachdem Hukan und Zetti ihre letzten Bissen geschluckt hatten, kamen sie herbei und legten sich zu den beiden, um sich von ihnen ausgiebig kraulen zu lassen. Hukan nutzte die Gelegenheit, sie noch einmal gründlich zu inspizieren. Er konnte es kaum glauben, aber so penibel er sie auch betrachtete und abtastete, er konnte keine größeren Narben oder verheilte Brüche feststellen. Wie konnten die beiden die Katastrophe unverletzt überstehen? Waren sie mit ihren Menschen so weit abseits unterwegs gewesen, vielleicht sogar außerhalb ihrer gewohnten Jagdgebiete? Aber wieso hatten ihre Besitzer dann nicht überlebt? Es war ihm ein Rätsel.
Zetti schien seine Gedanken zu erraten, auch sie dachte daran, wie sie und ihre Gefährtinnen nach der Katastrophe in ihrer Höhle ausharren mussten, und an die Berichte von Hukan und Katta, die mit Packa nur mit knapper Not in der Löwenhöhle überleben konnten. „Hukan, kannst du dir erklären, wie die Rüden überleben konnten? Es muss doch irgendwo eine Höhle geben, die du vielleicht nicht kennst, denn draußen konnte doch lange niemand atmen. Du hast uns doch auch von dem verendeten Wolf erzählt, dessen Lunge voller Schmutz gewesen war.“ – Der Jäger nickte: „Es ist mir unbegreiflich, warum die beiden keinen Schaden genommen haben.“ – „Und ihre Menschen! Warum haben die nicht auch überlebt?“ – Hukan schüttelte den Kopf: „Weiß ich wirklich nicht.“ – „Oder ob sie vielleicht schon vor dem Unglück voneinander getrennt waren?“ Zetti blickte ihn mit seitlich geneigtem Kopf an. Hukan schaute überrascht: „Das könnte die Sache zumindest teilweise erklären.“ Dann fasste er sich betroffen an den Kopf und stöhnte: „Die Krankheit! Die Krankheit, aufgrund derer sie mich schließlich verstießen! Vielleicht waren sie daran verstorben.“ Mit weit geöffneten Augen schaute er seine Gefährtin lange an, als wolle er die ganze Wahrheit in ihrem Gesicht erkennen. Bedächtig nickend sprach er langsam weiter: „Vielleicht hatte die Katastrophe am Himmel gar nicht ein so großes Gebiet im Norden betroffen, wie es mir von der Löwenschlucht aus den Anschein hatte? Vielleicht hat bereits vorher die Krankheit alle Blondschöpfe dahingerafft?“ Er machte eine Pause, sie weiter anstarrend. Dann fügte er seufzend hinzu: „Nein, sicher nicht alle, denn dann hätte auch ich nicht überlebt. - Ich bin gespannt, wie die Landschaft weiter östlich aussieht.“ – „Oder sollten wir nicht doch lieber nordwärts wandern?“, fragte Zetti unsicher. – „Hmm,“ brummte der Norsun, „jetzt bin ich verunsichert. Lass uns darüber schlafen.“
In dieser nicht sehr kalten Nacht fanden sie endlich wieder Ruhe. Satt und einigermaßen beruhigt schlief das Menschenpaar tief und fest. Endlich befand sich der Jäger wieder in der relativ sicheren Heimat. Hukan hatte sogar darauf verzichtet, das Feuer weiter zu unterhalten. In dem großen Aschenhaufen hielt sich bestimmt bis zum Tagesanbruch genügend Glut, um es bei Bedrohung durch Futterneider schnell wieder aufflammen zu lassen. Die drei erfahrenen Hunde boten genügend Schutz in der ziemlich offenen, verschneiten Landschaft. Sie würden die Annäherung von Wölfen rechtzeitig melden und diese zunächst abwehren; andere Räuber gab es nicht zu befürchten.
Da sie nicht gestört wurden, verbrachten sie noch einen vollen weiteren Tag und eine Nacht bei der Beute. Hukan entschied nicht nur so, um allen vor der langen Reise noch einmal genügend Zeit zum Kräfte Sammeln zu gewähren, sondern auch, um die Nähe der weisen Steine nicht so schnell zu verlassen. Diese befanden sich noch in guter Sichtweite von ihrem Lagerplatz und als sie am übernächsten Tag aufbrachen, suchten sie zunächst wieder die Feierstätte auf. Noch einmal ließen sie die Anlage auf sich wirken, gaben sich der Sehnsucht nach lieben Menschen und sorgenfreien Tagen in geselligem Kreis hin. Nachmittags kam schneidend kalter Ostwind auf. Der Holzmangel machte sich unangenehm bemerkbar. Deshalb brachen die Wanderer eilig wieder auf, um möglichst bald zu einer windgeschützten Stelle zu gelangen, an welcher sie ein wärmendes Feuer entfachen könnten. Hukan gab die Richtung vor, und Packa eilte, die beiden Rüden anführend, voraus. Der Norsun wusste südöstlich eine von Hügeln umsäumte, bewaldete Senke, in welcher sie vor dem schneidenden Wind Schutz suchen könnten. Nach Anbruch der Dunkelheit trafen sie dort ein, suchten sich einen Schlafplatz am dicken Stamm einer umgestürzten Pappel, sammelten Holz, und genossen bald darauf am wärmenden Feuer vom reichlich mitgeführten Pferdefleisch.
Seit ihrer Landung am heimatlichen Ufer der Wemse war es leicht bewölkt und fast windstill gewesen, doch nun zeigte sich der Winter wieder von seiner rauen Seite. Hell und klar funkelten die Sterne vom Himmel herab, während der kalte Wind über die umliegenden Hügel pfiff. Eng scharten sich das Paar und ihre Hunde um das knisternde Feuer. Wegen der Kälte waren sie in dieser Nacht gezwungen, dass Feuer durchgehend zu nähren, weshalb sie abwechselnde Nachtwachen halten mussten. Hukan hielt die Erste. Während er zwischendurch noch einmal Holz sammelte, heulten in der Ferne Wölfe. Hatten sie die Reste des Pferdes gefunden? Auch seine Hunde lauschten, stimmten aber nicht ein. Sichtlich glücklich beobachteten sie, wie ihr Leittier wieder Holz nachlegte.
Hukan legte sich zwischen sie rücklings auf den Boden, dass er sie kraulen konnte und betrachtete dabei den Sternenhimmel. Nichts auffälliges tat sich am Firmament. Zu vorgerückter Nachtzeit zogen bereits die Frühjahrs-Sternbilder auf. Er dachte an glückliche Tage mit Bebeh und musste schließlich aufpassen, nicht einzuschlafen. Schließlich weckte er seine Gefährtin, bat sie, ihn abzulösen und schlief gleich ein.
Im Gegensatz zur Vornacht schlief der Norsun unruhig. Erinnerungen aus der Zeit bei seinem Stamm vermischten sich mit dramatischen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit. Alle Personen die je Bedeutung für ihn hatten, agierten wild durcheinander, ihre Rollen konfus vermischt. Sein Vater war oberster Schamane der Tiwazzer und er, Hukan, wollte Zetti zur Frau, doch diese verweigerte die Heirat, weil sie einen anderen liebte. Völlig verwirrt erwachte er, als Zetti ihn sanft berührte, damit er sie für den Rest der Nacht ablöse. Verstört erhob er sich und schaute irritiert um sich. „Was ist mit dir?“, fragte Zetti besorgt. „Du hast dich oft im Schlaf unruhig bewegt und jetzt schaust du, als wäre gestern noch Sommer gewesen.“ – Hukan zog sie Halt suchend an sich und seufzte: „Ich hatte solch irre Träume ...“ – „Es war die ganze Zeit alles vollkommen ruhig! Schau nur, wie entspannt unsere Hunde da liegen!“ – Der Blondschopf nickte nur matt. Sanft streichelte seine Gefährtin seine Wange und legte sich dann still schlafen. Hukan mühte sich in dieser Nacht vergeblich, seine bedrückenden Traumgefühle wieder los zu werden.
Die trockene und kalte Wetterlage hielt viele Tage an. Im Schein der hellen, schon vorfrühlingshaft hoch stehenden Sonne, kamen das Jägerpaar und seine Hunde gut voran. Nur selten waren sie genötigt, Hindernisse zu umgehen. Im Gegenteil: Die gefrorenen Wasser- und Moorflächen, welche in der frostfreien Jahreszeit zu häufigen Umwegen zwangen, konnten sie zügig überqueren. Auch die Jagd gestaltete sich in der übersichtlichen Landschaft problemlos. Von weitem schon sichtete der Jäger Wild, welches sich in der Regel dann bei Annäherung zwischen Büschen oder im Gewirr umgestürzter Bäume verbarg, von den Hunden aufgestöbert und vor Hukans Pfeile getrieben wurde. Oft gelang es den vierbeinigen Jagdhelfern auch, Beute selbst zu packen.
Mit seiner Gefährtin konnte der Jäger sehr zufrieden sein. Ohne zu klagen hielt sie wacker mit. Längst hatte die Höhlenfrau sich an lange Wanderungen gewöhnt.
Doch auf Anzeichen menschlicher Anwesenheit stießen sie nicht.
Ziemlich abrupt änderte sich eines Tages die Wetterlage, milder Wind blies von Südwest und brachte Schnee und Eis zum Schmelzen. Bereits zwei Tage später war die Landschaft komplett verwandelt. Von Schnee und Eis befreite Moorflächen, kleinere Wasserläufe und Seen prägten ihren Charakter, mussten nun umgangen oder durchquert werden. Erste Knospen gingen auf, zaghaft zeigten sich die ersten grünen Spitzen. Hukan schätzte, dass sie bereits den größten Teil des Weges zum östlichen Grenzfluss geschafft hatten. Die von der Druckwelle umgestürzten Bäume, die anfangs mit den Kronen stets nach Westen gelegen waren, hatten später erst nach Südwesten, dann nach Süden und schließlich nach Südosten gezeigt. Nachdem sie nun bereits viele Tage eine Landschaft passiert hatten, wo die Baumspitzen nach Osten wiesen, nahmen die sichtbaren Schäden jetzt deutlich ab.
Nachmittags gelangten sie an die sumpfigen Ufer eines Flusses. Der Jäger kannte die Örtlichkeit nicht, so waren sie gezwungen, eine seichte Stelle zu suchen, wo Zetti watend das Wasser durchschreiten könnte. Weidenbüsche und vertrocknetes Röhricht säumte den größten Teil des Ufers, weshalb sich die Suche etwas mühsam gestaltete. Wie sie sich einen Weg durch Gestrüpp bahnten, meldete Tok plötzlich durch auffälliges Wittern die Nähe eines fremden Wesens. Vorsichtig bewegte die Gruppe sich weiter. Dann ließen auch Packa und Wago erkennen, dass sie Duft aufgenommen hatten, die Mimik aller Hunde zeigte dem Jäger eindeutig, dass es sich nicht um ein Wild handeln würde; ein Mensch oder Hund musste sich also in der Nähe befinden!
Zielstrebig zwängte sich der witternd voraus strebende Tok durch Dickicht und umrundete dann leise winselnd etwas, was auf dem Boden lag. Neugierig traten Hukan und Zetti hinzu. Dort stand ein Korb, innen rundum ausgelegt mit trockenem Gras und Laub, und darin lag, sorgfältig mit Gras zugedeckt, ein Säugling. Staunend betrachtete das Paar das schlafende Menschlein. Ohne ein Wort mit Zetti zu wechseln, gebot Hukan Packa: „Such!“ Die Nase am Boden, bewegte die Hündin sich zügig aus dem Gestrüpp, weiter dem Ufer folgend. Dann blieb der ihr folgende Norsun wie versteinert stehen: Am Ufer kauerte, die langen, hellblonden Haare zum Zopf geflochten, in zerschlissenem Pelz - Sunea!
Hukan schluckte. Mit dieser Möglichkeit hatte er wahrlich nicht gerechnet. Sofort fiel ihm sein absurder Traum ein und er begriff: Etwas hatte ihn warnen wollen. Nein, gewiss kein Wesen aus dem Jenseits, denn dann würde man im Schlaf sicher Stimmen hören, dachte er. Wenn man doch ergründen könnte, was hinter Träumen und Zukunftsvisionen steckte!
Verstohlen schaute er sich nach Zetti um, auch sie hatte sogleich verstanden, um wen es sich handelte, schien aber nicht betroffen. Mit schrägem Kopf und vielsagendem Grinsen meinte sie trocken: „Dein wirrer Traum?“ – „Dies konkret hatte ich nicht geträumt. Aber es passt sinngemäß.“
Packa hatte Sunea fast erreicht, erschrocken, so nah ein Hecheln zu vernehmen, drehte die junge Frau der sich mit freudigem Trab nähernden Hündin das Gesicht zu und schnellte hoch. „Packa!“, schrie die Schöne vor Freude und schloss die an ihr hochspringende Hündin in ihre Arme. - „Sunea!“, rief nun der hinzu eilende Hukan. Froh, einen Stammesangehörigen zu treffen, drückten die überlebenden Norsuns sich in aufrichtiger Freude. Verlegen stand die Maunterin ein paar Schritte abseits und beobachtete, wie auch Wago und Tok die Blonde mit der auffallend zarten, praktisch unbehaarten Haut als eine alte Bekannte begrüßten. Nach dem ersten Gefühlsüberschwang ließen die Blondschöpfe einander los, um sich gegenseitig in Augenschein zu nehmen. Sunea war gleich aufgefallen, dass ihrem ehemals vorbestimmten Bräutigam beide Ohrmuscheln fehlten. „Was ist mit deinen Ohren passiert und wo und wie hast du die Katastrophe überlebt?“, fragte sie. – Hukan hatte schon bei ihrer Umarmung gemerkt, dass der völlig abgemagerten Sunea der rechte Arm verkrüppelt war und antwortete deshalb bestürzt mit einer Gegenfrage: „Offensichtlich warst du schwer verletzt worden, wie konntest du schaffen zu überleben, danach auch noch allein dein Kind gebären und euch beide am Leben halten?“ – Auch Sunea antwortete nicht gleich, denn ihre Aufmerksamkeit galt längst der immer noch abseits wartenden Höhlenfrau. Mit unverhohlener Neugier musterte sie Hukans fremdartige Gefährtin. Hukan, der ihrem Blick gefolgt war, machte sie höflich mit Zetti bekannt. „Das ist Zetti, meine sehr liebe Gefährtin vom Stamm der Maunter aus den felsigen Bergen.“ Nach kurzer Pause, während der die äußerlich so unterschiedlichen Frauen sich mit gegenseitigem Interesse tief bewegt betrachteten, fuhr er fort: „Ich denke, da wir uns sicher sehr viel zu berichten haben, sollten wir zunächst dein Kind zu uns nehmen und uns einen passenden Lagerplatz suchen.“
Das Kleine faszinierte Zetti geradezu. Mit verklärtem Blick bat sie Sunea, es auf den Arm nehmen zu dürfen. An ihrer Haltung und Mimik sah Hukan Zetti wieder an den schwer zu verarbeitenden Verlust ihrer eigenen Leibesfrucht erinnert. Mit Tränen in den Augen fragte die Maunterin: „Wie heißt er denn?“ – Sunea blickte erstaunt: „Kinder bekommen bei uns doch erst einen Namen, wenn man sie nach ihrem Verhalten einschätzen kann oder wenn sie besondere Äußerlichkeiten aufweisen. Beides ist normalerweise erst der Fall, wenn sie etwas größer sind. Hat Hukan dir das nie gesagt?“ – „Nein, darüber haben wir uns noch nie unterhalten,“ antwortete Zetti. „Bei uns bekam jedes Neugeborene gleich bei der Geburt einen Namen.“
Bald darauf lagerte die Gruppe an einer freien Uferstelle, wo sie mitgebrachte Beute zubereiteten und bis tief in die Nacht mit Erzählen verbrachten. Nachdem Hukan von den Norsuns verstoßen worden war, hatte es tatsächlich keine neuen Krankheitsfälle mehr gegeben! Hukan wollte es gar nicht glauben, musste es aber so hinnehmen, weil Sunea es felsenfest behauptete. Sie und ihr Klan waren später bei ihrer Wanderung nach Osten auf offener Landschaft nahe des Flusses von der Katastrophe überrascht worden. Sie wurde weit durch die Luft geschleudert und überlebte mit gebrochenem Arm und Bein. Alle anderen, auch ihr Mann, waren tot gewesen. Dort hatte weit weniger Staub die Luft belastet, wohl bedingt durch glückliche Windverhältnisse, so dass die Blonde zunächst viele Tage kaum bewegungsfähig und hungernd unmittelbar am Wasser liegend überleben konnte. Es gelang ihr, das gebrochene Bein zu Schienen, so dass es einigermaßen gerade wieder ausheilte. Der mehrfach gebrochene Arm jedoch verkrüppelte.
Sie flocht Reusen und fing Fische, so gut es ging, suchte Würmer und anderes Kleingetier und sammelte von den glücklicherweise reichlich vorkommenden Haselnüssen; schaffte es also auf ähnliche Weise wie Goff, sich zu ernähren. Im Gegensatz zu dem alten Männlein fand sie jedoch keine Felsspalte als Unterschlupf, sondern schichtete sich Zweige und Schilf zu einem großen Haufen auf, unter dem sie sich bei Kälte verkroch. Unter diesen Bedingungen brachte sie ihr Kind zur Welt. Zu Wandern traute sie sich nicht. Lieber blieb sie an diesem Abschnitt des Flusses, wo es reichlich Gebüsche zum Verstecken gab und sie sich und ihr Baby ohne Jagd notdürftig ernähren konnte. Sie, die obendrein über keinen guten Orientierungssinn verfügte, hoffte einfach, dass andere sie irgendwann finden würden, was ja auch tatsächlich endlich geschehen war.
Überglücklich suchte sie nun ständig Körperkontakte zu Hukan, der starken Zetti oder einem der Hunde. Nachts klammerte sie sich förmlich an einen von ihnen, als habe sie Angst, wieder verlassen zu werden.
Zetti übernahm weitgehend die Versorgung ihres kleinen Jungen, damit die Geschwächte sich schneller erholen konnte, reichte ihn ihr lediglich zum Stillen.
An den folgenden Frühlingstagen aß Sunea mit Wonne vom Fleisch, welches Hukan erjagte und zubereitete, und welches sie so lange entbehren musste. Aus Fellen der Beutetiere fertigte Zetti zunächst einen Tragebeutel für das Baby und dann einen neuen Umhang für die Mutter. So verging bei herrlichstem Frühlingswetter ein halber Mondzyklus, während welchem der Fluss viele Tage Hochwasser führte und sie ihren Lagerplatz auf eine höhere Lage verlegen mussten.
Hukan war klar, dass sie ihren Reiseplan nun nicht mehr einhalten konnten. Dass sein Onkel und dessen Sippe, noch wesentlich weiter östlich mit dem Leben davongekommen sein könnten, davon war er zwar überzeugt, doch mit der Geschwächten zu Hapo und dann zur Sonnenwende zurück zu den weisen Steinen, war nicht zu schaffen. Keine Unruhe jedoch trieb ihn zum Aufbruch, worüber er sich selbst wunderte. Die Sehnsucht nach seiner Bebeh war nach wie vor in ihm präsent, doch irgend etwas gab ihm die Gewissheit, dass ein Wiedersehen mit seiner großen Liebe nur noch eine Frage der Zeit sein werde. Instinktiv vermutete er, sie müsse auch hier im Osten, in einiger Entfernung zum Zentrum der Katastrophe, mit dem Leben davongekommen sein. Völlig gelassen wollte er abwarten, bis Sunea selbst den Aufbruch in Erwägung ziehen würde. Sie konnte ganz gut gehen, ihr Bein bereitete kein Problem, doch ausdauernd war sie sicher noch nicht; zu lange hatte sie unter Ernährungsmangel gelitten, was sich auch durch den Verlust mehrerer Zähne deutlich machte. In einigen Tagen wollte Hukan sie versuchsweise auf eine kürzere Jagd mitnehmen.
Wild gab es in der etwas weiteren Umgebung noch genügend. Vor allem Wasservögel und Rehe, doch die Aktivitäten des Jägers und seiner Hunde hatten bereits für Unruhe gesorgt; die Tiere waren vorgewarnt und immer schwerer aufzuspüren. Deshalb wollte Hukan zunächst am folgenden Tag zusammen mit Zetti und den beiden Rüden einen Elch aufspüren, den er vor zwei Tagen am gegenüberliegenden Ufer eines nahen Sees gesichtet hatte. Sie würden viel zu tragen haben.
Die erfahrenere Packa sollte zurückbleiben, um Mutter und Kind zu bewachen. Die einzige Raubtierfährte, die er in der Umgebung bisher gesichtet hatte, war die eines einzelnen Wolfes gewesen, vermutlich eines Einzelgängers, auf der Suche nach Artgenossen. Nachts hatten sie ihn einmal heulen gehört. Der Jäger war sich sicher, dass der nicht so ausgehungert war, dass er es wagen würde, einen Menschen anzugreifen. Für einen Wolf gab es leicht jagdbare Beute schon wieder zur Genüge. Viele Arten waren nach der Katastrophe schon wieder in größerer Zahl eingewandert und hatten auch längst wieder Nachwuchs.
Sunea war von Hukans Jagd-Vorhaben wenig begeistert: „Muss das denn unbedingt sein, dass du eine solch große Beute erlegen willst?“, fragte sie. Hukan fühlte förmlich ihre Angst davor, wieder allein sein zu müssen. Beruhigend legte er einen Arm um ihre Schulter, deutete mit dem anderen auf Packa und sprach langsam und mit leiser Stimme: „Meine Hündin hat soviel Erfahrung und ist so kampferprobt, sie wird mit allen eventuellen Angreifern fertig, falls es doch irgendeinen Räuber zu unserem Lager verschlagen sollte, was ich aber für so gut wie ausgeschlossen halte. Außerdem lasse ich dir zwei von meinen Speeren hier. Mit deinem gesunden Arm kannst du doch eine Waffe gut führen!“ – Sunea war entrüstet: „Du hast gut Reden! Du als bester junger Jäger unseres Stammes! Du kannst doch nicht von mir erwarten, dass ich einen Wolf mit einem solchen Spieß töte! Und dann noch mit links! Das kann vielleicht deine starke Höhlenfrau! Ich habe großes Glück gehabt, dass ich und mein Kleiner von keinem Raubtier entdeckt wurden. Schon ein Luchs hätte mir den Jungen rauben können!“ Sie hatte sich in Aufregung gesteigert, stieß Hukans Arm von ihrer Schulter und schaute ihn mit blitzenden Augen an. Der Jäger holte tief Luft und wollte etwas erwidern, doch Sunea kam ihm zuvor: „Ich verlange, dass ihr mich nicht verlasst, sondern, dass du mich beschützt! Ich war schließlich die schönste Jungfrau!“ Trotzig warf sie den Kopf in den Nacken.
Hukan und Zetti schauten sich staunend an. Hukan hatte gewusst, wie eingebildet die Schöne war, doch überraschte ihn, dass sie nach ihrem Schicksalsschlag nun schon so frech reagierte. Die sanfte, aber doch schlagfertige Zetti war bisher von der Anmut der Blonden beeindruckt gewesen und hatte sich ihr gegenüber sehr hilfsbereit gezeigt. Deren fordernde Art passte ihr aber nun gar nicht und so zog sie die Augenbrauen hoch, schaute ihr fest in die eisblauen Augen und bemerkte, bevor Hukan Worte fand: „Das Beste wird sein, dass wir schnell weiter ziehen, denn Hukans Bebeh benötigt unsere Hilfe.“ – „Das hast du doch bloß geträumt!“, entgegnete Sunea trotzig und ziemlich laut. „Wer weiß, ob überhaupt sonst noch jemand lebt, wenn die Hunde schon niemanden gefunden haben. Das muss man doch mal realistisch sehen!“ Der Säugling begann zu weinen. Hukan, dem seine viel zu zögerlichen Erwiderungen bisher schon nicht so recht über die Lippen kommen wollten, fand nun gar keine Worte mehr. Ratlos schaute er zwischen den Kontrahentinnen hin und her und begab sich dann langsam zum Flussufer, wo er sich niedersetzte und zur anderen Seite starrte. Alle drei Hunde folgten ihm mit bedrückter Haltung und ließen sich neben ihm nieder.
Am fernen östlichen Horizont kreisten auffallend viele Geier. Aufmerksam verfolgte der Jäger einige Augenblicke lang, wie sie ihre Kreise zogen. Was war da los? Sogleich verschwand die Beklemmung in ihm. Zetti hatte recht, dass Beste wäre, wenn sie sofort gemeinsam weiterziehen würden. Wie belastbar Sunea war, würde sich zeigen. So! Also galt es nun, eine Möglichkeit zu finden, die Nichtschwimmerin Zetti hinüberzubringen. Hukan erhob sich, wandte sich zu den Frauen um, die gerade den Kleinen an Suneas Brust legten, und rief ihnen zu: „Ich sehe mich am Flussufer um. Bis später!“ Die Frauen schauten schweigend zu, wie er sich langsam mit Packa entfernte.
Der Jäger brauchte nicht lange zu suchen, schon bald fand er einen Bereich mit geringer Wassertiefe, den ein Mensch watend durchschreiten konnte. Das Wasser reichte ihm zwar bis zur Brust und die Strömung war recht stark, aber er würde Zetti Halt gebend stützen. Am Ostufer bestieg er einen kleinen, sandigen Hügel. Auf dieser Seite hatte er bisher nicht gejagt und so spähte er interessiert in die Landschaft. Sogleich fielen ihm wieder die Geier auf. Nun kreisten lediglich zwei über der Gegend; alle anderen befanden sich sicher am Boden. Was konnte dort geschehen sein? Nur ein größerer Kadaver lockte eine so große Zahl der Aasfresser an. Hukan prüfte das Gelände und schätzte die Entfernung auf einen Tagesmarsch. Mit Sunea vielleicht zwei bis drei. Er kannte die Gegend nicht, vermutete aber, dass sich dort, wo die Geier kreisten, vielleicht eine magere Grassteppe oder Heide befand. Er musste auf jeden Fall hin, um die Sache aufzuklären.
Noch am selben Nachmittag wechselten sie hinüber.
Zetti hatte auffallend viel Mut gezeigt, das nasse Hindernis zu bezwingen; zu Hukans Überraschung bemerkte sie gar, zum Wasser zurückblickend: „Schade, dass der Fluß nach Norden fließt und nicht in unsere Richtung. Sonst könnten wir uns doch wieder ein Floß bauen, mit dem wir andere Menschen schneller erreichen könnten. Nicht wahr, Hukan?“ – Der Angesprochene nickte: „Leider fließen fast alle Flüsse nordwärts oder sie münden nach einiger Zeit in einen solchen. Hapos Klan aber lebt am südöstlichsten Punkt unseres Verbreitungsgebietes. Wir haben meines Wissens keine Chance, auf dem Wasserweg dorthin zu gelangen.“
Nachdem sie ihre Sachen geordnet hatten, marschierten sie los. Sunea trug nur ihr Kind; Hukan hatte so entschieden, aus Rücksicht auf ihren Zustand. Schon nach kurzer Zeit war der Norsun überrascht wie schnell und ausdauernd die Schöne ausschritt.
Zetti hatte den Trage-Beutel so sinnvoll geformt, dass die Mutter ihr Kind während des Gehens säugen konnte. Sie schafften das gleiche Tempo wie vorher ohne Sunea. Hukan erlegte mit Pfeil und Bogen mehrere Kleintiere und kurz vor Anbruch der Dunkelheit hetzten die Hunde ein Reh zu Tode, sodass sie gut versorgt waren. Zufrieden richteten sie an einem kleinen See ein Lager ein. Ja, sie waren wirklich zufrieden! Glücklich darüber, endlich als kleine Gruppe ein schon fast normales Leben führen zu können. Glücklich auch darüber, dass die ungemütliche Jahreszeit nun endlich vorüber war, denn plötzlich wehte sommerlich warmer Wind.
Nach dem Essen bettete Sunea ihren bereits eingeschlafenen Kleinen sorgfältig in seinen Korb, reckte ihren schönen, schlanken Körper genüsslich im warmen Nacht Wind, streifte ihren Pelz ab und schritt mit anmutigen Bewegungen ins Wasser. Dort öffnete sie ihren Zopf, dass die lange, blonde Haarpracht sich entfaltete, tauchte ganz ein und schwamm ein Stück hinaus. Sanft tanzten die blinkenden Sternbilder auf den Wellen.
Fasziniert folgten Hukan und Zetti ihr mit ihren Blicken. Der Norsun fühlte leises Verlangen, der Schönen ins erfrischende Nass zu folgen, blieb aber sitzen. „Wie geschmeidig sie sich trotz ihres schlimmen Arms im Wasser bewegt,“ hörte er Zetti seufzen. „Glaubst du, ich kann das Schwimmen noch erlernen?“ – „Ich kann irgendwie gar nicht verstehen, dass jemand dies nicht kann,“ antwortete er. „Bei uns konnten es alle. Als kleine Kinder waren wir im Sommer von Anfang an fast nur im Wasser. Niemandem musste das Schwimmen bisher gezielt beigebracht werden. Wir können es einfach alle. Warum solltest du es nicht lernen können?“ – „Ich bekomme aber sehr große Angst, wenn ich bis zum Hals im Wasser stehe und weiß dann gar nicht mehr welche Bewegungen ich ausführen muss, um nicht unterzugehen.“ Bei diesen Worten fasste Zetti Hukans Hand. Sie schaute ihn flehend an: „Ich will es auch können! Glaubst du, du kannst es mir genau zeigen, wenn wir mal wieder allein sind?“ – „Natürlich kann ich dir genau zeigen, wie du dich bewegen und atmen musst,“ antwortete er bestimmt, wobei er ihren Händedruck erwiderte.
Schweigend beobachteten sie, wie Sunea wieder zurück in Ufernähe, sich halb aus dem Wasser erhob und sich wusch. „Bebeh ist nicht so schlank, nicht wahr?“, fragte Zetti. – „Nein sie ist kleiner und rundlicher,“ nickte Hukan. Sie schwiegen wieder. Sunea kam zurück, und stellte sich nah an die Glut, um sich zu trocknen. „Es ist ein herrliches Gefühl, die warme Luft am Körper zu spüren,“ meinte sie lächelnd. – Hukan nickte: „Endlich wird es sommerlich! Wir können das Feuer nachher erlöschen lassen. Unsere Hunde bieten genügend Sicherheit.“ Erschöpft von den Anstrengungen des Tages und voll gesättigt, schliefen bald darauf alle ein.
