Jezabel - Der Garten der Düfte - Brigida Anello - E-Book
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Jezabel - Der Garten der Düfte E-Book

Brigida Anello

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Beschreibung

Die Parfümeurin Jezabel hat nach ihrer Flucht aus Palästina im Hause eines reichen Nürnberger Kauffahrers eine neue Heimat gefunden. In ihrem Laboratorium fertigt sie Duftwässer für den Stauferkaiser Heinrich VI. und den Adel. Als in Nürnberg eine Seuche ausbricht, wird die Parfümeurin der Hexerei beschuldigt. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Getreuer verlässt sie die Stadt. Ihr Weg führt sie auf eine abenteuerliche Rhein-Fahrt durch das Heilige Römische Reich und anschließend auf das Nordermeer - bis hin zum Königshof von Richard Löwenherz. Dort hofft sie auf ein Wiedersehen mit ihrer großen Liebe, dem Ritter Henry de Brézé, einem Gefolgsmann des Königs.

In der Festung Windsor macht sie Bekanntschaft mit der Königinmutter Alienor von Aquitanien, einer Mäzenin der schönen Künste. Die Fürstin findet sofort Gefallen an der jungen Frau und ihrer ungewöhnlichen Profession. Als die Herzogin in ihre Heimat Aquitanien aufbricht, fordert sie Jezabel auf, sie nach Poitiers zu begleiten. Am herzoglichen Hof begegnet Jezabel erneut ihrer großen Liebe Henry. Werden sich ihre Hoffnungen dieses Mal erfüllen? Wird sie der Ritter als seine Ehefrau auf die Burg der Familie Brézé heimführen?

Zweiter Band der großen Saga um die Parfumeurin Jezabel. 

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Seitenzahl: 504

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Die Parfümeurin Jezabel hat nach ihrer Flucht aus Palästina im Hause eines reichen Nürnberger Kauffahrers eine neue Heimat gefunden. In ihrem Laboratorium fertigt sie Duftwässer für Stauferkaiser Heinrich VI. und den Adel.

Als in Nürnberg eine Seuche ausbricht, wird die Parfümeurin der Hexerei beschuldigt. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Getreuer verlässt sie die Stadt. Ihr Weg führt sie auf eine abenteuerliche Rhein-Fahrt durch das Heilige Römische Reich und anschließend auf das Nordermeer – bis hin zum Königshof von Richard Löwenherz. Dort hofft sie auf ein Wiedersehen mit ihrer großen Liebe, dem Ritter Henry de Brézé, einem Gefolgsmann des Königs. In der Festung Windsor macht sie Bekanntschaft mit der Königinmutter Alienor von Aquitanien, einer Mäzenin der schönen Künste. Die Fürstin findet sofort Gefallen an der jungen Frau und ihrer ungewöhnlichen Profession. Als die Herzogin in ihre Heimat Aquitanien aufbricht, fordert sie Jezabel auf, sie nach Poitiers zu begleiten.

Am herzoglichen Hof begegnet Jezabel erneut ihrer großen Liebe Henry. Werden sich ihre Hoffnungen dieses Mal erfüllen? Wird sie der Ritter als seine Ehefrau auf die Burg der Familie Brézé heimführen?

Zweiter Teil der großen Saga der Parfumeurin Jezabel.

Über Brigida Anello

Brigida Anello verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Bayern, bevor sie eine Ausbildung in den USA absolvierte. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie in Heidelberg für verschiedene internationale Unternehmen. Sie war u.a. in der Verlags- und Reisebranche tätig, so z.B. für einen wissenschaftlichen Verlag sowie diverse Ferienclubs am Mittelmeer. Die Liebe zur Literatur verbindet sie mit ihrer Leidenschaft für berühmte Frauengestalten der Geschichte. Seit 2005 ist sie wieder in Bayern zu Hause und schreibt unter verschiedenen Pseudonymen historische Romane, Biografien, Krimis und Sachbücher.

Die Autorin ist Mutter eines erwachsenen Sohns.

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Brigida Anello

Jezabel – Der Garten der Düfte

Historischer Roman

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Handelnde Personen

Was bisher geschah

1 Eifersucht und Zwietracht

2 Ein unwillkommenes Angebot

3 Eine Geburt und ein schlimmer Verdacht

4 Das Mädchen Apollonia

5 Im Laboratorium

6 Bangen und Hoffen

7 Antoniusfeuer in der Stadt

8 Die Hexe soll brennen!

9 Durch Eis und Schnee

10 Abenteuer auf dem Main

11 Ankunft in Frankenfurt

12 Eine sagenhafte Rheinfahrt

13 Die letzte Etappe der Reise

14 Endlich in England

15 Auf Schloss Framlingham

16 Auf Burg Windsor

17 Ein Abschied für immer

18 Am aquitanischen Hof

19 Der Verrat

20 Freud und Leid bei Hofe

21 Auf nach Paris!

Nachwort

Glossar

Impressum

Liebe Leserinnen und Leser,

bei dem vorliegenden Buch werden mitunter Begrifflichkeiten verwendet, die nicht unserem heutigen Werten von Wertschätzung und Offenheit gegenüber anderen Kulturen entsprechen. Diese Begrifflichkeiten sind vor dem historischen Kontext zu sehen und sind ein Zeugnis der damaligen Zeit. Sie geben nicht die persönliche Meinung oder Ansichten der Autorin bzw. des Verlages wider.

Für Tanja E.

Dieses Buch ist ein Roman, dessen frei erfundene Handlung vor dem Hintergrund historischer Ereignisse spielt. Einige Figuren – wie etwa Richard Löwenherz, Herzogin Alienor von Aquitanien, Kaiser Heinrich VI. und seine Gemahlin Konstanze – sind historisch belegt und haben ihren Platz in der Geschichte. Andere Figuren und Geschehnisse sind Produkte meiner Phantasie. Da die Geschichte des Hochmittelalters nicht lückenlos belegt und der nachfolgende Text keine wissenschaftliche Abhandlung ist, habe ich mir die Freiheit genommen, Daten, Ereignisse und Schauplätze nach meiner Vorstellung zu interpretieren.

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Handelnde Personen

Was bisher geschah

1 Eifersucht und Zwietracht

2 Ein unwillkommenes Angebot

3 Eine Geburt und ein schlimmer Verdacht

4 Das Mädchen Apollonia

5 Im Laboratorium

6 Bangen und Hoffen

7 Antoniusfeuer in der Stadt

8 Die Hexe soll brennen!

9 Durch Eis und Schnee

10 Abenteuer auf dem Main

11 Ankunft in Frankenfurt

12 Eine sagenhafte Rheinfahrt

13 Die letzte Etappe der Reise

14 Endlich in England

15 Auf Schloss Framlingham

16 Auf Burg Windsor

17 Ein Abschied für immer

18 Am aquitanischen Hof

19 Der Verrat

20 Freud und Leid bei Hofe

21 Auf nach Paris!

Nachwort

Glossar

Impressum

Handelnde Personen

In Nürnberg

Jezabel, jüdische Parfümeurin aus der besetzten Stadt Akkon, lebt seit ihrer Flucht im Haus von Giselher

Giselher, Handelsherr und Freund von Moses, Jezabels verstorbenem Vater

Mesh-Mesh (arab. für Aprikose), Jezabels Freundin, Dienerin und Begleiterin

Apollonia, Schülerin von Jezabel

Maximilian, einziger Sohn von Giselher

Marthe, einzige Tochter von Giselher

Waldemar, gewalttätiger Ehemann von Marthe

Ritter Henry de Brézé, Jezabels große Liebe, englischer Adeliger und Gefolgsmann von Richard Löwenherz

Florimond, Knappe von Henry de Brézé, Marthes Geliebter

Ritter Guillaume Kerouaq, aquitanischer Edelmann im Dienst der Herzogin Alienor, Reisebegleiter von Jezabel

Schultheiß Gerbodo, Ratsherr der Stadt Nürnberg, Giselhers Freund

In Bamberg

Heinrich VI. (1165–1197), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches aus dem Haus der Salier, Jezabels Dienstherr

Konstanze von Sizilien (1154–1198), Ehefrau Heinrich VI.

Erwein, Truchsess der Kaiserpfalz zu Bamberg

Auf der Reise nach England

Albret, Weinhändler und diebischer Flussschiffer

Ullin, Schiffsjunge und Retter in der Not

Meister Kuno, Würzburger Weinhändler und Schiffseigner, wissbegieriger Reisebegleiter

Adam, rechte Hand von Meister Kuno

Frau Irmengard, Schülerin der Hildegard von Bingen, berühmte Heilerin

Meister Samuel, jüdischer Parfümeur in Köln

Rachel und Suria, die Ehefrau von Meister Samuel sowie die gemeinsame Tochter

Meister Willem, Bootsführer, der die Reisenden nach England bringt

In England

John und Aileen, ein bäuerliches Ehepaar, das den Reisenden Unterschlupf gewährt

Sir Roger Bigod, Herr auf Framlingham Castle

Lady Anne, Ehefrau von Sir Roger Bigod

Enya und Fia, Dienerinnen von Lady Anne

König Richard Plantagenet, genannt Löwenherz, Lieblingssohn der Herzogin Alienor, Herrscher über die englischen Inseln

Herzogin Alienor von Aquitanien, Mutter von Richard Löwenherz

Prinz John, jüngster Sohn Alienors und erbitterter Widersacher von Richard Löwenherz

Thomas, Haushofmeister auf Schloss Windsor

Camille, maurische Dienerin und Vertraute von Alienor

Alice of Turbaney und Elaine de Morney, Hofdamen von Alienor

In Aquitanien

Graf Fulko von Mirebeau, Cousin von Alienor und Nachfahre des berüchtigten Schwarzen Fulko

Caulaincourt, Majordomus des Palasts in Poitiers

Bernart de Ventadorn, Minnesänger, von Alienor bevorzugt

Paul de Marcillac, Hauptmann der Palastwache, ein Verehrer Jezabels

Isabel de Cahors, eine Hofdame und anfangs Feindin von Jezabel

Isabeau von Hennegau, Großnichte der französischen Königin, Henry de Brézés Ehefrau

Mohab aus Al Andaluz, maurischer Leibarzt von Alienor

Lucretia, Kräuterfrau und Hebamme

Was bisher geschah

Während des dritten Kreuzzugs 1189 ins Heilige Land lebt in den Gassen der Hafenstadt Akkon der jüdische Alchemist Moses, der sich mit der Gewinnung kostbarer Düfte aus den geheimnisumwitterten Stoffen Ambra und Moschus beschäftigt. Seine einzige Tochter Jezabel lernt an seiner Seite bereits in frühester Jugend alles über die Herstellung begehrter Aromen. Die Mutter des Sultans sowie die reichsten und mächtigsten Adligen, Künstler und Beamten des Landes zählen zu ihren Kunden, die Lotionen und Duftöle werden mit Gold aufgewogen. Kauffahrer aus Italien, Frankreich und Deutschland reißen sich um die Ware. Sultan Saladin, mächtigster Herrscher des Orients, will die Geheimnisse sinnlicher Düfte ergründen und zu diesem Zweck deren begehrenswerte Schöpferin und ihren Vater für sich gewinnen. Der Jude Moses und seine kluge Tochter wissen ihre Geheimnisse jedoch zu wahren.

Im Jahr 1189 marschiert das Kreuzritterheer im Heiligen Land ein, verstärkt durch den englischen König Löwenherz und seine Soldaten, um die heiligen Stätten des Christentums aus den Händen der Muslime zu befreien. Zwei Jahre lang werden sie Akkon belagern, bis die Stadt schließlich 1191 in die Hände der Christen fällt.

Bei der Eroberung der Stadt gehen Haus und Labor des Alchemisten Moses in Flammen auf. Der englischer Ritter Henry de Brézé rettet Jezabel und ihren Vater aus dem brennenden Gebäude. Während de Brézé sich auf den ersten Blick in die schöne Jüdin verliebt, fürchtet sich diese vor dem bedrohlich wirkenden Fremden.

Henry de Brézé bringt Jezabel und ihren Vater in seinem Quartier im christlichen Feldlager unter. Mit der Zeit fühlt sich das Mädchen zu dem Ritter hingezogen, der sich sehr um ihre Zuneigung bemüht. Dennoch überwiegt ihre Furcht vor dem christlichen Fremden, und sie flieht aus dem feindlichen Lager. Schon nach kurzer Zeit greifen sie die Wachen des Sultans Saladin auf. Unverzüglich wird sie im königlichen Harem untergebracht. Der Sultan will sie als Parfümeurin und Geliebte gewinnen, doch Jezabel weigert sich, ihre Rezepturen herausgeben und als Kadine dem Sultan zu Willen sein. Der versucht sie erst mit Geschenken, dann mit Versprechungen für sich einzunehmen. Als ihm das nicht gelingt, vergewaltigt er Jezabel brutal.

Nun ist sie zu allem bereit – nur nicht zur Preisgabe ihrer Rezepte. Doch der Herrscher möchte um jeden Preis das Herz der schönen Jüdin gewinnen, die er nicht nur wegen des zu erwartenden Goldsegens begehrt.

Henry de Brézé kann die exotische Schöne nicht vergessen. Während er noch über ihre Rettung nachdenkt, gelingt Jezabel die Flucht aus dem Harem. Sie kehrt ins Heerlager der Kreuzritter zurück und wird – mit ihrem Vater, dem aquitanischen Ritter Kerouaq und seinem Knappen – auf ein Schiff gebracht, das sie zur Königinmutter Alienor nach England und in Sicherheit bringen soll. Dort soll sie auf de Brézé warten, der sie auf seine Burg mitzunehmen verspricht. Der Krieg soll nach dem Friedensschluss zwischen Saladin und Richard Löwenherz beendet werden, die christlichen Heere abziehen und in ihre Heimatländer zurückkehren.

Moses ist es gelungen, Ambra-Stücke und Moschus aus dem zerstörten Akkon zu retten. Versteckt unter der Kleidung bringt er seine Schätze in Sicherheit und schmuggelt sie nach Europa, wo diese Substanzen bis dahin unbekannt sind. Mit diesen Kostbarkeiten will er eine neue Existenz in England aufbauen.

Auf hoher See setzen die abergläubischen Seeleute die Gruppe in einem Boot aus. Bevor es in den Fluten des Mittelmeers zu versinken droht, werden die Schiffbrüchigen von Fischern gerettet.

Nun beginnt eine abenteuerliche Odyssee, die die Reisenden von Rom über Florenz, Bozen und die Alpen bis in die reiche Handelsstadt Nürnberg führen soll, wo sich Moses Aufnahme bei einem befreundeten Kauffahrer erhofft. Doch der alte Mann stirbt während der Reise, seine Tochter und ihre Gefährten müssen den Weg ohne ihn fortsetzen.

In Nürnberg angekommen, nimmt der Handelsherr Giselher Jezabel, die erschöpft ist von den Strapazen der Reise, nach einigem Zögern in seinem Haus auf. Kerouaq und sein Knappe ziehen nach England weiter, denn der Ritter hat nur einen Wunsch: seinen Dienst bei der Königsmutter wieder aufzunehmen. Jezabel hat nun zwar eine neue Heimat gefunden, doch ein Wiedersehen mit Henry de Brézé scheint in weite Ferne gerückt.

1 Eifersucht und Zwietracht

Zitternd vor Kälte stand Jezabel am Tor und blickte den Reitern nach, die sich rasch entfernten. Ein letztes Mal hob sie die Hand zum Abschiedsgruß, doch die Männer waren bereits verschwunden. Von fern war nur noch das Donnern der Hufe zu hören. Zähneklappernd zog sie ihren Umhang fester um sich. Auf ihren Wangen vermischten sich Schneeflocken mit Tränen, der eisige Wind zerrte an ihren Kleidern. Schließlich drehte sie sich um und hastete über den Hof auf das Haus zu. Obwohl erst später Herbst, tobten die ersten Winterstürme bereits mit Macht.

Henry de Brézé, der Mann, den sie liebte, war fort. Nur ein paar kurze Stunden waren ihnen vergönnt gewesen, bevor er nach England aufgebrochen war, den Auftrag der Königinmutter Alienor von Aquitanien zu erfüllen. Noch immer hielt Herzog Leopold von Österreich deren Lieblingssohn, König Richard von England, genannt Richard Löwenherz, auf Burg Dürnstein in Österreich gefangen. Doch inzwischen war die Rede davon, dass er an den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich VI., ausgeliefert werden sollte, der in Bamberg residierte. Gerüchte liefen um, dass der Kaiser dem Herzog befohlen hatte, König Richard auf Burg Trifels einzukerkern, dem kaiserlichen Staatsgefängnis. Die Lösegeldforderung des Kaisers war so immens hoch, dass sie drohte, England in den Ruin zu treiben. Es war für das Land nahezu unmöglich, die von Heinrich geforderten sechstausend Eimer Silber aufzubringen. Der englische Abgesandte Henry de Brézé war auf dem Weg nach Bamberg, um ein letztes Mal über die Forderung zu verhandeln, doch er hatte Jezabel versprochen, zu ihr zurückzukehren, sobald seine Mission beendet war. Dann würde er sie mitnehmen nach England, auf seine Burg und in sein Leben, dessen war sie sicher.

»Hat er Euch also sitzenlassen, der edle Herr Ritter? Warum seid Ihr nicht mit ihm geritten, da sein Abschied Euch solchen Kummer bereitet, dass Ihr bittere Tränen um ihn weint?«

Jezabel hob den Kopf und ihr Blick fiel auf Giselher, der sie auf der Schwelle des Hauses erwartete. Die Eifersucht hatte sein Gesicht in eine hässliche Fratze verwandelt, und vor Zorn ballten sich seine Fäuste, die er rasch hinter seinem Rücken verbarg. Wortlos wollte sie an ihm vorbeigehen, doch er packte sie am Arm und hielt sie mit hartem Griff fest.

»Antwortet mir! Was wollt Ihr noch hier, da Ihr Euch offensichtlich zur Hure gemacht habt letzte Nacht? Wart Ihr nicht mit ihm im Stall bis zu seinem Aufbruch heute Morgen? Was habt Ihr dort mit ihm getrieben?«

Mit einem heftigen Ruck riss sie sich aus seinem Griff los, und in den grünen Augen, die soeben noch voller Tränen gewesen waren, glitzerte kalte Wut.

»Nennt mich nie wieder Hure, oder ich verlasse Euer Haus auf der Stelle, und wenn ich barfuß durch den Schnee bis nach England laufen müsste. Dann könnt Ihr zusehen, wie Ihr die Wünsche Eurer Kaiserin nach Duftwasser, Pomade und Salben erfüllt. Was geht es Euch an, was mich mit dem Ritter verbindet? Und jetzt lasst mich vorbei. Mir ist kalt, und ich möchte zurück in mein warmes Zimmer.«

»Jezabel!« Giselhers Stimme, die eben noch zornig und gemein geklungen hatte, nahm einen bettelnden Ton an. »Entschuldigt meine Grobheit, nie wieder werde ich Euch respektlos behandeln. Aber Ihr seid doch meine Verlobte. Wollen wir nicht schon bald heiraten? Wie kann ich es da dulden, dass Ihr Euch einem Wildfremden an den Hals werft und die Nacht mit ihm verbringt?«

Mit müder Geste strich Jezabel sich das Haar aus der Stirn. »Ihr irrt, Meister Giselher. Zu keiner Zeit habe ich in eine Verlobung eingewilligt, auch wenn Ihr es Euch noch so sehr wünscht. Aus diesem Grund bin ich weder Eure Verlobte noch habe ich Euch die Ehe versprochen. Uns verbindet nicht die Liebe, sondern der Gewinn aus meiner Arbeit. Und ich hätte die Nacht nicht im Stall verbringen müssen, wenn Ihr die Höflichkeit besessen hättet, die englischen Ritter in Eurem Haus aufzunehmen. Diese Adeligen sind königliche Gesandte in offizieller Mission, auf dem Weg zu Eurem Kaiser. Was ist nur in Euch gefahren? So kenne ich Euch nicht.«

»Wer war der Mann, Jezabel? Ihr habt ihn umarmt und geküsst und ›Liebster’ genannt.« Er klang verletzt, sein Gesicht war dunkel vor Eifersucht, doch er wagte es nicht, sie ein weiteres Mal zu beleidigen.

»Muss ich Euch das wirklich jetzt erklären? Ihr seht doch, dass ich durchfroren und müde bin. Meister Giselher, ich verspreche, Euch morgen alles zu erklären. Doch jetzt lasst mich vorbei.«

Widerwillig trat er beiseite und gab den Weg frei. Sie stürmte die Treppe hinauf in ihre Kemenate, wo ihre Freundin und Dienerin Mesh-Mesh sie bereits erwartete.

»Hier, trinkt!« Das ehemalige Sklavenmädchen hielt ihrer Herrin einen Becher mit heißem Würzwein hin. Entkräftet sank diese auf einen Schemel und lehnte ihre Wange an die Röcke der Dienerin.

»Ach, Mesh-Mesh, er war hier, er war wirklich hier. Henry hat mich nicht vergessen. Er ist tatsächlich zu mir gekommen, obwohl er als Kurier der Königinmutter unterwegs ist, um mit Kaiser Heinrich die Freilassung von König Richard auszuhandeln. Trotzdem hat er sich Zeit genommen, mich aufzusuchen Sobald er vom Kaiserhof in Bamberg zurückkehrt, brechen wir auf nach England. Ich kann mein Glück kaum fassen.«

»Trinkt erst einmal, Herrin, und beruhigt Euch, Ihr seid ja vollkommen fassungslos.«

Mesh-Mesh wollte ihrer Herrin den Becher an die Lippen setzen, doch die stieß ihn zurück.

»Ja, vollkommen fassungslos vor Freude.«

Jezabel sprang auf, breitete die Arme aus und drehte sich mit seligem Lächeln im Kreis. Dann umarmte sie ihre Dienerin, nahm ihr den Becher aus den Händen und trank ihn hastig leer. »Meinst du, Mesh-Mesh, wir sollten schon einmal unsere Bündel für die Reise packen? Oder ist es dafür noch zu früh? Doch wenn er kommt, muss alles bereit sein zur Abreise. Er ist nach dem Ende des Kreuzzugs nach England zurückgekehrt, wo er von Kerouaq erfuhr, dass ich in Nürnberg geblieben war. Er wollte gerade aufbrechen, um mich zu sich zu holen, als die Nachricht von Richards Gefangennahme eintraf. Die Königinmutter beauftragte ihn, sich sogleich auf den Weg zur Kaiserpfalz nach Bamberg zu machen, wo Heinrich derzeit residiert. Er hat die Gelegenheit genutzt, mir selbst zu sagen, dass wir schon bald nach England aufbrechen werden. So viele Monate habe ich mich nach ihm gesehnt, habe mir immer wieder vorgestellt, wie es wäre, wenn er plötzlich vor mir stünde. Jetzt zähle ich die Stunden, bis er zurückkommt, mich zu holen.«

»Aber, Herrin, das kann Tage, vielleicht sogar Wochen dauern. Niemand weiß, wie lange er und seine Männer fort sein werden. Doch bis dahin solltet Ihr lieber Frieden mit Meister Giselher schließen, sonst wird er Euch das Leben in seinem Haus schwer machen. Denkt daran, wie gut er immer zu Euch war und mit welcher Hochachtung er Euch behandelt hat. Ein Laboratorium hat er für Euch eingerichtet und mit den besten und teuersten Apparaturen ausgestattet, die man für Gold kaufen kann. Jeden Wunsch hat er Euch von den Augen abgelesen und Euch freie Hand gegeben, zu schalten und zu walten nach Eurem Belieben. Behandelt ihn mit Respekt und stoßt ihn nicht vor den Kopf, denn er ist ein gutherziger Mann, der es ehrlich mit Euch meint.«

»Du hast recht, liebe Freundin.« Langsam kam Jezabel wieder zur Besinnung. »Giselher war mir bisher ein guter Freund, der beste und ehrlichste, den ich je hatte. Ich will ihn nicht verlieren.« Sie drehte sich um und wandte der Dienerin den Rücken zu. »Jetzt hilf mir beim Auskleiden.«

Geschickt löste Mesh-Mesh die Bänder und Schnüre der Ärmel und des Gewands und half ihrer Herrin, aus den Kleidern zu steigen. Als diese im Bett lag, schob sie ihr einen heißen Ziegelstein, in mehrere Lagen Tücher gewickelt, unter die Füße, die noch immer blau vor Kälte waren. »Sonst erkältet Ihr Euch womöglich noch.« Sorgsam breitete sie die Pelzdecke über Jezabel, die schon eingeschlafen war, bevor ihr Kopf das Kissen berührte.

2 Ein unwillkommenes Angebot

Es war bereits später Vormittag, als Jezabel sich am nächsten Tag auf den Weg in ihr Laboratorium machte. Das große Haus lag in tiefer Stille. Nichts war zu hören von dem lauten Lachen der Mägde und den rauen Stimmen der Knechte, die sonst die Hallen und Gänge erfüllten. Verstohlen nach rechts und links blickend huschte sie durch die langen Korridore, öffnete die Türe zu ihrem Arbeitsraum und schlüpfte hinein. Aufatmend nahm sie ihren Umhang ab und zündete die Öllichter an, denn draußen herrschte trübes Wetter mit tiefhängenden Schneewolken, die ein diffuses Dämmerlicht mit sich brachten. Aufmerksam blickte sie sich im Raum um, als hätte sie ihn noch nie gesehen.

Linker Hand hing getrockneter Lavendel in dicken Bündeln an Schnüren von den Deckenbalken, ebenso Kamille, Minze, Eisenkraut und Muskatellersalbei. Holunderbeeren lagen in Körben bereit, um einer Pomade beigemischt zu werden, die den Lippen der Damen einen verführerisch roten Glanz verlieh und die nicht nur bei Hofe äußerst beliebt war. In kleinen Schalen verströmten Fichten- und Kiefernnadeln einen aromatischen Geruch und warteten auf ihre Verarbeitung. Ein Händler aus Kalabrien hatte, zusammen mit Zitronen und Orangen, eine neue Frucht mitgebracht, die er Bergamotte nannte und über die er wahre Wunderdinge zu berichten wusste. Das Öl, das aus der Schale der zitronenartigen Frucht gewonnen wurde, war von einem intensiven Wohlgeruch, der den aller anderen Zitrusfrüchte bei Weitem übertraf.

Als Jezabel die kleine gelbe Frucht in den Händen gehalten und ein wenig an der Schale gekratzt hatte, war ihr sogleich ein betäubender Duft in die Nase gestiegen. Da wusste sie, dass der Kalabrier nicht zu viel versprochen hatte, und sie hatte ihm auf der Stelle alle Früchte abgekauft. Nun lagen sie wie goldene Kugeln in einem geflochtenen Korb neben den reifen Orangen. Daneben stand ein Kästchen mit Vanilleschoten, die Giselher für zwei Goldmünzen bei einem venezianischen Gewürzhändler erstanden hatte. Auch Sandelholz und Zimt hatte der Händler angeboten, und als sie wegen des astronomisch hohen Preises gezögert hatte, war Meister Giselher ihr zuvorgekommen und hatte die Ware für sie gekauft. Doch die kostbarsten Rohstoffe bewahrte sie in einer Truhe auf, zu der nur sie den Schlüssel besaß. Sie trug ihn an einer Goldkette um den Hals.

Rubinrot leuchtete ihr die Moschus-Essenz entgegen, als sie den Deckel hob. Jezabel hob die Phiole aus ihrem Seidenbett und hielt sie gegen das Licht. Die Farbe der Flüssigkeit hatte sich nicht verändert, seitdem ihr Vater die Zutat vor Jahren von einem persischen Händler für eine große Menge Silberstücke erworben hatte. Auch die weißgrauen Klumpen Ambra hatte der Perser damals von den Küsten eines weit entfernten Meeres mitgebracht. Verborgen in einem schäbigen Stoffbeutel, den der berühmte Parfümeur Moses bis zu seinem Tod unter seinen Gewändern trug, hatten sie ihre Reise von Akkon über das Meer nach Rom und von dort über die Alpen wohlbehalten überstanden. Danach hatte seine Tochter die kostbaren Ingredienzien an sich genommen und nach Nürnberg gebracht. Sie bildeten nun Jezabels wertvolles Erbe.

Ambra wurde in Gold aufgewogen, ebenso wie Moschus. Noch immer war es den Händlern im Abendland schier unmöglich, an die begehrten Rohstoffe zu gelangen, denn der Krieg um das Heiligen Land tobte nach wie vor mit größter Härte. Seitdem er begonnen hatte, war der Handel zwischen Orient und Okzident beinahe ganz zum Erliegen gekommen, denn nur die Mutigsten wagten es noch, Leib und Leben zu riskieren, um den Mauren Gewürze, Seide, Öle, Düfte, Stoffe und Glas abzukaufen. Vor allem die Venezianer und Genueser hielten noch einige wenige Handelsverbindungen in die Länder der Levante aufrecht, doch sie ließen sich die unter Lebensgefahr erstandenen, hochwertigen Waren teuer bezahlen, so wie der Kaufmann aus Genua, der Jezabel vor Kurzem ein Döschen mit einer unscheinbaren honigfarbenen Masse übergeben hatte. Es enthielt eine kleine Menge Zibet, den sie neben dem Ambra und Moschus als ihren wertvollsten Besitz betrachtete, vorbehalten für besondere Zwecke.

Für den alltäglichen Gebrauch und weil die Ware im Vergleich zu exotischen Ingredienzien preiswert war, hatte sie begonnen, mit einheimischen Materialien zu experimentieren, hatte Blüten enfleuriert und Pflanzen gepresst, und der Erfolg hatte ihr recht gegeben. Es war ihr gelungen, zarten Fliederduft zu gewinnen. Geißblatt, Lavendel, Rosen und vor allem Veilchen verwandelten sich unter ihren kundigen Händen in wohlriechende Lotionen, Pomaden und Essenzen. Nur gelegentlich erlaubte sie sich, von einem der vorbeiziehenden Händler exotische Gewürze zu erwerben, die sie sorgsam beiseitelegte, um daraus Salben und Balsame für Kaiserin Konstanze anzufertigen. Die Dame war anspruchsvoll, hatte einen exzellenten Geschmack und verabscheute die junge Parfümeurin von ganzem Herzen, nachdem ihr Gatte, Kaiser Heinrich VI., ihr sein Wohlwollen bewiesen und sie zur Hofparfümeurin ernannt hatte. Fast täglich erreichte ein kaiserlicher Kurier mit einer Liste neuer Wünsche Meister Giselhers Haus in Nürnberg, und Jezabel musste all ihr Können anwenden, diesen nachzukommen. Doch sie wurde für ihre Mühen reichlich belohnt. Der Kaiser erwies sich als ausgesprochen großzügig, wenn es um die extravaganten Launen seiner Gattin ging.

Auch heute dauerte es nicht lange, bis ein kaum hörbares Klopfen die Ankunft eines Boten ankündigte. Kappe und Mantel noch mit Schnee bedeckt, trat der Mann ein und reichte ihr mit einer Verbeugung die Nachricht. »Dies schickt Euch seine Heilige Majestät, Kaiser Heinrich, persönlich.«

Stirnrunzelnd nahm Jezabel die Rolle entgegen. Sonst waren es stets Befehle der Kaiserin, die sie zu befolgen hatte. Was mochte ihr Gatte heute von ihr wollen? Sie trat ans Fenster, öffnete den Brief und studierte die akkurate Schrift von kaiserlicher Hand.

»Ich soll einen Lehrling in der Kunst der Parfümherstellung ausbilden!« Überrascht blickte sie von der Nachricht auf und legte sie stirnrunzelnd beiseite. »Weißt du mehr darüber?«, fragte sie den Boten.

»Nein, Herrin!« Der Bursche schüttelte den Kopf. »Doch Ihr sollt schon bald weitere Anweisungen erhalten.«

Nachdem der Kurier sich verabschiedet hatte, machte sich Jezabel im rasch schwindenden Licht an die Arbeit. Sie nahm einen Bund Lavendel, von dem sie sorgfältig die Blüten zupfte und in ein Körbchen legte. Gerade war sie dabei, die Blüten in einen Kupferkessel zu füllen, als sie durch erneutes Klopfen an der Tür gestört wurde. Verärgert hielt sie inne, doch schon trat Meister Giselher unaufgefordert ein. Er blieb im Türrahmen stehen, die Schulter an die Wand gelehnt. Sein Gesicht war fahl, unter den Augen lagen tiefe Schatten. Alles in seiner Haltung sprach von Enttäuschung und Niederlage. Sein Blick suchte ihren, doch sie wich ihm aus und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit dem Experiment.

»Ihr geht mir aus dem Weg, Jezabel. Warum meidet Ihr mich? Ist Euch meine Anwesenheit plötzlich so unangenehm, dass Ihr mir nicht einmal ein paar Worte schenken wollt?« Sein Ton war flehend, doch von einer Eindringlichkeit, die sie berührte.

»Es stimmt, Meister Giselher, Ihr habt wirklich etwas Besseres verdient, und ich hätte Euch ins Vertrauen ziehen sollen.« Sie drehte sich zu ihm und sah ihn ins Gesicht. »Es hat keinen Zweck, es noch länger zu verschweigen. Verzeiht mir, dass ich es Euch nicht erzählt habe, aber ich habe mich einem anderen Mann versprochen. Aus diesem Grund und weil ich Euch nicht liebe, kann ich Euch nicht heiraten. Mein Herz gehört schon lange einem anderen. Wie könnte ich da Eure Frau werden?« Sie erschrak, als sie den verletzten Ausdruck in seinen Augen bemerkte.

»Den englischen Ritter, nehme ich an?« Er presste die Worte zwischen bleichen Lippen hervor.

Als sie seine Qual sah, fand sie keine Worte, sondern konnte nur nicken.

»Was bedeutet das für mich, für uns? Werdet Ihr mit ihm fortgehen und alles, was wir gemeinsam geschaffen haben, einfach zurücklassen? Was soll aus dem Laboratorium werden, das ich nur für Euch eingerichtet habe? Wie soll ich der Kaiserin erklären, dass ich sie nicht mehr mit Düften, Ölen und Salben beliefern kann? Werdet Ihr gehen, ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden, ohne einen Blick zurück? Ist Euch unser Leben und Eure Arbeit in meinem Haus gar nichts wert?« Seine Stimme versagte, sein Kopf sank auf die Brust.

»Ich … ich kann es nicht sagen, ich weiß es nicht.« Jezabel biss sich auf die Lippen, bis Blut hervortrat. »Das alles ist so verwirrend, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann.« Sie schwieg.

»Dann braucht Ihr vielleicht nur ein wenig Zeit, um über die Zukunft nachzudenken.« Giselher hob den Kopf und musterte die junge Frau mit neuer Zuversicht. »Natürlich seid Ihr im Augenblick nur ein wenig durcheinander und ratlos, denn Ihr habt nicht damit gerechnet, so unverhofft diesem Mann gegenüberzustehen, der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist.«

Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite und griff nach ihrer Hand. »Ich bitte Euch noch einmal, meine Frau zu werden. Vergesst diesen Ritter, der Euch niemals heiraten wird. Ihr seid eine Gemeine ohne Familie und Besitz, er ein Adeliger. Glaubt Ihr denn wirklich, dass er sich über alle gesellschaftlichen Schranken hinwegsetzen und Euch zur Frau nehmen wird? Das Beste, was Ihr von ihm erhoffen könnt, ist eine flüchtige Liebschaft. Ich dagegen biete Euch meinen Namen, die Sicherheit meines Hauses und großen Wohlstand. Bei mir werdet Ihr alles haben, was Ihr Euch wünscht.« Er presste ihre Hand, bis es schmerzte. »Denkt darüber nach, Jezabel, und glaubt mir, dass es keinen anderen gibt, der Euch so bedingungslos liebt wie ich.«

»Hört auf, mich zu bedrängen.« Ihr Schrei gellte durch den Raum, und mit einem heftigen Ruck entriss sie ihm ihre Hand. Bestürzt taumelte Giselher einige Schritte zurück, doch sofort fasste er sich, straffte die Schultern und strich sein Gewand glatt. »Ihr habt recht. Verzeiht mein rüdes Benehmen.« Er deutete eine Verbeugung an. »Ich habe meine Manieren vergessen. Von nun an werde ich Euch nicht mehr mit meinen Liebesschwüren belästigen, sondern Eure Entscheidung abwarten.«

Bevor sie antworten konnte, hatte er bereits die Tür hinter sich geschlossen.

Erschöpft sank Jezabel auf die Sitzbank am Fenster und lehnte die Stirn an das kühle Glas. In ihren Schläfen pochte der Schmerz, ihre Brust hob und senkte sich in schnellen Atemzügen. Was sollte aus Giselher und ihrem gemeinsamen Werk werden, wenn sie mit Henry fortging? Der Kaufherr hatte sie, ohne zu fragen, nach ihrer Flucht aus Palästina in seinem Haus aufgenommen, hatte ihr die besten Apparaturen und neuesten Gerätschaften für ihre Arbeit bereitgestellt, als sie darum gebeten hatte. Bei ihren Experimenten ließ er ihr freie Hand und die daraus erzielten Gewinne wurden gerecht geteilt. Nach der kurzen Zeit als kaiserliche Parfümeurin verfügte sie bereits über ein ansehnliches Vermögen, und Giselher hatte sie ungefragt mit erlesenen Kleidern, Mänteln, Schmuck und sogar einem eigenen Pferd ausgestattet. Es fehlte ihr an nichts, sie lebte in Luxus und Bequemlichkeit. Auf all diese Besitztümer müsste sie verzichten, wenn sie ihrem Herzen folgte und mit Henry in dessen Heimat reiste. Was sie dort erwartete, war ungewiss.

›Ach, daran will ich im Augenblick nicht denken.‹ Unwillig schob sie die bedrückenden Gedanken beiseite und nahm ihre Arbeit wieder auf. Doch kaum hatte sie begonnen, das Wasser für die Destillation zu erhitzen, wurde sie durch erneutes Klopfen aufgeschreckt. »Kehrt denn heute gar keine Ruhe ein?«, rief sie ärgerlich aus. »Wie soll ich mich bei all diesen Störungen konzentrieren?«

»Herrin?« Ihre Dienerin lugte zaghaft durch den Türspalt. »Darf ich eintreten?« Auf Jezabels Wink schob sie sich ins Zimmer. »Giselhers Tochter Marthe schickt nach Euch. Sie liegt im Kindbett und verlangt dringend, Euch zu sehen.«

»Marthe? Ausgerechnet mich? Bist du sicher, Mesh-Mesh? Sie hasst mich, weil sie mich für den Weggang ihres Geliebten aus Nürnberg verantwortlich macht. Ich kann mir nicht vorstellen, was ich mit der Frau zu bereden hätte.«

»Aber draußen steht ein Bote aus dem Haus ihres Gatten Waldemar und wartet auf Antwort. Was soll ich ihm sagen?«

»Offenbar kann ich heute keiner vernünftigen Arbeit nachgehen, denn ständig unterbricht man mich dabei. Also sag dem Boten, er soll sich ein wenig gedulden, dann werde ich ihn in Waldemars Haus begleiten.« Sie tauchte ihre Hände in ein Becken mit Wasser und rieb sich die Spuren der Arbeit von den Fingern. »Bring mir meinen Umhang und feste Schuhe«, befahl sie ihrer Dienerin.

3 Eine Geburt und ein schlimmer Verdacht

Die frühe Winterdämmerung brach herein, als Jezabel Waldemars Knecht durch die verschneiten Straßen der Stadt folgte. Der Himmel war bewölkt, kein Stern leuchtete, und auch der Mond versteckte sich hinter grauen Nebelschwaden. Der Mann trug eine Laterne, deren schwaches Licht ihnen den Weg wies. Trotz ihres pelzgefütterten Mantels und des derben Schuhwerks fror sie erbärmlich, als sie das Haus des Kaufmanns erreichten. Bevor sie noch an die Tür pochen konnte, wurde diese aufgerissen, und Jezabel beeilte sich, ins Warme zu kommen.

»Gut, dass Ihr da seid, Jungfer Jezabel.« Agnes, Marthes alte Amme, nahm ihr den Umhang ab. »Meine Herrin liegt seit Stunden in den Wehen, die Hebamme ist bei ihr.« Agnes bekreuzigte sich. »Doch das Kind will und will nicht kommen. Nun möchte sie Euch sehen.« Obwohl die Alte Jezabel sonst voller Abneigung begegnet war, legte sie heute ein ungewohnt freundliches Verhalten an den Tag. »Kommt, ich bringe Euch ins Gebärzimmer.«

Als Jezabel vorsichtig die Tür öffnete, hinter der die werdende Mutter lag, schlug ihr ein Schwall übler Gerüche entgegen. Die Luft stank nach Schweiß, Urin und ungewaschenen Leibern. Alle Fenster waren fest verschlossen, überall im Zimmer brannten rauchige Talglichter. In gusseisernen Kohlebecken lodernde Feuer sorgten für schweißtreibende Hitze. Auf Tischen, Fensterbänken und Truhen standen Marienfiguren in allen Größen, an den Bettpfosten hingen große und kleine Kreuze, die die Gebärende und ihr noch ungeborenes Kind schützen sollten. Zwei alte Frauen knieten vor einer der Figuren und murmelten unentwegt Gebete.

Auf Kissen gestützt, lag Marthe auf dem Bett. Ihr riesiger Bauch wölbte sich so stark, dass der restliche Körper so zerbrechlich wie der eines Kindes wirkte. Neben dem Bett kauerte eine alte Frau in abgerissener Kleidung, die auf einem Kanten Brot herumkaute, während sie Marthe mit ausdrucksloser Miene beobachtete. Deren Gesicht war totenbleich, die Lippen blutig, weil sie während der Wehen die Zähne darin vergraben hatte. Die Augen waren eingesunken, die Schatten darunter tief und dunkel.

»Marthe!« Bestürzt über das elende Aussehen der ehemaligen Freundin eilte Jezabel ans Bett und sank davor auf die Knie. »Marthe! Du hast nach mir geschickt, hier bin ich!«

»Bella, du bist tatsächlich gekommen«, hauchte Marthe und tastete über die Bettdecke nach Jezabels Hand.

»Warum sollte ich nicht, liebe Marthe?« Tröstend strich sie der Gebärenden das Haar aus der schweißnassen Stirn. »Ich bin bei dir. Bald wirst du dein Kind in den Armen halten.«

»Ach, Bella, es dauert schon so lang, und ich habe keine Kraft mehr. Das Kind will einfach nicht aus meinem Bauch heraus. Ich habe Angst!« Sie schluchzte auf, doch plötzlich zog sie die überraschte Jezabel zu sich heran und wisperte ihr ins Ohr: »Stimmt es, dass Florimond zurückgekommen ist?«

Jezabel runzelte die Stirn. »Wer hat dir das erzählt?«

»Dann stimmt es also! Warum muss ich es von einer Fremden erfahren? Warum ist er nicht selbst zu mir gekommen?« Marthe wandte den Kopf ab, denn die anderen sollten ihre Tränen nicht sehen.

»Florimond war nur für eine Nacht in Nürnberg. Am nächsten Morgen musste er weiter. Er reist im Gefolge des Gesandten der englischen Königinmutter.«

»Aber er hätte doch … Er wusste …« Die Gebärende konnte nicht weitersprechen, weil eine neue Wehe ihren Körper überrollte. Vor Schmerz bog sie den Rücken durch, fletschte stöhnend die Zähne und krallte ihre Finger so tief in Jezabels Arm, dass diese qualvoll aufschrie.

»Sitz nicht da wie aus Stein gehauen, Alte! Hilf ihr gefälligst«, giftete Jezabel in Richtung der Hebamme, die reglos neben der Schwangeren hockte.

Diese erhob sich und schlurfte ein paar Schritte auf Jezabel zu. »Ich bin mit meinem Wissen am Ende, es gibt nichts mehr, was ich für die Frau noch tun kann.« Ihr fauliger Atem streifte Jezabels Wange, und angeekelt zuckte diese zurück. »Seit gestern Abend liegt sie in den Wehen, doch das Kind kommt nicht. Schaut sie Euch doch nur an: Hüften, so schmal wie die eines Knaben, eine Brust wie eine Jungfrau. Wie soll sie da ein gesundes Kind zur Welt bringen, frage ich Euch?«

»Bist du nicht die Hebamme und Weise Frau? Sag du es mir, was ich tun soll, um ihr zu helfen«, fauchte Jezabel.

»Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht, doch das Kind ist zu groß für ihren schmalen Leib. In alten Zeiten sollen die Ärzte der Cäsaren in der Lage gewesen sein, den Bauch der Mutter aufzuschneiden und das Ungeborene herauszuholen. Doch dieses Wissen ist seit Langem verloren. Wenn das Kind nicht in der nächsten Stunde zur Welt kommt, kann keiner mehr helfen.«

»Was meinst du damit?« Sie packte die Hebamme mit so hartem Griff am Arm, dass diese einen leisen Schmerzenslaut von sich gab.

»Dass sie sterben wird, was glaubt Ihr denn?«, erwiderte sie grob und befreite ihren Arm aus Jezabels Griff.

»Gnade dir Gott, wenn sie stirbt, Weib! Ich werde überall erzählen, dass du schwarze Magie angewandt hast, um ihr und dem Ungeborenen den Tod zu bringen.« Jezabels Augen sprühten Feuer, und ihr Gesicht war vor Wut verzerrt. »Also, komm jetzt und sorge dafür, dass sie beide am Leben bleiben.« Erneut umklammerte sie den Arm der Alten und zog diese mit sich ans Bett der Schwangeren. »Ihr dahinten!«, schrie sie die alten Frauen an, die immer noch ihre Gebete leierten. »Hört auf zu murmeln und holt mir auf der Stelle heißes Wasser und sauberes Leinen. Außerdem will ich einen festen Strick und einen Holzkeil, den wir Marthe zwischen die Zähne schieben können. Den Strick bindet Ihr am Fuß des Bettes fest und gebt ihr das andere Ende in die Hand, damit sie sich während der Wehen daran festhalten kann.«

Eilends rappelten sich die Angesprochenen auf und liefen, so schnell sie konnten, um das Gewünschte herbeizuschaffen. In der Zwischenzeit breitete Jezabel die Decke über Marthe und öffnete das Fenster, so dass frische Winterluft ins Zimmer strömte.

»Mit dieser Kälte bringt Ihr sie bestimmt um, so sicher, als würdet Ihr einen Dolch in ihren Leib rammen«, jammerte die Hebamme und zog frierend die Schultern zusammen.

»Halt deinen unwissenden, dummen Mund, und hilf mir lieber.« Jezabels Blick fiel auf die schmutzigen Hände der Hebamme und die schwarzen Ränder unter ihren Fingernägeln. »Aber zuvor wasch dir gründlich die Hände und kürze deine Nägel, sonst verletzt du Marthe womöglich noch. Los, beeil dich, sonst mache ich dir Beine!« Ihre Stimme klang so scharf, ihr Ton war so bestimmend, dass die Frau ohne Widerrede gehorchte.

Als die Hebamme zurückkam, musterte Jezabel prüfend ihre rot geriebenen Hände, die nun vor Sauberkeit glänzten.

»Massiere ihren Bauch und versuche, das Kind vorsichtig nach unten zu drücken, aber tu ihr nicht weh«, befahl Jezabel ihr. Sie beugte sich über die Schwangere, die schweißgebadet in den Kissen lag und nach Atem rang. »Marthe, kannst du mich hören? Du musst mithelfen und dich ein letztes Mal anstrengen, damit dein Kind geboren werden kann.« Sie griff nach dem Weinkrug neben dem Bett und hielt ihn der jungen Frau an die Lippen. »Trink das und stärke dich, denn jetzt musst du alles geben, damit das hier zu einem guten Ende kommt.«

Die Wimpern der Freundin flatterten, dann öffnete die Gepeinigte die Augen. »Es ist Florimonds Kind«, hauchte sie.

»Ich weiß, und deshalb werden wir ihm ins Leben helfen. Nimm nun all deine Kraft zusammen und presse!«

Endlose Stunden schienen vergangen zu sein, als Jezabel aus dem Gebärzimmer taumelte. Sie konnte es nicht glauben, dass es tatsächlich ihre Hände gewesen waren, die Florimonds Sohn bei seinem Eintritt in die Welt geholfen hatten. Doch nun lag der Kleine gewaschen und in saubere Tücher gewickelt neben seiner Mutter und schlief. Marthe hatte ihn kraftlos, aber glücklich geküsst, bevor sie in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf gesunken war. Jezabel mochte sich nicht vorzustellen, welche Qualen die Ärmste unter ihrer unbeholfenen Behandlung gelitten hatte, aber sie hatte bis zum Schluss tapfer durchgehalten.

Müde ließ sie sich auf eine Truhe sinken und lehnte den schmerzenden Rücken gegen die Wand. Für einen Moment schloss sie die Augen und döste vor sich hin.

»Ist es vorbei?« Eine raue Stimme ließ sie auffahren.

Der Herr des Hauses stand vor ihr und starrte auf sie hinunter.

»Ja, es ist vorbei. Eure Gattin hat einen kräftigen, gesunden Sohn geboren.«

»So, so, einen Sohn also«, war alles, was der Vater zu sagen wusste.

»Ihr scheint nicht sehr erfreut und solltet doch jubeln. Fast wäre Marthe bei der Geburt gestorben, doch zum Glück sind beide am Leben geblieben. Seid Ihr darüber nicht froh und glücklich?«

Der Kaufherr blickte Jezabel mit undurchdringlicher Miene an. »Ich habe eine bescheidene Vesper für Euch auftragen lassen. Wollt Ihr mir folgen?«, sagte er schließlich, verneigte sich mit einem ungelenken Kratzfuß und bot ihr den Arm.

»So, wie ich bin?« Sie schaute an ihrem blutbefleckten Gewand hinab und zeigte ihm ihre Hände, die noch Spuren der Geburt trugen.

»Ich werde Euch Wasser zum Waschen bringen lassen. Aber erweist mir die Freundlichkeit, mir bei meinem einsamen Mahl Gesellschaft zu leisten.«

Jezabel erhob sich und folgte ihrem Gastgeber. In einem prächtig ausgestatteten Raum erwartete sie ein reich gedeckter Tisch. Auf einen Wink des Hausherrn wurde warmes Wasser und ein sauberes Leintuch gebracht, so dass sich Jezabel notdürftig säubern konnte. Dann nahm sie an der Tafel Platz.

»Das also ist eine ›bescheidene Vesper’ für Euch?« Staunend glitt ihr Blick über die Speisen.

Große Stücke Fleisch verschiedener Tiere, appetitlich angerichtet auf silbernen Platten, verströmten die herrlichsten Dünste. Ente, Rebhuhn, Gans, Lamm und Schwein warteten auf hungrige Esser, während daneben Saibling, Karpfen und Forelle auf grünem Kräuterbett ruhten. Scharfe Pfeffersoßen, dickflüssige Buttertunke und weiches Weizenbrot standen zum Verzehr bereit. Trotz der kalten Jahreszeit wurden gekochte Erbsen, gedünsteter Kohl sowie eingelegte Sellerie- und Gurkenstücke serviert. Auch ein süßes Rübenmus fehlte nicht. In hohen Krügen dampften Met, Würzwein und heißes Bier. Warmes Fett und klebrig süßer Sirup troffen von Schmalzgebackenen und Honigkuchen, während gebratene Äpfel aromatisch nach Zimt dufteten. Gedörrte Pflaumen und ein goldfarbener Birnenbrei vervollständigten die Speisenfolge.

Beim Anblick der überladenen Tafel bemerkte Jezabel erst, wie hungrig sie war.

»Nur nicht so schüchtern, greift zu, das alles wurde für Euch zubereitet«, forderte der Hausherr sie mit einladender Geste zum Essen auf.

Unbefangen langte sie zu und häufte einen Teller voller Köstlichkeiten auf. Während sie tüchtig aß, nahm sich der Kaufherr nur hier und da ein Häppchen und verzehrte es lustlos mit gezierten Bewegungen, wohl um zu zeigen, dass ihm diese raffinierten Genüsse nichts Neues und täglich verfügbar waren. In feiner Manier ließ er sich danach ein Leintuch reichen und säuberte sich damit sorgfältig die Hände. Mit einem Wedeln der Hand verscheuchte er den Diener, der sich sogleich zurückzog und leise die Tür hinter sich schloss. Lähmendes Schweigen breitete sich zwischen Hausherrn und Gast aus.

Schließlich schlug Jezabel verlegen die Augen nieder und räusperte sich: »Sicher seid Ihr überglücklich darüber, dass Eure Gattin Euch einen strammen Stammhalter geschenkt hat. Er ist ein schöner Knabe, gesund und stark.«

»Ich habe bereits drei Söhne aus früheren Ehen«, entgegnete Waldemar kühl. »Und auch mehrere nutzlose Töchter«, fügte er boshaft hinzu. »Mir liegt nicht viel an einem weiteren Kind.«

»Das war mir nicht bekannt.« Jezabel schluckte, denn sowohl die Gegenwart des Mannes als auch das Gespräch waren ihr mehr als unangenehm und gern hätte sie fluchtartig den Tisch verlassen.

»Euch dürfte vieles nicht bekannt sein, was mich und meine Gemahlin angeht.« Waldemars eisfarbene Raubvogelaugen musterten sie ungerührt. »So hält sie mich beispielsweise für einen alten Narren, der blind und taub durchs Leben geht und nicht zu sehen vermag, was unmittelbar vor seinen Augen geschieht. Doch zu ihrem Unglück bin ich nicht ganz so dumm, wie sie zu glauben scheint.«

Krampfhaft hielt Jezabel den Blick gesenkt und vermied zu fragen, was er damit sagen wollte.

»Bisher habe ich ihr Treiben geduldig beobachtet«, fuhr er fort. »Doch sobald sie aus dem Wochenbett aufsteht, ist es mit meiner Gutmütigkeit vorbei. Sie wird sich um Haushalt und Dienstboten kümmern, wie man es von einer guten Hausfrau erwartet. Es gibt genügend Arbeit für sie, so dass ihr keine Zeit mehr zum Tändeln bleiben wird. Ein Kuckuckskind ist mehr als genug, findet Ihr nicht auch?«

Scharf sog Jezabel den Atem ein, doch sie blieb ihm eine Antwort schuldig. Waldemar schien zu wissen, oder wenigstens zu ahnen, dass es nicht sein Sohn war, der dort oben in der Wiege schlummerte. Sie musste Marthe warnen, denn der greise Kaufherr war dafür bekannt, seine Ehefrauen nicht eben mit großer Nachsicht zu behandeln. Nun hatte er Verdacht geschöpft und würde sicherlich nicht aufgeben, bis sich seine Vermutungen bestätigten.

Arme Marthe, dachte sie bei sich. Dieser betagte Lüstling wird ihr von nun an mit seinen Verdächtigungen und Nachstellungen das Leben unerträglich machen. Wie konnte Giselher seine Tochter nur einem Grobian wie ihm zur Frau geben? Ich an Marthes Stelle würde verzweifeln. Ich könnte es nicht ertragen, Nacht für Nacht im Bett dieses widerlichen Alten zu liegen und seine gierigen Hände auf meinem Körper zu spüren. Ein lang zurückliegendes Gespräch kam ihr in den Sinn. Marthe hatte ihr unter Tränen erzählt, dass der Kaufmann bereits zwei Ehefrauen mit harter Arbeit und schlechter Behandlung zu Tode geschunden hatte.

Mit einem Mal war ihre Zurückhaltung vergessen. »Ein Mann Eures Alters sollte sich glücklich schätzen und hochzufrieden sein, eine junge, schöne und tugendhafte Frau wie Marthe zur Gemahlin zu haben«, schrie sie ihm unverblümt ins Gesicht. »Sie ist eine Zierde für Euer Haus, alle Männer beneiden Euch um diese Frau! Warum verfolgt Ihr sie mit Euren ungerechten Anschuldigungen, für die es keine Beweise gibt?«

»Oho!« Waldemar lehnte sich mit anmaßendem Lächeln zurück. »Legt Ihr nun Euer zimperliches Getue ab und zeigt Euer wahres Gesicht? Ich dachte mir schon, dass hinter Eurem altjüngferlichen Zieren in Wahrheit ein feuriges Temperament schlummert.« Mit erstaunlicher Gewandtheit war er auf den Beinen und trat zu ihrem Stuhl. »Ihr seid immer noch ein knuspriges Hühnchen, obwohl Ihr kein zartes Jüngferchen mehr seid.« Er hatte sie mit seinen dünnen, sehnigen Armen gepackt und zu sich gezogen. »Wollt Ihr einem armen Strohwitwer nicht ein wenig Trost und Liebe schenken?«

Mit der rechten Hand holte sie weit aus, und schallend erklang die Ohrfeige, die er von ihr empfing. Auf der Stelle ließ er sie los und taumelte gegen den Tisch.

»Und Ihr seid ein abscheulicher, durch und durch verkommener Mensch!«, herrschte Jezabel ihn an und gab ihm einen Stoß vor die Brust, dass er hintenüber in die Reste des Festmahls fiel. »Erdreistet Euch nicht noch einmal, mich zu berühren, sonst lernt Ihr mich von meiner unangenehmen Seite kennen, Ihr Wüstling! Ihr solltet Euch in Grund und Boden schämen, einen Gast in Eurem Hause so würdelos zu behandeln.« Sie riss die Tür auf und rief mit lauter Stimme nach ihrem Umhang. Sogleich kam ein Diener mit dem Kleidungsstück herbeigeeilt.

»Das wirst du mir büßen, Hexenweib!« Waldemar hatte sich aufgerappelt und wischte mit wutverzerrtem Gesicht Bratenreste von seinem grünseidenen Wams. »Du betreibst schwarze Magie; ein jeder in der Stadt weiß es. Ich werde dafür sorgen, dass du zur Rechenschaft gezogen wirst, denn schon im Alten Testament heißt es: ›Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen’.«

»Und heißt es nicht in den Zehn Geboten, dass du nicht falsches Zeugnis ablegen sollst gegen deinen Nächsten? Tragt lieber Sorge dafür, Eure Gattin und ihr Neugeborenes anständig zu behandeln, alter Mann!«, fuhr ihm Jezabel mit vor Abscheu verzerrten Zügen über den Mund.

Dann entriss sie dem Dienstboten den Umhang, warf ihn sich um die Schultern und stürmte aus dem Haus.

Außer Atem vom schnellen Lauf und müde von den langen Stunden an Marthes Bett erreichte sie Giselhers Haus.

»Wie geht es meiner Tochter? Lebt sie? Ist sie wohlauf?« Die Stimme des Hausherrn klang gepresst, als er Jezabel entgegeneilte.

»Eurer Tochter geht es den Umständen entsprechend. Ihr habt einen Enkelsohn.« Sie lächelte ihn ermattet an. »Ein wunderschönes, gesundes Kind.«

»Ah, das sind wirklich gute Neuigkeiten.« Der Kaufherr strahlte über das ganze Gesicht. »Doch Ihr müsst Euch ausruhen, Ihr seht müde und elend aus. Ich mache mich gleich auf den Weg zu meiner Tochter, um meinen ersten Enkel zu begrüßen.«

»Lasst sie schlafen, Meister Giselher, die Geburt hat sie sehr angestrengt. Was sie jetzt braucht, sind Ruhe und gute Pflege.«

Doch der stolze Großvater war nicht zu halten. Sobald er sich in seinen Mantel gehüllt hatte, verließ er im Laufschritt das Haus. Schulterzuckend sah sie ihm nach, während er durch die Schneewehen im Hof stapfte, dann schleppte sie sich nach oben in ihre Räume.

Erschöpft von den Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen Tage ließ sie sich einen Holzzuber und heißes Wasser in ihre Stube bringen und verbrachte eine Stunde damit, im warmen Wasser zu liegen. Ausgiebig wusch sie Haare und Körper, danach massierte ihre Dienerin mit erfahrenen Händen ihre schmerzenden Glieder. Als Nächstes wurden in qualvoller Prozedur Gesichts- und Körperhaare entfernt und anschließend die Haut mit beruhigenden Balsamen bestrichen. Endlich ließ sie sich, nur mit einem dünnen, wollenen Untergewand bekleidet, vor dem Kamin nieder, um sich die lange, rotbraune Mähne von ihrer Dienerin zu einer kunstvollen Frisur flechten zu lassen.

»Wie gut das tut, sich von dir umsorgen zu lassen«, seufzte Jezabel zufrieden und lehnte sich zurück. »Du hast heilende Hände, liebe Freundin. Noch vor Kurzem glaubte ich, vor Schmerzen keinen Finger mehr rühren zu können, doch nun sind sie wie weggeblasen. Wenn die Menschen hier wüssten, wie wohltuend ein Bad auf Körper und Seele wirkt, würden sie auch oft und gern baden. Es ist schade, dass meine Mitmenschen nur schwer von der Wohltat eines Bades zu überzeugen sind.«

»Und doch gibt es in der Stadt so viele Badehäuser«, sinnierte Mesh-Mesh, während sie die Kleider ihrer Herrin auf dem Bett ausbreitete.

»Die dienen jedoch weniger der Reinigung des Körpers, sondern mehr der Entspannung und Wollust«, meinte Jezabel lachend. Als sie den irritierten Ausdruck im Gesicht ihrer Dienerin sah, fuhr sie fort: »Du erinnerst dich doch sicher noch an Lucia, die Wirtin aus Florenz? Nun, ihr diente der Besuch der Badestube in erster Linie dazu, sich mit ihrem Galan zu vergnügen. Ob sie danach noch in den Zuber gestiegen sind, wer weiß? Nicht anders wird es hier in Nürnberg sein. Die Männer besuchen das Badehaus, um sich von einer jungen Bademagd befriedigen zu lassen, und die Frauen treffen sich dort mit ihren Liebhabern. Es geht sehr freizügig zu, und baden ist sicherlich nicht der Hauptzweck dieser Häuser. Von den Dienstboten weiß ich, dass dort auch geschlemmt und getrunken wird. Ja, es werden richtige Gastmähler gefeiert. Nebenbei kann man sich vom Bader einen eingewachsenen Zehennagel oder einen eitrigen Zahn behandeln lassen. Das Badehaus ist eher ein geselliger Treffpunkt als ein Ort der Körperhygiene.«

»Das sind ja abstoßende Sitten«, meinte die Dienerin angewidert. »Niemals würde ich einen solch verkommenen Ort aufsuchen wollen. Doch es wäre in der Tat hilfreich, wenn es im Haus einen Baderaum geben würde, denn es ist mühsam, sich täglich in einer Schüssel waschen zu müssen, die nicht größer ist als ein Fingerhut. Vermisst Ihr nicht die Badehäuser des Harems, Herrin? Wie herrlich war es, dort im parfümierten Wasser zu liegen. Ich glaube, es gibt keinen schöneren Platz auf Erden als die Haremsbäder.«

»Das habe ich allerdings in anderer Erinnerung«, entgegnete ihre Herrin trocken. »Diese Bäder waren eine Schlangengrube, voll mörderischer Nattern, die nur auf die passende Gelegenheit lauerten, ihr Gift zu verspritzen. Oder hast du etwa Salome vergessen, Saladins Favoritin?«

Bevor die Dienerin antworten konnte, ging Jezabel zum Bett und sank müde auf die Matratze. Sobald ihr Kopf das Kissen berührte, war sie auch schon eingeschlafen.

4 Das Mädchen Apollonia

Am Morgen klopfte es kaum hörbar an der Tür. Eine junge Magd bat Mesh-Mesh mit atemloser Stimme, ihrer Herrin auszurichten, sie möge sogleich nach unten kommen. Der Schultheiß verlange dringend, sie zu sprechen.

»Sag dem Herrn, dass ich noch beim Ankleiden bin, und er sich gedulden muss. Biete ihm einen Becher Dünnbier an, damit ihm die Zeit nicht lang wird«, befahl Jezabel. »Beeil dich, Mesh-Mesh, und reich mir das blaue Oberkleid und den schwarzen Umhang. Steck mir den Zopf fester, damit mir das Haar nicht aus der Haube rutscht. Was mag er nur von mir wollen, der Nürnberger Schultheiß?«

Nach einem letzten, prüfenden Blick in den polieren Silberspiegel raffte sie die Röcke und eilte die Stiege hinunter in das Empfangszimmer.

Dort fand sie den Hausherrn, in ein Gespräch vertieft mit einer schwarz gekleideten Gestalt. Beide Männer drehten sich ihr zu, als sie den Raum betrat.

»Jungfer Jezabel!« Giselhers Antlitz war angespannt. »Begrüßt Schultheiß Gerbodo, ein Ratsherr unserer Stadt und ein guter Freund der Familie. Er hat ein paar Fragen an Euch.«

»Gott zum Gruß, Jungfer.« Die Stimme des Schultheißen war tief und wohlklingend. »So lerne ich Euch endlich einmal kennen. Ich habe schon viel über Euch und Eurer Kunst gehört, doch noch nie hatte ich die Gelegenheit, mit Euch selbst zu sprechen, obwohl Ihr schon lange in unserer Stadt lebt.«

»Ich grüße Euch, Herr Gerbodo.« Jezabels grünen Augen musterten die korpulente Gestalt des Mannes, der trotz seines gewaltigen Leibesumfangs einen rührigen Eindruck machte. Sein silbergraues Haar verlieh ihm ein vertrauenserweckendes Aussehen, sein rundes Gesicht wirkte freundlich. »Es ist mir eine Ehre, Eure Bekanntschaft zu machen.« Sie knickste vor ihm. »Welches Anliegen führt Euch zu mir?«

»Setzen wir uns doch, dann lässt es sich leichter sprechen«, schlug der Hausherr vor, und alle drei nahmen Platz.

»Nun ja, Jungfer, dies ist nicht ganz einfach für mich.« Verlegen drehte der Schultheiß den vor ihm stehenden Becher hin und her. »Doch jemand führt Beschwerde gegen Euch und bezichtigt Euch der schwarzen Magie. Eigentlich hätte ich Euch vor den Rat zitieren müssen, aber da Ihr im Haus meines Freundes Giselher lebt, dachte ich, dass es besser wäre, Euch hier aufzusuchen.«

Einen Moment lang erstarrte Jezabel angesichts der Anschuldigung, doch dann warf sie den Kopf in den Nacken und lachte befreit auf. »Es ist Meister Giselhers Schwiegersohn Waldemar, der mich der Zauberei beschuldigt, nicht wahr?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann hat er seine Drohung also wahr gemacht, und noch dazu so rasch.«

»Ist wisst bereits davon? Wie das?«, forschte der Schultheiß.

»Die Geschichte ist schnell erzählt.« Jezabels Mund verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Während ich seiner Gemahlin bei der Geburt ihres Sohnes zur Hand ging und mich als Gast unter seinem Dach aufhielt, machte mir der Herr des Hauses unschickliche Anträge. Als ich sie zurückwies, drohte er mir, mich beim Schultheißen anzuzeigen. Und nun seid Ihr hier, Meister Gerbodo, weil Waldemar mich der schwarzen Magie beschuldigt.«

»Und was habt Ihr zu Eurer Rechtfertigung zu sagen?«, fragte der Ratsherr mit ernster Miene.

»Rechtfertigung? Wovon sprecht Ihr? Aus welchem Grund und wofür sollte ich mich rechtfertigen? Oder glaubt Ihr etwa jeder Lüge, den ein abgewiesener Lüstling Euch erzählt?«, begehrte Jezabel auf.

»Jungfer, mäßigt Euch. Dies ist eine schlimme Angelegenheit. Meister Waldemar berichtet, dass die Hebamme das Leben seiner Gattin und des ungeborenen Kindes schon aufgegeben hatte. Erst als Ihr, Jungfer Jezabel, der Gebärenden die Hand aufgelegt und Zaubersprüche gemurmelt habt, sprang das Ungeborene wie von selbst aus dem Leib der Mutter. Das bezeugen sowohl die Hebamme als auch zwei Frauen, die bei der Geburt zugegen waren. Dabei kann es sich nur um Teufelswerk handeln.«

»Teufelswerk? Ist es nicht eher ein Geschenk Gottes, dass das Kind unbeschadet zur Welt kam, obwohl die Hebamme es schon aufgegeben hatte? Glaubt mir, Herr Schultheiß, es waren weder Zauberei noch der Teufel im Spiel, sondern nur ein paar einfache Handgriffe, die in meiner Heimat jeder Frau von Kindesbeinen an bekannt sind. Schon als Kind habe ich die Ohren gespitzt, wenn die Frauen über Geburtshilfe redeten, und habe mir gut eingeprägt, was ich gehört habe. Wollt Ihr mich etwa der schwarzen Magie anklagen, weil ich zwei Menschenleben gerettet habe?«, rechtfertigte sich Jezabel aufgebracht.

»Herr Waldemar hat Euch mit unsittlichen Anträgen belästigt?«, mischte sich nun Giselher ins Gespräch. »Seid Ihr sicher?«

»Glaubt Ihr etwa, ich merkte es nicht, wenn ein Mann mir eindeutige Angebote macht?«, ereiferte sich Jezabel. »Euer Freund Waldemar ist trotz seines Alters ein Wüstling, vor dem keine Frau sicher ist.«

»Zurück zur Sache«, forderte der Schultheiß, der langsam die Geduld verlor. »Es ist ein gutes Argument, das Ihr da vorbringt. In der Tat ist bei Eurer Handlung niemand zu Schaden gekommen, ganz im Gegenteil. Doch in der Stadt mehren sich die Stimmen, die Euch für eine Zauberin halten und dieses Laboratorium, in dem Ihr Eure Tränke und Essenzen braut, für eine Hexenküche. Viele fürchten, dass Ihr bei Eurer Tätigkeit mit dem Teufel im Bunde seid. Deshalb bin ich gezwungen, Raum und Gerätschaften in Augenschein zu nehmen und mich zu überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.«

»Nun ist es aber genug!« Mit hochrotem Kopf sprang Jezabel auf. »Ihr scheint zu vergessen, dass mich Euer Herr, Kaiser Heinrich selbst, mit der Herstellung von Duftwässern, Essenzen, Pomaden und Salben beauftragt hat. Wollt Ihr etwa das Urteilsvermögen Eures Kaisers in Frage stellen? Immerhin hat er mich zu seiner Hofparfümeurin ernannt. In Kürze wird er mir Lehrlinge schicken, die in diesem Hause in die Kunst der Parfümgewinnung eingeweiht werden. Soll ich nach Bamberg berichten, dass die Bürger von Nürnberg, und allen voran ihr Schultheiß, mich deshalb für eine Hexe halten?«

Betreten schwieg der Stadtoberste, denn die Vorstellung, dass sich die Meisterin mit einer Beschwerde an den Kaiser wenden könnte, erschreckte ihn zutiefst. Doch der Vorwurf der Zauberei wog schwer und war nicht leicht von der Hand zu weisen. Er musste diese Angelegenheit dem Rat vortragen, aber vorerst wollte er sich nicht weiter mit der zornigen jungen Frau anlegen. Hastig erhob er sich, um sich in aller Eile zu verabschieden.

Noch immer außer sich vor Wut, beobachtete Jezabel den Herrn, der nach einem hastigen Kratzfuß und einem kurzen Gruß geschlagen davonzog.

Kaum hatte sich die Türe hinter dem ungebetenen Gast geschlossen, als sich Jezabels flammender Zorn gegen den Hausherrn richtete. »Euer Freund Waldemar versucht, meinen Ruf und damit unser Geschäft zu vernichten. So dankt er mir also, dass ich seine Gemahlin vor dem Tod gerettet habe? Indem er mich anzeigt und der schwarzen Magie bezichtigt? Was ist das nur für ein Mensch?«

»Er neidet uns den Erfolg, und er ist sicherlich nicht der Einzige. Wer von den anderen Kaufleuten wäre nicht gerne Hoflieferant und stünde in des Kaisers Gunst? Doch ich hatte keine Ahnung, dass ausgerechnet Waldemar sich so niederträchtig gegen Euch verhält. Ich hatte ihn immer für einen Freund gehalten.«

»Dann fragt doch Eure Tochter. Sie hasst und fürchtet den eigenen Ehemann. Er ist ein Scheusal, gemein, verschlagen und boshaft. Und Ihr habt sie in diese Ehe gezwungen.«

»Fangt jetzt nicht wieder damit an.« Nun wurde auch Giselher ärgerlich. »Das ist eine Familienangelegenheit, und ich wüsste nicht, dass Ihr Euch bereits dazuzählen könnt.«

Wütend standen sich die beiden wie Kampfhähne gegenüber, dann drehte sich Jezabel auf dem Absatz um und stürmte aus dem Zimmer.

In seiner Wut griff Giselher nach einem der kostbaren Weinbecher und warf ihn mit Schwung gegen die Wand, wo er mit lautem Klirren zerbrach. »Weibervolk! Sie sind alle gleich, eine wie die andere zänkisch und rechthaberisch«, knurrte er.

Erschrocken fuhr Mesh-Mesh herum, als die Tür der Kemenate so heftig aufgerissen wurde, dass sie krachend gegen die Wand schlug.

»Rasch, hol mir mein Reitkleid und die Stiefel«, befahl Jezabel zornbebend. »Und bring den pelzgefütterten Umhang, ich reite aus.«

»Bei diesem Wetter, Herrin? Es schneit und zudem bläst ein eisiger Wind.«

»Genau das, was ich zur Abkühlung brauche.« Entschlossen riss Jezabel ihrer Dienerin das Gewand aus der Hand und begann, ihr Oberkleid aufzuschnüren. Mit schnellen Griffen befreite Mesh-Mesh sie daraus und half ihr, das braune Wollgewand, das Jezabel zum Reiten trug, anzulegen.

Kurz danach war Jezabel auf dem Weg in den Stall.

»Nicht den Zelter! Sattle den Hengst!«, befahl sie und deutete auf Giselhers mächtigen Rappen. Der Stallknecht zögerte, doch ein funkelnder Blick aus den Augen der jungen Frau trieb ihn zur Eile. Er legte dem Tier Sattel und Zaumzeug an und war ihr beim Aufsitzen behilflich. Bevor er sich versah, hatte sie dem Tier die Fersen in die Flanken gerammt, so dass der Hengst mit einem Satz angaloppierte. Wie ein Mann im Sattel sitzend, sprengte sie die enge Gasse entlang, ohne Rücksicht auf Passanten, die ihren Weg kreuzten.

Der eisige Wind fuhr ihr unter die Kleider und blies ihr Schneegraupel ins Gesicht, doch sie genoss die schneidende Kälte und den scharfen Ritt. Nachdem sie das Stadttor passiert und freies Feld erreicht hatte, gab sie die Zügel frei und ließ das Pferd in gestreckten Galopp dahinrasen. Erst das rasch dahinfließende Wasser der Regnitz bremste die wilde Jagd, so dass sie die Zügel aufnahm und ihren Weg am Ufer entlang in gemessenem Trab fortsetzte.

Schon wollte Jezabel wenden und nach Hause zurückkehren, als sie in der Ferne einen Trupp Reiter bemerkte, der sich rasch näherte. Einen Moment zögerte sie, denn sie konnte nicht sehen, ob es sich bei der kleinen Gruppe um Freund oder Feind handelte, doch dann erkannte sie den kaiserlichen Adler, der auf den Schilden der Eskorte prangte.

»Herr Erwein!« Erstaunt begrüßte sie den Truchsess, der an der Spitze des Zuges ritt. »Was treibt Euch denn bei diesem Wetter nach Nürnberg?«

»Jungfer Jezabel!« Auch der Höfling war überrascht über den Anblick der zerzausten jungen Frau. »Wohin des Wegs? Ihr reitet doch nicht etwa ohne Begleitung aus?« Er sah sich suchend um.

»Es ist nur ein kurzer Ausflug, um einen klaren Kopf zu bekommen.« Sie versuchte, den tänzelnden Hengst zu beruhigen, der die Nähe der Stuten witterte.

»Was für ein Zufall. Wir sind auf den Weg zu Meister Giselhers Haus, um Euch zu treffen.«

Verwundert blickte sie Erwein an. »Ihr wollt zu mir? Aus welchem Grund? Sonst schickt die Kaiserin einen Kurier, wenn sie mir eine Botschaft überbringen lässt und nicht den Truchsess persönlich.«