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Johanna ist eine Erzählung, die in einer Zukunft der Massenpopulation und Überbevölkerung angesiedelt ist. Über körperliche und seelische Vergehen, aber auch über Gefühle und innere Werte in einer zerstörten Welt kann in Johanna gelesen werden.
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Seitenzahl: 51
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für S.
Vorwort
I.
II.
Johanna ist eine Erzählung, die in einer Zukunft der Massenpopulation und Überbevölkerung angesiedelt ist.
Es hat sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herausgebildet, deren obere Klasse zahlenmäßig unterlegen ist. Trotzdem hat diese die Macht und herrscht über alles und über jeden Menschen.
Technisch ist diese Zivilisation fortgeschritten, doch benötigt sie, um zu funktionieren, viele Arbeiter und Arbeiterinnen. Auf Menschenwürde, Menschenrechte, Selbstbestimmungsrechte und ähnliches wird keine Rücksicht genommen – alles ist darauf ausgelegt, der Oberschicht ein gutes Leben zu ermöglichen und einer weiter ansteigenden Bevölkerung entgegenzuwirken. Fehler im System werden nicht geduldet.
Solch eine dystopische Fantasie darf nie Realität werden.
Eveal von Dohlen Rendsburg, August 2023
Ich lehne am Fenster und schaue raus. Das bisschen Himmel, das man sehen kann, ist von Wolken überzogen – oder vielleicht ist es auch Rauch aus den ganzen Fabriken – wahrscheinlich eher das zweite. Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich mir zum letzten Mal sicher war, ob es Wolken oder Rauch war, was ich gesehen habe. Vermutlich müsste man über der Rauchschicht wohnen, um Wolken sehen zu können. Oder gehen die ineinander über? Ich weiß es gar nicht, so hoch oben war ich noch nie. Wir wohnen ja nur im 26. Stockwerk – damit gehören wir definitiv nicht zu den oberen Stockwerken, wir wohnen noch relativ tief. Und nach oben fahren lohnt sich nicht. Die Flure haben keine Fenster – um etwas sehen zu können, müssten wir in eines der Apartments. Und weil wir da oben niemanden kennen, wird das nichts. Wir kennen nur Menschen hier unten. Arme Menschen. Arbeiter-Menschen. Menschen, die täglich zwölf Stunden arbeiten müssen, bis auf einen freien Tag die Woche, um sich ihren Lebensunterhalt leisten zu können. Die da oben müssen das nicht. Die da oben leben einfach. Luxuriös.
Ich lehne am Fenster, meine Haut gegen die kalte Wand gelehnt, der Kopf und der Oberkörper am Glas. Ich schaue nach unten, ganz weit entfernt sehe ich den Verkehr und die Menschen, die auf der Straße umherziehen. Jeden Tag das gleiche. Immer laufen da unten kleine Punkte umher, ganz selten sieht man mal ein Fahrzeug. Denn die Reichen, die sich Fahrzeuge leisten können, fahren damit meistens nicht auf der Straße. Die Reichen, die da oben, die fliegen. Sie haben Fahrzeuge für die Luft, mit denen sie uns hier unten völlig aus dem Weg gehen können. Sie haben ihre eigenen Parks, sie haben ihre eigenen Einkaufszentren, sie haben alles – auch das, was wir uns hier unten gar nicht vorstellen können. Wir haben keinen blauen Himmel, keine Wolken, keine Zeit und kein Leben. Wir haben Arbeit. Das ist alles. Und der eine freie Tag zwischendurch ist nur dafür da, damit wir unsere Kräfte auftanken können, um die nächste Woche wieder gut zu arbeiten.
Johanna schläft. Ich lasse das Fenster langsam hinter mir und gehe zu ihr. Sie schläft unter der Decke. Viele Schritte sind es nicht, die ich machen muss, denn so groß ist unser Zimmer nicht. Es sind tatsächlich nur zwei kleine oder ein sehr großer. Sie liegt unter der Decke auf der Seite, und ihr Kopf ist Richtung Fenster gelegt. Aber sie schläft und ihre Augen sind geschlossen. Die Matratze liegt ungefähr einen Meter vom Fenster entfernt auf dem Boden, ich bin bei ihr angekommen und knie mich zu ihr nieder. Ich wecke sie. „Hey, aufwachen“, sage ich leise und bewege ihre Schulter vor und zurück. Sie stöhnt und dreht sich zur anderen Seite um. „Komm schon, es ist Zeit“, sage ich jetzt etwas lauter. Der Fußboden ist unter den nackten Füßen kalt. „Ich will nicht“, entgegnet sie verschlafen, aber doch bestimmt. Einige Sekunden später sitzt sie jedoch aufrecht und schaut mich nur schlaftrunken an. Ihre Haut hat Abdrücke vom Laken, da wo sie auf einer Falte gelegen hat. Einer zieht sich über ihr Gesicht, ein anderer über die Seite ihres Oberkörpers. Ihre kurzen Haare sehen zerzaust aus, in den Augen hat sie kleine Bröckchen Schlaf. Früher hatte sie lange Haare, aber mittlerweile, seit wir hier leben und keine Dusche mehr haben, hat sie ihre Haare abgeschnitten. Genau wie ich. Meine Haare waren sogar noch länger. Aber ohne Dusche wird die Pflege schwierig, besonders weil unser Waschbecken auch nur sehr klein ist – und Shampoo können wir uns schon seit Jahren nicht mehr leisten. Deshalb haben wir unsere Haare irgendwann abgeschnitten. Sie steht auf und schlurft zum Waschbecken, dreht den Wasserhahn auf und zuckt kurz zusammen, als das eiskalte Wasser herauskommt. Sie spritzt es sich ins Gesicht und wäscht sich die Augen aus, spült ein bisschen ihre Haare und wäscht sich unter den Achseln. Dann geht auch der Wasserhahn wieder aus – das Wasser ist sehr stark rationiert und sie hat in dieser kurzen Zeit schon eine Ration aufgebraucht. Am Tag stehen uns drei Rationen Wasser zur Verfügung, weil wir zu zweit hier wohnen. Würden wir allein wohnen, hätten wir nur zwei Rationen. Handtücher haben wir nicht mehr, deswegen streicht sie das Wasser so gut es geht mit ihren Händen vom Körper und greift danach zu unserer Hose und dem T-Shirt. Wir haben nur eine Hose und ein T-Shirt für uns beide. Der oder die andere von uns beiden ist immer nackt. Nacktheit ist in der Gesellschaft normal, immer öfter passiert es, dass man auch auf der Straße nackten Menschen begegnet, weil sie sich keine Klamotten neben ihrer Arbeitskleidung leisten können. Unterwäsche haben wir auch nicht; Handtücher, in die man sich einwickeln könnte, haben wir auch nicht und Schlafkleidung haben wir auch nicht. Und unsere Arbeitskleidung – von der wir beide jeweils eine besitzen – ist gerade in der Wäscherei, weil heute unser freier Tag ist. Selber waschen geht ja leider nicht, weil wir dafür unsere ganzen Wasserrationen aufbrauchen müssten und weil unser Waschbecken viel zu klein ist und weil eine Waschtrommel oder gar Waschmaschine den Rahmen des alles für uns in Frage Kommenden sprengen würde. Kein Platz und kein Geld. Unser vier-mal-vier-Quadratmeter großes Apartment reicht ja grade so für die Matratze, auf die wir uns zu zweit quetschen, das Waschbecken, die Toilette und einen kleinen Schrank.
