Jules Welt - Vom Glück der winterlichen Dinge - Marina Boos - E-Book

Jules Welt - Vom Glück der winterlichen Dinge E-Book

Marina Boos

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Beschreibung

"Jules Welt - Vom Glück der winterlichen Dinge" ist der zweite außergewöhnliche Kreativroman von Marina Boos In Müggebach stehen mit dem Winter auch neue Probleme für Jule und ihr Café vor der Tür: Die Dorfbewohner halten die »Lindenblüte« noch immer wahlweise für die Starbucks-Hölle oder ein Sammelbecken für schrullige Sonderlinge, Jule wird zum Wahlkampf-Thema und ihre Helfer haben plötzlich allerhand zeitraubende Projekte wie ein drittes Kind, einen Laden für regionale Waren oder die veraltete Dorfbibliothek. Doch so leicht lässt sich Jule nicht unterkriegen. Und nebenbei bereitet sie mit ihrer Handarbeitsgruppe den Weihnachtsmarkt vor. Es darf also wieder nach Herzenslust (nach-)gebastelt, gekocht und gewerkelt werden!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Marina Boos

Jules Welt – Vom Glück der winterlichen Dinge

Ein Kreativ-Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Willkommen in Jules Winterwelt

 

Der Duft von Herbstlaub, Tannengrün und Zimtsternen weht durch Jules Café »Lindenblüte«. Weihnachten steht fast vor der Tür, und obwohl die Dorfbewohner Jule und ihr Café noch immer wahlweise für die Starbuckshölle oder ein Sammelbecken für schrullige Sonderlinge halten, dekoriert sie die »Lindenblüte« liebevoll mit selbstgemachter Winter- und Weihnachtsdekoration. Während der Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt, den sie und ihre Handarbeitsgruppe veranstalten wollen, wird Jule plötzlich zum Thema im Wahlkampf um den Bürgermeisterposten, und sie und ihre Freunde sehen sich dadurch auf einmal mit ganz neuen Problemen konfrontiert.

 

Mit umfangreichem Anleitungsteil zum Nachbasteln und Selbermachen.

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Und so wird’s gemacht

Allgemeine Hinweise

Glüh-Met und Orangenpunsch

Leinwand-Pinnwand mit Spitze

Notizbuch mit Washitape-Seiten

Lebkuchen

Schäfchen-Mobile

Türkranz-Winterversion

Mit alten Gläsern basteln

Pinselhalter

Einmachglas-Laternen

Weihnachtliche Landschaft für das Fenster

Springerle

Lippenbalsam

Wolle färben

Kartoffel-Rasam-Suppe à la Jule

Fenchel mit Knoblauch

Kastanienbraten

Pomelo-Sorbet

Kapitel 1

Wandlung ist notwendig wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.

Nachdenklich betrachtete Jule das naturfarbene Stück Stoff in ihren Händen, ein altes, nicht besonders feines Stück Bauernleinen, handgewebt. Es war der letzte Meter des Stoffballens, und sie wusste noch nicht, wie er sich wandeln sollte.

Ob van Gogh diese Weisheit beim Anblick einer leeren Leinwand eingefallen ist? Der wusste ja immerhin schon mal, dass er etwas malen würde.

Sie brummte und überlegte weiter. Dabei zwirbelte sie mit dem Zeigefinger eine Strähne ihres schokoladenbraunen Haares, zog sie dann in die Länge und ließ sie los. Sie schnurrte sofort in ihre ursprüngliche, leicht lockige Form zurück. Jule schnappte sich die Strähne erneut und wickelte sie wieder um ihren Finger. In Gedanken versunken, ließ sie schließlich von ihrem Haar ab und griff zu ihrer Tasse, atmete den sanften Duft von Honig, Orangen, Kardamom und Pfeffer ein und spürte sofort eine tiefe Ruhe über sich kommen. Diesen Glüh-Met hatte sie extra für heute Abend komponiert und war von ihren üblichen Zutaten abgewichen, um etwas Neues zu versuchen. Für Jule bedeutete warmer Met eine sanfte Wärmequelle von innen, eine erste Einstimmung auf Weihnachten, ein langsames Ritual.

Aus dem letzten Schluck schmeckte sie schließlich die anregende Schärfe von Ingwer, Chili und Cayennepfeffer heraus. Wohlige Wärme floss durch ihren Körper. Andächtig lehnte sie sich zurück und schloss die Augen.

Zwei Wochen noch. Dann geht die Adventszeit los, dann passt ein Hauch Zimt sehr gut in meine Gewürzmischung. Nur so eine leichte Ahnung, die den Met nicht dominiert und die anderen Gewürze nicht erschlägt.

Einen Augenblick später spürte sie Gertas Hand auf ihrem Arm. »Ist alles in Ordnung? Worüber grübelst du?«

Jule wandte sich ihrer Freundin zu, die neben ihr saß. Auf Gertas Knien lag ein weiteres Stück Leinen aus dem Stoffballen, eingefasst in einen Stickrahmen. Mit groben Stichen und dickem Garn entstand unter Gertas geschickten Fingern eine weihnachtlich geschmückte Tanne.

»Machst du einen Tischläufer, Gerta?«

»Platzsets.«

Jule rollte ihr Leinenstück zusammen und legte es beiseite. »Ich muss mal Inspiration schnuppern, das wird sonst nichts.«

Sie quetschte sich an zwei Spinnrädern vorbei und stromerte durch ihr kleines Café Lindenblüte. Jules liebevolle Renovierung hatte aus dem alten Gasthof ein modernes, gemütliches Café gemacht, in dem sich Dorfbewohner, Kreative und Touristen gleichermaßen gerne trafen.

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine dachte sie an die Stube der ehemaligen Schankwirtschaft – es fiel ihr sehr schwer, denn nichts erinnerte mehr an die dunkle, verrauchte »Alte Linde«. Selbst das Reststück der wuchtigen Theke passte sich perfekt in das Café ein. Jule hatte die Theke in Kirschholzoptik gewachst und in einen Nebenraum mit offenem Durchgang versetzt. Nur die Zapfhähne unter der Glashaube des Kuchenregals waren noch original. Tische und Stühle hatte sie gemeinsam mit ihrem Cousin Ole abgeschliffen und mit demselben Antikwachs wie die Theke behandelt. Die Vorhänge vor den Doppelfenstern waren aus zart gewebtem, gebleichtem Leinen mit handgestickten Lindenblättern. Aufgehängt waren sie an den Ästen ebenjener alten Linde, die neben dem Haus stand und die der Schankwirtschaft einst ihren Namen gegeben hatte.

Mit die schönste und praktischste Dekoration waren die zwei Webstühle der Handarbeitsgruppe – der größere stand in der Nähe der Kellertür, der kleinere im Wintergarten.

An den Wänden waren Zitate und Wörter zu lesen, die Jule über die Jahre gesammelt hatte. Ab und zu nahm sie Weisheiten aus dem Gästebuch mit auf – beispielsweise das Zitat von van Gogh, das ihr gerade noch durch den Kopf gegangen war. Anfangs hatte es Jule einfach nur gefallen. Mit dem Stück Bauernleinen bekamen van Goghs Worte plötzlich eine Bedeutung.

Mir wird schon noch einfallen, was ich daraus machen kann.

Sie füllte zwei Thermoskannen mit Kaffee und schenkte sich selbst etwas Met nach. Es war überwältigend, wie voll die Lindenblüte an diesem Mittwochabend im November war. Die Handarbeitsgruppe hatte zum Vorbereitungstreffen für den Weihnachtsmarkt geladen, und viele Freiwillige waren gekommen. An allen Tischen der Lindenblüte wurde gewerkelt, die zwei Webstühle klapperten, Nähmaschinen surrten, Klöppel wurden von geschickter Hand geschwungen, Stricknadeln und Spinnräder arbeiteten im Takt. Bewundernd schaute Jule zu, wie Mützen und Schals entstanden, Geschirrtücher und Kinderkleider, Vogelhäuser und Weihnachtsbaumschmuck. Über einem Tisch lag eine Wachstischdecke, denn dort filzten fleißige Hände im heißen Seifenwasser aus Schafswolle lange, bunte Schnüre.

In einer ruhigen Ecke entstanden mit Hilfe eines kleinen Gasbrenners Glasperlen für Schmuck. Hier werkelten vier Damen und Herren der Bürgerinitiative, die sich erst im Frühjahr gegründet hatte. Leider hatte ihr erstes Ziel darin bestanden, Jule, die »Auswärtige«, an der Eröffnung ihres Cafés zu hindern. Mittlerweile waren die Missverständnisse zwar weitgehend aus der Welt, doch Jule fühlte sich noch immer nicht allzu wohl in ihrer Gegenwart. Andererseits hatte sich die Bürgerinitiative den Handarbeiterinnen angeschlossen, um Geld für ihr neues Projekt, ein Kulturzentrum für das Dorf, zu sammeln, und dagegen konnte sie schlecht etwas einwenden. Vielleicht trug es ja auch dazu bei, dass sich einige der Gräben, die der Streit im Dorf aufgerissen hatte, endlich schlossen. Trotzdem schlug Jule unauffällig einen großen Bogen um den Tisch und kam zu einer alten Dame, die in gemächlichem Tempo eine Spitzenborte klöppelte. Und in diesem Moment schlug endlich der kreative Geistesblitz zu: Solche Borten hatte sie doch beim Entrümpeln gefunden. Sie steckten in einem Karton im Keller mit der Aufschrift: »Irgendwann an irgendwas annähen?« Die harmonierten gut mit dem Bauernleinen.

Jule mäanderte noch für ein paar Minuten durch den Raum, füllte Thermoskannen und Wasserkrüge nach und setzte sich dann wieder zu Gerta.

»Es ist toll, wie viele Leute euch unterstützen.«

Gerta schmunzelte. »Das ist jedes Jahr so. Die Stände für das Kunsthandwerk sind die größten und schönsten auf dem Weihnachtsmarkt. Ach, was sage ich: Im weiten Umkreis!« Sie strich sich über den Dutt, als könnte irgendetwas die Härchen glätten, die wie Kükenflaum daraus hervorstanden. Seit dem Sommer hatte sie aufgehört, ihren Schopf pechschwarz zu färben, und wandelte sich nun allmählich von einer Krähe in eine Elster.

»Klingt, als würdet ihr einen Wettbewerb daraus machen.«

»Ohne Ehrgeiz geht’s nicht. Und wir sind stolz darauf, dass die Leute sogar von weiter her kommen, um sich bei uns umzugucken. Die erwarten Qualität und Einfallsreichtum. Da können wir nicht nachlassen.«

Jule nickte. »Sag mal, fällt es dir nicht schwer, dieses alte Leinen zu verarbeiten?«

»Ach, es geht. Auf feingewebten Leinen stickt es sich natürlich gleichmäßiger. Aber das wäre mir zu schade für Platzsets.«

»Das meinte ich nicht.«

Jule entrollte ihr Stück Stoff. Wieder fiel ihr die Schlichtheit des ungebleichten Gewebes auf. Die Oberfläche war rauh und griffig. Hier und da stach ein Rest Flachsfaser hervor.

»Das ist das allerletzte Stück des Ballens. Daraus möchte ich etwas Besonderes machen. Dieser Ballen war meiner Familie so kostbar, dass sie ihn über Jahrzehnte auf dem Scheunenboden gelagert haben. Das hier ist das allerletzte Stückchen, das von diesem Schatz noch geblieben ist. Geht dir das nicht nahe?«

Gertas rosiges Gesicht legte sich in nachdenkliche Falten. »Nein. Es ist ja kein feines Bettzeug aus Langflachs. Es ist Werg, an der Grenze zum Kartoffelsack. Für meinen Tisch wäre es mir zu rustikal, aber die Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden.«

Jule atmete tief durch. »Mir geht es nicht um das Material, sondern um die Bedeutung! Es ist das letzte Stück aus dem Ballen. Das Ende, bereit für einen neuen Anfang.«

»Ah, ich verstehe. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, murmelte Gerta. Ihr Blick ruhte auf dem Zitat, das Jule mit großen, geschwungenen Buchstaben auf die Wand schabloniert hatte. Es stach deutlich aus all den anderen Zitaten hervor. »Weißt du, Jule, ich habe mir nie besonders viele Gedanken gemacht, wenn es darum ging, den letzten Rest Stoff zu verarbeiten.«

»Weshalb nicht? Von dem hier gibt es jetzt nur noch dieses eine Stück. Es lag viele Jahrzehnte im Inneren des Ballens, wahrscheinlich sogar ein ganzes Jahrhundert! Es hat eine Geschichte. Niemand weiß, wer es einmal gewebt hat und wofür. Meine Urgroßmutter hatte vielleicht Träume, was sie damit anstellen wollte.«

»Im Winter die Pflanzen abdecken.«

»Manchmal bist du ein fürchterlich praktisch denkender Mensch.«

Gerta schaute ihr in die Augen. »Das alles, was du da gerade aufgezählt hast, das steckt doch in jedem Zentimeter des Stoffballens. Und egal, was du aus diesem Stück anfertigst, du würdigst all diese Arbeit und diese Erinnerungen am besten, indem du loslegst und etwas aus diesem Stoff machst. Hast du denn inzwischen deine Inspiration gefunden?«

»Ja, das habe ich tatsächlich. Ich werde es auf eine Pinnwand spannen und den Rahmen mit alten Borten bekleben. Mir schwebt vor, dass meine Gäste dort Kochrezepte, Ideen und Gedichte austauschen können.«

Gerta zuckte nur die Schultern. »Hauptsache, du konservierst es nicht wie in einem Museum. Früher hätte sich niemand die Mühe gemacht, einen Stoff herzustellen, damit er herumliegt.«

»Das ist eine schöne Sichtweise. Eine zufriedene.« Spontan schloss Jule die Arme um die kleine, stämmige Gerta. »Du, ich muss dich mal drücken!«

»Womit habe ich das verdient?«

»Einfach, weil du mich immer wieder daran erinnerst, wie gut das Leben gerade zu mir ist. Überleg doch mal, ich bin noch kein Jahr hier und habe schon eine neue Heimat und wirkliche Freunde gefunden. Und ähm …«, sie spürte, wie heiß ihre Wangen waren, »… einen wahnsinnig tollen Mann.«

»Ach, Jule!« Gerta drückte sie an sich.

Sie wusste offenbar nicht recht, was sie sagen sollte, und nickte nur kurz mit dem Kinn in Richtung der Weberinnen, die zu zweit mit einem dicken Wollzopf hantierten. »Ich glaube, die brauchen jemanden, der ihnen zur Hand geht. Ewa ist noch nicht da.«

»Klar, mache ich. Ich komme«, rief sie und lächelte Gerta noch einmal zu, ehe sie das Stück Stoff auf dem Tisch ablegte und zu dem großen Webstuhl hinüberging. Hier konnten Webstücke bis zu einer Breite von 1,20 Metern angefertigt werden, und die Handarbeiterinnen bereiteten alles dafür vor, ein Dutzend kuschelige Decken zu weben.

Jule wollte gerade mit anpacken, als die Tür aufflog und die schweren, waldgrünen Vorhänge, die vor Zug schützen sollten, sich mächtig blähten. Ein Stoß kalter Novemberluft strömte herein. Wie eine massive Gewitterwolke mit hennarotem Haar rauschte Ewa in die Stube. »Das ist doch einfach unglaublich! Unmöglich! Unerhört!«

In der Schankstube wurde es schlagartig still.

»Der Weihnachtsmarkt …« Sie japste und schnappte nach Luft. »Sie haben den Weihnachtsmarkt abgesagt!« Schwer atmend sank sie auf einen Hocker.

Bestürzung machte sich im Raum breit. Alle redeten durcheinander.

»Wie? Den Weihnachtsmarkt abgesagt? Wer denn? Warum? Das geht doch überhaupt nicht!«

»Das kann doch nicht sein!«

»Wer?«

»Du hast dich verhört!«

Jule löste sich aus der Schockstarre, schnappte sich eine Tasse und eine Thermoskanne und eilte zu Ewa. Sie goss ein und reichte ihr einen dampfenden Glüh-Met.

»Hier, trink. Wärm dich auf. Erzähl!«

Ewa nahm die Tasse mit einem dankbaren Blick an. »Wegen Bauarbeiten. Unglaublich, oder? Der Bahnhofsvorplatz wird saniert.«

»Wie bitte? Das fällt denen im Rathaus jetzt ein? Die müssen doch erst monatelang ausschreiben und weiß der Geier was! Und im Dezember? Das ist doch wohl ein Scherz. Die Veranstaltung ist angemeldet, die Werbung läuft … das kann man gar nicht mehr absagen.«

Der Glüh-Met zeigte Wirkung, langsam bekam Ewa wieder etwas Farbe ins Gesicht. »Wenn ich es nicht gerade selbst gehört hätte, würde ich es auch nicht glauben. Eigentlich wollte ich nur meinen neuen Personalausweis abholen. Mittwoch am Nachmittag ist ja das Rathaus zu. Aber die Maria sitzt immer lang im Büro. Mit der bin ich doch damals zur Kommunion gegangen, und die weiß, dass ich heute in der Lindenblüte bin, und damit ich nicht zweimal laufen muss, hat sie mir hinten aufgeschlossen. Na, jedenfalls kommen wir ins Schwatzen, und sie erzählt mir, die Gemeinde hätte doch noch die beantragten Fördergelder bekommen, muss aber sofort mit dem Bauen anfangen. Geplant war das ja schon lange, und jetzt wird das im Eiltempo durchgezogen. Morgen steht’s in der Zeitung.«

»Das darf nicht wahr sein!«, entfuhr es Jule. »Und auf den Marktplatz können wir auch nicht ausweichen, weil das Dach der Johannikirche neu gedeckt wird und es da eh schon eng ist. Wann wollen die den Kran abbauen?«

»Erst im neuen Jahr«, sagte Gerta. Sie stellte sich neben Jule und umklammerte deren Arm. »Die haben Schwamm in den Balken gefunden und müssen größer sanieren als geplant. Für den Wochenmarkt ist das kein Problem. Um die Jahreszeit sind nur wenige Händler da, und die stehen komplett in der Gasse zum Bahnhof runter. Aber der Weihnachtsmarkt braucht Platz für die Bühne und für das Kinderkarussell.«

»Was spricht denn gegen den Rathausplatz?«, überlegte Jule laut.

»Na, der Bürgermeister«, ärgerte sich Ewa. »Das hatte die Maria auch vorgeschlagen. Angeblich fehlen dann die Parkplätze für die Besucher, und er hat Angst um die Sicherheit, weil bei der Anzahl an Ständen keine Rettungsgassen da wären und so ein Kokolores.«

Gerta brummte. »Man merkt, dass er demnächst in Rente geht und keinen Wahlkampf mehr machen muss. Gut, dass wir bald einen neuen Bürgermeister bekommen. Sicherheit ist wichtig, aber man kann es doch auch übertreiben, nicht? Der hat doch vor allem Angst, seit er es sich vor Jahren mal mit den Herbauers verschissen hat!«

»Ah«, machte Jule nur. Wieder so ein alter Streit, der noch immer dafür sorgte, dass die beleidigten Leberwürste sich das Leben schwermachten. »Und der eine Herbauer ist beim Ordnungsamt und der andere bei der Polizei.«

»Und die andere Hälfte der Familie ist bei der freiwilligen Feuerwehr.«

Mittlerweile schwirrte Jule der Kopf.

»Die Diskussion ist festgefahren«, erklärte Ewa. Sie trank den letzten Schluck Met und lehnte sich vor. »Freiwillig zieht sicher keiner seinen Stand zurück.«

»Ihr Lieben.« Gerta gesellte sich zu Ewa. »Ich würde sagen, wir grübeln jetzt alle im Stillen, was wir da am besten machen können, und arbeiten weiter. Ewa und ich fühlen einmal vor, wie die Vereine und die Landfrauen das sehen. Beim nächsten Treffen in einer Woche beratschlagen wir dann, wem wir kräftig auf die Füße steigen werden!«

Alle nickten einvernehmlich. Mit grimmigen Gesichtern nahmen sie ihre Handarbeiten wieder auf, und schon nach wenigen Minuten lockerte sich die Stimmung, und die Gespräche wandten sich angenehmeren Themen zu.

Jule zog ihr Notizbuch aus der Hosentasche. Mit dem stummeligen Bleistift trommelte sie auf den Einband.

Lösungen, dachte sie. Da brauchten wir jetzt einen Zauberhut, aus dem wir welche ziehen könnten.

Kapitel 2

Schwungvoll kippte Jule einen Karton voller Winterdekoration auf dem Basteltisch aus. Hunderte Papierschneeflocken flatterten heraus und ergossen sich über Tisch und Boden.

»Es schneit, es schneit! Hui!« Sie hob den Karton höher. Der Basteltisch, Jules persönliches Herzstück der Schankstube, füllte sich mehr und mehr mit Papierschnee. Zuletzt plumpste ein großer Klumpen verknoteter Lichterketten aus dem Karton.

Mika stand an der Tür und gähnte. »Weshalb machst du das jetzt und nicht dann, wenn du mehr Zeit und Ruhe hast? Du musst doch auch noch zum Bäcker radeln. Der liefert heute nicht.«

Nach dem Schock über die Absage des Weihnachtsmarkts war Mika über Nacht geblieben. Jule hatte den Kopf an seiner Schulter vergraben, und sie hatten bis weit nach Mitternacht geredet und wenig geschlafen – jedenfalls zu wenig, um kurz vor sieben wieder munter zu sein.

Er schloss gerade die letzten Knöpfe an seinem Mantel, begleitet von einem weiteren herzhaften Gähnen.

Jule ließ Papierschneeflocken durch ihre Finger rieseln. »Sooo eilig habe ich es nicht, in die Kälte zu kommen. Und wie soll ich die Finger von dieser wunderschönen Winterdeko lassen? Was für eine Arbeit! Wer hat denn das alles ausgeschnitten?«

»Nach den ersten hundert von den Dingern wird man richtig schnell.«

Jule steckte den Finger in ein Kabelknäuel und ruckelte probeweise daran. Das würde eine fürchterliche Sortiererei werden – besser, sie bastelte einen Kabelaufwickler, damit sie den Schlamassel ordnen konnte. Irgendwo lag noch stabile Wellpappe von einem Versandkarton herum, und so eine knochenförmige Wickelhilfe war schnell zurechtgeschnitten.

»Du hast die ganzen Flocken gebastelt?«

»Mein Bruder und ich. Überleg doch mal: Unsere Eltern haben sich rund um die Uhr um die Linde gekümmert. Wir waren meistens draußen unterwegs oder bei den Nachbarn. Und wenn das Wetter mies war, dann mussten wir uns eben anders beschäftigen. Dort wo jetzt die Theke steht, war in der Küche ein Tisch. Da ist ab und zu etwas abgestellt worden.« Sorgfältig strich er seine schwarzen, leicht lockigen Haare unter eine Mütze. »Wir saßen oft dort, um niemandem im Weg zu sein.«

»Ganz schön übel, seine Kinder so abzustellen.«

Mika zuckte leicht mit den Achseln. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte oder fühlte. »So schlimm, wie sich das anhört, war es nicht. Was hätten meine Eltern auch tun sollen? Sie haben viel gearbeitet, die Linde war ihr Leben – zumindest das meines Vaters. Und meistens waren mein Bruder und ich eh draußen. Wir hockten in den Ästen der Linde oder stromerten über die Felder.«

In Anbetracht der Menge an sorgfältig geschnittenen Papierflocken war Jule sich dennoch sicher, dass es in Mikas Kindheit zu viele Regentage gegeben hatte.

Am liebsten hätte sie ihn berührt, seinen Kopf in ihre Arme genommen und ihn ganz fest gehalten. Aber in diesem Moment ging von ihm etwas aus, das Jule abhielt. Sie schwiegen oft einträchtig miteinander und spürten einfach die Nähe des anderen. Doch dieses Schweigen hier fühlte sich irgendwie fremd an. Es hielt alle anderen Menschen auf Distanz, auch Jule.

Für Jule war es immer noch ein Rätsel, was ihn in einer solchen Stimmung bewegte. Die Muskeln an seinen kantigen Wangen zuckten, sein Blick wanderte hin und her. Dann schaute er sie an und lächelte.

»Wir müssen zusehen, dass wir mal mehr Zeit miteinander verbringen, Jolanda.«

Mika war der einzige ihr nahestehende Mensch, der ihren Vornamen nicht abkürzte. Bei ihm klang er weich und melodisch wie der Name einer Heldin aus einem Märchenbuch.

»Auf jeden Fall! Wie wäre es, wenn wir heute Abend ganz spontan nach Karlsruhe fahren und essen gehen. Dann erzähle ich dir bei richtig gutem Sushi, wie mein Auslandsjahr in Japan war.«

Er lächelte. »Alla gut. Aber jetzt mache ich mich langsam auf. Mal schauen, wie hoch der Schnee liegt.«

Mit der Schuhspitze schob Jule einige Papierflocken zusammen. »So um die zwei Millimeter werden es sein.«

»Nee, ich meine draußen. Hast du noch nicht rausgeschaut?«

»Ich strecke doch bei der Kälte nicht freiwillig meine Nase aus dem Fenster! Es ist eisig, es ist Winter, es ist noch viel zu lange hin bis zum Frühling. Mehr muss ich nicht wissen.«

Mika schmunzelte und riss die Tür auf. Frostige Winterluft wehte in die Schankstube. Sie wirbelte echte, dicke Schneeflocken herein, die sich auf die Papierflocken legten.

»Du solltest unbedingt streuen.«

»Streuen? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, dass es schneit?«

»Petrus meint es jedenfalls sehr ernst.«

Er wies auf die dicken Flocken, die unablässig hereintrieben. Jule ließ vor Erstaunen den Lichterkettenklumpen fallen. Sie war eine fürchterliche Frostbeule und bibberte bereits von diesem kleinen Lüftchen erbärmlich, aber dummerweise liebte sie Schnee über alles. Begeistert klatschte sie in die Hände. »Endlich ein richtiger Winter!«

Mika lehnte sich durch die Tür hinaus. »Sieht gut aus. Da werden nachher ein paar Leute ihr Auto suchen müssen.«

Sie schlich auf ihren Alpakawollsocken zu ihm hinüber. »Ist das kalt!«

»Bisschen Frischluft hat noch niemandem geschadet.«

Mit glänzenden Augen sahen beide zu, wie der Schnee die Welt in ein Winterwunderland verwandelte.

»Es sind schon mehr Leute erfroren als erstunken. Brrr! Bevor ich da rausgehe, brauche ich noch ein paar Extraschichten Klamotten.«

»Du sagtest mal, dass alle Menschen Schichten hätten. Wärmen die nicht genug?«

Jule rieb sich die Oberarme und brummte unbestimmt. »Sind ja leider keine Fellschichten mehr.« Bibbernd trat sie neben ihn und streckte vorsichtig ihren Arm aus. Winzige Schneeplättchen setzten sich auf ihren weinroten Pullover.

Im Dämmerlicht blitzten Mikas Augen schelmisch. Dann stieß er die Tür weit auf. Jule schnappte empört nach Luft.

»Na, du hast ja gut lachen, mit deinem dicken Mantel!«

Er nahm sie in den Arm und strich ihr eine Locke hinter die Ohren. »Du siehst wunderschön aus, mit den Schneekristallen im Haar.« Er küsste sie sanft. »Ist es jetzt wärmer?«

»Ein bisschen. Und – hmmmhmmm – du riechst nach Lavendel.«

»Wollte mal dein Duschpeeling ausprobieren. Damit solltest du glatt in Serie gehen.«

»Wenn du für mich die Kosmetikverordnung übernimmst.« Sie zwinkerte ihm zu. »Und natürlich brauche ich jemanden, der den Arbeitsplatz und die Arbeitsgeräte steril hält und sich ums Marketing kümmert.«

Mika schmunzelte, öffnete seinen Mantel wieder und wickelte Jule mit ein. Sie lächelten sich kurz an und schauten dann schweigend in den beginnenden Winter hinaus. Es war kaum ein Auto auf der Hauptstraße unterwegs.

»Musst du nicht los?«

»Hm. Ist zu gemütlich. Kannst gleich wieder ins Warme huschen. Was hast du denn nun eigentlich mit der ganzen Deko vor?«

»Ich würde die Papierflocken gerne locker um die Kerzen herumstreuen. Dazwischen ein paar eisblaue Glasdekosteine. Und irgendetwas Weihnachtliches soll schon rein, der Advent steht vor der Tür. Was meinst du?«

»Jolanda«, brummte Mika. »Vor dem Totensonntag wird nicht für Weihnachten geschmückt.«

»So katholisch ist Müggebach nun auch wieder nicht!«

»Das hat doch nichts mit katholisch zu tun. Es ist einfach so Brauch.« Sie verdrehte die Augen. Mikas Miene drückte aus, dass er nicht scherzte. Jule konnte sich nicht erinnern, sich jemals Gedanken darüber gemacht zu haben, wann eigentlich der Weihnachtsschmuck hervorgeholt wurde. Sie hatte einfach dekoriert, wenn ihr der Sinn danach stand.

»Weshalb kommen dann die ganzen Weihnachtssüßigkeiten so früh in die Läden?«

»Tja. Hält sich halt nicht jeder an Traditionen, wenn es ums Geschäft geht. Wenn du in dich gehst, erinnerst du dich bestimmt, dass auch in Frankfurt kein Weihnachtsmarkt vor dem Totensonntag öffnet, und wenn, dann war das sicherlich ein gefundenes Fressen für die Lokalpresse.« Er sah auf die Uhr. »Ich bin immer noch zu früh dran.«

»Ich glaube, mein Wecker geht vor.«

»Das ist doch ein Radiowecker, oder?«

»Theoretisch … der ist ein paar Mal zu oft auf den Boden gefallen.«

»Gefallen oder gefegt worden?«

»Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.« Jule drehte die Augen himmelwärts. »Hach, in Frankfurt könntest du dir jetzt noch einen Kaffee kochen. Da fährt bei Schnee kein Bus pünktlich, wenn er überhaupt fährt.«

Er wirkte irritiert, dann lachte er.

»Das war kein Scherz!«

»Im Ernst? Wegen den zwei Zentimetern Schnee auf der Straße gibt’s Verkehrschaos?«

Jule steckte ihm die kalten Finger unter den Pullover. »Da trauen sich halt noch viel zu viele Leute, im November mit Sommerreifen zu fahren.«

»Das ist absolut rücksichtslos!«, knurrte er und ließ offen, ob er ihre Eisfinger oder die Autofahrer meinte. »Ab Oktober ist es hier ganz schön blöd, keine Winterreifen zu haben.«

»Mal ehrlich: Das ist auch in Frankfurt schön blöd und eigentlich überall, wo es im Winter kalt wird.«

Jule streckte ihren Kopf an ihm vorbei und spähte nach Westen, die Straße hinunter. »Noch nicht in Sicht. Vielleicht ist der Busfahrer ja Frankfurter?«

Sie kuschelte sich fester an ihn. Nicht nur, weil die Kälte frostig durch ihre bequeme Stoffhose biss, sondern auch, weil sie noch nicht wusste, was sie davon halten sollte, dass er sich gleich mit seiner zukünftigen Kollegin zum Frühstück traf. In einer Woche ging die Leiterin der Bibliothek in den Ruhestand, und Mika würde ihr Nachfolger werden, um mit einer neu eingestellten Fachangestellten die Bibliothek zu modernisieren. Die neuen Kollegen wollten sich kennenlernen und an einem gemeinsamen Schlachtplan arbeiten, um die Übergabe mit der alten, starrsinnigen Bibliothekarin möglichst reibungsfrei zu überstehen.

»Und? Nervös vor dem Treffen?« Jule drückte ihn sanft.

»Nein, wieso?«

»Na, du kennst sie ja noch gar nicht.«

»Ach, wir haben doch schon telefoniert. Das wird nett. Nervös macht mich höchstens, wenn ich an meinen ersten Arbeitstag denke. Frau Putz hatte mich schon auf dem Kieker, da war ich noch kleiner als mein Schulranzen.«

»Die meckert doch jeden an, der ihre heiligen Hallen betritt.«

»Wir werden es schon überstehen. Du weißt ja: Wenn man sein Leben einer Sache gewidmet hat, ist es schwer, die Jungen ranzulassen, die auch noch ganz andere Vorstellungen haben als man selbst.« Mit bedeutungsschwerem Blick schaute er erst in den Schankraum der Lindenblüte und dann zur benachbarten Einhorn-Brauerei hinüber. Sein eigener Vater hatte als Wirt der Linde viel zu lange dem Verfall seiner Gaststätte zugesehen, statt das Ruder seinem Sohn zu übergeben. Bis es zu spät gewesen war. Zwar hatte Mika noch selbst versucht, das Geld zusammenzusparen, um die Linde zu übernehmen, aber Jule war ihm nichtsahnend zuvorgekommen. Es hatte eine Weile gedauert, bis er etwas anderes in ihr hatte sehen können als die Auswärtige, die ihm sein Elternhaus genommen hatte.

Auch der alte Wirt der benachbarten Einhornbrauerei hatte die Zügel viel zu lange nicht vollständig an seinen Sohn Carsten abgeben wollen.

Jule folgte Mikas Blick und versuchte, sich vorzustellen, wie jemand anderes über die Geschicke der Lindenblüte bestimmte.

Langsam verstehe ich, weshalb ein alteingesessener Chef seinen Sessel nicht räumt. Und ich verstehe auch die Nachfolger, die erst einmal alles anders machen, obwohl der Laden eigentlich läuft. Jeder hinterlässt in seinem Revier Duftmarken, jeder hängt an seinem Lebenswerk oder dem, was er dafür hält.

Jule rieb die Beine aneinander, um die Gänsehaut loszuwerden. »Findest du das Wort ›Duftmarke‹ genauso amüsant wie ich?«

Er wiegte den Kopf und brummte. »Mir gefallen die ›Mettenden‹ besser. Allein schon die Blicke der Leute, wenn sie das Wort zum ersten Mal an deiner Wand sehen! Man liest all die weisen Sprüche und besonderen Wörter, und dann steht da plötzlich ›Mettenden‹.«

Jule schmunzelte. »Meine persönliche Duftmarke, schätze ich. Bin ich froh, dass die Sache mit dem alten Einhornwirt ausgestanden ist und er nicht mehr versucht, mir alles zu ruinieren. Habe ich erzählt, dass Carsten gestern angerufen hat?«

»Nein.«

»Wir wollen uns wegen dem Adventsfenster absprechen.«

Mika wirkte erstaunt. »Ihr habt euch wirklich angemeldet und eins bekommen?«

»Tja, Glück muss man haben. Das Einhorn und die Lindenblüte bleiben währenddessen geschlossen. Das darf ja nichts Kommerzielles sein, und das soll es auch nicht – wir wollen allen zeigen, dass nach Jahren der Feindschaft zwischen Linden- und Einhornwirt wieder Frieden herrscht. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf!«

Sie schwiegen für einen kurzen Moment und lauschten auf den Bus, bis Jule in der schneegedämpften Stille des frühen Morgens ein leises Flattern hörte, wie von Papier, das sich nicht losreißen konnte. »Immer noch!« Sie sah zum Briefkasten hinüber. Natürlich hing er da wieder, der obligatorische Meckerzettel. Sie erhielt nicht mehr so viele wie noch vor der Eröffnung der Linde. Mal blieb ihr Briefkasten über Wochen verschont, dann wieder vergingen nur wenige Tage bis zum nächsten Zettel, aber wirklich aufgehört hatte es nie.

Mit einem genervten Brummen schälte Jule sich aus der Behaglichkeit von Mikas Mantel, lehnte sich vor und riss den Zettel ab. Das Papier wellte sich bereits von der Feuchtigkeit des Schnees, aber die Schrift in fettem Comic Sans war unverkennbar: »Kein Schickimickicafé in Müggebach!!!!!«

Jule zählte die Ausrufezeichen. »Ich sollte jeden Abend groß ›Jetzt ist aber mal gut!‹ an meinen Briefkasten schreiben. Mit drei Ausrufezeichen.«

»Wenn es dir guttut, dann mach das. Schnee sei Dank wissen wir jetzt wenigstens, dass dein Zettelschreiber nur eine halbe Portion ist.« Mit einem Satz sprang Mika die zwei Stufen herunter und rutschte auf der frischen, dünnen Schneedecke herum. »Streuen, Jule!« Er ruderte mit den Armen, und um ein Haar hätte er sich auf den Hintern gesetzt, fing sich aber gerade noch rechtzeitig.

Jule verkniff sich ein Lachen. »Zertritt mal nicht den Tatort!«

»Haha.«

Sie legte den Kopf schief und musterte die Schuhabdrücke, die schnurstracks aus Richtung Bahnhof bis zu ihrem Briefkasten und wieder zurückführten.

»Ich ziehe mir gleich was über und räume den Gehsteig. Kann man wenigstens erkennen, welche Schuhe unser Freund trägt?«

Mika ging in die Hocke »Der Größe nach zu urteilen, würde ich jetzt einfach mal behaupten, unser Freund ist eine Freundin. Das sieht nach Damenschuhen aus, circa Größe 38. Entweder Winterstiefel oder Gesundheitslatschen. Nichts Schickes.«

»Ist noch zu dunkel zum Fotografieren, oder?« Jule hielt sich am Türrahmen fest und lehnte sich so weit aus der Tür heraus, wie sie konnte, ohne mit den Socken ins Nasse zu treten.

»Kannst es ja mal versuchen.«

Ein sanftes Dröhnen kündigte den Bus an, der sich langsam die zugeparkte Hauptstraße entlangarbeitete.

»Ich verstehe nicht, wie ihr euch das antun könnt, ausgerechnet in der Bäckerei am Bahnhof zu frühstücken. Diese scheußlichen Papp-Brötchen!«

»Es ist halt praktisch, und wir können uns später in die Bibliothek reinschleichen.« Er drückte Jule noch einmal an sich und küsste sie. »Halt die Ohren steif, und lass dich von niemandem ärgern!«

Mika knöpfte seinen Mantel zu, während er mit zügigen Schritten zur Bushaltestelle vor dem Einhorn ging. Bevor er einstieg, drehte er sich noch einmal kurz um und schenkte ihr sein strahlendes Lächeln. Dann war er verschwunden, und die Türen des Busses schlossen sich mit einem sachten Zischen.

Jule seufzte. Für einen Augenblick ignorierte sie die Kälte und streckte die Hand aus, um Schneeflocken zu fangen und sich an diesen winzigen, vergänglichen Wundern zu erfreuen.

 

Wenig später saß Jule auf ihrem Fahrrad. Dick eingemummelt in mehrere Schichten Kleidung, gekrönt von einem mollig warmen Schal und einer Alpakawollmütze mit Ohrenklappen, spurtete sie den Hang hinauf zur Bäckerei Wurz. Ausgerechnet bei diesem Wetter war einer der Bäckerbrüder krank geworden, und sie musste die Backwaren selbst abholen. Da Jule kein Auto besaß und der Bus ungünstig fuhr, blieb ihr keine andere Wahl, als das Fahrrad zu nehmen. Wobei das keine schlechte Wahl war, denn obwohl es bereits auf halb acht zuging, war es im Dorf still. Es war diese besondere, tiefe Stille, wenn die Schneewolken tief hängen und die Flocken wirbeln. Jule liebte es, wenn die Welt auf diese Art zusammenschrumpfte. Der Schnee blendete das Hintergrundrauschen der Welt völlig aus, die Geräusche waren wie gefangen. Ganz so, als wäre das Dasein nur ein Kammerspiel auf einer weißen, einsamen Bühne. In dieser Abgeschlossenheit rückte alles näher, und Jule nahm jeden Sinneseindruck stärker wahr als in der Hektik des Alltags. Sie wurde eins mit dem sanften, knisternden Fallen der Flocken und dem weichen Knirschen ihrer Reifen auf dem unberührten Schnee. In ihrem Kopf begann eine Melodie zu spielen; der Schneewalzer. Ihre Beine nahmen den Rhythmus auf, sie vergaß die Kälte und fuhr in einem eigenwilligen Dreivierteltakttritt glücklich durch das winterliche Dorf.

 

Das herzliche Willkommen in der Backstube, der anschließende Plausch und ein ofenwarmes Croissant versüßten ihr die mühselige Fahrt. Als Jule sich schließlich gestärkt auf den Rückweg machte, war Müggebach wie verwandelt. Es wurde schnell heller, der Schneefall hatte nachgelassen, und die Sonne blinzelte zwischen den Wolken hervor, so dass Jule die Augen zusammenkneifen musste, weil der Schnee sie blendete. Außerdem war sie etwas abgelenkt von dem köstlichen Duft aus ihren Satteltaschen. Und nicht nur sie: Wo immer sie vorbeifuhr, schnupperten die Leute und schauten auf.

Jule hatte sich längst daran gewöhnt, jeden zu grüßen, den sie auf der Straße traf, auch wenn sie nicht immer wusste, wer da unter Schals und Mützen steckte. Dieses Grüßen und Wahrnehmen, wer ihr begegnete, das liebte sie am Dorfleben.

In den Hinterhöfen bewarfen sich Kinder mit Schneebällen, und überall rückten die Anwohner der weißen Pracht mit Besen und Schaufeln zu Leibe. Nicht jeder nahm es mit der Räumpflicht so genau, zumal das Schneetreiben wieder stärker wurde. Jule kam ordentlich ins Schlingern, wo die Hausbewohner lieber ausschliefen, statt sich um die Kehrwoche zu kümmern und in den gehweglosen Gassen den vorgeschriebenen Meter ab der Hauswand von Schnee zu befreien. Deshalb war sie froh, als sie endlich die ordentlich geräumte Hauptstraße erreichte.

Bei der ehemaligen Zeitungsredaktion legte sie einen kurzen Halt ein und spähte durch die beschlagenen Scheiben. Hier war bis zum Sommer das Büro der Lokalredaktion gewesen. Aber mit dem Fortgang von Frau Thiel-Teutenbacher, der Redakteurin, die Jule einen sehr unangenehmen Einstand im Dorf beschert hatte, war diese Außenstelle aufgegeben worden – nicht zuletzt spielten hier sicherlich auch die Kosten eine Rolle. Gerüchte besagten, dass das Blatt finanziell angeschlagen war. Jule hatte in den letzten Monaten auch keine Aufträge als freie Mitarbeiterin mehr erhalten.

Zeit hätte ich dafür ohnehin nicht, und für das bisschen Geld lohnt es sich auch nicht.

Dennoch gestand Jule sich ein, dass sie die Arbeit für die Zeitung vermisste. Dabei hatte sie selbst das Jobangebot ausgeschlagen, die Lokalredaktion in Teilzeit zu übernehmen. Schließlich musste sie all ihre Energie der Lindenblüte widmen, die noch lange nicht über die kritische erste Zeit hinaus war.

Ein Gutes hatte der Weggang der Lokalredaktion jedoch, denn Jules Cousin Ole hatte die Gelegenheit ergriffen und sich in dem nun freien Ladenlokal einen Traum erfüllt: den Gemeinschaftsladen der Müggebacher Bauern. Jule überlegte, ob sie noch auf ein Schwätzchen hineinschauen sollte, und warf einen Blick auf die Uhr.

Das wird nichts. Ich bin viel zu spät dran!

Der Gehsteig vor ihr war leer, und so schwang sie sich auf das Rad. In der Lindenblüte wartete Gerta sicherlich schon auf die Backwaren.

Jule rollte auf ein Sträßchen zu, das von der Hauptstraße abzweigte und zwischen den Neubauhäusern und der Linde lag. Hier war sie im Februar vor Millas SUV gelaufen und hatte Bekanntschaft mit der Motorhaube gemacht. Die unsanfte Begegnung steckte ihr noch in sämtlichen Knochen.

Sie stieg auf die Bremse. Im selben Moment nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Noch bevor sie den Kopf wenden konnte, schoss ein violetter SUV von der Hauptstraße haarscharf an ihr vorbei in das Sträßchen. Direkt vor ihrem Vorderreifen kam er quietschend zum Stehen. Entgeistert starrte Jule in die verspiegelten Scheiben des Kolosses. Das Kreischen der strapazierten Bremsen hallte ihr noch in den Ohren. Sie war so verdattert, dass ihr im ersten Moment vor allem die Farbe ins Auge sprang: Beere. Kein Magenta, sondern ein eleganter, warmer Farbton.

Jule schauderte und konnte nicht sagen, ob es an der intensiven Farbe des mächtigen Porsche Cayenne lag oder daran, dass sie um ein Haar über den Haufen gefahren worden war.

Türen wurden aufgerissen, eine Frau schnaubte: »Das ist ja wohl die Höhe!«

Das fand Jule allerdings auch.

Nur interessierte sich die Fahrerin keineswegs für Jules Befinden, sondern sprang aus dem Cayenne, ignorierte ihr Beinahe-Opfer völlig und stapfte stattdessen mit hochrotem Kopf zu ihrer Motorhaube. Erst jetzt sah Jule, dass dort ein zweiter SUV stand, und zwar Milenas schwarzer Panzer mit dem großen Stern. Keiner der Wagen kam noch vom Fleck, und der Gehsteig war ebenfalls blockiert.

Während die Porschefahrerin wutschnaubend auf Milena zuschoss, war diese in aller Ruhe ausgestiegen. Mit ihrer grazilen Audrey-Hepburn-Eleganz zog sie sich dabei die zarten Handschuhe Finger für Finger aus. Ihre Kontrahentin, eine brünette Mittvierzigerin in beerenfarbener Outdoorjacke, passend zum Autolack, erkannte Jule erst auf den zweiten Blick, wünschte sich aber sofort, die Straßenseite zu wechseln: Frau Mürle, die sich für die Bürgerinitiative so besonders ins Zeug gelegt hatte, um das Café Lindenblüte zu verhindern.

Wie ein Stier mit gesenkten Hörnern ging sie auf Milena los: »Milena Kiening! Du kannst froh sein, dass ich nicht an den Winterreifen gespart habe!«

Seelenruhig glitt Milena durch den hauchdünnen Spalt zwischen den beiden Nummernschildern. Ihre Beine waren so schlank, dass sie sich weder Mantel noch Strumpfhose an den salzverkrusteten Vorderfronten beschmutzte. Die treibenden Schneeflocken setzten sich in ihr kurzes Haar. Sie besah sich die Autos genau und wandte erst dann ihre Aufmerksamkeit Frau Mürle zu.

»Grace Mürle. Soso. Froh wäre ich, wenn dir dazu noch eingefallen wäre, dass in Deutschland auf der rechten Straßenseite gefahren wird. Aber sei’s drum, es ist ja nichts passiert. Wir wissen doch beide, dass ich einen guten Anwalt habe.«

Frau Mürle sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Dann spitzte sie die Lippen. »Es wäre schade, wenn du dem noch mehr Geld in den Rachen werfen müsstest. Wie dem auch sei, ich habe Wichtiges zu erledigen.«

»In unserer Straße ist das Parken auf dem Seitenstreifen verboten. Ich schlage vor, Grace, dass du deinen Wagen auf dem Rathausplatz abstellst. Hier wirst du keinen passenden Parkplatz finden.«

»Du musst dir deinen Kopf nicht für mich zerbrechen. Ich hole ein paar handgefertigte Webstücke ab, um sie meiner Schneiderin zu bringen, und werde auf einem Privatgrundstück halten. Wenn du jetzt die Güte hättest, zurückzusetzen, damit wir nicht länger den Gehsteig blockieren.«

Mit einem Seitenblick taxierte sie Jule, der allmählich die Zehen einfroren. Ein kurzes Erkennen blitzte in ihrem Gesicht auf.

»Lass dir ja nicht einfallen, Jule da reinzuziehen!« Milla sah aus, als würde sie ihrer Kontrahentin am liebsten an die Gurgel gehen. »Ich mache jetzt Platz, damit du den Verkehr nicht noch mehr gefährdest. Wenn du schon vorwärts nicht zwischen Fahrbahn und Bürgersteig unterscheiden kannst, fährst du der Allgemeinheit zuliebe besser gar nicht erst rückwärts auf die Hauptstraße.«

Jule starrte ihre Freundin an. So kannte sie sie gar nicht. Milena wirkte seltsam unbeherrscht und marschierte so hölzern zur Fahrertür zurück, dass sie sich dabei die Strumpfhose an ihrem Kennzeichen zerriss.

Frau Mürle dagegen lächelte triumphierend. »Soll ich eigentlich den Chef grüßen?«

Milenas Kopf ruckte herum. Ihre Augen wurden riesig, ihr Mund ganz schmal. »Aber gerne«, presste sie mühsam hervor. »Richte ihm doch aus, dass ich mich freue, bald wieder im Büro zu sein.«

Jetzt war es an Frau Mürle, zu schnauben. Als beide hinter dem Steuer saßen, glaubte Jule für einen winzigen Moment, zwei Rittern bei einer Tjoste zuzusehen – und sie wollte keinesfalls eine Wette darauf abschließen müssen, wer diese gewann und wen man mit zersplitterter Lanze vom Platz schleppen würde. Dann aber legte Milla den Rückwärtsgang ein und räumte das Feld.

Obwohl ihre Füße Eisklötze waren, wartete Jule tapfer, bis die Wagen sich aneinander vorbeimanövriert hatten und Milla neben ihr anhielt. Als sie die Scheibe herunterkurbelte, wirkte sie bereits wieder entspannt und geradezu strahlend. Mit einem leichten Zwinkern lehnte sie sich zu Jule hinüber. »Lass dir von solchen Leuten nicht den Tag verderben. Manche können eben nicht verlieren.«

»Es geht gar nicht ums Verlieren. Sie hat mich beinahe umgefahren.«

Routiniert zog Milena eine Visitenkarte aus ihrer Geldbörse und reichte sie durch das Fenster. »Falls du …«

Jule wehrte ab: »Falls ich nicht schon ein Dutzend Karten deines Anwalts hätte. Danke.«

»Das musst du selbst wissen. Ich bin ja der Meinung, dass man sich besser frühzeitig absichert, bevor …« Millas Blick glitt in die Ferne. Sie schüttelte sich, lächelte versonnen, öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, überlegte es sich dann aber wohl. Sie wandte sich wieder Jule zu. »Hast du eigentlich Dienstag schon etwas vor?«

»Na ja, Mika und ich …«

»Ach, das passt gut! Der kann mitkommen! Die Bürgerinitiative hat die zukünftigen Sponsoren zu einer öffentlichen Begehung des Dennighofs geladen. Und am Abend gibt es ein gemütliches, kleines Wintergrillen in unserem Garten – nur du, Mika, die Familie und ein paar sehr enge Freunde. Lars hat Geburtstag. Aber keine Geschenke! Es soll einfach gemütlich werden.«

»Du willst zum Treffen der Bürgerinitiative?« Jule fühlte sich überrumpelt. »Du erinnerst dich schon noch, dass sie mir das Café schließen wollten, noch bevor ich geöffnet hatte?«

Auch wenn mittlerweile so etwas wie Waffenstillstand herrschte und einige Mitglieder der Initiative bei den Bastelabenden in der Lindenblüte anwesend waren: Eine Veranstaltung der Bürgerinitiative zu besuchen, das war ihr dann doch zu viel des Guten.

Milena hingegen sah das anders: »Wir können ja wohl nicht zulassen, dass noch ein alter Hof abgerissen wird, um an dieser vollkommen unpassenden Stelle Appartements für liquide Best Ager zu bauen! Und die haben sich hoffentlich bei dir entschuldigt. Bei der letzten BI-Sitzung habe ich nur lobende Worte über dich und die Lindenblüte gehört. Möchtest du das Protokoll lesen?«

»Warte, warte! Du bist in der Bürgerinitiative?«

Milenas Sinn für Heimatpflege war zwar nicht neu. Unter anderem war es maßgeblich ihrem Einsatz zu verdanken, dass die Bäckerei Wurz wieder existierte, und sie setzte sich noch immer dafür ein, dass Jule die Lindenblüte zu einem Treffpunkt für das Dorf machen konnte. Dennoch kam es Jule seltsam vor, dass ausgerechnet die eigensinnige Einzelkämpferin Milla sich der Initiative angeschlossen hatte. Und wenn sie ehrlich war, versetzte es ihr auch einen kleinen Stich, dass die Freundin quasi zum »Feind« übergelaufen war. Andererseits war es vielleicht wirklich an der Zeit, die Streitereien hinter sich zu lassen. Schließlich war es Jule selbst, die immer wieder verwundert staunte, wie Menschen seit Generationen nicht mehr miteinander sprachen, statt sich endlich die Hand zur Versöhnung zu reichen.

Milena las ihr die Gedanken vom Gesicht ab: »Ich habe mir zu Herzen genommen, was du immer sagst: Man muss mit den Leuten reden, die man nicht mag. Man muss Fragen stellen. Und nicht nur mutmaßen, was andere bewegt. Ich weiß noch nicht, ob ich mich denen auf Dauer anschließen möchte, aber diese eine Sitzung war schon sehr erhellend. Auch Betonköpfe kämpfen manchmal für das Richtige.«

Jule seufzte. »Mir ist kalt, also machen wir es kurz: Ich komme mit.«

»Aber auf jeden Fall! Oh, und könntest du mir für das Wintergrillen noch einen Gefallen tun?«

»Für dich immer.« Unwillkürlich versuchte Jule, mit steifen Fingern unter ihrem Mantel an ihren Terminkalender zu kommen. Sie hatte die Blattränder liebevoll mit Washitape verziert, um sich blitzschnell zurechtzufinden.

Bitte frag mich nichts Zeitaufwendiges, flehte sie innerlich. Du hast so viel für mich getan, da kann ich dir schlecht etwas abschlagen.

Ohne nachzusehen, wusste sie, dass die Wochen bis Weihnachten eng verplant waren. Milena schien ihre stumme Bitte zumindest teilweise gehört zu haben. »Hast du ein Rezept für einen alkoholfreien Kinderpunsch?«

»Muss ich erst suchen, aber: ja.«

Ein heißer Punsch wäre jetzt meine Rettung – und ein warmes Fußbad mit Minze.

»Perfekt! Der lässt sich bestimmt auch fruktosearm herstellen. Ich verzichte ja momentan auf Fruktose, wo ich nur kann. Kaum zu glauben, wo das Teufelszeug überall drinsteckt.«

Jule schaute Milla skeptisch an. »In Obst?«

»Obst? Ja, da natürlich, da gehört es auch hin. Aber hast du in letzter Zeit einen Fruchtjoghurt gefunden, der nicht mit Glukose-Fruktose-Sirup versetzt ist? Oder einen Nektar? Wenn ich überlege, dass jahrelang in diätischen Lebensmitteln riesige Mengen davon waren und die armen Diabetiker gefährdet haben. Sogar in der Zahnpasta ist Sorbitol, von den ganzen Zuckerersatzstoffen reden wir erst gar nicht!«

»Hm«, machte Jule, die nur mit einem Ohr zugehört hatte. »Du, Milla, ich erfriere, und ich muss das Gebäck in die Küche bringen. Mit der Fruktose … ich schaue, was ich machen kann. Eigentlich sind alle Kinderpunschrezepte, die ich kenne, mit Apfelsaft.«

»Apfelsaft besteht fast nur aus Fruktose! Aber ich weiß, dass du eine Lösung finden wirst. Schau zu, dass du ins Warme kommst! Deine Nase ist schon ganz rot, und du zitterst. Ich bringe dir nachher einen heißen Ingwertee mit Chili und Zimt. Dann kannst du die Erkältung ausschwitzen, bevor sie ausbricht.«

Mit einem eleganten Winken verabschiedete sie sich und steuerte ihren Panzer lässig auf die Hauptstraße.

Kapitel 3

Als Jule ihr Fahrrad in den Schuppen schob, kam ihr der Tag bereits endlos lang vor. Sie sehnte sich nach jemandem zum Reden, nach einer Tasse mit heißer, gewürzter Schokolade und vor allem nach einer großen Portion von Gertas heiterer Gelassenheit.

Doch auf die musste sie noch warten, denn hinter den Fenstern der Lindenblüte war es dunkel, obwohl Gerta schon längst bei der Arbeit sein sollte.

Hoffentlich ist sie nicht krank. Sonst stehe ich unvorbereitet vor den ersten Gästen.