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Ein Mädcheninternat der aufregenden Art Die achtzehnjährige Juliet versteht nicht, warum der Vater sie für die Sommermonate auf eine strenge Mädchenschule schickt. Dort sollen ihr damenhafte Manieren beigebracht werden, denkt die ungestüme junge Frau. Zu ihrer Freude stellt die schöne Juliet fest, dass die mysteriöse, anziehende Madame Nichol sie in ein lustvolleres Aufgabengebiet einführen will.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Cleo Cordell
Juliets Begabung
Erotischer Roman
Aus dem Englischen von Elsie Meerbusch
Ihr Verlagsname
Ein Mädcheninternat der aufregenden Art
Die achtzehnjährige Juliet versteht nicht, warum der Vater sie für die Sommermonate auf eine strenge Mädchenschule schickt. Dort sollen ihr damenhafte Manieren beigebracht werden, denkt die ungestüme junge Frau. Zu ihrer Freude stellt die schöne Juliet fest, dass die mysteriöse, anziehende Madame Nichol sie in ein lustvolleres Aufgabengebiet einführen will.
Cleo Cordell ist Autorin mehrerer erotischer Romane.
Die junge Frau rannte den Kiesweg entlang und vergewisserte sich mit Blicken über die Schulter, dass ihr niemand folgte.
Ihr Herz hämmerte. Würde er heute da sein? Bei ihm wusste man nie. Reynard Chardonay war ein Rätsel. Er hatte sie wochenlang verfolgt, doch wenn sie jetzt zu eifrig wirkte, verlor er vielleicht das Interesse. Männer konnten so launenhaft sein.
Sie bog um die Eibenhecke, und dann sah sie ihn dastehen. Er trug einen pflaumenblauen Gehrock und Kniehosen. Sein Halstuch war weiß und makellos in Falten gelegt. Sein dunkelrotes Haar schimmerte in der Sonne.
Sofort kehrte ihr Selbstvertrauen zurück: Natürlich konnte Reynard ihr nicht widerstehen. Er war gefesselt von ihrer zartweißen Haut, ihren hohen Brüsten und der schmalen Taille, die sich zu weiblichen Hüften rundete. Sie wusste, was er wollte, und sie wollte es auch; vielleicht sogar mehr als er.
Sie zwang sich zu einem langsameren Gang und schwenkte dabei herausfordernd die Hüften. Sie sah, wie Reynards wohlgeformte Lippen sich zu einem Lächeln formten, während er mit den Augen ihren Körper abtastete.
«Sophie», sagte er leise, und seine Stimme jagte ihr einen Schauer der Vorfreude über den Rücken. «Meine hübsche blonde Verführerin.»
Er ergriff sie beim Handgelenk und zog sie in den Schatten einer rosenüberrankten Pergola. Sie stieß einen leisen Schrei aus, als er sie eng an seine Brust zog und ihre Taille mit dem anderen Arm so fest umfing, dass es fast wehtat.
Sophie taumelte gegen ihn und genoss es, wie er die Schenkel in die Falten ihres weiten Rockes presste, bis sie die Beine öffnete. Durch mehrere Stoffschichten hindurch spürte sie seine harten, kräftigen Muskeln.
«Nicht hier. Sonst sieht uns noch jemand», murmelte sie gegen seine Lippen.
«Wo dann?»
«Im Schlafraum, später. Ich werde dafür sorgen, dass wir allein sind …» Sie brach ab, da sein Mund ihre Lippen bedeckte und sie nichts mehr sagen konnte.
Seine Zunge drängte sich gegen die ihre und war kräftig, heiß und fordernd. Reynard schmeckte nach Tabak und Weinbrand mit einer frischen Note darunter, die allein sein persönlicher Duft war. Sie konnte es nicht erwarten, die Berührung seiner Hände zu spüren, die ihr die Tracht vom Leib streifen und in den Schritt ihres weißen Baumwollschlüpfers fahren würden.
Reynard zog sich zurück und blickte in Sophies Gesicht. Eine Locke fiel ihm in die Stirn. Er lachte leise.
«Dann willst du mich also?»
«Wie kannst du das bezweifeln?»
«Sag mir, wie sehr.»
Sie lächelte ihn mit sprühenden Augen an. Er war eitel, aber das verzieh sie ihm: Ein derart gut aussehender Mann hatte ein Recht auf seinen Stolz. Außerdem war er ein vollendeter Liebhaber. Schon jetzt war sie zwischen den Beinen geschwollen und feucht. Allein der Gedanke an das, was sie in der Vergangenheit miteinander angestellt hatten, ließ ihr blasses, herzförmiges Gesicht erglühen.
Beim Blick in seine Augen überkam sie plötzlich der Schalk:
«Warum findest du es denn nicht selbst heraus, wie sehr ich dich will?»
Reynard fluchte leise. Die Hand um ihre Taille fuhr nach unten und umfing ihre runden Pobacken. Mit Hilfe seiner anderen Hand raffte er ihre Schichten von Röcken und Unterröcken zusammen, bis er mit den Fingern unter den Stofffalten hindurch an ihre Haut kam.
Sophie holte tief Luft, als Reynards warme Hand ihr Bein hinaufglitt. Beim oberen Abschluss ihres Strumpfes angelangt, zupfte er spielerisch am Strumpfband. Sophie schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Moment, in dem Reynard ihre nackte Haut liebkosen würde.
Seine Fingerspitzen bewegten sich in federleichten Kreisen, reizten ihre Haut und ließen sie nach einer noch intimeren Berührung verlangen. Jetzt glitt seine Hand zum Dreieck ihrer Schenkel hinauf, und mit dem Fingerrücken streichelte er über die seidigen, blonden Locken, die ihren Venushügel bedeckten. Sie war bestürzt, mit welcher Zügellosigkeit ihr intimster Körperteil nach Sättigung verlangte. Wenn er die Hand noch ein wenig höher schöbe – nur ein winziges Stück –, würde er fühlen, wie saftig und aufnahmebereit sie war.
Sophie öffnete die Augen, um Reynards intensiven Blick zu sehen, und erhaschte eine Bewegung zwischen den Bäumen. Waren sie entdeckt worden? Sie verkrampfte sich und zog sich so eilig zurück, dass seine Finger abglitten.
Reynard schnaufte enttäuscht.
«Was ist denn? Was ist los?»
Sophie lächelte erleichtert. «Ich dachte, es wäre der Gärtner. Aber der ist es gar nicht.» Sie deutete zum Tor. «Sieh mal, eine Kutsche. Gewiss trifft eine neue Schülerin ein.»
Reynard blickte in die angegebene Richtung. Die Kutsche bog schwungvoll in die Kurve des Zufahrtsweges ein. Als sie näher kam, erreichte das Klappern der Hufe und das Gerassel des Geschirrs die Ohren der beiden Zuschauer zwischen den Bäumen.
Reynard wollte sich wieder Sophie zuwenden, doch sie schob ihn beiseite.
«Warte mal», sagte sie und trat ein Stück vor, um den Fahrgast zu sehen.
Die Vorhänge in den Kutschenfenstern waren zurückgezogen, und sie konnten mühelos in den Wagen hineinspähen. Reynard stieß einen leisen Pfiff aus.
«Eine richtige Schönheit», sagte er. «Sie sieht interessant aus.»
«Das sagst du nur, um mich eifersüchtig zu machen», fiel Sophie verärgert über ihn her. «Oder um mich zu bestrafen, weil ich nicht zugelassen habe, dass du …»
«Dass ich was? Dass ich das hier mache?», flüsterte Reynard heiser, schob die Finger zwischen ihre Schenkel und langte deftig zu.
Als Reynard ihre heißen Mösenlippen umfasste und lächelnd die warme, schlüpfrige Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen ertastete, wäre Sophie um ein Haar schwach geworden. Irgendwie entwand sie sich ihm dann trotzdem. Noch einen Moment länger und sie hätte nachgegeben und sich ins Gras sinken lassen. Doch das kam überhaupt nicht in Frage. Sie würde nicht mit ihm bumsen wie eine Schäferin auf der Wiese.
Sie benötigte ihre ganze Willenskraft, um ihn von sich zu stoßen; sie begehrte ihn so sehr, dass sie die Vorfreude fast auf der Zunge schmeckte. Reynard ließ die Arme fallen und sah ihr nach. Noch von weitem sah sie, dass sein Steifer seine Hose ausbeulte, doch sie kämpfte ihr Begehren nieder – noch immer verstimmt, weil er die neue Schülerin so stark beachtet hatte.
Die Kutsche hatte angehalten, und ihr weiblicher Fahrgast sah aufmerksam zur Lehranstalt hinauf. Sophie sah das von dunklem Haar umrahmte Profil mit seinen klaren Konturen und spürte, wie die Eifersucht plötzlich Besitz von ihr ergriff. Die Intensität des Gefühls überraschte sie.
Sie warf Reynard schelmisch einen verheißungsvollen Blick zu.
«Ich muss los, sonst vermisst man mich im Unterricht.»
«Dann also bis später», erwiderte er mit säuerlicher Miene. «Enttäusche mich nicht.»
Mitten im Lauf drehte sie sich noch einmal um und winkte ihm fröhlich zu. Mein Gott, wie gut er aussah.
«Bestimmt nicht. Komm nach dem Essen in den Schlafraum. Ich bin bestimmt da. Es wird dir nicht Leid tun …»
Juliet stieg aus der Kutsche. Ihre geknöpften Stiefeletten knirschten auf dem gekiesten Zufahrtsweg, der in einer weiten Kurve auf das große Steingebäude zuführte.
Sie stand da und schaute zu den Fenstern hinauf, von denen jedes mit einem schmiedeeisernen Gitterkasten verziert war. Efeu kletterte die Wände empor und schlang sich um die Veranda. Lange Ranken wehten sanft im Wind, entweder, dachte Juliet, als suchten sie einen neuen Halt, oder aber als versuchten sie zu entfliehen.
Ihre Reisetasche und ihr Koffer landeten mit einem Plumps neben ihr auf dem Boden. Der Kutscher tippte sich an den Hut, stieg wieder auf den Kutschbock, und mit einem Zungenschnalzen trieb er die Pferde an. Die Kutsche fuhr los, und Juliet blieb allein zurück.
Die Fensterreihen wirkten dunkel, obgleich die Sonne vom reflektierenden Glas funkelnd zurückgeworfen wurde. Einen winzigen Moment lang fürchtete Juliet sich, doch dann straffte sie die Schultern und hob entschlossen das Kinn. Keiner würde erraten, dass sie innerlich zitterte.
Papa wäre stolz auf sie, auch wenn er sie zur Strafe hierher geschickt hatte, was sie übrigens durchaus verdient hatte. Sie war sich sicher, dass er insgeheim ihren Mut bewunderte, den verwegenen Zug in ihrem Wesen, worin sie ihm so sehr ähnelte.
«Ich erwarte von dir, dass du Madames Anweisungen wortwörtlich befolgst und dich jederzeit wie eine junge Dame aus gutem Hause benimmst», hatte er ihr kurz vor ihrer Abreise aufgetragen.
«Ach, Papa. Muss ich wirklich da hin? Ich will auch brav sein. Das verspreche ich.»
«Es geht hier nicht darum, brav zu sein, meine Liebe, sondern darum, deine Energien in wünschenswerte Bahnen zu lenken. Dein jüngstes Verhalten hat einen bedauerlichen Mangel an Beherrschung erkennen lassen. Wenn du dich weiter so dumm benimmst, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn man dich wie eine Närrin behandelt. Ist dir denn nicht klar, dass du als Frau der Welt auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bist? Es wird dir gut tun, wenn du lernst, die Eigenschaften, die Gott dir gab, zu nutzen.»
Dann hatte er sie umarmt und ihr langes dunkles Haar sanft gestreichelt. Er hatte sie aufgefordert, mit dem Weinen aufzuhören, worauf sie sich nur noch fragen konnte, was er eigentlich mit ‹deinen Charakter formen› gemeint hatte. Dieser Ausdruck klang irgendwie unangenehm, und an Unangenehmes war Juliet ganz und gar nicht gewöhnt.
Die ersten sechzehn Jahre ihres Lebens hatte man sie verwöhnt und jeder ihrer Launen nachgegeben. Jetzt war sie achtzehn und bald im heiratsfähigen Alter. Da sie das einzige Kind war, würden Wohlstand und Ansehen ihrer Familie eines Tages ganz allein von ihr abhängen. Papa wünschte, dass sie Unterricht in Benimm erhielt und das erwarb, was er den ‹besonderen Schliff› nannte.
Alles wäre so viel einfacher gewesen, wäre sie als Junge zur Welt gekommen. Keiner störte sich daran, wenn ein Junge barfuß durchs Weizenfeld lief oder den ganzen Tag draußen unterwegs war und erst bei Einbruch der Dunkelheit mit Stroh im Haar und dreckigen Kleidern zurückkam. Die Erinnerung brachte sie zum Lächeln. Papa hatte sich immer amüsiert, wenn sie so etwas machte, aber trotzdem zugelassen, dass das Kindermädchen sie bestrafte.
«Wenn du erst einmal groß bist und mein Vermögen geerbt hast, kannst du deinen Willen haben», hatte er geflüstert und ihr die Tränen weggeküsst, wenn er ihr gute Nacht sagte.
Hier war sie nun also. So schlimm sah diese berüchtigte Lehranstalt für adlige Mädchen ja gar nicht aus. Ob sie einmal anklopfen sollte? Sie zögerte. Da öffnete sich die Haustür, und eine Frau trat heraus. Juliet schätzte sie auf Anfang zwanzig. Sie trug ein nüchternes, lose fallendes, dunkles Gewand mit weißem Kragen, und ihr Haar war mit einem schlichten Tuch bedeckt.
Sie sieht aus wie eine Nonne, durchfuhr es Juliet. Sie dachte an die farbenfrohen Kleider in ihrem Koffer und fragte sich, ob sie die wohl würde tragen dürfen. Vielleicht mussten ja alle Schülerinnen so düstere Hüllen anlegen. Nun, bald würde sie Bescheid wissen. Ihr Mund presste sich zu einer eigensinnigen Miene zusammen, die ihr Vater bestimmt erkannt hätte.
Die junge Frau lächelte und ließ dabei leicht unregelmäßige Zähne erkennen. Wären ihr die Haare in weichen Wellen ins Gesicht gefallen, hätte sie hübsch sein können, doch das Kopftuch war unbarmherzig in seiner Strenge, ließ jeden Gesichtszug nackt heraustreten und unterstrich die hohen Wangenknochen und den breiten Mund.
«Ah, du bist gewiss Juliet. Wir erwarten dich schon. Komm rein, komm rein.»
Eine Hausangestellte tauchte auf und verschwand mit ihrem Gepäck. Juliet folgte dem Mädchen, das sie empfangen hatte, ins Haus.
«Wir sind alle schon schrecklich gespannt auf dich. Wir hatten hier schon eine ganze Weile keine neuen Schülerinnen mehr. Oh, entschuldige, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Estelle. Estelle Blakestone.»
Sie lächelte wieder, ein kurzes, befangenes Lächeln, das Juliet sehr sympathisch fand.
«Ich bin so ein Schussel», sagte Estelle. «Man sollte meinen, ich müsste inzwischen etwas gelernt haben …» Sie brachte den Satz nicht zu Ende, und einen Moment lang zog ein Schatten über ihr Gesicht. «Ich bemühe mich schrecklich, gehorsam zu sein, aber es ist sehr schwer.»
Juliet lächelte zurück. «Ich weiß. Papa sagt, ich bin furchtbar widerspenstig. Es passiert mir einfach. Deshalb wurde ich hierher geschickt. Ist es hier so schlimm, wie man hört?»
Die junge Frau blickte zur Seite. Sie klopfte sich ein paar Mal aufgeregt mit der schlanken Hand auf die Lippen. Offensichtlich hatte sie den Eindruck, dass sie schon viel zu viel gesagt hatte. Dann fasste sie sich wieder und erklärte gewandt: «Madame Nichol hat mich losgeschickt, um nach dir zu schauen. Ich soll dich sofort zu ihr bringen.» Sie streckte impulsiv die Hand aus und streichelte Juliet rasch über den Arm. «Bestimmt werden wir gute Freundinnen.»
Juliet folgte Estelle durch Korridore mit dunkel getäfelten Wänden. Gemälde in schweren, vergoldeten Rahmen schmückten die Wände. Vor den Fenstern hingen dunkelgrüne Samtvorhänge. Auf der einen Seite führte eine breite Treppe zum ersten Stock hinauf, und an ihrem Fuß sah man eine eindrucksvolle Eichentür.
Vor dieser Tür blieb Estelle stehen. «Madame Nichols Büro», flüsterte sie und klopfte an.
«Herein», ertönte es von drinnen.
Juliet trat ein. Madame Nichol saß hinter einem Mahagonischreibtisch. Beim Eintreten der jungen Frauen blickte sie auf und bedeutete den beiden, einen Moment zu warten.
Madame Nichol hatte eine stolze, hoch aufgerichtete Körperhaltung. Sie war jünger und attraktiver, als Juliet erwartet hatte. Madame trug ein weites dunkles Gewand, ganz ähnlich wie Estelle, doch ihr Kopf war unbedeckt und mit einem glänzenden, kastanienbraunen Haarkranz umflochten.
Estelle stand reglos da, mit lose herunterhängenden Armen und die Augen auf die Sitzende geheftet. Juliet erwartete, nun begrüßt oder willkommen geheißen zu werden, doch Madame Nichol sagte kein Wort. Vielmehr schrieb sie mit ihrer gestochen scharfen, senkrechten Handschrift weiter in dem ledergebundenen Hauptbuch, das aufgeschlagen vor ihr auf dem Schreibtisch lag.
Das Schweigen zog sich immer mehr in die Länge und wurde allmählich ungemütlich. Juliet spürte Estelles Anspannung. Sie warf ihr einen Blick zu und bemerkte zu ihrer Überraschung, dass Estelle Madame Nichol begeistert und fast anbetend ansah. Noch etwas schien in ihren Augen zu liegen, etwas Ungesundes. Ein Schauder lief Juliet den Rücken hinunter.
Dann blickte Madame Nichol auf und lächelte.
Juliet sah in Augen, die so dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten. Die Brauen waren geschwungen, die Nase gerade. Der wohlgeformte Mund wirkte in dem ansonsten strengen Gesicht erstaunlich sinnlich und war sehr rot. Diese Farbe war gewiss natürlich, denn Madame Nichol sah nicht so aus, als würde sie Kosmetika billigen. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und beugte sich vor.
«Juliet de Montcrief», sagte sie, öffnete eine Seite des Hauptbuchs und nahm ein Briefpapier mit Prägung heraus. «Ich habe hier den Brief deines Vaters. In der Tat las ich ihn gerade vor deiner Ankunft.»
Juliet knickste andeutungsweise. «Madame?»
«Anscheinend soll ich dir meine ganz besondere Aufmerksamkeit widmen. Du bedarfst der Charakterbildung. Nicht wahr?»
«Ich … ich weiß es nicht, Madame. Papa hat mich hierher geschickt, weil er sagte, das wäre gut für mich.»
Madame Nichol kicherte, ein heiseres, humorloses Kichern.
«Oh, das wird es auch sein, meine Liebe, zweifellos. Ein herausragender Mann, dein Vater. Ein ungewöhnlich gut aussehender Mann mit einem ganz erlesenen Geschmack. Und so fortschrittlich im Denken. Seiner Zeit voraus …»
Juliet wäre fast die Kinnlade nach unten geklappt. Madame Nichol kannte Papa? Das hatte er ihr nicht gesagt. Wie aufregend, doch Madames nächste Worte waren sogar noch verwirrender:
«Dein Vater muss dich sehr lieben, dass er dich hierher schickt. Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?»
«Ja, Madame.»
«Steht ihr beide euch nahe, so nahe, wie das zwischen Vater und Tochter denkbar ist?»
«O ja. Papa behandelt mich wie den Sohn, den er nie hatte. Er wünscht mir nur das Beste.»
«Ich verstehe. Das erklärt so einiges. Vielleicht bist du dir dessen im Moment nicht bewusst, aber du bist eine außergewöhnlich glückliche junge Frau.»
Die Worte platzten aus Juliet heraus, bevor sie sich auf die Lippen beißen konnte. «Ich fühle mich überhaupt nicht glücklich, Madame. Man hat mich genötigt, diese Lehranstalt zu besuchen, während meine Familie Urlaub in Venedig macht. Papa ließ sich durch nichts von dieser Entscheidung abbringen. Wenn die Familie aus dem Urlaub zurückkehrt, besucht er mich hier, und falls mein Benehmen sich nicht ausreichend gebessert hat, muss ich so lange hier bleiben, bis er mit mir zufrieden ist!»
Madame Nichol antwortete nicht. Ein rätselhaftes Lächeln spielte um ihre wohlgeformten, roten Lippen.
«Du bist etwas unbeherrscht», bemerkte Madame nach einer langen Pause gleichmütig. «Ausgezeichnet. Du erinnerst mich so sehr an … Nun, nicht so wichtig. Es ist gut so. Ein wenig Temperament kann nicht schaden.» Ihre schönen dunklen Augen blitzten auf: «Aber pass auf, dass du nicht zu weit gehst.»
Juliet zwang sich, diesem hochmütigen Blick standzuhalten, und war fest entschlossen, keine Furcht zu zeigen. Dennoch blickte schließlich sie als Erste weg.
«Nun denn», sagte Madame, jetzt wieder die Freundlichkeit in Person. «Estelle, führe Juliet in den Schlafraum. Sie soll sich schon einmal einrichten und die anderen kennen lernen. Nach dem Abendessen bringst du sie wieder zu mir zurück. Ich werde das Anpassen ihrer Tracht persönlich überwachen.»
Estelle knickste. «Komm mit», sagte sie leise zu Juliet. Madame Nichol nahm ihren Stift wieder zur Hand und setzte ihre Eintragungen im Hauptbuch fort. Einen Moment lang blickte Juliet auf Madame Nichols gebeugten Kopf. Sie hätte gerne gefragt, ob sie wirklich unbedingt eine so schlichte Kleidung tragen musste. Schon machte sie den Mund auf, doch dann verließ sie der Mut.
«Ist noch etwas?», fragte Madame milde und blickte auf.
«Nein … Nein, nichts», antwortete Juliet mit einem flauen Gefühl im Magen. Irgendwie war sie sich ganz sicher, dass es unklug wäre, Madame mit dieser Frage herauszufordern.
Sie drehte sich um und folgte Estelle aus dem Zimmer. Ihre Absätze hallten auf dem dunklen, glänzenden Parkett wider. Ach, Papa, dachte sie, wohin hast du mich da geschickt? Und wie soll ich das nur den ganzen Sommer über ertragen?
Der Schlafraum war der nächste Schock. Es war ein langer, freudloser Saal mit weiß gestrichenen Wänden.
Mehrere Bettenreihen zogen sich den Raum entlang. Neben jedem Bett stand ein kleines hölzernes Schränkchen; andere Möbel gab es nicht. Das Holz der schlichten, honigfarbenen Dielenbretter war glanzlos.
Estelle führte Juliet die mittlere Reihe entlang und blieb neben dem hintersten Bett stehen. Wie alle anderen Betten bestand es aus einem schwarzen Eisengestell, dessen vier Beine sich pfostenartig nach oben verlängerten und einen Himmel trugen. Die Bettwäsche war weiß und ebenso die Gazevorhänge, die vom Himmel herabfielen.
Juliet stellte sich an ihr Bett und ließ die Augen über den Schlafsaal wandern. Neben ihr befand sich eine Holztür in der Wand. Estelle erklärte ihr, die führe zu den Waschräumen und Toiletten.
«Diese Tür wird abgeschlossen, sobald alle sich schlafen gelegt haben. Dann wird sie nur noch mit Sondererlaubnis geöffnet.»
Der Schlafsaal erstreckte sich zur anderen Seite, wo die Bettenreihen eine nüchterne Armee aus Schwarz und Weiß bildeten. Irgendetwas in Juliet fand Gefallen an dem Saal. Er war das absolute Gegenstück ihres Zimmers zu Hause mit all den Rüschen und dem vergoldeten Zierrat. Das Fehlen bunter Farben verlieh dem Schlafsaal eine sonderbare, herbe Schönheit. Vor den hohen Fenstern hingen weiße Gazevorhänge, und einige blähten sich, von einem warmen Luftzug bewegt, nach innen. Die Nachmittagssonne fiel durch die Vorhänge und erfüllte den Saal mit einem weichen, diffusen Licht.
«Du kannst Waschzeug, Bürste und Spiegel in das Schränkchen räumen», sagte Estelle.
Juliet blickte in den kleinen Schrank mit seinen flachen Schubladen. «Wo soll ich denn meine ganzen Kleider aufhängen?», fragte sie.
«Die wird man bis zu deiner Abreise für dich aufbewahren. Heute Abend bekommst du deine vollständige Tracht samt Unterwäsche. Etwas anderes brauchst du nicht. Komm, ich helfe dir, ein paar Kleinigkeiten auszupacken, und dann gehen wir in den Speisesaal. Es ist Zeit zum Essen. Nach der langen Reise wirst du Hunger haben.»
Der Speisesaal war von leisem Stimmengewirr erfüllt. An den Tischen saßen junge Frauen, und alle blickten auf, als Estelle Juliet hereinführte. In ihrem gestreiften Baumwollkleid, das sich über einem getüpfelten Unterrock aus Seidentaft bauschte, fühlte Juliet sich schrecklich auffällig. Ihre hübschen kleinen geknöpften Stiefeletten hallten laut auf dem Holzboden wider.
Sie setzte sich an einen Tisch und lächelte ihre Tischnachbarinnen nervös an. Das Essen war einfach, aber mehr als ausreichend, und wurde von einigen der jungen Frauen aufgetragen; ihre Tracht unterschied sich nur durch eine weiße Baumwollschürze von der der anderen. Estelle erklärte, dass jede einmal mit Tischdienst an der Reihe sei.
«Jede? Du meinst, dass du … dass ich auch drankomme?», fragte Juliet, entsetzt von der Vorstellung, die Rolle einer Dienerin übernehmen zu müssen. Sie hatte im Leben noch keinen Finger krumm gemacht, nicht einmal, um sich selbst zu bedienen.
«So schlimm ist es gar nicht», meinte Estelle lächelnd. «Du wirst dich daran gewöhnen … Ungewöhnliches zu tun. Das gilt als charakterstärkend. Es kann sogar Spaß machen, wenn man nur aufpasst …»
Sie brach ab, weil plötzlich ein lautes Krachen ertönte. Alle Augen wandten sich einer unglückseligen jungen Frau zu, die auf den Boden zu ihren Füßen starrte, wo die Scherben eines schmutzigen Tellerstapels lagen.
«Oje …», murmelte Estelle.
Etwas in der Art, wie sie es sagte, ein von Erwartung gefärbtes Entsetzen, verstörte Juliet. Man hörte, wie jemand beim Betreten des Saals die Tür hinter sich zuschlug, und spürte unter den jungen Frauen eine Welle des Unbehagens, als Madame Nichol in Sicht kam. Juliet fiel auf, wie hoch gewachsen und schlank sie war. So wirkte sie sogar noch eindrucksvoller als zuvor hinter ihrem Schreibtisch.
Madame winkte die junge Frau, die die Teller hatte fallen lassen, zu sich und trat zur Anrichte, wo Stapel von unbenutztem Geschirr und Besteck lagen.
«Mach einen Platz frei», schnauzte sie das Mädchen an. «Und dann mach dich bereit, Sophie.»
«Was geschieht jetzt?», fragte Juliet Estelle flüsternd.
«Psst! Oder du bist als Nächste dran», zischte Estelle zwischen zusammengebissenen Zähnen zurück. «Schau einfach zu.»
Jetzt erst fiel Juliet auf, dass Madame Nichol eine Reitpeitsche in der Hand hielt, die bisher zum Teil von ihrem weit fallenden, dunklen Rock verborgen worden war. Jetzt hob sie das Züchtigungsinstrument und klopfte sich damit drohend auf den Schenkel.
Die junge Frau namens Sophie schuf auf der Anrichte Platz. Ihre Hände zitterten sichtbar. Sie beugte sich vor, legte den Oberkörper auf das glatte Holz und streckte die Arme steif vor sich aus.
Madame stellte sich neben Sophie auf. Sie hob die Reitpeitsche und ließ sie auf den stoffbedeckten Po der jungen Frau niedersausen. Sophie stieß einen Schrei aus.
«Still!», donnerte Madame. «Du kennst die Regeln. Heb deinen Rock hoch, und wenn ich noch einen einzigen Laut von dir höre, befehle ich einer der anderen Frauen, dich von der Taille an abwärts auszuziehen!»
Juliet sah entsetzt zu, wie Sophie ganz langsam die Hände nach hinten führte und den Rock über die Hüften hochzog. Sophies festes, junges Hinterteil kam zum Vorschein, von einem makellosen weißen Schlüpfer bedeckt. Der Stoff schmiegte sich eng um ihre runden Hinterbacken.
Madame schwang die Reitpeitsche und ließ sie auf Sophies Hinterteil niederklatschen. Sophie zuckte zusammen, blieb aber still. Juliet beobachtete wie gebannt Sophies sich windenden Körper, während Madame die Reitpeitsche noch zwei weitere Male niedersausen ließ. Sophie stöhnte leise und schluchzte schließlich, wobei sie den Handrücken gegen den Mund presste. Juliet fürchtete schon, dass Madame ihre Drohung wahr machen und jemandem befehlen könnte, die arme junge Frau zu entkleiden, doch anscheinend waren Schluchzer erlaubt.
Madame verabreichte Sophie noch ein paar weitere Hiebe; der letzte war beinahe ein Streicheln. Dann trat sie zurück.
«Steh auf!», befahl Madame Nichol. «Geh in den Schlafsaal und bleib dort, bis jemand dir sagt, dass du ihn verlassen darfst.»
Die anderen jungen Frauen sahen schweigend zu, wie Sophie sich steif aufrichtete, das Gesicht rot angelaufen und tränenüberströmt. Das Kopftuch war ihr vom Kopf gerutscht und ließ das feine blonde Haar sehen.
Estelle hielt beide Hände vor den Mund gepresst, und ihre Fingerknöchel zeichneten sich weiß ab. Als Sophie an ihr vorbeistürzte, stieß Estelle einen Laut irgendwo zwischen einem Stöhnen und einem Seufzer aus. Juliet erhaschte einen Blick auf Sophies herzförmiges Gesicht und ihre blauen Augen, in denen das Wasser stand, bevor diese die Tür hinter sich zuschlug und verschwand.
«Ihr könnt weiteressen», bemerkte Madame freundlich. «Ich hoffe, dieses kleine … Drama ist euch nicht auf den Magen geschlagen.» Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Saal, drehte sich aber in der Tür noch einmal um.
«Sophie darf nicht gestört werden, bis ich es ausdrücklich erlaube», erklärte sie. «Ich möchte nicht, dass irgendeine von euch sich zu ihr schleicht, um sie zu trösten. Solche Regungen sind fehlgeleitet. Habt ihr verstanden?»
«Ja, Madame», riefen alle im Chor.
Als Madame weg war, aßen die jungen Frauen weiter, wobei sie untereinander flüsterten und kicherten. Eine andere junge Frau mit Schürze fegte die Scherben in eine Kehrschaufel. Juliet war schwindlig vor Entsetzen, und sie hatte jeden Appetit verloren.
Sie hatte nie gesehen, dass eine junge Frau so bestraft wurde. Estelle hatte erklärt, dass jede einmal mit dem Aufwarten und vermutlich auch mit anderen Alltagsarbeiten an die Reihe kam. Dann war Sophie also keine Dienerin gewesen; sie musste eine Schülerin sein und war wahrscheinlich aus ebenso adligem Hause wie Juliet selbst.
Und doch war Sophie wegen einer kleinen Verfehlung geschlagen worden.
Beim Gedanken, dass ihr dasselbe widerfahren könnte, erbebte Juliet, doch nicht ausschließlich vor Besorgnis; da war noch etwas anderes – eine von Angst gewürzte Erregung. Es war ihr nicht entgangen, dass einige der jungen Frauen Sophies missliche Lage zu genießen schienen. Gerade auch Estelle hatte begierig zugeschaut.
Juliet, der schwindlig und etwas übel war, entschuldigte sich bei Tisch und fragte Estelle nach dem Weg zum Waschraum. Estelle erklärte ihn ihr, ermahnte sie aber, sich zu beeilen, da es gegen die Regeln verstoße, ohne besondere Erlaubnis von Madame während der Mahlzeiten den Speisesaal zu verlassen.
«Aber schau nur nicht so besorgt drein. Heute ist dein erster Tag, da wird man das bestimmt entschuldigen. Soll ich dich begleiten?»
«Nein. Ich gehe allein. Es dauert nicht lange.»
Vor dem Speisesaal holte sie erst einmal tief Luft und stand einen Moment lang einfach da, den Rücken gegen die harte Eichentür gepresst. Dann folgte sie Estelles Beschreibung, und nachdem sie sich nur einmal kurz verlaufen hatte, fand sie den Waschraum.
Der Raum wirkte nicht weniger streng als der Schlafsaal. An der einen Wand reihten sich weiße Porzellanwaschbecken. In mit Holzwänden abgetrennten Kabinen befanden sich die Toiletten, und im Nachbarraum sah sie einige größere Kabinen; in jeder stand eine Badewanne. Sie füllte ein Waschbecken mit kaltem Wasser und wusch sich Gesicht und Handgelenke. Dann tauchte sie ein Taschentuch in das Becken, knöpfte den hohen Kragen ihres Kleides auf und betupfte ihren Hals mit dem feuchten Tuch. Kurze Zeit blieb sie so stehen, die Hände auf den Rand des Waschbeckens gelegt, und holte tief und regelmäßig Luft.
Über dem Waschbecken hing ein Spiegel. Sie betrachtete prüfend ihr Gesicht. Vor dem weißen Hintergrund des Raums hatten ihr schwarzes Haar und die grauen Augen eine bestürzende Wirkung. Ihre Wangen waren hochrot angelaufen, und ihre Augen glänzten. Vielleicht hatte sie ein wenig Fieber. Sie betrachtete ihr Spiegelbild noch einen Moment lang und öffnete dann die Tür zum Korridor.
Dort verirrte sie sich und kehrte wieder um. Alle Türen sahen gleich aus. Sie bog nach rechts ab. Ah ja, die Gemälde an der Holztäfelung der Wand kamen ihr vertraut vor. Ja, diese Tür hier musste zum Speisesaal führen. Wie still es hinter der Tür war, fiel ihr gar nicht auf, als sie die Hand auf den Türgriff aus facettiertem Glas legte.
Als sie die Tür einen Spalt weit aufschob, hörte sie ein leises Geräusch. Etwas ließ sie zögern. Sie blieb stehen, verpasste der Tür aber noch einen kleinen Schubs. Auf gut geölten Angeln schwang sie auf und gab den Blick auf den Schlafsaal frei. Die Sonne war weitergezogen, und der Schlafsaal lag nun halb im Schatten.
Wieder war der Laut zu hören. Ein raues Stöhnen, ein Geflüster. Juliet spähte um die Tür herum. Auf halber Höhe des Schlafsaals lag jemand auf einem Bett. Juliet erkannte, dass Sophie dort niedergesunken war. Sie erblickte ihr seidig schimmerndes Haar und das blasse Oval ihres herzförmigen Gesichtchens.
Eine hoch gewachsene, schlanke männliche Gestalt stand neben dem Bett, hatte sich über Sophie gebeugt und murmelte mit vor Leidenschaft rauer Stimme etwas, das wie Zärtlichkeiten klang. Juliet konnte den Mann nicht deutlich erkennen, sein Gesicht war von einem Vorhang rötlich braunen Haars verdeckt. Unter Juliets Augen streckte der Mann die Arme nach Sophie aus. Juliet sah den blassen Teint seiner Hände vor dem dunklen Hintergrund von Sophies weitem Kleid.
Juliet war wie gebannt von der Schönheit seiner Hände. Sie waren stark und an den Knöcheln breit. Seine Finger waren lang und schlank – wie Künstlerhände. Juliet wusste wenig über Männer, war sich aber sicher, dass jemand, der solche Hände hatte, kultiviert und empfindsam sein musste.
Der Mann hantierte an den Verschlüssen von Sophies Kleid, und sie kam ihm mit einer wollüstigen Schlängelbewegung entgegen.
«Ja. O ja», flüsterte sie.
Der Mann stieß ein leises Lachen aus, rau und viel verheißend.
Einen Moment später hatte er Sophie das Kleid bis zur Taille herabgestreift und enthüllte ihren schlanken Körper. Ihr Hals und ihre Arme waren weiß und zart. Im gedämpften Licht wirkten die Schatten in ihrer Kehlgrube und unter den Wangenknochen fast violett. Sie trug ein einfaches Korsett aus weißer Baumwolle, das an der Taille eng geschnürt war. Ihre jungen Brüste waren nur zur Hälfte bedeckt und wölbten sich aufs Verlockendste oben aus dem Korsett heraus.
Der Mann stieß ein leises Stöhnen aus. Juliet staunte über den Laut – er klang mehr nach Schmerz als nach Leidenschaft –, doch dann vergaß sie alles Denken und sah zu, wie der Mann Sophies Brüste liebkoste.
Er schob die Finger unter den steifen Stoff und befreite die Brüste so weit, dass die rosigen, fast schon harten Brustwarzen zum Vorschein kamen. Er zwirbelte die zarten Spitzen zwischen Finger und Daumen und lachte darüber, wie Sophie sich seinen Händen entgegenstieß und ihn mit sanften Worten bedrängte. Sie stieß einen leisen Freudenschrei aus, als er den Kopf zu ihr niederbeugte und an ihren Brüsten saugte, mit ganz leisen Schmatzlauten, die die Ohren der völlig verdatterten Juliet erreichten.
Juliet war empört, aber gleichzeitig auch fasziniert. Der Anblick war so schön und erotisch. Sie sah zu, wie die Lippen des Mannes immer tiefer glitten. Er strich mit seinen langen, schlanken Fingern über den fischbeinverstärkten Stoff des Korsetts und ließ die Hand dann zwischen Sophies Schenkel tauchen. Dort streichelte er sie sanft und bewegte die Hand in einer langsamen, fast hypnotischen Bewegung auf und ab.
Juliet stellte sich vor, was Sophie empfinden musste. Sie spürte auch selbst etwas Drängendes im Bauch und einen kribbelnden Druck zwischen den Beinen. Ach, was für ein köstliches Gefühl, von einem Mann auf diese Weise liebkost zu werden! Sophie bewegte den Kopf auf dem Kissen, und ihr Mund sah erschlafft und verwundbar aus.
«Bitte …», flüsterte sie.
«Wenn ich es möchte», erwiderte der Mann mit einem leisen Lachen – er klang vollkommen kontrolliert. «Und nicht eher.»
Da verlor die Szene für Juliet ihre Intensität. Sie empfand einen Missklang: Die Tatsache, dass der Mann Macht über Sophie ausübte, verstörte sie. Warum wehrte Sophie sich nicht? Warum befahl sie ihm nicht, es so zu machen, wie sie es sich wünschte, statt so gefügig dazuliegen?
In diesem Moment wusste sie ganz plötzlich mit verblüffender Klarheit, dass sie keinerlei Verlangen nach einem Mann hatte, der die Kontrolle über sie ausübte.
Plötzlich ärgerte Juliet sich über sich selbst, dass sie die Dinge so weit hatte kommen lassen. Jemand musste sofort von diesen Vorgängen erfahren. Wie hatte dieser Mann nur ins Internat gefunden? Sophies Reaktion verstörte sie zutiefst. Das arme Mädchen war gewiss noch ganz verwirrt von seiner Züchtigung. Noch nie war Juliet einer solchen Zügellosigkeit begegnet, doch Sophie, statt um Hilfe zu rufen, schien die schändlichen Aufmerksamkeiten dieses Mannes zu genießen.
Es war zu spät, um Hilfe zu holen. Juliet musste selbst handeln, bevor Sophie entehrt wurde. Sie trat entschlossen einen Schritt vor, die Hände zu Fäusten geballt.
«Lassen Sie sie sofort los!», schrie sie, so laut sie konnte. «Weg von ihr!»
Der Mann riss den Kopf hoch und wich vor Sophie zurück, als hätte sie ihn gebissen. Sophie setzte sich aufrecht hin und streckte die Arme nach dem Mann aus, der eben noch ihr Liebhaber gewesen war. Sie stieß einen Schrei der Enttäuschung aus und warf Juliet einen Blick reiner Bosheit zu.
Der Mann beachtete Sophie nicht mehr. Seine Augen begegneten Juliets Blick. Juliet merkte, dass zwischen ihm und ihr irgendetwas wortlos hin und her ging. Er war ganz offensichtlich erschüttert. Und sie hatte das Gefühl, dass es nicht die Überrumpelung war, die ihn so aus der Fassung brachte.
Er starrte Juliet weiter an, während sie seinen Blick gelassen erwiderte. Sonderbarerweise war sie ganz ruhig und fürchtete sich nicht. Im schummrigen Licht sah sie, wie seine Zähne beim Lächeln weiß aufblitzten. Sie hatte den Eindruck, dass seine dunklen Augen ihren Körper abtasteten, als könnte er durch ihre Kleidung hindurch auf die nackte Haut sehen.
Ihre Nackenhaare sträubten sich, und ein leichter Schauder der Erregung überlief sie. Da lächelte der Mann erneut. Er führte die Hand an die Lippen und blies ihr einen Luftkuss zu. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und schritt ohne alle Eile aus dem Zimmer.
Mit seinem Abgang war der Zauber gebrochen. Juliets Knie zitterten plötzlich so heftig, dass sie kaum gehen konnte. Langsam näherte sie sich dem Bett.
«Guter Gott, diese Kreatur hätte dich angreifen können! Hat er dir wehgetan? Wer war das? Wie ist er nur hier reingekommen? Ich muss sofort jemanden holen. Madame muss erfahren …»
Juliet wusste, dass sie faselte, aber sie konnte nicht anders. Dann merkte sie, dass Sophie sich zurückgelegt hatte und völlig ruhig zu ihr hinaufblickte. Sie versuchte nicht, ihre Kleidung zurechtzuziehen. Ihre Nippel waren noch immer rosig und steif und glänzten feucht von der Zunge des Mannes. Sie lugten verführerisch oben aus ihrem Korsett heraus.
Sophie räkelte sich und gähnte herzhaft. Ihr seidiges blondes Haar lag wie ein Fächer auf dem Kissen.
Sophies Sinnlichkeit verstörte Juliet. Sie empfand den Drang, in dieses hübsche Gesichtchen hineinzuschlagen, und war von sich selbst entsetzt. Unter ihrem weißen Unterrock spreizte Sophie die schlanken Schenkel, und als sie dann noch den Rücken durchbog, wurde ihr Venushügel sichtbar. Unter dem dünnen weißen Stoff ihres Schlüpfers zeichnete sich das dunkle Pelzchen als zarter Schatten ab. Sophie führte die Hand nach unten, berührte sich dort und ließ die Finger kreisen.
Juliet lief rot an. Das hier war kein unschuldiges Mädchen. Jetzt verstand sie, dass sie keinen vereinzelten Vorfall beobachtet hatte. Irgendwie musste Sophie es geschafft haben, einen Liebhaber ins Internat zu schmuggeln. Vielleicht hatte sie ihre Züchtigung vorhin sogar absichtlich provoziert, damit sie mit ihm allein sein konnte. Juliet wusste, dass sie etwas unternehmen sollte, war aber verwirrt und verunsichert.
Dann ergriff Sophie das Wort. «Na, steh doch nicht da und klapp den Mund auf und zu wie ein Fisch! Am besten gehst du in den Speisesaal zurück, bevor man dich vermisst.»
«Aber … Ich sollte das hier weitersagen. Jemandem erzählen …»
Sophie lachte verächtlich. «Warum? Möchtest du schlafende Hunde wecken? Manche Dinge bleiben am besten geheim – selbst wenn jeder davon weiß. Außerdem verstehst du überhaupt nichts davon. Du bist hier neu. Völlig unbedarft. Aber du wirst bald mehr wissen. Es gibt noch andere wie Reynard – du wirst sie nur zu bald kennen lernen …» Ihr hübscher Mund verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.
Juliet war gekränkt. Sophie sprach in Rätseln. Wie konnte etwas ein Geheimnis sein, wenn jeder davon wusste? Sie hatte das Gefühl, dass sie sich zum Narren gemacht hatte, auch wenn ihr nicht klar war, wie.
Mit Sophies wissendem Gelächter in den Ohren machte sie kehrt und entfloh dem Schlafsaal.
Reynard Chardonay schlüpfte aus der Seitentür des Wintergartens und eilte den Gartenweg entlang.
Er fühlte sich zutiefst lebendig, und die prickelnde Gefahr schärfte alle seine Sinne. Schon immer hatte er das Vergnügen des Verbotenen gesucht. Und Madame Nichols Lehranstalt bot mehr als genug Versuchungen für einen einzigen Mann.
Er sog die kühle Nachtluft ein und kostete, ganz Connaisseur, der er war, ihren Duft aus. Wie schön die Nacht doch war: Der Mond stand am Himmel, und in seinem Licht schimmerten die Blätter und Blüten der Blumenrabatten wie versilbert, und das Backsteinpflaster des Pfads sah aus wie nasses Kupfer.
Er wusste, dass es nicht klug war, länger hier zu verweilen. Die junge Frau, die ihn mit Sophie überrascht hatte, würde gewiss irgendjemandem davon erzählen. Bevor jemandem seine Abwesenheit auffiel, musste er zu dem Gebäude zurückeilen, das jenseits der Gartenanlage der Lehranstalt verborgen lag.
Ach, aber es war ein solches Vergnügen, sich ins Internat einzuschleichen! Er wusste, dass es leichtsinnig war, aber er konnte einfach nicht anders – die jungen, noch nie einer Versuchung ausgesetzten adligen Töchter waren eine Herausforderung. Und eine Herausforderung war auch so eine Sache, zu der er nie Nein sagen konnte.
In ihren schlichten Kleidern und den weißen Kopftüchern wirkten Madame Nichols Schützlinge wie hübsche dunkle Schmetterlinge. Schmetterlinge im Puppenstadium. Wenn sie die Lehranstalt verließen, würden sie ihre endgültige Farbe tragen und für die Welt gerüstet sein.
Doch er, Reynard, zog es vor, sie zu verführen, bevor sie erblühten. Und viele von ihnen warteten begierig auf seine Berührung.
Er wusste, dass in seinem Wesen ein Widerspruch lag, denn während er sich nur zu gerne im Genuss eines unschuldigen Mädchens verlor, sehnte er sich andererseits nach einer Energie sprühenden, heißblütigen Frau, die ihn zu ihrem Sklaven machte. Wie er diese Frau nun unter Madame Nichols naiven Mädchen finden sollte, wusste er wirklich nicht. Doch dass er sich da selbst ein Rätsel aufgegeben hatte, beunruhigte ihn nicht weiter. Die Polarität seiner Persönlichkeit belustigte ihn so sehr, wie sie andere faszinierte.
Das Leben war dazu da, voll ausgekostet zu werden. Wenn er wollte, konnte er es in vollen Zügen und mit allen Sinnen genießen. Er war reich, gut aussehend und jung. Die Welt gehörte ihm. Reynard, der gerade den kleinen Gartenteich entlangging, lachte laut beim Gedanken an das, was eben zwischen ihm und Sophie vorgefallen war.
Er wusste, dass er nur mit ihr tändelte. Aber es gefiel ihm, wie sie auf seine Berührung reagierte. Wie ihr herzförmiges Gesichtchen errötete, wenn er an ihren festen, mädchenhaften Zitzen saugte. Wie sie seufzte, wenn er ihre knospenden Nippel mit der Zunge umkreiste und die zarte Haut mit den Zähnen streifte.
Wäre er eben nicht ertappt worden, hätte er Sophies schlanken Leib aus dem Kleid geschält, ihr diesen schlichten weißen Baumwollschlüpfer heruntergezogen und das Gesicht zwischen ihren Schenkeln vergraben.
Das hatte er schon oft genug getan. Wie sie sich dann wand, wenn er ihre heiße, salzig-süße Haut mit Mund und Zunge neckte. Er liebte Geschmack und Geruch einer Frauenmöse; dieser ganz besondere, würzige Moschusgeruch, der einem mehr als der beste Wein zu Kopfe stieg. Er hatte die Hand unter Sophies Pobacken geschoben und deren Hitze selbst durch den Schlüpfer und die Schichten von dunklem Kleiderstoff hindurch gespürt. Sein Blut war in Wallungen geraten. Er hatte den Sieg über sie davongetragen, vor ganz kurzem erst.
Wie verführerisch, wie verlockend fühlte sich ein Hinterteil an, das zuvor mit der Reitpeitsche misshandelt worden war. Mit Begeisterung küsste und liebkoste er die glühend heißen Halbkugeln.
Er hatte sich schon freudig danach gesehnt, ihre festen, heißen Pobacken mit der Hand zu umfangen und ihre Möse an seine Lippen zu führen. Diesen Moment kostete er immer vollständig aus und ließ sich von der Erwartung verzaubern.
Er hätte die straffen, fleischigen Lippen mit der Zungenspitze geöffnet und sie mit seinem Speichel befeuchtet. Er wäre mit der Zunge dem geöffneten Spalt entlanggefahren und hätte die Lippen schließlich sanft um ihre Lustknospe geschlossen. Wie zärtlich er das Köpfchen unter seinem kleinen Häubchen hervorgelockt hätte.
Doch er hatte noch gar nicht richtig angefangen, da waren sie schon ertappt worden. Die Neue hatte vor Schreck aufgeschrien. Erst war er verärgert gewesen – doch dann hatte er sie angesehen, wirklich angesehen. Und irgendetwas war passiert.
Etwas Unglaubliches.
Sie war anders. Natürlich war sie schön wie alle Schutzbefohlenen Madame Nichols. Sie war hoch gewachsen und feinknochig, hatte glänzend schwarzes Haar und graue Augen unter kohlrabenschwarzen Wimpern. Es war jedoch etwas Einzigartiges an ihr. Und zwar nicht nur die Intelligenz, obgleich die deutlich aus ihren patrizierhaften Gesichtszügen heraussprang. Es war – etwas Undefinierbares.
Sie stand da und starrte ihn aufgebracht an, noch immer in ihrer Reisekleidung. Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Seine Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. In diesem Moment war Sophie – blond und zierlich, wie sie war – für ihn nicht mehr vorhanden.
Seine Brust wurde eng unter dem Drang der Gefühle, die ihn durchströmten. Bin das wirklich ich, dieser Mann, der sich gerade wie ein Mondkalb benimmt, dachte er gequält. Reynard Chardonay, der Mann, der jede Frau haben kann, die er begehrt? Der Mann, der keine Überraschungen erwartet – nur Eroberungen –, der aber trotzdem die Augen offen hält?
Obwohl er die dunkelhaarige Frau nur wenige Sekunden angesehen hatte, fühlte er sich wie erneuert. Hoffnungsvoll. Dass er sich überhaupt so fühlen konnte, kam ihm unglaublich vor, aber so war es. Er musste sich diskret nach ihr erkundigen, ihren Namen und den Namen ihrer Familie herausfinden.
Reynards Schritt beschleunigte sich unmerklich, während eine ungekannte Erregung immer mehr Besitz von ihm ergriff. Er eilte durch den dunklen Park mit seinen üppigen Blumenbeeten, seinem Labyrinth aus beschnittenem Buchs und seinen exotischen Bäumen. Dort lag auch die Grotte mit ihren muschelübersäten Wänden und dem Wasserbecken – der Ort vieler zurückliegender erotischer Begegnungen. Diese Überfülle, die sich so deutlich von der strengen Innenausstattung der Lehranstalt abhob, entzückte ihn immer aufs Neue.
Aber so war es natürlich auch beabsichtigt. Im Wesen des Gartens und des Internatsgebäudes lag eine Dualität, dieselbe Dualität, die auch im Wesen aller Männer und Frauen herrschte. Oh, dessen war er sich absolut bewusst.
Dunkel und Licht. Nacht und Tag. Herrschaft und Unterordnung. Jeder Zug vervollständigte und bereicherte den anderen, Reynard wusste, dass diese Eigenschaften gerade auch in ihm unübersehbar wirkten – und fast im Krieg miteinander lagen.
Seine mächtige Adelsfamilie war dafür bekannt, dass sie leidenschaftliche, komplexe Persönlichkeiten hervorbrachte. Im wahren Stil der Chardonay hatte Reynard in seinem jungen Leben schon viele Frauen geliebt und verlassen. Ihn würde nur eine starke, lebenssprühende Frau gewinnen können. Eine Frau, die seine Launen beherrschte und in geordnete Bahnen lenkte.
Er sehnte sich nach einer anderen Art von Eroberung – eine, bei der er vielleicht einmal nicht Sieger bleiben würde. Eine solche Frau würde ihm sicherlich Angst einflößen. Eine einzigartige Vorstellung.
Er meinte fast zu spüren, wie aufregend das wäre.
Ob sie diese Frau war?
«Jetzt bekommst du gleich deine Tracht», erklärte Estelle Juliet.
Sie befanden sich im Nachbarraum der Wäschekammer und warteten auf Madames Eintreffen. Juliet hatte beschlossen, zumindest vorläufig nichts von Sophies ‹Besucher› zu erzählen.
