Julis Reise - Ivy Bell - E-Book
SONDERANGEBOT

Julis Reise E-Book

Ivy Bell

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Manchmal muss man fortgehen, um sich selbst zu finden... Mann, Kind, Haus. Juli, Anfang 40, hat eigentlich alles, was man angeblich braucht, um glücklich zu sein. Trotzdem spürt sie eine immer größere Leere in sich. Als ein Arztbesuch ihr Leben völlig auf den Kopf stellt, ist Julis Grenze erreicht. Sie fliegt nach Lanzarote, um ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen, und findet dort mehr, als sie zu hoffen gewagt hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

 

 

 

 

Julis Reise

 

von

 

Ivy Bell

 

 

 

 

März 2024

 

© 2024 by Ivy Bell, Berlin

 

Umschlaggestaltung: Ivy Bell, Horst P M Osinski

 

Umschlagabbildung: © Ivy Bell

 

Lektorat: C.O. Mania

 

 

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mithilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Inhalt

 

 

Der Roman

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Danke

Über die Autorin

Impressum

 

Der Roman

Manchmal muss man fortgehen, um sich selbst zu finden ...

 

 

Mann, Kind, Haus. Juli, Anfang 40, hat eigentlich alles, was man angeblich braucht, um glücklich zu sein. Trotzdem spürt sie eine immer größere Leere in sich. Als ein Arztbesuch ihr Leben völlig auf den Kopf stellt, ist Julis Grenze erreicht. Sie fliegt nach Lanzarote, um ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen, und findet dort mehr, als sie zu hoffen gewagt hat.

 

Kapitel 1

 

Juli rührte gedankenverloren in einem Topf herum. Ein »Plopp« ließ sie aufschrecken. Schnell reduzierte sie die Hitze, damit ihr Vanillepudding nicht überkochte.

Vanillepudding hatte gerade etwas Tröstliches für Juli. Er war süß, warm und milchig, wie früher bei ihrer Oma, bei der man sich einfach in den großen Ohrensessel kuscheln und alle Sorgen vor der Tür lassen konnte. Am liebsten würde Juli sich einfach mal für ein paar Wochen bei ihrer Oma verkriechen, aber das ging leider nicht. Zum einen, weil sie vor drei Jahren gestorben war, zum anderen, weil einem die leidigen Alltagspflichten als erwachsener Mensch leider keine Zeit mehr zum Verkriechen ließen.

Ach ja, nochmal zwölf sein... obwohl, dann müsste sie auch wieder zur Schule gehen, sich mit nervigen Mitschülern herumärgern, Prüfungen schreiben... vielleicht war es doch ganz gut, schon 41 zu sein.

Es klingelte und Juli nahm den Topf von der heißen Herdplatte. Sie schlich zur Tür, schaute durch den Spion und stieß einen Schrei aus. Ein hellblaues Auge schaute sie an, durch die Krümmung des Spions wirkte es gleich riesig. Juli hörte ein ihr sehr bekanntes Schnauben und öffnete die Tür. Solche Scherze kannte sie nur von ihrer Freundin Melanie. Die kringelte sich immer noch vor Lachen.

»Wie du gekreischt hast, herrlich«, gackerte sie.

»Ich hätte tot sein können!« Juli ging ein Stück zur Seite und ließ ihre Freundin eintreten, nicht ohne diese mit einem beleidigten Blick zu bedenken.

»Hmm, was duftet denn hier so gut? Vanillepudding wie bei Oma Ilse?«

»Ja, ist gerade fertig geworden.«

»Super, warm schmeckt er doch eh am besten.«

Melanie schlenderte hinter Juli in die Küche und setzte sich auf die Arbeitsplatte, den linken Fuß unter das rechte Bein gezogen, das rechte Bein wippte fröhlich in der Luft herum.

Juli hatte plötzlich eine Vision. Sie sah die etwa 12 Jahre alte Melanie in der Küche ihrer Eltern, genauso wie jetzt hatte sie ein Bein unter das andere gezogen und grinste Juli fröhlich an. Die Frauen kannten sich seit 30 Jahren, aber einige Dinge änderten sich nie.

Juli füllte zwei Schälchen mit Pudding und setzte sich Melanie gegenüber auf einen Stuhl.

»Du siehst blass aus, zumindest für deine Verhältnisse«, bemerkte Melanie.

»Kann sein«, nuschelte Juli. Sie wusste nicht, wie sie ihrer Freundin erklären sollte, was seit einiger Zeit in ihr vorging. Sie war unzufrieden, obwohl sie doch augenscheinlich alles hatte. Einen netten Mann, einen Sohn, ein Haus, einen Job, keine finanziellen Sorgen und gesund war sie auch.

»Ich frage mich, ob das jetzt schon alles war?«, platzte es schließlich aus Juli heraus.

»Wie kommst du denn darauf? Du bist doch erst 41, da kann noch einiges passieren.«

Melanie hatte gut reden, sie machte grundsätzlich, wozu sie Lust hatte, ohne sich groß Gedanken zu machen, ob das nun gerade funktionierte. Nach dem Abitur hatte sie zunächst mit Juli zusammen eine Ausbildung zur Hotelfachfrau angefangen, dann aber gemerkt, dass ihr das zu langweilig war. Daraufhin hatte sie erstmal einen Job als Aushilfe in einem Laden mit Modeschmuck und Geschenken angenommen, um sich selber zu finden. Leider gab es in dem Laden so viele schöne Sachen, dass Melanie regelmäßig Geldprobleme hatte, trotz Mitarbeiterrabatt. Weil sie den Duft von Holz mochte, entschied sie sich schließlich, eine Schreinerlehre zu machen. Dabei war sie geblieben und baute in ihrer kleinen Werkstatt wunderschöne Möbel, meist Einzelstücke, die inzwischen sehr begehrt waren. Zwischendurch nahm sie Aufträge von Restaurants oder kleinen Shops an, die ihre Läden mit Melanies Möbeln einrichten wollten. Dabei achtete Melanie aber immer auf eine ausgewogene Work-Life-Balance, ihre Freiräume für diverse Hobbys waren ihr heilig.

Julis Leben hingegen war sehr gradlinig verlaufen. Sie hatte ihre Lehre beendet und war schließlich an der Rezeption eines netten, kleinen Hotels gelandet. Dort arbeitete sie nun seit über 17 Jahren, unterbrochen nur durch die Elternzeit, die sie für ihren Sohn Lukas genommen hat. Seit 18 Jahren war sie mit David verheiratet, ihrer Jugendliebe. Melanie hatte sie immer ein bisschen um ihr Familienglück beneidet, sie selber war, mal wieder, Single, dabei hätte sie auch gerne eine Familie, zumindest einen Partner, gehabt.

Eigentlich war also alles schön in Julis Leben, wenn, ja wenn da nicht dieses nagende Gefühl wäre, etwas zu verpassen.

Lukas war gerade in der Pubertät, seine Antworten beschränkten sich in der Regel auf »Hmm«, »Jo« oder »Hä?«, seine Klamotten ließ er gerne auf dem Fußboden seines Zimmers liegen, sein Schreibtisch mit dem PC war allerdings immer picobello sauber. Dabei war es doch noch gar nicht so lange her, da war er so ein süßer, kleiner Junge gewesen. Juli seufzte.

»Was ist los?«, fragte Melanie, hüpfte von der Arbeitsplatte, setzte sich neben Juli und legte den Arm um ihre Schulter. Auch so eine Geste, die seit 30 Jahren gleich geblieben war. Ging es einer von beiden nicht gut, drückte die Andere sie an sich und dann wurde geredet.

»Ich musste gerade an Lukas denken, wie niedlich er früher war. Weißt Du noch, wie klein er als Baby war? So süß. Und unsere Zoobesuche, als er drei Jahre alt war und ganz aufgeregt die Erdmännchen beobachtet hat.«

»Und dann einen Schreikrampf bekommen hat, weil er kein zweites Eis essen durfte. Ja, ich erinnere mich noch.« Melanie grinste breit.

»Ja gut, das war aber nur kurz, ansonsten war er immer so ein freundliches Kind.« Juli schnaufte empört.

»Meistens war er ein freundliches Kind, aber wie Du weißt, hat jeder auch mal schlechte Tage. Wenn Kinder klein sind, sind sie größtenteils niedlich und man denkt, man könne diese hilflosen Wesen niemals alleine in die Welt hinaus lassen. Aber dann kommt die Pubertät und man merkt, dass es einem gar nicht mehr so schwerfällt, diesen ehemals niedlichen kleinen Menschen, der nun ein wortkarger Muffel ist, ziehen zu lassen.«

Juli starrte ihre Freundin an.

»Wann bist du eigentlich so zynisch geworden?«

»Wann bist du eigentlich so unzufrieden geworden?«

Juli knibbelte an der Nagelhaut ihres rechten Daumens herum. Melanie schlug ihr auf die Hand.

»Hör mit der Knibbelei auf, das hast du früher schon immer gemacht, wenn du irgendwas hattest, also eigentlich immer. Dauernd entzündete Nagelränder, das ist doch nicht schön!«

»Ja, Mami.« Juli grinste.

»Irgendwie habe ich das Gefühl, ich lebe fast wie dieser Typ in »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Jeder Tag ist gleich. Und meine Ehe ist langweilig.«

»Deine Ehe kannst du doch wieder aufpeppen. David ist so ein toller, netter Mann.«

»Ich habe momentan das Gefühl, er sieht mich gar nicht. Er kommt spät nach Hause und ist dann extrem müde und irgendwie fahrig. Wenn ich ihn frage, was er hat, sagt er nur »Nichts, mein Schatz, alles gut«, aber kurz darauf wandert sein Blick wieder so unruhig herum. Im Schlaf stöhnt er manchmal.«

»Lüstern?«

»Nein, eher als wäre etwas anstrengend, oder ihm tut etwas weh.«

»Na dann hat er bestimmt keine Affäre«, bemerkt Melanie.

»Warum? Weil er dann nachts lüstern stöhnen würde? Oder vielleicht sogar den Namen seiner Angebeteten im Schlaf sagt? Also echt, du liest zu viele schlechte Romane.« Juli stand auf und stellte die ausgekratzten Puddingschälchen in die Spülmaschine. In dem Moment hörten sie die Haustür, dann ein Poltern und kurz darauf streckte Lukas den Kopf in die Küche. Als er Melanie bemerkte, strahlte er.

»Hallo Lieblingstante, wie gehts?«

»Gut, und selber?«

»Jo, läuft«, dann wandte Lukas sich an seine Mutter.

»Gibts was zu essen?«

»Vanillepudding. Nachher Pizza, ich habe keine Lust zu kochen.«

Lukas nahm sich ein Schälchen, füllte es bis zum Rand mit Pudding und verließ die Küche. Sie hörten ihn noch die Treppe hochpoltern, seine Tür zuknallen, dann war Ruhe.

Juli spähte in den Flur und schnaubte.

»Und wieder liegt die Jacke auf dem Boden. Ich habe das so satt! Dich hat er wenigstens freundlich begrüßt, mich fragt er nur nach Nahrung.« Juli fegte in die Küche und plumpste auf einen Stuhl.

»Klar, ich bin bloß die Tante, die alle paar Tage mal hier vorbeikommt. Du bist seine Mutter, dich sieht er täglich. Wäre ich jeden Tag hier, würde er mich auch nicht mehr so freundlich begrüßen. Aber das gibt sich, warts nur ab. Spätestens wenn er dreißig ist, ist er wieder zugänglich.«

»Ich soll also vierzehn Jahre warten?«

»Du wartest überhaupt nicht, du machst einfach, was dir guttut. Lukas ist groß, der braucht dich nicht mehr, zumindest nicht so wie früher. Du könntest auch wieder mehr Nachmittagsschichten im Hotel machen.«

»Pff. Das ist auch nur Arbeit. Auch immer das Gleiche.«

Melanie schaute ihre Freundin besorgt an.

»Ach je, das klingt mir schwer nach Midlife Crisis.«

In dem Moment klingelte ihr Handy. Sie gab Juli ein Zeichen, nahm den Anruf an und entfernte sich. Kurze Zeit später kam sie wieder in die Küche.

»Ich muss leider los, aber wir reden bald nochmal.« Sie nahm Juli fest in die Arme.

»Dein Leben ist nicht festgefahren, glaub mir, das wird alles wieder. Vielleicht solltest du einfach mal wegfahren und ein wenig auf andere Gedanken kommen, dich sortieren. Dann hätte David auch ganz schnell Sehnsucht nach dir, ganz bestimmt«, murmelte sie in Julis dunkelbraune Lockenmähne.

»Wenn du meinst«, bemerkte Juli, begleitete ihre Freundin noch zur Tür und stand dann unschlüssig im Flur herum.

Schließlich schlurfte sie in die Küche, nahm sich noch ein Schälchen mit Pudding und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich mit dem inzwischen kalten Pudding auf dem Sofa einkuschelte, fast so wie früher bei ihrer Oma Ilse.

Kapitel 2

 

Der nächste Tag begann genauso, wie der vorige. Lukas hatte Ferien und schlief in der Regel bis in den späten Nachmittag, außer, er war mit seinen Kumpels verabredet. David nippte nachdenklich an seinem Kaffee und schaute dabei auf sein Handy. Schließlich stand er auf und gab Juli einen Kuss auf die Wange.

»Tschüß mein Schatz, könnte später werden.« Damit verließ auch er das Haus.

Juli schlenderte im Bademantel herum. Da sie heute frei hatte, musste sie sich nicht beeilen. Eigentlich könnte sie sich auch nochmal hinlegen, das hatte sie früher gerne gemacht, aber heute war ihr nicht danach.

Die Worte von Melanie kamen ihr immer wieder in den Sinn. Midlife-Crisis, ob sie so etwas wirklich hatte? Hatten das nicht nur Männer? Aber wer weiß, neulich hatte sie erst gelesen, dass Männer auch in die Wechseljahre kommen, warum sollten Frauen dann nicht auch eine Midlife-Crisis bekommen?

 

Am späten Nachmittag besuchte sie ihre Eltern. Ihre Mutter öffnete ihr die Tür, dabei knetete sie ein Taschentuch in ihren Händen.

»Hallo Mama, wie geht es Dir? Ist mit Papa alles in Ordnung?« Juli nahm ihre Mutter in den Arm und gratulierte sich im Stillen dazu, dass sie ihre hohen Stiefel angezogen hatte. Mit ihren 1,57 m war sie mit Abstand die Kleinste in ihrer Familie, ihr Bruder hatte es sogar auf die stattliche Größe von 1,92 m gebracht und ihren Vater Wolfgang damit um 2 cm überholt. Gabriele, ihre Mutter, überragte sie immerhin um 10 cm.

»Wolfgang war heute Morgen beim Arzt und hat sich durchchecken lassen. Die Ergebnisse bekommen wir übermorgen. Er ist dauernd schlapp, gestern hatte er schon wieder Bauchschmerzen, heute tun ihm die Gelenke weh, ständig ist er müde, normal ist das nicht.«

»Wenigstens war er jetzt beim Arzt, vielleicht fehlen ihm nur irgendwelche Vitamine oder Eisen oder so.«

»Ja, vielleicht.« Ihre Mutter wirkte nicht überzeugt, was Juli allerdings nicht sehr beunruhigte, schließlich hatte Gabriele einen Hang dazu, die Dinge schlimmer zu sehen, als sie waren. Ihr Vater war da wesentlich optimistischer.

Der saß auf dem Sofa im Wohnzimmer und blätterte in einem Buch, als Juli das Zimmer betrat.

»Mein kleines Mädchen!« Wolfgang strahlte, erhob sich und drückte Juli an sich, die förmlich in seinen Armen verschwand, da halfen auch die hohen Stiefel nichts. Die im Übrigen ziemlich unbequem waren. Juli überlegte gerade, ob sie sie nicht doch ausziehen sollte, da klingelte es und kurz darauf hörte sie zwei ihr bekannte Kinderstimmen »Omi, Omi« rufen.

»Kommt Matthias etwa auch? Mit seiner Grazie? Ich dachte, die sind noch im Urlaub?«

»Nein, sie sind zwei Tage früher abgefahren, Silvie war mit dem Service im Hotel wohl nicht so zufrieden.«

Juli verdrehte die Augen. Silvie, eigentlich Silvia, das war ihr aber zu »gewöhnlich«, die Frau ihres Bruders, immer perfekt zurechtgemacht, mit einem schimmernden, rotblonden Bob und akkurat geschnittenem Pony, stets nach Höherem strebend, weswegen sie die Karriere ihres Mannes mit Argusaugen überwachte. Dass ihr der Service eines 5-Sterne-Hotels in der Provence nicht zusagte, wunderte Juli nicht. Für Silvie war nur das Allerallerbeste gut genug, und auch das nur gerade so.

Jetzt stöckelte ihre Schwägerin ins Wohnzimmer, beugte sich zu Wolfgang herunter und hauchte ihm ein Küsschen rechts, eins links auf die Wange. Danach war Juli an der Reihe, die sich innerlich schüttelte. Wir sind doch hier nicht in Münchens Bussi Bussi Gesellschaft. Silvie setzte sich auf einen Stuhl und schlug grazil die Beine übereinander, natürlich nur an den Knöcheln, denn alles andere wäre für die Blutzirkulation ja gar nicht gut. Das hatte sie Juli schon diverse Male lang und breit erklärt, und auch jetzt zuckte sie missbilligend mit der Augenbraue, als Juli ihr rechtes Bein über das linke legte. Kurz darauf kam Matthias mit seinen Töchtern Anastasia und Angelina ins Wohnzimmer, gefolgt von Gabriele, die ein Tablett mit Kaffee und Kuchen trug.

»Der Tisch ist schon gedeckt, wollt ihr euch nicht setzen?«

»Au ja!«, riefen Anastasia und Angelina und stürmten auf ihre Plätze.

»Aber nur ein Stück Kuchen!«, ermahnte Silvie ihre Töchter.

»Zu viel Zucker ist ja gar nicht gut für Kinder«, raunte sie Juli zu. »Eigentlich bekommen die Mädchen nur samstags ein bisschen Schokolade, aber bei Oma und Opa machen wir natürlich eine Ausnahme. Bei Matthias muss ich auch mal einlenken, der bekommt sonst eine richtige Wampe.«

»Stimmt ja gar nicht!«, empörte sich Matthias und zog schnell seinen kleinen Bauch ein, bevor er sich setzte und das Corpus Delicti unter dem Tisch verstecken konnte.

Juli setzte sich neben ihren Vater und hoffte vergeblich, Silvie zu entkommen, aber die hatte sich anscheinend mal wieder auf sie eingeschossen und nahm am Kopfende neben Juli Platz.

»Weiß Lukas eigentlich inzwischen, was er nach der Schule beruflich machen möchte? So viel Zeit ist ja nicht mehr, da muss er sich schon langsam Gedanken machen.« Silvie schenkte sich Kaffee ein, lehnte das angebotene Kuchenstück aber ab.

»Du weißt doch, Gabriele, ich mache mir nicht so viel aus Süßem und muss auf meine Linie achten.« Dabei strich sie über ihren flachen Bauch, der in einem hübschen, lindgrünem Kostüm mit extrem kurzem Rock steckte.

Juli steckte sich ein Stück Kuchen in den Mund und dachte, damit wäre sie den Fragen ihrer Schwägerin nach ihrem, in Silvies Augen wahrscheinlich nichtsnutzigem, Sohn entkommen, aber Pustekuchen. Eine Frau wie Silvie vergaß nichts.

»Wo waren wir zwei denn gerade?«, fragte sie scheinheilig.

»Ach ja, bei Lukas. Wie war das noch mit seinen Berufswünschen?«

Juli war kurz versucht, Profikiller zu antworten, entschied sich dann aber, bei der Wahrheit zu bleiben. Schon alleine, weil Silvie keinen Humor hatte.

»Lukas hat viele Interessen«, log Juli. »Er sondiert gerade verschiedene Möglichkeiten.«

»Er wird aber doch studieren, oder? Also meine Mädchen müssen Abitur machen und studieren, alles andere ist doch nicht das Wahre.« Und das von einer Frau, die mit Ach und Krach die mittlere Reife geschafft hatte. Juli schüttelte innerlich den Kopf. Da mischte sich Matthias ein.

»Wieso, man kann doch auch mittlere Reife und eine Lehre machen. Hast du doch auch gemacht, Schatz.«

Silvie funkelte ihn böse an.

»Ja, aber das lag nur daran, dass meine Eltern mir niemals ein Studium hätten finanzieren können, ich wollte ihnen nicht auf der Tasche liegen«, bemerkte Silvie gedehnt.

»Wie edel von ihr«, flüsterte Wolfgang Juli ins Ohr, die sich daraufhin vor Lachen an ihrem Kuchen verschluckte und einen Hustenanfall bekam. Wolfgang klopfte ihr beherzt auf den Rücken.

»Tschuldigung, da ist mir wohl was in den falschen Hals gerutscht.«

Silvie schüttelte leicht den Kopf und strich wiederholt ihren Rock glatt, wahrscheinlich, um ihn auf etwaige Krümel zu untersuchen, die vielleicht durch die Luft geflogen waren. Matthias grunzte und zwinkerte seiner Schwester zu.

Was er bloß an Silvie fand?, überlegte Juli zum wiederholten Male. Er ist doch ein humorvoller, lieber Kerl. Klar, Silvie ist wirklich hübsch, aber sonst?

»Wissen deine Kinder denn schon, was sie werden möchten?«, fragte Juli ihre Schwägerin, fest überzeugt, dass eine Fünf- und eine Siebenjährige außer Prinzessin noch keine Berufswünsche hatten. Doch da hatte sie sich geirrt.

»Ich möchte Jura studieren und Menschenrechtsanwältin werden, wie Amal Clooney«, krähte Anastasia, die ältere der zwei Mädchen.

»Ich auch«, bemerkte Angelina schüchtern und stocherte dann weiter in ihrem Kuchen herum.

Woher kennen diese Mädchen Amal Clooney?, fragte sich Juli.

Silvie lächelte sie beifallheischend an.

»Anastasia hat ein sehr ausgeprägtes Rechtsbewusstsein, da ist Jura naheliegend. Bei Angelina kann sich das ja noch ändern, ich könnte mir auch vorstellen, dass sie eine gute Ärztin werden könnte, sie geht immer so fürsorglich mit anderen um.«

Matthias grunzte.

»Angelina malt auch gern, meinst du deswegen, sie wird mal Künstlerin?«

»Also bitte, das ist doch kein Beruf mit Zukunft!«

»Das hat Picasso anders gesehen.«

»Mit dir kann man ja nicht reden. Überlass die berufliche Zukunft unserer Töchter lieber mir.«

»Ich möchte die berufliche Zukunft unserer Töchter eigentlich unseren Töchtern selber überlassen. Anastasia ist gerade mal in der ersten Klasse, wer weiß, ob sie überhaupt auf das Gymnasium kommt.«

»Warum sollte sie das nicht schaffen? Sie ist sehr gut in der Schule.« Silvies Stimme war schneidend.

Matthias zuckte die Schultern und nahm sich noch ein Stück Kuchen, das dritte, wie Juli amüsiert feststellte.

»Juli, kannst du mal kurz mitkommen?«

Gabriele erhob sich und griff nach der leeren Kaffeekanne.

»Reg dich nicht auf, Juli, du weißt doch, wie Silvie ist. Ihre Töchter sollen es gut haben, daran ist doch nichts verkehrt.«

»Aber man muss doch mit 16 nicht schon haarklein wissen, was man später beruflich machen möchte. Ich wusste das auch nicht und momentan weiß ich gar nicht, ob das alles so richtig ist.«

»Nanu, zweifelst du an deinem Leben?«

Juli war kurz versucht, ihrer Mutter von ihren Gedanken zu erzählen, aber dann bemerkte sie die tiefen Ringe unter ihren Augen. Ihre Mutter machte sich schon länger Sorgen um ihren Vater, der immer öfter schlapp und antriebslos war, jeden Infekt mitnahm und morgens oft kaum aus dem Bett kam. Nein, sie wollte ihre Mutter nicht auch noch mit ihren Problemchen belasten.

»Nein, schon gut, manchmal überlege ich eben, ob ein anderer Beruf nicht interessanter wäre. Solche Gedanken hat jeder mal, denke ich.«

»Im Hotel ist es doch bestimmt spannend, oder? Ich stelle mir das aufregend vor, jeden Tag kommen andere Leute aus fremden Ländern.«

»Bei uns kommen auch viele Menschen aus Deutschland, die auf Geschäftsreise sind.«

»Okay, das ist dann vielleicht nicht so aufregend.« Juli und ihre Mutter lachten und Juli war froh, dass sie Gabriele wenigstens kurz von ihren Sorgen ablenken konnte.

Geschrei aus dem Wohnzimmer ließ sie aufschrecken und sie stürmten zurück.

Anastasia leckte sich zufrieden über die Lippen, während Angelina in ohrenbetäubendes Geheul ausgebrochen war.

»Anastasia, was soll das? Du hattest doch schon Kuchen!« Matthias, versuchte, seine jüngste Tochter zu beruhigen, während er seine Älteste anfunkelte,

»Ich dachte, sie möchte den Kuchen nicht mehr essen.«

»Ich ... esse ... schluchz ... langsam...«, schniefte Angelina.

»So viel zum ausgeprägten Rechtsbewusstsein«, flüsterte Juli ihrer Mutter zu.

Gabriele nahm Angelina an die Hand.

»Komm mal mit, wir schauen in der Küche nach, ob wir noch etwas Schönes für dich finden.«

Die beiden verließen den Raum. Matthias nahm seine Schwester kurz beiseite.

»Ich glaube, wir gehen lieber gleich. Ich hätte gerne mal wieder mit dir gequatscht, aber die Kinder sind noch völlig aufgedreht von unserem Urlaub.«

»Warum kommst du nicht einfach demnächst nach der Arbeit vorbei, ganz in Ruhe?«

»Gute Idee, das mache ich.« Matthias drückte seine Schwester an sich und lief seiner Frau und den Töchtern hinterher in den Flur. Silvie hatte in der Eile auf die Küsschen verzichtet und winkte nun jedem nur kurz zu, Angelina kam glücklich mit schokoverschmiertem Mund aus der Küche und Anastasia muffelte vor sich hin, weil sie keine Schokolade von der Oma bekommen hatte.

Als alle weg waren, ließ Juli sich neben ihrem Vater auf die Couch plumpsen.

»Puh, das war ja mal wieder aufregend«, sie sah zu Wolfgang und stellte erstaunt fest, dass dieser eingeschlafen war. Sein Kopf ruhte auf seiner Brust. Gabriele kam ins Wohnzimmer und warf ihm einen besorgten Blick zu.

»So ist das jetzt immer, nach den kleinsten Anstrengungen schläft er ein.«

Juli erhob sich.

»Ich lasse euch mal alleine, dann kann Papa sich in Ruhe ausruhen. Mach dir keine Sorgen, er war beim Arzt, das ist schonmal gut, alles andere wird sich klären.«

Sie schlüpfte in ihre Jacke und machte sich auf den Weg nach Hause, wohl wissend, dass ihre Worte auch ihrer eigenen Beruhigung dienen sollten.

Kapitel 3

 

Zu Hause erwartete Juli ein leeres Haus. Sie ging in die Küche und machte sich einen Kaffee, mit dem sie sich auf das Sofa setzte.

Was für ein Nachmittag! Es beunruhigte Juli, ihren Vater so erschöpft zu sehen. Wobei, in der Gegenwart von Silvie war man schnell erschöpft.

Wieder einmal war ihr aufgefallen, wie anders sie doch im Vergleich zum Rest ihrer Familie aussah. Nicht nur, dass sie wesentlich kleiner war als die anderen, sie hatte auch diese schwarzbraunen Wuschelhaare und braune Augen, alle anderen waren dunkelblond mit graublauen oder blauen Augen. Als sie ihre Eltern als Teenager mal auf ihr aus der Familie herausstechendes Äußeres angesprochen hatte, hatten ihre Eltern etwas von einer Großtante erzählt, der sie wohl ähnlich sähe. Leider gab es von dieser ominösen Großtante kein Foto.

Julis Telefon klingelte. Es war Melanie, die hören wollte, wie es ihrer Freundin ging.

»Das ist lieb, dass du dich meldest. Ich war heute bei meinen Eltern. Matthias war auch da, mit seiner ganzen Familie.«

»Uh, hatte er Madame Silvie dabei? Erzähl, was hat sie wieder Weltbewegendes von sich gegeben?« Melanie konnte, genau wie Juli, bis heute nicht verstehen, was Matthias an dieser Frau gefunden hatte.

»Sie hat mich gefragt, was Lukas nach der Schule machen möchte, ob er schon wisse, was er studiert. Ihre Töchter haben natürlich schon einen Lebensplan, Anastasia möchte Jura studieren und in die Fußstapfen von Amal Clooney treten.«

»Woher kennt eine siebenjährige Amal Clooney?«

»Das habe ich mich auch gefragt.« Juli seufzte. »Angelina möchte das gleiche machen wie ihre große Schwester, Silvie glaubt aber, dass sie eher Medizin studieren wird, sie wäre so fürsorglich.«

»Himmel, das Kind ist fünf, darf es vielleicht erstmal Kind sein? Die Frau hat echt einen an der Waffel. Ich wette, sie sitzt mit den Mädchen zu Hause und blättert mit ihnen irgendwelche Magazine durch, in denen die Schönen und Reichen abgebildet sind. Deswegen kennen die auch Amal Clooney.«

»Ja, und dabei lässt sie dann fallen, dass »der Papi ja leider nicht so viel Geld verdient wie der George«. Mein armer Bruder.«

»Er hat sich das selber ausgesucht, also kein falsches Mitleid.«

»Ja, ich weiß. Mein Papa macht mir viel mehr Sorgen. Der war heute ganz schön erschöpft. Aber Mama meint, er war heute früh beim Arzt um sich mal richtig untersuchen zu lassen. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.«

»Bestimmt nicht, er ist ja auch schon älter, da spinnen die Hormone manchmal.«

Juli nippte an ihrem Kaffee. »Das hoffe ich auch. Ansonsten hat sich seit gestern natürlich nicht viel getan. Dein Spruch mit der Midlife-Crisis spukt mir allerdings seitdem im Kopf herum.«

»Ja, denk mal darüber nach«, kicherte Melanie. »Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir übermorgen ins Kino gehen wollen. Das lenkt dich bestimmt ab und wir waren so lange nicht mehr zusammen unterwegs.«

»Übermorgen bekommt mein Papa seine Untersuchungsergebnisse. Aber ich denke, da wird schon nichts Schlimmes bei rauskommen, also ja, sehr gerne.«

»Super, dann treffen wir uns um 19 Uhr vor dem Kino, okay? Bis übermorgen meine Süße, tschüß.«

»Ich freue mich, bis dann, tschüß.«

Gerade als Juli das Telefon in die Station stellte, kam Lukas zur Tür herein.

»Hallo Mama, wie war es bei Oma und Opa? Du warst doch heute da, oder?«

Juli starrte ihren Sohn kurz perplex an. Er hatte gerade mehrere zusammenhängende Worte an sie gerichtet, das war schon eine Weile nicht mehr vorgekommen. Sollte die Pubertät sich ihrem Ende zuneigen?

»Ja, ich war bei ihnen. Opa ist gesundheitlich etwas angeschlagen, ansonsten ist aber alles okay.« Sie verkniff sich, ein »du hättest ja mitkommen können, wenn du nicht noch geschlafen hättest«, schließlich kam ihr Sohn gerade auf sie zu, da wollte sie ihn nicht gleich vergraulen. Aber eine Sache interessierte sie nun doch.

»Sag mal, weißt du eigentlich, was du später mal werden möchtest?«

Lukas riss die Augen auf.

»Och Mama, wie kommst du denn jetzt darauf? Ich habe doch noch zwei Jahre Zeit.«

»Hat mich nur interessiert. Es hätte ja sein können, dass du eine Idee hast. Aber wenn ich ehrlich bin, ich wusste in deinem Alter auch noch nicht, was ich später mal werden möchte.«

Lukas grinste.

»Dafür bist du jetzt die beste Mom der Welt.«

Er klopfte seiner Mutter auf die Schulter und lief die Treppe hoch in sein Zimmer, dieses Mal ohne die Tür zu knallen.

Juli blieb mit einem warmen Gefühl im Bauch auf dem Sofa zurück.

 

Kapitel 4

 

Juli stand gähnend hinter der Rezeption. Sie hatte mal wieder schlecht geschlafen, irgendwie kam das in letzter Zeit öfter vor. Dann noch die Sorge um ihren Vater, die Grübelei wegen David, wie sollte man da zur Ruhe kommen?

»Na, spät geworden gestern?« Ihre Kollegin Sandra grinste sie an. Sandra war Ende zwanzig, blond, hübsch und immer gut gelaunt.

»Eigentlich nicht, ich bin nur dauernd aufgewacht.«

»Ach, das kenne ich, das ist blöd. Ich hole dir einen Kaffee, okay? Ist ja gerade nichts los.«

»Ob der hilft? Da bräuchte ich eher einen ganzen Eimer, oder gleich Koffein intravenös«, murmelte Juli, aber Sandra war schon in dem kleinen Raum hinter der Rezeption verschwunden, in dem sich die Kaffeemaschine befand.

Juli tippte ein wenig auf dem Computer herum. Drei Gäste erwarteten sie noch, vorhin war schon eine 7-köpfige Gruppe angekommen, die fröhlich durcheinander geplaudert hatten.

Sandra stellte ihr eine kleine Tasse neben die Tastatur.

»Ich dachte, ein Espresso hilft vielleicht noch schneller. Zucker ist schon drin, ich kenne dich doch.«

»Danke, du bist ein Schatz.« Juli stürzte den Kaffee hinunter und fühlte sich tatsächlich etwas besser. Allerdings nur kurz, denn da kam der stellvertretende Hoteldirektor Dr. Schmidt um die Ecke.

»Ah, Frau Hertz und Frau Klotz, wie schön, sie zu sehen. Falls sie gerade nichts zu tun haben, könnte sich eine von Ihnen vielleicht um die Abrechnung für die Wäschefirma kümmern.«

»Aber Herr Dr. Schmidt, das ist doch längst erledigt.« Sandra klimperte mit ihren langen Wimpern. Juli grinste.

»Ah so, nun ja, das habe ich dann sicher schon auf dem Schreibtisch, oder?«

»Sicher, ich habe es vorhin bei ihrer Sekretärin vorbeigebracht.«

Bevor Herr Dr. Schmidt sich neue Aufgaben für die vermeintlich nur herumstehenden Rezeptionistinnen ausdenken konnte, klingelte das Telefon und ein Gast kam auf die Rezeption zugeschlendert.

Während Juli das Telefon bediente um eine Reservierung entgegenzunehmen, bemerkte sie aus dem Augenwinkel, wie Sandra den neuen Gast unverhohlen musterte. Der war aber auch attraktiv, mit braunen, halblangen Haaren, die ihm lässig in die Stirn fielen, und grünen Augen. Er lächelte Sandra freundlich an.

»Guten Tag, mein Name ist Saalmann, ich habe ein Einzelzimmer reserviert.«

»Ah ja, Moment, ich schaue kurz in den Computer.« Sandra tippte auf dem Rechner herum und murmelte dabei den Namen des Gastes »Saalmann, Saalmann, da haben wir es schon. Die Nummer 103 im ersten Stock. Hier ihre Karte, wenn Sie rechts um die Ecke gehen, finden Sie die Treppe und die Fahrstühle, auf den Etagen gibt es Wegweiser. Frühstück gibt es jeden Morgen von 7 Uhr bis 12 Uhr. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Momentan nicht, vielen Dank.« Herr Saalmann warf Sandra noch einen tiefen Blick zu, dann verschwand er zu seinem Zimmer.

»Nanu, du warst ja plötzlich so förmlich, nachdem du Herrn Saalmann seine Karte überreicht hast.«

»Saalmann, das geht doch nicht, ich heiße Sandra mit Vornamen, weißt du, was das für ein Kürzel gibt? Schrecklich. Außerdem«, sie kicherte »heißt er Emil mit Vornamen.«

»Emil? Das passt irgendwie gar nicht. Aber nett aussehen tut er, und ich glaube, du hast ihm auch gefallen.«

»Mag sein«, bemerkte Sandra und ging ins Büro, um schnell die Abrechnung für Herrn Dr. Schmidt fertig zu machen, damit er ihre schamlose Lüge nicht bemerkte.

 

Als Juli nach Hause kam, stellte sie überrascht fest, dass David bereits zu Hause war. Sein Auto stand in der Auffahrt. Sie öffnete die Tür und hörte ein Murmeln aus dem Wohnzimmer. Sollte sie heimlich lauschen? Aber David hatte sie schon gehört und öffnete die Tür, in der rechten Hand hielt er sein Handy.

»Hallo Schatz, du bist schon da?« David wirkte gehetzt.

»Ich hatte die Schicht bis 15 Uhr, da bin ich eigentlich immer um diese Zeit zu Hause. Übrigens seit 17 Jahren.« Julis Stimme klang schärfer als beabsichtigt.

»Natürlich, ich habe bloß nicht auf die Zeit geachtet. Sei nicht böse.« David fuhr sich durch die Haare.

»Ich bin nicht böse, ich frage mich nur, warum du seit Tagen wie ein gehetztes Tier durch die Gegend läufst? Irgendetwas stimmt doch nicht. Gerade hast du noch telefoniert. Wer war das?«

»Das war ein Arbeitskollege. Juli, was denkst du denn? Ich habe einfach Stress auf der Arbeit, das hat aber nichts mit dir zu tun.«

»Ich habe auch Stress auf der Arbeit, trotzdem laufe ich nicht mit panischem Blick durch die Gegend.«

»Ich habe doch keinen panischen Blick, jetzt übertreibst du aber.«

»Ach, ich übertreibe also? Du arbeitest doch eh immer bis in die Nacht, ein Wunder, dass du heute schon zu Hause bist. Und wenn du da bist, dann bist du mit den Gedanken immer woanders. Ich existiere doch gar nicht mehr für dich, du erzählst mir nichts von deinen Sorgen bei der Arbeit und auch nicht, was dich sonst beschäftigt. Ich komme mir vor wie ein Möbelstück.«

David starrte Juli an.

»Aber du bist doch kein Möbelstück, du bist meine wunderschöne, humorvolle, herzliche Frau. Ich liebe dich.«

»Davon merke ich aber herzlich wenig«, und bevor David ihre aufsteigenden Tränen bemerken konnte, hatte Juli ihre Tasche und ihren Schlüssel genommen und war zur Haustür hinausgerannt.

Kapitel 5

 

Juli lief ziellos durch die Gegend. Sollte sie sich wirklich so getäuscht haben? War David schlicht und ergreifend überarbeitet?

Sie ließ sich auf eine Parkbank fallen, die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Eine etwa siebzig Jahre alte Dame setzte sich neben sie und reichte ihr vorsichtig ein Taschentuch.

»Bitte, nehmen Sie.«

Juli nickte der Dame zu und schnäuzte sich die Nase.

»Möchten Sie reden?«, fragte die Dame. Juli glaubte sich zu erinnern, dass sie sie schon öfter im Supermarkt gesehen hatte, sie musste in der Nachbarschaft wohnen.

»Ich habe das Gefühl, mein Leben läuft jeden Tag gleich ab, es passiert gar nichts Spannendes mehr. Mein Mann ist überarbeitet und erzählt mir nicht, was ihn bedrückt. Ach ja, und mein Sohn ist in der Pubertät.«

»Das hat doch jeder mal, glauben Sie mir, das geht wieder vorbei, die Pubertät schneller als Sie denken«, die Dame schmunzelte.

»Männer machen Probleme leider meist mit sich selber aus, das habe ich so oft erlebt. Ich war immerhin dreimal verheiratet.«

»Wow, dreimal? Ich spiele zwar eigentlich nicht mit dem Gedanken, mich zu trennen, aber sollte ich es tun, würde ich lieber alleine bleiben wollen.«

»Ich bin alleine, aber ausgesucht habe ich mir das nicht. Mein erster und mein letzter Mann sind leider verstorben. Gut, den zweiten habe ich in die Wüste geschickt, diesen Hallodrie, den möchte ich auch nicht geschenkt zurück«, sie kicherte. »Aber mit meinem dritten Mann waren mir leider nur 14 Jahre vergönnt. Ich vermisse ihn sehr, obwohl er manchmal auch so schweigsam war. Trotzdem, es ist so viel schöner, zu zweit durchs Leben zu gehen.«

Die Dame erhob sich. »Nun muss ich aber weiter, ich bin bei einer Freundin eingeladen und möchte mich nicht verspäten. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

»Vielen Dank.«

Juli schaute der Dame noch eine Weile hinterher.

Neben der Bank stand ein Papierkorb, auf dem sich gerade eine Dohle niederließ und Juli aus ihren hellen Augen neugierig musterte. Dann schaute sie kurz in den Eimer und hüpfte, als sich dort nichts Interessantes fand, davon.

Julis Gedanken schweiften in ihre Kindheit zurück. War ihre Mutter auch manchmal genervt gewesen, weil ihr Vater zu schweigsam war? Sie konnte sich an solche Probleme gar nicht erinnern, ihr kam es zu Hause immer so harmonisch vor. Ihre Eltern hatten sich gesucht und gefunden, eigentlich hatte sie das von sich und David auch mal gedacht, aber in letzter Zeit mehrten sich ihre Zweifel. Sie war sich auch nicht sicher, ob es zu zweit wirklich immer schöner war als alleine, wenn man sich eh nichts mehr zu sagen hatte, war es eher eine Quälerei, nebeneinander her zu leben.

Juli beschloss, sich auf den Weg nach Hause zu machen. Ihr Magen knurrte auch schon und sie bezweifelte, dass ihre Männer auf die Idee kamen zu kochen.

 

Sie hatte sich so getäuscht. Als sie die Tür aufschloss, duftete es aus der Küche und sie hörte die Stimmen von David und Lukas.

»Dreh doch mal die Hitze runter, das verbrutzelt sonst.«

»Was ist mit dem Reis? Ist der fertig?«

»Ist der Tisch gedeckt?«

Juli hängte ihre Jacke an den Haken und öffnete leise die Küchentür. Lukas legte gerade Besteck auf den Tisch und David rührte in einem Topf herum, drehte sich aber nun zu ihr um, als hätte er ihren Blick gespürt.

»Hallo Juli, ich wollte heute mal wieder für dich kochen, das Gemüsecurry, was du so magst.« Er strich sich etwas hektisch über die Wange und wirkte fast schüchtern.

»Das ist schön.«

Zaghaft setzte Juli sich an den Tisch. Sie wunderte sich. Früher hatte David dieses Curry so oft für sie gekocht, aber das war Jahre her. Ob er ein schlechtes Gewissen hatte? Aber warum? Sie beschloss, die Gedanken beiseite zu wischen und das Essen zu genießen. Lukas stellte Weingläser hin und David füllte ihre Teller.

Währen des Essens war David fast so aufmerksam wie früher, schenkte Juli Wasser nach, erzählte lustige Begebenheiten aus dem Tennisverein und fragte schließlich nach Julis Vater.

»Morgen bekommt er die Ergebnisse der Blutuntersuchung. Ich gehe nach der Arbeit hin.«

»Ich würde vielleicht mitkommen«, sagte Lukas. Juli schaute ihn überrascht an, freute sich aber sehr, dass ihr Sohn wieder etwas mehr Interesse an seiner Familie zeigte.

»Da werden sich Oma und Opa freuen.«

»Meinst du, Silvie kommt auch?«, fragte David.

»Oh bitte nicht! Das ist so anstrengend.« Juli verdrehte die Augen. Warum Matthias wohl mit ihr alleine sprechen wollte? Vielleicht kommt er morgen ja auch vorbei, ohne seinen Anhang, dachte Juli.

Nach dem Essen traf Lukas sich noch mit Freunden. David und Juli machten es sich auf ihrer Terrasse gemütlich und hatten einen entspannten Abend. Über die Arbeit und ihre kurze Auseinandersetzung redeten sie allerdings nicht mehr und auch sonst hatten sie sich, wie Juli etwas missmutig feststellte, ohne Lukas nicht mehr viel zu sagen.

Kapitel 6

 

Am nächsten Vormittag war an der Rezeption die Hölle los. Mehrere Gäste wollten gleichzeitig ein- und auschecken, so dass Juli und Sandra die aufgeregten Menschen erst einmal separieren mussten.

»So, alle die abreisen möchten kommen jetzt bitte zuerst hier zu mir!«, rief Sandra.

»Alle neu angereisten Gäste möchte ich bitten, im Restaurant Platz zu nehmen. Sie bekommen ein Getränk auf Kosten des Hauses und ich hole Sie, wenn Ihre Zimmer fertig sind.«

Fünf Personen machten sich auf den Weg ins Restaurant, nur ein untersetzter, runder Mann schaute zu Sandra auf.

»Entschuldigung schöne Frau, was mache ich denn so lange mit meinem Koffer?«

»Den können Sie hier bei mir lassen, wir haben einen Raum für das Gepäck.«

»Ach, das ist ja super, vielen Dank.«

Der Mann trottete hinter den anderen Gästen ins Restaurant.

Juli hatte schon die ersten zwei Paare ausgecheckt, nun drehte sie sich zu Sandra um.

»Das haben Sie mal wieder gut gemacht, schöne Frau.«

Sandra feixte. »Hör bloß auf.«

»Aber es stimmt doch. Hast du eigentlich noch was von dem gutaussehenden Herrn Saalmann gehört?« Juli übergab einem Gast seine Rechnung und wünschte ihm noch eine gute Heimreise.

Sandra wurde rot.

»Gestern, kurz nachdem du weg warst, kam er nochmal hier vorbei. Ich habe gerade die Übergabe mit Gabi gemacht, da tauchte er plötzlich auf und fragte mich, ob ich ein schönes Restaurant kennen würde.«

»Ja und, bist du mit ihm essen gegangen?«

Sandra tippte ein paar Daten in den Computer, während sie Juli zischelnd antwortete.

»Quatsch, so was mache ich nicht. Er ist gestern angekommen, da gehe ich doch nicht gleich mit ihm essen.«

Juli verabschiedete den letzten abreisenden Gast und drehte sich zu ihrer Kollegin um.

»Warum denn nicht? Du bist Single und er hat dich ja nun nicht gefragt, ob du mit ihm sein Hotelbett testen möchtest. Es ging um ein Essen.

---ENDE DER LESEPROBE---