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Inhalt
Blitz-blitz
Jungenfängerblicke
Das Jubeln des Jägers auf Pirsch
Gebt’s zu!
Spottlied
Orpheus
Wie ist das Leben doch manchmal beschissen
Autoscooter
Schachmatt
Hat er oder hat er nicht?
Der!
Underberg
Ein Jungenfreund
Exhibitionisten
Zu Besuch
Oh, mein Sascha, ich hab dich lieb
Wiedererkennen
Selbstfindung
Sie haben so etwas raubtierhaft Schönes
Hätte ich doch!
Einsames Laster
Feigling
Dankbar
Sokratisieren
Hymne auf einen Jungen
Wunschbekenntnisse
Verschiedene Geschmäcker
Brief an einen Freund
Nie bereut
Volksempfinden
Die ideale Familie
Achim
Heiligenwichsbild
Jenseits des Tales
Nach meinem ersten Buch
Killer-Bienen
Dein Leib ist wie reines Elfenbein
Überfall
Happy Jack
Der unschuldige Cupido
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Reinhard Knoppka
"Jungenhymnen"
Erzählungen
Für Walter
Verlag & Vertrieb:
www.trotz.medien-vvg.org
ISBN eBuch: 978-3-96686-265-3
9783966862653
© Trotz Verlag
Köln 2018
Alle Rechte vorbehalten
Blitz-blitz
Im Dom: gewaltig die in den Himmel ragenden Säulen, grauschwarz – dazwischen bunte Fenster, bestrahlt von der Morgensonne, als gleiße das Paradies hindurch.
Unten, wie Ameisen: Heerscharen von Touristen mit Fotoapparaten: blitz-blitz – schon wieder ein Stückchen Leben fixiert.
An jeder Säule eine Figur auf rosettengeschmücktem Sockel:
Bischof, Heiliger, Märtyrer oder alles zusammen – was geht’s mich an?
Dort wandelt ein leibhaftiger Engel, an der Hand seiner Mutter, das Mäulchen offen vor Staunen: da kann eure Dorfkirche nicht mithalten, was?
Ich staune dich an: goldblond dein Haar, auf das der Herrgott voller Wohlgefallen einen Strahl durchs Fenster herniederschickt, um dich zu verklären, und zücke entzückt meine Lumix – blitz-blitz.
Auf zu neuem Augenschmaus, hungrigem Weiden mit Blicken im gotischen Bunker – aufgescheucht von Frauen in Kitteln, besenbewehrt, staubaufwirbelnd, und ich ergreife die Flucht.
Wieder die Engelserscheinung im Ameisengewühl: ständen doch solche Figuren auf den rosettengeschmückten Sockeln – das wäre ein Grund, hier mal niederzuknien!
Scheinbar fokussiere ich nur den Altar hinterm Antlitz des Knaben, das rosig aufschimmert vor goldfunkelndem Hintergrund – blitz-blitz: hab ich dich, mein Kleiner!
Wie er lächelt, verschmitzt und so strahlend, daß selbst Gottes wohlgefälliger Strahl auf seinem goldblonden Haupt dagegen verblaßt: glitzernd im Dämmerlicht – eine Art Junge mit Goldhelm von Rembrandt.
4Du bist nicht häßlich und alt wie das Rembrandt-Portrait, vielmehr wie von König Midas in lauteres Gold deiner Jugend verwandelt, alles erleuchtend – auch mich: erstmals spüre ich echte Ergriffenheit in diesem bombastischen Gottesmausoleum.
Blitz-blitz – aus allen Perspektiven sammle ich dich, wie früher Andachtsbildchen, um dich in meinem Privataltar zu verwahren: das große Fotoalbum, bewohnt von zahlreichen Jungen, Quell unerschöpflicher Phantasien, als sei der Heilige Geist in mich gefahren!
Funkensprühende Kameras rings um mich her: blitz-blitz – zielen Touristen auf mich, den Voyeur, als wollten sie mich überführen, Beweise gegen mich sammeln!
Nach draußen geflohen, höre ich aus der Höhe das Grollen des zürnenden Gottes – bloß ein Flugzeug, stelle ich beim Hochschauen aufatmend fest.
5Jungenfängerblicke Wie sie scheppert und grollt, seufzst und kreischt in den Kurven, die Linie 12, wie sie tost, wenn sie beschleunigt: unheimlich heimelig, und ich lasse mich ruckeln und schuckeln, spüre die Müdigkeit in den Knochen, die schlagartig weg ist, sobald – da, ein Junge!
Soll ich aussteigen? Zu spät. Die Bahn rappelt weiter. Poststraße: orangene Kacheln – wie im Luxusklosett. Und hinaus aus dem U-Bahnschacht, ins Freie: Barbarossaplatz. Hier hat die Sonne alles golden lackiert, auch die mürrischen Gesichter: Alltagsfrust von der Arbeitsmühle, vor der ich mich drücke – frei von eigenen Gnaden, dafür pleite.
Frei sind auch meine KVB-Fahrten, umsonst mit dem Semesterticket. Offiziell bin ich Student, schon im dreißigsten oder vierzigsten Semester, weiß nicht genau – bleibe der Uni erhalten, bis sie mich schaßt. Studieren tu ich bloß die Straßen, hauptsächlich Jungen, doch hier streunt keiner rum.
Zollstock Südfriedhof: Endhaltestelle. Hinterm Jugendheim liegt der Park. Vogelgezwitscher, gedämpftes Autogebrumm, Gurren von Tauben, dazwischen das Kra-kra einer Krähe.
Um das Jugendheim mach ich einen Bogen. Im Blumenbeet davor ein Schild mit der Aufschrift: „Dies ist kein Hundeklo!“ Aber ein Observatorium, denke ich und verziehe die Fresse.
Beargwöhnt wird besonders einer wie ich – muß auf der Hut sein. Trotzdem zieht’s mich dorthin, getarnt als Spaziergänger, der sich ausruht auf einer Bank, vis-a-vis dem Bolzplatz.
Unangenehm der Müllkippengeruch vom Südfriedhof in meinem Rücken: erinnert an verwesendes Fleisch – bilde ich mir wohl nur ein.
Da kommen die ersten Jungs aus dem Heim, und mein Herz fängt an zu rasen. Ich bin ihr Ballwiederholer, springe einmal so6gar über den Friedhofszaun – und verknacks mir die Haxe: pah, halb so wild!
Wie sie sprinten und stoppen, sich ineinander verknäulen, schreien mit brüchiger, kippelnder Stimme. Wie sie sich rempeln, umschultern: gut gemacht, tolle Flanke – decken sollste den, ran, sei kein Frosch!
Und ich betatsch sie mit Augen, bewundere ihre Muskeln, fahre die Linien ihrer kämpfenden Leiber hinauf und hinunter, ab ins verschwitzte Gefältel der Hosen – manchmal, beim Flanken oder Grätschen, erhasche ich auch Einsicht in die schattige Tiefe: meine Art Tabernakel, und ich schlinge mit Blicken, leide dabei immer größeren Hunger, Tantalusqualen, und will’s doch nicht anders.
Weg sind sie. Ich sacke zusammen, halt’s hier nicht mehr aus, muß zurück in die Stadt, werde wieder geruckelt, geschuckelt von der scheppernden, kreischenden Linie 12 und lasse meine Jungenfängerblicke kreisen: Kescher auf der Jagd nach Blonden, Roten, Braunen und Schwarzen.
Qualmen da nicht zwei Jungs Zigaretten? Ich steige aus und laufe zurück. Tatsächlich, sie qualmen: zwei schmächtige Alte im Jogginganzug, ihre Schirmkappen tief ins zerfurchten Gesicht gezogen, und einer fragt: „Haste mal ne Mark?“ Nee, für dich nicht – aber für den halbwüchsigen Typ da vorm McDonald’s!
7Das Jubeln des Jägers auf Pirsch Immer das Jubelgefühl, fahre ich in die Stadt, meine Haßgeliebte, die ich besingen will, ihr launischer Minnesänger: Rheinmetropole mit dem berühmten Duftwasser und kolossalen Dom – doppelgetürmt, als hätte er zwei Riesenständer.
Damit bin ich beim Thema: Schwänze Flöten und Pfeifen – Lustangeln, nach denen ich schnappe, an denen ich hänge und zapple, ein unersättlicher Raubfisch im Jungenteich rund um den Bahnhof.
Dort drehe ich erst mal die Runde, das Revier zu sondieren, mich lockerzumachen, treibe im Menschenschwarm und fahnde unter allen Gesichtern nach einem, das diesen Ruck in mir auslöst, als hätte der Haken sich in mir verfangen.
Da packt’s mich – ich spüre elektrische Schauer, sprüh wie ein Aal, und meine Augen, festhängend am Köder, funken herüber: Komm, laß dich fressen!
Aber er kommt nicht, der Spröde, wirft arrogant seine Mähne zurück: blonder, mich durchzuckender Funkenregen, und ich reiße mich los von ihm, schwappe im Schwall neuangekommener Reisender zurück in die Eingangshalle, deren Decke im Halbbogen hoch zur Fensterfront schwingt, die, eine Art Rahmen, einen Ausschnitt auf Kölns prominenten Steinkatarakt freigibt.
Mich kümmert nicht dieses gigantische Kunstwerk, mich reizen lebendige Kostbarkeiten, die ich aufspüre wie ein Schwein die verborgenen Trüffeln, und ich blick-schnappe nach diesen schlummernden Schätzen, sorgsam verwahrten Kleinodien, eingebettet im Etui ausgewaschener Jeans: Schmuckschatullen fürwahr – nicht mal der Reliquienschrein, Prunkstück im Dom, imponiert mir dagegen.
8Runde um Runde ziehe ich durch die Gänge des Bahnhofs, vorbei an grell leuchtenden Freßvitrinen, weißgekachelten Würstchenständen, Souvenirläden, pseudorustikalen Kneipen und der nur mit einem Markstück zu betretenden Herrentoilette:
wär’s eine Knabentoilette, ließe ich gar einen Schein springen für einmal Pinkeln mit Rundblick – so pisse ich lieber ans Ludwigmuseum.
Allmählich werde ich müde und hungrig. Die Euphorie verfliegt wie mein frischer Rasierwasserduft: da hab ich gebadet, mich einparfümiert und in Schale geschmissen – wofür?
Hinaus auf den Vorplatz, wo der Bratfettgeruch vom Rievkooche-Pavillon herüberwabert. Fünf Mark für drei Stück mit Apfelmus: die spinnen wohl, lieber gebe ich dem knallbunten Punker ein Geldstück, doch der entpuppt sich als Mädchen – ach scheiß drauf!
Ich geh zum McDonald’s: es quillt immer über von Jugend – und spüre das Jubeln des Jägers auf Pirsch.
9Gebt’s zu!
Ich schau den Jungs einfach frech ins Gesicht. Sobald einer auftaucht, zoomt ihn mein Blick: dich laß ich nicht wieder fahren, magst du auch zicken, verächtlich die Schnauze verziehen und pöbeln – na und?
Zzztt! schießt ein Strahl zwischen den Zähnen hervor, schnack vor mir aufs Pflaster, und ich frage: „Spritzt du auch unten so stramm?“ Da klafft sein Gebiß, und ich sehe die rosige Zunge sich aufbäumen, wohl um auch verbal auszuspucken.
Stammle, Schöner, nur Häßliches: dadurch wird deine Larve bloß süßer, mag sie sich noch so verzerren.
Er würde gern handgreiflich werden, doch traut er sich nicht, der entzückende Feigling, denn ich bin ein Mann und er nur ein Knabe – ach, nur?
Gellender Pfiff auf zwei Fingern – er winkt eine Rotte halbwüchsiger Macker herbei. Hei, wie sie sprinten: hinreißender Anblick – doch ich hab keine Zeit mehr und sprinte jetzt auch.
Mann, das war knapp! Ich spüre ein Brennen und Seitenstiche: bin nicht mehr der Jüngste – ich rauche und saufe zuviel.
Muß den Bierbauch abspecken und Krafttraining machen.
Dann solltet ihr Halbstarken mal kommen: ich würde euch packen und endlich erlösen – ihr hättet bestimmt nichts dagegen, gebt’s zu!
10Spottlied Zur Ausstellung in Bonn bin ich nur wegen Caravaggio gefahren. Seinen Lautenspieler umlagern die Besucher scharenweise. Er ist so innig gemalt, wie es nur einer konnte, der sein Modell mit allen Sinnen begehrt hat.
Vielleicht war der Maler verrückt nach der Stimme des Knaben: golden, süß, betäubend wie schwerer Wein – so daß er ihn vor ein Notenheft und eine Geige plazierte, ihm die bauchige Laute wie eine Geliebte in den Arm drückte, damit er sie streiche und zupfe. Und was da erklingt, stelle ich mir wie Brahms vor, der seine Gefühle in Musik sublimierte, wie Caravaggio sie malte.
Ich stehe davor, ergriffen wie früher als Kind vorm Altar, und möchte den Jungen berühren – doch er wird strengstens bewacht. Ach, wäre ich die Laute in seinen Armen: wie würde ich unter seinen behenden Fingern erklingen – ach, wäre ich Brahms!
Versunken in seine glänzenden Augen, durchschwimme ich sein weiches Gesicht und berühre im Geist seine prallroten Lippen, das Grübchen im runden Kinn.
Hell schimmert die Stirn, umrahmt von den wilden Locken, gebändigt von einem hineingeschlungenen Tuch, das auf die nackte Schulter herabfällt und kitzelt bei jeder Bewegung des stämmigen Halses, wobei sich das Schlüsselbeingrübchen vertieft: lebendige, samtweiche Schale, die ich auslecken will, um ihn zu schmecken.
Täusche ich mich, oder kommt dieser Junge auch in anderen Bildern des Malers vor? Ist er nicht der Bursche in Wams und Federhut, dem eine Zigeunerin aus der Hand liest – und Bacchus?
Dieser Bacchus, bekränzt mit herbstbuntem Laub und, kaum von den Locken zu unterscheiden, mit schwarzglänzenden Trau11ben – wie er, lässig gegen den Kopfteil des Lagers gestützt, eine Weinschale kredenzt, mit ebenso biegsamen Fingern wie die des Lautenspielers, doch freier gemalt: der Oberkörper halbnackt, darüber drapiert dieses Linnen, wohl warm noch vom Schlaf. So weich, glatt und rosig, fast mädchenhaft ist Bacchus’ Gesicht – dagegen männlich, athletisch sein Leib: ein Kontrast, der den Reiz dieses Jünglings noch steigert.
Vielleicht waren der Junge im Wams und Bacchus nur Brüder des Lautenspielers, und vielleicht war der auch bloß ein Wunschbild des Künstlers, der ihn, flanierend durch schäbige Gassen, von weitem erblickte, aber gleich wieder verlor – vielleicht hatte der ihn voller Sehnsucht sogleich auf seine Leinwand gebannt: Muse und Gott, ihm leibhaftig auf Erden erschienen!
So geht es mir oft: Gott erscheint mir in Gestalt eines Jungen, der gleich um die nächste Ecke biegt oder in einer Straßenbahn an mir vorbeirauscht, und auch ich möchte ihn irgendwie festhalten – nur bin ich weder Caravaggio noch Brahms.
Doch kaufen kann ich nach dem Museumsbesuch den Lautenspieler: auf dem Poster, das für diese Ausstellung wirbt.
Er hat in mir eine Saite zum Erklingen gebracht: wehmütig wie eine Weise von Brahms.
Von dem höre ich, wieder zu Hause, die Klarinettensonaten.
Weich schwingt die Klarinettenstimme, eingebettet im Klang des Klaviers, das sich in eine Laute verwandelt, gespielt von dem lockigen Knaben, jetzt an die Tür gepinnt, als liebkoste er meinen Körper, sein Instrument.
Seine elfenbeinfarbene Haut, glatt, duftend und süß wie die Trauben, die ich aus seinem Kranz pflücke und esse: eine Art Kommunion.
Mein Atem wird schwer wie die Musik und der Duft betäubend wie Schlummer. Ich will mich verströmen im Knaben, umfange ihn: vergeblich – als sei er bloß Luft und ich die Äolsharfe, auf der er spielt.
12Ich fahre aus meinem Schlaf, sehe den Lautenspieler an meiner Tür, der lächelnd zurückschaut, als singe und zupfe er ein Spottlied auf mich.
13Orpheus Heute gibt es ja keine Pissoirs mehr in Köln, nur diese gebührenpflichtigen Einzelkabinen, die wie überdimensionale Konservendosen das Stadtbild verschandeln.
Als da noch die unterirdische Herrentoilette am Wiener Platz war, dieses stickige Schattenreich, ging ich oft dorthin. Ich zog meine Schleifen, warf auch einen Blick in die Kaufhalle, um nach den Jungs in der Spielzeugabteilung Ausschau zu halten.
Da standen sie mit glühenden Wangen und glänzenden Augen vor den Computerspielen und fuhrwerkten an der Fernbedienung herum.
Dann trödelte ich Richtung Pissoir, und ich stieg hinab in die Unterwelt, stellte mich an die Rinne und wartete: meistens umsonst.
Einmal stand ich am Wiener Platz und wartete auf einen Bekannten: alter Schulfreund – hatte zwei Jungs im richtigen Alter.
Wir wollten die Pfingsttage in seinem Wochenendhäuschen verbringen: primitiv, ohne Strom, mit Wasserpumpe und Plumpsklo. Ich freute mich schon auf die Sauferei am Lagerfeuer – vorher aber würde ich den beiden Bengeln in ihrer stockdunklen Kammer eine Gruselgeschichte erzählen.
Da stand ich mir also die Beine in den Bauch und hielt vergeblich Ausschau nach einem lindgrünen R4.
Natürlich schaute ich auch nach Jungen. Was guckte der Akrobat auf dem GMX-Rad so merkwürdig herüber? Schon die ganze Zeit hatte ich ihn im Auge, er mich anscheinend auch. Jedenfalls war mir, als schössen wir unsere Blicke wie Pfeile aufeinander ab – wobei keiner offen guckte. Aber ich spürte seine bohrenden Augen im Rücken – fuhr herum, und dieser Heckenschütze tat harmlos, vollführte Kunststücke auf seinem Rad, 14machte eine Drehung im Kreis, die sich zur Pirouette steigerte, beschleunigte aus dem kippelnden Stand und sauste davon.
Dann war er plötzlich wieder da und stand still, ohne vom Rad zu steigen, während er den Lenker ruckartig hin- und herdrehte und mit dem schwankenden Leib das Gleichgewicht ausbalancierte: eine elastische Peitsche, sehnig, voller Kraft, ein einziger auf sich selbst konzentrierter Muskel, der davonschnellte, sobald ich mich auf ihn zubewegte, und mich nach einer Weile wieder spiralenförmig umkreiste, immer dichter, ohne mich zu beachten – doch schaute ich weg, meinte ich seine Blicke auf meiner Haut zu spüren: ein Prickeln bis in die Eingeweide.
Als ich mir sicher zu sein glaubte, daß er was von mir wollte, stieg ich die Stufen zum Pissoir hinab – und wußte gleich: das war falsch. Solche Jungs steigen einem Kerl nicht einfach so hinterher – oder doch?
Was ich sah, war bloß sein Schatten, der, verzerrt, die schmierige Kachelwand über der Treppe hinabglitt, ganz langsam. Ich rührte mich nicht, stand nur da und beobachtete diesen Spuk: er kam näher, und als ich mich zu ihm drehte, fuhr er zurück und verschwand!
Ich lief ihm hinterher und sah mich oben nach ihm um. Der Junge war wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich hatte ich Orpheus’ Klagegesang im Kopf: Ach, ich habe dich verloren, all mein Glück ist nun dahin.
Da sah ich den lindgrünen R4: mein Schulfreund hupte, seine Jungs winkten, und ich lief lachend zu ihnen hinüber.
15Wie ist das Leben doch manchmal beschissen Eigentlich wollte ich gar nicht hierher. Aber ich folgte dem Jungen mit Rucksack: ein geiler Schwarzbrauner – da, er steigt aus.
Ob er mich schon bemerkt hat? Noch sehe ich aus wie einer, der nur so herumtrödelt.
Er hält auf den Rummelplatz zu: lang hingestreckt zwischen Deutzer- und Severinsbrücke am Rhein – abgesperrt von einem Gitter, an dem wir entlanggehen, er hundert Meter vor mir her.
Jetzt biegt er rechts ab, in den einzigen Zugang zum Rummel: menschenleere Geisterstadt – Buden und Karussells noch geschlossen.
Da blickt er sich um – das erste Mal, und mir wird mulmig:
ich fühle mich ertappt.
Er redet mit einem Kerl, der an einem Geländer herumputzt.
Ich tue so, als sähe ich mir die Attraktionen an. Verpetzt er mich bei dem Kerl?
Scheiße, es fängt an zu regnen. Ich stelle mich unter ein Vordach. Der Junge ist plötzlich verschwunden.
Ich gehe zum Pinkeln hinter die Bude: hier liegen Kabel wie Schlangen im Schlamm – da ist er ja wieder!
Ich schüttele ab und folge ihm Richtung Schütteallee, vorbei an der Wohnwagenstadt: hier haust das fahrende Volk.
Auf der Halbinsel, rechts hinter der Brücke, haust anderes Volk: Asylanten, in flachen Containern, übereinandergestapelt wie Frachtgut. Daneben die Feuerwehrmeldestelle – als sei Brandstiftung gleich mit einkalkuliert.
Der Junge geht durch den bewachten Eingang mit dem rotumrandeten Schild: „Alkohol strengstens verboten!“ 16Ich gehe weiter zum Rhein, betrachte oben die knatternden Drachen, unten die blökenden Schafe und denke: Wie ist das Leben doch manchmal beschissen.
Plötzlich taucht der Junge wieder auf, jetzt ohne Rucksack, und blickt sich um – wohl kaum nach mir.
Aber er kommt auf mich zu. Will er Schafe streicheln? Er lächelt – lächelt mich an!
Ich lächle nicht zurück, bin viel zu perplex.
„Was ist in der Tüte?“ fragt er.
Stumm halte ich sie ihm geöffnet hin: Dosenbier, Brötchen, Mini-Salami und Käse.
„Willste was?“ frage ich.
„Ne Salami.“
„Du kannst Deutsch?“
„Was wollen Sie eigentlich?“ fragt er und nimmt die Wurst. „Nichts – geh hier bloß rum.“ „Ehrlich?“ „Haste Bock aufs Riesenrad?“ „Hab Bock auf was anderes.“ „Und auf was?“ Er schiebt sich die Wurst in den Mund, beißt hinein – und geht weiter.
Ich folge ihm.
Da dreht er sich um und schreit: „Hau ab, schwule Sau!“ 17Autoscooter Wie sie sich freuen, so richtig freuen, die Jungs! Der Dunkle (ein Türke?) hat Kratzspuren im süßen Gesicht. Der Blonde zahlt wohl: er beansprucht das Steuer für sich.
Krach! rammen sie zwei kleine Mädchen – eins plärrt los, und der Papa kommt angerannt.
Wie sie jetzt lachen, die Jungs, und der Blonde kurbelt, um von der Stelle zu kommen: rückwärts – rums! in eine Massenkarambolage. Ehe sie wieder freikommen, ist die Zeit um: da stecken sie im Gewühl und machen lange Gesichter.
Sie winden sich aus dem Auto: unwillig, wie nach einem Rausch.
Da reiche ich ihnen einen Chip – aber nur, wenn der Dunkle jetzt steuert. Ja, und es tutet – schon geht’s wieder los!
Wie sie sich freuen, so richtig freuen – und ich freue mich mit.
18Schachmatt Natürlich stellt sich jeder einen wie mich, wenn er eine Ferienfreizeit mitmacht, als eine Art Wolf im Schafspelz vor, der sich in die Hürde einschleicht, um Lämmer zu schlagen.
Aber so eine Jugendherberge ist bei allem Chaos wie eine gläserne Beobachtungsstation, in der man nicht einmal ungestört aufs Klo gehen kann. Abgesehen davon, sind die Kinder so eifersüchtig aufeinander, daß sie mich, ihren Betreuer, nie mit einem allein losziehen lassen würden.
Ständig bin ich umwimmelt von einer Horde hysterischer Schreihälse, die sich so heftig um einen Platz neben mir kloppen, daß ich annehmen muß, sie werden zu Hause ziemlich vernachlässigt.
Jedenfalls genieße ich es, ihr Defizit an Streicheleinheiten auszugleichen – auch wenn es anstrengend ist, drei Wochen lang abwechselnd als Schmusetier und Punchingball von einer liebebedürftigen und zugleich aggressiven Kinderschar verschlissen zu werden.
Meistens habe ich die ruppigsten Rabauken am Hals: sie beanspruchen mich, eine Art Gemeineigentum, für sich allein und stoßen und treten die Zaghafteren weg. Die nehmen mich dann in Beschlag, wenn ich mal wie ein begehrtes Spielzeug unbenutzt in der Ecke stehe: nun zanken sich die Stilleren um mich – bis die Lautstarken mich wieder zurückfordern, wenn's sein muß mit Fäusten!
Als Betreuer sitze ich zwischen den Stühlen: einerseits will ich den Kindern ein Kumpel sein, andererseits soll ich den Aufpasser spielen – und so werde ich von meinen Kollegen geschnitten, von den Jungs aber beargwöhnt. Doch diese Zwangslage treibt manchmal sonderbare Blüten.
19Thomas: einer der Stillsten und Scheusten, mit einem blaßzarten Gesicht, so schmal, daß die schwarzbraunen Augen übergroß wirken – dunkel von Trauer und Weh.
Ja, er hat furchtbares Heimweh und leidet stumm vor sich hin. Abseits von all diesen Wilden brütet er da, den Kopf wie im Schraubstock zwischen den Fäusten, den Blick zu Boden gesenkt: was beobachtet er nur?
Mit einem Rundumschlag befreie ich mich von der krakeelenden Bande, die mich festhält und piesackt, und halte Ausschau nach ihm.
Drüben hockt er im Gras: die Ellbogen aufgestützt, und ich räuspere mich, um ihn nicht zu erschrecken, aber er nimmt mich nicht wahr – oder doch?
„Wie ein Dschungel“, sagt er, und dann Schweigen: so andächtig hab ich zuletzt als Junge geschwiegen – bei der Eucharistie.
Der Dschungel: damit sind die Halme gemeint, aufragend wie Urwaldriesen – aus der Sicht der hindurchkrabbelnden Käfer und Spinnen. Im Hintergrund: Kindergeschrei – Affengekreisch wie im Busch.
Das nächste Mal treffen wir ungestört an der Feuerstelle zusammen. Er erzählt begeistert von Bienen: nie haben die mich sonderlich interessiert – jetzt sind sie die spannendsten Tiere für mich.
Bevor ich wieder aufgestöbert werde, erzählt er mir von seinen zwei Brüdern, die er vermißt, aber auch haßt, wie er mit funkelnden Augen hinzufügt – anders als den Hund und seine Mutter, bei deren Erwähnung ihm die Augen feucht werden.
Nun sucht er auch die Nähe zu mir: vertraut mir seinen Kummer an, seufzt dann erleichtert, lächelt und flieht vor diesen Rabauken in meine Arme.
Bei allem Tohuwabohu knüpft sich ein zartes Band zwischen uns: oft zerrissen wie ein Spinnweb, das wir gemeinsam im Buschwerk betrachten – aber nach Abzug der Störenfriede kommt das Tierlein wieder hervor und zieht neue Fäden.
20Bald lehnt Thomas sich an mich, legt einen Arm um meine Schulter, erzählt mir, Wange an Wange, von dem, was er denkt und empfindet: öffnet sich mir wie die Blume der Wärme. Und es jauchzt und frohlockt in mir. Aber die größte Freude, die er mir macht, ist, als er verwundert gesteht, er vermisse sein Zuhause nicht mehr, weil ich ja da sei, und er lacht aus Verlegenheit, und ich lache vor Glück.
Doch dann zerbricht dieses Glück: Thomas, der sich, kecker geworden, unter die ruppigen Jungs mischt, bricht sich den Arm! Da liegt er: verrenkt inmitten dieser Trampeltiere, und ich brülle, boxe, trete sie auseinander, knie mich zu dem bleichen Jungen nieder, der wimmert und stöhnt – es zerreißt mir das Herz!
Nach dem Gipsen soll Thomas nach Hause: meine Kollegen haben nicht vor, sich extra um „dieses Mädchen“ zu kümmern.
Doch er will nicht heim – meinetwegen?
„Ich schmeiß den Krempel hin, wenn ihr ihn abschiebt!“ drohe ich. Also läßt man ihn hier – aber ich muß mich um ihn kümmern: na, herrlich!
Nun bin ich ständig an seiner Seite, bin seine rechte Hand, hat er seine doch in der Schlinge – wimmle die anderen Kinder aber nicht ab, denn sie würden ihn dann sehr schnell hassen.
So ist er, vorher ein Außenseiter, mit mir jetzt im Mittelpunkt, und ich passe nur auf, daß ihn keiner grob anfaßt oder ihn mir abspenstig macht. Denn plötzlich ist er beliebt, wird verwöhnt, und er, der geborene Pascha, genießt das!
Jeden beneid ich, der ihm sein Butterbrot schmiert oder ihm gar beim Ausziehen hilft. Besonders die Mädchen wollen ihn ständig bemuttern: ich lasse es, säuerlich lächelnd, geschehen – was bleibt mir auch übrig?
Wenn ihm bloß keine bestimmte gefällt – Hahn im Korb ist er ja schon: wen wundert’s?
Ab jetzt betrachte ich Bienen und Käfer allein – während ihn sein Harem umgibt.
21Komme ich zurück, spielt er Schach: hat schon alle geschlagen, und sie hocken schachmatt, wie bedröhnt, um ihn rum.
Jetzt soll ich gegen ihn spielen: bin aber viel zu verwirrt – verliere auch prompt.
Aber in Rolf, meinem Kollegen, findet er seinen Meister. Der wiederum hat mich noch keinmal geschlagen: liegt’s daran, daß ich bei ihm einen klaren Kopf behalte, während Thomas ihn mir verdreht?
Der kann nicht verlieren, verlangt Revanche, verliert wieder, wird wütend, und ich schlage vor: wir zwei gegen Rolf – einverstanden!
Halb auf mich draufgerutscht, schaut Thomas mir über die Schulter, bohrt mir sein Kinn in die Schlüsselbeinkuhle und atmet direkt in mein Ohr: hach, wie das kribbelt! Ich bin noch unkonzentrierter als vorher, und wir verlieren gleich nach den ersten Zügen: Mann, ist mein Kompagnon sauer, und Rolf griemelt zufrieden!
„Revanche!“ ruft Thomas und rutscht ganz auf mich drauf.
Ich liege flach auf seinem Bett – Rolf hockt auf dem gegenüber:
dazwischen der Stuhl mit dem Schachbrett, und wir stellen die Figuren erneut auf.
Während des Spiels schuckelt mein Reiter: leise quietschen die Federn. Mach ich was falsch, gibt er mir gleichsam die Sporen: würgt mich, rammt mir das Knie in die Nieren, beißt mir sogar in den Hals – hab ich da jetzt einen Knutschfleck?
Wieder scheinen wir zu verlieren: ich kann mich bei dem Gewusel des Jungen nicht konzentrieren, und Rolf lacht schon siegesgewiß. Da packt mich der Ehrgeiz: den Triumph gönn ich ihm nicht!
Verbissen gehe ich vor: kein Pardon – zack, her mit dem Läufer! Und weil es so schön war, spring ich mit dem Pferd hinein ins feindliche Lager, schlag einen Bauern: schach – Rolf muß mir den Turm überlassen, um seinen König zu retten.
22Thomas ruckelt begeistert – ich spüre ihn mit jeder Faser:
mein Leib ist ein einziges Sinnesorgan.
„Paß auf, Blödmann!“ ruft er und verpaßt mir ’ne Kopfnuß:
für die Dame, die Rolf mir jetzt abnimmt.
Thomas schlägt meine Hand zurück, setzt selber: rettet das Pferd (habe gar nicht bemerkt, daß es bedroht war) und deckt damit gleichzeitig unseren König.
Er sucht eine bequemere Lage auf meinem Rücken und legt den abgewinkelten Gipsarm auf meinen Kopf – ich rieche sein süßes Aroma: scheiß auf das Schachspiel!
Aber nichts da: Augen nach vorn, und nun reiß dich zusammen! Leichter gesagt als getan ohne Dame und mit dem Zappelphilipp auf mir.
Trotzdem treibe ich Rolf Zug um Zug in die Enge.
„Gut so?“ frage ich Thomas – ah, wie er sich anfühlt!
„Weiter!“ gibt er mir mit einem Nackenschlag zu verstehen und ruckelt heftiger jetzt: außer dem Quietschen des Bettes ist nur sein Atem zu hören – schon ein verhaltenes Keuchen.
