Juninovember - Sarah Kirsch - E-Book

Juninovember E-Book

Sarah Kirsch

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Beschreibung

Aus dem Nachlass von Sarah Kirsch

Schon zu Lebzeiten galt Sarah Kirsch als Klassikerin, und sie hinterlässt ein umfangreiches, vielfach ausgezeichnetes Werk. In ihrer Lyrik schildert sie Seelenzustände voller hintergründiger Finesse und politischer Anspielungen. Trotz ihrer vordergründigen Einfachheit sind die Gedichte wie auch die Tagebuchaufzeichnungen alles andere als naiv.

Aus dem Nachlass der großen Dichterin vernehmen wir in "Juninovember" diese unverkennbare Stimme in eigenwilligem Duktus und voll poetischer Kraft. In den Notaten aus den Jahren 2002/2003 blitzt die archaische Kraft der Natur auf, der Raureif und der dichte Nebel des Nordens, die Unterhaltungen der Rotkehlchen an der Futterstelle und »herrlich flimmerndes, flammerndes Abendrot«. Immer wieder werden auch gesellschaftliche und politische Fragen wie die Geiselnahme in Tschetschenien oder das Vorgehen der Amerikaner im Irakkrieg kommentiert. Das unmittelbare Erleben und ihr eigenständiges Urteil hat sich die Dichterin bis zuletzt bewahrt.

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Sarah Kirsch

Juninovember

Deutsche Verlags-Anstalt

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Copyright © 2014 Deutsche Verlags-Anstalt, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Typografie und Satz: DVA /Brigitte Müller

ISBN 978-3-641-13911-7V002www.dva.de

23. September 2002, Montag

Astronomischer Herbstanfang. Es regnete mehrfach. Als am Nachmittag schönes Licht im Salon war hab ich Akwareller in Gang gesetzt. Der Anfang ist eigentlich uninteressant. Maurice fährt morgen nach Leipzig. Dort wohnt jetzt Torge, um Buch- und Computer-Design zu studieren. Maurice war noch niemals in Sachsen, das kann er itzt ändern. Über Nacht wird es kalt, könnte Bodenfrost geben.

24. September 2002, Dienst

4 Grad, aber wenigstens plus. Maurice fährt nicht nach Saxen, er hat eine umfangreiche Erkältung. Die er von hier aus noch beeinflussen kann, besser als unterwegs. Ich aber will zu putzen anfangen und herausbekommen, wann Altenkirchs hier landen. Also das wär Montag der 30. September. Am 3. Oktober hauen sie wiederum ab. Können wir zweimal umherschweifen, einmal Leuchtturm, einmal Emil und Ada Nolde. Frau G., die für Steidl die Öffentlichkeitsarbeit macht, sie geht davon aus, dass ich für eine Lesung nach Erfurt fahre. Dabei hab ich ihr verklickert, dass es mindestens drei Lesungen hintereinander sein müssen und so weiter. Eine Fahrt, das sind 6 Stunden und 3 mal umsteigen, und ich bin würklich! keine achtzehn mehr, will ich mal sagen.

25. September 2002, Mistwoch

Fazit: ich will in Ruhe vertrotteln. Itzo sitz ich am Morgen mit meinem dicken Winterschlafrock in mein Schreibzimmer drin, nicht mehr in dem aus Leinen. Ja der Winter der Winter steht vor der Tür. Gestern war der Brocken verschneit. Ich muss meine Crassula reinräumen. Ist die Kapuzinerkresse bald hin. Die Schnecken holt aber ebenfalls der Deibel. Der Dottore kam vorüber und hat mir gegen Influenza geimpft. Er war mit Inge in Kuba bei der Verwandtschaft seiner Schwiegertochter die jeden Tag größer wurde. Herrliche Livemusik in der kleinsten Kneipe. Drei Wochen waren sie dort und es war viel zu heiß. Kam unser Seestück aus England! Ein Segler mit 3 Masten, Pride of Canada, eine herrliche Fälschung. Der Maler, er ist nicht alt geworden oder ersoffen. Mac Farlane 1840 –1866.

27. Septembrius 2002, Freitag

Gestern auf die Nacht hab ich einen Film über Jurek Becker gesehen. Saß er mit seinem Sohn auf einer Bank vor der Kirche von Sieseby wo wir grad waren. Heute werden Fenster geputzt und dann kommt die Crassula in ein Südfenster und wird nimmer gegossen, damit sie Weihnachten blüht. Kurt und Irene schickten uns Friedhofsbilder. Zur ewigen Erinnerung wie sie schrieben.

28. September 2002, Samstag

Gleich in der Frühe sind wir auf den Rendsburger Markt gefahren. Bestes Olivenöl und Schafskäse beim Griechen erworben. Im Rendsburger Park haben wir Fischfrikadellen gefrühstückt. Saß schon eine Kastanie auf der Bank, die haben wir mitfahren lassen. Nun ist sie in Tee gelandet. Wo es sachte zu regnen beginnt.

Nachts drängen sich

Blitze vor meiner Tür

Lärm breitet sich aus

Über die Ufer.

Da waren gefiederte

Eschenblätter feierlich

Ausgelegt.

29. Septembrius 2002, Sonntag

Es hat sich eingeregnet und ich lege letzte Hände an eh dann die Gäste kommen. Gestern war auf 3sat eine Sendung über Hermann Kant und sie ließen ihn selber zu Wort kommen und er log dass sich die Balken bogen. Das schärfste aber war, dass Reich-Ranicki sagte, wie sehr er Kant als Erzähler schätze und er alle Beachtung verdiene. Und Kant hätte sich stets ehrenvoll verhalten, das ist doch ein dicker Hund! Schöner war ein Kolleg von Professor Frühwald über Friedrich Spee, Paul Gerhard, Andreas Gryphius und Martin Luther als Grundlage der deutschen Sprache und Dichtung. Über die Bachsche Musik, die Matthäuspassion, und dass die Kunst der deutschsprachigen Dichtung nicht aus der Mundart kömmt und so weiter. Tränen des Vaterlands, alles gehört doch dazu und ich hab das beim Putzen erfahren.

30. Septembrius 2002, Montauk

Einzug der Gäste, aber erst am Nachmittag. Mal schaun, ob das anstrengend wird oder nicht. 3 Tage hintereinander. Marianne ist ja ne Lehrerin und weeß allet sowieso, der olle Berliner aber ist vertraut. Wird schon schief gehen, interessant wird es auf jeden Fall. Um 13 Uhr haben die gesch. Gäste angerufen: sie steckten hin und wieder im Stau und wären erst hinter Hannover. Na dann kann ich sie erst mal vergessen. Maurice ist eh paddeln gegangen. 16 Uhr waren sie hier. Palaver, Kuchen, Spaziergänge, entzückendes Abendrot, Abendbrot. Gespräche über Reisen und Kinder. Ein aufeinander abgestimmtes Team.

1. Octopus 2002, Dienstag

Wir sind durch die herrlichen Köge gerauscht, der Sönke-Nissen-Koog schon mit gepflügten Feldern. Die Höfe mit ihren wunderbaren Scheunen und grünen Dächern waren ganz königlich. Noldes Garten wurde winterfest gemacht. Waren beste Dahlien vorhanden. Bei den Bildern war es diesmal menschenleer. Auf der Rücktour haben wir in Friedrichstadt Eis gegessen. Abends wieder lange geschwatzt. Die Herren tranken portugiesischen Rotwein.

2. Octopus 2002, Mistwoch

Dichter Nebel am Morgen. Habe noch schnell den Müll rausgefahren. Es ist ganz still unter dem weißen Zeug. Heute ist wieder die Halbinsel Eiderstedt an der Reihe im Besucherprogramm. Mit Essen im Roten Haubarg. Das ist for den ollen Berliner von höchstem Interesse, denn er ist ein Sammler von alten und neueren Bauernhöfen. Besteht eine fotografische Dokumentation. Haben am Frühstückstisch schon den Bombenangriff, die Tieffliegerattacken zuvor ausführlich besprochen, der Lokomotive gedacht, die hinterher auf dem Dach eines Schuppens gelegen hat. Ja so ist das wenn man der Jugendzeit sich einmal annimmt. Maurice ist schon am Frühstücken, da geht es gleich los. Mit Gummistiefeln für das Watt. War ein sehr schöner Wandertag! Dem Meer hinter dem Leuchtturm aber sind wir drei Kilometer nachgerannt. Hinter der zweiten Abbruchkante da plätscherte es. War alles großartig, und es gab schon wieder Eisessen in Friedrichstadt. Bis 23 Uhr haben wir geschwatzt.

3. Octopus 2002, Tag der Einheit und Donner

Nun ham wa sie hinterhergewinkt 10 Uhr 30. War sehr hübsch! Die große Klappe des Berliners noch wie in der Kindheit. Heute schlägt das Wetter um. Warum auch nicht! Ich erhol mir von allet. Und welchen Film sahen wir wieder zum Tag der Deutschen Einheit? Eins, zwei, drei! Von Billy Wilder. So schön gemein gegen alle! Gegen Abend zogen Regenwände auf. Gestern um diese Zeit gingen wir auf dem Meeresgrund.

4. Octopus 2002, Frei

Ein Fotul hat der Berliner mir als Briefbogen mitgebracht. Es ist eines aus den gemeinsamen Zeiten und er war noch immer begeistert über die Mundwinkelstellung, das sei sein Lieblingsbild immer gewesen. Der Mensch hat das pure Adrenalin in den Adern! Über Nacht hat es üppig geregnet. Die Pappeln sind gleich in dem Stadium, so man die Restblätter zählen kann. Der die Fenster bedeckende Wein wird blutrot. Die Hornissen verabschieden sich langsam an meinem Schreibzimmerfenster. Die kleine Nadel, die Brosche an meinem weißen Krägelchen auf des Berliners Lieblingsfotul, diesz war eine Korallenbrosche aus purem Gold selbstverständlich. Weeß nicht wo sie herkam, weeß nicht wo sie blieb. Ich hatte sie einfach! Andere Mütter als meine hätten ihr unmündiges Kind nicht mit sowat! behängt. Hab noch die alten Fotos gesucht auf denen Altenkirchs und Lisa und icke im Harz im Bodethal oder auf der Rosstrappe sint oder in denen Tropfsteinhöhlen, wo ich später mit meinem Baby ebenfalls war.

6. Octopus 2002, Sonntag

Entzückender Regen und flatternd Laub allenthalben! Gänsekeile und Rufe. Hab Cohn-Bendits Literaturklub gesehen, das ist eine vernünftige Angelegenheit im Moment. Wenigstens nicht der reine Narzissmus wie bei anderen Hervorbringern. Ansonsten hab ich in denen poetologischen Vorlesungen des Maestro Borges gelesen. Sehr schön ist es. Geh konform with him. »Lassen Sie uns einfach mal annehmen, ich hätte eine schöne Zeile geschrieben, nehmen wir das als Arbeitshypothese. Sobald ich sie geschrieben habe, nützt mir diese Zeile nichts, denn wie schon gesagt kam sie mir vom Heiligen Geist aus meinem Unbewussten oder vielleicht von einem anderen Autor. Ich stelle oft fest, dass ich nur etwas zitiere, was ich vor längerer Zeit gelesen habe, und das wird dann zu einer Wiederentdeckung. Vielleicht sollte ein Dichter besser namenlos sein.« So ist es. Dichter sind Genies mit schlechtem Gedächtnis, sage ich ja.

7. Octopus 2002, Montag

Rosa Himbeerhimmel, kein Nebel heutzutage. Morgen geht die Buchmesse los. Prinz Claus, der Ehemann von Königin Beatrix, is dood bleeven. Gleich lese ich wieder über das Handwerk des Dichters. Es ist sehr schön warm in diesem Haus. Wir wollen diesen Monat noch nach Halle reisen.

8. Octopus 2002, Dienstag

Zum ersten Mal etwas Bodenfrost. A bisserl unter die Null. Schneck verreck flüstere ich nachtragend. Hab die halbe Nacht Lämmer gehabt, mein Gott! war das eine Arbeit! Ich lebte aber in Halftown im Haus meiner Kindheit und die Lämmer fanden sich bei Lehfelds ein Stockwerk über uns ein. War sehr unbequem die Strohballen raufzuschaffen und das Heu. Und nun geschah folgendes, dass ich mir höchstwahrscheinlich von denen Akwarellern abwenden werde. Hab ja zum Schluss mit Gold und Stempeln noch mal geaast, das könnte es dann gewesen sein. Die vorhandenen werden verwaltet, ne Ausstellung kann ich hin und wieder mal machen. Es gibt genug sehr schlechte Maler auf der Welt. Es ist schwierig sein eigenes Zeug zu beurteilen zumal die Herstellung befriedigt. Vielleicht sollte man es mit die Scherenschnitte der älteren Schwester vergleichen. Der Droste meine ich nun. Jetzt werde ich spazores loofen, im beginnenden Regen. Wo die Enten schon jubilieren.

9. Octopus 2002, Mistwoch

Oh meine Akwareller, meine behinderten Kinder! Beste graue Wolken am heutigen Tag. Der Compositore war ein paarmal uff mein Bändchen, da hab ich zurückgerufen. Er ist wie immer furchtbar im Stress. Überfällige Termine und so weiter. Jetzt hat er sich für sein letztes geerbtes Göld ein Mischpult gekauft und stellt nun, z. B. mit Sattler als Sprecher, CDs mit sämtlichen Hölderlin-Texten her. Wer das wohl kaufen soll. Und Sattler ist nicht der arme Holterling ganz persönlich, das vergessen sie mitunter. Jetzt muss er nach Wien, hat von der Mayröckerin wat komponiert, das beim Radio produziert werden soll. Etwas für 5 Lautsprecher aber keene Instrumente. So hat er gesacht.

Die Möwen sind aus der

Stille entstanden die bis jetzt

Über den Koppeln hing.

10. Octopus 2002, Donner & Doria

Weil ich Zahnschmerzen habe bin ich vor 5 Uhr uffgestanden und hab ein Pulverl genommen. Das fehlt noch wo wir wegfahren wollen. Muss ich sehen dass ich einen schnellen Termin beim Zahnarzt bekomme. Es ist der Zahn welcher nach der Englandreise behandelt wurde. Die Eider dampft wie die Ursuppe und die Sonne tritt auf ihre Bahn glühenden Fußes. Hab einen Zahnarzttermin. Morgen gegen Mittag.

Die Katze taucht hier und

Da auf hier und

Dort brennt es das ist

Der Lauf der

Roten Katze.

Auf der Straße

Rennen die

Blätter wie

Mäuse.

11. Octopus 2002, Frei

Bei diesem Zahnarzt hab ich eine Weile warten müssen, war ja dazwischen geschoben oder gehoben. Wurde der Deckel von meinem Zahn aufgemacht und siehe ein Nerv lebte noch von den drei Wurzeln und hatte den Zoff gemacht. Montag muss ich noch einmal hin. Über die Eider. Jetzt hab ich noch eine Elephantenzunge von der Betäubung. Gänsekeile überall in den Lüften. Das Leben ohne Zahnschmerzen ist herrlich.

12. Octopus 2002, Samstag

In der Nähe von Washington werden seit einiger Zeit gezielt Menscher erschossen. 8 Tote und mehrere Schwerverletzte wurden genannt. Auch auf Kinder vor einer Schule wurde geschossen. Wenn jeder Waffen besitzen kann so ist das ja nicht verwunderlich. Ich muss etwas Post herstellen. Der schöne Sommer, er ist ein gewesener kommt es mir vor. Der Knabe ist ins Moor gegangen.

13. Octopus 2002, Sonntag