Justus - Andreas Herrmann - E-Book

Justus E-Book

Andreas Herrmann

0,0

Beschreibung

Justus wird scheinbar eines Verbrechens verdächtigt. Er beschließt, die Verdachtsperson, eine seiner Patientinnen, ihn lieben zu lassen, um sie auf diesem Weg unschädlich zu machen. Als dies zu misslingen scheint, fasst er den Entschluss, sie zu töten, wider seine Natur, deshalb muss sein Plan scheitern. Aus der Perspektive des eingeschalteten Ermittlers wird Justus bewegende Geschichte, sein Erwachsenwerden, sein Ringen um Anerkennung und Liebe mit Motiven eines Road Movies, in pointierten, packenden und virtuosen Sprachbildern erzählt. Als Schüler gedemütigt und von seinen Eltern im Stich gelassen, beginnt ein Parforceritt durch eine wechselvolle, an Abenteuern, Begegnungen und auch kulinarischen Genüssen reiche Lebensgeschichte von der Kindheit bis zum Prozess. Justus, ein verheißungsvoller Mensch, ein Hoffnungsträger, der unter Schicksalsschlägen, einem dominanten Vater, einer, sich in eine Sekte flüchtenden Mutter und durch Ungerechtigkeit Schritt für Schritt zum Zyniker wird, auf der unerfüllten Suche nach dauerhafter Liebe. Seine Liebenswürdigkeit, sein Humor, seine Freundlichkeit, werden immer weiter verschüttet, jedoch nicht vollkommen, eine Hoffnung bleibt. Das Thema ist eine Variation des Bildes "it should have begun" von Roy Lichtenstein; es hätte beginnen sollen ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 372

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

Vorspiel

Das Verbrechen

Zwischenakt

Frühe Kindheit

Fortschritte und Rückschläge

Aufkeimende Gefühle

Eine Schlacht und ein Abschied

Metamorphosen

Solarion

Madelaine trifft Giscard d´Estaing

Abgrund

Verdacht

Eine Leiche und ein Flirt

Süße, schwarze Brombeeren

Ein Bericht speziell für Juristen

Unerwarteter Beistand

Star Wars

Freddy

Tanzende Kaffeebohnen

Leni Speedway

Maria, ein Clown und eine Meerspinne

Largo Maggiore

Ritter Roland

El Magnifico und eine Erscheinung

Claire

Endspiel

Der Vorhang fällt

I

Vorspiel

Mensch mach das Licht aus, schrie ich und es erlosch rasch in meiner Wahrnehmung im Moment als der Schlaf wiederkam. Als mich der Schlaf verließ, begann grelles Neonlicht zu pulsen und betäubte meine Netzhaut. Geblendet und Reiz geflutet trieb ich an die Schreibtischkante. Ich fasste sie während mein Kopf bleiern sank und aufschlug. Ich verharrte mit pochendem Herzen, dann rieb ich meine unrasierte Gesichtshaut an der braunen, vernarbten Kunststoffoberfläche des Tisches. Ich ergriff einen belanglosen Briefbeschwerer aus Basalt, legte ihn ab, löste mich vom Tisch und bewegte mich zum Fenster. Nach einer Weile nahm ich die Häuserzeile gegenüber war. Sie befremdete mich. Besonnte Klinker schienen sich zu bräunen und die Fenster zogen sich in ihre Nischen zurück. Keine Gestalt huschte hinter ihnen. Keine Blume zierte die Ödnis. „ Lies mal!“, eine vertraute Hand legte sich auf meine Schulter. Ein vertrautes, rätselhaftes Blau blickte mich an. Nie werde ich die Farbe ihrer Augen ergründen. Ich nahm die Akte. „Aufnahmefähig?“ „ Begrenzt!“, entgegnete ich. „Willig?“ „ Verfügbar.“ „ Sie weichen immer aus!“ „Sie legen sich nicht fest, wir umkreisen uns“, befand ich. „Keiner ohne festen Standpunkt kreist um einen anderen Standpunktlosen und wird von diesem umkreist“. „Wir drehen uns im Kreis, im prosaischen nicht im physikalischen Sinn“, resümierte ich. Sie lachte ihr kaminrotes Lachen auf weißen Perlenzähnen. Genug Liebeserklärungen ausgetauscht, wir standen im Unbestimmten und bevor der Punkt erreicht war, an dem es hätte beginnen sollen, zog ich mich in ruhigeres Fahrwasser zurück. Land in Sicht war mein einsames Motto geworden, hier und auch in meiner Eigenschaft als Kommissar, der die Akte vor der Hand am Ufer des Falles sich bewegt und sich schon allein mit dieser Form der Beschäftigung bestätigt fühlt. Unkontrollierte Liebe hatte ich mir abgewöhnt. Dem Blick aufs Meer entzog ich mich. Professionelle Routine schien mir nach 20 Jahren als Kriminalkommissar hinnehmbar. „Kaffee?“ Ich nickte. Anna füllte meine Tasse. Wie meist berührte sie mich dabei. Mal streifte ihre Hand mehr oder weniger zufällig meine Hand oder meine Schulter, mein Ohr, Ellenbogen oder sonst eine scheinbar unbedeutende Stelle. An diesem Tag war der Kaffee besonders stark und Anna hatte ihre Wimpern schwarz getuscht, was neu war und deshalb bemerkenswert. Sie schaute aus einem Fenster. Aber eigentlich, so dachte ich, schaut sie gar nicht aus dem Fenster, sondern darauf, wie ich sie betrachte und das tat sie meist, wenn sie unbeteiligt wirkte. Und dann schien das Blau ihrer Augen noch rätselhafter. Dieses Blau, von der Seite betrachtet eine schmale Sichel, entzog sich jeder Deutung und schließlich meinem Fokus und mein Blick verlor sich in der Leere vor mir. Anna ging zur Tür, gleich würde sie weg sein. Sie hatte sieben Tage Tallin gebucht, zusammen mit einem Jugendfreund, um ganz genau zu sein mit einer Kindergartenfreundschaft, die durch äußere Umstände in eine Schicksalsgemeinschaft führte. Ich verglich es am Anfang mit 2 Flüsschen, die zufällig im selben Strom münden ohne sich zu mischen. Ihr Kindergartenfreund hatte sich mit der Zeit einen Kanal gebaut und floss jetzt reguliert neben ihr her, vielleicht in der Hoffnung, sie im Delta doch noch zu überwältigen. Mein Flüsschen mäandrierte während dessen durch wechselnde Landschaften und irgendwann hatte es eine Richtung eingeschlagen, die mich zum Strom lenkte. Mal kamen Anna und ich uns ganz nahe und dann schossen wir Seite an Seite an schroffen Ufern, Kieselstränden, Weidensäumen vorbei, ein andermal dämpfte dichtes Schilf unseren Fluss und einmal versickerte alles in verkarstetem Gestein und dort ganz unten war das Wasser klar und wir ganz allein. Jetzt war ich wieder oben und Anna schien sich im Delta zu verlieren. It should have begun. Als ich das Bild von Roy Lichtenstein zum ersten mal sah, dieses große Gefühl einer zum Scheitern verurteilten Liebe, verkörpert in einem Einbild Comic, steckte ich mittendrin, in einer Liebe, so süß und so bitter, so nah und unerreichbar und bei dem Gedanken, es hätte beginnen sollen, versagte mein Herz. Und jetzt stand dieses Bild wieder vor mir und diesmal wollte ich alles richtig machen und dieses Bild widerlegen. Doch heute, hier, war das unmöglich, also befasste ich mich mit der Akte.

II

Das Verbrechen

Die Akte lag noch geschlossen vor mir. Maigrün sind die Tötungsdelikte. Ermittlungsverfahren gegen Justus….., Arzt….. wegen Mord u.a., nicht vollendet. Nicht vollendet, das waren die ambivalenten Fälle. Das Opfer lebt. In anonymer Prosa lag mir eine Geschichte vor, die zum Fall werden musste oder auch nicht und diese Geschichte ging so: Seine Augen sind Blau er schaut genau, seine Haare sind kurz geschnitten. Sein Gesicht ist schmal, die Brille rund, seine Wangen sind stets leicht gerötet, der feine Oberlippenbart akkurat gestutzt, die Nase fällt nicht auf. Sein Lächeln ist geschmeidig und unverdächtig, sein Lachen kennt niemand, auch er selbst kennt es nicht mehr. Seine Gestalt ist schlank, er kleidet sich unaufgeregt elegant. Er heißt Justus und ist Arzt. „Claire, bringst du mir einen Kaffee?“, sagte er am Klavier sitzend, irgendein Stück von Ray Charles spielend, zu seiner Frau. „Ich komme“, antwortete sie und brachte den frisch aufgebrühten Kaffee mit einem Häubchen aufgeschäumter Milch und darüber gesiebtem Kakaopulver. Er ließ das Getränk stehen. „Ich muss los“, sagte er und verließ das Haus. Seine Praxis mit angeschlossener ambulanter Klinik liegt um die Ecke in der Kreuzallee. Sie läuft gut. Er hatte sie von seinem Vater übernommen. Über die Jahre hatte er sich Spezialkenntnisse auf dem Gebiet der Hautkrebsbehandlung erworben. Er war bekannt, sogar berühmt, wohlhabend und unzufrieden. Vielleicht hätten ihm eigene Kinder darüber hinweggeholfen, dachte er noch vor einiger Zeit, hatte den Gedanken dann aber aufgegeben. In der Praxis angekommen studierte er die verschiedensten Melanome auf Bildern in hauchdünnen Schichten und legte den Operationsplan endgültig fest. Seine Sicht der Dinge war Axiom, er duldete keine Einmischung, auch von Patienten nicht. Er verließ auch an diesem Tag die Praxis wie nahezu immer um 19:00 Uhr. Er leistete seiner Frau zwei Haushaltshilfen, so dass sichergestellt war, dass er, zu Hause ankommend alles an seinem Platz fand, auch seine Frau empfing ihn stets aufgeräumt und belästigte ihn nicht mit Nebensächlichkeiten. „Ist das Essen fertig?, ich hatte einen anstrengenden Tag“, war in der Regel der erste Satz, mit dem er seine Frau begrüßte. Er hätte sich die Frage nach dem Essen vielleicht auch sparen können, dachte er, jedenfalls musste sie seine Frau aber anspornen, auch in Zukunft besorgt zu sein.

Er hatte sich im Lauf der Jahre an den Kochstil seiner Frau gewöhnt, er sah deshalb keinen Grund, mehr als nötig auf Abwechslung einzugehen oder diese einzufordern. Außerdem wurde so die Frage, ob es ihm geschmeckt habe, überflüssig, die er mit den Jahren ohnehin immer mürrischer beantwortet hatte, bis seine Frau diese Frage aufgab und sich auf ein paar erprobte Gerichte beschränkte. Den Weinbestand verwaltete er. Üblicherweise suchte er vor dem Essen den passenden Wein aus. Da er an jenem Abend als Festredner auf einem Fachkongress eingeladen war, verzichteten beide auf den Wein. Um 20:00 Uhr verließ er das Haus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr in Richtung der nahegelegenen Großstadt, in welcher der Kongress stattfand. Er benutzte eine wenig befahrene, schmale Landstraße, die sich, von steilen Böschungen flankiert, von der übrigen Landschaft dadurch beinahe vollständig abgeschirmt, dahinzog. Er schloss zu einem vorausfahrenden Fahrzeug, einem dunklen Kleinwagen, mit mäßiger Geschwindigkeit auf. In diesem Moment, plötzlich und für ihn völlig unerwartet, scherte der Kleinwagen ruckartig, wie wenn dessen Fahrer, auf einmal erwacht und wahllos in panischer Desorientierung reagierte, nach links aus. Das Fahrzeug schlug mit voller Wucht in die Böschung. Kraftvoll prallte es wiederum ab, überschlug sich mehrmals um seine Längsachse, sich stauchend und quetschend, berstend und zersplitternd, bis es quer zur Fahrbahn auf den zerfetzten Reifen stehend zur Ruhe kam. Justus beobachtete, während er abbremste jede Einzelheit. Sein Wagen kam zwei Meter vor dem Fahrzeugwrack zum Stillstand. Not to be involved. Sein Deutschlehrer tauchte kurz in seinen Gedanken auf. Die meisten handelten danach, auch gegen ihre Überzeugung, pflegte sein Lehrer zu sagen, der stolz darauf war im Krieg eine Dose Leberwurst, statt eines Filters in der Kartusche zur Gasmaske mitgeführt zu haben. Hier brach er den Gedankenstrang ab, der ihn sonst wo hätte hinführen können. Er besann sich auf die vor ihm befindliche Situation, wog kurz abstrakte Risiken ab, verwarf alles und ging auf das Wrack zu. Er trat vor die Fahrertür, welche aufgerissen war und, nur noch an einem Scharnier hängend, leicht baumelte. Dabei schlug sie regelmäßig an den sich im selben Rhythmus noch bewegenden blutigen Kopf des Fahrers. Er lebte offensichtlich noch. Es war ein nur noch rudimentäres Leben reduziert auf verzweifelte letzte Aktivitäten seiner Organe und einer sich final aufbäumenden Angst vor dem eigenen Tod. Justus sah zu, wie der Mann vor ihm schließlich starb. Mechanisch tastete er den Puls ab und prüfte die toten Pupillen. Alles war ruhig, nur die Tür schlug noch sanft an den Kopf. Justus fuhr mit seiner linken Hand in die Hosentasche des Toten und zog einen Geldbeutel heraus. Er bestand aus feinem, schwarzen Leder, die Naht war auf einer Seite leicht aufgeplatzt, sonst aber intakt. Er besaß eine Tasche für die Münzen und Schlitze für Scheine und Karten. Außerdem gab es transparente Laschen für Fotos. Unter dem Foto eines alten Mannes mit Menjou-Bärtchen und Fliege, fand Justus einen quittierten Lottoschein. Auf der Quittung sah er kleine, mit Kugelschreiber um sechs Ziffern herum gekurvte Kringel. Justus steckte den Schein ein. Anschließend rief Justus die Polizei und orderte einen Krankenwagen. „Ich war auf dem Weg zu einer Fachtagung. Selbstverständlich habe ich als Arzt sofort erste Hilfe geleistet“, sagte Justus auf Frage gegenüber den soeben eingetroffenen Polizisten. Die Polizisten fertigten das Unfallprotokoll und schossen Fotos. Sie entließen Justus, ohne weitere Fragen zu stellen. Er fuhr nach Hause und malte noch an einem Aquarell weiter. Hieraus zöge er Anregungen und Inspiration, hatte er einmal seiner Frau gesagt, tatsächlich kopierte er leidenschaftslos Pflanzen, meist Blumen mit üppigen Blüten. Dabei verteilte er die Pigmente mit spitzen Pinseln in die letzten Säume. Claire war bereits ins Bett gegangen. Ob er ihr von dem Unfall erzählen würde, brauchte er an diesem Abend nicht entscheiden. Am nächsten Tag erschien ihm die Sache auch nicht mehr mitteilungswert. Den unterschlagenen Lottoschein konnte er ohnehin nicht erwähnen. Er löste ihn ein paar Tage später ein. Die etwas über 680.000 DM wurden seinem Konto gutgeschrieben. Die Summe stellte einen Bruchteil seines Vermögens dar, er freute sich kurz daran.

Ein halbes Jahr verging.

Yvonne Bischoff legte ihre Bluse ab und öffnete den BH, sie streifte die dünnen Riemchen ab, faltete die Körbchen aufeinander, schob den BH auf der schwarzen Kunstlederoberfläche der Behandlungsliege beiseite und wartete. Nach einer Viertelstunde kam Justus. Er betrachtete zunächst die Brustwarzen und dann das Gesicht der Frau. Er musterte sie, wie es für ihn selbstverständlich geworden war, mit seinen Augen präzise und schnell ab. „Ich bin Dr. M…“, stellte sich Justus, während dessen in seinen schwarzen Ledersessel sinkend, vor. Yvonnes Erscheinung war zierlich, feingliedrig und wirkte beinahe zerbrechlich, jedoch der aufmerksame Beobachter spürte hinter den hellen, wasserblau leuchtenden, von dichten dunklen Wimpern verzierten Augen, den zart geschwungenen, in einem blässlichen Kamin Rot scheinenden Lippen, der fast reinweißen, nur zärtlich pigmentierten Haut, dem Zimt farbenen, die nackten Schultern mit den Spitzen soeben berührendes Haar, eine feste Entschlossenheit, die ihr behutsamer Blick, ihr zurückhaltendes Lächeln, ihre sanften Bewegungen, die nie unterwürfig wirkten, preisgaben, denn ihre Duldsamkeit, Zurückhaltung und Sanftheit, waren ihre, in ihrem Antlitz zum Ausdruck kommende Stärke. Ihr Mann war vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Die Trauer machte ihre zerbrechliche Erscheinung noch lieblicher. „Sie haben Hautkrebs?“ Sie zuckte verlegen mit den Schultern, als ob sie sich entschuldigen wolle. Justus untersuchte sie sehr gründlich. Nebenbei fing sie an, über ihr Befinden zu sprechen, wie sie nachts oft ruhelos daläge und sie ihr Herz so laut schlagen höre, dass sie beinahe darüber verrückt würde. Sie erwähnte auch den Unfalltod ihres Mannes, wie sein Fahrzeug ohne erkennbaren Anlass auf einer kaum befahrenen Landstraße ausbrach und sich überschlug und sie nicht mehr wisse wie es weitergehen solle. Ein Arzt sei unmittelbar hinter ihrem Mann gefahren, zum Glück, denn so hätte das Schicksal sein äußerstes getan um ihrem Mann zu helfen, er sei aber auf der Stelle tot gewesen. Justus wurde zunehmend beklommen, beherrschte sich aber. Die Sache konnte gefährlich werden. Er brauchte Zeit, um eine Strategie zu entwickeln. „Wir sehen uns in zwei Wochen wieder“, sagte er zu Yvonne. „Ist es bösartig?“, sie deutete auf einen Pigmentfleck auf ihrer Schulter, den Justus, während sie geredet hatte auffallend lange untersucht hatte, der aber, wie Justus sofort erkannt hatte, harmlos war. „Nein, nein,“ wiegelte er ab, er vereinbare immer einen zweiten Termin, Gründlichkeit sei oberstes Gebot, schließlich ginge es auch darum potentielle Gefährdungsherde zu erfassen und zu dokumentieren, melanignes Potential zu eruieren, einzustufen und abzuschichten. Hier verlor sich Justus in ein weitschweifendes, nichtssagendes Ablenkungsmanöver und schloss mit der Feststellung, alles sei in bester Ordnung und überhaupt handele es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, die zum Service gehöre und nebenbei auch die Reputation seiner Klinik erfordere. Yvonne wohnte in einer unbedeutenden Wohnung. Sie hatte sie zusammen mit ihrem Mann erworben. Die Wohnung war behaglich, unprätentiös und von einer gepflegten Unordnung geprägt, das heißt alles hatte zwar seinen Platz, aber immer wieder an anderer Stelle. Eine Menge Bilder hingen an der Wand, in jeder Ecke fanden sich Bücher, einige lagen angelesen mit Eselsohren auf dem Nachttischchen, der Vitrine, auf dem Fernseher. Zur Wohnung gehörte ein kleiner Westbalkon, die Sonne erreichte ihn am frühen Nachmittag und darauf freute sie sich. Mit der Zeitung unter die Achsel geklemmt betrat sie ihre Wohnung, schlüpfte auf das Sofa und lenkte sich ab. Währenddessen rief Justus die Polizei an. „Nein, Frau Bischoff wurde bislang nicht mitgeteilt, dass sie am Unfallort waren, ein berechtigtes Interesse hat sie auch nicht geltend gemacht.“ Es bestand also kein Grund sich zu beunruhigen, sagte Justus sich. Als Yvonne Bischoff nach zwei Wochen wieder erschien, war er entsprechend gelassen. „Sie sehen erholt aus“, sagte er, ihrer augenscheinlichen Befindlichkeit zum Trotz. „Ihre Haut ist vollkommen makellos, ich meine befundlos.“ „Das freut mich, es ist lieb wie sie das sagen.“ Es wäre besser gewesen, es hierbei zu belassen, sagte sich Justus später, doch das Fehlen endgültiger Gewissheit, ließ ihn nach den eigentlichen Ursachen ihrer Niedergeschlagenheit fragen. Erst ihre Antwort hierauf alarmierte ihn und setzte die verhängnisvolle Kausalkette in Gang. Tatsächlich dominierte der Verlust ihres geliebten Mannes alles, den sie noch immer nicht verstand. Mit den Umständen seines Todes konnte sie sich noch nicht befassen. Dass sie sich in einer wirtschaftlich prekären Lage befand, nahm sie nicht wahr. Und so reihte sie scheinbar Belanglosigkeiten aneinander, Alltagsgeschehnisse aus Vergangenheit und Gegenwart, zusammenhanglose Schlaglichter. Justus hörte kaum noch hin. Dies änderte sich auf einmal, als sie anfing, davon zu erzählen, wie ihr Mann und sie Zukunftspläne schmiedeten und wie sie den Einsatz eines Lottogewinns planten. Justus veränderte seine Position nicht. Mit gleich gelassener Haltung, die zu bewahren ihn allerdings aufs äußerste anstrengte und so beiläufig wie irgend möglich sagte er: „Ach, ich kenne das, Geld zu verteilen, das man nicht hat ist ein Vergnügen von kurzer Dauer.“ „ Wir hatten es.“ „Ach“. Justus stand auf. „Hatten? Sie wissen, wie unwahrscheinlich ein Lottogewinn ist.“ „Wissen sie, wie unwahrscheinlich es ist ihn nicht einlösen zu können?“ „Ich verstehe sie nicht“. „Nun, er ist weg.“ „Das tut mir leid“. Unbehagliches Schweigen baute sich auf. Justus wusste nicht, ob sie begann, ihn zu verdächtigen. Unwahrscheinlich, dachte er und genau das beunruhigte ihn. Er überlegte und damit wuchsen seine Befürchtungen. Er musste schnell alles zerstreuen, doch es fiel ihm keine geeignete Phrase ein. Zeit, sie kann gegen oder für mich arbeiten, aber jetzt brauche ich sie. Geschmeidig beugte er sich vor, voll in das Gesicht von Yvonne Bischoff schauend. Er schob seine Hand sanft über die auf seinem Schreibtisch ruhende Hand der Frau und sagte: “Frau Bischoff, sie sind eine kleine tapfere Frau. Als Arzt und Mensch fühle ich mich dem Wohl der mir Anvertrauten ganz besonders verpflichtet, es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis und Auftrag zugleich, sie noch ein Stück auf ihrem Weg zur vollständigen Genesung zu begleiten. “Während er dies sagte, zog er seine Hand langsam wieder zurück, bevor die Berührung ihr unangenehm würde. Er begleitete sie zur Ausgangstür. Er habe gerade keinen ordentlichen Terminzettel zur Hand, sagte er und kritzelte mit gespielter Verlegenheit das Datum eines weiteren Termins auf eine aus der Jackentasche gezogenen Streichholzschachtel. Ich werde kontinuierlich, aber behutsam, persönliches über die geschäftsmäßige Beziehung hinausgehendes streuen und die Dosis allmählich erhöhen, sann er. Sie wird empfänglich sein für Aufmerksamkeit und ihr Herz wahrscheinlich schnell verlieren, habe ich es, bin ich sicher. Um 19:00 Uhr verließ er die Klinik. Pünktlich aß er mit Claire sein Abendbrot. Seine Frau wurde ihm immer widerwertiger. Der Zeitpunkt schien ihm gekommen, das was an Beziehung zu seiner Frau noch übrig war, abzutöten. Schon lange betrachtete er seine Frau als willfähriges Anhängsel. Ihre Liebe zu ihm verachtete er, wie er alles verachtete, was sie tat. Er behandelte sie schon mit kalter Herablassung, diese zu steigern, nahm er sich jetzt vor. Sukzessiv treibe ich sie dann in den, aus ihrer Sicht in ihr geborenen Gedanken der Trennung. Es wäre bequemer, wenn sie ihm gegenüber den Wunsch zur endgültigen Trennung äußerte, er könnte eine gewisse Betroffenheit mimen, ohne sich erklären zu müssen, außerdem konnte er auf diese Art sicher sein, sie unbedingt losgeworden zu sein. Er befürchtete, dass so etwas wie Restliebe zu ihm weiter in ihr glimmen könnte, diese endgültig zu ersticken, würde ihm Ruhe vor ihr verschaffen. Seine Gefühlskälte hatte an diesem Abend ihr Endstadium erreicht. Als Folge davon, wurde er, immer mit subtilem Augenmaß brutaler zu seiner Frau. Er erzeugte fortwährend eine Atmosphäre beklemmender Angst. Er fand den Weg, sie fürchten zu lassen, er könne ihr körperliche Gewalt antun, sollte sie sich nicht vollständig unterordnen, ohne es zum offenen Gewaltausbruch kommen zu lassen. Er begann in den folgenden Tagen und Wochen kontrolliert mehr Alkohol zu trinken, er betrank sich nicht, kalkulierte aber richtig, dass er in angetrunkenem Zustand unangenehmer und unberechenbarer auf sie wirkte und wurde. Das Trinken verschaffte ihm außerdem die Gelegenheit, willkürlich zu Maß regeln, ohne ausführlich diskutieren zu müssen. Wenn Claire absurde und demütigende Äußerungen auf einen gesteigerten Alkoholkonsum zurückführte, wäre sie umso mehr betroffen wenn er am Morgen in ernüchterter Verfassung das vorausgegangene bekräftigte. Er schaffte in raschem Zyklus den Fernseher ab, der Schwachsinn, der da über den Äther komme, sei widerlich, ihr Auto, es sei nicht notwendig, die Kosten würden sie auffressen, das Telefon, die Anrufe von irgendwelchen Idioten seien überflüssig, er habe keine Lust, ständig die Mischpoke abwimmeln zu müssen. Er perfektionierte die häusliche Isolation. Dadurch rückte er ihr automatisch unangenehm näher. An einem Abend kam er ihr ganz nah und sagte mit Alkohol geschwängertem Atem, dass ihre erschlaffende Haut ihn anekle, sie müsse aufpassen, dass er sich nicht eine Jüngere verschaffe. Er ermahnte sie, sich vor ihr aufbauend, den Haushalt nicht zu vernachlässigen, dabei rieb er ihr nachlässig gebügelte Hemden mit aggressiver Armbewegung an ihre Nase. Einmal, als diese ständigen Widerwärtigkeiten ihn zu erschöpfen schienen und er ruhig war, begann sie von alten Tagen zu sprechen und öffnete noch einmal ihre Arme und ihr Herz für ihn. In diesem Moment stieß er die geöffnete Weinflasche vom Tisch. „Dein erbärmliches Gequatsche hat dich davon abgelenkt, die Flasche vernünftig abzustellen“, schrie er auf sie zugehend und sie mit roten Augen wild anstarrend. Er holte mit seinem rechten Bein aus, so als ob er sie treten wolle, hielt aber kurz davor inne und scheuchte sie, den Wein und das Glas wegzuwischen. Sie öffnete ihre Arme und auch ihr Herz ihm nicht mehr. Er hatte es erreicht, die Liebe zu ihm war endgültig erkaltet. In der Tat fand er einige Tage später einen Brief von ihr vor, indem sie mitteilte, die Trennung vollzogen zu haben, sie würde vorläufig bei einer Freundin wohnen, wolle jedoch bald weiter wegziehen. Sie bedauere, dass es so enden musste, sie wünschte ihm Glück und ein verständiges Herz. Schließlich erwähnte sie auch den Ehevertrag, nachdem alles abgewickelt werden sollte. Zufrieden lochte er den Brief und heftete ihn ab. Anschließend rief er Yvonne an und verabredete sich auf ein Abendessen in einem, wie er sagte, lauschigem Lokal mit idyllischer Aussicht. Er war zufrieden und voller Selbstbewunderung. Er hatte seine Frau abgestreift und Yvonne präpariert. Tatsächlich behandelte er in der Zwischenzeit Yvonne zwei weitere Male in seiner Klinik. Er ließ sie erzählen, während sie sich entblöste, er ließ sie reden, während er ihre makellose Haut untersuchte. „Sie vertrauen mir doch?“ Er ließ seine Finger von ihrer Schulter abtropfen und reichte ihr den Hauch von Seide, den kleinen Luxus, das Hemd unter ihrer Bluse. „Wissen sie“, er lehnte sich in seinen Sessel und befühlte seine Fingerspitzen auf die er schaute, „als junger Arzt konzentrierte ich mich auf die Laborwerte, mit Recht tue ich das heute noch, doch betrachte ich die Dinge differenzierter. Die Werte sind das eine, die Befindlichkeit das andere. Um gleich eventuelle Missverständnisse auszuräumen, der erste Eindruck hat sich bestätigt, organisch sind sie kerngesund, ihre Seele ist verwundet. Auch wenn ich die Tiefe ihrer Traurigkeit nicht endgültig werde ergründen können, kann ich ihre Betroffenheit, das Ausmaß ihrer Verwundung erahnen. Epilodium in Wasser und leuchtende Pigmente gegossen. Verzeihung, ich schweife ab. Ich musste gerade an das Weidenröschen denken, welches ich nicht pflückte, aber als Aquarell auf Papier festhielt. „Epilodium“, sie genoss offensichtlich dieses Wort, ohne seine Bedeutung zu kennen. Etwas zu erfassen und sei es auch nur auf Papier, erbaut, erschließt einem Quellen göttlicher Schöpferkraft; gleichzeitig macht es demütig, denn was ist ein Pinselstrich im Vergleich zu den hoch ragenden, beblätterten Blütensprossen der ausdauernden, schmalblättrigen Weidenröschen, die sich durch dicke Kriechsprosse auszeichnen, in dichten Horsten gedeihen und dabei die durchscheinenden, in sich das Licht selbst festhaltenden Blütenblätter weit öffnen. „Dies malen zu dürfen, ist Gnade“, sagte er. Man muss den Mitgeschöpfen und seien sie auch noch so gering, mit Ehrfurcht begegnen, jedoch es gibt nichts Geringes, selbst ein Stein hat Würde, ist er doch im tiefen Schoß der Erde geboren, unter unendlichem Druck, sodann mühsam emporgeklommen, bis er endlich das Licht schaut, um wiederum abgeschliffen und zerkieselt zu werden, um schließlich zu versanden. „Frau Bischoff, ich freue mich, sie sehen frisch aus, die Therapie beginnt zu wirken“, sprach Justus und machte mit ihr einen weiteren Behandlungstermin aus. Der Samen Justus ging tatsächlich, jedoch nicht vollständig in Yvonne auf. Sie kaufte ihm die Anteilnahme ab und war gerührt. Von ihren Gedanken, geschweige denn von ihrem Innersten hatte Justus noch keinen Besitz ergriffen. Sie dachte nicht an ihn, wenn sie einschlief auch nicht wenn sie aufwachte, in ihren Träumen spielte er keine Rolle, allenfalls wenn Sie ein Stein, eine Streichholzschachtel oder eine Blume sah. Am zweiten Behandlungstermin vor der Verabredung zum Abendessen, war Yvonne angespannt, sie spürte ein Begehren in Justus, ohne dies einordnen zu können. Er war ihr unheimlich und angenehm zugleich. Er erzählte, dass sie nahezu vollständig genesen sei, die Medikamente angeschlagen hätten, sie im Wesentlichen über den Berg sei, aber noch einer gewissen Nachsorge bedürfe. Nachdem er das medizinische abgehandelt hatte, machte er sie noch auf ein von ihm gemaltes Bild, welches über seinem Kopf an der Wand hing, aufmerksam. „Diese kleinen Punkte sind Sterne, darum ist Schwärze, hier im Zentrum ist grelles Licht und mittendrin wiederum Schwärze, um die alles kreist, ein schwarzes Loch, alles Licht aufsaugend, weshalb, bleibt unbekannt, aber ist es nicht das was uns fasziniert das Unerklärliche, Geheimnisvolle? Was halten sie davon, wenn ich sie mal zum Abendessen einlade?“ Yvonne erschrak. „Wenn sie möchten, können wir gemeinsam einige Augenblicke zusammen verbringen.“ Er wandte sich ab. Sie widersprach nicht. „Ich kenne ein kleines Lokal, die Küche ist ausgezeichnet schlicht“, sagte er zum Fenster hinausschauend. Er richtete seinen Blick schließlich voller Sanftmut auf sie; Yvonne war besänftigt und beinah glücklich. Kalkulierte zwei Wochen später kam sein Anruf. Sie willigte nach kurzem Zögern ein. Justus machte sich zurecht, ohne zu übertreiben. Er legte einen elegant bescheidenen Anzug in Hahnentrittmuster an, knotete die gedämpfte Krawatte leger, bürstete seinen Oberlippenbart in ein leicht nach oben gebogenes "U", parfümierte sich dezent und ging, Yvonne abzuholen. Er traf sie vor ihrem Wohnungseingang, Parterre. Yvonne glänzte, ihre Augen leuchteten und sie war sichtbar aufgeregt. Sie schmiegte sich selbstbewusst in den Beifahrersitz, schlug die bis knapp über ihr Knie berockten Beine übereinander und tippte sanft und fast unhörbar mit ihren, nur an den Spitzen von schönem Leder umhüllten Zehen im Takt des aus den Lautsprechern strömenden Bossa Novas gegen die Wurzelholzverkleidung des Fahrzeuges. Sie bezogen einen, in einem runden Erker platzierten und hierdurch etwas abgeschirmten Tisch. Die kleine weiße Kerze brannte bereits. Die quarzklaren, hauchdünnen Gläser bildeten eine Phalanx um das aufgeschichtete Porzellan, das Besteck spalierte von zurecht gezupften Orchideenblüten umsäumt. Yvonne war Lokale dieses Zuschnitts nicht gewöhnt. Justus bestellte souverän,

Consomme´Montmorency

Austern, Welsh-Brötchen

Sterlett Sauce Beluga

Lammrücken a´la provoncale

Hummer nach Carlton

Supremes de poulardes a´la Jeanette

Rouenier Enten gebraten, Salat, Kompott

Frische Trüffeln in Champagner

Nussspeise

Petite fours de fromage

Nachtisch

in Anlehnung an das Festessen Prinz Regent Albrecht von Preußen, zu Ehren seines Bruders Kaiser Wilhelm des ersten am 30.01.1905 zu Berlin und gab sich jovial. Natürlich bemerkte er die Verunsicherung in Yvonne. Er mühte sich, der Speisenfolge so wenig Aufmerksamkeit als möglich zu widmen, als Beiwerk beinahe zu ignorieren und sie nicht zu demütigen und doch den Weltmann zu geben. Er suchte ein Gesprächsthema. Literaturgeschichte schien ihm ein geeignetes Sujet. Er frug sie über gelesene Bücher ab, sie trafen sich kurz auf dem Zauberberg oder am Château de´If aber nur im Vorbeigehen ohne Gruß, sie verödeten aneinander. „Ich habe gestern erfahren, dass sie meinen Mann am Unfallort behandelt haben“, sagte sie, um die peinliche Kluft der Mitteilslosigkeit zu überbrücken; sie hätte dies nicht tun sollen, ahnte aber von Justus tieferen Gedanken nichts. In Justus arbeitete es entsetzlich. Der soeben servierte und elegant von ihm noch aufgebrochene Hummer, klebte ihm am Gaumen. Er durfte auf keinen Fall die Courtenance verlieren, sagte er sich. Noch sechs Gänge, ich muss durchhalten. Den gerade noch ausgesponnenen Gedanken, die Schönheiten der Bergwelt im Allgemeinen und diejenige des Tessin, von der er ausging Yvonne würde sie kennen zu würdigen, musste er vorerst verwerfen, ebenso das alternativ erwogene Gespräch über die heiteren Geschichten Brentanos, vielleicht ergab sich später noch Gelegenheit hieran anzuknüpfen. Zunächst musste er eine Unterhaltung über den Tod von Yvonns Mann und die Umstände unbedingt zartfühlend abwürgen. „Als ich ihren Mann sterben sah und all meine ärztliche Kunst, die ich aufbot, angesichts des unvermeidlich nahenden Todes nichts mehr ausrichten konnten, erinnerte ich mich an ein Lied Davids. Ich hörte es schon in meiner Kindheit; Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft, denn er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde. Auf Adlersflügeln schwang ich empor aus allem Schmerz“, fügte er an. Yvonne schwieg den sechsten Gang lang, empfindsam in sich versunken wie Justus zufrieden bemerkte. Lieben würde sie ihn dafür allerdings nicht, dass schien ihm klar, aber dankbar sein. Die Gefahr, sie könnte ihn verachten und gefährlich werden, ihm vorwerfen, er habe dem noch warmen Toten in die Gesäßtasche gegriffen, 680.000 DM herausgezogen und ihn schließlich der Unterschlagung bezichtigen, war vorläufig gebannt aber nicht endgültig. Während sie dasaß und er sie betrachtete dachte er, es müsse einen weniger mühseligen Weg gegeben, um ganz sicher zu sein, ich werde sie töten müssen. Als der 7. Gang soeben serviert war, begann er mit zaghafter Stimme über Brentano zu sprechen, über das sich wiegende Lebensschifflein, den Raum in kleinsten Hütten, von Straßen und Gässchen alter Handelsmetropolen, von Arbeiten im Walde an dem neuen Waldschlösschen und plötzlich waren sie mittendrin im Zauberhaften, in einer ineinander verschmolzenen Fantasiewelt. Sie zogen mit Traugott Taugenichts an Mühlen vorbei ins Licht, stiegen mit Dostojewski in ein Kellerloch, verzweifelten an Anna Karenina und lösten sich in alten Märchen auf. Es war ein Aufflackern, vielleicht das erste, für Justus jedoch unabdingbar das letzte. Beide, Yvonne und Justus dachten gerne an diesen Abend zurück und beiden zog dabei ein Stich durch ihr Herz. Yvonne weil bei ihr ein zärtliches Gefühl zu keimen begann und Justus, weil in ihm eine zwar verkümmerte, beinahe tote Saite seiner Seele trotz allem milde zu schwingen begann und er an die bevorstehende Tötung dachte. Beide wollten sich darum wieder sehen und die Gelegenheit hierzu ergab sich schon wenige Wochen später in Justus Klinik.Der Behandlungstermin war seit langem ausgemacht. Yvonne betrat das Behandlungszimmer in einer gewissen Vorfreude. Justus empfing sie mit Perlen von Schweiß auf seiner Stirn und kalten Händen, er vermied einen direkten Blick in ihre immer noch leuchtenden Augen. Yvonne, ich befürchte, ich muss dich töten, dachte er und sagte, er habe die Laborwerte nochmals überprüft, die MCV Werte, MCH, MCHC, Thrombozyten, Neutrophile und Lymphozyten Werte wären kumulativ betrachtet nicht Besorgnis erregend aber außer der Norm, um tiefer greifenden Beschwerden vorzubeugen sei eine intravenöse Behandlung mit… erforderlich. Während er redete, zog er die Spritze auf, der trügerische Saft perlte aus der Spritzenspitze, er schob den Ärmel der den bereitwillig hingestreckten Arm bedeckenden Bluse über den Ellenbogen und setzte an einzustechen. Mitten im Finale begann er jedoch auf einmal zu zögern, seine Spritzenhand, die Rechte fing an zu zittern, mit der linken Hand umkrallte er verkrampft Yvonnes harten Arm, der sich vor wenigen Sekunden noch sanft in seine Umklammerung schmiegte. Er hatte sich überschätzt, er war unsicher geworden, ob er Yvonne wird töten können. Unter einer enormen innerlichen Anspannung gelang es ihm endlich sich von allem freizumachen, er hatte es geschafft, er würde es fertig bringen, seine Hände wurden wieder locker, die Spitze der Nadel berührte bereits Yvonnes Haut und drang schon sanft ein, der trügerische Saft bewegte sich als Yvonne ihren Arm plötzlich ruckartig zurück zog, noch bevor er abdrücken konnte. Seine Zweifel hatten ihm zu viel Zeit gekostet, dachte Justus. Da war Yvonne schon weg, mit einer trügerischen Spur auf ihrer Haut.

III

Zwischenakt

Es war ungewöhnlich kalt an diesem Maimorgen und es regnete unaufhörlich. Der Weg zur JVA schien mir seltsam unvertraut. Die letzten 300 m zur Pforte war Fußweg. Der satte Regen tränkte mich. Ich genoss diese unverfälschte natürliche Einwirkung, ich musste wieder an Anna denken und daran, dass es auch in Tallin regnete und sie vielleicht an mich denkt. Der Pförtner winkte mich durch. Ich trat vor die geschlossene Tür des Verhörraums und blickte durch die Scheibe auf Justus. Ich blickte in ein schönes Gesicht, auf volles blondes verwegen und in wohl dosierter Kürze, geschnittenes Haar, tief gebräunte Haut und in Augen, deren Klarheit im Hellblau ihrer Iris sich spiegelte. Seine Lippen waren sinnlich geschwungen und bildeten den idealen Kontrapunkt zu seinem energischen Kinn. Ein Monjourbärtchen komplettierte das außergewöhnliche Erscheinungsbild dieses Mannes. Er wollte nicht zu der Geschichte passen, die aufzuklären ich hier war. Ich trat in den kalkweißen Raum. Auf vier fensterlose Quadratmeter waren ein Tisch und vier Stühle verteilt. Außer der anonymen Erzählung und der im Anschluss gewonnenen Aussage der Zeugin Bischoff, sie habe den Eindruck gehabt, er habe sie töten wollen hatte ich nichts in der Hand, lediglich der Unfall ließ sich anhand des Berichtes nachvollziehen und so die Identität der beteiligten Personen ermitteln, jedoch konnte eine Kontobewegung nicht festgestellt werden und auch sonst kein wasserdichter Beweis, es blieb der dringende Tatverdacht, fußend auf dem Bericht und der Aussage der Zeugin, also verfiel ich auf die rudimentärste Verhörtaktik, nämlich alles einfach laufen zu lassen. Und es lief und zwar deshalb, weil ich in dieser Zeit unprofessionell war, weil ich an Anna dachte, sie vermisste und deshalb ein empfindsames Herz hatte. Ich kann und brauche nicht schildern, wie jedes einzelne Verhör der folgenden zwei Wochen verlief, denn es lässt sich zusammenfassen in der Schilderung des ersten und, dies ist für das Ende unserer Geschichte vorbehalten, letzten Zusammentreffens von Justus und mir. Nun, für das erste hatte ich einen halben Tag eingeplant. Davon ein paar Minuten für eine unauffällige, behütete Kindheit im Wohlstand seiner Eltern, etwas mehr für den Sturm und Drang und dann für seine Ehegeschichte, in der ich die Ursache für die, wie ich meinte, versuchte Beziehungstat vermutete. Für den nächsten Tag war dann die Vernehmung seiner Frau Claire angesetzt. Anschließend wären die Puzzleteile zusammenzusetzen und Justus darin das Abbild unumstößlicher Wahrheit vorzuhalten. Doch es kam anders. Weil ich es laufen ließ und, wie Justus bemerkt hatte, empfindsam war, rollte er sein Leben auf. Er hatte die vergilbte Rolle aus den stummen Räumen seines Herzens herausgeholt und ans Licht gebracht, die Rolle, für die keiner sich zu interessieren schien, die Rolle des Scheiterns an sich selbst, über die jetzt endlich ein gerechtes Urteil gefällt werden sollte. Und so stieg Justus ein, mit schönem Timbre, das von allen Ecken des kalkweißen Würfels, in dem wir saßen, widerhallte und diesen Widerhall habe ich festgehalten.

IV

Frühe Kindheit

Der Prozess war schleichend, begann meiner Einschätzung nach aber in dem Jahr, als Justus sieben wurde und schritt fort, in immer tiefer expandierenden Amplituden bis zur vollkommenen Verkümmerung. Justus war, wie so viele, ein fröhlicher, neugieriger Junge, mit frechen Sommersprossen auf der kleinen Nase und hellen aufgeweckten Augen. Justus Vater war zu dieser Zeit bereits ein etablierter Arzt und Justus sah ihn zunehmend seltener, was von der Gegenwart seiner Mutter und der wachsenden Zahl von Spielkameraden und anderen Bezugspersonen vor erst noch kompensiert wurde, darunter eine Großtante, herrisch, mit aufgepausten stets geröteten Wangen und über die, von zeitlebens mühseliger Arbeit wuchtig gewordenen Arme, aufgekrempelten Ärmeln. Die gestärkte weiße Schürze war ihr Habit. Hühner enthauptete sie und rupfte sie mit derselben Selbstverständlichkeit, wie Sie Justus bei seinen häufigen Besuchen in die Arme schloss und ihm von ihrem Mann und ihrem Sohn erzählte. Eine Kohlezeichnung zeugte von beiden, straffe, kohlige Striche, an den Rändern verstaubend und doch frisch, klar konturiert, Vater und Sohn aneinander vorbei schauend, ausgehöhlte an hohle Wange nach kollwitzscher Manier, aber voller Zuneigung und an den Betrachter appellierend, er möge sie nicht vergessen. Beide Weltkriege hatten ihr sie genommen. Justus liebte den Knupperkuchen. Eine Herausforderung für jeden Milchzahn. Seine Großtante buk den Butterkuchen, üppig bestückt mit den gelben Butterflocken und liebevoll überzuckert ein paar Tage bevor Justus sie besuchte und stellte das schon von ihren Voreltern verwandte, eisern schwarze Backblech mit dem nach Butter duftenden Gebäck auf die emaillierte weiße Kalksteinfläche, die den gewölbten Ziegelbackofen nach oben plan abschloss. Die sanfte Ofenhitze trocknete den Kuchen langsam aus und ließ ihn so angenehm knuspern, zur Freude des kleinen Jungen, der voller Vergnügen mit seinen Milchzähnen die krümelnden Teigkörnchen zerrieb. Unweit des Häuschens seiner Großtante zuckelten Züge über einen Erddamm. Justus Großtante drückte ihm hie und da eine Kupfermünze in die Hand. Er rannte die vier steinernen Stufen hinauf aus der grob gefliesten in das Erdreich Schenkel tief eingelassenen Küche in den Garten, vorbei an einem alt und mächtig gewordenen Birnbaum, 2- 3 saftige Birnen aufklaubend, über Hecken und einen, bis auf den Boden geknickten, verrosteten stacheligen Drahtzaun, die steile, steinige, Grasbüschel vernarbte Böschung hoch bis zu den Gleisen. Dort oben wartete er auf den herannahenden Zug, um die Kupfermünze umständlich, voll kindlicher Aufgeregtheit auf einen der rostbraunen und nur in einem schmalen Streifen blankpolierten Gleisstrang zu legen, damit der über Sie rollende Zug sie platt walzte. Von dort oben aus betrachtete er das windschiefe Haus, das seine Großtante zusammen mit ihrem Mann kurz nach dem Ersten Weltkrieg errichtet hatte. Es war klein, geduckt, bestand aus einem Raum zum Schlafen, einem zum Wohnen und der Küche, in der immerfort gewirtschaftet wurde. Es war das einzige bewohnte Haus inmitten von Gärten. In dem Garten seiner Großtante wuchsen Stangenbohnen, die zur Schnippelbohnensuppe wurden, Erdbeeren, die in Schlagsahne badeten, Stachelbeerkompott, Walnüsse, die sein Vater mit dem Luftgewehr abschoss, Johannisbeeren in rot weiß schwarz, Kohlköpfe so dick und rund wie sein eigener, kurz um alles was glücklich macht. Auch die Hühner, 100 an der Zahl, die in ihrem großen Stall aufgeregt umhergackerten waren glücklich, selbst wenn der Hahn sie ignorierte, oder sie kopflos im Garten umherrannten, bis sie gerupft im Suppentopf landeten und vielgeteilt das Gemüse grüßten. Und dann gab es noch den Dachboden, in den man von außen über eine hölzerne Trittleiter durch eine Luke gelang. Seine Großtante, die selber schon zu alt war, um die Leiter empor zusteigen, hatte ihm das Betreten des Dachbodens strengstens verboten, wohl wissend, dass gerade dies ihn besonders reizte und so übersah sie geflissentlich seine Ausflüge dorthin, wobei sie es sich nicht verkneifen konnte in regelmäßigen Abständen an das Verbot zu erinnern. Und jedes Mal wenn er beteuerte, niemals gegen das Verbot verstoßen zu haben, selbst wenn sie zusah, wie er die Leiter herab stieg lachte sie so mehrdeutig, dass er anfing zu grübeln, ob es nicht doch besser sei, sich an das Verbot zu halten, doch die Verlockung machte alle guten Vorsätze zunichte und so lange die süßen Früchte, der Kuchen und all die Leckereien nicht ausgingen, war nichts wirklich Ernsthaftes zu befürchten. Der nach oben spitz zulaufende Dachboden roch nach Dachpappe, nach dem Leder alter Sättel, rostigen Hufnägeln und merkwürdigen Dingen, wie Stühlen mit zwei ganzen und einem halben Bein, einem Puppenhaus samt Schaukelpferd in Schuhkartongröße, in dem Zinnsoldaten hausten und sich Streichholzkopf große Pfannkuchen brieten, Marionetten am seidenen Faden und alten Büchern in noch älteren Koffern. Es war sein Eldorado, genau wie oben am Bahndamm, knapp unterhalb der Dammkrone, an der er sich duckte, nachdem er seine Kupfermünze platziert hatte und in den Wind lauschte, bis er schließlich den herannahenden Zug vernahm, immer lauter, immer gewaltiger und wie es ihm schien immer schneller werdend, mit seinen stählernen Rädern die Stahlgleise massierend. Dann presste er sich noch stärker auf Stein und Gras der Böschung, freudig und ängstlich zugleich, bis der monströse Zug fauchend, kreischend und übermächtig aus ungezählten Waggongs in einer halben Ewigkeit an ihm vorbeigehämmert war und hoffentlich seine kleine Münze wie von Zauberhand in einen platten Kupferteller verwandelt hatte. Er kauerte, bis nur noch ein fernes Grollen zu hören war und die roten Lichter mit dem Zug verschwanden. Dann stürzte er auf den Gleisschotter, wühlte, bis er das Kupferstück fand, die Prägung platt gewalzt, beinahe vollständig eingeebnet, die eins bereit und fett, das Eichenblatt nur noch ein Hauch und er steckte seinen Schatz in die Tasche seiner Böx und ging glücklich zurück. Fragten seine Eltern ihn, wo er gewesen sei, antwortete er, nirgends, womit sie meistens zufrieden waren. Fragten sie hartnäckiger und drohten mit Speiseeisentzug für mindestens eine Woche oder was noch schlimmer war, mit der ersatzlosen Vernichtung des Geburtstags- und Weihnachtswunschzettels, gestand Justus am stacheligen Drahtzaun gewesen zu sein, den Bahndamm erwähnte er nicht, schon gar nicht, dass er an den Gleisen war, auch seine Großtante hielt dicht und meinte nur, Jungs sind keine Nachtigallen. Justus war sehr traurig als seine Großtante starb. Der Tod war mit sieben für ihn aber nicht greifbar, er hatte nicht die geringste Vorstellung hierüber und so kicherte er im Leichenzug trotzdem es furchtbar war.

V

Fortschritte und Rückschläge

Seither waren zwei Jahre vergangen, Justus war Notenprimus in seiner Klasse. An einem Nachmittag im Sommer, Justus war wie meistens nach der Schule mit den Kindern aus der Nachbarschaft auf einer Brache Bolzen und auch diesmal hatte der Maulwurf und sein Hügel das Spiel entschieden, sagte plötzlich einer der Nachbarsjungen:

“Was wäre, wenn einer von uns nackt mit dem Fahrrad durchs Dorf fährt?“ Diese spannende Frage wurde nun von der Mehrheit der Jungen, beinahe ebenso gute Bolzer wie der Fragesteller, mit ansonsten aber noch wenig ausgeprägten Fähigkeiten, mit Spannung aufgenommen. Diejenigen allerdings die sowieso nur geduldet waren bekamen Angst, denn jeder von diesen fürchtete das Opfer sein zu müssen, über das man noch Jahre lacht. Einige, auf die sich die Blicke der Mehrheit richteten, rannten, als ginge es um ihr Leben über Stock und Stein nach Hause, doch Justus hatte im entscheidenden Augenblick gezögert. Er war der letzte der Geduldeten der noch da war und nun begann es. Auf ein Kopfnicken des Initiators und Anführers wurde Justus von zwei Gehorsamen gepackt. Justus Kräfte reichten nicht aus, die Umklammerung zu sprengen. Er strampelte und ruderte hilflos umher und erzeugte damit bei der Horde nur mehr Heiterkeit. Er wurde dann auf Befehl in den Schwitzkasten genommen. Der Befehlsempfänger drückte mit seinem Arm auf Justus Kehle, und je mehr sich Justus bewegte umso kräftiger drückte der Junge zu. Schließlich gab Justus jeden Widerstand auf. Die Jungen um ihn herum johlten und begannen, ihn Stück für Stück auszuziehen. Einmal noch bat er sie, aufzuhören, aber der Spaß war einfach zu groß und jetzt wollten sie ihr Vorhaben auch verwirklicht sehen. Morgen, ja morgen würden sie ihn wieder mitbolzen lassen, denn eigentlich war er ja ein netter Kerl nur jetzt, jetzte würden sie ihm zeigen, wo seine Grenzen sind. Als er schließlich ganz nackt war und sein kleiner Körper zitterte, setzten sie ihn auf sein Kinderfahrrad und trieben ihn durch das Gebiet in dem sie wohnten. Sie liefen hinter ihm her und trieben ihn an: „Fahr Justus, fahr!“ „Zur Hölle“, flüsterte einer. Einige warfen kleine Steine auf seinen Rücken, damit er schneller führe und nicht aufhöre. Irgendwann waren sie des Laufens müde, lachend ließen sie Justus davon fahren. Justus fuhr nackt weiter, Tränen verschleierten seinen Blick. Er schämte sich und als er die Rhododendren sah fuhr er hin und versteckte sich, bis schließlich ein Nachbar auf ihn aufmerksam wurde, sein Jackett um ihn legte und ihn nach Hause brachte. Justus Mutter schloss ihren nackten Jungen in ihre Arme und weinte, während ihr Nachbar knapp erzählte, wie er Justus schon auf dem Fahrrad fahrend und dann unter den Rhododendren verschwinden sah. Die Vorgeschichte kannte er nicht und was er dachte wissen wir nicht. Justus Mutter brachte ihren Sohn schließlich in sein Bett und saß auf der Kante, bis er eingeschlafen war. Justus blieb stumm. Als seine Mutter ihn am andern Tag frug, weshalb er so mit dem Fahrrad gefahren sei, sagte Justus, es sei alles nur ein Spiel, eine Mutprobe gewesen, es täte ihm leid. Er wollte keinen verpetzen, aus Angst, dass sie ihn dafür bestrafen würden. Der Gedanke, dass er schuldlos war und Opfer boshafter Willkür, kam ihm nicht. In seiner kleinen Welt hatten solche Gedanken noch keinen Eingang gefunden. Als sein Vater am Abend des nächsten Tages nach Hause kam schlief Justus bereits. Er fragte seine Frau, warum Justus nicht zur Schule gegangen sei, sie sagte, er schäme sich, weil er nackt mit dem Fahrrad umhergefahren war. Justus Vater schüttelte verständnislos den Kopf und ordnete den Schulbesuch an. Justus Eltern erfuhren über die Umstände des Vorfalls einige Zeit später von einem Nachbarsjungen. Er hatte sich nach Justus erkundigt und ihn besucht. Dieser Junge war ebenfalls mit von der Partie gewesen, auch wenn er Justus selbst nicht mit ausgezogen und die Kleidungsstücke in eine Pfütze geworfen hatte. Er hatte auch kein Steinchen auf ihn geschmissen und nur einmal, während er hinter Justus herlief mitgejohlt. Er sagte, spätestens als die ausgesprochene Idee Gestalt gewann und die Blicke sich zu Justus hin verdichteten, sei ihm das Unrecht klar gewesen. „Es tut mir leid“, sagte er und biss ein Stück eines Fingernagel ab. „Warum hast du mit gemacht?“, frug Justus Mutter. Der Junge antwortete nicht und ging traurig nach Hause.

Einmal, kurz nachdem Vorfall setzte sich sein Vater an sein Bett und erzählte, wohl um ihn zu trösten, Geschichten von Rittern, Indianern und Cowboys und wie die Helden mit Mut und Zuversicht auch die unmöglichsten Gefahren überstehen und am Ende triumphieren. Im Aufstehen tätschelte er Justus Wange und schloss die Tür leise hinter sich. Triumphe blieben Justus während seiner Schulzeit versagt. Er blieb ein Geduldeter, durchaus gemocht. Hin und wieder musste er harmlosere Hänseleien aushalten,