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Was mir an den Gesprächen mit meinem Vater am meisten fehlt, das sind die Gespräche an sich! Was uns tagtäglich so selbstverständlich erscheint und was wir erst dann vermissen, wenn wir es nicht mehr haben, das sind unsere Gedanken. In jedem Augenblick unseres Lebens denken wir über so vieles nach. Über die Vergangenheit, die Gegenwart oder aber die Zukunft. Was aber, wenn wir keinen klaren Gedanken mehr fassen können? Wenn uns die Möglichkeit genommen wurde, in logischen Schritten zu denken oder die Zusammenhänge zu begreifen! Genau das ist in unserer Familie passiert, und es lässt sich auch nicht in Worte fassen, für wen so eine Situation schlimmer ist. Für den Betroffenen selbst, der ja klare Momente hat und dementsprechend alles versteht und dann mit einem Schlag weiß, was so furchtbares passiert ist oder für die nächsten Verwandten, denen fast jede Möglichkeit genommen wurde, sich mit der betroffenen Person ganz normal zu unterhalten oder gar ein geregeltes Leben zu führen. Dies kann niemand so genau sagen.
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Uwe Plesotzky
(K)ein klarer Gedanke
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einblicke in die Vergangenheit
Die ersten Anzeichen
Der Tag X
Die ersten Tage im Krankenhaus
Klinikalltag
Von Steinen und Bürokraten
Der schlimmste Fall
Der wichtigste Wunsch
Die Übergangslösung
Frechheiten und Indiskretionen
Wahrheit oder nicht
Wiederholungen
Die Einrichtung
Nervenkrieg
Das geschlossene Heim
Nachwort
Impressum neobooks
Was mir an den Gesprächen mit meinem Vater am meisten fehlt, das sind die Gespräche an sich!
Was uns tagtäglich so selbstverständlich erscheint und was wir erst dann vermissen, wenn wir es nicht mehr haben, das sind unsere Gedanken. In jedem Augenblick unseres Lebens denken wir über so vieles nach. Über die Vergangenheit, die Gegenwart oder aber die Zukunft.
Was aber, wenn wir keinen klaren Gedanken mehr fassen können? Wenn uns die Möglichkeit genommen wurde, in logischen Schritten zu denken oder die Zusammenhänge zu begreifen!
Genau das ist in unserer Familie passiert, und es lässt sich auch nicht in Worte fassen, für wen so eine Situation schlimmer ist. Für den Betroffenen selbst, der ja klare Momente hat und dementsprechend alles versteht und dann mit einem Schlag weiß, was so furchtbares passiert ist oder für die nächsten Verwandten, denen fast jede Möglichkeit genommen wurde, sich mit der betroffenen Person ganz normal zu unterhalten oder gar ein geregeltes Leben zu führen. Dies kann niemand so genau sagen.
Wer kann schon ahnen was es für einen Betroffenen bedeutet, wenn er von einer Sekunde auf die andere plötzlich vollkommen klar ist. Er sieht sich um, und stellt fest, dass er nicht mehr in der Umgebung lebt, die ihm doch immer so vertraut war, dort wo er sich immer so sicher gefühlt hat, nur um im nächsten Augenblick wieder vollkommen wegzutreten. Diesen Schmerz wird niemand in Worte fassen können.
An manchen Tagen sitze ich still in einer Ecke und möchte nur noch losheulen, aber das kann ich nicht, denn ich muss stark sein, stark genug, um meinem Vater zu helfen und ihm ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Und dennoch will ich mich nicht beklagen, den ich gehöre zu den glücklichen Menschen, denen ein Partner an der Seite steht, der alles mit einem teilt. Wie froh und glücklich ich darüber bin, dass ich eine so herzensgute Frau habe, das kann ich nicht schreiben. Es gibt dafür noch keine Worte, aber ich möchte ihr hier an dieser Stelle meinen Dank ausdrücken. Es ist nicht selbstverständlich, dass einem die Partnerin immer den Rücken stärkt.
Ich habe diese tragische Geschichte hier niedergeschrieben, um all jenen Menschen, denen es so oder so ähnlich geht zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Mein Vater wird immer ein Teil unserer Familie sein, denn wenn er schon keinen klaren Gedanken fassen kann, dann soll er wenigstens ihm vertraute Menschen um sich haben. Und die wenigen klaren Momente, die soll er in vollen Zügen genießen können, und ebenso wollen wir sie auch mit ihm zusammen erleben. Wir werden versuchen das Beste daraus zu machen, denn Leben ist mehr als nur der Gedanke daran!
Damit man die Krankheitsgeschichte meines Vaters überhaupt verstehen kann, komme ich an dieser Stelle nicht umhin einen kurzen Einblick in das Leben meines Vaters zu geben.
Seine gesamte Kindheit hat er gut behütet verbringen dürfen. Seine Eltern haben sich immer um ihn gesorgt, und aufgepasst, damit er einen guten Start in das Leben bekam. Leider unterscheidet sich meine Familie von anderen ganz normalen Familien in einem sehr entscheidenden Punkt. So wuchs mein Vater auf und wusste, dass er geliebt wird, aber diese Liebe wurde niemals gezeigt. Keine Umarmung, kein Kuss, und auch sonst wurde niemals, weder in der Öffentlichkeit noch privat jemals Liebe in körperlicher Form gezeigt oder entgegengebracht.
So wie er selbst als Kind niemals Liebe erfahren durfte, so war er auch als Erwachsener nicht in der Lage, seine eigene Liebe weiterzugeben. Das wir als Kinder dann ebenso kalt aufwuchsen, dies kann man sich dann ja auch leicht ausrechnen. Mit Worten kann man dies alles nicht beschreiben, nur den Versuch machen es zu verstehen. Er heiratet mit dreiundzwanzig Jahren und gründete seine eigene Familie. Dass seine Ehe zerbrach, daran war er Mitschuld, da er wohl nicht in der Lage war, seine Liebe auszudrücken. So ging es mir selbst ja dann auch, denn woher sollte ich wissen, was eine liebevolle Umarmung ist, oder wie wichtig ein liebes Wort oder ein Kuss sein kann.
Ich kann hier die Dinge nur so niederschreiben, wie ich sie selbst erlebt habe, und so wie sie mir später berichtet wurden. Menschen neigen ja bekanntlich dazu die Schuld lieber bei anderen zu suchen. Vielleicht wurde mir ja auch nicht alles immer so berichtet, wie es tatsächlich war.
Ich wuchs bei meinem Vater auf, oder vielmehr bei meinen Großeltern, wobei meine Oma mich nicht besonders gut leiden konnte, und das war wohl noch sehr vorsichtig ausgedrückt. Sie ließ keine Gelegenheit aus, um mich zu ärgern oder mich schlecht dastehen zu lassen. Ich wurde wohl von ihr dafür verantwortlich gemacht, dass die Ehe kaputt ging und meine Schwester darunter zu leiden hatte. Sie lebte bereits schon seit ihrem dritten Lebensjahr bei meinem Großeltern. Obwohl ich damals erst drei Jahre alt war, machte mich meine Oma für diese Dinge verantwortlich. Ich durfte ja auch nur bei meinem Vater leben, weil meine Großeltern zugestimmt hatten, dass sie sich auch um mich kümmern würden. Sie konnten das ja auch schlecht ablehnen, da mein Vater ansonsten sicher nicht bei diesem wirklich hässlichen Spiel mitgemacht hätte.
Was aber noch viel schwerer wog, war die Tatsache, dass er von nun an immer alles mit seinen Eltern abstimmen musste. Nicht dass sie es jemals böse mit ihm gemeint hätten, aber sie wollten nicht noch einmal erleben wie ihr Sohn unglücklich wird. Aber sie taten ihm damit keinen Gefallen.
Irgendwann bekamen meine Großeltern es dann mit, dass mein Vater eine Freundin hatte. Es gab viel Ärger deswegen, und sie sprachen mit ihm darüber und fragten ihn nur, wie er so etwas machen könnte. Er hätte doch Kinder und die seien wichtiger. In dieser Art wurde das ganze Gespräch geführt. Ich verstand das alles nicht, ich war erst ca. zehn Jahre alt, aber ich wusste schon ganz genau, dass er auch das Recht hatte, eine Freundin zu haben. Eigentlich freute ich mich darüber, denn es hätte für mich ja auch eine große Veränderung in manchen Dingen bedeutet, wenn mein Vater jemals wieder mit einer anderen Frau zusammengezogen wäre. Zugegeben, für mich hätte es im Großen und Ganzen nur besser werden können. Vielleicht war auch das der Hauptgrund, warum meine Großeltern so dagegen waren. Meine Schwester unterstützte sie ja auch nach besten Kräften. Das Ende war dies, mein Vater hat sich nie wieder eine Frau genommen. Sie hatten es endgültig geschafft, er hatte nun auch kein Privatleben mehr. Wahrscheinlich war ich damals der Einzige, der es ihm gönnte, ich hatte mich für ihn aufrichtig gefreut. Es war auch die Zeit, in der ich mitbekam, dass er ganz gerne mal ein paar Flaschen Bier trank. Wahrscheinlich wollte er nur seinen Kummer ertränken. Nie wieder eine Partnerin, nie wieder eine eigene Familie, wenn einem Menschen all diese Dinge untersagt werden, wo liegt dann noch der Sinn des Lebens?
Ich habe mich immer gern und viel mit meinem Vater unterhalten, und seine Meinung war mir ein Leben lang immer sehr wichtig gewesen. Was es bedeutet ein ganz normales Leben zu führen, dass weiß man meistens erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr möglich ist. Bis zu jenem schicksalshaften Tag im April 2011 führten auch wir ein ganz normales Leben, und mein Vater war trotz seiner 68 Jahre sehr gut beieinander. Wie in jeder anderen Familie, so gab es auch bei uns Probleme und es ging mal gut und manchmal schlecht. Aber eigentlich hatten wir keinen Grund uns zu beschweren, denn wir mussten keinen Hunger leiden und hatten immer ein Dach über den Kopf.
Mein Vater ist in seinem ganzem Leben niemals zu einem Arzt gegangen, und trotzdem ging es ihm eigentlich immer recht gut. Er war gesund und hatte seinen Blinddarm noch genauso wie seine Mandeln. In seinem gesamten bisherigen Leben hat er niemals eine Spritze bekommen, musste sich keiner Operation unterziehen und hat auch niemals in einem Krankenhaus gelegen. Wie eben schon erwähnt, war er nur sehr selten krank, und wenn dann handelte es sich meistens um eine einfache Erkältung oder eine Magen-Darm-Grippe. Nichts was man nicht auch alleine auskurieren konnte. Niemand aus der Familie versuchte ihn dazu zu bewegen, einen Doktor aufzusuchen, denn wenn jemand dieses Thema ansprach, dann wurde er recht ungehalten. Da es ihm offensichtlich gut ging, und er auch keine Schmerzen hatte, jedenfalls bekamen wir es niemals mit, drängte ihn auch niemand ernsthaft zu einem Arztbesuch. Sicherlich mochte er die Ärzte nicht besonders, denn zu einem Doktor geht man nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. In unserer Familie wurden manche Themen eben einfach nur ausgeschwiegen. Niemand sprach vom Tod oder von Krankheiten. Jedenfalls keine ernsthaften Erkrankungen oder dem Tod eines nahen Angehörigen. Erst als Erwachsener befasste ich mich nach und nach mit diesen Dingen. So kannte mein Vater es eben sein Leben lang nicht anders, als das ein Arzt etwas schlechtes ist, etwas was man besser meiden sollte. Aus diesem Grunde sprach er auch niemals über solche Themen. Da wir alle es wussten, redete natürlich auch niemand von uns darüber, denn warum sollten wir ihn böse machen, wenn es ihm doch auch gut ging.
Heute, im Nachhinein betrachtet, bin ich davon überzeugt dass man vieles von dem, was jetzt für uns die harte Realität ist, hätte vermeiden können, wenn wir ihn nur früher zu einem Arztbesuch hätten überreden können. Da er aber über diese Art von Gesprächen sehr schnell böse wurde, versuchten wir es mit der Zeit immer weniger und seltener. Alles schien zu funktionieren, so wie es eben nun mal war. Keiner von uns wollte ihn unnötig aufregen oder ärgern. Mein Vater war für mich immer ein besonderer Mensch, und ich hielt sehr große Stücke auf das, was er sagte. Wie oft habe ich ihn um seine Meinung gebeten. Sicherlich hat er sich niemals in meine Dinge eingemischt, aber alleine nur die Tatsache, dass er mir zuhörte und mich immer genau verstand, war für mich etwas sehr wichtiges. Er wusste genau was ich meine, wenn ich etwas sagte. So wie es eben nur zwischen Vater und Sohn sein kann. Genaugenommen war er nicht nur mein Vater, sondern auch ein sehr guter Freund. Ich wusste immer genau, egal was ich auch tun würde, er lässt mich niemals fallen.
