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Kaffee - alltäglicher Begleiter vieler Menschen. Doch was ist, wenn er nicht nur anregend, sondern auch magisch wirkt? Welche Geheimnisse verbergen sich in seinen schwarzen Tiefen? Zehn Geschichten laden ein, eine ganz andere Seite des Kaffees kennenzulernen - überraschend, tragisch, phantastisch - und zeigen, dass auch im Kaffeesatz noch immer etwas Gutes steckt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Das Buch
Kaffee – alltäglicher Begleiter vieler Menschen. Doch was ist, wenn er nicht nur anregend, sondern auch magisch wirkt? Welche Geheimnisse verbergen sich in seinen schwatzen Tiefen?
Zehn Geschichten laden ein, eine ganz andere Seite des Kaffees kennenzulernen – überraschend, tragisch, phantastisch – und zeigen, dass auch im Kaffeesatz noch immer etwas Gutes steckt.
Die Münchner Schreiberlinge e.V.
sind ein Verein von engagierten, aufgeschlossenen Autorinnen. Kennengelernt haben wir uns in Schreibkursen, Leserunden, Buchveranstaltungen und treffen uns seit Anfang 2017 regelmäßig einmal die Woche zum gemeinsamen Austausch, Schreiben und Lesen.
Einige von uns haben bereits Bücher veröffentlicht, andere schreiben nur für sich und genauso vielfältig wie wir sind auch unsere Texte und Genres.
Mehr zu uns und unseren Aktivitäten findest du in den Social Media.
Hast du einen Bezug zu München und möchtest dich uns anschließen oder uns unterstützen? Hier findest du alle Informationen zu unserem Verein: www.muenchner-schreiberlinge.de
Vorwort
Sarah Malhus
Wachmacher
David Knospe
Barnabas – deus ex capulus machina
Jenny Wood
Café au Lethe
Iva Moor
Licht und Nachtschatten
Katharina Bode
Kaffeemannsgarn
Roxane Bicker
Wächterinnen
Marina Wolf
Katzenkaffee
Lidia Kozlova-Benkard
Rendezvous auf dem Dachboden
Lucia Herbst
Der Fee namens Kaf
Peter Michael Meuer
Cappudschinni
Danksagung
Die Autor*innen
Tags zu den einzelnen Geschichten
Inhaltshinweise / Content Notes
Kaffee
Frisch aufgebrüht
Weckt mich auf
Du trinkst mit mir
Herzrasen
Sarah Malhus
Diese Anthologie ist eine Reste-Rampe. Ein Abfallprodukt. Der Kaffeesatz.
Im Jahr 2020 hat der Art-Skript-Phantastik-Verlag die Ausschreibung Die Kaffeefee veröffentlicht – unglaubliche 243 Geschichten wurden eingereicht, 12 kamen in die Anthologie. Und die anderen 231?
Aus Kaffeesatz kann man tolle Dinge machen – er dient als Blumendünger, Kosmetik, Reiniger, ja, manche lesen sogar die Zukunft daraus!
In diesem Buch versammeln sich also zehn Kaffeesatz-Geschichten, rund um die magische Wirkung und die besonderen Eigenschaften des beliebten Getränkes. Brüht euch einen Kaffee auf – schwarz, mit Milch, mit Zucker? – und genießt, was der Kaffeesatz für euch bereit hält.
Mina gähnte. Sie würde sich nie an die Arbeitszeiten gewöhnen.
Langsam schritt sie an dem schmiedeeisernen Zaun entlang und kontrollierte ihn sorgfältig auf Beschädigungen. Dabei leuchtete sie die Umgebung mit einer Laterne aus, was das Ganze mühsamer gestaltete, als es mit einer batteriebetriebenen Taschenlampe gewesen wäre. Aber wie hatten Mama und Oma immer gesagt: Tradition beschützt und stärkt uns. Halte sie hoch, ignoriere den modernen Schnickschnack! Folglich keine Taschenlampe für Mina, sondern eine antiquierte, rußüberzogene Laterne mit Stummelkerze, die gerade so für einen Kontrollgang reichte.
Mina beendete ihre Runde vor dem Friedhofstor. Dieses imposante Gebilde markierte den Eingang zum Friedhof, dessen Beschützerin sie war. Fast drei Meter maß es an seinem höchsten Punkt. Schwarzes Metall schimmerte in spärlichem Licht. Die zahlreichen Ornamente, aus denen das Tor bestand, erzählten eine Geschichte über die Entstehung des Friedhofs. Mit ihr war Mina aufgewachsen, dort hinten, in dem kleinen Totengräberhäuschen. Außerdem sprach das Tor eine Warnung gegen alle aus, die sich ungefragt Zutritt verschaffen wollten: Überschreite diese Schwelle mit dem Wissen, dass deine Qualen nie enden werden.
Zugegeben, die Drohung schien wegen der fehlenden Präzision nicht sonderlich furchteinflößend, aber Mina wusste aus Erfahrung, dass das Tor nicht log.
»Abendrunde beendet.« Sie ging in die Hocke und streichelte ihrem Kater Pluto, der wie üblich auf sie wartete, über den schwarzen Kopf.
»Alles in Ordnung?«, fragte er. Seine kupferfarbenen Augen schimmerten im schwächer werdenden Laternenlicht.
»Alles ist in bester Ordnung, wie immer.« Sie stand auf. »Lass uns ins Haus gehen. Ich brauche einen Kaffee, sonst übersteh ich die restliche Nacht nicht.«
»Das kann nicht wahr sein!« Verzweifelt durchsuchte Mina den Küchenschrank, schaute in jede Dose, jedes Glas, doch da war nichts. »Wir haben keinen Kaffee mehr?« Sie sah sich nach ihrem Kater um, als der nicht antwortete. »Pluto!«
Er saß auf dem Esstisch und putzte sich. Sein gelangweilter Blick sprach Bände. Langsam senkte er die Pfote. »Was?«
»Wo ist der Kaffee?«
»Das fragst du mich? Solange wir Katzengras im Haus haben, interessiert mich der Rest herzlich wenig.« Pluto sprang vom Tisch, stolzierte durch den Raum, der sich in Küche und Wohnzimmer aufteilte, und hüpfte auf die winzige Couch.
»Ich habe es Felix auf die Liste gesetzt. Kaffee, ganz oben!«
»Ich glaube, du hast ein Problem«, gab Pluto zu bedenken.
»Und ob ich das habe! Ich habe keinen Kaffee, dafür einen vorlauten Kater!« Sie schnaubte. »Es wäre alles leichter, wenn ich diesen vermaledeiten Totenacker verlassen könnte.« Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und vergrub den Kopf in den Händen. Weiche Pfoten landeten auf ihrem Schoß.
»Es ist seit jeher die Aufgabe der Familie de Gaard, über den Friedhof zu wachen. Du wirst jetzt nicht davonspazieren, nur wegen dieses grässlichen Gebräus.«
»Mit dir rede ich nicht mehr.« Verletzt vom Unverständnis des Katers schubste Mina ihn zur Seite und stand auf, um den Küchenschrank einer letzten genauen Inspektion zu unterziehen.
»Moment. Was ist das?« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und angelte nach einer Dose, die weit hinten im Schrank stand. Das matte Blech trug ein verblichenes Etikett.
»Spezialkaffee – Weckt Tote – Dosierung nicht überschreiten!«, entzifferte Mina und grinste. »Das ist perfekt! Genau das, was ich jetzt brauche.«
Sie legte Holz im Ofen nach, das von den restlichen Flammen sogleich erobert wurde. Mina öffnete die Dose und atmete den Duft des Kaffees tief ein. So intensiv! Allein das Aroma machte sie wacher. Sie gab Pulver und Wasser in die Espressokanne und stellte sie auf den Herd. Binnen weniger Minuten hörte sie es brodeln.
Randvoll füllte Mina eine Tasse mit der dampfenden Flüssigkeit. Platz für Milch und Zucker brauchte es nicht. »Endlich!« Sie nahm einen zögerlichen Schluck, da sprang Pluto fauchend auf und machte einen Katzenbuckel.
»Was ist los?« Mina stellte die Tasse ab und trat ans Fenster.
»Eindringlinge nähern sich dem Zaun«, knurrte Pluto eindringlich.
»Ich seh’ mir das mal an.« Mina warf dem Kaffee einen sehnsüchtigen Blick zu, dann schnappte sie sich die Schaufel, die an der Wand lehnte und öffnete die Tür. Pluto schlüpfte hindurch.
»Warte!«, zischte Mina ihm hinterher, doch der Kater verschmolz bereits mit der Dunkelheit. Eilig zog sie die Tür hinter sich zu und schritt mit erleuchteter Laterne den Kiesweg entlang zum Haupttor. Rechts sah Mina zwei goldene Punkte glühwürmchengleich über den Boden tanzen. Pluto suchte die Umgebung ab.
»Was gesehen?«, flüsterte sie.
Die Punkte schwenkten hektisch von links nach rechts, Pluto schüttelte den Kopf.
»Ich hoffe, du hast dich nicht geirrt, Kater. Sonst wird mein Kaffee umsonst kalt.«
Blitzartig verschwanden die Glühwürmchen.
»Sei doch nicht gleich beleidigt«, zischte Mina.
Etwas landete dumpf auf dem Rasen, begleitet von einem Scheppern. Mit erhobener Schaufel folgte Mina den Geräuschen.
»Stehen bleiben!«, donnerte Mina.
»Oh, scheiße!«, erklang es bang ein paar Meter von ihr entfernt.
»Sei still!«, zischte eine andere Stimme.
»Wieso? Wir wurden doch schon entdeckt. Du warst zu laut mit deinem Sack voller Krempel! «, antwortete die erste.
Drei Schritte später beleuchtete die Laterne die Gesichter zweier junger Männer. Sie hockten auf dem Boden, neben ihnen lag ein grauer Sack.
»Ihr seid in meinen Friedhof eingedrungen. Verschwindet, wenn euch euer Leben lieb ist!« Mina war sauer. Verdammt sauer. Diese beiden Milchgesichter hielten sie von ihrem Kaffee fern!
Prustendes Lachen schlug ihr entgegen. »Komm, Mädchen, mach Platz! «, winkte der Erste ab. »Dein Friedhof, ja? Wie alt bist du? Siebzehn? « Die Kerle standen auf und klopften sich das Gras von den Hosen. »Schnappen wir uns die Kamera. Die Aufnahmen werden megakrass!«
»An diesem Ort erwartet euch der Tod, und das meine ich nicht als Metapher. Haut ab!«, befahl Mina, ihre Stimme voller Zorn.
Der Zweite wühlte, unbeeindruckt von Minas Warnung, in dem Sack. In diesem Moment sprang Pluto wie aus dem Nichts auf den Rücken des Mannes, krallte sich dort fest und fauchte hollywoodreif.
»Aua! Scheiße! Nimm das Vieh weg!«
Die Rodeoeinlage entschädigte Mina dafür, dass sie diese beiden Vögel von ihrem Territorium fegen musste. Schmunzelnd deutete sie mit ihrer Schaufel auf den anderen Eindringling. »Verschwindet!«
Pluto zogdie Krallen ein und löste sich von der Jacke des Störenfrieds. Anmutig segelte er durch die Luft und landete im Gras.
Die beiden Jungs starrten Mina trotzig an. »Du hast uns gar nichts zu ...«
Ein geisterhaftes Heulen wehte zu ihnen herüber.
»Alter, was war das?« Die Stimme des Kerls zitterte.
»Ich habe euch gewarnt.« Mina zuckte mit den Schultern und deutete in die Richtung, aus der das Geheul kam. »Das ist der schwarze Hund. Und er hat Hunger.«
»Du Hexe!«, schrien beide wie aus einem Mund.
»Geht. Und zwar jetzt!« Das letzte Wort brüllte Mina aus Leibeskräften. Ein jäher Windstoß bauschte dabei ihre Haare und den Hoodie auf. Welke Blätter stoben empor und wirbelten durch die Luft. Einige Meter entfernt tauchte hinter den Grabsteinen die Silhouette eines Hundes auf. Ein weiteres langgezogenes Heulen holte die Männer aus ihrer Starre.
»Lass uns verschwinden!«
»Das Mädel ist doch besessen!«
Hastig versuchten sie, mehr Abstand zwischen sich, Mina und den Hund zu bringen, und stolperten dabei über ihre eigenen Füße.
»Räuberleiter!«, rief der eine und formte mit seinen Händen einen Tritt. Ungelenk zogen sie sich an den Eisenstreben des Zauns hinauf.
Der schwarze Hund kam langsam näher. Ein tiefes Grollen drang aus seiner Brust und verkündete Unheil.
Auf der anderen Seite des Zaunes landeten die beiden Männer im nachtfeuchten Gras wie zwei flügellahme Enten. »Alter, wo sind die Autoschlüssel? «
Mina sah im Laternenschein etwas Schimmerndes – den Schlüssel. Sie warf ihn im hohen Bogen über den Zaun.
»Da habt ihr ihn. Und jetzt zischt ab! Lasst euch hier nie wieder blicken!« Sie blieb stehen und lauschte, bis sie das Auto wegfahren hörte.
Etwas Feuchtes stieß Mina an. Ohne hinzuschauen, tastete sie nach dem Ohr des Hundes und kraulte es.
»Danke für deinen Einsatz, Pad.«
Zufriedenes Schmatzen war die Antwort. »Klar doch.« Er stupste gegen ihre Hand. »Gehen wir auf Patrouille?«
»Ja, sollten wir. Aber vorher hol’ ich mir schnell meinen Kaffee.«
Etwas später, mittlerweile war es nach Mitternacht, lief Mina die vertrauten Kiespfade zwischen den Gräbern entlang. Die Schaufel trug sie in einem Lederholster auf dem Rücken, Tasse und Laterne in den Händen. Trotz Aufwärmen schmeckte der Kaffee vorzüglich. Zufrieden trank Minaund kontrollierte, flankiert von Pad und Pluto, routiniert die Gräber und Grüfte ihrer Kunden.
Ruhe in Frieden war das Credo des Friedhofs und die Frauen der Familie de Gaard sorgten seit Generationen dafür, dass Ruhe und Frieden gewahrt blieben. Wer hier begraben lag, wollte sicherstellen, nicht aus einem egoistischen Beweggrund wiedererweckt zu werden. Und so reihte sich das tote Who’s who der Mythenwesenszene aneinander.
Im Schatten der prunkvollen Grüfte der Vampirclans lagen die unscheinbaren Erdgräber der Wiedergänger. Die Harpyien fanden in unmittelbarer Nähe des kleinen Teichs ihre letzte Ruhe. Die Begräbnisstätten der Werwölfe bildeten einen Kreis, die weißen Grabsteine schimmerten selbst im schwächsten Mondlicht wie Perlmutt.
»Pad, hör auf, an den Gräbern zu schnüffeln! Muss ich dir das jedes Mal sagen, wenn wir bei den Werwölfen vorbeikommen?«
Der Hund winselte. »Tut mir leid. Ist mein Instinkt. Der lässt sich nicht unterdrücken!«
»Aber jede Nacht?«
»Er ist eben nur ein schnöder Hund«, warf Pluto ein, der sich auf den Grabstein des jüngst verstorbenen Clanchefs der Werwölfe, Graham Wulfric, setzte. Als Pad kläffend auf ihn zustürmte, sprang Pluto aus voller Kehle fauchend herunter und verschwand in der Nacht. Pad nahm die Verfolgung auf und stieß dabei gegen Minas Bein. Mit den Armen rudernd versuchte sie, das Gleichgewicht zu halten.
»Autsch!« Heißer Kaffee schwappte aus der Tasse auf ihre Hand und das Grab des Clanchefs. »Ihr raubt mir den letzten Nerv«, schimpfte Mina. Sie ging in die Hocke, stellte Tasse und Laterne ab und rieb die Hand an ihrem Pullover.
»Pad? Pluto?« Keine Antwort, dafür piepte ihre Armbanduhr. Die Nacht hatte ihren Zenit erreicht. »Ich gehe zu den Familiengräbern! «
Statt einer Reaktion hörte Mina ein Platschen aus Richtung des Teiches. Dem Geräusch nach war Pad baden gegangen, aber das würde die Jagd nicht beenden. Mina schüttelte den Kopf und ging mit Laterne und Kaffeetasse zu den Gräbern ihrer Familie.
Auch die vorangegangenen Generationen der de Gaards erhielten auf dem Friedhof, als Dank für ihre lebenslangen Dienste, ihre letzte Ruhestätte. Mina wechselte die Kerzen auf den Gräbern. Dieses Ritual markierte die Hälfte der Nachtwache. Ab jetzt war Sonnenaufgang näher als Sonnenuntergang.
Mina hob die Tasse an die Lippen. Mit jedem Schluck Kaffee wurde sie wacher und energiegeladener. Ihre Augenlider waren nicht so schwer wie sonst um diese Uhrzeit, und ihr Herz schlug schneller, obwohl sie sich nicht anstrengte. Mina äugte in die Tasse. »Was ist das bloß für ein Zauberpulver?«
Sie kippte die letzten doch sehr bitteren Schlucke aus. »Eine weitere Tasse wird meiner Nachtrunde sicher nicht schaden.«
Mit einem frischen Becher Kaffee bewaffnet, durchstreifte Mina kurz darauf das hintere Areal des Friedhofs. Bis vor etwa hundert Jahren stellte dieser Teil das Zentrum dar, damals stand hier die Hütte des Friedhofswächters.
Mina passierte die Stelle, an der ein paar aufgereihte Steine an deren Fundament erinnerten. Sie nahm einen Schluck und hielt die Laterne höher. Beschwingt vom Koffein marschierte sie den alten Weg entlang, von dem bloß ein schmaler Streifen frei lag. Da dieser Teil keinen Platz mehr für neue Gräber bot, vernachlässigte Mina die Pflege der Wege. Die Angehörigen der hier ruhenden Toten waren mittlerweile selbst verstorben oder Schlimmeres, daher verirrte sich niemand hierher.
Ihre Schritte führten sie zu ihrem Lieblingsgrab – dem von Dracula.
»Hallo, altes Haus.« Mina hockte sich im Schneidersitz vor die Grabstätte und stellte die Laterne neben sich. Die Tasse in beiden Händen, wärmte sie sie daran. »Ich habe gelesen, dass es eine neue Serie gibt, mit dir als Hauptfigur.«
Mina betrachtete die verwitterte, von Flechten überzogene Inschrift.
Aici se aflä Dracula, primul (Untre vampiri, aducätor al tuturor suferintelor.
»Hier liegt Dracula, Erster unter den Vampiren, Bringer allen Leidens«, übersetzte Mina still.
Zu Lebzeiten, oder besser gesagt zu Untotzeiten, war er der Größte seiner Zunft. Mittlerweile besetzten andere mächtige Vampire seine Position, doch Draculas blutige Legende konnte niemand überstrahlen.
Ein sich schnell näherndes Geräusch ließ Mina aufhorchen, da wurde sie schon hart von einer felligen Kanonenkugel getroffen. Der Stiel der Schaufel drückte unnachgiebig in ihren Rücken. Die Kaffeetasse flog ihr aus der Hand und auf das Grab. Genauso schnell verschwand das Gewicht auch wieder. Eilig entknotete sie ihre Beine und drehte sich um. Ihr Herz raste.
»Pad!«, entfuhr es Mina.
Der Hund schüttelte sich und schaute sie schuldbewusst an. »Tut mir leid, wollte dich nicht umrennen. Aber da sind Menschen auf dem Friedhof!« Er hechelte angestrengt.
Mina sprang auf die Füße. »Schon wieder? Wie viele?«
»Mehrere Autos, keine Ahnung, wie viele Menschen. Aber sie riechen ... merkwürdig. Alt.«
Mina zog die Schaufel aus dem Riemen. Fest umschloss ihre Hand das vertraute Holz. »Wo ist Pluto?«
»Bei ihnen. Beobachtet sie. Der Zaun hat sie nicht aufgehalten, sind mit einer Leiter rüber.«
Mina wurde kalt vor Angst. »Sie sind schon auf dem Gelände? Wozu habe ich denn einen magischen Abwehrzaun, wenn er nicht funktioniert?« Sie stürmte los. Das Koffein verlieh ihr eine ungeahnte Energie, und der Boden flog nur so unter ihr hinweg. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Pad in eine andere Richtung davon hetzte.
Hinter der Gruft der Vampirfamilie Demise ging Mina in Deckung und beobachtete den Tumult. Jenseits des Zauns parkten vier schwarze Vans, auf deren Seiten in weißen Lettern »GRIM« stand. Unmittelbar daneben entdeckte sie die Leiter. Sie sah aus wie jede andere Holzleiter, doch Mina vermutete, woraus sie gefertigt war – heiliges Holz einer Kirchentür.
»Verdammter Zaun«, zischte Mina. Sie schlich um das garagengroße Mausoleum herum und erkannte ein halbes Dutzend in schwarze Anzüge gehüllte Gestalten, die sich an einem Grab zu schaffen machten. Mina musste den Grabstein nicht von vorne sehen, um zu wissen, um wessen Ruhestätte es sich handelte – sie wollten das letzte Einhorn!
Mina brauchte einen Plan. Hektisch durchforstete sie ihr Gehirn nach dem, was ihre Mutter ihr beigebracht hatte. Die Schaufel befähigte sie theoretisch dazu, die Beschaffenheit des Friedhofsbodens zu beeinflussen – hätte sie das Training nicht vernachlässigt. Mina biss sich auf die Unterlippe und unterdrückte einen Fluch. Notfalls würde sie versuchen, alle Eindringlinge mit der Schaufel zu erschlagen.
Ein schwarzer Schatten näherte sich. Mina hob die Schaufel zur Verteidigung, doch ein Fauchen ließ sie innehalten.
»Ich bin es. Runter mit dem Ding«, flüsterte Pluto zu ihren Füßen.
»Tschuldigung.« Mina deutete auf die Umzäunung. »Warum hat der Zaun sie nicht aufgehalten? Die Typen sind mühelos mit ihrer Leiter eingestiegen! Und was zur Hölle bedeutet »GRIM«?«
»Hat der unsägliche Hund wohl diesen Brief verbuddelt ...«
»Was für einen Brief?«, entgegnete Mina verwirrt.
»Die Verlängerung des Abos für die Aufladung des Zauns. Ist schätzungsweise zwei Wochen her.«
Mina sank auf die Knie und fixierte seine funkelnden Augen. »Was für ein Abo? Wovon sprichst du, Pluto?«
»Dachtest du, der Zaun hält ohne ein Zutun seine magische Abwehr aufrecht? Jede Magie verliert an Wirkung. Unser Friedhofszaun wird immer wieder durch einen Magier aufgeladen. Früher kamen sie regelmäßig vorbei, aber heutzutage nur auf Bestellung. Und Pad hat genau diesen Brief verbuddelt, auf den du hättest antworten müssen. Jetzt haben wir den Salat.«
Mina knirschte mit den Zähnen. »Meine Mutter hat mir nie davon erzählt.«
»Sie wird es vergessen haben. Ihr Tod kam plötzlich«, gab Pluto unbeeindruckt zurück. »Außerdem steht es im Handbuch.«
»Es steht im ... was?« Mina schlug sich gegen die Stirn. Dieses vermaledeite Handbuch! Seit sie Hüterin des Friedhofs war, hatte sie es ein einziges Mal durchgeblättert und auch nur aus Nostalgie.
Mina lugte erneut um die Ecke der Gruft, unschlüssig, wie sie weitermachen sollte. Die Eindringlinge hatten mittlerweile einen stattlichen Erdhaufen neben dem Grab des Einhorns aufgeschichtet.
»Da ist der Sarg«, rief eine der Gestalten, mit dem Schaufelblatt auf den Deckel klopfend.
»Scheiße«, flüsterte Mina. »Was mache ich jetzt?«
Ein lang gezogenes Heulen durchschnitt die Nacht.
»Soll ich nachschauen, Ma’am?«, fragte eine der Wachhabenden, bewaffnet mit einem Maschinengewehr.
Eine kalte, raue Stimme antwortete: »Nein. Such lieber die Wächterin dieses Friedhofs. Verdächtig, dass sie noch nicht versucht hat, uns aufzuhalten.«
Mina stellte es jedes Haar am Körper auf. Diese Stimme glich einem rostigen Messer, das in weiches Fleisch drang.
»Das Heulen kam von Pad. Lass uns ihn suchen. Hier können wir nichts ausrichten«.
Pluto folgte ihr im Schutz der Grabsteine.
Bevor sie die Ursache des Heulens sah, roch Mina, dass etwas nicht stimmte. Der Geruch von Erde, Verwesung und – Kaffee? – wehte ihr entgegen. Bei den Werwolfgräbern sah sie Pad neben einem riesigen Wolf sitzen und ratlos dreinblicken. Das Grab war aufgewühlt, der Sargdeckel lag in Einzelteilen daneben.
»Was ist hier los?«, fragte der Wolf mit kratziger Stimme. Sein Fell war an vielen Stellen ausgefallen und bot Sicht auf verwesende Haut und Fleisch. Erde klebte ihm auf den verrottenden Pfoten.
Mina erstarrte. »Graham?«
»Ja, verdammt!« Er knurrte. »Ich sollte tot sein. Bin ich aber nicht.«
»Was hast du wieder angerichtet, Hund?«, beschuldigte Pluto Pad.
»Ich? Gar nichts! Hab doch nur ...«
»Ruhe!«, fauchte der Kater und spitzte die Ohren.
»Was hörst du?«, fragte Mina.
Stille. Ruckartig stellte er den Schwanz auf. »Deine Mutter!« Er rannte los und verschwand im Dunkel.
»Was?« Verdattert sah Mina Pluto hinterher. »Hiersitzt ein Zombie-Werwolf und das Katzentier redet von meiner Mama.« Sie schüttelte den Kopf, fassungslos über den Verlauf, den diese Nacht nahm. »Bei Draculas Fangzähnen, was habe ich verbrochen, dass das alles passiert?!« Mina starrte gen Himmel. Der Sichelmond starrte zurück. In seinem schiefen Grinsen lag zweifelsfrei Hohn. »Ja, lach mich nur aus. Es ist ja nicht dein Friedhof, der von Eindringlingen und Zombies gleichzeitig überrannt wird!«
»Götter, diese furchtbaren Kopfschmerzen«, jammerte Graham. »Ich brauche Kaffee!«
Fragend sah Mina zu dem wiedererweckten Werwolf, dann durchzuckte sie die Antwort wie ein Blitz.
»Der Kaffee! Ich habe vorhin Kaffee auf deinem Grab verschüttet, als Pad mich angerempelt hat!«
»Bin ich also doch schuld«, schlussfolgerte Pad mit traurigem Hundeblick.
Mina ignorierte seine verzweifelt glänzenden Augen. »Mit dir rechne ich später ab, du Meisterbuddler! Bleib bei Graham. Ich muss zu Pluto.« Und nachsehen, was er mit meiner Mutter gemeint hat, ergänzte sie in Gedanken.
Da saß sie. Auf ihrem Grabstein, Pluto auf dem Schoß, und streichelte den Kater hingebungsvoll.
Mina stand einige Meter entfernt, den Mund vor Sprachlosigkeit offen, und traute sich nicht, einen weiteren Schritt zu tun.
»Komm her, Mina. Es ist doch nur deine Mutter«, ermunterte Pluto sie, woraufhin Letztere den Kopf hob.
Der Anblick ließ Mina das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Mutter war vor drei Jahren verstorben, entsprechend sahen ihre sterblichen Überreste aus. Das Gesicht eine Mischung aus verfaulendem Fleisch, Knochen und wächsern wirkender Haut. Das noch vorhandene Haar hing fahl und strähnig an ihrem Schädel. Die Kleidung, mit der sie damals in den Sarg gelegt worden war, erschien hingegen erstaunlich intakt. Mit dem Knochen ihres Zeigefingers kraulte Minas Mutter Pluto zwischen den Ohren.
Zögernd machte Mina zwei, drei Schritte auf sie zu. »Hallo, Mama.«
Ein Lächeln umspielte den spärlichen Rest der Lippen ihrer Mutter.
»Sie kann nicht mehr sprechen. Ihre Stimmbänder sind bereits verwest«, erklärte Pluto und schmiegte sich gegen die Hand, die ihn streichelte.
So sehr sie der Anblick aufwühlte, versuchte Mina, die bisherige Nacht zu rekapitulieren. »Auch hier habe ich Kaffee verschüttet, den letzten Rest der ersten Tasse«, erinnerte sie sich. »Habe ich noch woanders ... Scheiße!«
