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In Prag soll sich das Schicksal der Gräfin Christine von Lindau erfüllen. Sie befindet sich in der Gewalt ihrer Häscher, die ihr Leben bedrohen. Eilt Henry ihr zur Hilfe, oder hat er endgültig Christine den Rücken gekehrt und überlässt sie ihrem Schicksal? Derweil wird Luise von Lord Andrews gefangengehalten und wird einmal mehr zum Spielball politischer Intrigen. Luise, verwirrt von den Einflüsterungen des englischen Lords, sieht in Kaiser Wilhelm II. ihren ärgsten Feind. Bei einem Familientreffen der Hohenzollern auf Schloss Sigmaringen soll er durch einen Giftanschlag sterben. Wird Luise diesen Mord begehen? Band 3 der Kaiser-Trilogie
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Swetlana Neumann
Teil 3 derKaiser-Trilogie
Roman
Impressum
1. Auflage
© 2018 by Wiesengrund Verlag
www.wiesengrund-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Text & Gestaltung: Swetlana Neumann
Lektorat: Jörg F. Nowack
Korrektorat: Katharina Platz
Coverfoto: Yvonne Kuhbach
Coverfoto Rückseite: Patrick Runde
Bearbeitung Fotos: Yvonne Kuhbach
Model: Swetlana Neumann
Illustrationen: Dagmar Lüke
Druck und Bindung: Druckhaus Köthen
ISBN Print: 978-3-944879-62-8
ISBN Ebook: 978-3-944879-63-5
Prolog: 1899
Waffenstillstand: 1893
In den Fängen des Teufels
Die andere Wahrheit
Geständnisse
Ein Schuss
Poesie: 1894
Ein Missverständnis
Eifersucht
Ein neuer Plan
Ein verwirrter Geist
Theater in London: 1895
Überraschende Wendung
Der Absturz
Amnesie
Der Heiratsantrag: 1896
Der Kuss: 1897
Die betrunkene Braut
Schloss Sigmaringen: 1898
Vorbereitungen
Das Wiedersehen
Das Geständnis
Entscheidung des Herzens
Die Lotusblüte: 1899
Epilog
Die Autorin
Silvesterabend 1899. Nur noch fünf Minuten bis zu jener Stunde, in der mit einem großen Feuerwerk das neue Jahrhundert eingeläutet werden soll. In Europa wird die Moderne Einzug halten, Pferdewagen werden bald ganz von den Straßen verbannt sein, und die Nacht wird der gasbetriebenen Helligkeit weichen müssen. Alte, starre, längst verstaubte Konventionen werden aufgebrochen, und der Adel wird das verlieren, was ihm am wichtigsten ist: seine uneingeschränkte Macht.
Der eisige Wind, der durch die Straßen von Prag fegte, berührte Christines Haut wie mit harten, scharfen Spitzen und fuhr durch ihr halb zerstörtes Kleid. Schneeflocken wirbelten umher, und bedeckten die Metropole mit einem unschuldig wirkenden weißen Tuch. Die hell erleuchtete Stadt strahlte sanfte Ruhe aus. Und doch war da die Moderne, die wie ein lauerndes Tier in einer Ecke auf den Moment wartete, in dem es aus seinem Käfig ausbrechen konnte.
Auf der Karlsbrücke war es ruhig, wenn man einzelne, bereits abgefeuerte Feuerwerkskörper außer Acht ließ. Der Beobachter hätte festgestellt, es waren die Menschen, die hier fehlten. In einer normalen Nacht wäre dieser Umstand auch nicht erwähnenswert. Immerhin schlug bald die mitternächtliche Stunde. Allein die Silvesternacht war etwas Besonderes. Jedes Mal beobachteten viele Schaulustige von der Karlsbrücke aus das Lichtspektakel am Himmel, das sich im nächtlich-schwarzen Wasser der Moldau widerspiegelte. Doch heute war keine Menschenseele auf der Brücke. Christines Verfolger hatten die Zugänge zur Brücke abgesperrt. Ihr war rätselhaft, wie Lord Andrews das möglich gemacht hatte.
Der Lord hatte sie schließlich doch eingefangen und würde sie nun dem Tod überantworten. Sie hatte etliche Männer bemerkt, die am Eingang zur Brücke Posten bezogen hatten. Die sahen grimmig aus und trugen ein wissendes Lächeln auf den Lippen. Diese Männer hatten die kleine Gefolgschaft um Christine hindurchgelassen, den folgenden Passanten nach einem kurzen Wortwechsel mit Lord Andrews jedoch den Zutritt verwehrt. Warum schritt die Prager Polizei nicht ein? Wieso konnte dieser Lord Andrews mitten in der Stadt einen Mord begehen? Und vor allem, weshalb interessierte sich niemand dafür? Christines von grauen Strähnen durchzogene Haare waren von Schneeflocken bedeckt. Doch sie mühte sich nicht mehr, die nasse, eisige und mittlerweile schwere Kopfbedeckung abzuschütteln. Sie hätte es auch gar nicht gekonnt, denn in diesem Moment packte eine große, schwielige Hand in ihre Haare und bog ihren Kopf so weit in den Nacken, dass sie schmerzhaft die Mundwinkel verzog. Man zwang sie, nach oben zu sehen. Dicke Schneeflocken fielen ihr ins Gesicht, während sie die Störenfriede mühsam wegblinzelte. Ein Gesicht, das zu einem höhnischen Grinsen verzerrt war, schob sich in ihr Blickfeld. Es war also Egon, der sie gepackt hatte. Zu gern hätte sie ihn weggestoßen, doch ihre Hände waren aneinander gefesselt.
»Verzeihen Sie uns die rüde Behandlung, verehrte Duchess«, bat Lord Andrews um Verzeihung, der gerade zu ihr kam. Egon lockerte seinen Griff etwas, damit Christine den englischen Lord ansehen konnte. »Aber Sie müssen verstehen, dass die Umstände uns zu dieser Maßnahme zwingen. An meiner Seite hätten Sie ein gutes und Ihres Standes würdiges Leben führen können. Doch Sie geruhten, sich anderweitig zu entscheiden«, fuhr er fort, zuckte mit den Schultern und klatschte in die behandschuhten Hände. »Mich einmal zu bestehlen war sicherlich eine Dummheit. Doch diesen Frevel zu wiederholen, verbunden mit einer derartigen Demütigung … Nun, Schande über mich! Zudem haben Sie meine weiteren Pläne durchkreuzt. Sie sind durchaus noch immer eine sehr reizende Erscheinung, verehrte Duchess. Doch Sie sind wie ein Stachel in meinem Fleisch, um den herum sich langsam alles entzündet. Deshalb muss ich ihn ein für alle Mal herausziehen. Das verstehen Sie doch?«
Sein Gesicht zeigte in der Tat einen leicht beschämten Ausdruck, doch nur einen Augenblick später lächelte er genau so kalt, wie sich der eisige Wind auf Christines Haut anfühlte. »Diesen Fehler behebe ich nun, indem ich den Grund jeglicher Scham endgültig aus dieser Welt schaffe. Es wird Zeit, dass die Gräfin oder Duchess, oder wie Sie sich auch nennen mögen, vom Antlitz der Erde getilgt wird.«
Die Gräfin sah in den Himmel, um ein letztes Mal die Schneeflocken zu beobachten. Luise hatte den Schneefall geliebt, denn wenn es schneite, musste die Welt sich langsamer drehen, und Ruhe kehrte ein.
Wie war es nur so weit gekommen, dass Christine Lord Andrews so dicht an sich herangelassen hatte und ihm schließlich in die Falle gegangen war?
»Der Tod ist dein ständiger Begleiter, und eines Tages wird er dich in einer kalten Nacht einsam und allein finden!« Luises letzte Worte gingen ihr durch den Kopf. Die hatte sie gesagt, bevor sie sich für immer von ihrer Mutter getrennt hatte. Luise, ihre geliebte Tochter, die sie tot geglaubt hatte, und die wie ein Phönix wieder aus der Asche emporgestiegen war. Ein Phönix, an dem Christine sich ihre Finger verbrannt und der ihr diese letzten Worte entgegengeschleudert hatte, als wären sie nicht Mutter und Tochter. Aber Luise hatte wohl recht, denn sonst würde Christine jetzt nicht auf der Karlsbrücke in Prag stehen und den Lauf einer Waffe an ihrem Kopf spüren, während die Menschen in diesem Moment den Jahrhundertwechsel feierten.
»Bei Ihren Überlegungen haben Sie jedoch einen entscheidenden Fehler begangen«, erklang plötzlich eine weibliche Stimme. Christine horchte auf. Die Stimme kam von dem Schützen zu ihrer Linken, der ihr den Revolver an den Kopf hielt. Der war also gar kein Mann! Die Stimme kam ihr seltsam vertraut vor.
Lord Andrews sah den Schützen fragend an, dessen Gesicht unter einer tief heruntergezogenen Kapuze verborgen war.
»Wer sind Sie?«, wollte er lauernd wissen, denn auch ihm war bewusst geworden, dass kein Mann vor ihm stand. Der Schütze ging auf die Frage des Lords nicht ein. Er spannte den Hahn seiner Waffe und bemerkte:
»Die Gräfin Christine von Lindau ist bereits tot. Sie können eine Tote nicht noch einmal umbringen.«
Bevor Christine auch nur einen Ton dazu sagen konnte, war ein metallisches Klicken zu hören. Ein Schuss brach, der im Feuerwerk unterging, das jetzt über Prag zu bewundern war.
Das neue Jahrhundert war angebrochen!
Da liegt er, Edward der Dieb. In meinem Haus, dem Tode näher als dem Leben! Hätte ich ihn dort, im blutigen Schnee, liegen lassen sollen? Es hätte wohl niemanden interessiert. Am nächsten Morgen wäre er nicht mehr da gewesen, fortgeschafft von seinesgleichen und schnell vergessen. Doch ich habe ihn gerettet, habe ihn in mein Haus getragen. Großmutter hatte das Bett schon vorbereitet, bevor ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte. Sie kennt mich wohl besser als ich selbst.
Edward, ein Konkurrent, wo es zwischen uns doch keine Konkurrenz geben sollte. Ich mag Elisabeth mehr, als ich es dürfte. Wer ist diese Frau? Heißt sie wirklich Luise? Warum ist sie für Lord Andrews nur so wichtig? Und warum kam Edward ihr zu Hilfe? Doch nein … ich sollte mir besser die Frage stellen, warum statt seiner nicht ich ihr zu Hilfe kam! Doch diesen Fehler werde ich auszubügeln verstehen, und Edward wird mir dabei helfen. Ob er will oder nicht.
Was soll ich nur tun?«, fragte Charlie den bewusstlosen Edward. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte laut, das Feuer, das im Kamin prasselte, verbreitete behagliche Wärme. Es war ein Uhr nachts, eine Zeit, zu der Charlie eigentlich in seinem bequemen Bett schlafen sollte. Aber das tat er nicht, denn Nacht um Nacht saß er an Edwards Bett, der nur selten erwachte. Dann flößte Charlie ihm etwas Suppe ein, damit der Verletzte nicht verhungerte.
Der Dieb antwortete ihm sogar. Charlie hörte die Worte jedoch in seinem Kopf. Es waren die Worte, die Edward vor ein paar Tagen gesagt und die Charlie zutiefst verunsichert hatten: »Luise gehört zu mir.«
Er legte den Kopf schräg und beobachtete den Dieb. »Tut sie das?«, fragte er leise. »Warum gehört sie zu dir? Was hast du mit ihr zu schaffen? Was weißt du von ihr?« Fragen über Fragen, auf die er jetzt keine Antworten erhalten würde.
Der eiligst herbeigerufene Arzt hatte Edward das Leben gerettet. Nur eine Stunde später wäre er vermutlich verblutet gewesen. In einer Notoperation wurde er mühsam wieder zusammengeflickt. Nach der Operation hätte er eigentlich im Hospital bleiben sollen, doch das unterband Charlie. Er vermutete, dass man dem Dieb weiter nach dem Leben trachtete. Deshalb ließ er ihn in sein Haus bringen, wo er ihn beschützen und bewachen konnte.
Die Tür zum Gästezimmer öffnete sich lautlos, als Misses Dorrington eintrat. Sie ging an Edwards Bett und legte den Kopf schräg, ganz wie Charlie es zuvor auch getan hatte.
»Er wird es überleben. Sieht doch schon wieder ganz passabel aus, der Schlingel«, urteilte sie mit krächzender Stimme. Sie ging an ihrem Enkel vorbei und ließ sich auf dem zweiten Stuhl nieder, der in dem kleinen Zimmer stand. Mehr als einen Schrank, ein Bett sowie einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen gab es hier nicht. Das Stadthaus der Familie Dorrington war nicht sehr groß. Es diente im Grunde nur der Großmutter als Wohnstatt, auch wenn Charlie sich in letzter Zeit mehr hier aufhielt als auf dem Anwesen seines Vaters, das sich am Rande Londons befand.
»Du hast dich nicht mit Ruhm bekleckert, Charlie!« Seine Großmutter riss ihn aus seinen Gedanken. »Warum hast du Elisabeth nicht geholfen?« Charlie sah sie ärgerlich an. »Wieso bist du überhaupt hier und schläfst nicht?«, fuhr er sie an. »Du solltest dich nicht in meine Angelegenheiten einmischen«, wies er sie zurecht. Der Konter der Alten folgte auf dem Fuße.
»Charlie Jean Dorrington, du wirst nicht in diesem Ton mit mir reden«, echauffierte sich die betagte Hausherrin mit energischer, kraftvoller Stimme. Jetzt war nichts mehr von der alten, schwachen Frau zu hören oder zu sehen, die sich kaum selbst auf den Beinen halten konnte.
Beschwichtigend hob Charlie die Hände. Er wusste, wenn er seiner Großmutter nicht gehorchte, würde sie ihn aus dem Haus werfen.
»Verzeih mir bitte, es ist spät, und ich bin längst übermüdet.«
»Dann solltest du ausruhen. Ich werde mich derweil um unseren Gast kümmern«, beschloss seine Großmutter. Charlie war schlau genug, jetzt keine Einwände zu erheben, auch wenn er Edward nicht als Gast ansah, sondern vielmehr als einen Eindringling.
Er stand auf und verließ das Gästezimmer mit hängenden Schultern. Würde er überhaupt in den Schlaf finden, nachdem so viel geschehen war? Er hatte das Gefühl, als ob Tausende kleine Männchen in seinem Kopf wären, die alle munter durcheinanderredeten. Jedes Einzelne von ihnen buhlte dabei um seine ganze Aufmerksamkeit. Wie sollte er da schlafen können? Nacht für Nacht kamen diese Stimmen, die ihn quälten.
Langsam betrat er sein Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich zu Bett. Wieder dachte er an Elisabeth, sah ihren hilfesuchenden Blick.
»Ich hätte sie retten sollen«, sagte er zu sich selbst und war bereits im nächsten Moment vollkommen erschöpft eingeschlafen.
»Er ist da drin«, zischte Emma Richard an. Sie ging in dem kleinen Zimmer in der Commercial Street auf und ab wie ein Tier im Käfig, während sie wütend an ihren schwarzen Zöpfen zerrte. Richards eisblaue Augen beobachteten sie, doch gleich darauf sprang sein Blick zu Michael.
»Edward geht es den Umständen entsprechend gewiss gut.« Mit diesen Worten wollte Michael sie beruhigen. »Du hast selbst gesagt, dass ein Arzt gerufen wurde. Da unser Freund immer noch in dem Haus ist, scheint er bisher auch nicht gestorben zu sein.« Emma wirbelte zu Michael herum.
»Edward scheint dir völlig egal zu sein! Seit Tagen ist er nun schon bei dem Dorrington! Wir hätten ihn aus dem Hospital holen sollen, als er noch unbewacht war«, beschwerte sie sich und sah zu Richard. »Sag doch auch mal was! Wir müssen da rein und Edward rausholen!«
Richard seufzte schwer. Er war müde, denn auch er schlief seit Tagen nicht gut, weil die Sorgen um seinen Freund ihn wachhielten.
»Wir sollten besonnen vorgehen und nicht voranpreschen«, schlug er Emma vor. »Geh schlafen, du bist nämlich nicht besonders gut zu ertragen, wenn du übermüdet bist. Michael und ich werden das Haus der alten Dorrington genauer ausspähen und Edward suchen. Danach kommen wir wieder her und werden uns gemeinsam überlegen, was wir machen können.«
Noch bevor Richard ausgesprochen hatte, schüttelte Emma energisch den Kopf. Doch als sie den Mund für ihren Widerspruch öffnete, stand Michael auf, packte sie am Arm und zerrte sie zum Bett.
»Leg dich hin und schlaf! Wir gehen und sehen nach Edward.« Sein Blick sprach Bände. Er duldete nicht das geringste Widerwort. Emma schloss ihren Mund, legte sich aufs Bett und deckte sich zu.
Richard und Michael verließen das kleine Zimmer. Gleich darauf standen sie auf der Straße. Als Michael die Tür geschlossen hatte, sah er seinen Freund an.
»Was meinst du, lebt Edward noch?«
»Ja! Edward bringt so schnell nichts um. Wir müssen nur herausfinden, was der Dorrington von ihm will und warum er einen Arzt für ihn geholt hat«, antwortete Richard mit Überzeugung in der Stimme.
»Vielleicht hat Dorrington ja ein gutes Herz?«, mutmaßte Michael und setzte sich in Bewegung. Richard folgte ihm. Es war noch dunkel. Aufgrund des Schneefalls war jetzt kaum ein Mensch auf der Straße unterwegs. Das geschäftige Treiben hatte einen Dämpfer erhalten, deshalb verließen nur die Leute ihr Haus, die dringende Geschäfte hinaustrieben.
»Nicht ein Mensch, der in diesem Stadtviertel wohnt, hat ein gutes Herz«, widersprach Richard. Der Schnee unter seinen Schuhen knirschte bei jedem Schritt, die Kälte kroch bereits durch seine dünne Jacke. Es hatte zwar aufgehört zu schneien, doch die bissige Kälte war geblieben. So sehr Luise den Winter und vor allem den Schnee mochte, so sehr hasste Richard beides.
»Die alte Misses Dorrington aber schon«, erklärte Michael und berief sich auf Luises Berichte.
»Die scheint auch verrückt zu sein«, hielt Richard dagegen. »Doch nun komm, ich will bald wieder aus der Kälte raus!« Er beschleunigte seine Schritte, Michael folgte ihm stumm. Eine Weile verging, während das geschäftige Treiben Londons langsam einsetzte. Aus einem Geschäft für Herrenmode stahl Richard für Michael und sich je einen Mantel, damit sie mit ihrer verschlissenen Kleidung in diesem gehobenen Viertel nicht auffielen. Immerhin waren hier auch etliche Bobbies unterwegs, die nach »arbeitsscheuem Gesindel« Ausschau hielten. Tatsächlich waren die beiden schon oft so genannt worden.
Endlich erreichten sie das Stadthaus der Dorringtons. Vom blutigen Schnee, in dem Edward gelegen hatte, war nichts mehr zu sehen.
Edward war nicht allein zu Luise gegangen. Seine Freunde waren ihm gefolgt, nur nicht sofort. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er Probleme bekommen würde. Doch als sie das Haus der Dorringtons erreichten, lag Edward bereits im blutigen Schnee und rührte sich nicht mehr. Luise war ebenfalls bewusstlos und wurde von einem Schwarzmantel in eine Kutsche gebracht. Als Richard zu Edward flitzen wollte, hielt Michael ihn zurück. Die Schüsse hatten die Bewohner der Straße aufgeschreckt, Türen wurden aufgerissen. Charlie Dorrington hatte sich mit ein paar Männern unterhalten, die Edward schließlich aufhoben und in Dorringtons Stadthaus brachten.
Nun standen die beiden Freunde wieder vor demselben Haus. Sie näherten sich ihm langsam und versuchten, durch die Fenster im Parterre zu spähen. Doch dicke Vorhänge schützten die Bewohner vor allzu neugierigen Blicken. Vielleicht hatte Emma recht und sie hätten Edward aus dem Hospital holen sollen? Doch Richard wollte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.
»Wir sollten zum Angriff übergehen«, befand Richard. Bevor Michael fragen konnte, was er damit meinte, stieg sein Freund die wenigen Stufen zur Haustür hinauf und klopfte energisch an. Nichts geschah. Er klopfte erneut, laut und fordernd, sodass sogar die vorbeieilenden Passanten sich neugierig umdrehten.
»Richard, wir sollten besser von hier verschwinden und eine andere Möglichkeit suchen.« Michael zerrte an Richards Mantel und beobachtete dabei die Passanten. Plötzlich kam ein Bobbie um die Ecke, der genau auf sie zusteuerte. Er ging gemächlichen Schrittes, also hatte er die beiden noch nicht entdeckt. Das sollte auch so bleiben.
»Richard«, zischte Michael erneut, »komm endlich …!«
Plötzlich wurde die Tür von innen aufgerissen. Charlie starrte die beiden ärgerlich an. Bevor er jedoch einen Ton sagen konnte, drängte Richard ihn rückwärts ins Haus. Michael musste den beiden notgedrungen folgen und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
»Was erlauben Sie sich?«, ereiferte sich Charlie und wollte sich aus Richards Griff befreien. Doch der junge Mann hatte Dorringtons rechten Arm auf den Rücken gebogen, wo er ihn eisern festhielt.
»Wo ist Edward?«, wollte Richard wissen. Michael baute sich drohend vor Charlie auf. Er wiederholte die Frage seines Freundes, nachdem der Hausherr nicht sofort reagiert hatte.
»Guten Abend, meine Herren, bitte kommen Sie hier entlang«, erklang plötzlich eine Stimme aus dem dunklen Flur. Michael sah sich verwundert um. Eine alte Frau, die sich schwer auf einen Gehstock stützte, kam in sein Blickfeld. »Unser Gast wurde selbstredend im Gästezimmer einquartiert«, fuhr sie fort, als niemand reagierte.
»Großmutter, ruf die Polizei!«, verlangte Charlie mit schriller Stimme. Dass er zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage angegriffen wurde, noch dazu in seinem eigenen Haus, ließ ihn fast panisch werden.
»Das ist gewiss nicht notwendig, Charlie«, war Misses Dorrington sicher, die in den dunklen Flur deutete.
»Die Herren befinden sich nur in großer Sorge um ihren Freund. Bitte dort entlang! Das Gästezimmer befindet sich am Ende des Korridors.« Die alte Dame lächelte, was die Panik in Charlie abebben ließ. Er wusste nicht warum, doch offenbar hatte seine Großmutter keine Angst vor den beiden Eindringlingen. Richard ließ Charlie los und ging an ihm vorbei.
»Ich danke Ihnen«, sagte er zu der alten Dame, die ihm gnädig zunickte.
»Sie sind Richard und Michael, nehme ich an?« Damit gab sie Wissen preis, das sie Luise zu verdanken hatte. Die beiden Männer waren sichtlich überrascht, dass die Hausherrin ihre Namen kannte. »Edward geht es den Umständen entsprechend gut. Er ist gerade wach«, fuhr die indessen fort. »Sie sollten ihn jedoch nicht allzu sehr aufregen. Später können Sie gern eine Tasse Tee mit mir einnehmen, wenn Sie es wünschen. Doch nun muss ich zum Bridge. Die Herren entschuldigen mich bitte!« Sie öffnete die Tür zum Salon, in dem sie schnell verschwand. Bevor sie die Tür schließen konnte, gelang es Richard, einen kurzen Blick hineinzuwerfen. Zu seinem Erstaunen konnte er darin keine weiteren Damen sehen. Doch gleich darauf hörte er eine durch die Tür gedämpfte Stimme. Es war, als würde Misses Dorrington sich im Salon mit jemandem unterhalten.
»Verrückt!«, murmelte er und folgte Michael ins Gästezimmer. Charlie blieb allein im Flur zurück. Was sollte er von dieser Situation halten? Er wurde in seinem eigenen Haus angegriffen, und seine Großmutter lud die beiden zu einer Tasse Tee ein!? Wenn sein Vater davon erfuhr, würde er Großmutter gewiss von hier wegholen und in ein Sanatorium bringen lassen.
»Und vielleicht ist das noch nicht einmal die schlechteste Idee«, überlegte er laut, bevor er den beiden Herren folgte.
Als er das Gästezimmer betrat, saßen seine ungewollten Gäste bereits an Edwards Bett. Der hatte seine Augen geöffnet. Viel mehr deutete aber nicht darauf hin, dass er am Leben war. Seine dick bandagierte Brust hob und senkte sich kaum, seine Augen lagen tief in den dunklen Höhlen. Die schwarzen Augenringe sowie die kalkweiße, teils sogar graue Haut ließen ihn wie einen Untoten wirken.
»Verschwindet sofort aus meinem Haus!« Während Charlie ein letztes Mal versuchte, den Hausherrn an den Tag zu legen, ignorierten ihn die beiden Gäste seiner Großmutter. Es war so still, wie es eigentlich nicht sein konnte, wenn vier Personen sich in einem kleinen Raum befinden. Das Feuer im Kamin war fast vollständig heruntergebrannt, ja, sogar die Uhr auf dem Kaminsims war stehengeblieben, als hielte sie den Atem an.
Edward sah Charlie an, der noch immer in der Tür stand. Den Türknauf hielt er mit festem Griff, sodass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Richard war aufgestanden. Er hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Er würde seinen Freund um jeden Preis beschützen.
Gewalt lag in der Luft. Es war, als würde nur ein Fünkchen fehlen, damit es doch noch zur Explosion kam. Bevor das Unheil passieren konnte, meldete sich Edward zu Wort.
»Danke«, brachte er mühsam hervor. Es war einem Flüstern gleich, das gar nicht recht über seine Lippen kommen wollte. Er war selbst überrascht, wie schwach und krächzend seine Stimme klang. Ihm war, als wäre er schon seit Wochen an sein Krankenlager gefesselt. Wie viel Zeit war eigentlich vergangen, seit …
Plötzlich fiel ihm der Grund wieder ein, aus dem er mehr tot als lebendig in einem fremden Bett lag. »Luise!«, stieß er mit rauer Kehle hervor. Er wollte sich hochstemmen, um Luise zu folgen, und ihr zu helfen. Hatten die Schwarzmäntel sie tatsächlich entführt, oder war Charlie dagegen eingeschritten?
Richard wandte sich seinem Freund zu und drückte ihn mit sanfter Gewalt wieder in die Kissen. Edward konnte sich dagegen nicht wehren, doch nun sah er fragend zu Charlie. Der ließ endlich den Türknauf los, doch er wich seinem Blick aus. Er wollte gehen, wollte sich nicht einer Anklage stellen, die er bereits selbst gegen sich gerichtet hatte.
»Warte«, krächzte Edward. »Was ist passiert? Wo ist Luise?« Michael machte einen Schritt zu Charlie, als wenn er ihn daran hindern wollte, den Raum zu verlassen. Der Hausherr atmete tief durch. Einen weiteren Angriff auf seine Person würde er keinesfalls dulden. Er kam jetzt vollständig in den Raum herein und schloss die Tür hinter sich. Er lehnte sich gegen das Türblatt, die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt, damit niemand sah, dass sie zitterten.
Dann begann er zu erzählen. Er erzählte von der Minute an, in der er den Tumult auf der Straße vor seinem Haus mitbekommen hatte. Er ließ nicht das Geringste aus und erzählte bis zu dem Punkt, an dem Luise entführt worden war.
»Warum hast du ihr nicht geholfen?«, wollte Edward leise wissen. »Hast Angst um dein Leben gehabt.« Er beantwortete seine Frage gleich selbst, und Charlie widersprach nicht. Edward hatte recht. Als der Dieb niedergeschossen worden war, hatte die Panik in Charlie die Oberhand gewonnen. Dazu kam die offene Drohung des Entführers, seinen Vater in Misskredit zu bringen. Es stimmte, dass wohl nur noch eine einzige Verfehlung genügen würde, damit das Ansehen seines Hauses derart ins Bodenlose sank, dass der Buckingham Palace ganz einfach gezwungen wäre, einen neuen Zeremonienmeister zu suchen. Das wiederum hätte für Charlies Vater den Niedergang seines Hauses und den endgültigen Ruin bedeutet.
»Ich werde Elisabeth retten«, antwortete Charlie mit fester Stimme. Richard schnaubte, während Michael ungläubig den Kopf schüttelte. Nur Edward reagierte anders, als alle erwartet hatten.
»Wie willst du das anstellen?«, wollte er wissen. »Wir wissen noch nicht einmal, wo sie ist und …« Er schluckte schwer, denn er wollte den Satz nicht beenden, um nur ja kein Unheil heraufzubeschwören.
»Sie lebt bestimmt«, war Charlie sich sicher. »Ich habe bereits jemanden losgeschickt, nach ihr zu suchen.« Er stieß sich von der Tür ab und ging zum Fenster, um mit einem Ruck die Vorhänge zur Seite zu ziehen, die den Raum bisher in ein diffuses Zwielicht getaucht hatten. Bis vor fünf Minuten hatte er noch keinen Plan gehabt, ja, er war nicht einmal sicher gewesen, ob er überhaupt den Mut haben würde, sich gegen die Drohung zu wehren und die Frau zu retten, die er liebte. Als er nun diese Worte aussprach, waren sie eher an sich selbst als an andere gerichtet und mit jeder Silbe, die er aussprach, wuchs die Entschlossenheit in ihm.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Richard. »Es waren Schwarzmäntel, die Mary auf dem Gewissen haben. Warum sollten die ausgerechnet Luise am Leben lassen?« »Weil sie sich sehr viel Mühe damit gegeben haben, Elisabeth wohlbehalten einzufangen«, antwortete Charlie leise. Er sah auf die Straße hinaus, doch von seinem Kundschafter war noch nichts zu sehen.
»Luise«, korrigierte Edward. »Ihr Name ist Luise.« Charlie nickte. Er erinnerte sich genau an die Nacht und auch daran, welcher Name gefallen war.
»Wer ist Luise von Lindau?«, wollte er wissen. Der Name zupfte an einer Erinnerung, doch er konnte sie einfach nicht greifen.
»Von Lindau?«, wiederholte Richard ratlos und sah von Charlie zu Edward. »Was ist das denn für ein komischer Name?«
Edward schwieg. Aber er erkannte an Charlies Blick, dass der gewillt war nicht nachzugeben. Mit der Zunge fuhr er sich über die trockenen Lippen, um Zeit zu gewinnen. Charlie verstand, ging zum Tisch und nahm die Wasserkaraffe in die Hand. Er füllte ein Kristallglas, das er dem Kranken an die Lippen hielt.
Der trank langsam, Schluck für Schluck, bis das Glas geleert war. Alsdann ließ er sich zurück in die Kissen sinken, atmete tief durch und begann, zu erzählen, was er von Luise von Lindau wusste.
Anschließend waren nicht nur seine Freunde sprachlos, sondern auch Charlie. Elisabeth war eine deutsche Adelige, die von ihren eigenen Landsleuten gejagt wurde!
»Auf jeden Fall hat sie etwas mit dem deutschen Kaiserhaus zu tun«, beendete Edward seine Erläuterungen. Seine Stimme war kaum noch zu verstehen. Das Gesagte hatte ihn körperlich und seelisch geschwächt. Die schwere Verletzung forderte ihren Tribut, das Fieber stieg jetzt mit neu entfachter Wut. Er spürte, wie seine Haut heiß und heißer wurde. Wie sollte er in diesem Zustand Luise zu Hilfe eilen?
»Woher wollen Sie das wissen?«, bohrte Charlie nach.
»Ich habe so meine Quellen«, antwortete der Dieb geheimnisvoll. Mehr wollte er über Luise nicht verraten. Sie hatte ihm ihre Herkunft im Vertrauen offenbart. Niemand musste wissen, wer ihre Eltern wirklich waren, solange das nicht unumgänglich war. Er hatte ihr damals nicht geglaubt, doch die Ereignisse der letzten Nacht hatten ihn eines Besseren belehrt.
»Dieser Small, der Luise entführt hat, gehört zu Lord Andrews«, fuhr Charlie flüsternd fort und schloss die Augen. »Der Lord ist ein machtgieriger Mann, der über Leichen geht. Bei ihm wird Luise vermutlich sein.«
»Aber warum lässt er Luise entführen?«, hakte Charlie nach und wollte Edward an die Schulter greifen. Doch der Kranke antwortete nicht mehr, nur seine Brust hob und senkte sich noch schwach. Er war eingeschlafen.
»Das werden wir herausfinden«, antwortete Richard, der Charlie davon abhielt, seinen Freund zu stören. »Du hast davon gesprochen, dass du jemanden ausgeschickt hast, Luise zu suchen. Wer ist das?« Charlie wollte zuerst nicht darauf antworten, denn er ärgerte sich, dass die Diebe nicht die gesellschaftlichen Konventionen beachteten und ihn mit einer vertraulichen Anrede ansprachen. Doch er besann sich, denn jetzt war nicht der Zeitpunkt für eine Diskussion über den Stand der Einzelnen in der Gesellschaft.
Charlie sah noch einmal zum schlafenden Edward. Von ihm würde er heute wohl keine Antwort mehr erhalten. Er drehte sich um und ging die wenigen Schritte zum Fenster. Als er auf die Straße blickte, erspähte er in der Tat seinen Gehilfen. Der lief gerade am Fenster vorbei und steuerte die Hauseingangstür an.
»Er ist da«, sagte er, während er das Gästezimmer bereits verließ. Richard und Michael folgten ihm sofort. Sie durchquerten den Flur und blieben dicht hinter Charlie stehen, als der die Eingangstür erreichte. Als er die Tür öffnete, stand davor jedoch kein Mann! Richard war größer als Charlie, daher konnte er gut über dessen Schulter schauen. Nein, weit und breit kein Mann, kein Gehilfe! »Komm rein«, sagte Charlie und ging einen Schritt zur Seite. Richard zweifelte schon am Verstand ihres unfreiwilligen Gastgebers. Und das tat er erst recht, als er sah, mit wem der Hausherr sprach!
Zeus trottete über den Teppich, auf dem er eine Spur aus Schneematsch hinterließ. Er lief an den Männern vorbei, bevor er etwa auf der Hälfte des Flurs stehenblieb. Nachdem er einen nach dem anderen kritisch beäugt hatte, setzte der Hund sich hin und putzte seine Pfoten, als wüsste er, dass die Hausherrin keinen Dreck duldete.
»Hast du sie gefunden?«, wollte Charlie wissen, nachdem er die Tür geschlossen hatte, um den eisigen Wind auszusperren. Damit war die Dunkelheit wieder in den Flur zurückgekehrt, die nur von einem schwächlichen Kronleuchter ein wenig minimiert wurde.
Der ist schon genauso verrückt wie seine Großmutter, dachte Richard. Allerdings begann er, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln, als der Border Terrier tatsächlich antwortete. Er bellte, stand auf und lief wieder zur Tür. Mit der rechten Pfote kratzte er daran, als wollte er verdeutlichen, dass er ihnen den Weg zeigen wollte.
Das muss an diesem Haus liegen, mutmaßte Richard. Wenn ich hier nicht bald rauskomme, unterhalte ich mich auch noch mit einem Tier oder mit unsichtbaren Menschen. Sein Blick glitt zur Salontür, hinter der sich Misses Dorrington gerade wieder lautstark unterhielt.
Charlie nahm seinen Mantel und seinen Bowler von der Garderobe und zog sich an.
»Kommen Sie! Lassen Sie uns gemeinsam nach Elisabeth suchen!«, forderte er die beiden auf.
»Luise«, korrigierte Richard. »Also gut, wir werden Luise gemeinsam befreien und anschließend Edward mitnehmen.«
»Wenn Ihr Freund in diesem Zustand bewegt wird, bricht seine Wunde auf, und er stirbt. Wollen Sie das etwa?«, wollte Charlie wissen, während er die Tür öffnete. Er wartete die Antwort nicht ab, sondern verließ das Haus. Draußen hielt er eine freie Kutsche an. Jetzt war keine Zeit, erst noch seine eigene einspannen zu lassen. Richard und Michael stiegen nach ihm in das Gefährt.
»Folgen Sie diesem Hund!«, befahl er dem Kutscher, der ihn verständnislos anstarrte.
»Haste etwa ’n Problem damit?«, wollte Richard wütend wissen. Er verließ die Kutsche und stieg zum Kutscher auf den Bock. »Nun mach schon!«
Der Kutscher ließ die Zügel knallen und der Wagen setzte sich ruckelnd in Bewegung. Die mit Eisen beschlagenen Räder rumpelten laut über das Kopfsteinpflaster. Richard hatte Mühe, den Hund im Auge zu behalten. Der war sehr schnell unterwegs und wich dem Verkehr auf der Straße leichtfüßig aus. Ganz so einfach war das mit der schweren Kutsche nicht. Zeus achtete jedoch darauf, dass sie ihm folgen konnten. Mitunter saß er seelenruhig auf der Straße und wartete. Dabei war er völlig unbeeindruckt von Pferdehufen, Kutschenrädern und Fußgängern, die an ihm vorbeieilten.
Schließlich erreichten Sie ein Anwesen, das schon von Außen nichts Gutes verhieß. Vor dem großen schmiedeisernen Tor saß Zeus, der ihnen entgegensah. Sie waren angekommen. Charlie hatte recht mit seiner Vermutung, denn die Kutsche hielt vor Highton Hall. Michael wollte aussteigen, um sich das Anwesen näher anzuschauen, in dem Luise gefangen gehalten wurde. Doch Charlie hielt ihn zurück und gab dem Kutscher zu verstehen, wieder zurückzufahren. Richard verließ den Kutschbock und kam wieder zu ihnen in die Kabine.
»Sie ist tatsächlich bei Lord Andrews«, sagte Charlie und beobachtete seine neuen Mitstreiter. Noch vor einem Tag hätte er es sich nicht träumen lassen, dass er mit zwei Dieben in einer fahrenden Kutsche einen Plan ausarbeiten würde, um einen der mächtigsten Lords und der einflussreichsten Männer des britischen Parlaments zu überfallen.
»Wir sollten uns das Anwesen genau anschauen, Lord Andrews beschatten und herausfinden, wie viel Personal und wie viele Schwarzmäntel im Haus sind«, überlegte Richard laut. Er übernahm die Führungsrolle, wie es immer der Fall war, wenn Edward nicht da war. Charlie wollte dagegen aufbegehren, denn er wollte keinem Mann unterstellt sein, der als Dieb verrufen war. Doch schließlich besann er sich und nickte. Unter ihnen musste Waffenstillstand herrschen, sonst würden sie Elisabeth nicht retten und er seine Schuld nicht begleichen können.
Luise, ermahnte er sich in Gedanken. Sie heißt Luise!
Die ganze Fahrt über entwickelten sie nach und nach einen Plan, mit dessen Hilfe sie in das Haus gelangen und Luise finden wollten. Dabei mussten sie auf eine ganz bestimmte Frau setzen, die ihnen helfen sollte. Charlie sagte dem Kutscher, dass ihr Ziel nun die Commercial Street war.
»Sind Sie sicher, Mister?«, wollte der Kutscher wissen. Immerhin gehörte diese Straße zum verrufenen East End, wohin kein Herr von Rang und Namen freiwillig ging.
»Fahren Sie!«, befahl Charlie mit energischer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Der Kutscher gehorchte und lenkte die Kutsche in Richtung East End.
Die sauberen, reich verzierten Häuser wichen und machten traurig wirkenden Häuserfronten Platz. Der weiße Schnee, der die mit Unrat übersäten Straßen gnädig überdeckt hatte, schmolz bereits und hinterließ eine graue Pampe. Männer und Frauen huschten in gebückter Haltung vorbei. Ihre mageren Leiber hatten sie notdürftig in alte Mäntel gehüllt. Alles in Charlie schrie danach, sofort wieder umzukehren. Die schwarzen Fenster in den Häusern blickten genauso leer auf die Straße wie die Augen der Passanten. Hier lebte Luise? Was musste sie verbrochen haben, um als Adelige in East End Unterschlupf suchen zu müssen?
»Halt!«, rief Richard plötzlich. Sie waren an seinem Zuhause angekommen. Der Kutscher zügelte sein Pferd, die Kutsche blieb stehen.
Michael und Richard stiegen vor einem halb verfallenen Haus aus. Zielstrebig öffnete Michael die Tür, hinter der sie beide verschwanden, während Charlie noch mit dem Kutscher sprach.
»Warten Sie bitte hier«, verlangte er, doch der Kutscher schüttelte den Kopf und hielt ihm auffordernd seine Hand hin.
»Bezahlen Sie mich, Mister, und dann bin ich weg. Ich will hier nicht länger als unbedingt notwendig bleiben.« Charlie sah sich um. Er konnte die Angst des Kutschers sehr gut verstehen. Sie erregten bereits viel zu viel ungewollte Aufmerksamkeit. Eine feine Kutsche war in East End nur selten zu sehen. Charlie selbst war gekleidet wie jeder andere wohlhabende Bürger Londons. Allein sein Mantel zeugte von einem gewissen Reichtum. Deshalb gab er dem Kutscher den geforderten Lohn. Der Mann würde auf gar keinen Fall hier warten, lieber würde er wohl den Verlust der paar Münzen in Kauf nehmen. Kaum hatte der Kutscher sein Geld erhalten, als er auch schon die Zügel knallen ließ und sein Pferd fast panisch antrieb, um ja schnell von diesem Ort wegzukommen.
Charlie schlug den Kragen seines Mantels hoch, als ob er sich so gegen den hier herrschenden Gestank und die misstrauischen Blicke schützen könnte. Er folgte den beiden anderen. Als er die Tür öffnete, rechnete er damit, dass ihm auch hier ein furchtbarer Gestank entgegenschlagen würde. Doch er hatte sich getäuscht. Hier war es nicht der Gestank nach Urin, Alkohol und Ruß, der ihn innehalten ließ, sondern eine laute, hohe, ja, schrille Frauenstimme.
»Das werde ich nicht tun!«, zeterte eine Frau mit schwarzen Haaren, die sie zu zwei Zöpfen geflochten hatte. Sie hatte sich mit vor der Brust verschränkten Armen drohend vor den beiden Männern aufgebaut. Zusätzlich schüttelte sie energisch den Kopf, um ihre Haltung damit zu unterstreichen. Das musste Emma sein.
»Wir helfen einander, Emma«, beharrte Richard, wobei er beschwörend seine Arme hob.
Ein eisiger Lufthauch ließ das schwache Feuer im Kamin flackern. Die drei im Raum drehten sich zu Charlie um, der noch den Türknauf umklammert hielt. Ihm war anzusehen, dass er noch mit sich rang, ob er besser gehen oder bleiben sollte.
»Mach die Tür zu!«, befahl Richard. Das gab den Ausschlag, Charlie kam ganz herein und schloss die Tür hinter sich.
»Was will’n der reiche Schnösel hier?«, wollte Emma wütend wissen.
»Er wird uns helfen, Luise zu befreien«, erwiderte Richard und sicherte sich damit Emmas Aufmerksamkeit.
»Aber in erster Linie brauchen wir dich. Du musst nach Highton Hall gehen, um dich dort als Dienstmädchen einzuschleichen. Dann musst du Luise suchen und …«
»Ich höre immer nur, ich muss, ich muss, ich muss!«, unterbrach Emma seinen Redefluss energisch und unterstrich jedes Wort mit einer Handbewegung. »Wie wär’s, wenn du mich mal darum bitten würdest?«
»Wenn Edward dir eine Aufgabe aufgetragen hat, hast du seine Anweisungen auch nie infrage gestellt«, erwiderte Richard bissig. »Ich bin hier jetzt der Anführer und …«
»Du bist nun mal nicht Edward«, stieß Emma ihn mit der Nase auf das Offenkundliche. »Und du hast mir gar nichts …«
»Ich bitte Sie«, unterbrach nun Charlie den Streit mit sanfter Stimme. »Ich bitte Sie inständig, uns zu helfen, um Luise aus den Fängen dieses bösartigen Spießgesellen zu befreien. Sie sind unsere einzige Hoffnung, Emma!«
Er ging nah zu der schwarzhaarigen Frau, während sie ihn von oben bis unten begutachtete. Sein Mantel war aus dicker Wolle, das Tuch um seinen Hals aus reiner Seide. Sein Bowler war neu und noch dazu erstklassig verarbeitet. So ein feiner Herr hatte sie noch nie beachtet, geschweige denn ein gutes Wort für sie übrig gehabt. Und nun stand so einer hier, in ihrem Zuhause, und bat sie um Hilfe. Er bat sie um Hilfe für eine Frau, die Emma nicht leiden konnte, ja, die sogar ihre ärgste Konkurrentin war, wenn es um Edwards Gunst ging. Sie sah in Charlies Augen. Er war ihr nicht unbekannt. Mit ihm zusammen hatte sie Luise gesehen, die recht vertraut mit ihm zu sein schien.
»Vertraut«, flüsterte sie. Plötzlich änderte sich ihre angespannte Haltung. Sie senkte die Arme, richtete sich auf und lächelte. »Ihnen werde ich gern helfen, Mister Dorrington.«
Schweigen. Nur das Schreien einiger Kinder war draußen auf der Straße zu hören.
»Warum auf einmal?«, wollte Richard verwundert wissen. Doch es war Michael, der diese Chance beim Schopf ergriff.
»Danke, Emma!«, rief er und klopfte freundschaftlich auf ihre Schulter. »Mister Dorrington wird dir beibringen, was du wissen musst, damit du als Dienstmädchen auf Highton Hall nicht auffällst.«
Ihm war völlig klar, woher Emmas Meinungswechsel gekommen war. Emma wollte Edward für sich haben. Die ständige Rivalität zwischen Emma und Luise um ihren Anführer hatte die Stabilität der Gruppe stark geschwächt. Luise war wohl gegangen, doch Edward war ihr gefolgt, statt sie aufzugeben. Emma hat sicher vermutet, dass Charlie Dorrington mehr an Luise interessiert war, als nur für ihre Dienste als Hausmädchen. Genau darin erkannte sie jetzt ihre Chance. Wenn sie Charlie helfen würde, Luise zu befreien, konnte ihre Rivalin mit dem reichen Schnösel gehen, und Edward wäre endgültig frei für sie.
Letztlich war es Michael egal, aus welchem Grund Emma dem Plan zugestimmt hatte. Für ihn war nur wichtig, dass einem Mitglied der Gruppe geholfen wurde. Denn auch wenn Luise gegangen war, würde sie dennoch für immer zu ihnen gehören.
Der Plan stand schnell, doch seine Durchführung würde bedeutend länger dauern. Emma musste sich als Dienstmädchen auf Highton Hall bewerben, doch dafür musste ihre Stelle erst einmal frei werden. Michael schlug vor, ein Dienstmädchen von Highton Hall zu entführen oder zu erpressen, doch Charlie war gegen jede Form von Gewalt.
»Ich werde einem Dienstmädchen dieses Lord Andrews eine gute Anstellung im Hause meiner Eltern anbieten«, schlug er vor. »Das dürfte kein größeres Problem darstellen. Sie müssen sich dann nur umgehend auf Highton Hall bewerben, Emma.«
Die junge Frau nickte und setzte sich aufs Bett. Charlie setzte sich ihr gegenüber auf einen freien Stuhl und erklärte ihr die Verhaltensregeln eines guten Dienstmädchens. Er würde ihr Häubchen und Schürze besorgen, dazu ein schwarzes Kleid, um sie anschließend zu sich nach Hause zu holen, wo sie bei seiner Großmutter üben konnte. Seine Großmutter würde er ins Vertrauen ziehen können, denn sie hätte ihm sogar dazu geraten. Das wusste Charlie ganz genau, denn auch sie hatte Luise in ihr Herz geschlossen.
»Das wird alles zu lange dauern«, wandte Richard ein.
»Da vergehen ja Wochen, bis wir zu Luise kommen. Wer weiß, was der Lord in dieser Zeit mit ihr anstellt!«
»Das mag stimmen, doch wir dürfen nichts übereilen«, erklärte Charlie. »Lord Andrews eilt der Ruf voraus, sehr vorsichtig zu sein. Aber auf der anderen Seite weiß er, dass ihm kaum jemand gefährlich werden kann. Darum wird er sich Zeit lassen, seinen Plan umzusetzen, worum es dabei auch immer gehen mag.«
Noch eine Weile sprach Charlie beschwörend auf die drei Freunde ein. Schließlich stimmten ihm alle zu. Anschließend verließ er gemeinsam mit Richard den Raum. Der Dieb versprach, dass er ihn sicher nach Hause geleitet würde. So geschah es dann auch.
Nun ist es an der Zeit, meinen Fehler wiedergutzumachen und Luise zu retten, dachte Charlie entschlossen. Ich werde die Frau retten, die ich von Herzen liebe.
Eine Prinzessin in meinem Haus! Doch damit nicht genug, denn obendrein ist sie die leibliche Tochter des verstorbenen Kaisers Friedrich III. Sie gehört dem Kaiserhaus der Hohenzollern an wie auch dem Königshaus Hannover. Ich kann mein Glück kaum fassen! Eine rechtskräftige Verbindung mit Luise sichert mir Macht und Vermögen.
Dieses junge Ding werde ich zu richten wissen. Noch ist sie eine Kratzbürste, ganz wie Christine es immer war. Doch anders als bei der Duchess kann ich auf Luise besser einwirken. Sie wird glücklich sein, dass ich sie aus East End gerettet habe. Aus Dankbarkeit wird sie der Ehe mit mir zustimmen. Aber was denke ich da! Ihr Einverständnis ist überhaupt nicht vonnöten, auch wenn es den Umgang mit ihr sicher vereinfachen würde.
Ich werde sehen, was passieren wird und ihr zeigen, dass für sie nur ein Leben an meiner Seite möglich ist. Es wäre jammerschade, wenn sie an der Themse ein schreckliches Schicksal ereilen würde, nur weil sie nicht gehorchen will.
Luise saß in einem Himmelbett mit einem Baldachin aus blauer Seide. Die weiße Bettwäsche war mit edler Spitze umsäumt. In der Mitte des Bezugs für das Federbett war ein rautenförmiger Einschnitt, der ebenfalls mit feiner Spitze gesäumt war. In diesem riesigen Bett hätten gut und gerne drei Personen schlafen können. Für sie war es ungewohnt und doch irgendwie vertraut, in einem solchen Bett zu liegen. Wie viele Jahre war es her, dass ihr Körper nicht auf einer harten Pritsche, auf der Straße oder einer Bank liegen musste?
Sie ließ ihren Blick langsam durch das prächtig eingerichtete Zimmer schweifen. Ihr Himmelbett, so groß es auch war, dominierte diesen Raum nicht. Der glich eher einem Saal und hatte solch gewaltige Ausmaße, dass sie die Gesichter der Personen nicht erkennen konnte, die auf den lebensgroßen Ölgemälden verewigt waren, die an der gegenüberliegenden Wand hingen. Weiche Teppiche dämpften jeden ihrer Schritte und ließen das Gefühl aufkommen, sie würde auf Wolken gehen. Ein offenes Feuer im Kamin sorgte für behagliche Wärme im Raum. Der kristallene Kronleuchter funkelte im Schein der Wintersonne. Es war vollkommen still. Nur das Knistern der Flammen und das gleichmäßige Ticken der über zwei Meter hohen Standuhr neben der Tür waren zu hören. Also lebe ich noch, dachte Luise.
Sie blieb im Bett sitzen. Die große Salontür war abgeschlossen, das hatte sie bereits herausgefunden. Ebenso verschlossen waren die bodentiefen Fenster, die überdies keine Knebel zum Öffnen besaßen. Sie war eine Gefangene in einem goldenen Käfig. Aber warum? Wieso war sie hier? Aus welchem Grund hatte Lord Andrews sie entführen lassen?
Am frühen Morgen war sie mit hämmernden Kopfschmerzen in diesem Raum erwacht. Zu ihrer Verwunderung fand sie sich in ein Nachthemd gekleidet und hatte einen Verband um ihren Kopf. Nur mühsam war die Erinnerung zurückgekommen. Als sie den Verband gelöst hatte, fand sie eine Platzwunde an ihrer Stirn. Sie erinnerte sich dunkel, dass ihr diese Wunde von einem Unbekannten zugefügt worden war, um sie ruhigzustellen. Sie sah zu einem Tisch mit fein gedrechselten Beinen, der vor dem Kamin stand. Daneben standen zwei große Sessel, die zum Verweilen einluden. Luise wollte aber nicht hierbleiben. Ob sie noch in London war? Vom Fenster aus konnte sie nur eine Parkanlage sehen. Doch das musste nicht bedeuten, dass sie die Metropole verlassen hatte.
Warte geduldig und achte auf jedes Detail, ermahnte sie sich. Dabei wiederholte sie genau die Worte, die ihre Mutter ihr immer wieder eingeschärft hatte. Sie würde einen Weg finden, von hier zu entkommen. Sicherlich würde niemand kommen, um sie zu retten. Nicht Charlie, nicht Edward …
»Edward!«, schrie sie auf, als ihr der letzte Anblick des Diebes vor ihrem geistigen Auge gewahr wurde. Erschrocken schlug sie die Hände vor den Mund. Hatte jemand sie gehört? Hektisch sah sie sich um. Nein, die Tür öffnete sich nicht, um bewaffnete Männer hereinstürmen zu lassen. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam wieder, sie senkte die Hände und atmete tief durch. Warum erinnerte sie sich erst jetzt an ihn, wo er doch blutend vor ihr im Schnee lag, von Mister Small erschossen! War er tot? Und was war mit Charlie passiert? War er ebenfalls …?
»Nein, sie sind nicht tot«, flüsterte sie sich selbst Mut zu. Doch zu ihrer großen Überraschung bekam sie eine Antwort.
»Sie sorgen sich etwa um mich, Verehrteste?«, wollte in dieser Sekunde eine männliche Stimme wissen. Luise reagierte reflexartig, wie Yuki es ihr einst beigebracht hatte. Sie sprang mit einem gewaltigen Satz aus dem Bett, griff nach dem Kerzenständer auf dem Nachtschränkchen und suchte mit ihren Füßen nach einem sicheren Stand. Jetzt hielt sie den Kerzenständer ihrem Gegner wie eine Waffe entgegen.
Lord Andrews hob entschuldigend die Arme und lächelte. »Verzeihen Sie vielmals mein unangemeldetes Eintreten! Ich hörte Schreie, als ich an Ihrem Gemach vorüberging, deshalb wollte ich Ihnen gleich zur Hilfe eilen.« Er drehte ihr den Rücken zu, blieb aber unter der Tür stehen. »Entschuldigen Sie bitte auch vielmals, dass ich Sie in ihrem Nachtgewand sehen musste! Es liegt mir fern, eine Dame in meinem Haus in eine unschickliche Situation zu bringen. Allerdings würde ich mich freuen, wenn Sie dennoch den Lunch mit mir einnehmen würden, verehrte Prinzessin von Hannover. Ich schicke Ihnen in Kürze eine Ankleidedame, die Ihnen behilflich sein wird.«
Luise reagierte nicht auf seine Worte. Er wusste, wer sie war! Er kannte ihre Vergangenheit! Woher um alles in der Welt? Sie hatte ihre Identität niemals preisgegeben. Nein, das stimmte nicht ganz. Edward wusste als Einziger in London, wer sie war. Allein er hatte ihr nicht geglaubt, als sie ihm die Wahrheit gesagt hatte.
Lord Andrews drehte seinen Kopf ganz leicht und nickte schließlich.
»Ich erwarte Sie in einer Stunde, Luise!« Er verließ den Raum und schloss die Tür. Luise konnte hören, wie er die Tür von außen abschloss und den Schlüssel abzog. Ein Türschloss ohne Schlüssel war kein Hindernis für sie, wenn sie das Wissen anwandte, das sie von Edward hatte. Er wusste, wie man Türschlösser knacken konnte, und hatte es ihr beigebracht. Sollte sie es wagen?
Mit angehaltenem Atem lauschte sie in die Stille des Raums. Sie nahm das Knistern der Flammen im Kamin und das Ticken der großen Pendeluhr überdeutlich wahr. Sie schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Ein wohltuender Geruch wie von Blumen stieg ihr in die Nase. Blumen? Jetzt im Winter? War sie vielleicht doch in ein anderes Land entführt worden? Sie öffnete die Augen und suchte den Ursprung der blumigen Gerüche. Auf dem Tisch neben dem Kamin entdeckte sie in einer Vase aus feinstem Porzellan einen Strauß roter Rosen. Doch nicht nur dort waren Blumen platziert. Auch auf ihrem Nachtschränkchen und auf dem Kamin standen Blumen. Obendrein stand ein sehr opulenter Rosenstrauß in einer Kristallvase auf einem mahagonifarbenen Beistelltisch mit geschwungenen Beinen nahe der Tür. Er wirkte wie in Szene gesetzt, damit sie ihn auch ja nicht übersehen konnte. Wer im Winter viel Geld für Blumen ausgab, der wollte, dass man seinen Reichtum wahrnahm.
Luise stellte den Kerzenständer wieder auf den Nachtschrank und ging zur Tür. Sie legte ihr Ohr an das reich verzierte Holz. Auf dem waren viele geschnitzte Blumen und Ornamente zu erkennen. Für einen Moment glaubte sie, auf der anderen Seite ein Geräusch zu hören, doch gleich war es wieder still. Sie lauschte noch einige Minuten, doch sie konnte nichts mehr hören. Als sie in die Hocke ging, um durch das Schlüsselloch zu sehen, konnte sie keine Person oder Schatten auf der anderen Seite des Türblatts erkennen. Sie sah lediglich eine reich mit Stuck verzierte Wand sowie einen kleinen Ausschnitt eines Fensters.
Einen Versuch ist es immerhin wert, feuerte sie sich selbst an und drehte sich um. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, ob sie einen für ihren Zweck passenden Gegenstand finden konnte. Gleich neben dem Kamin hing das Kaminbesteck, aus Haken, Schaufel, Besen und Zange bestehend, an einem schmiedeeisernen Ständer. Der Schürhaken war viel zu groß für ihre Zwecke, aber die große Pendeluhr enthielt genau das Utensil, das sie brauchte.
Nun nahm Luise den weich gepolsterten Stuhl, der neben ihrem Bett stand, stellte ihn vor die große Standuhr und stieg auf den Stuhl. Sie sah noch einmal zur Tür, ob etwa ein ungebetener Gast hereinkam. Der Lord hatte doch etwas von einer Ankleidedame gesagt, die er ihr schicken wollte. Doch die Tür öffnete sich nicht, sodass Luise sich wieder ganz der Uhr widmen konnte. Sie öffnete das Glas, welches das Ziffernblatt schützte, griff nach dem kleinen Zeiger und zog daran. Leider gab das Objekt ihrer Begierde seinen angestammten Platz nicht so schnell auf und schnitt zudem schmerzhaft in ihre Hand. So konnte das nichts werden! Leise stieg Luise wieder vom Stuhl, ging auf Zehenspitzen zu ihrem Bett und zog den Bezug vom Kopfkissen. Den zog sie sich über ihre Hand und wickelte ihn darum. So gewappnet stieg sie wieder auf den Stuhl, wobei sie sich mit der linken Hand an der Standuhr festhielt. Mit der bandagierten Hand griff sie erneut nach dem kleinen Zeiger und zog kräftig daran. Der Zeiger verbog sich, die riesige Uhr wie auch der Stuhl wackelten bedrohlich. Luises Herz schlug schnell und hart gegen ihren Brustkorb. Das Pendel protestierte und schlug laut gegen das bullaugenartige Fensterglas, hinter dem es geschützt lag. Doch Luise gab nicht auf. Mit einem Ruck zerrte sie den kleinen Zeiger schließlich aus seiner Verankerung. Ihr Stuhl konnte der plötzlichen Gewichtsverlagerung jetzt nicht mehr standhalten und kippte nach hinten. Mit einem Sprung brachte Luise sich in Sicherheit, rollte auf dem weichen Teppich ab und stand sofort wieder auf den Füßen.
Mit angehaltenem Atem starrte sie zur Tür, den verbogenen Zeiger der Uhr hielt sie wie eine Waffe drohend erhoben. Doch niemand öffnete wild fluchend die Tür, um über sie herzufallen. Der dicke, weiche Teppich mit dem orientalischen Muster hatte die Geräusche sowohl ihres Sturzes als auch des umkippenden Stuhls gedämpft.
Luise sah zur Pendeluhr. Der große Zeiger hing lose baumelnd nach unten, als wäre er verletzt. Das Pendel hing schief hinter dem Glas. Luise hatte die Uhr wohl ruiniert. Doch dafür hatte sie nun ein Werkzeug, mit dem sie die Tür öffnen konnte!
Sogleich machte sie sich daran, die Spitze des Zeigers in das Bartschloss zu führen, wie sie es bestimmt an die tausend Mal geübt hatte. Wie damals schloss sie die Augen, um den Widerstand des Werkzeugs gegen das Schloss zu spüren. Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, doch schließlich gelang es ihr. Ein erleichterndes Klicken war zu hören. Die Tür war offen! Wieder wartete sie mit angehaltenem Atem, ob etwa jemand hereinkam, der das leise Klicken des Schlosses gehört hatte. Doch offenbar stand niemand auf dem Flur vor ihrem Zimmer. Luise konnte ihr Glück kaum fassen.
Vorsichtig drehte sie den Türknauf und drückte das Türblatt ein Stück auf. Ganz langsam schob sie ihren Kopf durch den Türspalt, sah erst nach rechts, dann nach links. Niemand war zu sehen.
Luise fiel auf, dass der Flur ebenso opulent eingerichtet war wie ihr Salon. Dicke orientalische Teppiche bedeckten die Böden, teure Vasen standen auf edlen Tischen. Allerdings fanden sich hier keine Blumen. Die waren offenbar nur ihr allein vorbehalten.
Nun schob sie auch ihren Körper durch die Tür, betrat den Flur und begab sich zu einem Fenster. Mit beiden Händen berührte sie die Fensterscheibe, dann legte sie ihr Gesicht dicht an das kalte Glas. Sie konnte die Kälte spüren, die von draußen anklopfte. All ihre Hoffnungen wurden jäh zerstört, als sie nach draußen sah. Sie erkannte kein bekanntes Gebäude, sah keine Menschen, die sie um Hilfe ersuchen konnte. Da war nur ein Park, in dem Schwarzmäntel wie Wachen zwischen den Bäumen patrouillierten. Das Haus, in dem sie sich befand, musste gut bewacht in einem großen Park stehen. Sie sah sich das Fenster genauer an. Es besaß einen Knebel und als sie den betätigte, schwang das Fenster nach außen auf. Jetzt machte ihr Herz vor Freude einen Sprung. Doch der dauerte nur solange, bis sie sich aus dem Fenster gebeugt hatte. Leider befand sie sich nicht im Erdgeschoss, wie sie vermutet hatte, sondern im zweiten Obergeschoss. Und offenbar wurde das Haus zu ihrem Leidwesen sehr gut bewacht, denn sie hörte gleich darauf laute Rufe. Als sie nach unten sah erkannte sie zwei Schwarzmäntel, die auf sie deuteten.
»Lauf los!«, befahl sie sich, stieß sich im selben Moment vom Fenster ab und rannte wie besessen durch den Flur. Sie musste unbedingt das Erdgeschoss erreichen, von wo aus sie gewiss in den Park rennen konnte. Ihr Nachthemd, das bis zu ihren Knöcheln reichte, bot ihr zwar kaum genügend Schutz vor der winterlichen Kälte, doch dieses Opfer musste sie bringen. Luise war sogar gewillt, es zu bringen!
Der Flur führte zu einer großen Wendeltreppe, die Luise leichtfüßig wie eine Elfe hinablief. Nun befand sie sich im ersten Stock. Dieser Flur war ebenso opulent eingerichtet wie der Obere. Sie sah hektisch aus dem Fenster, konnte aber keine Schwarzmäntel mehr entdecken. Ob sie schon im Haus waren? Auf leisen Sohlen lief Luise den Flur entlang. Sie wollte nicht riskieren, dass irgendjemand im Haus sie hörte. Unbehelligt lief sie bis zum Ende des Flurs und fand dort eine große Treppe, die ins Erdgeschoss führte. Diese Treppe sollte Luise der Freiheit noch näherbringen.
Doch als sie gerade die ersten Stufen der Treppe hinablaufen wollte, verließ sie ihr Glück offensichtlich. Ein Mann kam ihr entgegen. Seinen Blick hatte er auf die Stufen gerichtet, sodass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. Doch die Art, wie er sich bewegte, kam ihr erschreckend bekannt vor. Dazu seine Glatze und die schmächtige Statur.
»Mahnteufel!«, erkannte sie ihren Verfolger wieder. Sie schlug die Hände vor den Mund, denn als der Mann seinen Blick hob und sie mit seinen kleinen Rattenaugen anstarrte, wurde ihr bewusst, dass sie den Namen dieses Teufels laut ausgesprochen hatte.
»Sieh an! Luise von Lindau lebt und ist nun Gast auf Highton Hall. Der Lord dürfte wohl nicht sehr erfreut sein, wenn Sie zufällig aus dem Fenster stürzen, Teuerste.« Luise wich einen Schritt zurück, stolperte jedoch über eine Stufe und stürzte zu Boden. Langsam kam Mahnteufel immer näher, während ein leichtes Lächeln über sein Gesicht zuckte.
»Ich werde dem Lord berichten, dass Sie aus dem Fenster gesprungen sind, als Sie fliehen wollten«, erklärte er. Luise kroch rückwärts vor ihm davon, die Panik stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung, bei der Mahnteufel sie im Schlosspark von Babelsberg erschießen wollte. Später hatte sie ihn in London wiedergetroffen, wo er sie tatsächlich angeschossen hatte. Nun hatte das Schicksal sie aufs Neue zusammengeführt, und diesmal wollte dieser Teufel in Menschengestalt sie wahrhaftig töten. Überall auf ihrem Körper bildete sich Gänsehaut, ihr wurde unglaublich kalt, und doch schien das Blut siedendheiß durch ihre Adern zu peitschen. Übelkeit kroch in ihr hoch, die sie würgen ließ. Ein schriller Schrei drang aus ihrer Kehle, verließ ihre Lippen und brach sich Bahnen durch das Haus. Er war so hoch und spitz, dass Mahnteufel sich die Ohren zuhalten musste. Luise schrie und schrie, denn sie wusste, dass von diesem Hilfeschrei ihr Leben abhing. Ihr war jetzt völlig egal, wer ihr zu Hilfe kommen würde. Hauptsache irgendjemand befreite sie von diesem Satan. Doch obwohl ihr Schrei nicht ungehört geblieben sein konnte, kam niemand herbeigeeilt.
Irgendwann versagte Luises Stimme, Mahnteufel nahm seine Hände von den Ohren, bückte sich zu ihr hinab und packte sie am Arm. Mit einem harten Ruck zog er sie auf die Beine und schleifte sie zum Fenster. Als er es gerade öffnen wollte, erwachten endlich Luises Instinkte. Sie ballte ihre freie Hand zur Faust, die sie gerade gegen Mahnteufels Bauch schlagen wollte, als der sie plötzlich losließ. Vom eigenen Schwung getragen drehte sie sich um ihre eigene Achse, verlor das Gleichgewicht und fiel. Sie schlug mit dem Kopf hart auf dem Fenstersims und schließlich auf dem weichen Teppich auf. Schleier tanzten vor ihren Augen, ihr Kopf tat weh, und ihre Sicht verschlechterte sich immer mehr. Das Letzte, was sie wahrnahm, war Lord Andrews, der mit hocherhobenen Armen zu ihr gelaufen kam. Nun wurde ihr zum zweiten Mal in kurzer Zeit schwarz vor Augen.
