Kaiserin von Gottes Gnaden - Petra Welzel - E-Book

Kaiserin von Gottes Gnaden E-Book

Petra Welzel

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Beschreibung

Sie ist die mächtigste Frau des Abendlandes: Kaiserin Adelheid. An der Seite Ottos des Großen lenkt sie die Geschicke des Reiches. Doch dann heiratet ihr Sohn Otto II. die schöne Theophanu. Die byzantinische Prinzessin bringt aus Konstantinopel Luxus, Exotik und verfeinerte Sitten an den deutschen Hof. Als auch Theophanu nach der Macht greift, beginnt ein erbitterter Konflikt...

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Seitenzahl: 672

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Petra Welzel

Kaiserin von Gottes Gnaden

Theophanu. Der Roman ihres Lebens

 

 

Über dieses Buch

 

 

Sie ist die mächtigste Frau des Abendlandes: Kaiserin Adelheid. An der Seite Ottos des Großen lenkt sie die Geschicke des Reiches. Doch dann heiratet ihr Sohn Otto II. die schöne Theophanu. Die byzantinische Prinzessin bringt aus Konstantinopel Luxus, Exotik und verfeinerte Sitten an den deutschen Hof. Als auch Theophanu nach der Macht greift, beginnt ein erbitterter Konflikt...

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Nicole Lange, Darmstadt

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490976-9

 

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Inhalt

[Widmung]

Erstes Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Zweites Buch

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Drittes Buch

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Nachwort

Personenverzeichnis

[Karte] Das deutsche Reich zur Zeit der Ottonen

Für Nikos und Linos

Erstes Buch

Prolog

Das kleine Mädchen sah ärgerlich an der undurchdringlichen Wand aus Leibern empor, die sich vor ihr aufbaute. Dabei hatte sie sich so auf diesen Tag gefreut. Bis zum Schluss hatte sie gebangt, ob der Vater der Reise zustimmen würde. Denn er war gar nicht gut zu sprechen auf diesen Mann, der heute am siebten Tage im August 936 zum König gekrönt werden sollte. Dessen Sippe hatte ihn gedemütigt, indem sie ihm die Heilige Lanze abnahm. Adelheid gefiel die goldbesetzte Waffe, in deren Mitte ein Nagel vom Kreuz Christi eingelassen war, sehr, aber sie fand, dass es an der Zeit war, den Streit zu begraben. Sie selber schmollte schließlich auch nicht wochenlang, wenn sie sich von ihrem älteren Bruder ungerecht behandelt fühlte. Obwohl sie einräumen musste, dass das eigentlich nie der Fall war, da Konrad der liebste und sanfteste Junge war, den sie kannte.

Aber heute hätte er sie ruhig in die vorderste Reihe mitnehmen können, wo er zusammen mit der Mutter die Krönung beobachtete. Adelheid hingegen konnte nur den hinteren Teil des Aachener Doms betrachten. Sie ließ ihren Blick über die vielen römischen Säulen schweifen, als sie plötzlich eine Bärin zwischen ihnen stehen sah. Die bronzene Statue sah so echt aus, dass Adelheid für einen Moment erschrak.

Doch dann wandte sie den Blick schnell wieder nach vorn, denn sie hörte die Leute »Der König kommt!« rufen. Das Gedränge wurde noch größer. Auch Adelheid versuchte, sich durchzukämpfen, aber ohne Erfolg. Man nahm noch nicht einmal Notiz von ihren Stößen und Tritten, so sehr war jeder damit beschäftigt, einen Blick auf den König zu erhaschen.

Das Mädchen hatte keine Wahl. Es schob den ihm nächsten Rock nach oben, worunter sich ein Paar blasser, dicklicher Frauenbeine verbarg. Adelheid öffnete den Mund, um dann blitzschnell mit ihren kleinen spitzen Zähnen zuzubeißen.

»Eine Ratte! Mich hat eine Ratte gebissen!«, schrie die so Traktierte mit spitzer Stimme.

Die Frau wich zur Seite und Adelheid nutzte den freigewordenen Platz, um weiter vorne die nächste vornehme Dame auf genauso unfeine Weise zur Seite zu drängen.

Plötzlich spürte sie eine harte Hand im Nacken, die sie zu sich zog.

»Adelheid!«

Sie blickte ihrer verärgerten Mutter ins Gesicht. Schnell riss Adelheid sich los, taumelte und fiel rücklings auf den Teppich der schmalen Gasse, die die Menschen umsäumten. Aber niemand zerrte sie fort, die Leute blieben scheu am Rand. Und dann sah Adelheid auch, warum. Sie war geradewegs vor die Füße eines großen, kräftigen Mannes mit dunklem Haar gestolpert, der auf den Altar zuschritt. Seine Kleidung war so kostbar, dass er sich deutlich von der Menge abhob. Doch als Adelheid hastig aufstand, sah sie, dass seine Gestalt selbst in Lumpen noch Kraft und Würde ausgestrahlt hätte. Er wandte das stolz erhobene Haupt nun ihr zu. Sie erstarrte, als ihr klar wurde, dass es nur der König sein konnte, dem sie hier den Weg versperrte. Adelheid rappelte sich auf, um schnell wegzulaufen, als sie plötzlich hochgehoben wurde und sich auf dem Arm des hohen Herrn wiederfand.

»Hoppla! Wohin des Weges, kleine Dame?«

»Ich … ich wollte Euch nur einmal sehen, nur ganz kurz.«

Er strich ihr eine der dunklen Locken aus der Stirn. »Aber, aber, so ein hübsches Fräulein kann mir ruhig einen zweiten Blick gönnen.«

Die Umstehenden lachten erleichtert, als sie merkten, dass der Recke nicht ärgerlich auf die Störung reagierte.

»Woher kommst du?«

Adelheid konnte direkt in seine warmen, braunen Augen blicken. »Ich bin Adelheid von Burgund, die Tochter König Rudolfs.«

»Eine kleine Prinzessin, aus der eine große Königin werden wird!«

Lächelnd setzte er sie wieder auf dem Teppich ab, um dann würdevoll weiter zu schreiten. Adelheid wollte ihm nachblicken, doch ihre Mutter erwischte sie an ihrem Seidenkragen und zog sie zurück in die Menge.

Wieder sah Adelheid nur noch Beine und Röcke. Doch das machte ihr nichts aus. Als der Erzbischof rief: »Sehet, ich führe euch Otto zu, den der Herrgott zu Eurem König gewählt!«, da hatte Adelheid das Bild des großen Mannes schon ganz tief in ihr Innerstes aufgenommen.

Kapitel 1

Adelheid konnte nicht still stehen. Immer wieder wiegte sie sich leicht in den Hüften, sodass der schwere, golddurchwirkte Stoff ihres Überkleides raschelte. Auch der Umhang war aus diesem Stoff, den ihre Mutter Brokat genannt hatte. Schade nur, dass der Überwurf fast vollkommen ihre abnehmbaren Schmuckärmel bedeckte. Adelheid zog sachte an dem Brokat, bis er ein wenig verrutschte und etwas mehr Spitze freigab. Zufrieden hob sie den Kopf und blickte geradewegs in die hellen, blauen Augen Hugos, des Mannes, der gerade ihre Mutter geheiratet hatte. Er war sehr rasch nach dem Tod ihres Vaters in Adelheids Heimat mit den schroffen Felswänden, den verborgenen Grotten und den stillen Seen aufgetaucht.

Während alle an diesem Tage im Dezember 937 dem Verlesen des Ehevertrages in der Burg von St. Maurice lauschten, hatte er nichts Besseres zu tun, als sie zu betrachten. Seine wulstigen Lippen waren zu einem amüsierten Lächeln verzogen. Adelheid runzelte die Stirn. Machte er sich etwa über sie lustig? Sicher, sie zählte erst sechs Jahre, aber in ihren neuen Kleidern fühlte sie sich schon fast erwachsen. Hugo sollte sich bloß nicht einbilden, er könnte so etwas wie ein neuer Vater für sie werden.

Zum Glück wandte er seine grobe, ungeschlachte Gestalt jetzt wieder ihrer Mutter zu, die den Ausführungen des Notars lauschte, der gerade eine nicht enden wollende Anzahl von Abteien aufzählte, die sie zum Geschenk erhielt. Berta war aber auch zu schön! Ihr rosig schimmerndes, fein gezeichnetes Gesicht wurde nur noch von dem kostbaren Schmuck, den sie um Hals und Handgelenke trug, überstrahlt. Adelheid bemühte sich, das feine Lächeln und die Haltung ihres leicht gebeugten Nackens nachzuahmen, was ihr jedoch nur erneut Hugos Blicke bescherte. Sie war froh, als er sich an den Notar wandte: »Halt! Ich habe die Kinder vergessen! Auch sie sollen ihren Teil bekommen. Jeweils ein Drittel geht an Adelheid und an Konrad, die ich gelobe, von nun an wie mein eigen Fleisch und Blut zu behandeln.«

Adelheid machte sich so klein wie möglich, als sie sah, dass Hugo seine Arme zur Umarmung ausbreitete. Doch anstatt auf sie, ging er mit seinem strahlendsten Lächeln auf ihren Bruder zu, was Konrad ihm damit dankte, dass er ihm den Rücken zuwandte und aus dem Saal stürmte.

Adelheid erkannte ihren zurückhaltenden und höflichen Bruder gar nicht wieder. Die Leute tuschelten. Hugo war sichtlich beleidigt und sprach leise mit dem Notar. Dann bat er um Ruhe. »Im Ehevertrag wird Folgendes festgehalten: Ein Drittel geht an meine sehr geschätzte Frau, die Königin von Burgund. Die anderen zwei Drittel soll ihre Tochter Adelheid erhalten.«

Adelheid glaubte, sich verhört zu haben, aber alle Köpfe drehten sich zu ihr. Anscheinend stimmte es. Sie sollte am meisten bekommen, während Konrad leer ausging. Ihr war nicht wohl dabei, von Hugo bevorzugt zu werden. Der schwere Brokat ihres Umhangs begann auf ihre Schultern zu drücken.

 

Fackeln erleuchteten den Festsaal der Burg, in dem sich die Vornehmen und Großen drängten, um die Hochzeit der Königin von Burgund mit dem König von Italien zu feiern. Gaukler, eigens in Hugos Tross aus Pavia mitgereist, zogen mit Musikbegleitung ein. Es gab Flötisten mit einer Einhandflöte, sodass sie zusätzlich noch ihre kleine Trommel schlagen konnten. Ein anderer Musikant trug ein Instrument, das durch Tasten und Blasebalg eine wunderschöne Melodie erzeugte. Adelheid hatte bereits davon gehört. Es musste ein Portativ sein, das aus dem Morgenland hierher gebracht worden war.

Das Mädchen wiegte sich zu der Musik der Einziehenden, als sie einen kleinen Affen erblickte, den ein bunt gewandeter Zwerg mit sich führte. Begeistert klatschte sie in die Hände. Das possierliche Tierchen blieb vor Adelheid stehen, richtete sich auf und klatschte ebenfalls, bevor es sich wieder auf alle viere fallen ließ und weiterlief. Das musste sie Konrad erzählen!

Sie reckte den Hals nach ihrem Bruder. Konrad hatte schon beim Festmahl gefehlt und sich das zarte, gefüllte Ferkel und die honigsüßen Quitten entgehen lassen. Hoffentlich war er nicht ärgerlich, weil sie von Hugo so reich beschenkt worden war.

Da tauchte das Äffchen erneut vor ihr auf und hielt ihr die bunte Kappe seines Herrn hin, auf dass sie ein Goldstück hineinwerfen möge. Doch Adelheid strich ihm über das Fell und nahm das Tier dann an die Hand, um es, ungeachtet der wenig begeisterten Blicke des Zwerges, fortzuführen.

So schnell es ging, bahnte sie sich mit ihrem neuen Freund einen Weg durch die Menge, bis sie Konrad endlich erblickte. »Schau mal, Konrad. Ist er nicht lustig?«

Konrad sah sie erstaunt an. »Woher hast du ihn?«

»Von einem der Gaukler. Du hättest sehen sollen, was er für drollige Sachen machen kann.«

Sie hielt das Äffchen an Konrads Wange. »Gib Küsschen!«

Doch das Tier zog Konrad an den Haaren. Adelheid nahm es schnell weg und setzte es auf den Boden. »Er meint es nicht so!«

»Der Affe gehört dir nicht. Gib ihn zurück.«

Adelheid schüttelte trotzig den Kopf. »Ich werde ihn kaufen.«

»Du hast doch gar kein Geld.«

»Habe ich doch. Hugo hat mich reich beschenkt.«

Konrad runzelte die Stirn. »Aber nur, um uns unsere Heimat zu nehmen. Hugo will den Thron von Burgund.«

»Aber der gehört doch dir.«

Adelheid wusste, dass Konrad, sobald er mündig wurde, König werden würde. Oft genug hatte sie sich gelangweilt, weil ihr Bruder in den Angelegenheiten des Regierens unterrichtet wurde.

»Genau deshalb spielt Hugo sich als mein Vormund auf.«

»Warum hat Mutter ihn überhaupt geheiratet?«

»Weil er Burgund sonst mit Gewalt genommen hätte. Unser Land bringt ihn der Kaiserkrone ein Stück näher.«

»Der und Kaiser!«

Adelheid schnaubte verächtlich. Es gab nur einen Kaiser, den Herrscher der Oströmer, der seinen Thron in Konstantinopel himmelwärts fahren lassen konnte und goldene Löwen um sich scharte. Und sie vermochte sich nur einen vorzustellen, der es ihm gleichtun konnte. Die Erinnerung an den starken Mann, der sie hochgehoben und mit seinen warmen, braunen Augen angesehen hatte, überwältigte sie.

»Versprich mir, dich von Hugo fernzuhalten. Du darfst ihm nicht vertrauen und wenn er dir ganz Italien schenkt. Ich muss jetzt gehen.«

Konrad drückte Adelheid noch einen Kuss auf die Wange, bevor er den Saal verließ. Adelheid sah ihm überrascht nach. Er wollte doch nicht etwa jetzt schon zu Bett?

Adelheid machte sich auf die Suche nach dem Äffchen. Gerade im letzten Moment sah sie, wie das Tier hinter Konrad herlief.

In den spärlich erleuchteten Gängen war es schwierig, das Tier zu finden. Außer Atem hielt Adelheid kurz an, um sich zu orientieren, als sie plötzlich eine Männerstimme vom Hof her hörte.

»Hast du den Jungen?«

Die Worte waren in einem fremden Dialekt gesprochen, der aber dem fränkischen ähnelte, den Adelheid zusammen mit Alemannisch und Romanisch von klein auf gelernt hatte. Ein anderer Mann antwortete. »Nein, noch nicht. Wir müssen nochmal in die Burg.«

»Beeil dich. Wenn wir ohne diesen Konrad zurückkommen, geht es uns schlecht.«

Adelheid schlich auf Zehenspitzen zum Tor, das in den Hof führte. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Sie sah zwei furchterregend große Gestalten geradewegs auf sich zukommen. Schnell drückte sie sich hinter einen Mauervorsprung und erschrak, als etwas Weiches, Warmes sie berührte. Doch es war nur das Äffchen. Die Männer eilten in die Burg, ohne sie zu bemerken.

Adelheids Gedanken wirbelten durcheinander. Man wollte ihren geliebten Bruder entführen! Sie musste ihn warnen und Hilfe holen. Adelheid hetzte nun ebenfalls zurück in die Burg. Ihr Herz pochte bei dem Gedanken, dass sie den beiden Riesen in die Arme laufen könnte. Aber sie nahm all ihren Mut zusammen und eilte, das Äffchen fest an sich gedrückt, die Treppen hinauf.

 

Hugo betrachtete Berta in ihrem dünnen Unterkleid, unter dem sich ihr Körper deutlich abzeichnete. Endlich hatte sie eingewilligt, mit ihm das Schlafgemach aufzusuchen. Im Kamin knisterte ein Feuer, das den Raum in ein warmes Licht tauchte. Es war Hugos vierte Hochzeitsnacht und es schien die vielversprechendste zu werden.

Seine erste Frau war viel älter als er gewesen. Aber dafür hätte er durch sie fast die Kontrolle über Burgund bekommen, jenes Land, das ihm noch fehlte, um ein Großreich von der Provence bis Italien zu gründen. Doch leider verstarb sie rasch, bevor er so richtig in Burgund Fuß fassen konnte. Seine zweite Frau Alda verschied ebenfalls schnell. An sie konnte er sich kaum mehr erinnern. Sie hatte ihm keine nennenswerten Vorteile eingebracht. Marozia, seine dritte Frau, war hingegen in jeder Beziehung vollkommen. Er begehrte die Herrscherin von Rom aufrichtig, genauso wie die Kaiserkrone, die diese Heirat ihm beinahe beschert hätte. Leider wurde Marozia von ihrem eigenen Sohn eingekerkert. Jetzt setzte Hugo all seine Hoffnungen in seine vierte Ehe. Und was er da unter Bertas Gewand ahnen konnte, stimmte ihn fröhlich.

Er trat näher an Berta heran. »Du bist schön.«

Hugo entblößte ihre Schulter. Es herrschte Stille. Der Lärm der Feiernden schallte nicht bis zu ihnen hinauf. Dafür konnte Hugo deutlich hören, wie schnell Bertas Atem ging. Er deutete es als Zeichen der Lust, doch als er ihren Hals küssen wollte, drehte sie sich plötzlich von ihm weg.

»Wartet, lasst mir ein wenig Zeit.«

»Zeit, wozu? Dein Mann ist fast ein halbes Jahr unter der Erde.«

Er lachte, um sich ihr dann erneut zu nähern. Doch wieder gebot sie ihm Einhalt: »Es war eine schwere Zeit für mich. Sein Tod, Eure Ankunft, die Hochzeit …«

»Dann brauchst du dringend etwas Ablenkung …«

Schon wollte Hugo sich endgültig über Berta beugen, als ihn ein Geräusch davon abhielt. »Da sind Stimmen.«

Er setzte sich auf. »Da redet jemand.«

»Es sind bestimmt ein paar von unseren Gästen.«

»Aber die feiern doch alle im großen Saal.«

»Vielleicht sucht ein Pärchen Ruhe und Abgeschiedenheit, genau wie wir …«

Jetzt war es Berta, die ihren Arm um seinen Nacken legte und seinen Kopf nahe zu sich heranzog. Doch Hugo war nicht überzeugt. »Das hörte sich nicht an wie Liebesgeflüster …«

»Dann scheint der gute Mann wohl nicht zu wissen, wie man mit einer Frau umgeht.«

Berta näherte sich Hugos Gesicht. Ihre Lippen berührten seine, erst zart, dann immer fordernder. Hugo erwiderte ihre Leidenschaft, bis er erneut innehielt und horchte.

»Da! Nochmal! Ich muss nach dem Rechten sehen!«

»Später! Ich kann es kaum mehr erwarten …«

Berta zog sich das Gewand von den Schultern, sodass es den Blick auf ihre Brüste freigab. Hugo streichelte sie, und als er begann, sie mit seiner Zunge zu liebkosen, entrangen sich Bertas Kehle heisere Schreie.

Hugo konnte nicht ahnen, dass sie weniger der Lust als dem Verlangen, andere Geräusche zu überdecken, entsprangen. Denn auch Berta hatte die Stimmen der Männer vernommen und im Gegensatz zu Hugo wusste sie, wem sie gehörten.

 

Adelheid starrte erschrocken in Konrads leere Kammer. Die Tür stand weit offen. Die großen Männer mussten ihn schon geholt haben. Sie überlegte fieberhaft, was zu tun sei, als das Mädchen Geräusche aus Bertas Kemenate hörte. Die Mutter, natürlich! Sie war die Rettung. Adelheid eilte zu der schweren Tür und stieß sie mit all ihrer Kraft auf. Was sie sah, ließ sie erstarren. Hugo, dieser große fremde Mann, lag mit all seinem Gewicht auf Berta und stöhnte. Ihre Mutter stöhnte ebenfalls. Sicher tat er ihr weh. Schnell rannte sie zum Bett und packte Hugo am Arm. »Lass sie in Ruhe! Geh weg!«

Hugo sah sie mit einem Ausdruck von Unverständnis an. Doch er ließ von Berta ab, was für Adelheid die Hauptsache war.

»Wie kannst du es wagen …«

Hugos Stimme dröhnte durch den Raum, doch Adelheid redete schon auf die Mutter ein. »Schnell, du musst helfen! Sie haben Konrad entführt!«

»Was sprichst du da, Kind?«

Berta schüttelte missbilligend den Kopf, wandte sich dann an Hugo. »Du musst entschuldigen, sie hat sicher schlecht geträumt. Hör gar nicht hin.«

Doch Hugo war aufmerksam geworden. »Konrad ist entführt? Von wem?«

Hastig schlüpfte er in seine Beinkleider. Doch das Kind achtete nicht weiter auf ihn, sondern zerrte an der Mutter. »Komm schnell, gleich werden sie mit ihm wegreiten!«

Hugo hatte genug gehört. Er rannte, sein Hemd überziehend, aus dem Gemach. Berta strich rasch ihr Untergewand glatt. »Du rührst dich nicht von der Stelle!«, herrschte sie Adelheid an, bevor sie ebenfalls in den Gang hinaus lief.

Noch nie hatte die Mutter so mit ihr gesprochen. Das Mädchen wusste, dass es sich der Mutter nicht widersetzen durfte, und doch ließ Adelheid der Gedanke an Konrad keine Ruhe. Sie musste einfach nach draußen, sie musste ihn suchen. Kurzentschlossen packte sie das Äffchen und rannte mit dem Tier auf den Gang.

Draußen angelangt, überquerte Adelheid den Hof und eilte durch das große Tor nach draußen, das Äffchen an ihr pochendes Herz gedrückt. Sie hörte sich entfernendes Hufgetrappel. Hugo lief aufgeregt hin und her, während er dem noch verschlafenen Stallburschen Befehle erteilte. »Schnell, mach mein Pferd fertig. Den Braunen, nein, doch lieber den Schimmel.«

Adelheid begann zu weinen. »Sie sind fort!«

Berta, die auf sie aufmerksam wurde, schubste sie unsanft zurück, aber Hugo gebot ihr Einhalt und nahm Adelheid bei den Schultern. »Wie sahen sie aus?«

»Sehr groß, größer als du. Und sie sprachen eine andere Sprache.«

»Otto, ich wusste es! Das kann nur er sein!«

Hugos Stimme überschlug sich fast, so wütend war er. »Seine Leute haben sich Konrad geholt.«

Adelheid verstand nicht. Otto, dieser Mann mit dem herzhaften Lachen und den warmen Augen, sollte Konrad entführt haben? Das konnte nicht sein. Er würde nie einem Schwächeren ein Leid antun. Verwirrt sah sie, dass Hugo auch auf ihre Mutter böse war.

»Du hast es gewusst, stimmt’s? Deshalb also deine plötzliche Lust! Es war alles nur Ablenkung! Du niederträchtiges Weibsstück!«

Hugo erhob drohend seine Hand, doch Berta wich keinen Zentimeter. »Natürlich, oder meintest du im Ernst, dass ich dich begehre? Einen Mann, der meinem Sohn die Herrschaft streitig machen will?«

»Ich bin sein Vormund.«

»Ein Vormund muss das Beste für sein Mündel im Auge haben. Doch du denkst nur an deine Macht.«

»Und woran denkt Otto?«

»Er wahrt Konrads Rechte, so lange, bis er selbstständig Burgund regieren kann.«

»Das ist doch lächerlich.«

Hugo sprang auf den Schimmel, den der Stallbursche ihm brachte, und preschte los. Berta sah ihm ruhig nach. »Er kann sie nicht mehr einholen«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrer Tochter.

Adelheid zupfte die Mutter am Ärmel. »König Otto hat Konrad holen lassen? An seinen Hof?«

Berta nickte mit einem zufriedenen Lächeln, aber dann wurde ihre Miene streng. »Und du hast beinahe alles verdorben.«

»Aber ich dachte, sie wollen ihn entführen.«

Die Mutter packte Adelheid am Arm. »Misch dich nie wieder in Sachen ein, die dich nichts angehen.«

Der kleine Affe grub seine Zähne blitzschnell in Bertas Hand, sodass sie laut aufschrie. »Au!«

Böse starrte sie auf das Tier. »Bring ihn weg, sofort!«

»Aber ich habe nur noch ihn. Jetzt, wo Konrad weg ist …«

»Keine Widerrede. Bring ihn dahin, wo du ihn hergeholt hast.«

»Aber Mutter, bitte …«

Adelheid konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Berta nahm sie bei den Schultern. »Kind, du musst jetzt gehorsam sein. Es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Mach mir nicht noch mehr Kummer.«

Adelheid wusste, dass sie keine Wahl hatte. Sie ließ das Äffchen auf den Boden, wo es schnurstracks in die Burg zu seinem Besitzer zurücklief. Adelheid blickte in die Richtung, in die ihr Bruder mit den großen Männern entschwunden war. Warum hatte Otto nicht auch sie geholt? Sie sehnte sich plötzlich nach seinen starken Armen, die sie auf sein Pferd ziehen würden. Sie wandte sich an Berta. »Kann ich nicht auch zu König Otto? Ich meine, nur bis Konrad wieder zurückkommt.«

Berta lachte. »Merkwürdige Ideen hast du. Ich bin froh, wenn Otto sich Konrads annimmt. Warum um Himmels willen sollte er sich auch noch um ein kleines Mädchen kümmern?«

Sie war kein kleines Mädchen für ihn. Sein Blick war eindringlich und voller Wärme gewesen. Adelheid hörte Pferdegetrappel. Hoffnungsvoll blickte sie in die Dunkelheit, bis sie erkannte, wer da zurückkehrte.

Es war Hugo und nicht Otto, der in den nächsten Jahren ihr Leben bestimmen würde.

Kapitel 2

Adelheid las von dem Pergament, das vor ihr im Gras lag, ab. »Consors …«

Die junge Frau hob fragend den Blick zum Pater, der im Gegensatz zu ihr den Schatten unter einer Zypresse gesucht hatte. Adelheid lebte nun bereits zehn Jahre im Süden und immer noch genoss sie den Frühling, der hier in Pavia viel eher einsetzte als in ihrer Heimat Burgund. Zum Glück war ihr Lehrer nachgiebig, sodass es ein Leichtes war, ihn dazu zu überreden, die kalten Mauern des Palastes mit dem Garten zu tauschen. Bei der Übersetzung gedachte er ihr allerdings nicht zu helfen, sondern sah sie nur abwartend an. Adelheid tat so, als ob sie nachdächte, doch die nach dem Winter plötzlich wiederkehrende Farbenpracht der Blumen und die bereits in Blüte stehenden Bäume zogen ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der Palast wirkte plötzlich gar nicht mehr so groß und behäbig, sondern schien in dem hellen Licht ganz leicht. Theoderich, der große Gotenkönig, hatte ihn auf den Ruinen eines noch älteren Palastes erbaut. Hugo maulte oft genug, dass die Räume nicht hell, nicht geräumig genug waren. In Wahrheit wurmte es ihn wohl nur, dass das große Bodenmosaik im Thronsaal Theoderich anstatt Hugo zeigte.

Pater Martin räusperte sich. »Was ist, Adelheid, soll ich helfen? Wenn Ihr ein Wort nicht kennt, versucht immer, es abzuleiten. ›Consors‹ beginnt mit ›con‹, also ›mit‹.«

Martin sah sie erwartungsvoll an. Adelheid lenkte ihre Gedanken wieder auf den Text. ›Con‹ bedeutete ›mit‹, das wusste sie auch. Aber der Rest? Sie verstand selber nicht, warum sie sich so schwer tat. Wenn sie in Pavias Gassen unterwegs war, flogen ihr die Wörter der Kaufleute und Pilger in den unterschiedlichsten Sprachen geradewegs zu. So ungern Adelheid damals aus dem Norden weggegangen war, so sehr schätzte sie mittlerweile Pavia, die Stadt, mit der selbst das große Rom kaum an Glanz und Betriebsamkeit mithalten konnte. Wie gern hätte sie sich jetzt in den Trubel gestürzt, doch dafür hatte der Pater bestimmt kein Verständnis.

»Pater Martin! Adelheid!«

Adelheid drehte sich, froh über die Ablenkung, zu ihrer Cousine Willa um. Die blonde Frau war nicht besonders hübsch, auch wenn ihr spitzes Gesicht durch die bereits weit fortgeschrittene Schwangerschaft etwas Fülle bekommen hatte. Adelheid lief der sich schwerfällig bewegenden Frau entgegen und begrüßte sie mit einem Kuss. Sie mochte die zehn Jahre Ältere sehr gern, fühlte sich fast schwesterlich mit ihr verbunden.

»Es tut mir Leid, dass wir zu spät kommen. Aber Adalbert hatte ein kleines Missgeschick beim Reiten. Der Hengst hat ihn abgeworfen.«

Sie deutete auf ihren Sohn, der, eine Hand an seinem schmerzenden Hinterteil, angehumpelt kam.

›Kein Wunder!‹, dachte Adelheid, während sie ihrem dicklichen Neffen einen nicht allzu freundlichen Blick zuwarf. Das von hängenden Wangen gezeichnete Gesicht verriet eine Lethargie, die für einen Zwölfjährigen doch eher ungewöhnlich war.

»Macht Euch keine Sorgen, Markgräfin.«

Pater Martin warf Adelheid einen strengen Blick zu. »Wir sind noch nicht allzu weit mit dem Unterricht gekommen.«

Adelheid senkte beschämt den Kopf. Sie war wirklich unaufmerksam gewesen.

»Setz dich«, befahl Willa ihrem Sohn. »Ich hole dich nachher wieder ab.«

Dann ging sie auf den Pater zu und lächelte ihn an. »Ich bin froh, dass Ihr so viel Verständnis habt.«

Der Pater machte schüchtern einen Schritt zurück. »Nicht der Rede wert.«

»Stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel.« Willa stand jetzt direkt vor ihm. »Ihr braucht Euch in keiner Hinsicht zu verstecken.«

Sie musterte den zwar nicht allzu groß gewachsenen, aber mit einem gut gebauten Körper gesegneten Pater lächelnd. Damit ging Willa, Adelheid zuzwinkernd, schnell auf den Palast zu. Adelheid musste ein Lachen unterdrücken. Zusammen mit Willa hatte sie sich schon oft über die Schüchternheit des Paters lustig gemacht. Aber sie hätte es nie gewagt, ihn so herauszufordern.

»Wir waren bei dem Wort ›consors‹ stehengeblieben«, unterbrach Pater Martin ihre Gedanken.

»Vielleicht kann Adalbert uns bei der Übersetzung helfen«, schlug Adelheid vor.

Martin blickte auf Adalbert, der sich unter dem großen Wunderbaum niedergelassen hatte. Er lehnte sich an dessen Stamm, der von Efeu bewachsen war, und zupfte von den Ranken ein paar der schwarzen, kugeligen Früchte ab, die den Winter überdauert hatten. Bevor der Pater sich versah, hatte Adalbert sie sich in den Mund gesteckt und begann genüsslich zu kauen.

»Adalbert!«

Mit zwei großen Schritten war Martin bei seinem Schüler. »Adalbert! Spuck sofort die Früchte aus! Sie sind giftig!«

Adalbert hielt erschrocken im Kauen inne. Der Pater sank vor ihm auf die Knie. »Schnell, raus damit! Oh Herr im Himmel, hilf dieser unwissenden Seele!«

Adelheid sah, dass Martins Gebete nichts nützen würden. Adalbert war vor Furcht wie gelähmt. Geistesgegenwärtig stürzte die junge Frau auf ihn zu und bohrte ihm ihre Finger fest in die Wangen. Sie hatte gesehen, wie einer der Knechte Hugos bestem Jagdhund mit diesem Griff einen spitzen Knochen entwand, und bemühte sich jetzt, es ganz genauso zu machen. Und sie hatte Erfolg. Adalbert öffnete endlich den Mund und spuckte die halb zerkauten Beeren aus. Adelheid wandte sich angewidert ab, während Willas Sohn seine schmerzenden Wangen hielt, auf denen noch deutlich die Abdrücke ihrer Finger zu sehen waren. Pater Martin ermahnte ihn: »Du darfst nicht einfach alles in den Mund stecken.«

»Aber die Beeren sahen so gut aus und ich hatte Hunger.«

»Du hast immer Hunger«, konnte Adelheid sich nicht verkneifen anzufügen.

Adalbert warf ihr einen bösen Blick zu, doch bevor er etwas erwidern konnte, griff der Pater ein. »Genug jetzt. Adelheid hat dich vor schlimmem Unheil bewahrt. Bedanke dich bei ihr.«

»Nicht, wenn sie sich über mich lustig macht.«

»Das würde ich doch nie tun«, erwiderte Adelheid.

»Da seht Ihr’s! Sie ist wie alle Frauen: falsch und verschlagen.«

Adelheid wollte auf Adalbert losgehen, aber Martin stellte sich zwischen die beiden Streitenden. »Ich werde euch jetzt etwas über Frauen erzählen.«

Adelheid lächelte in sich hinein, denn sie konnte sich vorstellen, was Willa in diesem Augenblick gesagt hätte. Sie selbst dachte nur, dass ein Priester wohl der Letzte sei, der Ahnung von Frauen hatte.

»›Consors‹, um da weiterzumachen, wo wir vorhin stehengeblieben sind, ist die Gefährtin. Gemeint ist hier eine Mitregierende.«

»Nur ein schwacher König lässt sich von einer Frau ins Handwerk pfuschen«, tönte Adalbert.

Adelheid schnappte noch nach Luft, als Martin schon antwortete: »Ganz im Gegenteil. Nehmen wir einmal Otto, König der Franken und Sachsen.«

Adelheid horchte auf. »Otto? Wie kommt Ihr auf Otto?«

Vor ihrem inneren Auge stieg das Bild eines großen, breitschultrigen Mannes auf. Sie spürte noch die starken Hände, die sie hochhoben, als wäre es gestern gewesen. Und allein die Vorstellung seiner braunen Augen reichte aus, um eine große Sehnsucht in ihr zu wecken. Sie hatte ihn nie vergessen.

Der Pater fuhr ruhig fort. »Otto, der es geschafft hat, nach seines Vaters Tod gestärkt aus den rivalisierenden Kämpfen hervorzugehen und sein Reich zu festigen, tut das nicht zuletzt mit Hilfe seiner Gattin Editha.«

Die Worte des Geistlichen trafen Adelheid bis ins Mark. »Seiner Gattin?«

»Editha ist eine fromme Frau, die an Stelle ihres Mannes, der in die weltlichen Ränkespiele um die Macht verstrickt ist, sühnt und gute Werke verrichtet.«

Editha, der Name hallte in Adelheids Kopf wider. Wie hatte sie so dumm sein können, anzunehmen, dass solch ein Mann, König obendrein, noch nicht verheiratet war? Und doch spürte sie fast schon Hass auf diese Frau, die anscheinend auch noch ein Ausbund an Tugend war.

»Liebt er sie?«, rutschte es Adelheid heraus.

Pater Martin sah sie irritiert an. »Wenn wir uns noch einmal den Terminus ›Consors regni‹ anschauen, dann wird zumindest klar, dass Otto seine Frau achtet.«

»Solange sie ihm nützt.«

Hugos dröhnende Stimme ließ Adelheid herumfahren. Der König hatte sich unbemerkt genähert. »Durch sie hat er beste Verbindungen zum angelsächsischen Herrscherhaus. Aber auch damit wird es ihm nicht gelingen, Kaiser zu werden. Er ist im Grunde seines Herzens ein Barbar.«

»Was wisst Ihr über Ottos Herz?«, rief Adelheid.

Der Pater legte ihr die Hand auf den Arm, um sie zur Mäßigung aufzufordern.

Doch Adelheid schüttelte sie ab. »Lasst mich! Ich habe ihm in die Augen gesehen und ich weiß genau, dass Otto der edelste und vollkommenste Mensch ist, der auf Erden wandelt.«

Hugo lachte schallend. »Was für eine abenteuerliche Idee!«

Dann wandte er sich mit finster werdender Miene an Martin. »Setzt Ihr ihr etwa solche Flausen in den Kopf?«

Er ging drohend einen Schritt auf den Lehrer zu. »Otto ist nicht der Größte.«

Der Pater wurde ganz rot vor Aufregung, versuchte aber ruhig zu bleiben. »Es liegt mir fern, Otto über Gebühr zu preisen. Ich habe lediglich die guten Werke seiner Frau angesprochen, die vielen Stiftungen für die Kirche.«

»Wollt Ihr Euch etwa beklagen, dass Ihr zu wenig bekommt? Ihr elender Pfaffe!«

Hugos Stimme donnerte über die Köpfe der Anwesenden. Adalbert lief bereits verschreckt davon.

»Schmeiße ich Euch seit Jahren Geld in den Rachen, damit Ihr verbreitet, Otto sei mir überlegen? Das hat jetzt ein Ende.«

Der Pater sah Hugo erschrocken an. »Ich bedaure, wenn ich Euch verärgert habe. Aber lasst mich die Prinzessin weiterhin unterrichten. Sie ist klug und hat die besten Anlagen.«

»Habt Ihr nicht noch etwas vergessen?«

Martin schwieg, weshalb Hugo für ihn antwortete. »Sie ist schön. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Euch gefällt, zu sehen, wie sich ihre Rundungen entwickeln, die Lippen voll werden und sie sich beim Gehen in den Hüften wiegt.«

Hugos Blick streifte die junge Frau. »Aber das ist mein Privileg. Verschwindet!«

Der Pater sah Hugo erschrocken an.

»Habt Ihr nicht verstanden?«

Hugo machte ein paar Schritte auf den Geistlichen zu. Martin blieb nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten.

Der König wandte sich lächelnd Adelheid zu. »Endlich allein!«

Er schickte sich an, sie zu umarmen. Adelheid wich zurück, aber hinter ihr versperrte der dicke Stamm des Wunderbaumes den Weg. Die junge Frau riss sich zusammen und sah Hugo geradewegs in die Augen. »Pater Martin hat sich mir gegenüber immer vorbildlich verhalten.«

Hugo lächelte. »Wahrscheinlich. Dumm genug ist er, sich eine Frau wie dich entgehen zu lassen. Komm zu mir, meine Tochter …«

Er streckte begehrlich den Arm nach ihr aus.

»Nennt mich nicht so. Ihr seid nicht mein Vater.«

»Dem Herrn sei Dank.«

Hugo packte Adelheid am Arm und zog sie näher. Seine Lippen berührten ihren Hals. Adelheid nahm all ihre Kraft zusammen und stieß Hugo von sich. Schnell duckte sie sich unter ihm durch und blieb außer Atem in einigem Abstand von ihm stehen. »Das sind Dinge, die nur zwischen Eheleuten geschehen sollen.«

»Jetzt sag nicht, dieser fromme Mann hat über so etwas mit dir gesprochen.«

Adelheid sah Hugo trotzig an. »Das weiß ich von meiner Mutter.«

Hugos Miene wurde abschätzig. »Ach ja? Und warum hält sie sich nicht daran?«

»Was soll das heißen? Wollt Ihr meine Mutter eines losen Lebenswandels beschuldigen? Ihr seid es doch, der eine Geliebte nach der anderen hat.«

»Dann frag doch deine schöne Mutter mal, warum. Sie hat sich nie an ihre ehelichen Pflichten gehalten. Nur einmal ließ sie mich in ihr Bett, damals, in der Hochzeitsnacht. Und selbst bei diesem einen Mal wurden wir gestört.«

Adelheid wurde rot. Sie erinnerte sich genau an diese Nacht. Hugo fuhr fort: »Ich hätte es schon damals wissen müssen. Sie wollte die Krone Italiens, aber ohne Gegenleistung. Noch nicht einmal der Vormund ihres Sohnes durfte ich werden. Lieber versteckt sie ihn bei Otto, bis er alt genug ist, um Burgund zu regieren.«

Adelheid nahm allen Mut zusammen. »So wie es ihm zusteht.«

Hugo sah sie wütend an. »Es steht mir zu, mir und keinem anderen. Und sobald alle Länder von der Provence bis Italien mein sind, werde ich Kaiser.«

»Das wird Otto niemals zulassen.«

Adelheid sah, dass Hugo sich vor Wut kaum noch beherrschen konnte. Er holte schon zum Schlag aus, hielt dann aber inne. »Was rede ich überhaupt mit dir über solche Dinge? Wir beide haben etwas Besseres vor.«

Hugo zog die junge Frau erneut an sich, doch Adelheid stemmte sich mit den Armen gegen seine Brust. »Ich sage es meiner Mutter!«

Hugo zuckte mit den Schultern und wollte sie schon küssen, als er sie einen Moment lang nachdenklich ansah. »Das solltest du wirklich tun. Rede mit Berta.«

Adelheid betrachtete Hugo misstrauisch, während er fortfuhr. »Sag ihr, dass Konrad zurück an den Hof soll. Dann lasse ich dich in Ruhe.«

Die junge Frau runzelte die Stirn. »Das wird sie nie zulassen.«

»Dann musst du dir eben was einfallen lassen. Wozu ermögliche ich dir denn so eine gute Bildung?«

Er lachte schallend, bevor er sich endlich umdrehte und ging. Adelheids Beine gaben nach und sie ließ sich auf den Boden sinken.

So fand sie Willa, die ihren Sohn abholen wollte. »Adelheid! Was ist mit dir? Hat Adalbert dich geärgert?«

Adelheid schüttelte den Kopf. »Nein, er hat nichts damit zu tun«, presste sie mühsam heraus, doch dann hatte ihre Beherrschung ein Ende. »Es war Hugo«, brach es aus ihr heraus. »Er hat mich auf den Hals geküsst. Es war so entwürdigend.«

Willa ließ sich trotz ihres Bauchumfanges behende zu Adelheid hinunter. »Ich habe mir schon gedacht, dass er die Finger nicht von dir lassen kann.«

Adelheid schüttelte den Kopf. »Eigentlich will er gar nicht mich. Ich soll nur dafür sorgen, dass Konrad zurückkommt.«

»Damit er ihn in seiner Gewalt hat«, nickte Willa. »Dafür ist ihm jedes Mittel recht.«

»Ich werde ihm jedenfalls nicht helfen.«

Willa sah sie an. »Das ist gut, denn es würde dir ohnehin nichts nutzen. Hugo wird dich nicht in Ruhe lassen, ich kenne ihn. Er hat meine Mutter geschändet.«

Adelheid sah Willa überrascht an, als sie auch schon fortfuhr. »Und mein Vater wurde von Hugo, seinem eigenen Bruder, eingekerkert.«

Adelheid vergaß für einen Moment ihre aussichtslose Situation und strich Willa über das Haar. »Lass nur, Willa, reg dich nicht auf, nicht in deinem Zustand.«

Aber Willa wollte nicht schweigen. »Er darf nicht so weitermachen. Wir müssen ihm endlich Einhalt gebieten.«

»So viele haben es schon versucht. Wenn selbst dein Vater es nicht konnte, wer soll es dann tun?«

Willa sah sie einen Moment nachdenklich an. »Es muss jemand sein, dem er es nicht zutraut.«

Adelheid zuckte mit den Schultern. »Er misstraut allen. Schließlich hat er sich schon viele Feinde gemacht.«

Willa schüttelte den Kopf. »Ich meine keinen Fürsten.«

Sie sah Adelheid fest an. Die wurde unruhig. »Du meinst doch nicht, dass ich …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich hasse ihn, aber das kann ich nicht. Er ist viel stärker.«

»Du musst es nicht allein tun. Aber wenn du den Anfang machst, werden die anderen dir helfen. Die Zeit ist reif.«

Willa strich sich über den Bauch. Natürlich befand sie sich in ihrem Zustand nicht am Hof, um ihren Sohn unterrichten zu lassen. Adalbert war ohnehin nicht der Hellste, darin machte sie sich nichts vor. Aber es war ein guter Vorwand gewesen, um den richtigen Zeitpunkt für einen Aufstand auszukundschaften, während ihr Mann die Fürsten um sich sammelte, die ebenfalls von Hugos Tyrannei genug hatten. Und nun spielte ihr Hugo Adelheid in die Hände. Auf so viel Glück hatte sie gar nicht zu hoffen gewagt.

 

Hugo lenkte den pechschwarzen Hengst den engen Pfad hinan. Er drehte sich um und betrachtete Adelheid, die ihm auf einem Schimmel folgte. »Sollen wir eine Pause einlegen?«

Adelheid schüttelte den Kopf. »Nein, lasst uns weiterreiten.«

Obwohl sie bereits kurz vor Morgengrauen aufgebrochen waren und nun schon seit drei Stunden ritten, war Adelheid viel zu aufgeregt, um auch nur einen Anflug von Müdigkeit zu spüren.

Hugo, auf dessen linkem Arm ein großer weißer Gerfalke saß, wartete, bis Adelheid auf einer Höhe mit ihm war. »Tapfer, tapfer, mein Kind. Trotzdem glaube ich nicht, dass du mitgekommen bist, um etwas über die Jagd zu lernen.«

Adelheid hielt vor Schreck den Atem an.

»Ich habe eher das Gefühl, dass du meine Gesellschaft suchst.«

Adelheid atmete aus und erwiderte: »Ich hoffe, dass Ihr Euch mit der Jagd besser auskennt als mit Frauen.«

Damit ritt Adelheid voran. Hugo folgte ihr, den Falken, der eine lederne Haube trug, auf seinem Arm. Die beiden Hunde, die die Jagd anführten, sprangen bereits auf das nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Plateau, auf das der Pfad mündete. Hugo holte Adelheid mit einem kurzen Galopp wieder ein. »Nun, habe ich zuviel versprochen? So ein weites, übersichtliches Gelände findet man nicht oft.«

Adelheid nickte. »Es ist wie geschaffen für den Hohen Flug.«

Adelheids Augen suchten die Gegend ab, bis ihr Blick an einer dichten Baumgruppe hängen blieb. Da war das Versteck! Genauso, wie Willa es beschrieben hatte. Schnell wandte sie sich Hugo zu, um sich nicht schon durch ihren Blick zu verraten. »Wollt Ihr dem Tier nicht seine Haube abnehmen?«

Hugo schüttelte den Kopf. »Falken können viel besser und schärfer sehen als wir. Er würde nur unruhig werden und zu früh zum Jagdflug ansetzen wollen. Das wäre eine unnötige Quälerei.«

»Bei den Menschen nehmt Ihr weniger Rücksicht«, stellte Adelheid fest.

»Du bist undankbar. Ich habe dir die beste Ausbildung zukommen lassen.«

»Um mich jetzt zu Eurer Dirne zu machen?«, entfuhr es ihr.

Hugo schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich dachte, du hast eingesehen, dass Konrad zurückkehren muss. Warum sonst reitest du an meiner Seite?«

Adelheid sah schnell zu Boden, um seinem forschenden Blick auszuweichen. Es war wirklich dumm, ihn zu verärgern. Sie sah hinüber zu dem Wäldchen, wo man erwartete, dass sie ihre Sache gut machte. »Ich freue mich darüber, dass Ihr mich mitgenommen habt, wirklich.«

Sie rang sich zu einem Lächeln durch.

»Dann lass uns keine Zeit mehr verschwenden.«

Hugo preschte voran, hinein in die Weite der Ebene. Adelheid folgte. Sie näherten sich dem Wäldchen. Doch während Adelheid es angespannt nach Zeichen der Verbündeten absuchte, hatte Hugo schon einen Kranich gesichtet, der den Aufwind vor den Bäumen nutzte und sich mit weit ausgebreiteten, aschgrauen Schwingen auf der Suche nach Nahrung dahingleiten ließ. »Jetzt können wir unserem Freund die Haube abnehmen.«

Vorsichtig zog Hugo dem Jagdvogel die Bedeckung vom Kopf. Sofort lugte das Tier mit seinen schwarzen Augen flink umher und schon hatte auch der Falke den Kranich gesichtet. Hugo ritt noch ein Stück weiter und hielt dabei das Tier, das sein Opfer ausspähte, so ruhig wie möglich. Dann, als er nicht mehr weit vom Wäldchen entfernt war, hielt er an, um die Drahle zu lösen, die die beiden Lederriemen an den Klauen des Falken zusammenhielt. »Jetzt pass gut auf! Gleich wirst du wissen, warum die Falken Herrscher des Himmels genannt werden.«

Mit aller Kraft riss Hugo den Arm hoch, auf dem der Falke saß, und warf das Tier auf die Beute. Der weiße Vogel stieg mit elegantem Flügelschlag hoch in die Luft, bis er den Kranich noch an Höhe übertroffen hatte. Und bevor der die Richtung seines Fluges ändern konnte, war der Gerfalke schon direkt über ihm und stieß in atemberaubender Geschwindigkeit auf ihn herab.

Sogar Adelheid vergaß für einen Moment den Gedanken an das, was gleich im Wäldchen passieren sollte, und sah gebannt dem Vogel bei seiner Jagd zu. Der Falke war jetzt direkt über dem Kranich, versenkte seine Klauen in dessen Rücken und brachte ihn so zu Boden. Die beiden großen Tiere stürzten herab und waren für einen Moment im hohen Gestrüpp verborgen.

Hugo stieg rasch vom Pferd und folgte den Hunden, die die Stelle aufspürten und Laut gaben. Adelheid ließ sich ebenfalls aus dem Sattel gleiten und eilte hinterher. Sie sah noch, wie Hugo den Falken vorsichtig von seiner Beute herunterzog und nochmals hochwarf, um sich dann dem Kranich zuzuwenden. Adelheid betrachtete den großen Vogel ehrfürchtig. Sein Kopf, der von einer roten Scheitelplatte gekrönt war, zuckte unruhig. Adelheid schauerte bei dem Gedanken, was ihm bevorstand. Sie sah, wie Hugo in seine umgehängte Falknertasche griff. Doch anstatt des Messers, um dem Tier den schlanken Hals durchzuschneiden, zog er etwas Goldenes heraus, mit dem er sich an dessen Bein zu schaffen machte. »Was tut Ihr da?«, fragte Adelheid im Näherkommen.

Hugo sah kurz auf, um sich dann gleich wieder auf den Vogel zu konzentrieren. »Ich binde ihm eine Plakette um. Als Zeichen des Sieges.«

»Was? Ihr tötet ihn nicht?«

»Töten?«

Noch einmal sah Hugo auf. »Warum sollte ich dieses vollkommene Tier töten? Nein, es reicht mir, ihn zu kennzeichnen. Wer weiß, vielleicht habe ich so das Vergnügen, ihn eines Tages erneut zu jagen.«

Adelheid konnte es nicht glauben. Hugo ließ den Kranich leben. Der grausame Mann, der ihr das Schlimmste antun wollte, das sie sich vorstellen konnte, zeigte Respekt vor der Kreatur. Sie sah, wie Hugo die Lederriemen, mit denen er die Plakette anbrachte, festzog, dann aufstand und zurücktrat. Der Kranich kam auf die Beine, um sich eiligst in die Luft zu erheben. Adelheid sah ihn mit ausgebreiteten Schwingen immer höher steigen, bis er schließlich am Horizont verschwand.

Die junge Frau riss sich von diesem Anblick los. Sie musste nun alle ihre Gedanken beisammen haben. Die Beize war vorbei, die eigentliche Jagd konnte beginnen.

Ein Blick zu Hugo zeigte ihr, dass er damit beschäftigt war, das Federspiel mit seinen an einem langen Seil befestigten Schwingen durch die Luft zu wirbeln, um seinen Falken zurückzulocken. Adelheid ging mit wenigen Schritten zu ihrem Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und trieb es mit festen Tritten in die Flanken an. Es preschte los und fiel in Galopp. Adelheid wandte sich zu Hugo um und schrie laut um Hilfe. Er konnte nicht sehen, dass sie ihr Pferd vollkommen unter Kontrolle hatte, sondern musste denken, dass es mit ihr durchgegangen sei. Geschickt lenkte sie jetzt direkt auf das Wäldchen zu und spähte aufgeregt nach vorn. Da sah sie den großen Felsblock, neben dem sich eine Lücke in dem Gestrüpp auftat. Dort sollte sie ihn hineinlocken. Alles andere war dann Sache von Berengar. Willas Mann würde Hugos Tyrannei ein Ende bereiten.

Adelheid drehte sich um und sah zufrieden, dass Hugo nun ebenfalls auf seinem Pferd saß und ihr folgte. Er schrie ihr etwas zu, aber sie konnte es nicht verstehen. Sie wandte den Blick wieder nach vorn, auf das Wäldchen zu. Doch plötzlich tauchte das Bild Hugos in ihr auf, wie er eine Plakette anstatt eines Messers aus der Tasche zog. Ein Mann, der seine Beute lieber freiließ, als sie zu töten. Sie wandte sich um. Hugo hatte aufgeholt. Jetzt konnte sie sein Rufen verstehen. »Bleib ruhig, Adelheid.«

Das Wäldchen war nun direkt vor ihr. »Keine Angst, ich helfe dir«, hörte sie Hugo hinter sich.

Und dann tat sie es. Anstatt ihn in die Falle zu locken, riss sie ihr Pferd herum. Es scheute, stieg hoch in die Luft. Adelheid spürte, wie sie abgeworfen wurde und hart mit der Seite auf dem Boden aufschlug.

Nur kurz darauf war Hugo über ihr. Er hob vorsichtig ihren Kopf an und sah ihr besorgt ins Gesicht. »Hast du dir weh getan?«

Hugo drehte dem Wäldchen den Rücken zu, und so sah nur Adelheid den nahenden Kämpfer, der sich fast lautlos heranpirschte, die Lanze hoch erhoben. Die scharf geschliffene Spitze, die sich gleich in seinen Rücken bohren würde, war schon deutlich zu erkennen. Sie konnte nichts anders als laut zu rufen: »Vorsicht, Hugo, hinter Euch!«

Hugo fuhr blitzschnell herum und wehrte die Lanze mit einem Schlag seines Armes ab. Adelheid sah als Letztes Hugos von Wut verzerrtes Gesicht, bevor sie in eine tiefe Ohnmacht fiel.

 

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie erneut Hugos Gesicht. Er lebte! Eigenartigerweise spürte sie Erleichterung. Sie stützte sich auf die weichen Kissen, auf die man sie fürsorglich gelegt hatte und bemerkte, dass es nicht ihr Bett war. Sie befand sich in Hugos Gemach. Schnell ließ sie sich wieder auf die Decken zurückfallen. Hugo strich ihr über den Kopf. »Schön vorsichtig, meine Kleine. Dir muss doch alles weh tun von dem Sturz.«

Adelheid rückte so unauffällig wie möglich ein wenig zur Seite. »Was ist passiert?«

»Man wollte mich töten. Doch Berengar schafft es einfach nicht. Er ist ein Schwächling.«

Hugo lachte lauthals, und so entging ihm, dass Adelheid blass wurde. Nicht Berengar war schwach, sondern sie. Sie hatte im letzten Moment wie ein dummes Kind gegen die Absprache gehandelt und den Mann gerettet, den sie am meisten hasste.

Hugos Miene verfinsterte sich. »Der feige Kerl konnte fliehen.«

Adelheid atmete auf.

»Samt seinen Helfershelfern. Und seiner Frau«, fuhr Hugo fort. »Sie hat es geschafft, hochschwanger und mit all ihren Bälgern zu verschwinden.«

Wenigstens hatte ihr Versagen den anderen nicht den Tod gebracht. Adelheid fand die Kraft, sich trotz ihrer Schmerzen aufzusetzen. Hugo ging aufgeregt hin und her, während er laut nachdachte. »Berengar kann uns nicht gefolgt sein. Wir hätten ihn gesehen. Er muss bereits auf mich gewartet haben.«

Hugo blieb stehen. »Aber woher wusste er, dass ich ausgerechnet dorthin komme?«

Adelheid versuchte ganz ruhig zu bleiben, als Hugo näher kam und weitersprach. »Ich habe hin- und herüberlegt, bin alles nochmal durchgegangen. Und da ist etwas, was ich nicht verstehe.«

Adelheid spürte ein leises Zittern am ganzen Körper.

»Nachdem der Kranich wieder in Freiheit war, bist du zurück zu deinem Pferd gegangen. Warum?«

Adelheid wusste nichts darauf zu sagen.

»Du bist aufgestiegen und wolltest losreiten. Wohin?«

Hugo stand jetzt genau vor dem Bett und ging in die Knie, um ihr direkt ins Gesicht sehen zu können. »Und wieso ging plötzlich das Pferd mit dir durch?«

Er packte Adelheid an beiden Schultern. »Sprich! Erklär es mir!«

Hugos Stimme hatte schon fast etwas Verzweifeltes, was ihn allerdings nicht daran hinderte, sie feste zu schütteln. Adelheids Seite schmerzte unerträglich, und doch brachte sie noch nicht einmal ein Stöhnen heraus.

»Warst am Ende du diejenige, die mich verraten hat?«

Doch plötzlich ertönte eine Stimme an der Tür. »Lass sie los. Sie hat nichts damit zu tun.«

Es war Berta, die in der Tür stand und Hugo mit festem Blick ansah. Sie war immer noch eine schöne Frau, auch wenn sich ein leicht bitterer Zug um ihre Mundwinkel eingegraben hatte.

Hugo ließ von Adelheid ab und ging auf sie zu. »Ach, woher willst du das denn wissen?«

»Du hast selbst gesagt, dass sie es war, die dich gewarnt hat.«

»Als es fast zu spät war.«

Hugo dachte einen Moment nach. »Aber wenn sie mich nicht verraten hat, wer dann? Es muss jemand sein, der mich sehr hasst.«

»Du hast dir genügend Gegner gemacht«, erwiderte Berta.

»Das hört sich nicht an, als ob du große Angst um mich ausgestanden hättest.«

Hugo stand jetzt zwischen den beiden Frauen. »Ich traue es dir ohne weiteres zu, mich in die Falle laufen zu lassen. Allerdings …«

Er blickte von Berta zu Adelheid. »… ist es doch auffällig, dass du mich unbedingt zur Beize begleiten wolltest.«

Hugo brach ab und fixierte die junge Frau mit einem gewissen Bedauern. »Ich werde dich strafen müssen, schlimm strafen müssen …«

Plötzlich drängte sich Berta vor, sodass sie zwischen Hugo und ihrer Tochter stand. »Ich war es.«

Adelheids Augen weiteten sich und auch Hugo sah Berta überrascht an. »Auf einmal?«

»Ja, und ich bereue es nicht. Ich würde es immer wieder tun.«

Hugo fasste Berta an den Schultern. »Ich habe dich zur Königin von Italien gemacht und was tust du?«

Er schüttelte sie heftig. »Du verrätst mich!«

Dann schleuderte er Berta mit aller Kraft von sich. Sie sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an, bevor sie mit einem dumpfen Laut gegen den Kamin prallte. Sie sank an dem Gemäuer entlang zu Boden. Blut tropfte von einer klaffenden Wunde am Kopf auf ihre Schultern und suchte sich den Weg über ihre Gewänder bis zum Boden. Alle waren für einen Moment wie gelähmt. »Mutter!«, ertönte dann Adelheids ängstliche Stimme.

Sie erhob sich so schnell sie konnte vom Bett und humpelte trotz der Schmerzen zu Berta. Die Tochter nahm vorsichtig deren Kopf in die Hände. »Was habt Ihr getan?«, schrie sie Hugo an.

»Nichts anderes, als was deine teure Mutter mit mir vorhatte. Nur, dass sie zu feige war, es selbst zu tun.«

Damit verschwand Hugo aus dem Gemach.

Adelheid riss sich einen leinenen Fetzen von ihrem Kleid und machte sich daran, ihn zu falten. »Wir müssen deine Wunde verbinden, bis es aufhört zu bluten.«

Aber Berta schüttelte nur matt den Kopf. »Du kannst nicht helfen.«

Adelheid ließ den Stoff sinken. »Ich lasse einen Medicus kommen, warte, ich schicke einen Boten.«

Aber Berta fasste die Hand ihrer Tochter. »Lass mich nicht allein.«

»Mutter, woher weißt du, dass ich …«

Adelheid zögerte, bevor sie fortfuhr. »… dass ich ihn verraten habe?«

»Weil ich weiß, dass du nicht einfach aufgibst. Du kämpfst bis zum Schluss.«

Sie streichelte ihrer Tochter über das Gesicht. »Es gibt nicht viele Frauen, die so sind. Du bist etwas ganz Besonderes. Mein Kind.«

Berta lächelte Adelheid an und schloss dann die Augen. Adelheid nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Mutter! Mutter! Bitte, sieh mich an!«

Aber Berta blieb regungslos liegen. Adelheid begann zu weinen. »O nein, Mutter! Du darfst nicht sterben! Nicht jetzt, nicht meinetwegen!«

Adelheid warf sich über die Mutter. Doch die spürte weder deren Umarmungen noch die heißen Tränen. Berta war tot.

Kapitel 3

Die Einwohner Pavias standen dicht gedrängt im Kirchenschiff der Basilika San Michele. Hier, wo einst Karl der Große zum König der Langobarden gekrönt worden war, fand heute, am 27. Juni im Jahre 947, wieder eine Krönung statt.

Adelheid erblickte den Goldreif. Die blauen, weißen und roten Steine funkelten im Dämmerlicht der Kirche. Kleine Kettchen, an denen filigran gearbeitete Kreuze befestigt waren, hingen vom unteren Rand herab und sie spürte, wie diese ihr Haar kitzelten, bevor sie das Gewicht der Krone auf ihrem Kopf fühlte.

»Empfange die Krone des Königreiches …«, hörte sie die Worte des Erzbischofs von Pavia, »… und erkenne sie als Zeichen der heiligen Glorie und der Ehre.«

Adelheid kniete in der Mitte auf einem dunklen Stein, der von vier kleineren umgeben war. Jetzt war es eigentlich Zeit, sich wieder zu erheben, langsamen und gemessenen Schrittes an den Fürsten vorbei aus dem Dunkel der Kirche hinaus ins Helle zu schreiten, auf dass die Einwohner Pavias ihre neue Königin bejubeln konnten. Doch Adelheid brachte es nicht über sich, ihre Beine zu bewegen. Starr harrte sie auf dem dunklen Marmor aus, der an einigen Stellen Einsprengsel aus warmen Brauntönen zeigte.

Das Farbenspiel erinnerte sie an den Blick aus sanften, braunen Augen, der ihr in nur einem Moment so viel offenbart hatte. Aber das Gewicht von Hugos Hand auf ihrer Schulter riss sie aus ihren Gedanken.

»Adelheid! Komm endlich! Man will uns sehen.«

›Uns‹! Wie konnte er nur dieses Wort aussprechen! Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie ihn heiraten musste. Das Land brauchte schließlich eine neue Königin. Doch jetzt, so kurz vor der Hochzeitsnacht, wäre sie am liebsten einfach fortgelaufen, wenn sie nur gewusst hätte, wohin.

Adelheid stand auf. An Hugos Seite schritt sie durch den Mittelgang zum Kirchenportal nach draußen ins gleißende Sonnenlicht. Sie hielt einen Moment inne. Die Menschen drängten sich an der Vorderseite der Kirche mit ihrem spitz zulaufenden Giebel zusammen, um Platz zu finden. Ganz Pavia war auf den Beinen und viele andere, teils von weither angereist, wollten bei diesem Ereignis dabei sein. Naschwerkhändler machten gutes Geschäft, weil sie geschickt die Feiertagslaune der Menschen nutzten, um eingelegten grünen Ingwer und ausgebackene Melonenstücke in großen Mengen zu verkaufen.

Adelheid bemerkte, wie ein paar Bäuerinnen staunend auf das eingewebte Gold im Saum ihres Kleides deuteten und einen Blick auf die Stiefel aus weißem Leder erhaschen wollten. Doch sie wurden plötzlich von einem Bettler, schmutziger und verlauster noch als üblich, zur Seite gedrängt, der, um Almosen flehend, seine Hand in Richtung des Königspaares ausstreckte. Sofort schritten die Wachen ein, um ihn mit ihren Lanzen fortzujagen. Der Bettler bemühte sich auszuweichen, da er aber recht beleibt war, ging es nicht so schnell, wie er wollte. Er stolperte, um gleich darauf Adelheid direkt vor die Füße zu kullern. Unwillkürlich bückte sie sich, doch Hugo zog sie sofort wieder hoch und drängte sie weiterzugehen.

Adelheid ließ sich mitziehen, aber dann drehte sie sich doch noch einmal um. Dieses Gesicht – irgendwo hatte sie diesen Bettler schon einmal gesehen. Als die Wachen ihn in die Menge zurückdrängten, bewegte er sich so linkisch, dass er fast wieder das Gleichgewicht verloren hätte. Und plötzlich begriff Adelheid. Sie hatte Adalbert, den dicken, ungeschickten Sohn Willas gesehen! Die Maskerade war ihm nicht schlecht gelungen, nur seine Beleibtheit wollte nicht so recht zu einem Hungerleider passen. Adelheid versuchte, noch einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch Adalbert war nicht mehr zu sehen. Aber Adelheid war sich ganz sicher, dass es ihr Neffe gewesen war. Wenn er sich in Pavia aufhielt, bedeutete das vielleicht, dass auch Willa und Berengar zurückgekehrt waren. Adelheid blickte sich um, konnte aber keinen von beiden entdecken. Sie mahnte sich zur Ruhe. Sie mussten nicht unbedingt hier in der Menge stehen. Viel wahrscheinlicher war es, dass sie Adalbert als Kundschafter geschickt hatten, um einen guten Moment für einen Angriff abzupassen. Adelheid hatte das Gefühl, als setze ihr Herz einen Augenblick lang aus. Willa und Berengar standen sicher schon vor den Stadttoren und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Hugo aus Pavia vertreiben würden. Adelheid bemühte sich, gelassen zu wirken. Noch einmal wollte sie nicht alles verderben. Doch sie konnte nicht verhindern, dass ihre Anspannung sich in einem erwartungsvollen Lächeln Bahn brach. Die Menge jubelte, als sie ihre strahlende Königin sah.

 

Hugo hatte die erlesensten Köstlichkeiten auftragen lassen. Flamingozungen und Hahnenkämme hatte es selbst an diesem Hof noch nicht gegeben, obwohl der König nie ein Mann der Askese gewesen war. Hugo betrachtete Adelheids Appetit mit sichtlichem Vergnügen und wunderte sich schon fast, als er sie mit den Fürstinnen scherzen und lachen sah. Er trat an ihre Seite und legte seinen Arm um sie. »Es gefällt dir wohl doch, meine kleine Frau zu sein.«

Adelheid ertrug seine Berührung mit einem Lächeln, wie sie sich auch zum Essen und zur Unterhaltung gezwungen hatte.

»Aber ein klein bisschen widerspenstig kannst du ruhig bleiben«, flüsterte er ihr ins Ohr und küsste sie schnell auf den Hals. Adelheid zuckte unwillkürlich zurück und Hugo grinste.

Doch die junge Frau hatte sich schnell wieder in der Hand. Bald, sehr bald würde sie frei sein und Hugo müsste für alles büßen, was er getan hatte.

Sogar auf dem Weg zum Schlafgemach spürte sie noch den Triumph. Erst als das Bett aufgeschlagen war, Holzscheite im Kamin prasselten und auch der letzte Knecht den Raum verlassen hatte, fühlte sie die Angst. Adelheid sagte sich wieder und wieder, dass bald alles vorbei war. Sie drehte sich zum Fenster und begann, ihren Schmuck abzulegen. Dabei ließ sie ihren Blick über die Ebene hinter der Stadtmauer schweifen. Sie konnte in der Dämmerung keine Spur der Befreier entdecken. Aber das war sicherlich nur ein Zeichen ihrer guten Tarnung. Sie würden Hugo vollkommen überrumpeln und ihm keine Zeit zur Gegenwehr lassen.

Sie spürte Hugos Hand auf der Schulter und fuhr erschrocken herum.

»Lass dass«, erklärte er, während er ihr die Kette, die sie abgenommen hatte, wieder um den Hals legte.

»Ich möchte die Steine auf deiner Haut funkeln sehen.«

Hugo entblößte ihre linke Schulter. Fasziniert blickte er auf die roten und grünen Steine, die tatsächlich auf ihrer weißen Haut noch stärker zu schimmern schienen als auf dem rötlichen Stoff. Adelheid legte die Hand über ihre Blöße, was ihn jedoch nicht davon abhielt, sie auf den Hals zu küssen. Langsam tasteten sich seine Lippen abwärts, ruhten einen Moment in der Kuhle zwischen Hals und Schlüsselbein, um dann den Ansatz ihrer Brüste zu liebkosen.

Adelheid fröstelte. Sie spähte noch einmal durch das Fenster. Hugo sah sie prüfend an. »Komm ins Bett, meine Liebste. Dir ist kalt.«

Er wollte Adelheid mit sich führen, doch die blieb starr stehen. »Nein, nein!«

Hugo war erstaunt, sodass Adelheid schnell anfügte: »Noch nicht. Wir haben so lange gewartet, lass uns jetzt nichts übereilen.«

Hugo sah sie amüsiert an. »Hast du Angst? Das brauchst du nicht.«

Wieder küsste er sie, diesmal auf den Mund. Sein Atem roch nach abgestandenem Bier. Adelheid machte sich frei, indem sie sich nach hinten bog. Sie holte tief Luft, während Hugo sie verärgert ansah. »Was willst du? Händchen halten? Du bist sechzehn Jahre alt. Ich hätte dich längst zur Frau machen sollen.«

Adelheid war verzweifelt, Tränen schossen ihr in die Augen. Willa wusste, wie sehr sie Hugo verabscheute. Es musste einen Sinn haben, dass sie so lange mit dem Eingreifen wartete. Hugo küsste sie erneut auf den Mund.

Vielleicht wollte Willa Adelheid ein wenig schmoren lassen. Schließlich hatten Willa und ihr Mann ihretwegen fliehen müssen, nur, weil sie sich nicht an die Absprache gehalten hatte. Sie spürte, wie Hugo auch ihre zweite Schulter entblößte. Seine Hände strichen über ihre Brüste, erst sanft, dann immer fordernder. Adelheid konnte nicht anders, als ihn zurückzustoßen. Hugo war verblüfft, dann verzerrte sich sein Gesicht vor Wut. »Jetzt ist aber Schluss. Ich kann auch anders.«

Hugo fasste Adelheid um die Taille und drängte sie in Richtung Bett. Sie hatte keine Möglichkeit mehr, sich aus seiner Umarmung zu lösen. Mit einem heftigen Stoß landete sie auf dem großen Bett. Und schon war Hugo über ihr, riss ihr den kostbaren Stoff vom Leib, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er ihn zerfetzte. Adelheid bekam nur noch schwer Luft.

Dann spürte sie, wie Hugo sich seine Beinkleider herunterzerrte. Sie wand sich nach Leibeskräften, was Hugo zu gefallen schien, deshalb lag sie bald wieder still. Doch so spürte sie noch deutlicher, wie er seinen nackten Körper an ihrem rieb.

Sie musste irgendetwas falsch gemacht haben. Adelheid spürte, wie Hugo versuchte, ihre Beine zu spreizen. Er drängte sein Knie zwischen ihre Schenkel und schaffte es schließlich, sie auseinander zu drücken.

Vielleicht erwartete Willa etwas von ihr. Irgendetwas, um ihnen das Eingreifen zu ermöglichen. Aber sie hatte keine Nachricht erhalten. Adelheid hörte Hugo dicht an ihrem Ohr keuchen.

Oder die Wachen hatten Adalbert als dreisten Bettler gefangen gesetzt und Willa musste ihn erst befreien. Adelheid kam zu keinem Schluss. Aber wenigstens lenkte sie es etwas ab, als Hugo endgültig in sie drang.

Danach drehte sie sich zur Seite und hörte auf zu weinen. Sie dachte nicht mehr an Willa. Auch nicht an ihre Befreiung. Jetzt war alles egal.

 

Adelheid öffnete mühsam ihre Augen. Der brennende Schmerz zwischen ihren Beinen erinnerte sie sofort an die Ereignisse der Nacht. Doch dann lenkten sie Geräusche ab. Es waren Schritte, die sie trotz Hugos Schnarchen an ihrer Seite immer deutlicher vernehmen konnte. Die Tür wurde aufgerissen, und da standen ihre Retter. Adelheid beobachtete, wie sie sich mit gezogenen Schwertern dem Bett näherten, sich auf Hugo stürzten und ihn aus dem Bett zerrten. Seine Gegenwehr und seine Wutschreie nutzten ihm nichts. Es war alles so, wie Adelheid es sich vorgestellt hatte, nur, dass sie zu spät kamen.