6,99 €
Frank, Studienrat für Latein, Spanisch und Geschichte, führt ein geordnetes und einsames Leben. Änderungen sind ihm verhasst. Ganz im Gegenteil zu seinem Untermieter, der sich als innere Stimme in seinem Kopf eingenistet hat und ihn seit Monaten quält. Während Frank in den Sommerferien nach Spanien reist, um dort einen geruhsamen Bildungsurlaub zu verbringen, möchte sein Untermieter Abenteuer erleben. In Bilbao schließen die beiden eine Wette ab. Sie tauschen für einen Tag die Rollen. Sollte Frank sich in dieser Situation dazu verleiten lassen, das Leben zu preisen, überlässt er seinem Untermieter für den Rest des Urlaubs das Kommando. Frank verliert und ein turbulentes Abenteuer nimmt seinen Lauf.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2024
Günter Wirtz
Kakaden
Der Untermieter
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 Frankfurt – Bilbao
Kapitel 2 Bilbao
Kapitel 3 San Juan de Gaztelugatxe
Kapitel 4 Castro Urdiales
Kapitel 5 Santander
Kapitel 6 Liérganes
Kapitel 7 Santillana del Mar
Kapitel 8 Babel
Kapitel 9 Tina Menor
Kapitel 10 Oviedo
Kapitel 11 Grado
Kapitel 12 Pola de Allande
Kapitel 13 Galicien
Kapitel 14 Lugo
Kapitel 15 Santiago de Compostela
Kapitel 16 Portor
Kapitel 17 Ponferrada
Der Autor
Impressum neobooks
Drei Dinge, die der Untermieter an Frank nicht schätzte. Eigentlich waren es dreihundert, aber im Moment störten ihn drei: der Geiz, die mangelnde Entschlossenheit und die Unfähigkeit, unhöflich zu sein. Wäre sein Wirt spendabler, hätte er Erste Klasse gebucht. Wäre er entschlossener, hätte er die Frage am Airline-Schalter, ob er einen bestimmten Platz wünsche, nicht mit „Nein“ beantwortet, sondern mit „Ja, einen Fensterplatz und bitte neben einer Frau, die aussieht wie Penélope Cruz und die Belesenheit eines Jorge Luis Borges besitzt!“ So wie er, die innere Stimme, es ihm souffliert hatte. Stattdessen hockte Frank jetzt in der Mitte der Sitzreihe. Zu seiner Rechten kauerte ein kaugummifletschender Bodybuilder, der sich für Terminator hielt und dringend etwas gegen den Geruch im Achselbereich unternehmen sollte. Zu allem Übel war es gerade diese Körperpartie, die er Frank aufgrund der unnatürlichen Breite seiner Schultern direkt vor die Nase hielt. Auf der Lehne zwischen ihnen lag sein Unterarm wie ein Baumstamm, der nicht bereit war, sich auf Kompromisse einzulassen. Um den unangenehmen Berührungen und Gerüchen zu entgehen, hatte sich Frank nach vorne gebeugt und war damit vom Regen in die Traufe gelangt. Bei der Traufe handelte es sich um den Sitznachbarn zu seiner Linken, einen etwa sechzigjährigen Mann mit affektiert gezwirbeltem Schnauzbart und Halbglatze, die er durch quergelegte Haarsträhnen kaschierte. Mit seinem fliederfarbenen Hemd unternahm er den vergeblichen Versuch, sich zehn Jahre zu verjüngen, und die cremefarbene Fliege sollte ihm wohl den Touch eines Gentlemans verleihen. Ein Stutzer, der ihn so zutextete, dass es Frank unmöglich war, das Buch auf seinen Knien in Ruhe zu lesen.
„Warum beugen Sie sich so weit nach vorne? Ist Ihnen schlecht?
„Nein, ich reise immer in dieser Haltung. Das entspannt mich.“
Frank hoffte, sein Sitznachbar würde die Ironie der Botschaft verstehen und beleidigt schweigen. Vergeblich.
„So was wie Yoga? Ich halte nichts von diesem esoterischen Firlefanz. Alles nur Reibach, Kohle, Pasta.“ Zur Veranschaulichung rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander. Frank hasste Leute, die mit Erwachsenen wie mit Kleinkindern redeten und selbst einfachste Aussagen pantomimisch untermalten. Spätestens jetzt hätte Frank den Dialog nach Ansicht seines Untermieters abbrechen und den Typ mit seiner lächerlichen Fliege strangulieren, ihm aber zumindest die Meinung geigen sollen, doch dazu fehlte ihm Punkt 3 der Mängelliste: Dreistigkeit. Stattdessen rechtfertigte sich sein Wirt sogar noch.
„Ich weiß, was Reibach bedeutet. Und nein, mit Yoga hat das nichts zu tun.“
„Sie machen eine Reise nach Santiago de Compostela, stimmt‘s oder hab ich Recht? Mitte fünfzig, Midlife-Crisis. Oder Sie haben was ausgefressen und wollen jetzt dafür Buße tun. Vielleicht Ihre Frau betrogen, was?“ Er klopfte Frank jovial auf die Schulter. „Ich weiß, ich bin ein Zyniker, aber nur so kann man dieses absurde Leben ertragen, finden Sie nicht? Ich heiße übrigens Ulf. Ulf wie Alf, nur mit U.“ Er lachte und reichte Frank die Hand.
– Nicht einschlagen!, befahl die innere Stimme.
Frank schlug ein.
– Aber wenigstens deinen Namen wirst du diesem aufgeblasenen Fatzke nicht verraten!
Das tat er nicht, aber der Fatzke wollte ihn auch nicht wissen, sondern quasselte sofort weiter.
„Wenn Sie mich fragen, ist dieser Finde-den-Weg-zu-dir-selbst-Müll rund um das Wallfahren reine Abzockerei. Ein Bekannter von mir, Chefarzt in der Uniklinik, hat mal den Weg gemacht. Unverschämte Preise verlangen die in den Hotels, hat er gesagt. Ich hoffe, Sie haben genug Asche dabei.“ Wieder rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander.
„Offenbar bewegt sich Ihr Bekannter trotz seines Berufes an der Armutsgrenze, aber keine Sorge. Ich bin weder Pilger noch Mitte fünfzig und in einer Midlife-Crisis, ich?“ Das spöttische Lachen, das Frank ausstoßen wollte, missriet zu einem Krächzen.
In Sachen Alter und Krise lag der Typ nicht ganz falsch, aber die Genugtuung, zwei Halbtreffer gelandet zu haben, gönnte Frank ihm nicht.
„Wie ein Geschäftsmann sehen Sie jedenfalls nicht aus. Lassen Sie mich raten! Sie lesen, tragen eine Cordhose und reden so geschwollen wie eine Mandelentzündung. Sie sind Lehrer, stimmt‘s oder hab ich Recht?“
Frank hasste Konversationen über seinen Beruf, vor allem mit Leuten, bei denen die Floskel „Stimmt‘s oder hab ich Recht?“ unausrottbar im Wortschatz verwurzelt war. Gespräche über seinen Berufsstand verliefen immer gleich. Der Begriff „Lehrer“ öffnete in den Leuten eine Art Büchse der Pandora, die alle schlechten Erfahrungen freisetzte, die sie selbst in der Schule mit seinesgleichen gemacht hatten. Schlimmer noch: Sie machten im weiteren Gesprächsverlauf Frank für ihre traumatischen Erlebnisse verantwortlich und sahen in ihm einen Fußabtreter, um sich all den Schmutz von der pädagogisch geschundenen Seele zu streifen. Jedes Mal nahm Frank sich vor, dem Rat seines Untermieters zu folgen und zu lügen. Zu sagen „Nein, ich bin Klempner, Frisör oder Meerschweinchen-Züchter“, aber er brachte das nicht über die Lippen. Noch eine der dreihundert Eigenschaften, die der Parasit in ihm geringschätzte.
Frank nickte, worauf Ulf so lachte, dass ihm die querliegenden Haarsträhnen über die Nasenwurzel rutschten. Die nächsten zwanzig Minuten ließ sich sein Sitznachbar über seine Schulzeit aus, während Frank demonstrativ in seinen Sprachführer „Aupa – Baskisch für Anfänger“ starrte. Solche Signale schienen seinen Nebenmann allerdings nicht zu stören, sondern zu monologischen Höchstleistungen anzutreiben. Er spannte den Bogen vom Lateinlehrer, der immer nur einen rotzgrünen Rollkragenpullover getragen hatte, über den Biolehrer, den „faulen Sack“, bis hin zum „unfähigen Referendar“, dem sie das Leben so zur Hölle gemacht hatten, dass er zuerst den Beruf an den Nagel gehängt und später sich selbst vor den Zug geschmissen hatte. Das Ganze gipfelte in einer Reihe von Lehrerwitzen im Stil von „Wer hat vormittags recht und nachmittags frei?“
Um ihm zu zeigen, wie souverän er über solche Vorurteile stand, konterte Frank mit einem eigenen Witz: „Was haben Lehrer und Fixer gemeinsam?“
Ulf zuckte die Achseln.
„Sie denken nur an ihren Stoff.“
Das Gelächter, das folgte, war so laut, dass sich die Leute zu ihnen umdrehten. Selbst Terminator zuckte mit den Mundwinkeln und unterbrach für einen Moment das Kaugummikauen.
„Und was treibt Sie nach Spanien?“, wollte der Lehrerhasser wissen. Leider gab er nicht nur Klischees, sondern auch Speicheltropfen von sich, die Frank angewidert von den Seiten seines Buches wischte.
„Ich möchte Baskisch lernen.“
Im ersten Moment war sein Gegenüber sprachlos. Als er im zweiten Moment begriff, dass Frank keinen Witz gemacht hatte, hüpfte, sprang und kullerte das Lachen aus ihm heraus.
„Wollen Sie mich verarschen?“, stieß er schließlich hervor. „Baskisch lernen! Mann, Sie stecken in keiner Midlife-Crisis, sondern sind schon im Endstadium. Wer zur Hölle fährt in Urlaub, um dieses Steinzeitgebrabbel zu lernen?“
Frank wollte die politische Aktualität der baskischen Sprache und ihre faszinierenden Wortbildungsmechanismen hervorheben, hatte aber das Gefühl, Perlen vor die Säue zu werfen.
– Erzähl ihm, dass wir was Verrücktes machen, damit er uns nicht für einen langweiligen Akademiker hält!, stichelte die innere Stimme.
– Was ist an einem Akademiker langweilig?, schoss Frank in Gedanken zurück.
– In Ulfs Augen alles und jetzt diskutier hier nicht rum, sondern sag was Spektakuläres!
Frank überlegte kurz. „Außerdem leihe ich mir ein Fahrrad, um damit die Gegend zu erkunden.“
„Die Gegend erkunden. Sie drücken sich nicht nur geschraubt aus, sondern haben auch ‘ne Schraube locker.“ Ulf unterbrach sich, um über sein Wortspiel zu lachen. „Das Baskenland ist voll bergig. Außerdem regnet es die ganze Zeit. Ein Bekannter von mir hat sich im Urlaub auch mal ein Fahrrad geliehen. Da sind die Bremsen gerissen und er ab über die Leitplanke. Vier Monate Krankenhaus.“
„Lassen Sie mich raten! Als Motivationspsychologe arbeiten Sie nicht.“
Ulf überging Franks Sarkasmus. „Haben Sie schon ein Hotel gebucht?“
Natürlich hatte er das. „Nein, ich lasse mich treiben.“
– Gut so!, bestärkte ihn sein Untermieter.
„Typisch Lehrer. Im Klassenraum Alleswisser, aber in der freien Wildbahn völlig aufgeschmissen. Ich hoffe, Sie bereiten Ihren Unterricht gründlicher vor. Mann, um diese Zeit ist alles ausgebucht, da kriegen Sie nichts mehr!“
„Ich vertrau auf mein Glück.“ Frank zog ein schwarzes Mikrofasertuch aus der Hemdtasche und putzte seine Brille, einerseits, um Ulf nicht ansehen zu müssen, andererseits, weil sich ein Speicheltropfen auf eines der Gläser verirrt hatte.
„Glück? Was sind Sie für ein Naivling! Glück gibt es genauso wenig wie Pech, Zufall, Fügung oder Gott. Glaube an Glück oder Gott ist was für Feiglinge, die nicht ertragen können, dass sie selbst überflüssig sind. Unser Leben ist sinnlos.“
„Liebe, Ehre, Werte?“, wandte das Weichei ein, setzte die Brille auf den Nasenrücken und schob das gefaltete Tuch zurück in die Hemdtasche.
„Bla, bla, bla. Heben Sie sich das für Ihre Schüler auf! Werte sind menschengemacht, und der Mensch hat im Universum nicht mehr Wert als der Pistazienkrümel, der dem Typen da hinten im Mundwinkel klebt.“
Der Bodybuilder hörte für einen Moment mit dem Kauen auf. Sein Kopf ruckte erst in ihre Richtung, dann zur gegenüberliegenden Sitzreihe. Der Mann mit dem Pistazienkrümel im Mundwinkel schien zu schlafen. Er sah blass aus. Frank verfolgte, wie Terminator aufstand, sich über den Mann beugte und kurz darauf wieder aufrichtete. Er schien angestrengt nachzudenken, denn auf seiner Stirn bildeten sich Falten. Wenige Augenblicke später traf er eine Entscheidung. Er schritt den Gang zur Toilette hinunter, wo eben ein Mann mit grauem Jackett verschwunden war. Ulf hatte seinen Redeschwall unterbrochen und hantierte mit einem Zahnstocher in seinem Mund. Offenbar hatte der Anblick des Pistazienkrümels ihn an einen Essensrest erinnert, der zwischen seinen Backenzähnen klebte. Er schnalzte zwei Mal, prüfte mit der Zunge die operierte Stelle und nickte zufrieden.
– Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht wieder …
„Wo war ich?“
– Er hat Recht. Es gibt keinen Gott.
„Ach ja, der Mensch. Wissen Sie, der Mensch besteht aus Zellen, die so winzig sind, dass man sie nicht einmal unter dem Mikroskop sehen kann. Eine solche Zelle ist nichts, eine Null, und was kommt raus, wenn man eine Null multipliziert?“ Ulf hob die Stimme und machte eine dramatische Pause. Frank weigerte sich, diese nach Effekt haschende Frage zu beantworten und wischte mit dem Ärmel einen Speicheltropfen von seiner Hose. Benutzte dieser widerliche Barbar etwa extra so viele S- und Z-Laute?
– Warum denkst du das nur? Sag es laut! Aber nenn ihn nicht »Barbar«, du bist hier nicht im Lateinunterricht! Sag ihm: Hör zu, du Arschgeige! Halt einfach deine Fresse! Franks Untermieter war auf hundertachtzig.
„Null. Und je eher man das akzeptiert, desto besser. Nach dem Leben ist Schluss, aus, basta.“ Ulf klemmte den Zahnstocher in die Brusttasche seines fliederfarbenen Hemdes. „Leute, die an ein Leben nach dem Tod glauben, sind arme Schweine. Fast so arm wie diejenigen, die sich an so etwas wie Glück klammern. Alles philosophische Weicheier!“
In diesem Moment begann das Flugzeug zu wackeln. Auf einem Bildschirm erschien die Anweisung „Bitte anschnallen!“ Ulf fingerte an seinem Gurt, schloss ihn und fasste an seine Brust. Sein Gesicht hatte die Farbe von Kreide angenommen. Das Wackeln nahm zu. Terminator war immer noch auf Toilette. Plötzlich fielen sie in ein Luftloch. Ulf presste die rechte Hand auf den Mund und umklammerte mit der anderen die Kopfstütze des Vordersitzes. Das Flugzeug fing sich, fiel, fing sich, ruckelte. Als sich die Maschine stabilisiert hatte, hörte Frank neben sich jemanden röcheln. Ulf lief blau an. Seine Augen hatten sich unnatürlich geweitet und aus den Mundwinkeln perlten glänzende Striche. Frank brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es sich nicht um Speichelfäden, sondern um eine filigrane Silberkette handelte. Ulf schien in eine Schockstarre verfallen zu sein.
„Er bekommt keine Luft mehr!“, stellte jemand in der Reihe hinter ihnen fest.
„Ein Arzt!“, rief ein anderer.
„Hilfe!“, ein Dritter.
Die Stewardess eilte herbei und blieb wie angewurzelt stehen.
„So tun Sie doch was!“, forderte jemand weiter vorne.
Die Flugbegleiterin starrte Frank an, als wäre er der gesuchte Arzt, der endlich etwas unternehmen sollte. Mehr aus Intuition, denn aus Überlegung zog er mit Daumen und Zeigefingern links und rechts an dem Silberkettchen. Das Schmuckstück bewegte sich nicht. Ulf starrte ihn flehend an. In diesem Moment fielen sie erneut in ein Luftloch. Während Franks Finger immer noch das Kettchen festhielten, wurde Ulf Kopf nach hinten geschleudert. Es gab einen Ruck. Die Kette war gerissen.
Ulfs Hände formten sich zu Krallen. Kein gutes Zeichen. Frank musste handeln und den Fremdkörper, der die Luftröhre verschlossen hatte, so schnell wie möglich entfernen. Vom letzten Erste-Hilfe-Kurs erinnerte er sich allerdings, dass der Kiefer zu den kräftigsten Muskeln des Körpers gehörte, weswegen man in solchen Fällen nie ohne Beißkeil in den Mund des Verletzten greifen sollte. Frank sah sich um und sein Blick fiel auf den Sprachführer auf der Ablage vor ihm.
Ehrwürdiges Baskisch, vergib mir!
Ulf schnappte röchelnd nach Luft. Frank öffnete seinen Sicherheitsgurt. Dann schob er das Buch auf der linken Kieferhälfte zwischen Ulfs Zahnreihen, packte beherzt in den Schlund und stieß mit Daumen und Zeigefinger auf Widerstand: dünn, hart, schmal. Er zog und rutschte ab. Fasste wieder hinein, presste die Fingerkuppen so stark es ging zusammen und zog sie zurück. Der Fremdkörper löste sich und „Aupa – Baskisch für Anfänger“ fiel in die Fußablage. Die Passagiere, die sich von ihren Sitzen erhoben hatten, beobachteten gebannt, wie sich Ulf die Fliege vom Hals riss und Luft einsaugte. Schließlich wurden die Atemzüge ruhiger und das Gesicht entspannte sich. Alle riefen wild durcheinander. Jemand applaudierte, ein anderer klopfte Frank auf die Schulter. Aus den Lautsprechern kam eine Durchsage. Die Stewardess bedankte sich bei Frank und wandte sich an die Fluggäste.
„Nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein und schnallen Sie sich wieder an! Wir beginnen mit dem Landeanflug.“ Sie wiederholte ihre Aufforderung auf Spanisch.
Aschfahl und mit glasigen Augen starrte Ulf vor sich hin. Terminator war immer noch nicht an seinen Platz zurückgekehrt. Dafür der Mann im grauen Jackett. Auch sein Gesicht wirkte blass. Als Frank sich anschnallte, bemerkte er, dass er immer noch das Ding in den Händen hielt, das er Ulf aus dem Schlund gefischt hatte. Eine goldene Münze mit einem quadratischen Loch in der Mitte. Auf der Oberfläche waren asiatische Schriftzeichen eingraviert.
Frank reichte seinem Sitznachbarn die Münze. „Hier, nehmen Sie! Ihr Glücksbringer hätte Sie fast das Leben gekostet.“ Er machte eine dramatische Pause.
– Gib‘s ihm!, befahl sein Trittbrettfahrer.
Frank nickte. Genüsslich betonte er jede Silbe. „Phi-lo-so-phi-sches Weich-ei!“
Ulfs Finger umschlossen den Talisman. Bis zur Landung sagte er keinen Ton. Vermutlich schmerzte schon jeder Versuch zu reden. Frank horchte in sich hinein. Mitleid? Nein, eher Schadenfreude. Mehr noch. Da Terminators Platz unbesetzt blieb, konnte Frank nicht nur befreit durch die Nase atmen, sondern sogar seinen Arm auf der Lehne ablegen. Das fühlte sich richtig gut an. Selbst sein Untermieter hatte nichts zu nörgeln.
Mit der Ruhe war es jedoch schnell vorbei. Kaum waren sie gelandet, kamen zwei Rettungssanitäter und ein Notarzt an Bord, die sich um Ulf kümmerten. Sie schnallten ihn auf eine Trage und fuhren mit ihm auf die Gangway hinaus. Kurz bevor er aus Franks Sichtfeld verschwand, suchte Ulf seinen Blick und hob den Daumen. Frank grüßte auf dieselbe Weise zurück. Ulf war zwar ein selbstverliebter Kotzbrocken, aber an einem Glücksbringer zu ersticken, das hatte selbst er nicht verdient.
Ein Schrei riss Frank aus seinen Gedanken. Eine der Stewardessen stand auf dem Gang. Vor ihr lag ein massiger Körper mit Lederjacke und Sonnenbrille: Terminator. Die Flugbegleiterin rief den Notarzt zurück. Der kniete sich neben den Verletzten und untersuchte ihn. Kurze Zeit später verließ die nächste Trage das Flugzeug. Frank drehte sich zu dem Mann mit dem grauen Jackett um. Der saß auf seinem Platz und betrachtete das Geschehen mit derselben Neugier wie alle. Die Passagiere wurden immer unruhiger und wollten von Bord gehen, doch die Flugbegleiterinnen redeten beruhigend auf sie ein. Frank warf einen Blick auf den Mann, der allein in der gegenüberliegenden Sitzreihe saß. Wie konnte dieser Mensch bei dem Lärm schlafen? Immer noch klebten die Pistazienkrümel in seinem Mundwinkel. Sein Gesicht sah aus, als wäre es von einer Wachsschicht überzogen. Das fiel auch der Stewardess auf, die soeben an ihnen vorbeiging. Sie sprach den Passagier an, doch er reagierte nicht. Als sie ihn an der Schulter rüttelte, kippte der Körper zur Seite. Aus dem Mund traten Schaumbläschen. Die Stewardess schrie. Wieder erschien der Notarzt, prüfte Puls und Atmung, schüttelte den Kopf. Panik brach aus. Auch Frank schluckte. Neben einem Toten zu sitzen, war ein unheimliches Gefühl.
Zwei Beamte der Ertzaintza, der baskischen Polizei, erschienen, um die Passagiere und das Bordpersonal zu den Vorfällen zu befragen. Schließlich führte man die Leute einzeln hinaus in Richtung Abfertigungshalle. In einem Büro der Ertzaintza hinterließ Frank seine persönlichen Daten und gab alle Beobachtungen zu Protokoll, die im Zusammenhang mit den zwei Verletzten und dem Toten standen. Man durchsuchte sein Handgepäck, und sogar seine Arme und sein Kopf wurden inspiziert, worauf sich Frank keinen Reim machen konnte. Er überlegte, ob er den Beamten von dem Mann mit dem grauen Jackett erzählen sollte. Nicht deine Sache, überlegte er. Ja, er hat blass ausgesehen, aber wahrscheinlich hatte er nur was Falsches gegessen. Und dass Terminator auf der Toilette zusammengebrochen ist, hängt bestimmt mit Drogen zusammen. Kein Grund, sich einzumischen!
In der Gepäckhalle traf er den grauen Mann wieder. Der nickte ihm freundlich zu. Kein beiläufiges Nicken, sondern eher eine Geste, die Respekt ausdrückte. Nein, dachte Frank, dieser Mensch konnte keiner Fliege etwas zu Leide tun. Mal abgesehen davon, dass der Mann in Grau sich gegenüber dem kollabierten Hünen selbst wie eine Fliege ausnahm. Und was den Pistazienliebhaber auf den gegenüberliegenden Sitzen anging. Der hatte einen Herzinfarkt bekommen.
– Was auch einem Bewegungsmuffel wie dir jederzeit passieren könnte!, schaltete sich der Untermieter ein.
– Hör auf, mir ständig Essig ins Ohr zu träufeln!
– »Hör auf, mir ständig Essig ins Ohr zu träufeln!« Ulf war echt nervig, aber in einem hatte er Recht. Du redest »wie eine geschwollene Mandelentzündung«.
Eine Viertelstunde später stand Frank vor dem Gepäckband, das sich soeben in Bewegung gesetzt hatte. Ein Mädchen mit dunklen Locken hüpfte vor Begeisterung und zeigte auf den ersten Koffer, der sich durch die Vorhanglappen schob. Geduldig wartete Frank auf seinen alten Rucksack, den er nach zwanzig Jahren aus dem Keller geholt hatte. Das monströse Teil mit dem Tragegestell hatte schon Frankreich und England gesehen. Bei seinem Anblick fühlte Frank sich direkt jünger. Das änderte sich, als er ihn auf den Rücken schnallte. So eine blöde Idee. Hätte er nur nicht auf diese Stimme gehört, die sich in den letzten zwölf Monaten immer häufiger in ihm zu Wort meldete und alles an ihm kritisierte. Und dann noch in diesem unzivilisierten Ton. Fast so, als hätte er einen Schüler verschluckt. Jedenfalls, wäre es nach ihm, Frank, gegangen, so hätte er einen dieser praktischen Koffer gekauft, die mit den Rädern.
Frank steuerte auf die Rolltreppe zu, die zur Eingangshalle des Flughafens hochführte. Während ihm der große Rucksack von hinten gegen das Steißbein schlug, hüpfte der kleine Rucksack, den er sich von vorne um die Schultern geschlungen hatte, auf seinem Bauch. Er fühlte sich wie eine Schildkröte.
– Genau, wieNinja Turtle, mischte sich sein Seelenparasit ein. Du erinnerst dich doch noch an die Zeichentrickfilme. Die Kungfu-Schildkröte mit dem Stirnband. So ein Teil solltest du dir auch zulegen, dann werden wir nicht länger für einen Lehrer gehalten. Das geht mir nämlich echt auf den Senkel! Auf jeden Fall musst du in Bilbao deine Cordhose wegschmeißen und dir eine Jeans kaufen. Am besten mit Flicken. Hey Mann, du hast der Schweinebacke das Leben gerettet. Also bist du jetzt ein Hero und ein Hero braucht ein angemessenes Outfit.
Frank schüttelte den Kopf, um die Stimme zu verscheuchen. Höchste Zeit, sich beim Studium der baskischen Sprache auf wesentliche Dinge zu konzentrieren. Das würde den Kuckuck, der sich bei ihm eingeschlichen hatte, aus seinem Nest vertreiben.
Der Flughafen in Bilbao war übersichtlich. Es gab nur eine Ankunftshalle und das Auskunftsbüro für Touristen konnte er schon von weitem sehen. Frank war bereits mehrere Male in Spanien gewesen und in jedem Ort war das Oficina de Turismo seine erste Anlaufstelle. Unterwegs kam er an einem Geschäft vorbei.
– Wie wär‘s mit einem Kaugummi?, schlug Mister Hyde vor. Du hast schon seit zwanzig Jahren kein Kaugummi mehr gekaut.
– Erstens: Wie kannst du das wissen? Du bist seit höchstens einem Jahr in meinem Kopf! Und zweitens: Warum sollte ich das ändern? Frank war sicher, seinen Untermieter damit schachmatt gesetzt zu haben.
– Erstens: Mach dir nichts vor! Ich war schon immer ein Teil von dir. Und zweitens: weil du ein Hero bist.
– Und du ein Spinner.
– Besser ein Spinner als ein Spießer.
– Ich bin kein Spießer.
– Beweis es!
Frank kaufte eine Packung mit Pfefferminzgeschmack: 2.30 €. Er hatte das Geld passend. Voller Genugtuung, seinem lästernden Alter Ego zu zeigen, wie verwegen er sein konnte, wenn er nur wollte, steckte er sich einen Riegel in den Mund und kaute vorsichtig. Fühlte sich … cool an. Ja, das war wohl das richtige Wort.
Lässig trippelte er in seiner Rucksackrüstung Richtung Informationsschalter. Die freundliche Dame erklärte ihm, der einfachste Weg, ins Zentrum zu gelangen, sei, den Bus zu nehmen, der direkt vor dem Ausgang losfahre. Sie versorgte ihn zudem mit einem Stadtplan von Bilbao und einigen Prospekten, darunter ein Faltblatt vom Guggenheim-Museum, in dem die Ausstellung einer zeitgenössischen Malerin angepriesen wurde: Carina Martín Arango, kurz Carma. Das für die Broschüre ausgewählte Bild, ein schmelzender Eiswürfel, gefiel ihm. Nicht nur der bläulichen Schattierungen wegen, die dem Würfel eine unglaubliche Tiefe verliehen, sondern auch wegen der Symbolik. Das schmelzende Eis als Zeichen der Vergänglichkeit, als Sinnbild der Klimakatastrophe, als Spiegel seines derzeitigen Lebensgefühls. Ob der klischeehafte Begriff von der Midlife-Crisis hier angebracht war, wagte er zu bezweifeln, aber dass er in einer Krise steckte, war nicht zu leugnen. Und das hing definitiv mit diesem Gespenst zusammen, das sich in ihm eingerichtet hatte und immerzu nörgelte. Durch welchen Riss war es durch seine Fassade gelangt? Oder hatte es tatsächlich schon immer in irgendeinem Keller gehaust? Sollte dieser Miesmacher, der seine Lebensführung in Frage stellte, nach dem Urlaub immer noch in seinem Kopf spuken, würde Frank einen Psychotherapeuten aufsuchen. Wahrscheinlich war alles nur ein Symptom von Stress. Er war keine dreißig mehr, der Beruf zerrte an seinen Nerven. Womöglich war Mister Hyde nur der Vorbote eines Burnouts.
Der Aphorismus, der dem Eiswürfel zugrunde lag, befand sich unter dem Bild: „El hielo se derrite porque llora de frío.“ Frank übersetzte für sich: Das Eis schmilzt, weil es vor lauter Kälte weint. Wie er das Eis beneidete! Er nämlich schmolz nicht vor Kälte, sondern vor Hitze. Von wegen Regen! Als er das Flughafengebäude verließ, um zum Bus zu gehen, der an der Haltestelle wartete, hatte er das Gefühl, die Klappe zu einem Backofen geöffnet zu haben. Sein Körper reagierte mit wasserfallartigem Flüssigkeitsverlust. Lag es an seinem heißblütigen Temperament oder an einer Stoffwechselkrankheit?
Ich tippe auf Stoffwechselkrankheit, meldete sich die Stimme in ihm.
Frank ignorierte das Lästermaul und eilte zum Bus, denn dort wartete bestimmt eine Klimaanlage auf ihn. In der Fahrertür zog er seinen Geldbeutel aus dem vorderen Rucksack. Da sämtliches Kleingeld für das Kaugummi draufgegangen war, zückte er einen Fünfzigeuroschein und hatte das ungute Gefühl, er hätte mit dem Kaugummi warten sollen.
„2.30 €“, sagte die Busfahrerin, doch als sie den Schein sah, schüttelte sie den Kopf. „Por lo máximo billetes de veinte euros“ – Maximal Zwanzig-Euro-Scheine. Zur Bekräftigung zeigte sie auf einen Aufkleber, der sich neben ihrem Sitz am Rückgeldautomaten befand.
„Wann fahren Sie los?“, fragte Frank auf Spanisch.
Sie blickte auf die Uhr und hob fünf Finger. Das schaffe ich, dachte Frank und lief zurück in die Eingangshalle des Flughafens. Das Geschäft befand sich irgendwo weiter hinten. Er konnte es nicht genau erkennen, da ihm der Schweiß die Sicht nahm. Wertvolle Sekunden verstrichen, in denen er sich mit dem Ärmel über die Augenlider wischte. Dann rannte er los … Falsch! Er trippelte wie eine hämorrhoidengeplagte Geisha und warf den Rollkoffertouris giftige Blicke zu.
– Ja, glotzt nur, ihr Sesselfurzer! Ich kann wenigstens sagen, ich hab was erlebt, während ihr in eurer Komfortzone an Langeweile verreckt. Sein Alter Ego war stinkwütend.
Als Frank den Laden erreicht hatte, fühlte er sich wie ein Springbrunnen. Aus sämtlichen Poren perlte der Schweiß und durchtränkte Cordhose und Hemd. Zu seinen Füßen bildete sich eine Pfütze. Das glaubte er zumindest, denn sehen konnte er nichts. Er versuchte, sich erneut den Schweiß mit dem Ärmel aus den Augen zu reiben, doch der Ärmel selbst war klatschnass. Also schüttelte er sich wie ein Hund und schaute sich nach etwas Kaufbarem um. Wahllos griff er in ein Regal und bekam eine Zahnbürste zu fassen. Frank reichte sie der Verkäuferin. Sie lächelte. Ob geschäftstüchtig, amüsiert oder schadenfroh konnte er nicht erkennen. Jedenfalls drehte sie sich in aller Ruhe um und zog eine Schublade auf, der sie eine kleine Zahnpastatube entnahm.
„Die gibt es gratis dazu“, sagte sie auf Spanisch. „Darf es sonst noch etwas sein?“ Frank interpretierte ihr Lächeln als Geschäftstüchtigkeit.
„Nein danke.“
„Wir haben da ein sehr gutes Deodorant im Angebot.“
Sollte dies eine subtile Anspielung auf sein Transpirationsvolumen sein?
„Nein!“, sagte er bestimmt und reichte ihr den braunen Schein.
„Oh“, bemerkte sie, „einen kleinen Moment.“ Sie schloss ihre Kasse mit einem Schlüssel ab und begab sich zu einer anderen Kasse am anderen Ende des Geschäfts. Frank folgte ihr stöhnend. Sicher waren bereits vier Minuten verstrichen. Das würde knapp werden. Der Schlüssel zum Öffnen der anderen Kasse klemmte. In seinem Bauchrucksack fand Frank ein Taschentuch, mit dem er sich das Gesicht trocknete. Die Verkäuferin lächelte noch immer. Nein, nicht geschäftstüchtig, eher amüsiert.
Nach ausgiebigem Ruckeln sprang die Lade auf. Sie legte den Schein in ein Fach, nahm andere Scheine und Kleingeld heraus, zählte die Münzen noch einmal nach und händigte ihm schmunzelnd das Wechselgeld aus. Eindeutig schadenfroh.
Frank hetzte zurück, die Zahnbürste quer zwischen die Lippen geklemmt. Die Rucksäcke prügelten auf ihn ein wie die Peitsche eines Jockeys. Vorwärts, vorwärts!
Als ihn einer der Rollkofferschieber augenzwinkernd überholte, war Frank versucht, ihn mit einer Grätsche zu Fall zu bringen. Weiter! Weiter!
In diesem Moment schrie jemand. Frank drehte sich um. Etwa fünfzig Meter von ihm entfernt lag eine Frau am Boden. Vor ihr stand ein Mann und brüllte auf sie ein. Es sah so aus, als wollte er nach ihr treten. Ein Kind warf sich dazwischen. Der Mann spuckte zu Boden und wandte sich in eine andere Richtung. Dort erkannte Frank einen weiteren Mann, der soeben die Rolltreppe heraufkam. Er trug eine grüne Mütze und hielt etwas in der Hand, das wie ein kleines Fahrrad aussah. Nein, kein Fahrrad, ein Tretroller, knallorange. Dass es die noch gab. Hatte der junge Mann nicht eben noch mit der schönen Frau und dem Kind an der Kofferausgabe gestanden?
Der wütende Mann rannte auf den Rollerbesitzer zu und warf sich auf ihn, doch sein Opfer sprang im letzten Moment zur Seite, sodass der Angreifer an ihm vorbeiflog und die Rolltreppe hinunterstürzte. Ein Schrei, weitere Schreie, schrill, panisch. Frank starrte gebannt auf das obere Ende der Rolltreppe, wo ein lebloser Körper auftauchte. Der junge Mann erbrach sich. Polizeibeamte stürzten herbei und zogen den Körper von der Treppe weg. Weitere Beamte erschienen, befragten die Umstehenden. Zwei gingen auf die Frau zu, die anderen auf den Mann mit dem Roller. Obwohl Frank immer noch schwitzte, wurde ihm auf einmal ganz kalt: ein Nihilist, der um ein Haar an seinem Glücksbringer erstickt wäre, ein Pistazienliebhaber, der eine Herzattacke erlitten hatte, und nun ein Choleriker, der vor seinen Augen zu Tode gestürzt war. Frank hatte sich nach einem ruhigen Urlaub gesehnt, nicht danach, in einem Thriller zu landen. Selbst der Anarchist in ihm schwieg.
Achselzuckend wandte sich Frank zum Gehen. Hier war er nur im Weg. Was sollte er den Polizisten sagen, was nicht andere aus größerer Nähe gesehen hatten?
Zu seiner Überraschung stand der Bus, den er längst abgeschrieben hatte, immer noch an der Haltestelle. Die Fahrerin wirkte ungeduldig, aber sie hatte tatsächlich auf ihn gewartet. Frank liebte die Spanier!
Als er bezahlte, lächelte sie ihn an. „Schicke Zahnbürste!“
Erst jetzt bemerkte er, dass sie immer noch quer in seinem Mund lag.
Der Bus war rappelvoll, sodass ihm nichts anderes übrigblieb, als im Gang hinter der Busfahrerin stehen zu bleiben. Die Klimaanlage kühlte so stark, dass die Schweißhülle, in die sein Körper eingebacken war, zu einer zähflüssigen Masse gefror. Aber dafür genoss er die Aussicht durch die Panoramafrontscheibe, auch wenn die Strecke hauptsächlich über Autobahntrassen führte. Immer wieder sah er auf Schildern Wörter, in denen einen X vorkam, eine linguistische Eigenheit des Baskischen. Da Frank aufgrund seines penetranten Sitznachbarn nicht in den Genuss gekommen war, sich in die Einführung des Baskischen zu vertiefen, nahm er sich vor, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sowohl seinen fremdsprachlichen Horizont zu erweitern als auch in Kontakt zur einheimischen Bevölkerung zu treten.
„Egun on“, grüßte er die Busfahrerin auf Baskisch und fuhr in seinem besten Spanisch fort: „Entschuldigen Sie, aber können Sie mir sagen, wie der Buchstabe X ausgesprochen wird?“
Die Frau hinter dem Lenkrad verzog das Gesicht, als hätte er sie darauf hingewiesen, Mundgeruch zu haben. „Wie bitte?“
„Nun, das X in Namen wie Etxebarri.“ Frank zeigte auf ein Schild, das der Bus soeben passierte.
„E-tche-ba-rri.“ Sie pronunzierte jede Silbe, als wäre er schwerhörig, und fügte hinzu: „Sie sind Lehrer, oder?“
Noch bevor sich der Anarchist in ihm zu Wort melden konnte, nickte Frank. Die Busfahrerin lachte und schüttelte den Kopf. Frank dagegen drehte sich um, damit sie nicht sah, wie er errötete. Er blickte nun direkt in das Gesicht von zwei jungen Männern, die ihn angrinsten.
„¡Suban! ¡Estrujan! ¡Bajen!“, bellte einer der beiden. Der andere lachte.
Frank kannte den Witz. Was heißt Busfahren auf Deutsch? Antwort: Einsteigen! Drängeln! Aussteigen! Damit machte man sich darüber lustig, dass Deutsche im Befehlston reden und ständig in Eile sind.
Frank warf ihnen einen eisigen Blick zu. Sollten sie ruhig merken, dass er ihre Bemerkung verstanden hatte und missbilligte. Die erzieherische Wirkung hielt sich jedoch in Grenzen, denn sie grinsten jetzt noch dreister. Direkt neben Frank saß eine ältere Dame, die ihn von unten herauf anschaute. „Möchtest du dich setzen, Jungchen?“
Das hatte ihm noch gefehlt. Für einen Lehrer gehalten zu werden, war schon schlimm, mit stereotypen Vorstellungen über seine nationale Identität konfrontiert zu werden, auch nicht schön, aber Mitleid bei einer Seniorin zu wecken, empfand Frank als erniedrigend.
„Nein, das kommt nicht in Frage! Bleiben Sie bitte sitzen! Aber vielen Dank für Ihr Angebot, Sie sind sehr freundlich.“
Die jungen Männer und die Busfahrerin lachten. Frank verstand nicht, warum. Sein Spanisch war doch einwandfrei. Er beschloss, sein soziales Umfeld zu ignorieren, indem er aus dem Seitenfenster starrte.
Sie überquerten eine Brücke. In der Ferne glänzte das verschachtelte Titandach des Guggenheim-Museums. Nachdem der Bus ins Zentrum vorgedrungen war, fuhren sie die Gran Vía, eine der großen Einkaufsstraßen, entlang. An der Plaza Moyúa machte der Bus Halt und Frank stieg aus. Die nette alte Dame folgte ihm. Er half ihr bei den Stufen und sie bedankte sich.
„Du sprichst ein sehr elegantes Spanisch, mein Hübscher. Es erinnert mich an unseren alten Pfarrer, Gott hab ihn selig. Mach‘s gut.“ Sie tätschelte ihm die Hand und ging.
Frank begriff: Es war sein altbackenes Akademikerspanisch, über das sich die Leute amüsierten.
– Na, wenigstens kannst du bei katholischen Frauen über siebzig punkten.
Frank tat so, als hätte er die Stichelei seines Untermieters überhört, und kniff die Augen vor dem Sonnenlicht zusammen, das Fassaden, Autos und Menschen in grellen Farben aufflammen ließ. Innerhalb von zwei Minuten war die Eisschicht auf seiner Haut zu siedendem Wasser kondensiert.
Im Schatten einer Hauswand entfaltete Frank den Stadtplan, den er im Touristenbüro des Flughafens erhalten hatte. Die „Plaza Moyúa“ war leicht darauf zu finden und die Sache erschien ihm wie ein Kinderspiel.
Dort vorne lag die Gran Vía Don Diego, gegenüber die Straße López de Haro. Er brauchte ihr nur zu folgen, bis er auf den Fluss stieß. An der Brücke musste er nach links in die Kalea Ripa abbiegen, in der sein Hotel lag. In maximal zwanzig Minuten erwarteten ihn eine kalte Dusche, ein frisches Bettlaken und ein kühles Bier. Selbstsicher packte er die Karte weg, denn er brauchte die Hände, um die Rucksackriemen davon abzuhalten, sich durch seine Schultern zu nagen. In diesem Moment summte sein Handy. Eine SMS von seinem Anbieter, der ihm irgendetwas über Gebühren und EU-Roaming mitteilen wollte. Er hasste solche Nachrichten, denn sie machten ihm seine Einsamkeit bewusst. Frank überlegte, wer sich über eine Mitteilung freuen würde, dass er gut in Spanien angekommen war. Nach eingehender Analyse seiner sozialen Verflechtungen fiel ihm nur seine Mutter ein. Die besaß jedoch kein Handy.
– Schön, dass du endlich einsiehst, was du für eine arme Sau bist, aber jetzt mach voran! Ich will unter die Dusche!Einfach die Gran Vía Don Diego entlang bis zum Fluss und dann links.
– „Don Diego“, bist du sicher? Ich schau lieber nochmal auf der Karte nach.
– Du bist ein Schisser und Kontrollfreak! Vertrau mir!
Zwei Stunden später torkelte Frank am Flussufer entlang. Ja, er war die Gran Vía Don Diego entlanggelaufen. Und ja, er hatte den Fluss erreicht und war links in die Straße abgebogen. Dort aber hatte ihn nicht die Kalea Ripa erwartet, sondern ein Hafenbecken und kurz darauf das Fußballstadion des FC Bilbao. Ein Blick auf die Karte machte offenkundig, dass er Don Diego und López de Haro verwechselt hatte. Und schuld war diese scheiß SMS von diesem scheiß Anbieter und diese scheiß Hitze, bei dem sich kein Schwein konzentrieren konnte. Die Hauptschuld aber trug dieser Revoluzzer in ihm, der sich so unflätig ausdrückte.
Natürlich hätte sich Frank ein Taxi nehmen können, wäre da nicht sein Geiz gewesen und dieser paarte sich nun mit seinem Ehrgeiz, es zu Fuß bis zum Hotel zu schaffen.
Um auf Nummer sicher zu gehen, folgte er nun, die Karte in der Hand, dem Fluss. Die Uferpromenade würde irgendwann in die Kalea Ripa münden. Die Frage war lediglich, ob er das noch erleben würde. Seine Beine, seine Arme, seine Schultern, er spürte sie nicht mehr. Sein Geist hatte den Körper verlassen und schwebte über ihm. Aus der Vogelperspektive sah er einen rucksackumpanzerten Käfer, der jeden Moment zusammenbrechen würde. Ihm fiel Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ ein. Die Parallele schockierte ihn und setzte neue Energien frei. Nein, er würde nicht wie Gregor Samsa als Insekt verenden! Er würde sich gegen seine Umwelt zur Wehr setzen!
Und so quälte er sich Schritt für Schritt vorwärts. Vom Guggenheim-Museum, von den Brücken, von den Passanten, von all dem nahm er nur Schemen wahr.
Irgendwann erreichte er sein Hotel. Er wusste nicht, worüber sein dehydrierter Verstand mit dem Rezeptionisten sprach, ob über den Zimmerpreis, das Wetter oder die Bekämpfung von Blattläusen. Nur der letzte Satz des Angestellten blieb wie eine Klette in seinem Gedächtnis haften: „Du bist Lehrer, habe ich Recht?“
Den Moment, in dem er den Rucksack von seinen Schultern löste, würde er sein Lebtag nicht vergessen. Dort, wo sich die Riemen ins Fleisch genagt hatten, pulsierte ein unerträglicher Schmerz, als sich das abgestorbene Gewebe wieder mit Blut füllte.
Das Zimmer war klein, dunkel und das einzige Fenster ging zu einem Innenhof, bei dessen Anblick selbst Euphrosine, die griechische Göttin des Frohsinns, in Depressionen verfallen wäre. Egal. Was zählte, waren die Dusche, das Bett und die Flasche Wasser, die er an der Rezeption erstanden hatte.
Eine halbe Stunde verbrachte er unter dem Brausekopf und genoss jeden einzelnen Tropfen. Nachdem er sich frische Sachen angezogen und seine Brillengläser ausgiebig geputzt hatte, beschloss er, dem Wasser ein kühles Bier folgen zu lassen. Das hatte er sich verdient.
„Hola, profe“, begrüßte ihn der Rezeptionist in jovialem Ton.
„Kaixo“, antwortete Frank auf Baskisch und trug seinen Wunsch vor.
Wenig später saß er auf dem Bett, nuckelte an seiner zweiten Flasche Bier und stöhnte bei jeder Bewegung. Der Spiegel ihm gegenüber bestätigte optisch, wie er sich fühlte. Sein Gesicht war stark gerötet, und die altmodische Lehrerbrille kaschierte nur spärlich die Augenringe, in die sich die Anstrengungen eingegraben hatten.
Sein Bauch knurrte. Als er aufstand, um einen Keks aus dem Rucksack zu fischen, vibrierte seine neue Smartwatch. Noch so eine blöde Idee von dem Anarchisten in seinem Hinterkopf. Die Uhr gratulierte Frank zu seinem ersten Marathonabzeichen, das man bei dreißigtausend Schritten erhielt. Die Tatsache, dass der antike Läufer bei Marathon nur leicht bekleidet, er dagegen in voller Rüstung unterwegs gewesen war, machte Frank besonders stolz. Zufrieden nahm er drei tiefe Züge von seinem Bier und rülpste laut.
– Time to change, raunte die innere Stimme. Gregor Samsa hat sich von einem Menschen in einen Käfer verwandelt, doch du wirst dich von einem Käfer in einen Menschen verwandeln. Verstehst du denn nicht? Das alles ist Schicksal. Fatum hat dich geprüft und du hast bestanden. Eins plus mit Sternchen. Erst hast du einem Menschen das Leben gerettet, danach Bilbao in voller Rüstung bezwungen. Nosce te ipsum. Erkenne dich selbst! Unter der Schale des Studienrates steckt ein Krieger! Geh nun den nächsten Schritt! Keine Angst! Ich werde dich führen! Ich bin deine Beatrice.
„Beatrice? Erst Kafka, jetzt Dante. Du spuckst große Töne für jemanden, der mich heute ans falsche Ende von Bilbao geführt hat. Beatriz hat Dante durch den Himmel geleitet, aber wegen dir bin ich heute durch die Hölle gegangen. Du bist ein Irrlicht.“ Frank sprach laut vor sich hin.
– Und du ein Waschlappen! Willst du bis an dein Lebensende in deinem akademischen Mief versumpfen? Denk an Faust, denk an Petrus!
– Wenn ich Faust bin, wer bist dann du? Mephistopheles?
– Ein bisschen Teufel würde dir guttun.
Frank lachte spöttisch. Und Petrus, was hat der damit zu tun?
– Drei Mal hat Petrus seine Identität verleugnet. Genau wie du. Drei Mal hat man dich heute gefragt, ob du Lehrer bist. Und drei Mal hast du gelogen.
– Aber ich bin Lehrer!
– Feige bist du, denn du leugnest deine wahre Natur.
– Ah, ich verstehe. Du willst, dass ich mir ein Ganzkörperkondom überstülpe und als Superheld durch die Gegend hüpfe, um bösen Kerlen eins auf die Mütze zu geben.
– Im Gegenteil, ich möchte dir keine Haut überstülpen, sondern dich von deiner alten Haut befreien. Dein bisheriges Leben stand unter dem Buchstaben L. L für Lehrer, L für Loser, L für Langeweile. Ab jetzt wirst du M sein. M für Marathonmann, M für Metamorphose, M für Magie.
Um die Stimme zum Schweigen zu bringen, leerte Frank die Flasche in einem Zug. Es war lange her, dass er so viel Alkohol getrunken hatte. Grübelnd streckte er sich auf der Matratze aus. Natürlich hatte Mister M einen an der Waffel. Mwiemeschugge. Andererseits hatte er heute außerordentliche Dinge erlebt und geleistet. M wie Magie. Das klang gut. M wie Metamorphose. Ihm schwindelte. Nur kurz die Augen schließen, dann würde er etwas essen und alles würde sein, wie es immer gewesen war.
Sein Schädel hämmerte, als er am nächsten Morgen erwachte. Ihm war übel. Hatte er sich gestern einen Sonnenstich eingefangen? Frank brauchte einige Minuten, um sich daran zu erinnern, wo er sich befand, wie er hierhergekommen war und was für eine Laus ihm dieser mysteriöse M vor dem Einschlafen ins Ohr gesetzt hatte: M wie Marathonmann. Im Moment fühlte er sich eher a wie ausgekotzt. Jede Bewegung war ein Kampf mit dem inneren Schweinehund, der einfach nur liegen bleiben und sterben wollte. Wenn es aber eins gab, auf das sich Frank verlassen konnte, so war es seine Disziplin. Also schleppte er sich ins Bad und warf eine Kopfschmerztablette ein, die er mit einem Liter Wasser hinunterspülte. Duschen, Zähneputzen, Brille putzen, frische Sachen anziehen. Anschließend machte er sich auf den Weg in die Stadt.
Draußen hob sich seine Laune, denn der Himmel war bedeckt und die Temperatur im Vergleich zu gestern um zehn Grad gefallen. Zu seinen Füßen floss der Nervión, gegenüber lag ein Park und rechts von ihm führte eine Brücke auf die andere Seite zur Altstadt. Im Reiseführer hatte er gelesen, dass man im Mercado de la Ribera gut frühstücken konnte. Also schlenderte er durch die Straßen, bestaunte die Altbaufassaden, die Geschäftsschilder mit den baskischen Wörtern und die schönen Frauen.
Bei dem Mercado de la Ribera handelte es sich um ein beeindruckendes Gebäude direkt am Flussufer. Mit seinen zehntausend Quadratmetern, so Franks Reiseführer, gehörte er zu den größten überdachten Markthallen Europas. Die ausladenden Glasflächen, die Säulen und die mit Ornamenten verzierten Steinfassaden erinnerten an ein Theater. Der Innenraum erstreckte sich über mehrere Ebenen und trotz der Fülle an Menschen und Marktständen wirkte alles luftig und entspannt.
Frank folgte dem Duft nach Kaffee und begab sich in die untere Etage, wo sich etliche Theken befanden, an denen man nach Herzenslust schlemmen konnte.
Wenig später saß er an einem Tisch am Fenster und betrachtete die Kunstwerke, die in Form kleiner Boote auf seinem Teller lagen. Den Schiffsrumpf bildeten schmale Weißbrotscheiben, auf denen sich verschiedene Lagen von Leckerbissen türmten. Links eine Liaison aus Serrano-Schinken, Paté, Ziegenkäse und Sprossen, aus denen ein Mast mit einer schwarzen Olive als Flaggenknopf hervorragte. Er ergriff das Brotschiff und biss in das Heck. Eine Sinfonie aus Texturen und Geschmacksnoten erklang auf seiner Zunge. Mild cremig, würzig weich, fruchtig knusprig, herzhaft fest. Frank schloss die Augen und lauschte den abebbenden Klängen, bevor er sich zum Bug vorarbeitete.
Anschließend genehmigte er sich einen Schluck aus seinem Café con leche. Zu Hause trank er nur Tee, aber irgendwie war ihm heute nach Kaffee. Die letzten Nachwehen von Kopfschmerzen und Müdigkeit verschwanden.
Als nächstes widmete er sich einer Creme, in die gekochte Schinkenwürfel, Gurkenstücke und Sesamkerne eingearbeitet waren. In dem Meerrettich-Häubchen badete eine Walnusshälfte mit Rosinen. In zwei Bissen verschwand das Brot in seinem Mund.
Nach einem weiteren Schluck Kaffee bereitete er sich auf das dritte „Pintxo“ –Häppchen vor: eine Masse aus Ei, darüber eine eingelegte Paprikascheibe, die von einer Garnele umarmt wurde. Alles überpudert mit einem Petersilienregen und jeder Bissen – er suchte mit geschlossenen Augen nach einem geeigneten Bild – eine kulinarische Gänsehaut.
– Geht‘s noch verschwurbelter?, lästerte der Möchtegern-Mephisto in ihm. Du könntest doch einfach mal „geil“ denken.
– Eine „geile“ Gänsehaut?, konterte Frank. 1 zu 0 für mich. Ja, dieser Lästerbacke kam man am besten mit Humor bei.
Erschöpft lehnte er sich zurück. Das hatte er sich verdient. Nach wie vor schmerzte jede Bewegung. Er konnte sich nicht erinnern, je einen solchen Muskelkater gehabt zu haben. M wie Muskelkater. Hast du gehört, Mephisto? Frank grinste verschmitzt, während er seinen Kaffee austrank. Aber das gehört zu einem Leben als Abenteurer wohl dazu, was? Nachdenklich schaute Frank auf den Fluss, der an der Markthalle vorbeiströmte. Plötzlich kam ihm eine Idee. Verwegen, vielleicht, aber nach den hervorragenden Genüssen war ihm nach etwas Verwegenheit zumute. Und wenn sein Plan aufging, war er den nervigen Psychowurm ein für alle Mal los.
– Lass uns eine Vereinbarung treffen, eine Art Pakt! Heute übernimmst du das Ruder. Falls mir deine Art zu leben so gut gefällt, dass ich „¡Viva la vida!“ rufe, darfst du den kompletten Urlaub die Führung behalten.
– Und wenn nicht?
– Verschwindest du für immer aus meinem Kopf.
– Topp, die Wette gilt! Als erstes werde ich uns einen neuen Namen geben: M wie …
– Mephisto?, schlug Frank vor.
– Du irrst dich. Ich bin kein Geist, der stets verneint, sondern ich bejahe das Leben und finde es ätzend, wenn Leute wie du dieses kostbare Geschenk vergeuden, indem sie in ihrer Komfortzone versauern. Nein, nennen wir uns M wie Miguel.
Frank stieß spöttisch die Luft aus. Miguel! Zugegeben, der Name besaß einen schönen Klang, trotzdem. Offensichtlich war dieser Virus, den er sich, weiß der Teufel, wo, eingefangen hatte, ein arroganter Fantast, der in irgendwelchen Büchern lebte: Dante, Kafka, Goethe. Und jetzt wählte er sogar den Vornamen von Cervantes. Für wen hielt er sich? Aber Frank würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens: Da der Ausgang der Wette glasklar war, konnte er sich die Kosten für eine Psychotherapie sparen. Zweitens: Er würde sich amüsieren, denn Miguel war zwar ein Spinner und Chaot, aber ein Langweiler war er nicht. Und eine Portion Abenteuer, wohl dosiert und zeitlich begrenzt, konnte nicht schaden.
– Entspann dich! Schließ die Augen! Lehn dich zurück!
Frank folgte den Anweisungen, doch hinter ihm, da war keine Lehne. Er fiel wie in Zeitlupe. Schwerelos drehte er sich um die eigene Achse und versank in einen Strudel aus Wolken. Ein heftiger Schwindel erfasste ihn.
Als er die Augen wieder aufschlug, nahm er alles verschwommen wahr, so, als hätte er seine Brille verloren. Es dauerte eine Weile, bis sich die Übelkeit legte und die Konturen der Dinge wieder an Schärfe gewannen.
– Dann wollen wir mal! Miguel rieb sich die Hände. Er machte dem Kellner ein Zeichen und rief: „Un champán, por favor!“
– Sekt? Um diese Uhrzeit? Und dann noch hier, wo alles so teuer ist? Bist du verrückt?
– Ich steh jetzt am Ruder, deine Worte!, konterte Miguel und stand auf, um sich das Glas vom Tresen zu holen.
– Ist ja gut. Zumindest für einen Tag. Aber das heißt nicht, dass ich nicht die Stimme der Vernunft erheben darf, um das Schlimmste zu verhindern.
Miguel lachte und hob den Sekt: „Na dann, Prost, Stimme der Vernunft. Auf das Abenteuer!“
Die Gäste an den anderen Tischen sahen ihn befremdet an. Ein Mann, der mit sich selbst redete. Die Leute vermieden es, ihm direkt in die Augen zu schauen, ein untrügliches Zeichen, dass sie ihn für verrückt oder besoffen hielten, vermutlich beides.
– Und wie geht es jetzt weiter?, wollte Frank wissen.
Miguel nahm ein Blatt Papier und machte sich Notizen:
durch die Marckthalle schlendern
einkaufen: neue Hose, T-Shirt, Schue, Sonnenbrille
Mitagessen
Guggenhei-Museum
sich treiben laßen
– Das ist nicht dein Ernst!
– Was meinst du?
– Das weißt du genau. Die Fehler, die du gemacht hast. Marckthalle mit ck, Schue ohne h, das Mitagessen mit einem t.
– Ach, tatsächlich. Was soll‘s? Davon geht die Welt nicht unter. Nur Korinthenkacker regen sich darüber auf.
– Das kannst du unmöglich so lassen!
– Hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr mir deine Korrektursucht auf die Nüsse geht?
– Schon tausend Mal.
– Und, hast du dein Verhalten verändert?
– Natürlich nicht!
– Warum sollte ich dann mein Verhalten ändern?
– Weil es nicht richtig ist. »Lassen« muss man mit Doppel-S schreiben. So will es die Regel.
– Fuck the rules! M wie Mistake. Fehler bedeuten Freedom!
– Du redest wie Leon aus der 9 B! M wie Monster, das bist du!
– Es ist mir egal, wofür du mich hältst. Quid pro quo. Weißt du, wie sehr ich unter deinen Marotten gelitten habe? Und wie mühsam es war, mich durch deinen Seelensumpf zu kämpfen, um mir Gehör zu verschaffen?Ich zeige dir nur, wie man sich als Untermieter fühlt. Nimm es als eine Art Unterricht!
Während Frank weiter protestierte und sich auf „Konrad Duden“, die „Gebrüder Grimm“ und die „heilige deutsche Rechtschreibkultur“ als Autoritätsinstanzen berief, bezahlte Miguel die Rechnung. Anschließend schlenderte er an den Verkaufsständen vorbei und bestaunte die Auslagen. Marmorierte Schinken, dämonisch aussehende Fische, Obst und Gemüse in vielen Farben und Formen. Dazu die Fülle an Gerüchen und Stimmen. Miguel fühlte sich wie berauscht, als er zwanzig Minuten später die Markthalle verließ. Vor sich hin pfeifend überquerte er eine der zahlreichen Brücken und passierte die Fassade einer Barockkirche. „Bilborock“ las er auf zwei Plakaten, die an den Fenstern angebracht waren. An der geschlossenen Tür fand er den Hinweis auf ein Konzert der Band „Chapultepec“, das am Abend hier stattfinden sollte. Heuschrecke, übersetzte Miguel in Gedanken und überlegte, welche Art von Musik sich hinter dem Namen verbarg. Vermutlich Rock oder Techno. Nicht sein Ding, aber genau richtig, um seinen Horizont zu erweitern. Außerdem klang das nach einem netten Abenteuer. Schließlich musste er die Zeit nutzen, in der Frank ihm die Rolle des Leadsängers überlassen hatte. Und war es nicht ein Omen, dass ihnen der baskische Name Bilbo für Bilbao so oft begegnete? „Bilborock“, „Bilbobus“, „Bilboturas“. Natürlich dachte Miguel sofort an den Roman „Der kleine Hobbit“ und daran, dass Bilbo Beutlin sein behagliches Leben ebenfalls umgekrempelt hatte, um mit den Zwergen auf Schatzsuche zu gehen. Ob auf ihn auch ein Drache oder ein Zauberring wartete?
– Traumtänzer! Frank gab ein spöttisches Schnaufen von sich.
– Apropos. Nicht nur Bilbo, sondern auch der von dir verehrte Don Quijote hat Haus und Hof verlassen und waren beide nicht um die fünfzig? So wie wir?
– Wir, ich meine, ich, ich bin zweiundfünfzig und damit aus dem Alter raus, in dem man auszieht, um Abenteuer zu erleben. Außerdem gibt es noch einen Unterschied: Quijote und Bilbo sind Fantasiefiguren, aber ich bin aus Fleisch und Blut. Warum kaufen wir uns in der nächsten Buchhandlung nicht einfach einen Thriller, machen es uns irgendwo bequem und …
Miguel summte einen Refrain, um Franks Gequatsche zu übertönen: And I still haven‘t found what I‘m looking for.
Hinter dem Gebäude des Bahnhofs „Abando“bog Miguel links ab und gelangte in das Einkaufsviertel. In einem Modegeschäft erstand er eine kurze ausgebleichte Jeans und hellbraune Sneakers.
Franks Kommentar: Faust erhielt in der Hexenküche einen Zaubertrank, aber dein Versuch einer Verjüngungskur mit Klamotten ist einfach nur lächerlich. Wenn uns jetzt die Schüler sehen könnten! Sie würden …
Miguels Aufmerksamkeit wurde von einem Schaufenster angezogen, in dem Oberteile mit originellen Motiven auslagen. Er entschied sich für ein Shirt mit Pilzen. M wie Mushrooms. Außerdem haftete Pilzen etwas Mystisches an. Diesmal machte sich Frank nicht lustig. Miguel vermutete, dass ihm die lateinischen Namen gefielen, die unter den Pilzabbildungen aufgeführt wurden.
Die Größe XL erwies sich als zu klein, aber XXL passte wie angegossen. Die Kassiererin entfernte das Preisschild, sodass er das Shirt direkt anbehalten konnte. Franks kariertes Hemd gab er zum Entsorgen ab. Beim Rausgehen fiel sein Blick auf eine Schaufensterpuppe in der Ecke. Miguel erstarrte und Frank, der lautstark seinem Lieblingshemd nachtrauerte, verstummte jäh. Der junge Mann aus Kunststoff trug ein neongelbes T-Shirt, auf dem ein einzelner Buchstabe blutrot und fett hervorstach: T.
– Schade, dachte Miguel.
– Tja, Pech gehabt!, höhnte Frank. Du könntest dich ja umbenennen: T wie Trottel.
„Entschuldigung.“ Miguel wandte sich an die Verkäuferin. „Habt ihr die T-Shirts auch mit anderen Buchstaben?“
Die junge Frau machte eine bedauernde Geste. „Nur noch einzelne mit X, Y und Z. Die werden nicht so oft genommen. Welchen Buchstaben hättest du denn gerne?“
„M.“
„Das sieht schlecht aus. M lief sehr gut: María, Marisol, Martín, Manolo.“ Sie lachte. Frank ebenfalls. Miguel nicht.
„Normalerweise wäre das kein Problem, denn wir drucken die T-Shirts, so wie du sie haben willst. Aber unsere Maschine, mit der wie die Buchstaben auf den Stoff flocken, ist kaputt. Moment mal, M hast du gesagt?“ Sie verschwand hinter einem Vorhang, der zu einem Nebenraum führte. Kurze Zeit später kam sie mit einem Bündel Stoff zurück. Sie zog eine Grimasse, als wollte sie sich entschuldigen.
„Da war ein Tourist, der hat vor zwei Monaten vier T-Shirts mit einem M bestellt, aber nie abgeholt. Und kein anderer Kunde wollte sie haben. Dabei finde ich die Farbkombination aus Grün und Schwarz echt cool. Vielleicht lag‘s an der Größe XL. Die T-Shirts sind eher bei Kindern beliebt.“ Sie lachte. Miguel ebenfalls. Frank nicht.
– Kinder! Hast du gehört, Kinder! Miguel konnte förmlich sehen, wie Frank die Hände zu einem Trichter formte, um seinen Protest ins Großhirn zu brüllen.
Er kaufte alle Exemplare. Die Verkäuferin machte ihm einen Sonderpreis und schenkte ihm ein breites Lächeln. Vermutlich hielt sie ihn für exzentrisch, aber für einen Lehrer hielt sie ihn garantiert nicht.
– Exzentrisch? Du bist von allen guten Geistern verlassen! Willst du ernsthaft in diesem … Froschkostüm rumlaufen?
– Superman hat ein S, ich ein M. Alle Superhelden haben ein spezielles Outfit.
– M für was? Für Maulheld! Das ist das einzig Heldenhafte an dir! Außerdem ist XL zu klein. Wir werden uns zum Affen machen.
– Du vergisst, dass die Anzüge von Spiderman und Co immer eng anliegen. Das gehört so.
– »Gehört so?« Du gehörst in eine Klapsmühle. Wenn du …
– La la la la la la.
Nächste Station: Optiker. Miguel erstand eine Sonnenbrille mit zwei Dioptrien. Schwarzes Gestell, passend zu den M-Shirts. Der Verkäufer versicherte ihm, dass Johnny Depp dasselbe Modell trage, nur mit helleren Gläsern. Dem Preis nach musste Johnny Depp nicht nur das Modell, sondern die Brille selbst getragen und signiert haben. Aber egal. Frank, der Geizhals, hatte hier und heute nicht das Sagen.
Weiter: Frisör. Ein Mann mit Ziegenbart, Kopftuch und schwarz lackierten Fingernägeln fragte Miguel, welche Art von Style er sich vorgestellt habe. Vielleicht einen Buzz Cut oder …
„Ab.“
„Alles?“
Miguel nickte. Frank schrie. Der Frisör zückte den Rasierer.
Letzte Phase der Metamorphose: Kopfbedeckung auswählen, denn mit der frisch polierten Glatze war Miguel ein gefundenes Fressen für die Sonne, auch wenn die sich weiter hinter einer Wolkendecke versteckte. In einem Kaufhaus testete Miguel eine Reihe von Hüten und Mützen. Die Mützen kratzten oder waren zu warm, die Hüte unbequem oder zu spießig.
Dann eben Sonnenmilch mit Faktor 60, dachte er und kehrte in sein Hotel zurück.
Unterwegs kam er an einem Shop für Verkleidungen vorbei. Just for fun betrat Miguel den Laden. Hier gab es Masken, Schwerter und Perücken, Hawaii-Hemden, Flamenco-Kleider und Elben-Ohren. Neben einem aufblasbaren Sumoringer-Kostüm entdeckte Miguel die Lösung für sein Kopfhautproblem: ein Piratendress, bestehend aus einem gestreiften Hemd, einer Augenklappe, einer zerfransten Hose, einer Hakenhand, einer Pistole und einem schwarzen Kopftuch mit weißen Schädeln.
Mit dem Tuch in der Hand ging er zur Kasse, doch die Verkäuferin im Manga-Look schüttelte ihre blauen Zöpfe. Das Totenkopf-Bandana gab es ausschließlich im Konvolut.
— Nur über meine Leiche, schimpfte der Geizhals in ihm.
Miguel kaufte das ganze Ensemble.
— Du treibst uns in den finanziellen Ruin! Frank tobte. Der Angesprochene reagierte nicht.
— Ich rede mit dir!
Miguel lächelte triumphierend. Eine „Leiche“ kann nicht reden.
Frank schwieg entsetzt. Das meinte sein Wirt doch wohl nicht ernst! Worauf zum Teufel hatte er sich da eingelassen?
Mit einer ausholenden Geste zog Miguel seine To-Do-Liste für den heutigen Tag heraus.
– Wollen doch mal sehen, was als Nächstes auf dem Programm steht.Punkt 3: Mitagessen. Er dehnte die Silben.
– Du Kulturbanause.
– Und danach Guggenhei-Museum.
– Mistkerl!
– Na, na, ich bezweifle, dass Konrad Duden deine Ausdrucksweise gutheißen würde.
– Er würde es gutheißen, die Dinge exakt zu benennen. Auf jeden Fall bist du ein niederträchtiges Subjekt, ein Ungeheuer, das es liebt, Unschuldige zu quälen. Was ist so schlimm daran, ein „t“ in „Mitag“ einzufügen, einen kleinen, klitzekleinen Strich. Frank verlegte sich aufs Betteln.
– Mal sehen. Wenn du mich mit deinem Gejammer eine Stunde lang verschonst, verbessere ich den Fehler.
– Und die anderen!, verlangte Frank.
– Auch das rechne ich zum Gejammer.
Sein Untertan verstummte sofort. Miguel grinste. Macht war ein geiles Gefühl.
Als Miguel an der Rezeption seines Hotels vorbeiging, begrüßte ihn der Angestellte: „Hola, prof…“ Er unterbrach sich und starrte den Gast mit großen Augen an.
Miguel tat so, als würde er die Verwunderung nicht bemerken.
„Wo sein gut Restaurant? Meerfrüchte. Auf Weg zu Museum. Du verstehen?“, radebrecherte Miguel in übelstem Schülerspanisch und spürte, wie sich der Studienrat in ihm verkrampfte. Der verwirrte Hotelangestellte kreuzte eine Stelle auf dem Stadtplan an und schrieb „Marisquería Pipapulpo“ darüber. Miguel hob den Daumen und verabschiedete sich. Als er einen Blick aus dem Fenster warf, stellte er fest, dass es regnete. Pantomimisch gab er dem Portier zu verstehen, was er wollte. Kurze Zeit später stand er mit einem rosafarbenen Regenschirm am Flussufer.
Schnell stellte Miguel fest, dass der Regenschirm sinnlos war. Im Baskenland regnete es nicht nur von oben nach unten, sondern auch in der Horizontalen. Er kam sich vor wie ein Auto in einer Waschanlage beim Sprühnebelvorgang.
Die Menschen, denen er begegnete, hefteten ihren Blick auf sein Pilz-Shirt und ließen ihn von dort hoch zur Brille und zu dem Kopftuch wandern. Der rosa Regenschirm war das Tüpfchen auf dem I ihrer Irritation, die sich auf den Gesichtern abzeichnete. Die Glatze unter dem Tuch juckte. Vermutlich musste sich seine Haut erst an die Nacktheit gewöhnen. Als er es wegzog, streifte seine Hand über die Kopfhaut. Ein komisches Gefühl, so anders, so frei.
Gestern hatten Franks Augen auf dem Weg zum Hotel kaum etwas wahrgenommen. Darum genoss Miguel nun umso mehr das künstlerische Ambiente aus Tradition und Moderne. Schnell stand Miguels Urteil fest: Die Stadt gefiel ihm. Auf der anderen Seite des Flusses erhoben sich Hügel, bevölkert von Häusern und Bäumen. Darunter, entlang des Ufers, wechselten palastartige Gebäude mit mehrstöckigen Wohnhäusern. Auf der Promenade flanierten Menschen mit bunten Regenschirmen. In der Ferne erhob sich ein gläsernes Hochhaus. Wäre er M wie Monet, er hätte seine Staffelei aufgestellt und den Anblick in vielen Farbtupfern festgehalten.
Auf dem Weg zum Museum kam Miguel an einer weißen Fußgängerbrücke vorbei, die an eine quergelegte Harfe erinnerte, in deren Stahlseilen der Wind spielte. Sie wirkte leicht und luftig. Er musste unbedingt noch einmal hierherkommen, wenn die Sonne schien, um zu sehen, wie sich die Bögen im Wasser spiegelten. Schon bald näherte er sich einer weiteren Brücke. Aus Franks Reiseführer wusste er, dass es sich um „La Salve“ handelte. Sie hatte ihren Namen durch die Seeleute erhalten, die bei der Einfahrt nach Bilbao zu Ehren der Virgen von Begoña ein „Salve Regina“ anstimmten. An ihr erhob sich eine Konstruktion roter Rundbögen, die in einer offenen Sichel endeten. Auf der anderen Flussseite wurde die Brücke von gelben Pfeilern getragen, die von Stahltreppen umrankt wurden. Die Stützwand dazwischen schmückte ein riesiges Graffiti. Kunst, wohin man sah!
Hinter der Flussbiegung würde ihn das Guggenheim-Museum erwarten. Doch obwohl Miguel schon sehr darauf gespannt war, entschied er sich, zunächst die „Marisquería Pipapulpo“ aufzusuchen, die sich nach der Markierung auf der Karte oberhalb des großen Treppenaufgangs zu seiner Linken befinden musste. Fünf Minuten später stand er vor der Gaststätte. Sie sah recht teuer aus. Frank sagte nein, Miguel ja und bereute es nicht, denn die kleinen Tintenfische und der kalte Weißwein waren fantastisch.
– Und da du nun von meinem Geld so edel gespeist hast, könntest du deine Dankbarkeit zeigen, indem du ein t in Mittagessen einfügst.
– No problem.
– Und auf diese dämlichen Anglizismen verzichtest.
– Hör ich da einen kleinen Sprachrassismus heraus?
Frank zwang sich, nicht zu reagieren. Sein vorübergehender Hausherr korrigierte das „Mitagessen“ und die vorherigen Wörter der Liste.
– Was ist mit dem „Guggenhei-Museum“? Ein winziges „m“. Du liebst doch den Buchstaben. M wie Miguel, wie Marmelade, wie Musik.
– Mal sehen. Ich denke darüber nach, wenn wir unseren Museumsbesuch beendet haben.
Vom Wein ein wenig beduselt, kehrte Miguel zur Promenade zurück, unterquerte La Salve und entdeckte „Maman“, die berühmte Spinnenskulptur von Louise Bourgeois. Er stellte sich vor, wie die Spinne zum Leben erwachen, über die Titandächer des Museums krabbeln und auf den runden Formen immer wieder abrutschen würde. Und so erging es auch seinem Blick, der sich in den Windungen und Biegungen der Fassaden verlor, ohne Halt zu finden. Das Gebäude besaß weder Anfang noch Ende.
