Kaskaden - Günter Wirtz - E-Book

Kaskaden E-Book

Günter Wirtz

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Elim wusste nicht, warum die Zielperson sterben musste. Vielleicht lieferte sie Waffen an einen Diktator. Vielleicht verdiente sie ihr Geld mit Kinderprostitution. Seine Aufgabe war es nicht, Fragen zu stellen. Seine Aufgabe war es, die Zielperson zu eliminieren. Um anschließend Urlaub zu machen. Zwei Wochen Spanien. Das hatte er sich verdient. Hätte er sich verdient. Wenn er nicht Zeuge einer Entführung geworden wäre. Wenn er nicht eingegriffen hätte. Wenn er damit nicht gegen eine Regel der Behörde verstoßen hätte: "Wer unautorisiert agiert, wird ausradiert." Nun hat er ein Problem. Falsch, zwei. Das Entführungsopfer zu befreien und seine eigene Haut zu retten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Günter Wirtz

Kaskaden

Die Behörde

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Kapitel 1 Frankfurt – Bilbao

Kapitel 2 Bilbao

Kapitel 3 San Juan de Gaztelugatxe

Kapitel 4 Castro Urdiales

Kapitel 5 Santander

Kapitel 6 Cabárceno

Kapitel 7 Santillana del Mar

Kapitel 8 Warten

Kapitel 9 Tina Menor

Kapitel 10 Oviedo

Kapitel 11 Camino Primitivo

Kapitel 12 Pola de Allande

Kapitel 13 Grandas de Salime

Kapitel 14 Lugo

Kapitel 15 Santiago de Compostela

Kapitel 16 Asturien

Der Autor

Impressum neobooks

Inhalt

K a s ka d e n

Die Behörde

Günter Wirtz

Kapitel 1 Frankfurt – Bilbao

In diesem Fall besaß der Fremdkörper das Gesicht eines Hamsters und saß eine Reihe vor ihm auf Platz D, während die Plätze E und F von einem Aktenkoffer und einem Jackett in Beschlag genommen waren. Offenbar spielte Geld für den Mann keine Rolle, da er für Tasche und Kleidungsstück ein eigenes Ticket gelöst hatte. Er trug ein schwarzes Hemd, kaute Pistazien und schäkerte mit der Stewardess, die für ihn einen Plastikbecher mit Sekt füllte.

Währenddessen ließ der Hamster die Schalen der Pistazien auf den Boden fallen. Er redete, während er kaute. Seine Sätze begannen mit „Ich“. Das Grinsen, das seine Backen aufblähte, war selbstgefällig. Mit seinem Blick massierte er die Brüste der Flugbegleiterin.

Fünf Gründe, warum die Stewardess dem Passagier den Becher vermutlich lieber ins Gesicht geworfen hätte, als ihn jetzt mit einem professionellen „Darf es sonst noch etwas sein?“ zu überreichen.

Auf der anderen Seite des Ganges saß der Leibwächter. Ein Kerl, wie aus Granit gemeißelt. Groß, breit, das Gesicht eine unbewegliche Maske. Gemessen an seinen fassähnlichen Oberarmen wirkte die Armlehne darunter wie ein Zahnstocher.

Neben ihm, auf Platz B, befand sich ein Mann um die fünfzig, der genervt aussah. Es war offensichtlich, dass dafür nicht der Hüne die Schuld trug, sondern der Sitznachbar auf dem Fensterplatz, ein Typ mit Halbglatze und Fliege, der pausenlos quatschte. Elim fokussierte sich auf den Leibwächter. Der starrte geradeaus und kaute Kaugummi, als wäre er eine Maschine. Zweimal kauen, Pause, zweimal kauen, Pause. Alles in allem wirkte der Typ recht humorlos. Das änderte sich auch nicht, als sein Chef der Stewardess einen Witz erzählte, den sie mit einem gequälten Lächeln quittierte.

Schätze, du wärst weniger gut gelaunt, wenn du wüsstest, dass die Nüsse deine Henkersmahlzeit sind. Was hast du getan, dass dich die Behörde auf den Index gesetzt hat?

Vor der Eliminierung hatten sich ihre Blicke getroffen. Die Analyse menschlicher Physiognomie war ein Bestandteil seiner Ausbildung. Elim beherrschte sie ausgezeichnet, aber noch immer grübelte er darüber nach, was Muriella ihm mit ihrem Blick hatte mitteilen wollen. Es war kein „Wie kannst du mir das antun?“, keine Wut, kein Schmerz, keine Angst. Eher ein: „Du Vollidiot!“

Seitdem mischte sich ihr mitleidiger Vorwurf wie Sand in die Maschinerie seiner Gedanken und machte ihn unaufmerksam.

„Kein Grund zur Sorge“, meinte sein MM, sein Mental Mentor. Aber Elim vermutete, dass es der Psychologe war, auf dessen Anraten ihn die Behörde in den Urlaub nach Spanien geschickt hatte. Allerdings nicht, ohne ihm aus Gründen der Effizienz einen Auftrag mit auf den Weg zu geben.

Elim scannte die weitere Umgebung. Neben ihm zur Rechten saßen zwei junge Männer mit Man Bun, die sich seit einer halben Stunde über Wellensurfen unterhielten. Er war sicher, das Thema würde sie noch bis Bilbao in Anspruch nehmen. In der Sitzreihe hinter ihnen befand sich eine Familie: Vater, Mutter, Sohn, alle drei mit ihrem Handy beschäftigt. Auch die anderen Fluggäste hatten anscheinend nur Augen und Ohren für ihre Smartphones. Ausnahme: Sieben Reihen hinter ihm saßen eine dunkelhäutige Frau und ein junger Mann mit grüner Mütze, die sich leise unterhielten. Das Mädchen neben ihnen hüpfte in seinem Sitz auf und ab und rief ab und zu Tiernamen durch das Flugzeug. Fazit: eine erstklassige Kulisse, jemanden ohne Zeugen zu eliminieren.

Drei Glas Sekt und eine Pistazientüte später fielen dem Zielobjekt vor Müdigkeit die Augen zu. Das Flugzeug näherte sich der französischen Küste. Zeit, in Aktion zu treten. Elim drehte das obere Glied seines rechten Zeigefingers nach links. Die Haut auf der Kuppe spannte sich. Eine Nadel fuhr heraus. Mit leichten Kreisbewegungen massierte er den Bereich unterhalb des Metallstifts. Eine winzige Blase stieg die Kanüle hinauf und perlte als transparenter Tropfen über die Spitze. Während sich die linke Hand am Kopfteil seines Vordersitzes abstützte, um sich hochzuziehen, stach Elim dem Zielobjekt die Nadel in den Nacken. Gleichzeitig presste er mit Daumen und Mittelfinger das Gift aus seiner Prothese durch die Kanüle. In wenigen Momenten würde das Serum die Atmung des Opfers lahmlegen. Schon jetzt war es nicht mehr in der Lage zu schreien.

Elim trat auf den Mittelgang und schenkte dem Leibwächter den Anflug eines Lächelns. Der kaugummikauende Roboter lächelte nicht zurück. Ruhig ging Elim den Gang hinunter, bis er die Toilette erreichte. Nachdem er hinter sich abgeschlossen hatte, drehte er vor dem Spiegel seine Fingerkuppe nach rechts um die eigene Achse. Die Nadel fuhr zurück unter die Haut. Auftrag erledigt.

Als er pfeifend die Tür zum Gang öffnete, um wieder seinen Sitzplatz aufzusuchen, blieb ihm das Fis im Hals stecken. Ein Schraubstock umschloss seine Gurgel und quetschte sie zusammen, als wäre sie aus Teig. Der Leibwächter hob ihn mit einer Hand hoch und presste ihn gegen die Rückwand der Toilette, während die andere Pranke die Tür hinter sich zuzog. Zu argumentieren erschien Elim sinnlos. Darum entschied er sich, zu einem anderen Mittel zu greifen: Er rammte ihm das Knie in die Weichteile.

Der gezischte Fluch klang nach Schmerz. Nicht der Fluch des Leibwächters, sondern sein eigener. Das Teil, das Elim getroffen hatte, war nicht weich. Ein Metallschutz für Hoden. In Elims Augen noch unfairer als ein Kniestoß. Sein Gegenüber grinste. Vielleicht hatte er doch Humor. Elim bezweifelte, dass er lange genug leben würde, um dies herauszufinden. Im selben Moment geriet das Flugzeug in Turbulenzen und sackte in ein Luftloch ab. Der Druck auf seinem Hals ließ nach. Elim stieß den Arm mit der linken Hand zur Seite. Zeige- und Mittelfinger seiner künstlichen Hand schnellten vor und trafen den Hünen zu beiden Seiten des Kehlkopfs. Das tat weh. Vor allem weil die Prothesenhaut mit einer Metalllegierung versehen war. Der Leibwächter erstarrte und sah ihn ungläubig an. Elim setzte ihn mit einem weiteren Schlag außer Gefecht. Die Zwei-Meter-Masse aus tätowiertem Fleisch sackte zusammen. Blitzschnell packte Elim seinen Gegner und riss ihn herum, sodass sie die Positionen tauschten und der Hüne mit dem Hintern auf der Toilettenschüssel landete. Wieder gerieten sie in ein Luftloch. Der Oberkörper des Bodyguards fiel vornüber. Eine angemessene Haltung, um über seine Sünden nachzudenken, dachte Elim. Sofern man nicht ohnmächtig war.

Er überlegte, ob er dem Typ das Genick brechen sollte. Ein dummer Kommissar könnte zu dem Schluss gelangen, es würde sich um einen Unfall handeln. Dumme Kommissare waren allerdings selten. Option 2: seinem Opfer ebenfalls eine Spritze setzen. Elims Spezialgift hinterließ keine Spuren. Aber niemand würde glauben, der Mann mit den Pistazienkrümeln auf der Hose habe einen Herzinfarkt gehabt, wenn nur zehn Meter entfernt ein Toter lag, der dieselben Symptome aufwies.

Also beschloss er, den Muskelberg leben zu lassen. Da Elim unter dem Namen, mit dem er eingecheckt hatte, nirgendwo registriert war, würde es schwer sein, ihn aufzuspüren. Und dass der Leibwächter bei der Polizei Anzeige wegen Mordes erstatten würde, stand zu bezweifeln. Nicht bei dem Dreck, den er und sein Chef am Stecken hatten.

In Anbetracht der Wucht, mit dem seine Prothese den Bodyguard getroffen hatte, würde er die nächsten drei Stunden im Koma verbringen. Das reichte, um den Flughafen zu verlassen. Ab da würde Elim unsichtbar sein – eine seiner Spezialitäten.

Er verließ die Toilette und benutzte den Dietrich in dem kleinen Finger seiner Prothese, um die Tür von außen zu schließen. Anschließend machte er sich auf den Weg zu seinem Sitzplatz. Dort herrschte große Aufregung. Nicht gut. Offenbar hatten sie die Leiche bereits entdeckt. Würden Fragen stellen. Würden feststellen, dass zwei Passagiere fehlten. Dass nur einer von beiden gerade von der Toilette zurückkam. Würden nach dem Mann mit dem breiten Kreuz Ausschau halten. Ihn finden. Eins und eins zusammenzählen. Zwei war Elim. Natürlich konnte er sich einer Verhaftung widersetzen, aber dann? Spätestens in Bilbao würde man ihn zur Rechenschaft ziehen.

Sein größtes Problem war allerdings die Behörde, denn in seinem Ressort gab es drei Regeln und die waren in Stahl gegossen:

1. Wer kündigt, dem wird gekündigt.

2. Wer auffliegt, fliegt.

3. Wer unautorisiert agiert, wird ausradiert.

Natürlich waren gekündigt, fliegt und ausradiert Synonyme für töten. Als Dichter war sein Auftraggeber miserabel, als Dirigent zur Durchführung von Exekutionsbefehlen jedoch ein Genie. Effizienz zum Quadrat. Manche behaupteten, sein Chef sei kein Mensch, sondern ein HOCOP, ein Hochleistungscomputerprogramm. Wie auch immer. Elim spürte, wie sich die Schlinge, aus der er sich eben befreit hatte, erneut zusammenzog.

Der Lärm kam nicht vom Sitz seiner Zielperson, sondern von der anderen Seite. Der Mann mit Halbglatze und Fliege, der eben noch seinen Sitznachbarn genervt hatte, stand aufrecht und rang verzweifelt nach Atem. In seinem Blick las Elim zwei Worte: Ich sterbe!

Das Gesicht des Mannes hatte eine bläuliche Farbe angenommen. Der Passagier von Platz B griff ihm in den Mund und zog etwas heraus. Halbglatze saugte Luft in die Lungen und hustete sie wieder aus. Kein schöner Anblick.

Elim wandte sich dem Zielobjekt zu. Ebenfalls keine Augenweide. So, wie der Typ dalag, hätte er in den Keller eines Wachsfigurenkabinetts gepasst. Dort, wo die missglückten Arbeiten entsorgt wurden. In seinem Mundwinkel klebte ein Pistazienrest und der Oberkörper war etwas zur Seite gekippt. Elim nutzte den Umstand, dass alle Passagiere abgelenkt waren. Er schnallte die Leiche an und brachte sie in eine aufrechte Position. Groteske Laune des Schicksals: Kurz nachdem er einen Mann getötet hatte, wurde ein anderer zum Lebensretter. Ein humanitärer Akt, zumindest was die Liquidierung anging.

Elim setzte sich auf seinen Platz und behielt den Gang im Auge. Seine Sorge war unbegründet. Der Bodyguard schlief den Schlaf der Ungerechten.

Bevor sie zur Landung ansetzten, ging die Stewardess durch den Mittelgang und kontrollierte, ob alle angeschnallt waren. Als sie am Hamster vorbeikam, verzog sie kurz das Gesicht. Elim ahnte, was ihr durch den Kopf ging: „Zum Glück bist du angeschnallt, sonst müsste ich dich wecken.“

Der immer noch schwer atmende Mann auf der anderen Seite riss Elim aus seinen Gedanken. Die Hände um die Oberarme gepresst, stammelte er wirres Zeug. „Tod, sterben, wir alle sterben.“ Da musste ihm Elim prinzipiell Recht geben, aber offenbar dachte der Typ, dass ihr Ende jetzt und hier bevorstand. Mit aufgerissenen Augen schaukelte er vor und zurück und machte keine Anstalten, den Sicherheitsgurt anzulegen. Sein Lebensretter wollte ihm helfen, doch der Mann wehrte sich.

Die Stewardess versuchte ebenfalls ihr Glück, was dazu führte, dass Halbglatze immer hysterischer wurde, vor allem, als der Pilot in den Sinkflug ging und das Landefeld in Sicht kam. Eine Kollegin kam zu Hilfe, konnte aber auch nichts ausrichten. Insgeheim dankte Elim dem Endzeitpropheten, denn seinetwegen kümmerte sich keine Flugbegleiterin um die verschlossene Toilette und den fehlenden Passagier auf Sitz C.

Nach der Landung wurden die Reisenden dazu aufgefordert, auf den Plätzen zu bleiben. Ein Notarzt und drei Sanitäter kamen herein. Mittlerweile kreidebleich und stumm ließ sich der Mann von Sitz A auf die Trage schnallen und wegfahren. Kaum waren die Sanitäter mit ihrer Fracht in der Gangway abgebogen, schrie jemand. Die Stewardess stand vor der geöffneten Toilettentür, die Hände über den Mund gekreuzt und starrte auf den massigen Körper, der ihr vor die Füße gefallen war. Der Notarzt und zwei Sanitäter kehrten zurück. Einer der Rettungskräfte rief die Zentrale an, während der Arzt Puls und Atmung des Leibwächters überprüfte.

Noch einmal wurden alle aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Für die meisten Passagiere ein Problem, für das Zielobjekt nicht. Wieder war es die nette Flugbegleiterin, die auf sein apathisches Verhalten aufmerksam wurde. „Verdammt!“, fluchten ihre Augen. „Jetzt muss ich dich doch wecken.“ Als sie ihn ansprach, antwortete er nicht. Sie rüttelte ihn an der Schulter. Der Kopf des Toten kippte zur Seite. Aus dem rechten Mundwinkel kroch ein weißer Tropfen. Sie schrie erneut.

Zu viert hievten sie den Bodyguard auf eine Trage und rollten ihn über die Gangway zum Flughafengebäude. Währenddessen eilte der Notarzt zu dem Hamster.

„Sollen wir einen weiteren Rettungswagen anfordern?“, fragte einer der Sanitäter.

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ein Leichenwagen ist hier angebrachter.“

Panik brach aus. Die Vorstellung, mit einem Toten in einem Flugzeug zu sitzen, erschreckte die meisten so sehr, dass sie raus wollten. Andere dagegen reckten die Hälse, um die Leiche zu sehen. Ein junger Mann machte heimlich ein Foto und freute sich vermutlich jetzt schon auf Tausende von Klicks.

Zwei Polizisten in dunkelblauer Uniform betraten das Flugzeug. Ertzaintza stand auf dem Emblem an ihrer Brusttasche: die baskische Polizei. Sie hielten die Menschen zurück und versuchten sie auf Spanisch und Englisch zu beruhigen. Nachdem sie sich beim Notarzt und der Stewardess über die Vorfälle informiert hatten, wurden die Passagiere aufgefordert, das Flugzeug langsam zu verlassen und nichts mehr anzufassen. Elim unterdrückte ein Lächeln. Die Mühen der Spurensicherung würden vergeblich sein.

Nacheinander führten die Polizisten die Fluggäste in ihr Büro, einem würfelförmigen Gehäuse aus Milchglasscheiben am Rande der Abfertigungshalle. Die Farbe der Stühle entsprach dem Blau ihrer Uniformen. Sie kontrollierten die Ausweise, trugen Daten in einem Computer ein, nahmen Aussagen auf. Eine Situation, die Elim während seiner Ausbildung etliche Male durchexerziert hatte.

Nach zehn Minuten durfte er das Büro verlassen. Ein Beamter wies ihm freundlich den Weg zur Gepäckhalle, die sich im Untergeschoss befand. Das Förderband, das die Koffer und Taschen transportierte, drehte sich noch nicht. Offenbar hatte sich alles deutlich verzögert. Eigentlich müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, überlegte Elim. Immerhin war sein Auftrag an allem schuld. Er streckte seine inneren Fühler aus. Wo suchte man das Gewissen? Im Kopf? Im Herzen? Im Bauch? Er wurde nirgendwo fündig.

Elim erkannte den Mann wieder, der seinem Sitznachbarn in den Rachen gegriffen und damit das Leben gerettet hatte. Er wirkte noch immer unglücklich, vor allem aber aufgeregt. So auch das Mädchen, das sich vorbeugte, um zwischen die Gummilappen zu schauen, hinter denen das Gepäck heranrollen würde. Elim erkannte es sofort: das Kind, das im Flieger die Tiernamen gerufen hatte. Unübersehbar gehörte es zu der Frau mit der dunklen Haut, die aussah, als wäre sie einer Werbung für karibischen Rum entsprungen. Das Model redete mit dem jungen Sitznachbarn aus dem Flugzeug. Ihre Gesichter waren nur eine Handbreit voneinander entfernt. Selbst ein Maulwurf hätte gesehen, wie verliebt sie waren. Und das nach einer Stunde!

Da war er wieder, der Vollidiot. Wie es sich wohl anfühlte zu lieben? Sicher, er hatte schon mit einigen Frauen geschlafen. Die Kunst der Verführung war Teil seiner Ausbildung gewesen, und die Abschlussprüfung hatte er in allen Bereichen mit Bestnoten bestanden. Mehr als Lust hatte er dabei jedoch nicht empfunden und das war auch gut so. Würde er sich verlieben, was dann? Jeden Tag müsste er fürchten, dass seine Freundin das gleiche Schicksal ereilte wie seine Mutter. Nein, keine festen Beziehungen. Aber wenn, dann wüsste er genau, wie sie sein müsste. Braune Haare mit rötlichem Schimmer, leicht gelockt, schulterlang, das Gesicht eher rund als schmal, die Nase klein, die Augen grün mit langen Wimpern. Die Brauen sollten nicht gezupft, die Lippen nicht zu voll sein. Dazu ein breites Lächeln, gerade Zähne, ein paar Sommersprossen auf den Wangen. Und eine Brille musste sie tragen, eher schlicht, um dem Grün der Augen nicht die Show zu stehlen. Statur? Nicht zu groß und nicht zu schlank. 1,75 mit fraulichen Rundungen. Alter zwischen 30 und 40. Ihr Geruch sanft, rein, wie blauer Lotus und die Stimme mehr Tenor als Sopran, selbstbewusst, dazu ein herzhaftes Lachen. Nicht zu vergessen ihre gerade Körperhaltung, die Stolz und Würde ausdrückte. Ihre Bewegungen waren fließend, ihre Gesten eher sparsam und der Blick, der Blick hatte etwas Mysteriöses. Vielleicht war der Blick sogar das Wichtigste – nach dem Hintern, den Brüsten, den Beinen, dem Gesicht, dem Geruch, der Haltung, der Stimme. Woher er eine so detaillierte Vorstellung seiner Traumfrau besaß? Hierfür war sein Mental Mentor verantwortlich, denn bevor ein Agent in Aktion trat, durchleuchtete die Behörde all seine Stärken und Schwachstellen. Vor allem letztere. Dazu gehörte das Wissen, auf welchen Typ Frau oder Mann er oder sie besonders ansprach.

„Jeder Mensch“, so hatte ihm sein MM erklärt, „reagiert auf bestimmte Wahrnehmungsreize mit einer Ausschüttung von Hormonen: Dopamin, Serotonin, Adrenalin. Diese Reize betreffen alle Sinne. Ein komplexer Cocktail aus Geruch, Stimme, Aussehen und Sensorik. Vereint ein Wahrnehmungsobjekt einen Großteil der relevanten Stimuli, reichen drei Sekunden, um das Hormonzentrum des Betrachters in eine Art Rausch zu versetzen, der andere Gehirnareale überlagert. Vernunft, Vorsicht, Logik, all das spielt keine Rolle mehr. Der Volksmund nennt es Liebe auf den ersten Blick, ich nenne es den Olympia-Effekt. Eine Figur aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann, aber das nur nebenbei. Entscheidend ist: Das Objekt unserer Begierde entspricht einem Schema, das wir als Matrix in uns tragen. Wodurch sie zustande kommt? Warum für manche der Geruch wichtiger ist als das Aussehen, die Nase wichtiger als der Mund? Hier steht unsere Forschung noch am Anfang. Fest steht jedoch, dass derjenige seine Gefühle am ehesten unter Kontrolle bringt, der die Reize kennt, die in ihm Liebe, Wut und Hass hervorrufen.“ Sein MM drückte sich immer etwas geschwollen aus. Letztlich ging es darum, seine Gefühle zu unterdrücken und Vernunft, Vorsicht und Logik nicht über Bord zu werfen.

„Stark ist nur der, der seine Schwächen kennt.“ So hatte es ihn Mai Minh gelehrt, sein Lehrer für Strategie und Kampfkunst. Und Gefühle gehörten bei einem Agenten der Behörde eindeutig zu den Schwächen.

Jedenfalls hatte ihn sein MM einer Unmenge von Reizen ausgesetzt und die Ergebnisse zu Prototypen zusammengesetzt, sodass er nun genau wusste, welche Menschen in ihm ein Höchstmaß an Anziehungs- (Attraction) und Abstoßungskraft (Repulsion) provozierten.

Wie kam er jetzt darauf? Ach ja, sein „Liebesleben“. Seine bisherigen Bekanntschaften hatten das eine oder andere Kriterium erfüllt, doch seinem Idealtyp war er bisher noch nicht begegnet.

„Es bewegt sich!“, rief das Mädchen und zeigte aufgeregt auf das Gepäckband. Elims Reisetasche war grau, passend zu seinem Jackett. Er liebte die bescheidene Zurückhaltung dieser Farbe, ihre unaufdringliche Eleganz, ihre Fähigkeit, ihren Träger unsichtbar werden zu lassen.

Ähnliches traf auf sein Gesicht zu. Es war eines jener Gesichter, die man gefällig findet, ohne sie beschreiben zu können. Das Allerweltsgesicht eines dreißigjährigen Mannes, das sowohl zum Milchmann als auch zum Stripper auf der Reeperbahn passte. Hinzu kam, dass er mit Hilfe seiner technischen Ausstattung Änderungen an Gesicht und Körper vornehmen konnte. Fazit: Er war ein Chamäleon, das keine Erinnerungsspuren hinterließ. Sehr vorteilhaft in seinem Beruf.

Elim hatte Glück, denn seine Tasche war eines der ersten Gepäckstücke. Nein, kein Glück, sondern Produkt einer einfachen Rechnung. Wer als Letzter eincheckt, dessen Gepäck landet zuletzt auf dem Transporter, landet zuerst im Fliegerbauch, landet wieder zuletzt auf dem Wagen, landet zuerst auf dem Förderband.

Seine Tasche war eine Spezialanfertigung und enthielt eine Reihe von Dingen, die man in seinem Beruf brauchte. Sie war klein und leicht und ließ sich im Nu zu einem Rucksack umwandeln. Als er die Tasche umhängte und sich zum Ausgang begab, fiel ihm die Glaswand unter der Decke auf, durch welche die Flughafenbesucher in die Gepäckhalle schauen konnten.

Ein Mann starrte zu ihnen herunter. Dunkles schulterlanges Haar, Mittelscheitel. Elim musste an einen Schauspieler denken. Wie hieß er noch gleich? Ein Frauenschwarm. Attraktiv wirkte er im Moment jedoch nicht, denn er verzog das Gesicht, als hätte er Durchfall.

Der Mann stierte an ihm vorbei. Elim folgte seinem Blick: das frisch verliebte Pärchen. Sollte er die beiden warnen? Nein, die Sache ging ihn nichts an. Im Flugzeug hatte er Schwein gehabt. Ab jetzt hieß die Devise: keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Außerdem vibrierte seine UC, seine Umbilical Clock. Eine Armbanduhr, über die er wie durch einen Nabel mit der Behörde verbunden war. Die englische Aussprache der Buchstaben in Form von You see spielte darauf an, dass er über die Uhr Zugriff auf alle Bilder und Daten besaß, die ihm die Behörde zur Verfügung stellte. Darüber hinaus konnte ihm sein Arbeitgeber über Ampullen, die im Bauch der UC untergebracht waren, drei lebenserhaltende Substanzen injizieren: Adrenalin, Ketamin und Dipidolor. Doch die Uhr besaß eine Kehrseite, da die Behörde ebenfalls in der Lage war, über die You see jeden Schritt eines Agenten zu verfolgen und eine Dosis Blausäure zu verabreichen: „Wer unautorisiert agiert, wird ausradiert.“

Mit einem Fingerabdruck seines Zeigefingers – dem echten – gab Elim das Display frei. Ein Bild baute sich auf.

Die Symbolik des Logos war offensichtlich. Im Zentrum stand die Sonne. Sie war der Ursprung unseres Universums und garantierte seinen Erhalt. So wie die Behörde Recht und Ordnung garantierte. Die Ordnung spiegelte sich auch in dem Aufbau wider. Vier Buchstaben, vier Himmelsrichtungen, weltumspannend: Trust. Die Behörde verstand sich als Treuhandgesellschaft, die etwas verwaltete, das man ihr anvertraut hatte. In ihrem Fall weder Geld noch Immobilien, sondern jene Werte, die es dem Menschen ermöglichten, ein Leben in Würde zu verbringen.

Trust! war zugleich der Slogan, denn las man die schwarz gedruckten Buchstaben als angehängtes Wort, so ergab sich daraus die Aufforderung: Trust us!

Vertrau uns! Nicht mehr, nicht weniger. Das Motto sollte jeden Agenten daran erinnern, dass blindes Vertrauen die Basis ihrer Arbeit war. Nur so konnte sich das Rad (siehe Außenring) der Behörde drehen. Das Rad mit den Speichen in Form von Buchstaben versinnbildlichte zugleich den Fortschritt der Menschheit. Seine Erfindung stand am Beginn der Zivilisation. Räder führten Menschen zueinander und durch das Zusammenwirken von Zahnrädern (= Agenten) entstanden komplexe Gebilde, die Maschinen und Institutionen am Laufen hielten. Zum Beispiel die Behörde selbst.

Für Elims Geschmack war das alles symbolisch arg überfrachtet. Ein einfaches B für Behörde oder ein internationales T für Trust hätte ihm gereicht. Wenigstens hatte man aus dem S keine Schlange und aus dem T kein Schwert gemacht, sonst hätte das Ganze noch mehr an ein Seemanns-Tattoo erinnert.

Wie auch immer: Die Sonne leuchtete auf, das Zahnrad drehte sich und in dem Kreis erschienen vier Bilder: .

„Das war knapp. Höchste Zeit für zwei Wochen Urlaub“, übersetzte Elim. Sein Vorgesetzter konnte nicht nur miserabel reimen, sondern besaß auch einen infantilen Hang zu Emojis, der mit seinen Aufträgen wenig harmonierte. Ob er ihn kennenlernen wollte? Eher nicht, dachte Elim und musste an den Abend in Mexiko-Stadt denken. Die Situation lag elf Monate zurück. Fußballstadion, VIP-Lounge, Kontakt mit Zielobjekt per Giftspritze. Als Kellner verkleidet hatte er soeben seinen Exekutionsauftrag erledigt und die Auftragsbestätigung in seine UC eingegeben, als er den Mann mit Texanerhut und Zigarillo bemerkte. Er befand sich zwei Ränge oberhalb von ihm, auf einem Sitz direkt am Mittelgang, und sein Gesicht wurde genau in dem Moment vom Display erhellt, als Elim sein „Yes“ durch den Äther schickte. Während alle anderen Zuschauer ein Tor bejubelten und die VIPs auf die nicht jubelnde Leiche aufmerksam wurden, tippte der Mann etwas in sein Handy und grinste. Auf Elims Uhr erschien ein Smiley mit Texanerhut, gefolgt von einem bunten Schädel, wie sie in Mexiko überall am Tag der Toten zu sehen waren. Als der Cowboy bemerkte, dass Elims Blick auf ihm ruhte, verschwand das Grinsen und mit ihm der Mann selbst. Mister HOCOP? Das hatte sich Elim seitdem oft gefragt. Und wenn, warum war er persönlich zur Stelle gewesen? Um sich ein Bild von Elims Arbeit zu machen? Weil die Zielperson von besonderer Bedeutung für ihn war? Antworten auf Fragen, die belanglos waren.

Interessanter als die Vergangenheit waren die Wochen, die vor ihm lagen. Den Urlaub konnte er wirklich gebrauchen. Sonne, Strand und Cocktails, das alles auf Kosten der Behörde. „“, tippte er als Antwort. Was sein Chef konnte, konnte er auch.

Das Rad rotierte und das Display wurde dunkel. Allerdings gab sich Elim keinen Illusionen hin. Die UC sah und hörte immer mit. Bei diesem Gedanken fuhr er sich unwillkürlich über die Stelle im oberen Nackenbereich, wo man ihm das Emblem der Behörde in die Haut tätowiert hatte. Immerhin hatte er sich den dominierenden Farbton auswählen dürfen: grau.

Über eine Rolltreppe gelangte Elim hinauf in die Eingangshalle. Der Frauenschwarm hatte sich von der Scheibe zurückgezogen und lehnte an einer Säule.

„Desperado“, ja, so hieß der Film, in dem er den Mariachi gespielt hat. Irgendwas mit A, Arturo?

Allerdings war sein Gesicht aus der Nähe betrachtet viel kantiger. Fast so, als hätte man es aus einem Holzklotz geschnitzt. Dazu Augenringe und Stoppelbart. Als Kuscheltier jedenfalls kein Bestseller.

Seine Laune hatte sich weiter verschlechtert. Er hielt die Fäuste geballt, und die Furchen auf seiner Stirn ließen vermuten, dass sich hinter ihnen ein Gemetzel abspielte. Nicht Elims Sache. Sicher, es wäre ein Akt der Humanität, den jungen Mann zu warnen und dadurch eine Schlägerei zu verhindern. Aber dafür wurden sie nicht ausgebildet: „Ihr seid keine Pfadfinder, die älteren Menschen über die Straße helfen, sondern Agenten im Dienst der Menschheit.“ Sollte heißen: „Macht nur das, was die Behörde euch sagt!“ Und in diesem Fall war Elim überzeugt, dass seine Vorgesetzten den jungen Mann unter die Rubrik „Älterer Mensch möchte Straße überqueren“ einordnen würden.

Als Elim dem Ausgang zusteuerte, kam er an einer Videowand vorbei und blieb abrupt stehen. Auf dem Display sah man ein großes Gemälde. Es zeigte einen Eiswürfel, der im Sonnenlicht taute. Aber es war nicht das Bild selbst, das ihn fesselte, sondern die Frau, die danebenstand, die Beine über Kreuz, eine Hand an den Rahmen gelehnt. Elim schätzte sie auf fünfunddreißig. Ihr Haar war dunkelbraun, leicht gelockt und schulterlang. Es schimmerte rötlich. Das Gesicht eher rund als schmal. Nase klein, Augen grün, Brauen nicht gezupft. Die schmalen Lippen lächelten breit. Dahinter eine Reihe gerader Zähne. Der Blick hinter den Brillengläsern mysteriös. Größe? 1,75, frauliche Rundungen. Schade, dass er sie nicht riechen konnte. Eins, zwei, drei. Es war, als hätte jemand Brausepulver in sein Gehirn geschüttet. Alles in ihm begann zu schäumen.

„Carina Martín Arango“ las er in großen Lettern auf dem Bildschirm. Er bat seine Uhr um Informationen über die Malerin und erfuhr, dass sie stets mit dem Namen „Carma“ signierte. Sie gehörte zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Die gebürtige Katalanin galt als „Pionierin“ einer neuen Epoche, als „Ausnahmetalent“, als „weiblicher Picasso“. Ihre Bilder erreichten den Marktwert eines Dalís.

Elim strich in Gedanken die Palmen, die Hängematte und den Cocktail. Stattdessen entschied er sich für einen Bildungsurlaub. Um ihre neue Ausstellung zu eröffnen, würde sie morgen im Museum Guggenheim sein.

Ich auch, dachte Elim.

Ist das vernünftig?

Nein.

Bin ich im Dienst?

Nein.

Ergo hat auch meine Vernunft Urlaub. 

Geschrei riss ihn aus seiner Vision, in der er Carma mit einem schmelzenden Eiswürfel über den Bauchnabel strich. Elim drehte sich um neunzig Grad. Ein brüllender Mann, eine aufschluchzende Frau, zwei Kinder. Etwa dreißig Meter entfernt. Er erkannte sie sofort. Der Mariachi stand wutschnaubend vor der dunkelhäutigen Frau, die rücklings auf dem Boden lag. Das Mädchen hatte sich zwischen die beiden gestellt. Aufrecht, die Hände zu Fäusten geballt. Verdammt mutig! Der Junge, der wie versteinert auf die Frau blickte, war nicht im Flieger gewesen, doch die Ähnlichkeit zu dem Mädchen verriet, dass sie Geschwister sein mussten.

Der Typ grölte unverständliches Zeug und spuckte zu Boden. Das Ganze klang, als hätte er einen Eimer Sangria auf ex getrunken. Plötzlich wandte er sich um und zeigte Richtung Rolltreppe, wo sich über der obersten Stufe soeben eine grüne Mütze, ein nachdenkliches Gesicht, ein schlanker Körper mit Rucksack und ein orangefarbener Tretroller abzeichneten. Der Blick des frisch verliebten Mannes aus dem Flugzeug huschte von der Frau zu dem Mädchen und von dort zu dem Betrunkenen. Er begriff und seine Gesichtszüge verzerrten sich. Noch ehe Grünmütze reagieren konnte, rannte der Mariachi auf ihn zu. Wenige Meter vor seinem Ziel setzte er zum Sprung an, doch der junge Mann wich dem Angreifer mit einer blitzschnellen Bewegung aus. Der Betrunkene hechtete an ihm vorbei und stürzte die Rolltreppe hinunter. Ein Schrei, Gepolter, weitere Schreie. Am oberen Ende der Treppe erschien ein lebloser Körper. Elim schaltete seine UC ein und aktivierte über eine App die Zoomfunktion seiner Kontaktlinsen: Das Gesicht eine blutige Masse. Die Nase schief, die Augen weit aufgerissen. Stark vergrößerte Pupillen. Vermutlich eine Designerdroge, die der Mariachi mit einer Flasche Schnaps zu sich genommen hatte. Aber wie war er in diesem Zustand hierhergekommen? Typen wie er benutzten keinen Bus, und das Taxigeld versoffen sie lieber.

Ein Tipp aufs Display und Elims Kontaktlinsen wechselten in die Totale: Weiter hinten neben einer Palme entdeckte er sie. Zwei große Kerle, die entsetzt verfolgten, wie

a) Polizisten zur Rolltreppe liefen,

b) die Leiche wegzogen,

c) die Umstehenden zurückdrängten,

d) Verstärkung riefen,

e) Leute befragten,

f) sich dem Mann mit dem Roller und der dunkelhäutigen Frau zuwandten.

Nahaufnahme auf die Gesichter: kantig, unrasiert, angepisst. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Mit zwei Unterschieden. Erstens: Die Brüder des Mariachis waren keine Rolltreppe runtergestürzt. Zweitens: Sie hatten eine Stoppelfrisur. Vermutlich das Resultat einer im Suff verlorenen Wette.

Elim kehrte in die Normalansicht zurück. Sanitäter und Notarzt eilten herbei. Sie kamen ihm bekannt vor. Einer der Rettungskräfte kniete sich neben die Leiche und öffnete einen Erste-Hilfe-Koffer. Der Arzt beugte sich über den Mariachi und legte drei Finger an seinen Hals. Wenige Momente später gab er dem Mann neben ihm eine Anweisung. Der zog ein silbernes Tuch aus dem Koffer und breitete es über den Oberkörper der Leiche. Die Polizisten befragten unterdessen weitere Zeugen und schickten einige zu ihrem gläsernen Büro. Dort hatte sich bereits eine Schlange von etwa zehn Menschen gebildet. Zeit zu verschwinden, bevor die Polizei auch auf ihn aufmerksam wurde. Aber Elim blieb. Er war wütend. Auf sich selbst. Darauf, dem jungen Mann nicht über die Straße geholfen zu haben. Ein kurzer Hinweis hätte vermutlich gereicht. Immerhin hatte das Mädchen im Flugzeug dafür gesorgt, alle Passagiere von ihm abzulenken. Von dem Leibwächter abgesehen. Außerdem hatten die drei ihn beeindruckt: das mutige Kind, die schöne Frau, der Typ mit dem Scooter. Irgendwie hatte er das Gefühl, eine Schuld begleichen zu müssen. Noch während er irritiert über diese neue Empfindung reflektierte, kam ein Polizist auf ihn zu.

„Haben Sie gesehen, wie es zu dem Sturz gekommen ist?“, fragte der Beamte.

Einen Moment zögerte Elim, dann nickte er und landete im Verhörbüro. Unterwegs vibrierte seine UC. Elim übersetzte die Botschaft: „Warnung. Alarmstufe Gelb: Was wird das?“

Er blieb gelassen. Seine Entscheidung ließ sich damit rechtfertigen, dass es unauffälliger war, als Zeuge aufzutreten, denn die meisten Leute hatten den Vorfall beobachtet. Außerdem gab es vermutlich Kameras, die zeigten, wie er zur Rolltreppe gestarrt hatte.

Elim machte seine Aussage. Nach seinem Eindruck hatten sich der junge Mann und die dunkelhäutige Frau erst im Flugzeug kennengelernt. Der Mann habe sich mit dem nörgelnden Kind beschäftigt und die Frau von ihrer Flugangst abgelenkt. Auch auf die Frage, warum „die zu Tode gekommene Person“ auf den Mann mit dem Roller losgegangen sei, wusste er die Antwort. Er habe beobachtet, wie sich die Frau und der junge Mann vor dem Gepäckband unterhalten und zum Abschied umarmt hätten. Nein, nur eine kurze Umarmung als Dankeschön. Zudem streute er den Verdacht, dass der „Angreifer“ sturzbetrunken gewesen sei. Elims Mienenspiel, die feste Stimme, seine autoritären Gesten strahlten Ehrlichkeit und Kompetenz aus. Innerhalb von fünf Minuten hatte er die Beamten von der alleinigen Schuld des toten Täters überzeugt.

Wenig später durften sie ihrer Wege gehen, er selbst, die Frau mit ihren Kindern sowie der junge Mann mit dem Roller. Blieben noch die Brüder des Mariachis.

Nicht meine Sache, aber vielleicht könnte ich …

Erneut vibrierte seine UC. Elim loggte sich ein und las die Nachricht: „ R 3“

Die Botschaft war klar: „Du hast Urlaub. Regel 3: Wer unautorisiert agiert, wird ausradiert.“

Konnte die Behörde etwa seine Gedanken lesen? Wohl kaum. Die Erklärung war viel simpler. Sie hatten gesehen, was er gesehen hatte: zwei Männer, die dem Opfer glichen und stinksauer waren. Ergo: .

Elim tippte auf das grüne Feld, um zu bestätigen, dass er die Nachricht verstanden hatte. Anschließend folgte er dem Rollerfahrer, der die dunkelhäutige Frau und ihre Kinder zu einem Check-in-Schalter begleitete. Wenig später verabschiedeten sie sich. Offenbar hatte die Frau den zweiten Flug schon im Vorfeld gebucht. Hatte sie nur ihren Sohn in Spanien abholen wollen? Unwichtig.

Akuter war die Frage, ob er Grünmütze vor den sich nähernden Lastwagen schützen konnte. Elim scannte seine Umgebung: Der junge Mann setzte sich in eine Bar und wirkte völlig durcheinander, während die Brüder in der Nähe des Ausgangs warteten und ihre Beute unauffällig beobachteten. In der Eingangshalle standen Polizisten, die den Unfallort abriegelten. Mittlerweile war die Spurensicherung erschienen und kratzte unappetitliche Reste vom Boden.

a) Er könnte die Brüder ausschalten. – Zu auffällig.

b) Er könnte sie bitten, von ihren Racheplänen abzulassen. – Sinnlos.

c) Er könnte sie bei der Polizei als Drogendealer denunzieren. – siehe a.

d) Er könnte gar nicht eingreifen, womit sich die Frage des „Wie?“ erübrigte. –

Hier gab es so viele Polizeibeamte, dass die wütenden Brüder keinen offenen Angriff wagen würden. Und falls doch? Nicht seine Sache.

„Vollidiot!“, hörte er Muriella sagen.

Vielleicht, aber im Gegensatz zu dir ist der Vollidiot nicht tot, antwortete er in Gedanken. Das Argument sprach eindeutig dafür, dem Pfad der Gefühllosigkeit treu zu bleiben.

Elim verließ das Flughafengebäude und winkte ein Taxi heran. Zeit, nach Bilbao zu fahren.

Kapitel 2 Bilbao

Bereits im Auto begann Elim, seine Spuren zu verwischen. Er sprach mit der Fahrerin in einem gebrochenen Englisch und ließ sich zum Gran Hotel Domine bringen, einem Fünf-Sterne-Hotel mit Blick auf das Guggenheim-Museum.

Elim bezahlte, ging in die Hotellobby und ließ sich die Speisekarte des Restaurants zeigen. Anschließend suchte er die Toilette auf. Dort verwandelte er seine graue Tasche in einen schwarzen Rucksack und tippte sich durch sein Uhrenmenü zur FBM-App (Face- and Bodymorphing). Unter der Rubrik „Hair“ klickte er auf „Brown“ und „Long“. Die grauen Haare auf seiner künstlichen Kopfhaut verdunkelten sich und wuchsen, bis sie auf seine Schultern fielen. Anschließend wechselte er zu „Shoes“ und erhöhte die Sohlen um anderthalb Zentimeter. Die vielfältigen Möglichkeiten des FBM beeindruckten ihn immer wieder.

Seinem Rucksack entnahm er eine Dose mit hauchdünnen Silikonpads, die sich über Reibungswärme verformen ließen und bei Abkühlung zu einer hautfarbenen Masse verhärteten. Mit oft geübten Griffen verbreiterte er seinen Nasenrücken, betonte die Wölbung der Wangenknochen und verlängerte die Kinnrundung um wenige Millimeter. Er war sicher: Auf dem freien Markt könnte man mit diesen Kosmetikartikeln Milliarden verdienen. Von der FBM-App und der mit ihnen verbundenen Utensilien ganz zu schweigen. Apropos, das hatte er noch vergessen. Unter „Contacts“ wechselte er die Farbe seiner Kontaktlinsen von „Blue-Grey“ zu „Hazel“.

Elim tauschte Jackett, Stoffhose und Hemd mit T-Shirt und Jeans. Anschließend verließ er die Toilettenkabine und trat vor einen Spiegel. Nachdem er kontrolliert hatte, dass alle Pads einwandfrei saßen, zog er eine Sonnenbrille auf. Er nickte zufrieden. Der deutsche Handelsreisende aus dem Flugzeug hatte sich in einen hippen Globetrotter verwandelt.

Ohne Eile verließ er das Hotel und spazierte am Fluss entlang. Die muschelartig aufgefächerten Dächer des Guggenheim-Museums reflektierten das Licht der Abendsonne. Noch immer war es sehr warm. 19:17 Uhr, 27 Grad, schätzte er, bevor er einen Blick auf seine Uhr warf: „19:10 Uhr, 26.5 Grad.“

Elim passierte die berühmte Spinnenskulptur zu Füßen des Museums, wo sich etliche Touristen tummelten. Kurz dahinter hatte man rechter Hand einen großen Videoscreen errichtet. In illuminierten Lettern wurde Werbung für die „Fantasías Graciosas“ von „Carina Martín Arango – Carma“ gemacht.

In diesem Moment wechselte die Oberfläche zu einer Portraitaufnahme der Künstlerin. Unglaublich! Sogar Brillenform und Sommersprossen entsprachen seinem Idealbild, seiner Olympia, wie es sein MM nennen würde. Obwohl Elim mit religiösen Weltbildern nichts anfangen konnte, hatte er das Gefühl, dass hier eine Art Vorsehung am Werk war. Und sollte es Zufall sein, dass sie sich selbst Carma nannte? Vielleicht gehörte es zu seiner und ihrer Bestimmung, morgen aufeinanderzutreffen.

In Gedanken fuhr er mit dem Finger über ihre Lippen und küsste sie auf die Wange. Dabei verspürte er ein leichtes Ziehen in der Brust. Kein Schmerz. Eher ein organisches Jucken. Instinktiv kratzte er sich über das T-Shirt.

Ein Keuchen hinter ihm riss ihn aus seinen Tagträumen. Soeben hatte er Punkt Vier der Verhaltensregeln für Agenten verletzt: „Verlier nie deine Umgebung aus den Augen!“

Er schnellte herum, bereit zum Angriff, zur Flucht, zur Verteidigung. Doch seine Synapsen meldeten Entwarnung. Vor ihm ging ein Tourist vorbei, eingepackt in zwei Rucksäcke, die bei jedem Schritt wippten. Das schweißüberströmte Gesicht lächelte, als sähe es eine Fata Morgana vor sich. Elim erkannte ihn sofort. Der Typ aus dem Flieger. Der Lebensretter. Aber warum lief er mit seinem Gepäck durch Bilbao? Er musste doch bereits seit über einer Stunde in der Stadt sein. Nicht seine Sache.

Stattdessen sollte er sich lieber um eine Unterkunft kümmern. Über seine UC rief Elim eine Hotelübersicht auf das Display. Die Spur des grauen Handelsvertreters aus dem Flugzeug würde im Gran Hotel Domine enden. Jede weitere Suche würde sich auf die Hotels der preisgünstigen Kategorie konzentrieren. Wer unsichtbar bleiben möchte, muss bar bezahlen.

Nummer 1 des Verhaltenskodex für Agenten: „Handle so, wie man es nicht von dir erwartet!“

Folglich fiel seine Wahl auf das Carlton. Fünf Sterne, repräsentatives Gebäude, zentrale Lage. Natürlich würde er mit Karte bezahlen, was jedoch kein Problem war, wenn man wie Elim für die Behörde arbeitete und eine UC besaß.

Er setzte sich auf eine Bank, aktivierte die Kamerafunktion der UC und machte ein Selfie. Anschließend wechselte er zur Dokumenten-App und lud das Foto dort hoch. Er zog den Ausweis aus seiner Brieftasche und bearbeitete das Display seiner UC. Die Software, die in seiner Karte eingebaut war, brauchte nur wenige Sekunden, um nicht nur das Foto, sondern auch alle anderen Angaben zu ändern: Augenfarbe Braun, Größe 1,78 m, Nationalität Spanier, Name Álvaro Dominguez Galdós. Das Ganze natürlich auf Spanisch und mit einer Oberfläche, die einem Pasaporte español entsprach. Sehr praktisch, aber wie das technisch möglich war, würde Elim, jetzt Álvaro, nie verstehen.

Auf dem Weg zum Plaza de Federico Moyúa kam Elim an einem Altkleidercontainer vorbei. Er hielt an und zog eine Stofftasche aus dem Rucksack, in die er seine Kleidung aus dem Flugzeug gestopft hatte. Wenige Sekunden später hatte er auch diese Fährte verwischt.

Elim wählte ein Zimmer in der sechsten Etage. Er bevorzugte es, den Überblick zu haben, vor allem wenn er sich in Großstädten aufhielt. Bilbao präsentierte sich aus der Vogelperspektive als extravagante Schönheit: das Guggenheim-Museum, die Brücke von Calatrava, die Altstadt, der Fluss. Carma passte als Frau und Künstlerin wunderbar in dieses Ambiente.

20:00 Uhr. Ihm blieben noch zwei Stunden bis zum Abendessen im hoteleigenen Restaurant. Er freute sich auf die exquisite baskische Küche. Dazu eine Flasche Wein. Satt und benebelt würde er in den Schlaf sinken. Ein angemessener Start in seinen Urlaub. Zuvor aber würde er noch etwas für seine Muskeln tun. Jede Maschine musste regelmäßig geölt werden.

Elim schlüpfte in seinen Sportdress und begab sich in den Fitnessraum. Vom Fahrradtrainer aus beobachtete er durch ein Panoramafenster das Treiben auf dem Moyúa-Platz. In einem nicht abebbenden Strom kreiselten Autos und Busse um die parkähnliche Insel. Der Gärtner, der sie mit Beeten bepflanzt hatte, schien ein Liebhaber geometrischer Formen zu sein.

Nachdem sein Puls auf achtzig Schläge pro Minute angestiegen war, wechselte Elim zum Laufband, schraubte seinen Herzschlag bei einer simulierten Steigung von zehn Prozent auf hundert hoch, um ihn anschließend beim Rückentraining wieder auf siebzig zu drosseln. Kurze Pause, in der er seine UC aktivierte, um sich ein Bild Carmas in die Kontaktlinsen zu projizieren. Außerdem schaltete er die winzigen Lautsprecher ein, die in seinen Ohrmuscheln implantiert waren, und wählte ein Lied aus. Fertig für hundert Sit-ups. Der Anblick Carmas, in Verbindung mit den Klängen von Wagners „Ritt der Walküre“, setzten in ihm zusätzliche Energien frei, sodass er die Übung in Rekordzeit absolvierte. Als er die Musikfunktion deaktivierte, hörte er eine weibliche Stimme, Englisch.

„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“

Elim löschte das Foto aus seinen Linsen und starrte geradewegs auf den Fahrradtrainer. Auf dem Sattel wölbte sich ein schmales Hinterteil, das in weißen Leggins steckte. Zwei schlanke Beine hoben und senkten sich mit der Rotation der Pedale. Darüber erhob sich der drahtige Oberkörper einer jungen Frau, blond, muskulös. Sie wandte ihm das Gesicht zu. Lippen und Wangen dezent geschminkt. Das türkisfarbene Stirnband war exakt auf ihre Augenfarbe abgestimmt. Dazu passend ein Bodysuit, der das Blaugrün in seinen Blütenmotiven aufgriff und sich an ihren Körper schmiegte, als wäre er aufgemalt. Ein Model, wie geschaffen für die Vorderseite von Men‘s Health. Nicht sein Typ.

Sie schaute ihn herausfordernd an. In ihrem Blick lag ein Hauch von Spott, gemischt mit Neugier und Eitelkeit. Drei Optionen standen Elim zur Wahl.

Erstens, die faule Ausrede: „Verzeihung, ich habe nicht bemerkt, dass ich auf Ihren Hintern geschaut habe.“ Bullshit.

Zweitens, die Wahrheit: „Verzeihung, ich habe nicht Ihr Gesäß, sondern das Gesicht einer Künstlerin angestarrt, das ich in meine Kontaktlinsen projiziert habe.“ Bullshit.

Drittens, Zeit gewinnen. Gute Idee.

„Darf ich lügen?“ Er hielt ihrem Blick stand, ohne zu lächeln.

„Nein!“ In der Stimme lag echte Entrüstung. Sie hörte auf, in die Pedale zu treten.

„Ja, mir gefällt, was ich sehe“, log Elim.

„Aber schämen Sie sich nicht, meinen Po so anzustarren?“ Diesmal war ihre Entrüstung nur Fassade. Mit ihrem schauspielerischen Talent hätte sie es maximal in eine drittklassige Seifenoper geschafft.

„Nein“, konterte Elim. „Ihr Hintern gehört in eine Ausstellung, um von vielen Menschen bewundert zu werden.“

„Nur der?“

Offenbar war sie nicht das egomanische Dummchen, für das er sie zunächst gehalten hatte. Zumindest das Dummchen konnte Elim ausschließen. Er mochte Flirts mit Esprit.

„Die anderen Körperteile konnte ich noch nicht hinreichend in Augenschein nehmen, um das mit gutem Gewissen sagen zu können.“

„Was ist mit dem Körperteil, den Sie gerade in Augenschein nehmen?“

Ihr Gesicht glich einer Maske: lange geschwungene Wimpern, geweitete Pupillen in einem Ring aus Blaugrün, die Haut glatt und glänzend, schmale Nase, volle Lippen. Schön, aber nichtssagend.

„Mit dem hat sich der liebe Gott besonders viel Mühe gegeben.“

„Sie glauben an Gott?“ Ihre linke Augenbraue schnellte in die Höhe. Erstaunen, Spott, Missbilligung.

„Wenn ich Sie sehe, dann eher an Venus.“

Die Augenbraue senkte sich wieder. Neben den Mundwinkeln entstanden Grübchen: Erleichterung, Stolz, Eitelkeit.

Elim beschloss, nicht nur zu parieren, sondern in die Offensive zu gehen: „Was ist mit Ihnen? Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“

Sie ließ ihren Blick über seinen Körper spazieren, nahm sich Zeit.

„Darf ich lügen?“, fragte sie schließlich.

„Auf jeden Fall!“

„Sie sollten mehr Anabolika zu sich nehmen.“

Bevor Elim mit Sie wollten doch lügen kontern konnte, ging die Tür auf und ein Mann betrat den Raum. Blaues Sakko, beige Krawatte, schwarzes Hemd, Chinos in der Farbe der Krawatte, die Schuhe ebenfalls schwarz. Eine Wolke teuren Parfüms trieb vor ihm her wie die Bugwelle eines Containerschiffes. Der Vergleich traf auch auf seine Statur zu. Ein quadratisches Monster, dessen Jackett breiter als lang war. Die Spezialanfertigung für einen Leibwächter, der einen wohlhabenden Mann bewachte. Nicht nur wohlhabend, sondern auch eifersüchtig, weil er den Bodyguard zugleich verwendete, um sein Betthäschen zu überwachen. Aber leider auch naiv, da er den Bock zum Gärtner gemacht hatte. Dass der Typ vor ihm an den Knospen der drahtigen Blondine knabberte, sagte ihm nicht nur der misstrauische Blick, sondern auch die Sonnenbrille, die sein Gegenüber nicht vor den Augen, sondern oberhalb der Stirn trug. Kein Gorilla, der Angst verbreiten, sondern ein Poser, der ihr imponieren wollte. Der Leibwächter — das Wort bekam angesichts seiner Rolle als eifersüchtiger Liebhaber eine wortwörtliche Bedeutung — suchte nach der treffenden Formulierung für eine Frage, mit der er Elims Identität prüfen und seine Autorität demonstrieren konnte.

Elim kam ihm zuvor: „Sie meinen, wie Ihr mutierter Freund?“ Er zwinkerte ihr zu und verließ den Raum. Aus dem Augenwinkel nahm er ihren Blick wahr, eine Mischung aus Belustigung und Enttäuschung.

„Lass bloß die Finger von ihr!“, sagte sich Elim, als er unter der Dusche stand. „Ein steinreicher Ehemann, ein eifersüchtiger Bodyguard und ein narzisstisch veranlagtes Model. Von wegen Men‘s Health. Eher Men‘s Death. Eine Mischung wie Unkraut-Ex und du bist das Unkraut.“

Im Restaurant nahm er einen Tisch in der Ecke. Nah an der Tür, weit weg vom Fenster. Archaischer Fluchtinstinkt. Nur wenige Gäste hatten sich eingefunden. Touristen aus Frankreich, England, Deutschland.

Seinen Blick spürte Elim, bevor er ihn sah. Mister Universum stand auf der anderen Seite des Speiseraums im Schatten einer Säule. Diesmal trug er die Sonnenbrille vor den Augen: groß, rechteckig, bescheuert. Wäre er sein Modeberater, hätte Elim zu einer Nickelbrille geraten, um der Quadratur seines Erscheinungsbildes durch die Kreise entgegenzuwirken. Zudem hätte sie zumindest optisch seinen IQ erhöht. Neben ihm stand ein weiterer Leibwächter mit der gleichen Statur, dem gleichen Outfit und der gleichen Brille. Offenbar galt es als Einstellungskriterium, breiter als groß zu sein. Immerhin bekam sein Chef dadurch beim Klamotteneinkauf Mengenrabatt.

Die zwei Kerle bewachten eine Flügeltür, die zu einem Séparée führte. Über seine UC erhöhte Elim die Sensorik seiner unsichtbaren Ohrhörer. Das Besteckgeklapper am Nachbartisch glich Peitschenhieben. Er zuckte zusammen. Offenbar hatte er etwas übertrieben. Also senkte er die Sensibilität. Im Nebenraum ortete er die sonore Stimme eines Mannes, die ein vielstimmiges Gelächter erzeugte.

Im Audiomenü verstärkte er die Option Voices und dämpfte Ambient Noise. Belangloses Geplauder über Essen, Getränke und die Basken. Don Bariton war der Chef im Ring, die anderen dienten als Claqueure. Vermutlich ein hohes Tier in der Wirtschaft.

Sensorik auf Normal. Elim wandte sich der Speisekarte zu. Solange die Gesellschaft dort drüben dinierte, hatte er seine Ruhe. Er bestellte einen „Ensalada del jefe“ als Vorspeise und als Hauptgericht eine „Paella de fideos“, eine Nudelpaella mit Thunfisch, Garnelen und kleinen Tintenfischen. Er liebte alles, was aus dem Meer kam. Vor allem, wenn es in baskischen Küchen zubereitet wurde. Dazu einen Weißwein, einen Txakolí. Der Urlaub hatte begonnen.

Als er zum letzten Schluck seines Café solo ansetzte, öffneten sich die Flügeltüren und die muskulöse Venus erschien. Ihre Brillantohrringe glitzerten mit dem Collier um die Wette, und das türkisfarbene Cocktailkleid ließ mehr Haut frei, als es verhüllte. Sie sah sich um, entdeckte Elim und warf ihm einen vielsagenden Blick zu, bevor sie sich abwandte und von einem der Leibwächter in Richtung Toilette begleiten ließ.

„Ich habe dich nicht vergessen, mein Süßer. Leider habe ich heute Abend Verpflichtungen, denen ich mich nicht entziehen kann. In der Nacht aber werde ich an dein Zimmer klopfen. Also schlaf nicht ein und stell den Champagner kalt!“ So übersetzte Elim ihren Gesichtsausdruck, ließ die Rechnung kommen und spazierte kurze Zeit später am Guggenheim-Museum vorbei. Er setzte sich ans Flussufer, ließ sich Filmmusik auf die Ohrkapseln spielen und genoss den Anblick seiner Traumfrau, die ihm von der Werbetafel aus zulächelte.

Um zwei Uhr klopfte es.

Erneut drei Optionen.

Erstens: nicht öffnen. Sie wird denken, ich würde tief und fest schlafen. Unsinn! Sie wird mich für einen Feigling halten!

Zweitens: mit ihr schlafen. Damit würde er eine Lunte in Brand setzen, um sich selbst in die Luft zu jagen. Nicht gut.

Elim entschied sich für die dritte Möglichkeit und öffnete die Tür.

Der türkisfarbene Kimono vor ihrem Bauch wurde von einer Schleife zusammengehalten. Venus griff mit Daumen und Zeigefinger an die Bänder und lächelte ihn an.

„Ich wollte dir Gelegenheit geben, dein schlechtes Gewissen zu beruhigen, bevor du dein Urteil fällst.“ Sie öffnete die Schleife und streifte den Stoff über ihre Schultern nach hinten. Mit laszivem Rascheln glitt der Hauch von Mantel zu Boden. Sie trat einen Schritt zurück.

Elim betrachtete ihren Körper. Bei der Vorstellung, ihn als Marmorstatue verewigen zu dürfen, wäre Michelangelo in Ekstase geraten. Jede Rundung ein perfekter Bogen und in seiner Gesamtheit ein Meisterstück erotischer Baukunst.

„Und, wie gefällt er dir?“

„Darf ich lügen?“

„Nein!“

„Du bist nicht mein Typ.“

Ihre Augen wurden größer.

„Ich mag es lieber molliger.“

Ihre Lippen öffneten sich.

„Außerdem bin ich schon vergeben.“

Die Lippen zitterten.

„Und ein Mann von Ehre.“

Sie lachte, leise, fassungslos. „Das wird dir noch leidtun!“, zischte sie, raffte ihren Kimono vom Boden auf und verschwand im Dunkel des Ganges.

Als Elim im Bett lag und die Decke anstarrte, hatte er das Gefühl, er hätte doch lügen sollen. Aber habe ich denn die Wahrheit gesagt? Carma ist nur ein Gesicht auf einem Bildschirm. Ja, ich möchte sie in Natura sehen, aber kennenlernen? Besser nicht. Gefahr des Kontrollverlusts. Und Ehre? Ich tue das, was mir die Behörde befiehlt, weil sie das große Ganze im Blick hat. Ist das Ehre? Elim, Elim, warum machst du dir darüber Gedanken? Du wirst das Men’s Death-Model ohnehin nie wiedersehen.

Never say never, dachte Elim, als er seine gekränkte Venus am nächsten Tag wiedertraf. Sie befand sich an der Seite eines Mannes, der einen Schwarm von Menschen hinter sich herzog. Ein Typ mit gewaltigem Brustkorb, dessen Stimme die Eingangshalle des Museums beschallte. Elim erkannte sie sofort wieder: gestern Abend im Restaurant, das Alphatier im Nebenzimmer. Er fotografierte den Mann mit seinen Kontaktlinsen und schickte das Bild durch die Gesichtserkennung seiner UC. Das Ergebnis kam binnen Sekunden: Víctor Delgado Barón, Kulturminister Spaniens, Besitzer einer bedeutenden Gemäldesammlung. Also kein Industriemagnat, sondern ein Feingeist, der in einem athletisch gezimmerten Körper steckte und eine Vorliebe für Fitnessmodels besaß. Elims Aufmerksamkeit galt jedoch weniger ihm als der zweiten Frau an seiner Seite: Carina Martín Arango. Obwohl er Brille und Sommersprossen vermisste, und die gezupften Augenbrauen zwei schrägen Linien glichen, war sie umwerfend schön. Sie trug ein cremefarbenes Cocktailkleid. Dazu schwarze Sandalen und Ohrringe in der gleichen Farbe. Die Haare hatte sie zu einem kunstvoll verschlungenen Turm aufgebunden, der von bunten Leuchtstäben durchstoßen wurde. Ihre Haut besaß die Farbe von Mandeln. Nur die Hand störte. Seine Hand! Die behaarte Pranke des Ministers lag in jovialer Vertrautheit auf ihrer Schulter. Mit Genugtuung las Elim in Carmas Gesichtsausdruck, dass ihr die Berührung unangenehm war.

Sein Freund, der Leibwächter, stand direkt hinter Delgado, wieder in doppelter Ausführung. Blaues Sakko, schwarzes Hemd, beige Hosen: zwei Pinguine, deren Frack man gefärbt und in eine quadratische Form gebracht hatte.

Neben ihnen glich Venus einem schwankenden Schilfrohr. Auf ihrem extravaganten Minikleid schwebten bunte Seifenblasen auf anthrazitfarbenem Grund. Elim stellte sich vor, die Kugeln mit einer Nadel zu zerstechen.

Venus sah ihn nicht, denn sie hatte nur Augen für die Kameras, die auf sie gerichtet waren. Der Pulk aus Promis, Leibwächtern und Reportern begab sich in den Ausstellungsraum der zweiten Etage. Wie Elim inzwischen einem Prospekt entnommen hatte, würde Víctor Delgado Barón die Bildergalerie Carmas um 15:30 Uhr feierlich eröffnen. Geschlossene Gesellschaft. Für das gemeine Volk gesperrt.

Elim stellte sich an die Brüstung im oberen Stockwerk und vertrieb sich die Zeit damit, die Menschen zu beobachten, die dreißig Meter unter ihm in Miniaturform die Eingangshalle durchquerten. Ihre Laufwege zeichneten Muster, die eine chiffrierte Botschaft zu enthalten schienen.

Ihm gefiel die Architektur des Museums. Von außen, aber auch von innen. Geschwungene Linien, ineinander verschachtelte Halbkreise, hell, gläsern. Dazwischen schräg abfallende Stahlkonstruktionen, welche die verschiedenen Ebenen miteinander verbanden. Das alles wirkte so lebendig, dass es ihn nicht überrascht hätte, wenn sich Mauern, Fenster und Treppen bewegt hätten.

Wer zu faul war, die Treppen zu benutzen, nahm den gläsernen Aufzug. Überall standen Uniformierte: Policía Nacional. Erhöhtes Sicherheitsrisiko. Um nicht aufzufallen, schlenderte Elim durch die Ausstellungsräume, die zugänglich waren. Gemälde, die an die Schlachtunterlage eines Metzgers erinnerten, Gemälde, die ihn an nichts erinnerten. Vor einer Komposition aus Weiß und Blau blieb er stehen. Das Farbenspiel formte eine Art Rohrschachtest, in dessen Umrissen er eine Frau erkannte: Carma.

Im nächsten Raum Gemälde von Chillida, Rauschenberg und Tàpies, die von den Besuchern bestaunt wurden. Elim kam sich wie ein Kunstbanause vor. Er mochte es schlicht und klar. Und so sprach ihn das weiße Männlein auf grünem Grund, das als Piktogramm auf die Notausgänge verwies, am meisten an. Grau wäre noch schöner gewesen. Aber in Gedanken war er ohnehin nicht bei den Exponaten. Immer wieder sah er Carma vor sich: Carma in ihrem cremefarbenen Kleid, Carma mit den bunten Haarstäben, Carma mit der Metzgerhand auf ihrer Schulter. Wie ein fünfbeiniges Tier hockte sie dort. Elim dachte an „Mamon“, die Spinnenskulptur vor dem Museum. Als er wieder auf der Galerie stand und nach draußen in Richtung Fluss blickte, sah er, dass sich rund um das Kunstwerk ein Ring aus Menschen gebildet hatte. Zwischen den Metallbeinen wirbelten bunte Flecken durch die Luft. Mit Hilfe der Kontaktlinsen zoomte Elim näher heran. Bei den bunten Flecken handelte es sich um Jonglierbälle. Grün, Weiß und Rot. Sogar das Gesicht hatte sich der Straßenkünstler in diesen Farben bemalt. Die Menge applaudierte begeistert.

Plötzlich hob Elim überrascht eine Augenbraue. Trotz der Schminke und der schwarzen Baseballkappe erkannte sein geübtes Agentenauge in dem Jongleur den jungen Mann aus dem Flugzeug: Grünmütze. Es war seine Haltung, vor allem aber die plötzlichen Drehungen, die ihn daran erinnerten, wie der junge Mann dem Hechtsprung des Mariachis ausgewichen war.

Ist offenbar mit heiler Haut davongekommen, dachte Elim. Gut so! Oder sind die Mariachi-Brüder etwa auch da und warten nur darauf, sich an ihm zu rächen?

Gerade wollte er die Zuschauer genauer unter die Lupe nehmen, als hinter seinem Rücken ebenfalls Beifall ertönte. Die Flügeltüren des bewachten Ausstellungssaales schwangen auf. Blitzlichtgewitter. Víctor Delgado Barón in der Mitte, Carma zu seiner Rechten, Venus zu seiner Linken. Dahinter die Leibwächter mit strengem Blick. Allerdings auch nervös, zumindest der linke von ihnen. Elim zoomte auf sein Gesicht. Nicht der Typ aus dem Fitnessraum, sondern der andere. Schweißperlen glänzten auf seiner breiten Stirn. Sein Kinn zuckte leicht. Hin und wieder rieb er sich die Hände am Jackett ab. Irgendetwas stimmte hier nicht. Elim ging in Lauerstellung.

Während die zwei Bodyguards vor dem Aufzug Position beziehen, um die Umstehenden von den Promis abzuschirmen, betreten Delgado, Carma und Venus die gläserne Kabine. Im letzten Moment zwängt sich der nervöse Leibwächter ebenfalls hinein. Gleichzeitig greift er in die Innentasche seines Sakkos und zieht eine Pistole heraus. Zielt damit auf Delgado. Der hebt seine Hände. Venus schreit. Überall flammen Blitzlichter auf. Der Bodyguard mit der Waffe packt Carma und nimmt sie in den Schwitzkasten. Der Aufzug fährt nach unten. Polizisten brüllen Befehle. Elim zoomt auf die Pistole. Kaliber 22, Halbautomatik, nicht entsichert. Carmas Gesicht von Angst entstellt. Delgado redet auf den Mann vor ihm ein. Venus schreit nicht mehr. Sie starrt nach oben, zu Elim. Ihr Blick reflektiert zwei Dinge: Wiedererkennen und Hass. Der Aufzug erreicht das Erdgeschoss. Die Türen öffnen sich. Zwei Polizisten bringen sich in Position und greifen zu ihren Waffen. Der Leibwächter brüllt sie an. Die Beamten frieren in ihren Bewegungen ein. Die Pistolenmündung an ihre Schläfe gedrückt, zieht der Bodyguard Carma in Richtung Ausgang.

Elim geht seine Optionen durch:

a) die Treppen benutzen? Zu lang.

auf die Polizei vertrauen? Zu unsicher.

Nichts tun? Keine Option.

Captain-America-Nummer abziehen? Yeah!

Er schwingt sich auf die Brüstung, drückt sich mit beiden Beinen ab und hechtet durch die Luft. Die Hände packen das Geländer des gegenüberliegenden Balkons. Er zieht sich hoch, klettert auf den Handlauf und trippelt über das Metallrohr. Am Ende des Geländers springt er ab und landet auf einer Stahlverstrebung, die schräg nach unten führt. Den Träger mit Händen und Füßen umklammernd, rutscht er im Fünfundvierziggradwinkel auf die Fensterfassade zu. Dort landet er auf einem der Metallrahmen, welche die Glasfassade in Rechtecke einteilen. Elim drückt sich ab, fällt und fängt sich mit den Händen an der unteren Querverstrebung ab. Den Schmerz der linken Hand ausblendend, lässt er sich wieder fallen, landet mit den Füßen auf dem nächsten Vorsprung, springt, fängt sich ab, stößt sich mit den Füßen von der Fassade weg und landet auf einem gepolsterten Sitzrondell. Im nächsten Moment fliegt er schon wieder durch die Luft, rollt sich auf dem Boden ab, katapultiert sich durch den Schwung nach oben und bleibt in geduckter Superheldenpose stehen: vier Meter neben seinem Ziel.

Der Bodyguard fährt herum und erstarrt. In seinen Augen liest Elim zwei Fragen: „Wer zur Hölle bist du? Und was zum Teufel hast du vor?“

Die Antworten sind einfach: Man nennt mich Elim und in drei Sekunden werde ich dir beide Arme brechen.

Doch dazu kommt es nicht. Ein Schuss fällt. Das Projektil fährt einen Meter neben Elim in den Boden. Stein splittert. Er wirft sich zur Seite. Krach! Ein zweiter Schuss. Wieder in den Boden. Der Schütze muss oben stehen. Mit einem Hechtsprung landet Elim hinter einer Säule, wagt einen Blick. Der andere Leibwächter aus der Froschperspektive! Er lehnt oben am Geländer, die Waffe auf ihn gerichtet. An der Mündung des Pistolenlaufs blitzt es. Elim zuckt zurück. Die Kugel reißt einen faustgroßen Brocken aus der Säule.

Plötzlich taucht Delgado hinter Carma auf. Er packt seinen Bodyguard und schleudert ihn gegen eine Wand, als wäre er eine Schaufensterpuppe. Die Pistole fällt zu Boden.

„Bringt sie weg!“, herrscht Delgado zwei andere Männer vor dem Aufzug an und zeigt auf Carma. Sie stürzen herbei, packen sie an den Armen und schleifen sie zu einer Tür, die zum Außenbereich des Museums führt. Delgado und Venus folgen ihnen.

„Ein Terrorist!“, brüllt er. „Haltet ihn auf!“ Delgado zeigt auf Elim. Die Menschen weichen schreiend zurück. Ohne seine Waffe aufzuheben, verschwindet der Bodyguard humpelnd in der Menge. Oben ballert der andere Leibwächter sein Magazin an der Säule leer. Ein Querschläger peitscht hinter Elim in die Glaswand. Sicherheitsglas. Ein Knistern wie Eis, zurück bleibt ein Spinnennetz aus Rissen. Delgados Männer stehen inzwischen im Freien und heben Carma über das Außengeländer. Elim weiß: Dahinter befindet sich ein Bassin mit Wasser. Es trennt das Museum an der Rückseite von der Flusspromenade. Kaum ist Carma verschwunden, klettern Delgados Männer hinterher. Zoom! Sie verwenden ein Seil. Woher haben sie das? Wussten sie etwa, dass sie auf diesem Weg fliehen würden? Delgado und Venus bleiben zurück.

„Stehen bleiben!“ Der Schrei eines Polizisten reißt Elim aus den Gedanken. Der Beamte rennt mit erhobener Waffe auf ihn zu. Weitere Uniformierte folgen. Ihre Absätze hallen durch den Eingangssaal. Der Leibwächter aus dem Fitnessraum erscheint am unteren Ende der Treppe.

Er grinst.

Zeit zu verschwinden.

Den Ausgang, den Delgado und seine Leute benutzt haben, kann Elim nicht erreichen, ohne durchlöchert zu werden. Durchlöchern bringt ihn auf eine Idee. Wie eine Schlange schnellt er aus seiner Deckung hervor und zuckt im selben Moment zurück. Nur das Fauchen fehlt. Doch was zählt, ist der Schuss, der ihn verfehlt und hinter ihm in das gläserne Spinnennetz einschlägt. Ein Loch, Durchmesser 50 mal 50. Groß genug für Elim. Mit drei Schritten ist er da und springt durch die Öffnung nach draußen. Glassplitter dringen in sein Fleisch, doch er spürt keinen Schmerz. Sein Körper ist mit Adrenalin vollgepumpt. Elim schwingt sich über das Geländer und springt ins Wasser, rollt sich ab, steht wieder auf den Beinen. Das Wasser reicht ihm bis zu den Knien. Nebelschwaden treiben durch das Bassin. Eine Attraktion für die Touristen. Glück für ihn.