Kanalratten - Maxim Biller - E-Book

Kanalratten E-Book

Maxim Biller

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

In seinem Stück ›Kanalratten‹ wirft Maxim Biller einen scharfen Blick auf die Kulturschickeria, deren Mitglieder sich um einen einflussreichen Journalisten versammeln. Und in ›Menschen in falschen Zusammenhängen‹ nutzt Micky, ein jüdischer Intellektueller, einen Talkshowauftritt, um seine Geliebte zu einer Entscheidung zu zwingen: für ihn oder für ihren Mann. Zwei Theatertexte, die Biller als bissigen Beobachter zeigen – der Gesellschaft wie der Zweierbeziehung. »Es geht um die Liebe als ganz großes Abenteuer. Sie ist wie eine Antarktis-Expedition, bei der man nicht weiß, ob man ankommt. Und viele sind schon auf dem Weg dahin zu ängstlich.« Maxim Biller über ›Menschen in falschen Zusammenhängen‹

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 195

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Maxim Biller

Kanalratten

Zwei Stücke

Fischer e-books

Kanalratten

Personen:

JOSEF »JOE« KARPELES jüdischer Journalist und Schriftsteller, der nach zehn Jahren aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt ist, Ende vierzig

ANNA Redakteurin einer großen Wochenzeitung und Karpeles’ Ex-Freundin, Anfang vierzig

HERMANN »HERSCHEL« GIRSCH Direktor des Jüdischen Museums, Ende vierzig

HENNING JAKOB HOFMAN Chefredakteur einer großen Wochenzeitung und Annas Freund, Ende vierzig

JOBST KALLENDER Untergebener von Hofman, Anfang vierzig

DR. WEISSELBERG jüdischer Internist, Arzt von Karpeles und Anna, um die sechzig

SAMUEL DINTER KZ-Überlebender und Ostberliner Dichterfürst, um die siebzig

Zeit:

Heute

Ort:

Die Parterre-Wohnung und der Garten von Hofman und Anna in der Treitschkestraße, Berlin

1.

Ein Schlafzimmer. Ein großer Spiegelschrank. Ein Doppelbett, auf dem Mäntel und Jacken liegen. An den Wänden deutsche Expressionisten. Genau über dem Bett – wie in einem Kinderzimmer – das Modell eines Kampfflugzeugs, wohl aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. In einem modernen, orangefarbenen Sessel sitzt, abgewandt von der Tür, Girsch. Er bewegt sich nicht, dann tippt er langsam etwas in sein Telefon, dann erstarrt er wieder. Das mehrmals. Hinter der Tür hört man leise Partygeräusche: meist nur Stimmen, selten Musik. Es wird immer wieder dasselbe Lied gespielt, Gloria Gaynors »I Will Survive«. Girsch hält sich dabei jedes Mal theatralisch die Ohren zu. Die Tür geht auf, und Karpeles und Anna kommen herein. Sie sehen Girsch nicht. Sie lachen.

KARPELES

Hier. Hier rein. Hier ... Jetzt komm schon.

ANNA

Ich weiß nicht.

KARPELES

Kurz. Fünf Minuten. Was sind fünf Minuten? Was kann ich dir schon tun in fünf Minuten?

ANNA

Dir reichen zwanzig Sekunden.

KARPELES

Dreißig! Dreißig Sekunden. Länger war das nicht. Ich hab dreißig Sekunden geredet – und sie sind sofort alle wieder verrückt geworden. Sogar Weisselberg. Jemand wird noch sterben, wenn die nicht sofort aufhören, weiterzustreiten. Man müßte reingehen und ... und jemand andern beleidigen. Dann würde auch Hofman aufhören. Der konnte noch nie aufhören.

ANNA

Hofman. Mit langem »o«. Hofman.

KARPELES

Wie Ofen? Wie Ofenmann?

ANNA

Warum machst du das? Es macht dir doch selbst keinen Spaß. Zuerst Girsch, dann Hofman – dann ich?

KARPELES

Das bin nicht ich, das ist meine Zunge.

ANNA

Hmm.

KARPELES

Hmmm ...?

Pause.

ANNA

Bist du noch so gut wie früher?

KARPELES

War ich so gut?

ANNA

Keiner war so gut. Ich weiß noch – weißt du noch? –, ich weiß noch, beim letzten Mal, als du mittendrin angefangen hast zu heulen.

KARPELES gleichzeitig mit »heulen«

War’s wirklich so schlimm, was ich gesagt hab?

ANNA

»Das sind Tränen der Liebe, meine Schöne, und außerdem kann ich dich dann schneller ficken.«

KARPELES

Das meine ich nicht. Denkt nach. Hab ich das damals wirklich gesagt? Es ist fast zehn Jahre her.

ANNA gleichzeitig mit »her«

Ich finde es – halbschlimm. Ich weiß nichts über diesen Mann, wie hieß er ...

KARPELES gleichzeitig mit »er«

Ich hab geheult, weil ich wusste, dass es das letzte Mal ist. Pause. Woher weißt du noch so genau, was ich damals gesagt hab?

ANNA gleichzeitig mit »gesagt hab«

Treitschke, ja? Also wenn ihm das so wichtig ist, dann lass ihn doch. Er wohnt in dieser Straße. Sein Vater, sein Großvater, sie alle haben hier gewohnt. Treitschkestraße. Klingt doch gar nicht so schlecht, klingt fast ein bisschen jüdisch. Klingt wie ... Jouch mit Treitschkelknedel. Wie ... mein kleines, süßes Treitschkele. Und an Purim drehen unsere Kinderlach ihren – Treischkel-Dreidel-Scheidl!

KARPELES

Hör auf Jiddisch zu reden. Du kannst es nicht. Pause. Anne-Frank-Straße klingt besser.

ANNA

Ich würde auch nicht in der Anne-Frank-Straße wohnen wollen.

KARPELES

An deiner oder an seiner Stelle? Fällt sich selbst ins Wort. Wirst du aber, meine Schöne, du hast jetzt das ganze Paket. Ofenmann, seine tausend Arschlecker, und die Treitschkestraße, die am 2. Dezember Anne-Frank-Straße heißen wird.

ANNA

Glaubst du wirklich?

KARPELES

Diese Null Girsch wird das erste Mal in seinem Leben etwas schaffen! Ganz Berlin stimmt ab. Weil Girsch, das Leichlein von der Lindenstraße, einmal eine Idee hatte. Ganz Berlin! Innen rechts, außen links, alles wie immer. Wusstest du, dass Girsch mit achtundzwanzig fast an einem Kürbiskern erstickt wäre?

Girsch bewegt sich lautlos in seinem Sessel. Er schiebt sich die Faust in den Mund und beißt lautlos darauf.

ANNA nach kurzem Nachdenken

Aber du hättest es trotzdem anders sagen können.

KARPELES nach kurzem Nachdenken

Jemand sagt, Heinrich von Treitschke war größer als Ranke mit seinem lächerlichen Objektivismus. Jemand sagt, Treitschkes »Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert« ist das Manna, von dem dieses Volk endlich kosten sollte. Zu sich selbst. Kosten sollte – was für ein Deutsch! Dann wieder zu Anna. Jemand sagt, das Moderne an Treitschke ist seine enigmatische Geschichtsschreibung. Und ich soll nichts antworten? Ich, der Rache-Karpeles?

ANNA

Jemand sagt? Hofman sagt. Dir geht es doch gar nicht um Treitschke.

KARPELES

Stimmt.

ANNA

Sag’s anders, sonst glaube ich dir nicht.

KARPELES weicher

Stimmt ...

ANNA

Und was hast du zu »jemand« gesagt? Du hast gesagt: Ihr sitzt hier in eurer geklauten, von Opi arisierten Wohnung, in einer Straße, die nach diesem Choleriker benannt ist, von dem das »Stürmer«-Motto stammt ...

KARPELES

... die Nudeln der Juden sind unser Unglück ...

ANNA

... du hast zu »jemand« gesagt, dass er kein Nazi ist, aber dass er die Nazis liebt, dass er wie dieser Typ ist, der damals die Karin II gekauft hat ...

KARPELES

... Heidemann ...

ANNA

... und du hast zu »jemand« gesagt, ich bin aus Israel wiedergekommen nach zehn Jahren, um euch den Spaß zu verderben, ihr deutschen Idioten! Weißt du was? Das finde ich schlimmer als halbschlimm.

KARPELES

Es gibt Leute dort drüben er zeigt mit dem Kopf in Richtung Tür, die mich nicht für blöd halten. Denen ich gefehlt habe. Und die machen gerade den Fehler ihres Lebens – und streiten sich wegen mir mit Ofenmann. Wusstest du, dass Ofenmann in seinem Notizbuch eine Liste von allen seinen Arschleckern hat und ab und zu ein kleines schwarzes Kreuz hinter einen Namen macht?

ANNA

Ich halte dich auch nicht für blöd.

KARPELES

Sag’s anders, sonst glaube ich dir nicht.

ANNA

Nein.

Pause.

KARPELES

Das waren jetzt mehr als fünf Minuten.

ANNA

Dann gehe ich jetzt.

KARPELES

Muschinki, bitte. Er versucht, sie aufs Bett zu drücken. Sie fallen auf die Mäntel. Sie umarmen sich, ohne sich zu küssen.

ANNA

Du kannst nicht mehr ›Muschinki‹ zu mir sagen – verstehst du das?

KARPELES

Ja ... ja.

Pause.

ANNA

Ich hab’s bereut.

KARPELES

Ich nicht.

ANNA

Ich auch nicht.

KARPELES

Na siehst du.

ANNA

Nein ...

KARPELES

Was nein?

ANNA

Doch.

KARPELES

Jetzt sag schon.

ANNA

Das erste Jahr hab ich jede Nacht nur eine Stunde geschlafen. Ich bin ins Bett gegangen, ich schlief ein, ich wachte nach einer Stunde wieder auf, und dann schlief ich die ganze Nacht nicht mehr. Ich habe Briefe an dich geschrieben. Ich wollte, dass du zurückkommst, und ich wollte, dass du nicht mehr so hart bist. Manchmal bin ich noch mal eingeschlafen, und dann hab ich fast immer von ihm geträumt. Er hatte lange Wimpern, ein kleines Puppengesicht, er konnte fast nichts mehr hören und sehen, und wir saßen an seinem kleinen Kinderbett und weinten. Und dann wachte ich auf, und ich dachte, wie gut, dass du gegangen bist. Pause. Er wäre sowieso bald wieder gestorben. Er hieß Lenny.

KARPELES

Wir hätten einen kleinen Neger adoptieren sollen. Warum haben wir keinen kleinen Neger adoptiert? Dann wären wir jetzt noch zusammen.

ANNA

Weil du es nicht wolltest.

KARPELES

Okay, dann hätten wir eben den Test nicht machen sollen. Warum haben wir den Test gemacht?

ANNA

Weil du es wolltest. Weil dein schrecklicher Dr. Weisselberg gesagt hat, ihr müßt es machen, in Amerika machen es alle Juden, sie sind alle in dieser Computerdatei, oder ein kleiner Stich in die Fruchtblase, mehr nicht, und seit sie es machen, ist die Rate fast gleich Null.

KARPELES

In Israel auch. Tay-Sachs ist inzwischen fast bei Null in Israel. Bei Autounfällen sterben mehr. Nein, bei Anschlägen. Nein, bei Telefonaten mit Florida ... in Florida.

ANNA gleichzeitig mit »Florida«

Ohne den Test war unsere Chance auch gleich Null.

KARPELES

Auch bei Lenny?

ANNA

Der war nur ein Traum. Pause. Wir hätten es überhaupt nicht gemerkt. Es war neurotisch, es zu machen.

KARPELES

Null Komma Null Null Eins?

ANNA

Das ist wie Null, verstehst du, das ist nichts ... gar nichts. Pause. Wir hätten nie im Leben ein krankes Kind bekommen! Schau uns an. Wir haben uns so geliebt, wie kann man da ein krankes Kind kriegen. Glaubst du, sie waren glücklich im Schtetl damals? Die konnten sich überhaupt nicht lieben, für alles hatten sie Regeln. Auch dafür. Es hat sich alles gekrümmt in ihnen ...

Die Tür, die man nicht sehen kann, geht auf. Es wird laut, dann geht die Tür wieder zu.

ANNA

... und sie haben sich gekrümmt, und ihre Chromosomen haben sich gekrümmt, und darum haben sie manchmal solche schrecklichen, missgebildeten Kinder auf die Welt gebracht.

KARPELES

Glaubst du wirklich?

ANNA

Glaubst du nicht?

KARPELES

Wir könnten Girsch fragen, den Gettogirsch. Seine Mutter hat ihm sogar die Frau ausgesucht. Wie früher im Schtetl. Eine kleine, dicke, haarige Ameise aus Antwerpen. Sie riecht nach Mottenkugeln, glaube ich.

ANNA

Aber er hat jetzt zwei Kinder. Und wir haben keins. Keins zusammen, keins ohne einander.

Die Tür geht wieder auf.

Stimme von KALLENDER

Vielleicht ist er hier. Girsch? Bist du hier? Zu jemandem draußen. Er hat mir eine SMS geschickt, und Hofman hat er auch eine geschickt. Pause. Nein. Nein ... Ich glaube, wir sollten uns beeilen. Vielleicht doch unten im Garten.

Die Tür geht wieder zu.

ANNA

Haben Girsch und seine Frau den Test gemacht?

KARPELES

Sogar wenn.

ANNA

Wie – sogar wenn?

KARPELES

Ich hab sie alle vor einer Woche in diesem kleinen Park vor der Alten Nationalgalerie gesehen.

ANNA

Du bist erst fünf Tage wieder hier.

KARPELES gleichzeitig mit »hier«

Ich hab sie vor einer Woche in diesem Park gesehen, und das Mädchen und der Junge sahen genauso dämlich aus wie ihre Eltern. Tay-Sachs light, verstehst du.

ANNA

Nein, verstehe ich nicht.

KARPELES

Die Ameise hatte zwei tiefe Falten auf der Stirn, aus denen bestimmt auch bald Haare wachsen werden, und Girsch sah aus wie Odradek – nachdem er die Treppe heruntergerollt ist.

ANNA

Du bist widerlich.

KARPELES

Das Leben ist widerlich.

ANNA

Das Leben ist nicht widerlich.

KARPELES

Ich hab ihn aber gegrüßt ... Ich hab gesagt: Hallo Girsch, ich bin wieder da, und ich hoffe, dass du inzwischen besser deutsch kannst als deine polnischen Eltern.

Die Tür geht noch mal auf.

Die Stimme von KALLENDER leise

Ich hab euch gesehen. Ich hab euch vorhin schon gesehen ... Er kommt rein. Joe, wir müssen noch das Interview machen. Ich muss morgen um zwei fertig sein, Hofman will es für den 9. November, tut mir leid. Ich such Girsch, und wenn ich ihn hab, fessel ich ihn an einen Küchenstuhl, und dann machen wir unser großes Heimkehrer-Interview.

KARPELES

Ja. Unser Interview.

ANNA gleichzeitig mit »Interview«

Du fesselst ihn an einen Küchenstuhl?

KALLENDER

Ja, was sonst. Er hat uns allen eine SMS geschrieben, jedem von uns. Es war eine Ich-kann-so-nicht-mehr-weiter-SMS. Dann kam eine Ich-bin-absolut-nichts-wert-SMS. Und dann ... eine Ihr-werdet-diesen-Abend-nicht-vergessen-SMS. Pause. Wegen Joe. Kleine Pause. Bestimmt wegen Joe ... Joe hat vorhin zu ihm im Garten gesagt, das jüdische Museum sei der neue Judenrat. Pause. Naja, auch nicht schlecht. Süße Idee. Pause. Hast du doch, Joe, oder nicht?

KARPELES gleichzeitig mit »nicht«

Und eine Ich-bin-nur-deshalb-Direktor-weil-ich-nichts-kann-SMS?

Girsch beißt sich wieder auf die Faust.

ANNA

Wo ist er jetzt?

KALLENDER

Er hat geschrieben, er sei irgendwo hier, wir sollen ihn aber nicht suchen, und dass er es genau hier machen wird, hier, in der Anne-Frank-Straße Nummer 32.

ANNA

In der Anne-Frank-Straße?

KARPELES

Noch bevor sie umbenannt wird?

ANNA

Du bist widerlich.

KALLENDER gleichzeitig

Was weiß denn ich. Pause. Hofman wird toben, wenn er euch sieht. Verzagt. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht ...

ANNA

Was wird er machen?

KALLENDER

Hofman?

ANNA

Nein – Girsch.

KALLENDER

Was weiß denn ich!

Er geht raus und schließt vorsichtig und leise von außen die Tür.

KARPELES leise, wie zu sich selbst

Hofman. Mit kurzem »o« und zwei »f« – wie Futzftaffel.

ANNA

Ein Interview, ja?

Er antwortet nicht.

ANNA

Joe.

KARPELES

Er hat mich gebeten. Er hat gesagt, wir machen es so, wie ich will. Sogar die Überschrift machen wir zusammen, wenn ich will.

ANNA

Das hat er zu Dinter auch gesagt.

KARPELES

Zu Dinter? Wann war das?

ANNA

Hör auf.

KARPELES

Ich hab in Israel sehr wenig gelesen. Also kaum was ... also kaum was von hier.

ANNA gleichzeitig mit »hier«

Du lügst. Du hast für sie geschrieben. Du warst hier einmal im Monat im Fernsehen. Deine Bücher kamen hier raus – nicht dort. Du hattest mit Hofman einen Vertrag, ich weiß es. Er hat mich gefragt, als du ihn gefragt hast, ob sie das wollen. Er fragt mich immer ...

KARPELES

... aber nicht wegen des Interviews ...

ANNA

... und er macht fast immer, was ich ihm sage. Ich hab ihm gesagt, ja, gib Joe den Vertrag. Gib ihm fünf Euro für die Zeile, Israel ist teurer als Dubai.

KARPELES

Danke, meine Schöne. Wusstest du, dass es auch in Israel Zeitungen gibt, für die man schreiben kann?

ANNA

Die »Israel-Nachrichten« ... Hm. Di letzten neies aus Galycz, Dohrobycz und Nichtsowycz.

KARPELES

Ich liebe dich.

ANNA

Ich dich nicht.

KARPELES

Ich hab oft für die englische Ha’aretz geschrieben, auf deutsch, und mein Honorar hat der Übersetzer gekriegt.

ANNA

Du tust mir nicht leid.

KARPELES

Nein?

ANNA

Nein ... warum? Du hättest hier bleiben können.

KARPELES

Ja. Hätte ich.

ANNA

Ich hasse den kakophonischen Klang deiner Ironie.

KARPELES

Anna ... du wolltest auch, dass ich gehe! Wir haben gesagt, das halten wir nicht aus, wenn wir kein Kind haben können, darum soll ich gehen. Wir hatten diese Verabredung, Anna. Anna, glaubst du, ich wollte es? Arnold Zweig hat es nicht geschafft, David Vogel hat es nicht geschafft, warum sollte Joe Karpeles es schaffen?

ANNA

Max Brod hat es geschafft.

KARPELES

Der konnte nichts, gar nichts. Der konnte sich nur an Kafka erinnern.

ANNA

Ich wollte nie, dass du gehst.

KARPELES

Das hast du nicht gesagt. Verwirrt. Das hast du nie so gesagt ...

ANNA

Doch, nachts, wenn du neben mir gelegen und geschlafen hast. Ich hab’s dir ins Ohr geflüstert. Immer wieder: »Bitte, bitte, nicht gehen! Bitte, nicht gehen ... bitte, bitte.«

Sie schweigen. Er streicht ihr die Haare aus dem Gesicht, und sie sieht ihn lange ernst an.

KARPELES

Was hat Ofenmann mit Dinter gemacht?

ANNA

Du weißt es also wirklich nicht.

KARPELES

Nein, ich weiß es wirklich nicht. Pause. Vielleicht war bei uns gerade Krieg? Vielleicht gab es gerade etwas Wichtigeres als ein deutsches Nazi-Drama? Vielleicht hatte Scheikh Nasrallah gerade eine sehr gute Zeit?

ANNA

Ich will nicht, dass du ihm ein Interview gibst!

KARPELES langsam

Was war mit Dinter?

ANNA

Henning ist schlauer als du.

KARPELES

Klüger auch?

ANNA

Manchmal.

KARPELES

Und kann er es auch so gut?

ANNA gleichzeitig mit »gut«

Nein, er kann »es« nicht so gut.

KARPELES

Nein?

ANNA

Nein. Denn er hat nicht so eine lange Zunge wie du, Muschinki. Aber es gibt Leute, die haben sie, und die meisten von ihnen bezahlt er auch noch dafür.

KARPELES

Jetzt bist du widerlich, siehst du? Kleine Pause. Siehst du es?

ANNA

Ich sehe nur eine graue, grüne, kilometerhohe Wand. Das sind meine Erfahrungen. Und dahinter ist ein Wasserfall, der Wasserfall meiner Wünsche, der in tausend Farben sprudelt. Den werde ich aber niemals sehen.

KARPELES

Das ist unlogisch.

ANNA

Na und?

Pause.

ANNA

Weißt du, vielleicht ist »es« mit ihm nicht so gut wie mit dir. Aber wenn ich mit ihm Kinder hätte, dann müsste ich nicht vorher meine aschkenasischen Zellen sezieren lassen.

KARPELES

Nein, das nicht.

ANNA

Dass Juden und Gojim zusammen Tay-Sachs produzieren, ist nicht besonders wahrscheinlich, oder? Wie hoch ist sie, glaubst du ... die Rate?

KARPELES

Null Komma Null Null Eins ...

ANNA

Also weniger als Null.

KARPELES

Und trotzdem habt ihr keine Kinder. Warum? Weil er dich nie leckt? Oder weil er keiner von uns ist?

Anna steht vom Bett auf.

KARPELES

Bleib hier.

ANNA

Nein.

KARPELES

Warum nein?

ANNA

Manchmal riechst du auch nach Mottenkugeln.

KARPELES

Wird er mich reinlegen? Wie wird er mich reinlegen, Anna?

Anna geht zum Fenster, schaut in die Nacht raus, und als sie sich wieder umdreht, sieht sie Girsch in dem großen, orangefarbenen Sessel sitzen. Sie sehen sich stumm an.

ANNA zu Karpeles

Ich sag dir, wie er Dinter reingelegt hat, ich sag’s dir. Er hat zu ihm gesagt: Mein lieber Herr Dinter, Sie haben eine Autobiographie geschrieben, die besser ist als alles, was ich in den letzten fünf Jahren gelesen habe. Sie haben die einfachsten Worte für die kompliziertesten Dinge gefunden. Und Ihre Ehrlichkeit, lieber Samuel Dinter, ist so kostbar, ich will Ihrer Ehrlichkeit eine ganze Seite opfern ...

KARPELES

Er hat wirklich »opfern« gesagt? Du warst dabei? Dieses Arschloch hat wirklich »opfern« gesagt?

ANNA gleichzeitig mit »gesagt«

... nein, nicht eine Seite, wir machen eine ganze Beilage, Riesenfotos, Farbe, Sie, das schönste Kapitel aus Ihrem Jahrhundertbuch, ein Gespräch, in dem Sie Ihre ganze Geschichte erzählen, erlären, erläutern. Mein Lieber, Sie werden die andern über Nacht aus dem Amazon-Rating fegen, Sie werden einen Monat lang der bekannteste, der glücklichste Mann von Deutschland sein! Pause. Das hat er gesagt, und Dinter hat ja gesagt, obwohl er noch genau wusste, wie das damals war, als Hofman die Bormann-Tagebücher abdruckte.

KARPELES gleichzeitig mit »abdruckte«

Oi wej ...

ANNA

Und dann machen sie also das Interview, bei Dinter zuhause, in Pankow. Kallender und Henning machen es, und es gibt Tee und Mille Feuilles von der Galeries Lafayette, und ein Fotograf ist auch da, mit Lampen und einem großen, schwarzen Tuch als Hintergrund, aber das Foto kommt natürlich nicht, und später macht Henning aus dem Ganzen ein einziges Zitat, das bestimmt auch schon dein Scheikh Nasrallah auf Al-Manar gehört hat.

KARPELES

Jetzt weiß ich.

ANNA

Verstehst du, Joe? Samuel Dinter, der in Straszow von einem betrunkenen SS-Mann wie ein Hund an der Leine herumgeführt wurde, der in Litzmannstadt Wasser aus Pfützen getrunken und die eigenen Fingernägel gegessen hat, der sich durch ein kinderkopfgroßes Loch in der Gettomauer gezwängt hat und abgehauen ist und später mit falschen Papieren drei Wochen eine deutsche Uniform getragen hat, ja ... also dieser Samuel Mojsejewitsch Dinter sagt auf der ersten Seite von Hennings Zeitung: »Ich war einer von ihnen!«

KARPELES

Bist du sicher, dass du Ofenmann liebst?

ANNA

Wie der Teufel die Teflonpfanne, in der er die Sünder gart.

Pause.

KARPELES

Das wird er mit mir nicht machen ... Warum soller so was mit mir machen? Zögert. Warum soll er es mit mir machen? Er hat mir diesen Abend geschenkt. Er macht eine Willkommensparty für mich – und dann legt er mich rein?

ANNA zu sich selbst

Ich glaube, ich liebe es, in seiner Nähe nervös zu sein.

KARPELES

Wie weiblich von dir. Pause. Genau dafür habe ich dich immer geliebt.

ANNA gleichzeitig mit »geliebt«

Henning Hofman, mein Schöner, hat bisher jeden reingelegt. Mich wird er auch reinlegen. Und vorher – dich. Wir leben alle auf einem Staubkorn, aber manche wissen es nicht.

KARPELES

Das verstehe ich nicht. Was redest du da immer überhaupt? Was meinst du?

Plötzlich steht Girsch auf und geht stumm zur Tür. Dort bleibt er, mit dem Gesicht zur Tür, stehen. Langes Schweigen.

KARPELES nicht besonders überrascht

Girsch? Girsch?! Was machst du hier? Du Joine – du hast uns die ganze Zeit zugehört? Was ... machst du ... hier?

GIRSCH ohne sich umzudrehen, mit leichtem jüdischen Einschlag

Ich zähle die Minuten, Jossel. Die letzten Minuten. Tay-Sachs light war mein Leben, und jetzt ist alles egal. Er geht raus.

KARPELES

Der auch.

ANNA

O Gott.

KARPELES

Ach was. Ganz normaler Girschwahnsinn.

ANNA

Nein, etwas war anders. Er war anders. Er war anders als sonst. Hast du das nicht gesehen?

KARPELES

Nein – hob ich nicht gesejn.

ANNA

Du bist eben alt geworden. Deine Augen sind alt geworden. Alles an dir ist alt geworden ... Früher hättest du so was sofort gesehen. Aber früher warst du auch nur die halbe Zeit des Tages ein Widerling. Pause. Man muss sich um ihn kümmern. Ich muss mich um ihn kümmern ... Sie steht vom Bett auf und geht zur Tür. Kommst du mit? Wir müssen den andern Bescheid geben. Ohne sich umzudrehen, geht sie raus.

KARPELES nachdem sie weg ist

Okay. Und wer kümmert sich um mich? Langsam. Wer sagt »O Gott«, wenn es mir schlecht geht? Wer? Wer ... Wem kann ich sagen, dass es mich in drei Monaten nicht mehr gibt, aus, weg, futschiccato. Wer, bitte, bitte, bitte, bitte, kümmert sich um den armen, traurigen Jossel Karpeles?

2.

Im Wohnzimmer. Vorher. Hofman, Dinter, Anna, Kallender, Karpeles, Dr. Weisselberg, der kultivierte Arzt, und vielleicht noch jemand sitzen auf Sofas und Sesseln um einen besonders niedrigen Couchtisch herum. Auf dem Tisch stehen Gläser und eine große Schale mit japanischen Reiscrackern. Alle greifen ständig hinein. Andere Gäste möglicherweise im anderen Teil des Raums.

HOFMAN

Das sind Shimoto-Cracker. Es gibt Shimoto-Cracker aus Kyoto und aus Kashima. Aber die sind aus Shimoto.

KALLENDER

Herrlich. Ich nehm noch ein paar.

HOFMAN

Das sind die besten.

DINTER

Ich hab davon gehört. Sehr gut, wirklich. Das ist wie diese Sache mit dem Fisch ...

HOFMAN

Mit dem Fisch?

KALLENDER gleichzeitig mit »Fisch«

Mit dem Kugelfisch?

DINTER

Ja. Am besten ... am besten ist der Fugu aus Shimonoseki, sagt man. Fugu gleich Kugelfisch, ja? Also: Es gibt ihn natürlich auch anderswo, aber die Leute aus Shimonoseki haben den besten und machen ihn am besten, und wenn jemand, sagen wir, aus Takira sagt, Fugu aus Takira sei zwar nicht so gut wie der aus Shimonoseki, aber noch besser sei der von der anderen Seite der Jojoma-Bucht, dann wird bestimmt ein Dritter sagen: Haben Sie schon mal den aus Shimoto probiert?

KALLENDER

Aus Shimoto? Es gibt Kugelfisch aus Shimoto?

KARPELES leise zu sich selbst

Shimoto-Cracker? Was für ein Schwachsinn ...

ANNA zu Kallender

Das war nur ein Beispiel, Jobst.

DINTER

Ja – nur ein Beispiel.

HOFMAN

Für was, lieber Herr Dinter?

DINTER

Ich weiß nicht. Jetzt ... jetzt haben Sie mich durcheinandergebracht.

HOFMAN lachend

Das tut mir leid. Wirklich. Das tut mir so leid ... Mit verzerrter Stimme wie eine Comicfigur. leidileidleid. Hab ich Sie schon wieder durcheinandergebracht ... Sie kleiner, vergesslicher Gangster? Lacht wieder.

KARPELES

Schwachsinn ... Es gibt kein Shimoto, und es gibt keine Shimoto-Cracker. Diese trockenen, staubigen Dinger sind aus dem Asia-Markt am Alexanderplatz. Er greift in die Schüssel. Sie verkaufen sie in diesen großen Kilotüten für drei Mark ... also sie haben sie verkauft ... in diesen großen, diesen durchsichtigen, staubigen Plastiktüten.

KALLENDER

Unmöglich. Die sind doch so lecker ...

ANNA

Joe sagt, man soll nicht »lecker« sagen, das ist ein hässliches Wort, sagt er. Stimmt, Joe? Das hast du doch früher immer gesagt.

KARPELES

Ihr könnt »lecker« sagen, ich hab’s aufgegeben. Und ihr könnt weiter diesen Shimoto-Cracker-Schwachsinn reden.

HOFMAN

Sehr gut, Joe. Sie haben aufgepasst. Sie haben wie immer aufgepasst! Aber ... sie kosten inzwischen drei Euro. Euro ... Euro!

DINTER gleichzeitig mit »Euro« und anfangs nur zu sich selbst

Ach, Hofman ... nein, nein. Nein! Das war doch ganz anders. Ich hatte unterschrieben, als ich nach Mailand zur Kinderbuchmesse fuhr, 1976, das wissen Sie genau. Und trotzdem ... Sie kommen immer wieder mit dieser IM-Geschichte!

ANNA

Vielleicht hat er ja auch eine Geschichte. Hast du eine Geschichte, Henning?

DINTER gleichzeitig mit »Henning«