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Kunst und Kultur sind elementar für jede humane, freiheitliche Gesellschaft und für die Demokratie. Sie ermöglichen die grundlegende Reflexion der Gegenwart, brechen mit Routinen unserer Wahrnehmung und bieten Räume für spekulative und ästhetische Alternativen. Doch das Wissen um diese sehr besondere Rolle ist nicht mehr selbstverständlich. Die gesellschaftlichen Verwundungen durch die Corona-Pandemie zeigen dringlich, dass wir uns die Bedeutung und die Kraft der Kultur aufs Neue scharf ins Bewusstsein rufen müssen. Die hier versammelten 50 Plädoyers aus Literatur, Musik, Theater, bildenden Künsten, Film, Museen, Clubs, Buchhandel, Bibliotheken und Archiven wollen Impulse dafür geben.
Mit Beiträgen von Onejiru Arfmann, Anne Bohnenkamp, Kirsten Boie, Sarah Bosetti, Bettina Böttinger, Uta Bretschneider, Simone Buchholz, Neco Çelik, Renan Demirkan, Hannah Dübgen, Friederike Emmerling, Christian Friedel, Arno Geiger, Christian Gerhaher, Kerstin Gleba, Laura Grosse, Kübra Gümüsay, Andreas Gursky, DJ Hell, Candida Höfer, Hauke Hückstädt, Caren Jeß, Sibel Kekilli, Ulrich Khuon, Burghart Klaußner, Karen Köhler, Sebastian Krumbiegel, Norbert Leisegang, Cesy Leonard, Igor Levit, Udo Lindenberg, Jonas Lüscher, Peggy Mädler, Léontine Meijer-van Mensch, Eva Menasse, Hans-Werner Meyer, Maria Milisavljević, Axel Pape, Gerhard Richter, Roland Schimmelpfennig, Karin Schmidt-Friedrich, Frank Scholze, Ingo Schulze, Margarete von Schwarzkopf, Shantel, Rainer Sigl, Frank Spilker, Klaus Staeck, Gabriele Stötzer, Wolfgang Tillmans, Regula Venske, Hilke Wagner, Donata Wenders, Wim Wenders, Feridun Zaimoglu.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marion Ackermann,Jörg Bong, Carsten Brosda,Gesine Schwan (Hg.)
Ch.LinksVERLAG
Editorische Notiz:
Die Beiträge in diesem Buch wurden formal behutsam vereinheitlicht, manche orthografische Eigenheiten und die jeweilige Handhabung des Genderns aber übernommen.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Ch. Links Verlag ist eine Marke der Aufbau Verlage GmbH & Co. KG
© Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 2021
entspricht der 1. Druckauflage von 2021
www.christoph-links-verlag.de
Prinzenstraße 85, 10969 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0
Umschlaggestaltung: Kuzin & Kolling, Büro für Gestaltung,Hamburg, Hannah Kolling
Satz: Nadja Caspar, Ch. Links Verlag
ISBN 978-3-96289-136-7
eISBN 978-3-86284-508-8
Marion Ackermann, Jörg Bong, Carsten Brosda, Gesine Schwan KANN DAS WIRKLICH WEG? GELEITWORT
Onejiru Arfmann KULTUR
Bettina Böttinger TIPP AUS KÖLN
Anne Bohnenkamp-Renken LEBENSWICHTIG
Kirsten Boie SAHNEHÄUBCHEN FÜR DIE PUSSELCHEN
Sarah Bosetti NATÜRLICH LIEBEN WIR KULTUR!
Uta Bretschneider NICHT NUR IN KRISENZEITEN: MUSEEN ALS KULTURELLE LEBENS-MITTEL
Carsten Brosda #TRUTHINSONG – TRÖSTLICHES IN CORONA-ZEITEN
Simone Buchholz DANN VERGESSEN WIR UNS
Neco Çelik EIN KLEINER ESSAY, VON DER NAUNYN-STREET
Renan Demirkan HÖRT ENDLICH AUF, DAS »HOHELIED DER KULTUR« ZU BESINGEN!
DJ Hell CLUBS SIND KULTUR
Hannah Dübgen
Olafur Eliasson WORKS WHEN IT WORKS #60 (2017)
Friederike Emmerling WARUM DAS SYSTEM THEATER RELEVANT IST
Christian Friedel ALLES GESAGT?
Arno Geiger NACHDENKEN ÜBER DEN RECHENSTIFT
Christian Gerhaher ZUR NOTWENDIGEN FREIHEIT DER KÜNSTE
Kerstin Gleba GROSSE WORTE, KLEINE WIRKUNG ODER: WIDER DIE SONNTAGSREDE
Julia Grosse und Carsten Brosda »NACH DER KRISE IST LEIDER IRGENDWIE AUCH VOR DER KRISE …« EIN DIALOG
Kübra Gümüsay DAS HERZ, INTAKT, IM TAKT
Andreas Gursky SICH IN RELATION SETZEN
Candida Höfer SEHEN
Hauke Hückstädt »FORMULIERE SCHARF!«
Caren Jeß HEMEROPHILE
Sibel Kekilli KUNSTERLEBEN
Ulrich Khuon MONSIEUR BOUGRAN UND WIR
Burghart Klaußner MEHR ALS SYSTEMRELEVANT
Karen Köhler WIR LEUCHTEN FÜR EUCH
Sebastian Krumbiegel WENN WIR AUFHÖREN ZU LACHEN
Norbert Leisegang O. T.
Cesy Leonard RADIKALE TÖCHTER REALLY NICE TO HAVE
Igor Levit und Carsten Brosda »WIR KÖNNTEN, WENN WIR DENN WOLLTEN.« EIN E-MAIL-WECHSEL
Udo Lindenberg EIN HOCH AUF ALL DIE UNERSCHÜTTERLICHEN MUSIKER*INNEN
Jonas Lüscher UNVERZICHTBAR . UNVERZICHTBARER . AM ALLERUNVERZICHTBARSTEN …
Peggy Mädler »FORMULIEREN SIE EINEN KURZEN BEITRAG. (…) ER SOLLTE ZEIGEN, WAS DAS HEISST: KULTUR!«
Léontine Meijer-van Mensch DAS ZÜRCHER MANIFEST 2020: LET’S MOVE OUR ASSES
Eva Menasse IM KOMA DER SYSTEMRELEVANZ
Hans-Werner Meyer KULTUR ALS FREIZEITVERGNÜGEN? EINE ZUMUTUNG
Maria Milisavljević VOR DEM SYSTEM. EINE UNGEHALTENE REDE AUF DIE RELEVANZ DES THEATERS
Axel Pape FOREVER YOUNG …
Gerhard Richter O. T.
Roland Schimmelpfennig ACHTE REIHE, PARKETT MITTE
Karin Schmidt-Friderichs DER MENSCH BRAUCHT KULTURELLE RESONANZRÄUME
Frank Scholze IST DAS KULTUR ODER KANN DAS WEG?
Ingo Schulze DU UND DESCARTES ODER DER BEWAHRTE WIDERSPRUCH
Margarete Schwarzkopf SEELENREISEN
Shantel RECLAIM THE CITIES!
Rainer Sigl PANDEMIE IN VIER SPIELEN
Frank Spilker SYSTEM UND RELEVANZ UND DAS ANDERE
Klaus Staeck NICHTS IST ERLEDIGT
Gabriele Stötzer KUNST ALS KASSIBER
Wolfgang Tillmans KUNST ALS ZIELLOSE FORSCHUNG
Regula Venske »WE WILL MEET AGAIN … « ODER: WAS BLEIBT.
Hilke Wagner WO MAN ÜBER KUNST (NOCH) STREITET – ERKENNTNISSE AUS DEM »DRESDNER BILDERSTREIT«
Donata Wenders ODE AN DAS HANDWERK
Wim Wenders KULTUR IN ANFÜHRUNGSSTRICHELCHEN
Feridun Zaimoglu DIE FABEL VON DEM MANN,
DIE HERAUSGEBERINNEN UND HERAUSGEBER
Marion Ackermann, Jörg Bong, Carsten Brosda und Gesine Schwan
Aber Künstler sind nicht überflüssig
Weil sie was zu sagen haben
Und uns den Alltag vergessen lassen
Ich finde, dass sie prima
In unsere Gesellschaft passen
Funny Van Dannen
»Ist das Kunst oder kann das weg?« Spätestens seit die berühmte Fettecke von Joseph Beuys aus einer Ausstellung geschrubbt wurde, ist diese scheinbar banale Frage zum geflügelten Wort geworden. Der Unglücksfall wird bis heute hervorgekramt, wenn belegt werden soll, wie wenig sich Gesellschaft bisweilen um die Kunst schert. Doch was als Ausdruck eines konservativen Unverständnisses gegenüber der Moderne begann, hat sich längst zu einer gefährlichen Indifferenz ausgewachsen.
Denn bereits seit geraumer Zeit – nicht erst seit der Corona-Pandemie – stellt sich die Frage, welchen Wert, welche Bedeutung unsere Gesellschaft Kunst und Kultur in unserer technisierten, ökonomisierten und merkantilen Welt eigentlich noch beimisst. Praktisch, faktisch, konkret, in der gesellschaftlichen Realität. Selbst in den schönen politischen Sonntagsreden kommen Kunst und Kultur weniger und weniger vor – eine Entwicklung mit dramatischen Folgen für unsere Gesellschaft.
Seit dem ersten Lockdown Mitte März 2020 hat sich die Situation für Kunst und Kultur, für Künstlerinnen, Künstler und Kreative noch einmal drastisch verschlechtert. Oft wirkt es so, als werde ihre Arbeit in Gesellschaft und Politik für verzichtbar gehalten, mindestens für so wenig relevant, dass es reicht, sich ihnen erst wieder zuzuwenden, wenn das Gröbste an Gesundheitsschutz gewährleistet ist. In Beschlüssen zur Corona-Eindämmung finden sich Kunst und Kultur plötzlich in einer Reihe mit Spaßbädern, Fitnessstudios und Bordellen wieder – als nachrangige Freizeitaktivität, Zerstreuung, bestenfalls Erbauung, die es erst wieder braucht, wenn das Überleben gesichert ist.
Dabei sind Kunst und Kultur selbst ein entscheidendes »Überlebensmittel«. In ihnen vollbringt sich die Arbeit am gesellschaftlichen Sinn unseres Zusammenlebens. In ihren Werken gerinnen die Ausdeutungen unserer Welt zu greifbaren ästhetischen Formen und schaffen Kristallisations- wie Anknüpfungspunkte für öffentliche Verständigungsprozesse. All das ist durch die Corona-Pandemie beschränkt oder gar verhindert worden – dennoch blieben ein lautes gesellschaftliches Echo und eine erkennbare öffentliche Reflexion dieses Verlustes aus. Wir wollen sie mit diesem Band nachholen und haben deshalb 57 Künstlerinnen, Künstler und Kreative aus den unterschiedlichen Sparten der Kultur gebeten, ihre Gedanken und Empfindungen beizusteuern.
Unser Anliegen ist es, die elementare Bedeutung von Kultur für jede humane, freiheitliche Gesellschaft und Demokratie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Angesichts der zunehmenden sozialen und kulturellen Polarisierungen gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Wert von Kunst und Kultur an Dringlichkeit. Es geht schon längst nicht mehr nur um den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft, sondern eben auch um den kulturellen Zusammenhang, um jene symbolischen Bezüge, in denen Sinn jenseits der Zwecke erfahrbar wird. Dabei hält Kultur Gesellschaft nicht von sich aus zusammen. Sie kann spalten und polarisieren, auf soziale Brüche aufmerksam machen und sogar Zerstörung begünstigen, wenn wir uns nicht alle um sie kümmern und an ihr beteiligen.
Wir begreifen Kultur als grundlegendes Medium der Verständigung zwischen Menschen in einer offenen Gesellschaft. Kultur fundiert nicht nur unsere demokratische, freiheitliche, vielfältige Gesellschaft, sondern auch unsere Vorstellungen vom Sozialen, von Bildung oder einer ökologischen und nachhaltigen Wirtschaftsweise. Aus kulturellen Übereinkünften entstehen Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, »Brüderlichkeit«, auch unser Rechtsstaat. In diesem Sinne ist Kultur anderen gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten nicht nach-, sondern vorgeordnet und auch nicht bloß technokratisch »systemrelevant«. Auf ihr fußt alles, ihr verdanken wir die Menschenwürde – ihr Fehlen ist immer Barbarei, der Verlust gegenseitiger Verständigung. Sie ermöglicht die grundlegende Reflexion der jeweiligen Gegenwart und öffnet Räume kluger wie schöpferischer Zukunftsentwürfe.
Unmittelbaren Ausdruck findet die kulturelle Lebenswelt neben Wissenschaft und Bildung in den Künsten: Literatur, Musik, Theater, Oper, Tanz, bildende Kunst und so vieles mehr helfen uns dabei, besser zu verstehen, warum wir so leben, wie wir leben, und was wir tun müssen, um besser leben, um ein »gutes Leben« führen zu können. In diesem nicht bloß vordergründigen Sinne hat Kultur daher immer auch eine politische Dimension. In einer Demokratie berührt sie jene Grundlagen, die juristisch nicht gesichert werden können, aber unabdingbar sind, um in offener und inklusiver Verständigung zu gemeinsam getragenen Übereinkünften zu gelangen.
Wenn wir heute in diversen, pluralen Gesellschaften danach streben, im Adorno‘schen Sinne ohne Angst verschieden sein zu können, dann reichen dafür Gesetze nicht aus. Ohne Angst verschieden sein zu können, muss Teil einer kulturellen Alltagspraxis werden. Wenn wir verhindern wollen, dass das kulturelle Feld aufgrund dieser zunehmenden Bedeutung instrumentell politisiert wird, dann ist es notwendig, Kunst und Kultur in ihrem »zweckfreien« und gerade deshalb so sinnvollen Eigenwert anzusprechen und ihre unbedingte Freiheit politisch robust zu sichern.
In einer Zeit, in der die Freiheit von Kunst und Kultur vor allem von rechts immer mehr unter Druck gerät, ist es eine kulturpolitische Kernaufgabe, die Räume der ästhetischen Spekulation und expressiven Zuspitzung, der Irritation und Inspiration offen zu halten und zu verbreitern. Kultur wiederum muss sich ihrer Bedeutung und ihrer verantwortlichen Rolle bewusst und in der gegenwärtigen Zeit wehrhaft sein. Offensiv. Sie muss insistieren. Sich wirksam Gehör verschaffen. So, wie die Beiträge in diesem Buch.
Es steht zu hoffen, dass das Bewusstsein für den Verlust kultureller Erlebnisse in der Corona-Zeit im gesellschaftlichen Alltag nachhallt. Dann kann es gelingen, dass wir in Zukunft weniger nachlässig mit den Bedingungen des Kulturellen umgehen. Die rechtliche Sicherheit der Kunstfreiheit, die materielle Absicherung der Künstlerinnen, Künstler und Kreativen in der Kulturwelt, und vor allem die Gewährleistung kultureller Öffentlichkeiten müssen oberste politische Priorität haben.
Denn natürlich können Kunst und Kultur ganz und gar nicht weg. Im Gegenteil: Wir brauchen in Zukunft noch mehr Kunst und Kultur – auch mehr materielle Mittel dafür, in der Krise ohnehin! Denn nur dann können wir aufgeklärt und offen, vielfältig und frei, solidarisch und demokratisch in die Zukunft gehen.
Onejiru Arfmann
Ich bin Mensch, WEIBLICH, deutsch sozialisierte afrodeutsche Afropolitan. Ich bin besonders. Besonders, weil ich BESONDERS sein musste und genau jetzt, weil ich es will. Selbst gewählt. Wer will etwas dagegen haben? Mit dem DAGEGEN fange ich mal an!
KULTUR.
Da ist eine Frau und sie erhält ihren Wert durch einen Mann. Auch das erklären Männer – Menschen zur KULTUR. Was für eine Verschwendung. Was für eine Möglichkeit. Was für ein Ausweg. Was für ein Anfang.
Ein Anfang aus dieser Misere, in der wir uns befinden. Genau jetzt. Pandemie und so.
Denn neben der Natur kann ich, als ONEJIRU, Kultur gestalten. Und so gestalte ich unentwegt.
Kultur erschaffe ich, weil mich Kultur schafft: wie in einem Zwiegespräch. Ich suche nicht. SIE ersucht mich und ich breche los, um es ihr möglich zu machen. Und so arbeite ich seit Jahren. Zerlege, setze zusammen, erfinde neu, fange von vorne an und alles aus Liebe, mit wenig Kohle und oftmals noch weniger Wertschätzung. Hier wäre jammern absolut angebracht.
Doch dafür bleibt in diesen Zeiten kein Fenster des Mitleids. Hier sitzen wir alle.
Kultur ist zur Waise geworden. Denn da, wo Kultur zu Hause ist, wohnt kein Geist mehr. Denn der Geist ist krank geworden. Er ist vergiftet. Und er weint und wer meint, das kam von außen, pandemiebedingt, irrt.
Denn genau hier könnte Kultur heilen.
Nur wer schert sich darum? Kultur als Begriff groß, doch im Kleinen leider eine kleine Hausnummer. Peanuts: kostet nichts: kannst nehmen: kannst alles damit machen: was du willst.
Kultur ist alles, was wir als Menschen möglich machen und erschaffen können.
Denn neben der Geburt, eine von der Natur gegebene Art, Neues entstehen zu lassen, steht das, was Du und ich machen können. KULTUR. Was für eine Chance …
Nämlich die Welt aus den Fugen geraten lassen und dann wieder sprichwörtlich zusammenzusetzen.
NATUR folgt den ihr gegebenen Gesetzen.
KULTUR ist ein Haus, ein Universum mit vielen Türen. Was für ein Segen. Was für ein Glück. Denn ohne sie wären wir ohne Obhut, alle im Orbit verloren. So, wie genau in diesem Augenblick.
Ich glaube, genau jetzt resoniert dies mit Deinem Gedanken, dass Dir etwas fehlt. Der Raum, in dem Du Kulturelles erleben kannst. RAUM ist die Weite des Möglichen. Ohne Mauern, ohne Grenzen, einfach Raum, in dem Freiheit gedacht wird, in dem Freiheit schlussendlich regiert.
KULTUR ergießt sich in Eigenarten. Jede*r eigen und doch einer Art. Von der Natur ausgeliehen, kämpfen wir. Wir kämpfen, um eigenständig zu sein, und doch sind wir eins. Wer will schon alleine sein?
Und so wird Kultur zum Schmiermittel für die erkrankten Gelenke der Gesellschaft. Jene, die Kultur schaffen, Kellerkinder, müssen ständig wieder alles richten. Sie richten wie verrückt, ohne Mandat. Sie machen es einfach. Wie im Hamsterrad. Immer wieder aufs Neue.
KULTUR.
Und hier bin ich als Künstlerin und ich sage: Addicted as I am. I can’t stop. Just want you too, to be parents of culture the same way you give birth. That is what we as artists do daily. We give birth, we die and give birth again!
Dann werde ich wach und merke, sogar Machtmenschen und Diktatoren haben Lieder. Was wirkt mehr als Macht? Über die Kultur kann alles alles werden. Kultur Machende werden missverstanden, missbraucht, gelobt, ausgetauscht, zuweilen aus Ton gebaut. Super weich, biegsam, gut zu brechen, gut zu gebrauchen. Und doch hängt darin immer ein Herz. In den Kellern, in denen wir wie verrückt alles produzieren. Geburtshelfer*innen sind Pleitefirmen.
Onejiru Arfmann ist Musikerin, Gründerin und Aktivistin. Geboren in Nairobi und aufgewachsen in Wanne-Eickel lebt sie heute in Hamburg. Sie ist Teil des Künstler*innenkollektivs Turtle Bay Country Club, im Beirat der Viva con Agua Stiftung und im afrodeutschen Künstler*innen-Kollektiv Sisters. Sie ist Boardmember von Music German Women und Sängerin und Produzentin im Team von Ballet Jeunesse. Onejiru Arfmann ist Mitinitiatorin und Co-Gründerin von eeden, einem Netzwerk für visionäre Frauen. Ihr zweites Soloalbum mit dem Titel Higher than High erschien 2019. Aktuell arbeitet sie an der Gründung der Onejiru Enterprises, die sich kritisch mit der »Entwicklungszusammenarbeit« auseinandersetzen.
Bettina Böttinger
Den 7. März 2020 erinnere ich sehr genau. Es ist ein Samstag, Klausursitzung. Ich bespreche mit meinem Redaktionsteam kommende Sendungen und Projekte. Mein Handy klingelt, und eine Mitarbeiterin der lit.COLOGNE teilt mir mit, Herta Müller habe gerade ihr Kommen und damit die Veranstaltung am darauffolgenden Mittwoch abgesagt. Sie wolle wegen Corona nicht mehr reisen. Ich bin perplex. Ich habe alles von Herta Müller gelesen und bin zugegebenermaßen schon Tage vor unserer gemeinsamen Veranstaltung aufgeregt. Die lit.COLOGNE ist für Tausende Leser*innen wie für mich persönlich einer der kulturellen Höhepunkte des Jahres. Am Dienstagmorgen sickert durch, dass die gesamte lit.COLOGNE abgesagt werden muss. Corona ist da.
Wenige Tage später ist Corona dann ganz offiziell da: Am 11. März stuft die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch der Covid-19-Krankheit als Pandemie ein.
Und jetzt? Was bedeutet das? Wie sich verhalten?
Meine Therapeutin weiß Rat. Woher nur? Die Pandemie werde unser aller Leben durcheinanderwirbeln, und ich müsse meinem Tag eine Struktur geben. Am besten mit Musik. Sie rät mir, täglich eine feste Stunde einzuplanen und konzentriert zu hören.
Musik hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Ich kann keine Noten lesen, kein Instrument spielen, eigentlich habe ich keine Ahnung. Aber in meinem Haus stapeln sich die CDs, ich sammle immer noch »Langspielplatten«, wie es früher hieß. Die Auswahl ist groß, vor allem im Bereich Klassik und Jazz. Aber die Kategorien lösen sich auf, und Caterina Valente hat eh alle an die Wand gesungen.
Eine neue Zeit hat also begonnen, und niemand ahnt, was konkret kommt. Und wie schnell alles anders werden wird. Also auf jeden Fall Musik zu Hause hören. Das erste Mal stehe ich suchend vor der Auswahl.
9. März Beatles, »Nowhere Man« von Rubber Soul. Der hat auch mal gerade keinen Plan.
Ein Freund von mir ist gerade noch nach Japan gekommen, wo er am Museum eine Stelle bekommen hat. Zunächst in Quarantäne, allein in einer großen Stadt, schickt er mir den ersten Musiktipp.
11. März Tipp aus Tokio: Claude Debussy, Images, Seong-Jin Cho. Sein Kommentar dazu. »Ein bisschen was für die Seele in unruhigen Tagen«
Wohl wahr, so langsam wird einem mulmig. Der erste Mensch in Deutschland ist an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben, wird gemeldet, eine 89-jährige Frau.
Man gewöhnt sich an die regelmäßigen Ansagen von Jens Spahn und das zunehmend besorgte Gesicht der Kanzlerin. Ich lese im Netz, dass Igor Levit ab sofort jeden Abend zu Hause konzertieren wolle und man das Ganze im Netz verfolgen könne. Es sei seine Einladung gegen drohende Isolation.
12. März Igor Levit sitzt zu Hause vor seinem Flügel und spielt die Waldsteinsonate von Beethoven. Ich glaube, in Pantoffeln. Früher Abend live. Viele sind im Netz dabei und schicken Herzchen. Wird mein Abendritual. Für durchschnittlich 25 000 bis 30 000 andere auch.
In Tokio ist die Lage einigermaßen entspannt. Trotzdem muss mein Freund in seiner kleinen Wohnung in Quarantäne bleiben. Er hält das aus – Musik hilft.
Nachricht: Alle Konzerte in der Kölner Philharmonie abgesagt. 19. März Tipp aus Tokio: Philip Glass, Metamorphosis 19. März Tipp aus Köln: J. S. Bach, Italienisches Konzert BWV 971, Chiara Massini
Musste ja so kommen. Auch die Konzerte im Rahmen des Beethovenfestes werden abgesagt. Der 250. Geburtstag wird verschoben. Stattdessen zu Hause 5. Symphonie, Wiener Philharmoniker, Carlos Kleiber. Beethoven hatte die berühmten vier Eingangstakte Ta-Ta-Ta-Taaaaa seinerzeit mit den überaus eindrucksvollen Worten überschrieben: »So klopft das Schicksal an meine Pforte!«
Ich brauche Drama.
Am 22. März tritt der erste Corona-Lockdown in Kraft. Und damit beginnt (auch) eine Entwicklung, die geschlossene Theaterhäuser, Kinos und Museen, verwaiste Konzertsäle mit sich bringt.
31. März Tipp aus Tokio: Bohuslav Martinu, Symphony No. 1, ORF Vienna Symphony Orchestra, Cornelius Meister
Mir wird das langsam alles dann doch zu schwer.
1. April Tipp aus Köln: Ich kontere mit Max Raabe, »Der perfekte Moment«. Raabe singt: »Ich dreh’ mich noch mal um / Dann deck’ ich mich zu / Heut’ steh’ ich nicht auf / Ich wüsst’ auch nicht, wozu«
Jeden Abend erwartungsvoll mit einem Glas Wein auf Igor Levit warten, Punkt 19 Uhr. So vergeht der erste Monat.
3. April Tipp aus Tokio: Philip Glass, Mishima, Kronos Quartet
4. April Tipp aus Köln: George Gershwin, Rhapsody in Blue, Leonard Bernstein
8. April Tipp aus Tokio: Richard Strauss, Capriccio, Wolfgang Sawallisch
9. April Tipp aus Köln: J. S. Bach, Concerts avec plusieurs instruments, Café Zimmermann
12. April Tipp aus Tokio: Murray Perahia plays Handel and Scarlatti
13. April Tipp aus Tokio: W. A. Mozart, Klavierkonzert Nr. 10, Murray Perahia/English Chamber Orchestra
13. April Tipp aus Tokio: Johannes Brahms, St. Anthony Variations, Murray Perahia
Die Tipps aus Tokio häufen sich. Ich fürchte, die Isolation setzt ihm sehr zu. Ich versuche, ihn aufzuheitern.
14. April Tipp aus Köln: Frank Sinatra, Come fly with me
16. April Tipp aus Tokio: Richard Strauss, Das Spiegelbild der verliebten Madeleine, Wolfgang Sawallisch
18. April Tipp aus Köln: Esbjörn Svensson Trio, »Believe, Beleft, Below«
20. April Tipp aus Tokio: Erik Satie, Avant-dernières pensées
21. April Tipp aus Tokio: Richard Strauss, Four Last Songs, Jessye Norman
22. April Tipp aus Tokio: Keith Jarrett, »So tender«
23. April Tipp aus Köln: John Coltrane, A Love Supreme
24. April Tipp aus Tokio: Johannes Brahms, Concerto for Piano and Orchestra No. 1, Leonard Bernstein/Glenn Gould
Es scheint bergauf zu gehen, Anfang Mai eröffnen die ersten Schulen und Friseursalons wieder. Bald darauf auch Restaurants und Bars. Die Politikerinnen und Politiker überschlagen sich förmlich mit Versprechen für Wirtschaftshilfen. Von Kultur ist auffallend wenig die Rede.
17. Mai Tipp aus Köln: Brad Mehldau, L. A. Pastorale
18. Mai Tipp aus Tokio: Sergej Rachmaninoff, Piano Duets, Hélène Mercier/Louis Lortie
19. Mai Tipp aus Tokio: Abdullah Ibrahim, Cape Town Revisited
20. Mai Tipp aus Köln: Isolina Carrillo, »Dos Gardenias«, Sarah Willis
21. Mai Tipp aus Tokio: Philip Glass, Mishima, Maki Namekawa
22. Mai Tipp aus Köln: Goldmund Quartett, Travel Diaries Das sind unsere ersten drei Monate gewesen. Musikalischer
Rettungsring gegen kulturelle Verödung. Wir schicken uns weiter unsere Tipps. Unseren Ohren tut das gut, unseren Seelen auch. Privatvergnügen.
Kulturschaffende lassen ihrem Missmut mehr und mehr Lauf: Keine Auftritte, keine Proben, kein Einkommen, harte Existenzsorgen. Immerhin: Ein sogenannter »Neustart Kultur« verspricht vage Hilfen in Milliardenhöhe. Doch die meisten scheinen nicht anzukommen. Die sogenannten Soloselbstständigen trifft es am schlimmsten. Eine Freundin, gefeierte Sopranistin, weint am Telefon. Seit Monaten keine Engagements, sie kann die Miete nicht mehr zahlen.
Die Auswirkungen auf den Kulturbereich sind dramatisch, in den Sommermonaten dürfen einige Einrichtungen unter strengen Auflagen wieder öffnen.
Der 13. September wird ein aufregender Tag. In der Kölner Philharmonie feiern wir nach der gedehnten Zeit die Wiederaufnahme des Konzertlebens mit dem Gürzenich-Orchester Köln. Aus Sicherheitsgründen viele leere Plätze. Ein aufgekratztes Publikum. Das Concerto funebre für Solovioline und Streichorchester von Karl Amadeus Hartmann ist nicht nur für das Orchester, auch für das Publikum eine Herausforderung. Standing Ovations, wir bejubeln nicht nur das Orchester, wir bejubeln das Erlebnis als solches. Endlich ein Ende des Ausgesperrtseins aus den Konzertsälen. Ein Glück!
Die Erleichterung hält nicht lange an. Im November 2020 machen Begriffe wie »Lockdown light« die Runde. Sie versprechen gemäßigte Maßnahmen, niemand soll verschreckt werden. Doch für Opern- und Konzerthäuser macht »light« oder »nicht light« keinen wirklichen Unterschied. Geschlossen ist geschlossen.
November. Längst ist alles wieder geschlossen. Nur in den Lebensmittelläden und auf den Wochenmärkten drängeln sich die KundInnen. SchauspielerInnen, SängerInnen, all jene, die hinter den Kulissen arbeiten, ganze Kulturbranchen befinden sich seit einem Jahr im Lockdown.
Das ist schlimm. Aber schlimmer ist, dass die Politik Kultur offensichtlich für Beiwerk hält, für Privatvergnügen. Dass unsere blühende Kulturlandschaft mit all den kleinen und großen Theatern, den Musikstätten, den Bühnen landauf landab, den Ateliers, den Museen, einfach so zur Nebensache degradiert wird.
Was sollen die beinahe täglich zu hörenden Nachrichten, dass sich die Wirtschaft den Prognosen zufolge schnell erholen wird? Dass die Börse boomt? Dass die Lufthansa neun Milliarden Euro erhalten hat? Das macht mich wütend. Wirklich wütend. Und wenn ich sie noch einmal als Ehrengäste den grünen Hügel hinaufschlendern sehe, die Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft!
Ich brauche jetzt Musik. Heavy Metal. Doro Pesch: »We are the Metalheads«. Ganz laut. Das beruhigt. Tipp aus Köln.
Bettina Böttinger lebt und arbeitet als Journalistin in Köln. 1994 gründete sie die Produktionsfirma Encanto, die verschiedene Fernsehformate produziert, unter anderem die Talkshow Kölner Treff im WDR-Fernsehen, die sie seit 2006 moderiert. Sie leitet regelmäßig literarische Veranstaltungen und führt in ihrem queeren Podcast Böttinger Wohnung 17 Gespräche über Rollenklischees und alternative Lebens- und Liebensformen.
Anne Bohnenkamp-Renken
Als Hitlers Krieg im März 1944 mit der Stadt Frankfurt auch das Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes in Schutt und Asche verwandelte, dachten die Verantwortlichen mitten in der Katastrophe sofort an den Wiederaufbau des zerstörten Hauses. Tatsächlich hatte Ernst Beutler, der zuständige Direktor des Freien Deutschen Hochstifts – eines von demokratisch engagierten Bürgern gegründeten Vereins, der 1863 das Goethe-Haus aus Privatbesitz ankaufte und für die Öffentlichkeit als Gedenkstätte und musealen Ort zugänglich machte – schon 1939 damit begonnen, Vorsorge zu treffen für den schlimmsten Fall, indem er das Inventar auslagerte und das Gebäude in allen Einzelheiten dokumentieren ließ. Einen Aufruf zur Unterstützung des Wiederaufbaus sandte das Hochstift kurz nach der Zerstörung noch während des Krieges in alle Welt.
Am 10. Mai 1951 konnte Wiedereröffnung gefeiert werden. Dass der Wiederaufbau direkt nach dem Krieg, in Jahren der Not und des Mangels, gelang, zeigt: Er war den Menschen sehr wichtig, nicht weniger wichtig als die Linderung der unmittelbarsten Alltagsnöte. Hunger, Obdachlosigkeit, Kälte bedrohten die Menschen. Trotzdem bauten sie das Goethe-Haus wieder auf.
Der Wiederaufbau war ein Gemeinschaftswerk, das Hochstift allein hätte ihn nicht leisten können. Moralische und finanzielle Unterstützung aus der ganzen Welt war notwendig dafür. Menschen von nah und fern, nicht zuletzt Emigranten aus Nazideutschland spendeten aus Amerika für den Wiederaufbau; die Handwerker vor Ort arbeiteten teilweise unentgeltlich.
Warum interessiert uns 70 Jahre nach der Wiedereröffnung, im Frühjahr 2021, diese alte Geschichte? Was hat sie mit uns zu tun in diesem Pandemie-Ausnahmezustand, der auch die monatelange Sperrung von Museen und Archiven bedeutet? Sie erzählt davon, wie notwendig Orte der Erinnerung sind. Das kulturelle Gedächtnis, an dem in den Museen und Archiven in unserem Land gearbeitet wird, ist kein verzichtbarer Luxus. Erinnerung ist »lebenswichtig« – so formulierte es Hermann Hesse, als er 1947 den durchaus umstrittenen Wiederaufbau des Goethe-Hauses befürwortete: ein »unersetzliches Erziehungs- und Stärkungsmittel«, ohne das »der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.«
Das gilt nicht nur für das Goethe-Haus, es gilt für die vielfältige Arbeit, die in ganz unterschiedlichen Einrichtungen in unserem Land geleistet wird, einschließlich der Auseinandersetzung darüber, wie und woran wir uns erinnern wollen; warum und für wen welche Erinnerungen wichtig sind. Erinnerungen zu teilen ist wesentlich für die Verständigung zwischen Menschen. Verständigung unter denjenigen, die gemeinsame Erinnerungen haben – aber auch und gerade mit denjenigen, die ganz andere Erinnerungen haben. Möglichst viele und unterschiedliche Menschen teilhaben zu lassen an der Erinnerungsarbeit, war das Ziel des Hochstifts seit seiner Gründung. Diesem Ziel gilt auch sein jüngstes Projekt, die Erweiterung des musealen Angebots um das Deutsche Romantik-Museum, in dem die seit über 100 Jahren im Hochstift zusammengetragene umfangreiche Sammlung vor allem zur deutschsprachigen Literatur der Romantik nicht mehr nur den Fachleuten, sondern einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden soll. Die vielfältige tatkräftige Unterstützung, die diesem Vorhaben von nah und fern zuteilwurde, zeigt, dass den Menschen sehr daran gelegen ist.
Anne Bohnenkamp-Renken ist Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethe-Haus(es).
Kirsten Boie
Das ist nicht neu: Gestrichen wird immer zuerst bei der Kultur; und gestrichen wird immer zuerst bei den Kindern. Für die Kinderkultur lässt das nichts Gutes vermuten.
Solange Kultur bei uns immer noch als das Sahnehäubchen verstanden wird, nicht als die Hefe im Teig der Gesellschaft (das Zitat stammt vom früheren Bundespräsidenten Johannes Rau), fällt es eben vielen Menschen (auch Politiker*innen!) schwer, ihr Warum und ihre Bedeutung zu erkennen. Und solange Kinder in unserer Gesellschaft als nicht wirklich relevante kleine Pusselchen gelten, die zum Bruttosozialprodukt als Konsumenten schließlich nur indirekt beitragen, gibt es da vielleicht sogar noch massiveren Diskussionsbedarf. Kultur und Kinder – da kümmern wir uns in der Krise doch lieber zuerst mal um Wichtigeres, um die Hotellerie und den Einzelhandel zum Beispiel, da stellen wir doch zuerst mal Mittel bereit für die Rettung der Lufthansa und der TUI.
Kinderkultur wird immer noch wahrgenommen als charmanter Putzigkeits-Bereich. In Deutschland, wo bei dem Wort »Kultur« sofort die Vorsilbe »Hoch« assoziiert und unbewusst immer mitgedacht wird und wo man nach wie vor in U und E unterteilt, gehört Kinderkultur bestenfalls zum U und erscheint so schnell als verzichtbar. Es ist ja kein Zufall, dass kinderkulturelle Projekte, die häufig gleichzeitig Projekte zur Förderung gerade solcher Kinder sind, denen es von zu Hause aus an Förderung mangelt, zumeist auf das Sponsoring der örtlichen Sparkasse oder Apotheke angewiesen sind, damit sie überhaupt zustande kommen können – und dass die tapferen Veranstalter*innen Jahr für Jahr wieder neu darum kämpfen müssen, die Mittel für Workshops zu Literatur, Musik, bildender Kunst oder für Lesungen, Theater- und Filmprojekte zusammenzubekommen. Und wenn es dann in einem Jahr mal keinen großen Artikel mit Sponsor*innenfoto in der Lokalzeitung gibt, ist es im kommenden Jahr doppelt schwer, Unterstützer*innen zu motivieren. Für wie relevant halten also die Sponsor*innen die geförderten Projekte tatsächlich? Und was sagt das über unser Verhältnis zu Kindern – und über unseren Kulturbegriff! – aus?
Besonders folgenreich war all das schon immer für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen, deren Eltern ihnen Zugänge zur Kultur nicht so leicht anbieten konnten – und können. Die Welt dieser Kinder ist häufig beschränkt auf ihr Zuhause, die Schule und den Supermarkt um die Ecke, vielleicht gerade noch den Sportverein. Der Tellerrand ist für sie häufig zu hoch, um darüber zu gucken, solange Tickets für den öffentlichen Nahverkehr für ihre Familien zu teuer sind, um damit ins Museum zu fahren, selbst wenn dort dann für Kinder der Eintritt gratis sein sollte. Über öffentliche Lesungen, Theater, Workshops, selbst Bibliotheksbesuche, um die sich viele Eltern mit höherem Bildungsanspruch bemühen, müssen wir erst gar nicht reden.
Nur über die Schule haben diese Kinder eine Chance, verschiedenste Facetten von kulturellem Leben kennenzulernen, und für viele von ihnen öffnet sich dann plötzlich der überraschend weite Blick in eine Welt, von deren Existenz sie vorher nichts geahnt haben. Wer Kinder einmal dabei erlebt hat, wie sie zum ersten Mal in einem Kindertheater sind, mit einer »echten« Illustratorin arbeiten oder eine Bücherei besuchen (ja, auch die »buchfernen«!), der weiß: Für manche von ihnen wird so ganz unerwartet eine Tür aufgestoßen, zumindest einen Spalt weit – und wenn sie es schaffen, hindurchzugehen, wer weiß, wohin der Weg sie noch führt.
All das galt schon vor Corona. Aber im vergangenen Jahr mussten diese Kinder, deren ganzes weiteres Leben durch den Lockdown und die Schulschließungen ohnehin stärker betroffen sein wird als das Leben von irgendeinem von uns (darüber gerne mal nachdenken), nun auch auf den Zugang zur Kultur durch die Schule verzichten. So verlieren wir sie endgültig an einen Mix aus YouTube, Zocken, TikTok, Social Media generell, vielleicht gerade noch an Spotify, Netflix oder Amazon Prime. Nein, unbefriedigend ist auch da längst nicht alles, wir könnten sogar überlegen, was davon wir zur (Kinder-)Kultur zählen wollen – aber mit dieser Diskussion sollten wir bitte gar nicht erst anfangen. Es geht um all das, was die Kinder versäumen, was sie nun vermutlich niemals kennenlernen werden – wir sollten uns nicht mit dem Wenigen beruhigen, was sie dann eben doch noch gerade so erwischen. Es wird schwierig sein, sie aus der digitalen Unterhaltungswelt zurückzuholen, in die wir sie viel zu lange eingesperrt haben.
Kinder sind unsere Zukunft – das wird niemand bestreiten, das ist eine Plattitüde; aber wenn man sich ansieht, wie es um die Unterstützung für die Kinderkultur in diesem Land steht, möchte man mitunter daran zweifeln. Praktisch alle Zeitungsfeuilletons gehen äußerst sparsam um mit der Besprechung von Kinderliteratur; Kinderbüchereien werden von Ehrenamtlichen betreut; und die Rundfunksender haben ihre Kinderprogramme inzwischen vollkommen gestrichen, bestenfalls auf ein My eingedampft oder ins Netz verlegt, wo nur die engagiertesten Eltern noch danach suchen. Für die Produktion von Kinderfilmen stehen im Fernsehen nur Bruchteile der Summen zur Verfügung, die für Fernsehspiele zur Hauptsendezeit abgerufen werden können. (Als wie systemrelevant hat sich dagegen offenbar Inga Lindström erwiesen!) Und hat während des Lockdowns, als erfreulicherweise mehr und mehr Theater, Konzertveranstalter und Opernhäuser ihre Produktionen samt Ticketverkauf ins Netz gestellt haben, irgendwer auch nur ein einziges Kindertheaterstück entdeckt? Vielleicht habe ich nur nicht gründlich genug gesucht.
»Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt«, hat Peter Weiss gesagt, und das gilt nicht nur für den ganzen Erwachsenen, das gilt auch für das ganze Kind. Wenn wir uns wirklich entscheiden könnten, zu sagen, Kinder sind systemrelevant (wenn nicht schon jetzt, wovon ich überzeugt bin, dann zumindest doch als unsere zukünftigen Erwachsenen!) und Kultur ist systemrelevant: Dann wäre, logisch!, Kinderkultur gleich doppelt systemrelevant.
In der Nach-Corona-Zeit, wenn wir die Auswirkungen der Pandemie erst so richtig erfahren werden, wenn alle Bereiche der Wirtschaft, aber auch der Kultur für Erwachsene, verständlicherweise um Mittel und Unterstützung rangeln werden, wird uns darum nichts anderes übrig bleiben, als auch für die Kinderkultur zu kämpfen. Beharrlich und hartnäckig.
Kirsten Boie, ist Kinder- und Jugendbuchautorin. 1985 erschien ihr erstes Buch Paule ist ein Glücksgriff. Inzwischen sind von ihr rund 100 Bücher erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Kleine Auswahl: Das Lesen und ich, 2020, Der kleine Ritter Trenk, 2006, Ein Sommer in Sommerby, 2018, Thabo, Detektiv & Gentleman, 2015, Dunkelnacht, 2021. www.kirsten-boie.de
Sarah Bosetti
Natürlich lieben wir Kultur!
Wir lieben das gemeinsam FühlenLieben Bühnen, lieben BücherLieben das TheaterspielenLieben Kunst und lieben TanzWir rotzen gern auf harten StühlenIm dunklen Saal in TaschentücherUm uns durch unser’n Wahn zu wühlenWir lieben ihn, des Dramas Glanz
Natürlich lieben wir Kultur!
Wir lieben sie, wir lieben sieWir lieben sie! Sie schmückt so schönWenn’s uns grad in den Alltag passtDas Grau des kahlen RestverstandsSie spendet Trost und EnergieSie reflektiert, ist krass, obszönSie schenkt uns Halt und Herz und HassDoch gibt ihr das schon Relevanz?
Natürlich lieben wir Kultur!
Doch das System braucht keine LiebeDas System braucht das SystemDie Kunst kann warten, jetzt ist KriseWenn sie dran stirbt: nicht mein Problem!
Wir haben reichlich Kunst gespeichertCD-Konserven, Netflix-TanksHab’n Stoff auf YouTube angereichertUnd ja, wir haben Markus Lanz
Doch was, wenn dieses Polster schwindetWeil uns die Quelle langsam stirbt?Wenn Sang und Klang ins Nichts abschwellenVerliert die Kunst dann ihre Erben?Was bleibt dann noch, das uns verbindetUnd nicht im Vorratsschrank verdirbt?Kannst Herzen nicht auf Stand-by stellenNicht, ohne dass sie daran sterben
Sarah Bosetti ist eine Erfindung ihrer Eltern. Seit 1984 ist sie anwesend, halb Mensch und halb Frau, studierte zunächst Filmregie in Brüssel und zog dann nach Berlin, wo sie sich seither zur Ersparnis eigener Heizkosten im Scheinwerferlicht der Lese- und Kabarettbühnen wärmt. 2019 erhielt sie den Kabarettistinnenpreis WDR First Ladies, 2020 den Salzburger Stier und 2021 den Deutschen Kleinkunstpreis. Seit 2020 schreibt und präsentiert sie beim ZDF ihr Onlineformat Bosetti will reden! Neben regelmäßigen Gastauftritten bei extra3, Die Anstalt, der ARD Ladies Night und den Mitternachtsspitzen ist sie Kolumnistin bei radioeins (RBB) und WDR2 und tourt mit ihrem Soloprogramm Ich hab nichts gegen Frauen, du Schlampe! durch Deutschland. Das gleichnamige Buch ist 2020 im Rowohlt Verlag erschienen.
Uta Bretschneider
