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Das Fragment Kapitalismus als Religion ist mit hoher Wahrscheinlichkeit um 1921 entstanden. Walter Benjamin war zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Jahre alt. Es findet sich in seinen Gesammelte[n] Schriften, Band VI, und umfasst ca. 3 ½ Druckseiten (Seiten 100 bis 103). Die Überlegungen, Gedankengänge und Argumente Benjamins werden immer wieder unterbrochen durch Literaturhinweise.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2018
Walter Schmid: Walter Benjamin (Aquarell)
Das Fragment Kapitalismus als Religion ist mit hoher Wahrscheinlichkeit um 1921 entstanden. Walter Benjamin war zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Jahre alt. Es findet sich in seinen Gesammelte[n] Schriften, Band VI, und umfaßt ca. 3 ½ Druckseiten (Seiten 100 bis 103). Die Überlegungen, Gedankengänge und Argumente Benjamins werden immer wieder unterbrochen durch Literaturhinweise, beispielsweise
»Fuchs: Struktur der kapitalistischen Gesellschaft o.ä.«
»Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 2 Bd 1919/20«
»Landauer: Aufruf zum Sozialismus p 144« [1]
Wie sich Benjamin auf diese Texte beziehen wollte, ist unbekannt. In der Sekundärliteratur angegebene Hinweise, er vertrete die Ansicht von … sind m. E. aus der Luft gegriffen und dienen der einseitigen Interpretation des Benjamin‘ schen Fragments.
Zuerst möchte ich die beiden von Benjamin verwandten Begriffe „Religion „ und „Kapitalismus“ klären gemäß dem Diktum: »Worauf es [...] ankommt, ist die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen.« [2] Diese Forderung stammt von G. W. F. Hegel, und wenn auch angeblich »die Hegelsche Dialektik [von Marx] auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt« [3] wurde, lohnt es sich, Hegels Rat zu befolgen. Dies ist auch im Sinne von Bertolt Brecht, der in den Flüchtlingsgesprächen formuliert: »Die Begriffe, die man sich von etwas macht, sind sehr wichtig. Sie sind Griffe, mit denen man Dinge bewegen kann.«
Friedrich Engels äußerte sich auch so: »Es versteht sich ja von selbst, daß da, wo die Dinge und ihre gegenseitigen Beziehungen nicht als fixe, sondern als veränderliche aufgefaßt werden, auch ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, ebenfalls der Veränderung unterworfen sind; daß man sie nicht in starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem historischen Bildungsprozeß entwickelt.« [4]
Es gibt keine einheitliche Definition dessen, was Religion sei. Beispielhaft sei auf Herbert von Cherbury (1583 – 1648) verwiesen, der „fünf Vernunftwahrheiten“ der monotheistischen Religionen festgestellt haben will. Diese lauten nach Michael Weinrich, dem Autor des Buches Religion und Religionskritik [5]:
»der Glaube an den einen Gott als ewige und allmächtige Ursache, Lenker und Ziel aller Dinge;
die Verehrung dieses einen Gottes – auf durchaus unterschiedliche Art und Weise, d.h. unabhängig von den kirchlich erhobenen Machtansprüchen;
der sittliche Gottesdienst (
cultus divinus
) in der Gestalt frommer Gesinnung und tugendhafter Lebensführung, die sich am Gewissen orientieren;
die Wahrnehmung der eigenen Unvollkommenheit (Sündenschmerz) und die Bereitschaft zur Buße für schuldhaftes Fehlverhalten;
das Bewußtsein von einem zu erwartenden jenseitigen Leben mit der Vergeltung von Gut und Böse.« [
6
]
Bezeichnenderweise wird von Weinrich der von Herbert von Cherbury verwandte Begriff „cultus divinus“ mit „sittliche[r] Gottesdienst“ übersetzt anstatt mit dem wesentlich näherliegenden „Gotteskult“, um den es sich in Wahrheit handelt! Ernst Bloch meint in diesem Zusammenhang lapidar: »Der Wundermann gehört zu Religion, und wer ihn ausläßt, wird nichts endgültig Zureichendes über sie erfahren.« [7]
Der Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969), der gewiß nicht zum Kreis der Religionskritiker gehört und von dem Hans Heinz Holz sagte, daß er ‚theologisch schwafelte‘ [8], schreibt in seinem Werk Der philosophische Glaube: »Religion kennt den Kultus, ist gebunden an eine eigentümliche dem Kultus entspringende Gemeinschaft der Menschen und untrennbar vom Mythus. Immer gehört zur Religion die reale Beziehung des Menschen zur Transzendenz in Gestalt eines in der Welt vorkommenden Heiligen als eines vom Profanen oder Unheiligen Abgegrenzten. Wo dies nicht mehr da ist oder verworfen wird, ist das Eigentümliche der Religion verschwunden.« [9]
Hier muß man Obacht geben: Transzendenz und transzendent meinen das Überschreiten (Transzendieren) der Grenze zwischen zwei Bereichen, besonders zwischen der Grenze vom Diesseits zum Jenseits. „Transzendental“ hingegen meint das, was mit den Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung in Zusammenhang steht. Jaspers spricht / schreibt von „Transzendenz“.
Zum Abschluß der Frage, was Religion sei, soll noch Friedrich Engels zu Wort kommen: »Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische Widerspiegelung, in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form von überirdischen annehmen. In den Anfängen der Geschichte sind es zuerst die Mächte der Natur, die diese Rückspiegelung erfahren [...] Aber bald treten neben den Naturmächten auch gesellschaftliche Mächte in Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und im Anfang ebenso unerklärlich gegenüber stehn, sie mit derselben scheinbaren Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte selbst. [...] Auf einer noch weitern Entwicklungsstufe werden sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen Attribute der vielen Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen, der selbst wieder nur der Reflex des abstrakten Menschen ist.« [10]
Nun zum Kapitalismus. Marx selbst hat den Ausdruck „Kapitalismus“ zwar so gut wie nie verwandt - er sprach durchgängig von der „kapitalistischen Produktionsweise“ -, dennoch kann – hier mit Engels - festgehalten werden:
»Hatte bisher [bis zum Feudalismus; W.S.] der Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt angeeignet, weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit die Ausnahme war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das Produkt anzueignen, obwohl es nicht mehr sein Produkt war, sondern ausschließlich Produkt fremder Arbeit. So wurden also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte angeeignet nicht von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt und die Produkte wirklich erzeugt hatten, sondern vom Kapitalisten
