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Pandemie, Klimawandel, Krieg, Energiekrise, Inflation: In einer Welt, die von multiplen Krisen gebeutelt wird, gilt es, sich ehrlich zu machen und genauer hinzuschauen. Genau das haben diese 48 Autor:innen gemacht. Sie haben ihre Sicht auf die Krisen ihres Lebens und unserer Welt aufgeschrieben: mal wütend, mal lyrisch, mal analytisch und mal mit (Galgen-)Humor und einem Augenzwinkern. Auch ihr Blick auf den Glauben ist so vielfältig wie die Autor:innen selbst, die aus den verschiedenen Bereichen von Politik, Kirche und Gesellschaft kommen. Herausgekommen ist eine einzigartige Textsammlung, die der Ohnmacht, die einen immer wieder überkommt, Sprache verleiht. Ein Andachtsbuch für die Generation Y und alle Menschen, die sich nicht mit schnellen Antworten und Poesiealbumsprüchen zufriedengeben. Mit Beiträgen von Priska Lachmann, Heiko Metz, Katrin Göring-Eckardt, Bodo Ramelow, Sarah Vecera, Sabrina Wilkenshof u.v.a.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vorwort
Lass mal ein cooles Andachtsbuch machen, das auch unsere Freunde gerne lesen! Vielleicht wäre ein Überthema gut? Na ja, auch in eineinhalb Jahren wird das Thema „Krise“ noch aktuell sein.
Ja, da hatten wir Recht. Die Autor*innen dieses Buches ließen sich schnell begeistern. Auch sie sind der Meinung: Wir müssen über Krisen reden! Wir dürfen sie nicht wegreden und es uns in falschen Hoffnungsfloskeln gemütlich machen. Krisen sind da, und sie gehen auch nicht mehr so schnell weg. Sie müssen benannt werden, und wir brauchen Ansätze, um ins Handeln zu kommen. Daneben brauchen wir Hoffnung und Kraft.
Alles das versammelt sich in diesem Büchlein, das wie einen Blumenstrauß Menschen zusammen bringt, die mich begeistern. Diese Menschen tragen ihren jeweiligen Hintergrund in dieses Buch ein und ergänzen sich dabei. Mancher betont Gottes Hilfe, eine andere lässt den Zweifel zu und dritte schreien uns die Härte ihrer Krisen ins Gesicht. Manche reden von Gott, als wäre er ein Mensch direkt neben ihnen, andere lassen offen, ob es Gott gibt. Es geht um die großen Krisen der Welt und unsere kleinen Krisen im Alltag.
So unterschiedlich wie wir sind, verwenden wir auch Sprachregeln, gendern mal mit *, mal mit einem i am Ende oder gar nicht. Manche schreiben Gott, andere setzen auch hier ein * oder nennen sie einfach anders. Manchmal muss man Gott gar nicht nennen und sie ist dennoch da. Wir liefern kein Rezept gegen die Krise, aber wir verschließen auch nicht die Augen vor der Tatsache, dass wir Menschen gerade richtig Probleme haben.
Ich bin froh, Teil dieses Menschennetzwerkes zu sein, denn solange wir uns gegenseitig noch als Menschen wertschätzen, haben wir zumindest einen guten Grund, dass die Krisen uns nicht die Menschlichkeit nehmen.
Ines-Paul Baumann:
Karsamstag ist mein Krisenzuhause
Markus 15,40–47
Meine Lieblingskrise ist der Karsamstag. Also nicht persönlich; ich trage keine schlimmen Erinnerungen an ein Karsamstags-Geschehen mit mir herum. Ich meine das eher als Inbegriff. Karsamstag ist mein Schutzschild gegen funktionale Vereinnahmungen von Krisen. Karsamstag ist mein Rückzugsraum vor leeren Trosthülsen (auch vor „christlichen“).
Auch christlich Glaubende haben Krisen. Manche sind überzeugt, dass ein Blick auf Jesus Christus immer hilft. Sie glauben, dass Jesus Christus durch seine Auferstehung zu einem Sieger geworden ist. Er ist für sie der endgültige Sieger über Tod und Todesmächte. Er ist der Sieger über alle Krisen. Er ist der Sieger über alle, die Krisen auslösen oder ausnutzen. Im weiteren Text nenne ich diese Sichtweise das „Sieger-Setting“.
Im Sieger-Setting war die Kreuzigung Jesu nur eine Durchgangsstation. Karfreitag (der Tag der Kreuzigung) war nur das Tief vor dem Durchbruch. Oft wird von der „Krise als Chance“ gesprochen: „Stell dich der Krise, du wirst stärker aus ihr hervorgehen!“ „Wir wachsen alle in der Krise!“ Genau so blickt das Sieger-Setting auf Karfreitag. An Karfreitag steht dann oft nicht mehr die Krise im Mittelpunkt, sondern der Zweck, dem die Krise dient.
Schaut man ohne das Sieger-Setting hin, sind an Karfreitag die Krisen eigentlich schon Thema: Sie werden gesehen und anerkannt. Sie rufen zum Hinsehen und zum Handeln auf. Da sind die Frauen um das Kreuz herum: Jesus ist im Sterben nicht alleine. Da ist Joseph von Arimathäa, der Jesus begräbt: Jesus ist im Tod nicht alleine.
Wenn ich auf Karfreitag gucke, sehe ich dennoch keinen tollen Zweck. Ich sehe Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Angst. Diese werden begleitet und verstärkt durch Lügen, Verrat, Schweigen, Hohn, Demütigung, Populismus und Ignoranz. Vieles davon sehe ich auch in unserem Alltag. – Schon in meiner Jugend habe ich das so empfunden. Ich habe mich gefragt, ob ich diesen alltäglichen Irrsinn normal finden muss. Wenn das „normal“ war, wollte ich nicht normal sein.
Karfreitag ist also aus zwei Gründen nicht der passendste Tag, an den ich für mein Erleben von Krisen anknüpfen kann: Erstens, das weit verbreitete Sieger-Setting übergeht die Krisen von Karfreitag zu schnell. Zweitens, Karfreitag steht für mich viel zu sehr für Alltag statt für Krise.
Worauf kann ich also blicken, wenn ich mich in Krisen verstanden fühlen möchte? Ich blicke auf Karsamstag. An Karsamstag ist Jesus Christus gekreuzigt und noch nicht auferstanden. Für das Sieger-Setting fehlt das Happy End.
In Krisen empfinde ich die Welt genauso wie an Karsamstag: G*tt ist tot – und die Welt dreht sich einfach weiter. Die Welt von Karsamstag braucht G*tt nicht. Sie kennt G*tt nicht. Sie sucht G*tt nicht. Sie funktioniert einfach. Genau das ist die Welt meiner Krisen.
An Karsamstag gibt es keine Anerkennung von Krisen. Es gibt keinen Umgang mit Krisen. Es herrscht (!) einfach nur Alltag. Es gibt keinen anderen Deutungs- und Erfahrungshorizont mehr.
An Karsamstag sind Krisen nutzlos, sinnlos, trostlos.
Karsamstag ist mein Krisenzuhause.
Jennifer Scherf:
Krisenzeit
Krisen wohin das Auge sieht
als ob der Kopf keine Chance hat sich zu wenden
die Gedanken sind gefangen
von Ängsten
von Sorgen
ein Kampf gegen Bilder
von Heute
von Morgen
es ist nicht nur Außen
steckt tief in mir drin
der Kreis der nicht endet
vergrößert sich stets
ich wünsch mir so sehr dich nahe zu spür’n
dass du meinen Blick richtest
auf das was gelingt
auf Farbe und Wärme
in all diesem Trist
ich finde was ich suche
darum ändere meinen Blick
fang mich auf mit deinen Händen
in der Tiefe des Falls
und höre meine Stimme
auch wenn sie stumm ist
Juliane Kleemann:
Keine Hoffnung ist auch keine Lösung
Die Hoffnung stirbt zuletzt! Dieser Satz umzingelt einen gern in Gesprächen, in denen vermeintlich ausweglose oder alternativlose, perspektivlose oder andere …-lose Situationen beschrieben werden.
Wer anfällig ist für dramatische Szenerien oder wer sich gern an der Schwere der Existenz, der eigenen oder auch gern der gesamten Gesellschaft, ergötzt, für den ist die erst am Ende sterbende Hoffnung der kleine Grashalm in der Ödnis.
Ist der Gedanke einer echten, tragenden Hoffnung alt im Angesicht einer Generation, die sich als „die Letzte“ bezeichnet? Ist dieser Gedanke noch tragbar in einer Welt, in der Autokratien scheinbar mehrheitstauglicher sind als Demokratien? Ist Hoffnung auf bessere Zeiten noch zeitgemäß?
Keine Hoffnung ist auch keine Lösung – so habe ich diesen kleinen Artikel überschrieben.
Täglich arbeiten in diesem Land Menschen daran, das Land zu gestalten. Dabei gelingt nicht alles gleich gut oder nicht alles auf Anhieb. Ja, nicht alles, was wir ausprobieren, funktioniert auch. Aber alles was funktioniert, haben wir irgendwann mal ausprobiert.
Mitunter habe ich den Eindruck, dass wir in einem Land leben, in dem die gern laut und scharf gestellt werden in den und durch die Medien, die besonders dramatisch reden. Dabei ist es erstmal egal, ob es um Klima, Gesundheit, Rente, Migration, Arbeitsmarkt, Wohnen, Energie oder Bildung geht.
Aus meiner Perspektive werden die, die ruhig und zielstrebig an der Lösung von Problemen und an der Gestaltung unserer bunten und vielfältigen Gesellschaft arbeiten, gerade nicht laut und scharf gestellt. Und ehrlich: mich strengt das unwahrscheinlich an. Und ich halte es für falsch, in Teilen sogar für gefährlich.
Dieses Land hat so viel geschafft. Es hat sich mithilfe anderer Nationen und Menschen aus anderen Ländern zu einem der reichsten Länder des Erdballs entwickelt. Hier wird Demokratie gelebt, Meinungsfreiheit verteidigt, das Leben im eigenen Glauben ist hier ein Menschenrecht. Dieses Land ist reich an Geschichte, Kultur und Innovation. Und es ist auch heute noch ein Land der Dichter und Denker und eben auch der Tüftler und Entwickler.
Was ist hier eigentlich los, dass es mitunter so aussieht, als ginge nur der eine Weg: die Probleme, Miesmacher und Verächtlichmacher großzuschreiben, scharf zu stellen.
Das schadet alles und ist vor allem Ausdruck einer destruktiven Grundhaltung. Da bleibt dann kein Platz mehr für echte Hoffnung. Und eine Hoffnung, die zuletzt stirbt, ist nun mal kein Ausdruck von Zuversicht. Nee, wirklich nicht.
Keine Hoffnung ist auch keine Lösung – so ist es. Gott hat es geschafft, mit dem leeren Grab am Ostermorgen eine Wirklichkeit zu schaffen, in der jede noch so kleine Hoffnung mehr Gewicht hat als jede Form von Resignation.
Ich liebe das leere Grab und die staunenden und ungläubigen Menschen in seiner Umgebung. Was für ein genialer Schachzug Gottes, unsere Trübsalblaserei zu irritieren. Karfreitag ist keine Lebensoption, Ostern dafür umso mehr. Ostern lenkt den Blick ins Leben, also nach vorn. Ostern lenkt den Blick ins Licht, also auf das, was neu aufsteht. Da nicht zu hoffen, fällt mir einfach nicht ein.
Gofi Müller:
Absage an eine Spezies
Du wunderst dich vielleicht,
Maschinenmann,
dass wir Gefühle haben.
Wir wissen, wie das ist,
wenn’s schmerzt, die Angst
vor dem Alleinesein.
Es kommt zuweilen vor,
dass wir die Klotür feste schließen
und dann, wenn keiner schaut,
die eine oder andre Träne
ins Pissoir vergießen.
Und ja, so ist es wirklich,
du inkarnierter Eisberg:
Wir haben unsere Grenzen.
Und nein, wir nehmen uns nicht vor,
kalt über sie hinaus zu leben.
Wir können’s nicht, wir haben
es schon mal versucht.
Kläglich sind wir gescheitert.
So wirst du wohl, Maschinenmann,
mit uns zu leben haben,
wenn das, was du da produzierst,
denn ,Leben‘ heißen darf.
Sarah Ntondele:
Sich selbst in einer Krise nicht verlieren
Offenbarung 21,1
Jede*r erlebt Krisen anders, individuell. Mich laugen sie meist aus. Ich werde langsam, energielos und bin immer müde. Ich schlafe viel. Vielleicht ist es die Angst, die mich lähmt oder das Wissen um die Veränderung, die viel Kraft kosten wird. Eine andere kommt womöglich gar nicht mehr zur Ruhe, die Gedanken fahren Karussell und die Nächte scheinen nie zu enden. Aber erleben tun wir Menschen sie alle mal: eine Krise.
Eine Krise akzeptiert meist keine Grenzen, wischt sie eher hinfort und wirkt dann alles verschlingend. Wie eine Welle kommt sie mir oft vor, die sich erst drohend vor mir aufbaut und dann zusammenbricht und vieles mit sich reißt. Auch mich. Ich verliere den Boden unter meinen Füßen und werde fortgerissen. Alles, was ich sehen, fühlen und wahrnehmen kann, ist die Krise, in der ich schwimme. Ich habe das Gefühl, mich selbst darin zu verlieren. Werde hin und her geschleudert und kann nichts tun.
Es ist kein schönes, kein angenehmes Gefühl. Ich will mich in einer Krise nicht verlieren. Möchte mich nicht so fühlen. Zumindest nicht die ganze Zeit.
Das ist die eine Seite der Krise. Der Moment des Unbehagens, der Gefahr.
Es gibt noch eine andere, eine zweite Seite der Krise. Diese wird deutlicher, sobald man einen Blick auf die Bedeutung des Wortes im Laufe der Zeit wirft. Wichtig wurde der Begriff nämlich zuerst in der Medizin. Dort wurde „Krise“ benutzt, um sowohl den Höhe- als auch Wendepunkt eines Krankheitsverlaufes zu benennen.
Eine Krise trägt also immer diese zwei Momente in sich: den Moment des Unbehagens und den Moment des Wendepunktes. Denn eine Krise entsteht immer dort, wo mensch fühlt, hier stimmt etwas nicht (mehr) und eine Veränderung muss her. So wie das Fühlen des Unbehagens, der Gefahr und auch der Trauer um das, was war, seinen Platz hat und sein darf, darf sich auch die Wende einen Platz erobern, die Chance, die Gelegenheit auf Veränderung.
Ohne das, was war, zu vergessen, kann ich so meinen Blick in Richtung Zukunft wenden. Diese ist zwar auch ungewiss bisher, aber ich kann sie mitgestalten. Der Krise ist, so schwer es manchmal auch zu erkennen ist, der Moment der Hoffnung immanent. Eine Krise würde nicht entstehen, wenn es nicht die Hoffnung gäbe, dass die Wirklichkeit eine andere sein kann. Eine Krise würde nicht entstehen, wenn nicht der Glaube da wäre, diese andere Wirklichkeit zu realisieren. Und genau das lässt mich nicht mich selbst in der Krise verlieren. Es ist ein Weg ohne Umkehr. Eben der Höhe- und Wendepunkt, von dem aus ich noch zurückblicken kann, aber nicht zurückkann und von dem aus ich mich umwenden kann, weil eine Krise nicht das Ende sein muss.
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“ (Offenbarung 21,1)
Dominik Herbst:
Die Seele ist kein Kamel
"Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir." (Psalm 42,2)
Der Durst treibt sie. Schnellen Schrittes prescht sie durch das Gehölz, doch die brutale Sommerhitze macht sie müde. Der Weg ist ihr längst vertraut: abwärts, immer abwärts, bis sie die Talsenke erreicht. Eine kleine Lichtung tut sich auf, und dort, keine zehn Meter vor ihr, schlängelt sich der Bach durch den felsigen Boden. Endlich Wasser!
Doch irgendetwas stimmt nicht. Sie kann es nicht benennen: War da nicht ein Schatten? Fressfeinde gibt es mehr als genug. Ein Geräusch? Ein Geruch? Das Gefühl der Bedrohung verdichtet sich, bis sie reagiert, wie ihr Instinkt es fordert: Sie erstarrt. Keine Bewegung mehr, dafür werden die Sinne maximal hochgefahren. Und dann schreit sie. Ein lauter, hoher Schrei voller Panik. Immer und immer wieder. Zum einen warnt sie damit andere bedrohte Tiere, zum anderen schreit sie einfach und intuitiv ihre Angst heraus.
Sie ist hin- und hergerissen: vor ihr das durststillende Wasser, in ihr die lähmende Angst. Beim ersten Zeichen der Bedrohung wird der Fluchtreflex einsetzen. Aber bis dahin steht die Hirschkuh am Wasser und schreit.
