Karin Bucha Classic 6 – Liebesroman - Karin Bucha - E-Book

Karin Bucha Classic 6 – Liebesroman E-Book

Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Jutta Dahlen, die älteste Tochter des Besitzers der Dahlen-Werke, schritt ihrem Lieblingsplätzchen zu. Der Weg lief steil hinan zu einer kleinen Anhöhe, von der aus man weit in die Umgegend sehen konnte. Die Hand über die Augen gelegt, schaute sie um sich. Nach einiger Zeit schritt sie gedankenverloren den Weg zurück, der zum Hause führte. Ihrem Vater, dessen Wesen seit Tagen tiefernst und sorgenvoll war, galten ihre Gedanken. Welche Sorgen drückten den Vater, geschäftliche – oder persönliche? Plötzlich verhielt Jutta den Schritt. Tante Hermine trat aus dem Haus und schritt auf das Auto zu. Schnell trat Jutta hinter das Gebüsch. Es wäre ihr unmöglich gewesen, mit der Tante zu reden. Sie atmete auf, als Tante Hermine verschwunden war. Doch kaum hatte sie den Fuß vorwärts gesetzt, blieb sie abermals stehen. Dicht vor ihr ging Bernhard Dahlen dem Hause zu. Sein Gang war wie der eines Schwerkranken. Ein eiskaltes Gefühl kroch Jutta nach dem Herzen, als sie in kurzem Abstand der schwankenden Gestalt folgte. In der dämmrigen Kühle, die in der hohen Halle herrschte, schöpfte er tief Atem. Dann schlug er den Weg zu seinem Arbeitszimmer ein, das im ersten Stockwerk lag. Hart fiel die Tür hinter ihm ins Schloß, dann wurde ein Schlüssel umgedreht. Wie vor einer unüberwindlichen Mauer stand Jutta vor der hohen Tür. In ihren blauen Augen stand das Entsetzen.

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Karin Bucha Classic – 6 –

Klaus Heimburg kämpft um Jutta

Karin Bucha

Jutta Dahlen, die älteste Tochter des Besitzers der Dahlen-Werke, schritt ihrem Lieblingsplätzchen zu.

Der Weg lief steil hinan zu einer kleinen Anhöhe, von der aus man weit in die Umgegend sehen konnte.

Die Hand über die Augen gelegt, schaute sie um sich.

Nach einiger Zeit schritt sie gedankenverloren den Weg zurück, der zum Hause führte.

Ihrem Vater, dessen Wesen seit Tagen tiefernst und sorgenvoll war, galten ihre Gedanken.

Welche Sorgen drückten den Vater, geschäftliche – oder persönliche?

Plötzlich verhielt Jutta den Schritt. Tante Hermine trat aus dem Haus und schritt auf das Auto zu.

Schnell trat Jutta hinter das Gebüsch. Es wäre ihr unmöglich gewesen, mit der Tante zu reden.

Sie atmete auf, als Tante Hermine verschwunden war. Doch kaum hatte sie den Fuß vorwärts gesetzt, blieb sie abermals stehen.

Dicht vor ihr ging Bernhard Dahlen dem Hause zu. Sein Gang war wie der eines Schwerkranken.

Ein eiskaltes Gefühl kroch Jutta nach dem Herzen, als sie in kurzem Abstand der schwankenden Gestalt folgte.

In der dämmrigen Kühle, die in der hohen Halle herrschte, schöpfte er tief Atem. Dann schlug er den Weg zu seinem Arbeitszimmer ein, das im ersten Stockwerk lag.

Hart fiel die Tür hinter ihm ins Schloß, dann wurde ein Schlüssel umgedreht.

Wie vor einer unüberwindlichen Mauer stand Jutta vor der hohen Tür. In ihren blauen Augen stand das Entsetzen.

Etwas Furchtbares hatte den Vater tief erschüttert. Aber was? Sie mußte Gewißheit haben.

Voller Verzweiflung klopfte sie an.

Aber nichts rührte sich.

Jutta war wie von Sinnen. Wie sollte sie zu Vater gelangen?

Da kam ihr ein Gedanke: der Balkon, der das Billardzimmer mit Vaters Arbeitszimmer verband!

Sie riß die Tür zum Nebenzimmer auf und stand Sekunden später auf dem Balkon.

Ihre eiskalte Hand griff nach dem Drücker – unverschlossen!

Mit einem Satz war sie neben dem zusammengesunkenen Mann, umklammerte die wachsbleiche Hand, die den Browning umspannt hielt.

»Vater!«

Bernhard Dahlen erwachte aus seiner Erstarrung. Ein Zucken ging durch seinen Körper.

Jutta überwand das Grauen. Sie griff nach dem Revolver, sicherte ihn, warf ihn in das halbgeöffnete Schreibtischfach und legte in überströmender Liebe die Arme um den Hals des Vaters.

Ein Strahl unendlicher Liebe brach aus Bernhard Dahlens Augen.

»Ich danke dir, mein Kind!« Seine Stimme klang wie gesprungenes Glas. »Aber helfen kannst du mir – unmöglich!«

Nicht nur die Schönheit ihrer Mutter hatte Jutta geerbt, nein, auch den wertvollen Charakterzug, den Melitta besessen hatte. Melitta, die aus seinem Leben gegangen war und einen Teil seiner Lebenskraft mit sich genommen hatte.

Jutta, die des Vaters neue Fassungslosigkeit dem Vorhergegangenen zuschrieb, neigte sich zu ihm.

»Vater! Ich bitte dich herzlich, sprich dich aus!«

Das war auch ihre Stimme! So hatte sie, die teure Verlorene, gesprochen; und mit einer Leidenschaftlichkeit, die Jutta neu an dem Vater war, zog er sein Kind an sich.

»Jutta! Ich danke dir tausendmal, daß du mich vor dem Entsetzlichen bewahrt hast! Beinahe wäre ich fahnenflüchtig geworden –!«

»Vater!« mahnte Jutta leise, als dieser nun wieder gedankenverloren vor sich hinstarrte.

Und er begann zu sprechen, zuerst stockend, dann freier werdend, und Jutta hörte zu. In ihren Augen stand das Grauen, als seine Rede mit folgenden Worten schloß:

»Und so habe ich mir nach und nach die Leitung aus den Händen nehmen lassen. Immer wieder hat Tante Hermine den Rat gegeben, ich hätte es nicht nötig zu arbeiten; Direktor Pegau sei der zuverlässigste Mensch, den es nur geben kann – und sie hat auch recht. Ich kann mich ganz auf ihn verlassen, schließlich trägt er doch keine Schuld daran, daß unsere Spekulation fehlgeschlagen ist. Jedenfalls stehen wir vor dem Zusammenbruch. Bis morgen mittag müssen dreihunderttausend Mark beschafft werden! Ullrich Andersen hat die Frist schon einmal verlängert, doch er scheint aufmerksam geworden zu sein, denn als letzten Termin hat er den fünfzehnten Juni gestellt – und der ist morgen. Ich bin ruiniert – weiß keinen Ausweg mehr!

Nun wirst du mich verstehen, Jutta, und mich verachten, weil ich so schwach war und aus dem Leben gehen wollte.«

»Vater, davon wollen wir nicht mehr sprechen«, unterbrach Jutta die Selbstanklage des Vaters. Dann blickte sie sinnend ins Leere. Ihre Gedanken hetzten wild durcheinander. Wo gab es einen Ausweg? Er mußte gefunden werden! Dem Vater Vorwürfe machen, war zwecklos, obwohl er nicht schuldlos war. Sie hatte von vornherein gegen Direktor Pegau Zurückhaltung geübt – niemals hatte sie verstehen können, warum Tante Hermine diesen unterwürfigen Menschen so schätzte.

»Vater!« Ihre Stimme zitterte leise. »Du kennst doch Ullrich Andersen – geh nochmals zu ihm – vielleicht hilft er dir.«

»Ausgeschlossen, Jutta. Niemals wird Ullrich Andersen mein unverantwortliches Handeln unterstützen!«

»Wer ist Ullrich Andersen?« fragte Jutta, deren Interesse geweckt war.

»Ullrich Andersen?« Bernhard Dahlen sprach völlig ohne Bewegung »Man erzählt, daß er ungeheuer reich sein soll, jedoch ein bescheidenes Leben führt. Man sagt, er kenne nichts als seineArbeit – und als Liebhaberei dichtet man ihm eine grenzenlose Liebe zu Tieren an. Er unterhält einen kostspieligen Tierpark auf seinem Gut in der Mark.«

»Große Liebe zu Tieren?« Gedankenvoll sagte es Jutta vor sich hin.

»Aber – warum erkundigst du dich mit so offensichtlichem Interesse nach diesem Manne?«

»Warum?« Langsam stand Jutta auf. »Weil ich ihn aufsuchen werde.«

Fassungslos blickte Dahlen auf sein Kind.

»Gib dein Vorhaben auf, ich bitte dich, es würde nur eine Demütigung für dich werden!«

»Ich gehe doch, Vater! Ein Mensch, der Tiere über alles liebt, muß auch ein Herz für seine Mitmenschen haben!«

Dahlen gab keine Antwort. Er grübelte. Sein Kind sollte er diesen schweren Gang gehen lassen? War das nicht ein neuer Beweis seiner Schwäche? Aber er würde nicht viel ausrichten können. Stellte sich Jutta Widerstand entgegen, wurde sie leicht trotzig – und es würde auch diesmal so sein.

So sagte er denn ergeben:

»Ich weiß, daß ich dich nicht zurückhalten kann; doch ich prophezeie dir: elender, als du jetzt bist, wirst du wiederkommen!«

Jutta fühlte deutlich: der Vater malte ihr das Vorhaben absichtlich so schwarz. Aber es gab kein Zurück – nun erst recht nicht! Ohne auf seinen Einwand einzugehen, fragte sie:

»Und wo trifft man Ullrich Andersen?«

»In Berlin, in der Andersen-Bank.«

*

Nun war Jutta in Berlin und ließ sich von einem Taxi nach dem »Esplanade« fahren.

Dann verließ Jutta das Hotel und ließ sich von einem Taxi zur Andersen-Bank bringen.

Dort angekommen, betrachtete sie mit bangen Augen den riesigen Bau.

Ehrfurcht beschlich sie, als sie kurz darauf durch die Drehtür in das Innere trat und sich an den Pförtner wandte.

»Ich möchte Herrn Andersen sprechen.«

»Das wird schwerhalten«, sagte er kurz und kratzte sich hinter dem Ohr.

Jutta brachte ihre Bitte noch einmal vor, diesmal in bestimmterem Ton.

Da verwies der Mann sie weiter, und es gelang ihr endlich, zu der Sekretärin Andersens vorzudringen.

Erst hier nannte sie ihren Namen und trug ihr Anliegen nochmals vor.

Auch die Sekretärin zeigte Erstaunen.

Seit wann hatte der Chef Damenbekanntschaften?

Doch sogleich schämte sie sich ihrer Gedanken. Etwas im Wesen des schönen Mädchens rührte sie, und freundlich sagte sie:

»Das tut mir leid, Herr Andersen ist verreist.«

»Verreist?« Juttas Stimme war ohne jeden Klang.

»Ja, Fräulein Dahlen, es ist auch sehr unbestimmt, wann er wieder in Berlin sein wird.«

In diesem Augenblick rasselte der Fernsprecher.

»Entschuldigen Sie bitte einen Augenblick«, bat die Sekretärin Jutta. Doch als sich Fräulein Keßler nach Beendigung des Ferngespräches umwandte, hatte Jutta das Zimmer bereits verlassen.

Verreist – verreist!

Ihre Reise war umsonst – umsonst ihr schöner Plan!

Wie gehetzt irrte sie durch die Straßen und bemerkte nicht, daß ihr ein Mann folgte.

Gerade als sie aus der Andersen Bank getreten war, war Klaus Heimburg vorübergegangen, und sofort fiel ihm das verstörte junge Mädchen auf.

Aber er mußte tüchtig achtgeben, damit er sie nicht aus den Augen verlor.

Dann kam eine Straßenkreuzung! Eben verschwand das rote Licht – da schrie er leise auf.

Jutta lief geradewegs in einen Wagen hinein, wurde im letzten Augenblick von einem Fußgänger zurückgerissen.

Mit starkem Bremsen stand der Wagen. Der Chauffeur stieg aus. Ein Schutzmann nahte.

Halb ohnmächtig lehnte Jutta an der Seite des älteren Herrn, der den Arm um das zitternde Mädchen gelegt hatte.

Der Chauffeur zeigte seine Papiere vor, und die Umstehenden bezeugten, daß Jutta in den Wagen gelaufen war.

Der einzige Insasse des schweren Reisewagens wurde aufmerksam. Sein Blick fiel auf Jutta. Hastig beugte er sich vor. Er sah in ein paar entsetzte, unnatürlich weit geöffnete blaue Augen; unter einem weißen Hut quollen blonde Locken hervor. Reizvoll umgaben diese ein bleiches, feingeschnittenes Mädchengesicht.

In diesem Augenblick fuhr sein Wagen weiter, und er wurde in seiner Betrachtung gestört. War es möglich? Gab es solch eine Ähnlichkeit?

Jutta aber riß sich los, als sie den Schutzmann auf sich zukommen sah, und floh den Weg zurück, den sie gekommen war.

Enttäuscht sah Klaus Heimburg ihr nach. Dann folgte er ihr schnell. Er hatte sie jedoch bereits aus den Augen verloren.

Jutta lief immer weiter. Sie ahnte nicht, daß sie beinahe in den Wagen des Mannes gelaufen wäre, den sie so sehnlichst herbeiwünschte: Ullrich Andersen.

Vor einem kleinen Café machte sie halt. Sie mußte unbedingt etwas Stärkendes zu sich nehmen.

In eine Ecke setzte sie sich und bestellte einen Kaffee und einen Kognak.

In einem Zug stürzte sie das scharfe Getränk hinunter und fühlte, wie allmählich das Zittern in den Beinen nachließ.

Zehn helle Schläge gab die Uhr von sich, die in ihrer Nähe hing.

Noch zwei Stunden! Sie mußte Vater anrufen, mußte ihn von ihrem Mißerfolg unterrichten!

Sie ließ sich den Weg zur Telefonzelle weisen. Dann blätterte sie im Telefonbuch.

Richtig – sie mußte das Gespräch am Büfett anmelden. Schon wollte sie die Zelle wieder verlassen, als ihr Blick auf ein Reklameschild fiel.

›Andersen-Bank‹, stand darauf.

Ein Stöhnen kam aus ihrer Brust. Ihre große Hoffnung, dahin – zerschlagen!

Plötzlich begann sie fieberhaft nach einer Nummer zu suchen. Hier: Andersen-Bank.

Kurz entschlossen wählte sie die Nummer und ließ sich mit der Sekretärin verbinden.

Ein Knacken im Apparat, dann eine Frauenstimme:

»Hier ist die Sekretärin von Herrn Andersen.«

»Hier Jutta Dahlen, verzeihen Sie bitte –«

»Ach, Fräulein Dahlen, warum sind Sie davongelaufen?« klang die Stimme ein wenig ärgerlich. »Gerade, als Sie hinaus waren, ist Herr Andersen gekommen. – Hallo – sind Sie noch da?«

Der Hörer war Juttas Hand entfallen. In ihren Ohren war ein Sausen und Brausen: »Soeben gekommen – soeben gekommen!«

Ganz bedächtig legte sie denHörer auf und begab sich an ihren Platz, bezahlte und ging.

Nach einer Viertelstunde stand sie abermals im Zimmer der Sekretärin Ullrich Andersens.

Offensichtliche Verlegenheit spiegelte sich in Anni Keßlers Zügen beim Anblick Jutta Dahlens.

Zögernd trat sie auf Jutta zu.

»Es tut mir wirklich leid, Fräulein Dahlen, aber im Augenblick kann ich Sie nicht melden! Herr Andersen wünschte nicht gestört zu werden.«

»Wann kann ich Herrn Andersen sprechen?« Tiefe Mutlosigkeit klang durch die wenigen Worte.

Anni Keßler zuckte die Achseln.

»Wenn Sie einstweilen Platz nehmen wollen?«

Jutta setzte sich, und die Sekretärin neigte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Bange Minuten vergingen – Jutta erschienen sie eine Ewigkeit. Endlich hielt sie es nicht länger aus.

»Bitte, Fräulein Keßler, versuchen Sie, ob mich Herr Andersen empfängt.« Und als die Sekretärin unentschlossen aufblickte, sagte sie noch: »Ich trage die Verantwortung.«

»Ich kann es ja mal versuchen«, antwortete sie und klopfte an die Tür des Chefzimmers. Zu ihrem größten Erstaunen wurde sie aufgefordert, einzutreten.

»Herr Andersen, eine Dame wünscht Sie zu sprechen!«

»Eine Dame?« kam es überrascht vom Fenster her, und dann, nach kurzer Pause: »Soll eintreten.«

Anni Keßler öffnete Jutta die Tür.

Jutta stand nun in dem großen Raum. Ihr Herz setzte aus – dort am Fenster, den Rücken dem Zimmer zugewandt, lehnte ein großer kräftiger Mann.

Jutta wagte kaum zu atmen – und da, langsam drehte sich Ullrich Andersen um.

Zunächst fesselten sie nur ein paar helle Augen, die in seltsamem Widerspruch zu der dunkelgetönten Hautfarbe standen; ein Zeichen, daß sich der Mann viel im Freien bewegte.

Jutta stand dem großen Andersen gegenüber.

*

Klaus Heimburg war, nachdem er Jutta aus den Augen verloren hatte, mißmutig in sein Hotel zurückgekehrt.

In seinem Wohnzimmer warf er sich in einen Sessel.

»Klaus Heimburg«, sagte er sich, »kaum bist du einige Tage in Deutschland, und schon bist du auf dem besten Wege, dich zu verlieben.«

Wenn er Glück hatte, lief sie ihm vielleicht noch einmal in den Weg, die zierliche blonde Frau. –

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte Andersen zu Jutta. Nichts in seinem Gesicht verriet, daß er aus seinem Gleichgewicht gebracht war.

Sofort hatte er in Jutta die junge Dame erkannt, die in seinen Wagen gelaufen war. Auch sonst wäre es unmöglich gewesen, dieses schmale Mädchengesicht wieder zu vergessen – dafür sorgte schon die Vergangenheit. Aber gleichzeitig wappnete er sich mit eisiger Unnahbarkeit.

»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte er knapp.

Plötzlich schwang eine dunkle warme Stimme im Zimmer: »Ich bin Jutta Dahlen.«

Schwerfällig ließ sich Andersen hinter seinem Schreibtisch nieder und wandte keinen Blick von dem bleichen Antlitz. – Diese Stimme – die Stimme!

Juttas Herz klopfte zum Zerspringen. – Diesen Mann wollte sie um etwas bitten? – Ihr mühsam zurechtgelegter Plan brach zusammen wie ein Kartenhaus.

Sie hatte nur einen Gedanken: Ich muß fort – sonst breche ich in Tränen aus! Nur so kann ich mich noch mit Anstand aus der peinlichen Lage retten! Unwillkürlich machte sie einige Schritte rückwärts.

Da sprang Ullrich Andersen auf und stand nun vor Jutta. Wenn er erst nicht klug aus ihr geworden war – jetzt fühlte er: vor ihm stand ein Menschenkind, das Hilfe suchte. Die künstliche Maske der Verhärtung, die er getragen, fiel, und nichts war mehr übriggeblieben von dem seinen Willen durchsetzenden Andersen, als er jetzt Jutta zu dem Ledersessel führte, der seinem Platz gegenüberstand.

»So«, sagte er, »nun müssen Sie offen zu mir sein – womit kann ich Ihnen helfen?« Dann trat er weg von ihr, so daß er im Schatten stand.

Er merkte, daß seine Nähe sie ängstlich gemacht hatte. So gab er ihr Gelegenheit, sich zu sammeln.

Und Jutta sprach. Schon nach den ersten Sätzen hatte sie sich wiedergefunden. Nicht nur verstandesgemäß – mit ganzem Herzen trug sie ihr Anliegen vor.

Andersen beugte sich aufmerksam vor.

Da saß ein junges Mädchen vor ihm und sprach von einem Werk und einem Vater, der um dieses Werk zu halten, um Verlängerung seines Kredits nachsuchte. Und er hatte geglaubt – –?

Er schämte sich plötzlich seiner Gedanken. Wenn er nicht schon um dieses tapferen Mädels willen helfen würde, dann ganz bestimmt um eines Werkes willen, wie das Bernhard Dahlens, das Weltruf genoß und gehalten werden mußte.

Aber er würde sich erst einmal die Werke anschauen, ob da auch alles in Ordnung war.

Innerlich war er längst entschlossen, zu helfen, doch zögerte er, als wollte er sich noch ein paar Minuten gönnen, in das junge Gesicht zu schauen. – Und dann hing diese Frage doch in der Luft.

»Würden Sie mir den Mädchennamen Ihrer Frau Mutter nennen?«

Jutta riß die Augen auf. – Was hatte der Mann? Was ging ihn ihre tote Mutter an?

Leise antwortete sie:

»Meine Mutter war eine geborene von Erlstett – Melitta von Erlstett.« Sie wollte noch hinzusetzen: Sie ist schon lange tot, ich habe sie nicht gekannt. – Aber ein Stöhnen verschlug ihr die Worte; es schien von dort zu kommen, wo Ullrich Andersen stand.

Doch sie mußte sich geirrt haben. Andersens Gesicht war beherrscht wie immer, nur – die kräftige Hand lag jetzt zur Faust geballt auf der Schreibtischplatte. Unbeschreibliches ging in Andersen vor. Seine Ahnung, seine Ahnung!

Jutta Dahlens Mutter war seine einzige, große Liebe! Um ihretwegen war er einsam geblieben, und aus seiner Liebe zu ihr hatte er die Kraft geschöpft, zu seiner gegenwärtigen Höhe emporzusteigen – und nur sie sollte der Lohn sein, um den er gearbeitet hatte. Doch als er dann so weit war, sie zu holen, hatte sie dem anderen ihr Herz geschenkt – Bernhard Dahlen! In seiner Verzweiflung hatte er nicht nach dem Namen des Mannes gefragt, der ihm das Höchste entrissen. In diesem Augenblick war sie ihm verloren: die Liebe hatte den Sieg davongetragen, nicht sein vieles, schwer erarbeitetes Geld! In törichter Verblendung hatte er geglaubt, sich Melitta von Erlstett nur erringen zu können, wenn er ihr den kostbaren Rahmen geben konnte, der zu ihrer Schönheit gehörte. Das war sein großer Fehler gewesen, der ihn sein Lebensglück gekostet hatte.

Abermals war nun sein Schicksal eng mit dem seines Nebenbuhlers verknüpft. Der Mann, der ihm das Köstlichste entführt, verlangte jetzt Hilfe von ihm – in seiner Macht stand es, Bernhard Dahlen zu retten oder zu vernichten.

Fast scheu sah sich Andersen um.

Nein, nein! wies er sich zurecht. Auch für die Zukunft willst du anständig bleiben!

Er ging auf Jutta zu und faßte ihre Hände.

»Ich helfe Ihrem Herrn Vater. In den nächsten Tagen sende ich einen meiner Direktoren zu ihm, der alles Nötige besprechen wird.«

*

Sie nahm sich einen Wagen und ließ sich ins Hotel zurückbringen.

Sie war so glücklich, daß sie nicht den schlanken Herrn bemerkte, der ihr nachstarrte.

Sie steuerte auf den Pförtner zu.

»Bitte, melden Sie ein Gespräch an nach – –.« Doch dann überlegte sie rasch. »Nein, danke, ich werde ein Telegramm aufsetzen. Sorgen Sie bitte dafür, daß es schnell befördert wird.«

Jutta nahm ihren Schlüssel in Empfang und eilte die Treppe hinan.

Klaus Heimburg stand wie angewurzelt.

Seine blonde Frau hatte er wiedergesehen! Nur ein paar Schritte hätte er zu machen brauchen, und er wußte auch ihren Namen. Aber – er würde ihr wieder begegnen.

Er brauchte seine Ungeduld nicht lange zu zügeln. Nach kurzer Zeit trat Jutta aus dem Fahrstuhl, ging abermals zum Pförtner und gab ihr Telegramm auf. Dann schlug sie den Weg zum Speisesaal ein.

Ganz nahe mußte sie an Klaus Heimburg vorüber. Lieber Gott, dachte Klaus, wenn ich sie doch unter einem Vorwande ansprechen könnte! –

Und – als hätte sein Wunsch Erhörung gefunden – rollte einer der großen Perlmuttknöpfe, die das weiße Kostüm Juttas schmückten, über den Läufer.

Jutta hatte es nicht gemerkt.

Klaus hob ihn auf und folgte ihr.

Kaum hatte Jutta Platz genommen, als ein Schauen über den gedeckten Tisch fiel.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen Ihr Eigentum zurückgeben? Soeben fand ich es hier!«

Jutta sah auf den Knopf in der Hand des Mannes und griff danach.

»Ja, wirklich – er gehört mir!« stammelte sie, verwirrt geworden unter dem langen Blick dieser dunklen zwingenden Augen. »Ich danke Ihnen!«

Sie reichte ihm unwillkürlich ihre Hand, die er mit einem Glücksgefühl ohnegleichen an seine Lippen führte.

Eine tiefe Verbeugung – dann saß Jutta wieder allein.

Eigenartig machtvolle Augen! dachte Jutta. Dann vertiefte sie sich in die Speisekarte. Ihr Magen verlangte energisch sein Recht.

*

»Guten Tag, Bernhard. Eben erfahre ich, daß Jutta verreist ist. Ich finde es höchst seltsam, daß man mich davon nicht unterrichtet hat.«

Mit diesen Worten trat Hermine von Erlstett in das Zimmer Bernhard Dahlens. Sie war sichtlich verärgert.

»Darf man wenigstens wissen, was das zu bedeuten hat?«

Dahlen reichte ihr freundlich die Hand.

»Verzeih, Hermine, das ging alles so überstürzt vor sich.«

Unwillig unterbrach sie ihn.

»Wohin ist Jutta gefahren, und was veranlaßte sie dazu? Man läßt doch ein junges Mädchen nicht ohne Begleitung in der Weltgeschichte umherfahren!«

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Hermine...« Sein Ton war verbindlich, aber bestimmt. »Ich bin genau über Juttas Ziel unterrichtet. Ich möchte aber nicht vorgreifen; es soll Jutta überlassen sein, dich über ihre Reise aufzuklären.«

Nur widerwillig suchte er das Speisezimmer auf und setzte sich still auf seinen Platz.

Auf Hermine von Erlstetts Gesicht lag wieder die gewohnte Kühle. Mit keinem Wort brachte sie das Gespräch auf Jutta zurück.

Aufmerksam wie immer bediente sie ihn.

Dahlen stand aber bald schon wieder auf.

»Entschuldige bitte, ich habe zu arbeiten; laß mir eine Tasse Kaffee in mein Zimmer bringen.«

Sie neigte den Kopf und beugte sich wieder über ihren Nachtisch.

Kaum hatte er jedoch das Zimmer verlassen, sprang sie auf. Ihre Züge waren leidenschaftlich erregt.

Keiner ahnte, daß Hermine von Erl­stett neben einem eisernen Willen auch ein leidenschaftliches Herz besaß, das sie meisterhaft hinter ihrer Unnahbarkeit zu verstecken verstand.

Ihr einziges Sinnen und Trachten war von jeher, Herrin in diesem Haus zu werden; aber es wollte ihr nicht gelingen, die Schwester, die sie gehaßt hatte, aus dem Herzen des Mannes zu vertreiben.

»Jutta muß heiraten.« Halblaut sagte sie es vor sich hin, und sie hatte auch schon den Mann für die verhaßte Nichte ausgewählt: Reinhold Pegau!

Durch ihre Vermittlung war Pegau in die Werke gekommen, und bei jeder Gelegenheit zog sie ihn in das Haus Dahlens.

Ihre ganz besondere Zuneigung besaß dieser Mann, der in den Dahlen- Werken eine hervorragende Stellung einnahm, trotz seiner jungen Jahre.

Damit kam sie auch den Wünschen Pegaus entgegen, der sich seinem Chef unentbehrlich gemacht hatte und über dessen Gunst hinweg er zu der unnahbaren Jutta Dahlen gelangen wollte.

Lange grübelte sie darüber nach. Endlich glaubte sie einen Weg gefunden zu haben. Sie hatte den Schwager unlängst darauf aufmerksam gemacht, daß man verpflichtet wäre, eine Gesellschaft zu geben.

Entschlossen erhob sie sich. Ja – so würde es gehen! Sie wollte Pegau ebenfalls einladen – und vorher ihren Schwager dahingehend beeinflussen, daß eine Verbindung zwischen Jutta und Pegau dem Werk nur von Nutzen sein könnte.

Der Tag verging. Bernhard Dahlen blieb unsichtbar. Seine Stimmung wurde immer unerträglicher – dabei vermied er offensichtlich, Hermine zu begegnen.

Er hatte nach dem Werk telefoniert, daß er heute fernbleiben würde.

Ob er morgen kommen würde, hatte Pegau zurückgefragt.

»Kann ich noch nicht sagen«, gab er zur Antwort.

Und nun saß er im Dunkeln und starrte vor sich hin. Er ging auch nicht zur Abendtafel. Er hätte sich den forschenden Augen Hermines gegenüber nicht verstellen können.

Endlich herrschte Stille im Hause.

Bernhard Dahlen lehnte am offenen Fenster seines Schlafzimmers.

Unablässig sah er sein Kind vor sich. – Was würde ihm der nächste Tag bringen?

Schon einmal hatte er solch eine qualvolle Nacht verbracht – damals, als ihn Melitta, seine Frau, verlassen hatte.

Um den Kindern nicht den Glauben an die Mutter zu nehmen, hatte er erzählt, sie wäre gestorben.

»Melitta – warum gingst du von mir? Ich wollte dich doch nicht verlieren! Nur verteidigen solltest du dich gegen das Ungeheuerliche, das man mir zugetragen hatte!« flüsterte er in die Nacht.

Sie hatte nicht geweint, nicht gebettelt, sondern ihm schweigend den Rücken gewandt und sich langsam durch das Zimmer bis zur Treppe geschleppt; dort hatte sie sich noch einmal umgedreht – nie würde er diesen verzweifelten, anklagenden Blick vergessen!

Am nächsten Morgen war sie verschwunden. – Wie hatte sie ihre Kinder nur verlassen können? War sie ihnen nicht die beste Mutter gewesen?

Damals hatte es begonnen. Sein Lebensmut war immer mehr geschwunden.

Hermine hatte ihn damals aufgerichtet, wirklich liebevoll, soweit es ihre kühle Natur erlaubte.

*

Jutta verließ den Speisesaal, verfolgt von einem Paar dunkler Augen.

»Bitte, schicken Sie mir meine Rechnung. In einer Stunde fährt mein Zug!« gebot sie dem Pförtner.

»Jawohl, gnädiges Fräulein!«