E-Book: 17 - 22 - Karin Bucha - E-Book

E-Book: 17 - 22 E-Book

Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. E-Book 17: Folge dem Ruf der Liebe E-Book 18: Ich kann dich nicht vergessen E-Book 19: Glückskinder E-Book 20: Denken Sie an Ihren Eid, Herr Dokto E-Book 21: Kannst du mir verzeihen? E-Book 22: Kinder ohne Nestwärme E-Book 1: Folge dem Ruf der Liebe E-Book 2: Ich kann dich nicht vergessen E-Book 3: Glückskinder E-Book 4: Denken Sie an Ihren Eid, Herr Dokto E-Book 5: Kannst du mir verzeihen? E-Book 6: Kinder ohne Nestwärme

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Seitenzahl: 1081

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Folge dem Ruf der Liebe

Ich kann dich nicht vergessen

Glückskinder

Denken Sie an Ihren Eid, Herr Dokto

Kannst du mir verzeihen?

Kinder ohne Nestwärme

Karin Bucha – Jubiläumsbox 4 –E-Book: 17 - 22

Karin Bucha

Folge dem Ruf der Liebe

Roman von Karin Bucha

Der erste Blick, den Doktor Konrad Eisler, von seinen Freunden Conny genannt, in die »Ohio-Bar« wirft, trifft Susanna Holden. Es hat einige Schwierigkeiten gegeben, mit seinen Freunden jetzt noch in die Bar zu gelangen. Erst als ein Geldschein aus seiner Hand in die des brummenden Portiers wechselte, durften sie eintreten. Nur zu einem Mokka.

Wenn es einen Liebesgott Amor gibt, dann hat er sofort seinen Pfeil abgeschossen und Doktor Eisler mitten ins Herz getroffen. Zögernd geht er der Gesellschaft voran.

Er bemerkt nicht die Leere des guteingerichteten Raumes. Er sieht nur ein zartes blasses Gesicht, graugrüne Augen, in denen Verzweif­lung liegt, und er sieht einen betrunkenen Gast, der die zierliche Mäd­chengestalt gegen die Säule drückt, so daß sie keinen Ausweg weiß.

Er sieht auch, wie der weiche Mund hastige Worte hervorstößt, die er nicht hört.

Aber er hört das darauffolgende grölende Gelächter des Betrunkenen.

»Lassen Sie mich los, hören Sie«, schreit Susanna Holden laut auf und versucht sich aus der Umklammerung des fremden Mannes zu lösen.

»Sei doch nicht so albern, Kleine«, lallt der Mann. »Was hast du hier um diese Zeit zu suchen. Vermutlich ein Abenteuer. Das biete ich dir. Also los, sträube dich nicht…«

Gabriela, die schwarzhaarige, rassige Bardame, wirft einen Blick auf die beiden, dann ruft sie mit vor Ärger dunkel gefärbter Stimme hin­über:

»Laß die Frau in Ruhe!«

Zu einer Antwort kommt der Betrunkene nicht. Er fühlt sich zur Seite gerissen. So heftig ist Anprall und Griff, daß er zwischen die nächsten Tische taumelt und am Boden landet.

Doktor Eisler neigt sich über das todblasse Mädchengesicht.

»Kommen Sie«, sagt er barsch, und willig folgt Susanna ihrem Retter. »Wenn der Schuft wieder zu sich kommt, könnte es erneut einen Zwischenfall geben.«

Er geht an den Tisch, wo seine Freunde Platz genommen und die peinliche Szene verfolgt haben.

»Bestellt für mich auch einen Mokka«, sagt er kurz. »Bin sofort zurück.«

Er schiebt seine Hand unter Susannas Ellbogen und führt sie dem Ausgang zu.

»Wohnen Sie weit von hier?« fragt er. Jetzt schwingt in seiner Stimme Mitleid, denn das junge Mädchen kann sich kaum auf den Beinen halten. Es wankt, und schnell legt er den Arm um sie.

»Ich bringe Sie heim.«

»Nein, nein!« wehrt sie heftig ab. Doch sie hat nicht mit Doktor Eislers Sturheit gerechnet.

»Wohnen Sie weit von hier?«

»Zehn Minuten zu Fuß«, erwidert sie widerwillig. Er nimmt ihre Hand und zieht sie zu einem parkenden Wagen. Öffnet die Tür.

»Steigen Sie ein!«

»Aber – ich –«

»Steigen Sie ein«, wiederholt er geradezu unfreundlich, und Susanna gehorcht wortlos, nimmt Platz, schmiegt sich in das weiche Polster und blickt starr geradeaus.

»Sie müssen mir den Weg weisen.«

Kurz dirigiert sie ihn.

»Bitte, halten Sie hier«, sagt sie und schwingt sich aus dem Wagen.

Zögernd reicht sie ihm die Hand. »Ich – glaube, ich muß mich bei Ihnen bedanken.«

»Nicht nötig«, wehrt er ab, keinen Blick von dem durchsichtig zarten Mädchengesicht lassend, das von einer Fülle blonden Haares umrahmt ist. Kindhaft jung sieht sie aus. Nichts von Verderbtheit kann er an ihr feststellen, und doch möchte er gern wissen, was sie zu dieser Stunde in der »Ohio-Bar« zu schaffen hat.

Scheu reicht sie ihm die Hand, die er aufnimmt und festhält.

»Was haben Sie in der Bar zu suchen?« fragt er mit zusammengezogenen Brauen. Heftig entzieht sie ihm die Hand.

»Das – das ist meine Angelegenheit.« Ihre Augen verdunkeln sich. Ihre ganze Haltung drückt Abwehr aus.

»Schön«, sagt er gleichmütig. »Wenn Sie es nicht sagen wollen… Ich möchte Ihnen nur einen Rat geben, meiden Sie derartige Lokale. – Gute Nacht!« Er verneigt sich ironisch und hätte doch am liebsten über den gesenkten Kopf gestrichen. »Vielmehr – guten Morgen«, verbessert er und geht rasch auf seinen Wagen zu.

Nachdenklich fährt er zurück. Sie hat einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn hinterlassen.

*

Lähmende Stille liegt über dem weiten Rund des Gerichtssaales. Die etwas knarrende, durchdringende Stimme des Vorsitzenden klingt noch nach, mit der er das Urteil verkündet hat.

»… und so halten wir eine Strafe von drei Monaten Jugendarrest sowie anschließend Einweisung in eine Erziehungsanstalt für unbedingt nötig.«

Strafverteidiger Doktor Martin Wegner blickt gespannt hinüber zu Doktor Clemens, dem Mann, der die junge Angeklagte Susanna Holden verteidigt hat. Sein Gesicht trägt einen Ausdruck von Gleichgültigkeit. Jedenfalls scheint er von dem Urteil keineswegs überrascht.

Um so mehr ist er es, Strafverteidiger Doktor Wegner. Sein helles, wachsames Auge sucht die jugendliche Gestalt der soeben Verurteilten. Er hat sie während der ganzen Verhandlung nicht aus dem Auge gelassen. Er hat dieses blasse junge Gesicht studiert. Er hat keinerlei Angst in diesem jungen Gesicht gesehen, nur Trotz, manchmal etwas wie Nichtbegreifen, aber niemals Reue.

Doch jetzt wird dieses hochmütige junge Gesicht schneeweiß, und langsam, ganz langsam sinkt der blonde Kopf auf das Holzgeländer. Mitleid überschwemmt Doktor Wegner, wie er es schon während der ganzen Zeit mit ihr gehabt hat. Er fragt nicht danach, ob sie dieses Mitleid verdient, denn sie hat sich mit ihren Taten außerhalb der Welt gestellt, die von Gesetzen regiert wird.

Ganz genau glaubt er den Weg zu kennen, den diese junge Susanna Holden gehen wird. Auf ihrem weiteren Weg wird es kaum Liebe und Verständnis geben.

So tief ist er in seine Gedanken eingesponnen, daß er aus diesen erst erwacht, als der Saal sich zu leeren beginnt. Auch Susanna Holden hat man davongeführt. Nur Doktor Clemens ist noch da, packt seine Akten zusammen. Einen scheuen Blick läßt er in die Richtung gleiten, wo er immer noch den berühmten Strafverteidiger Doktor Wegner weiß. Rasch schließt er seine Aktentasche und kommt auf den sich langsam erhebenden Wegner zu.

»Nun, Herr Kollege?« Diese Frage klingt wie ein heimlicher Angriff. »Wieder einmal nicht einverstanden mit dem Urteil?«

Doktor Wegner schließt seine Robe und bückt sich nach seiner Mappe. »Allerdings«, sagt er knapp und müde. Er spürt nicht die geringste Lust, sich mit dem Kollegen in irgendwelche Diskussionen einzulassen. Viel lieber wird er versuchen, eine Unterredung mit diesem jungen Mädchen herbeizuführen.

Doktor Clemens nagt verdrießlich an seiner Unterlippe. »Sie müssen doch einsehen…«

Strafverteidiger Doktor Wegner legt dem etwas kleineren Mann die Hand auf die Schulter. »Später, Kollege, unterhalten wir uns einmal über diesen Fall. Jetzt bin ich in Eile.«

»Ja, dann Wiedersehen!«

Doktor Wegner eilt schnell davon, und Doktor Clemens zuckt mit den Schultern. Langsam verläßt er den Gerichtssaal.

*

»Was wollen Sie von mir?«

Susanna Holdens Augen funkeln Doktor Wegner böse an. Es ist ihm tatsächlich gelungen, mit ihr sprechen zu dürfen. Er übergeht ihre offensichtliche Verachtung, die ihm wie eine Woge entgegenrollt. Ruhig sagt er:

»Ich möchte Ihnen helfen.«

Ihre Augen weiten sich. Es sind schöne graugrüne Augen, dunkel umsäumt. »Sie – Sie möchten mir helfen?«

Und als er nickt, lacht sie kurz und hart auf. Auch dieses Lachen paßt nicht zu ihr. »Ich will aber keine Hilfe.«

In seinen hellen Augen steht ein leichtes Lächeln. »Und warum nicht?«

»Weil ich keinem Menschen zu Dank verpflichtet sein möchte. Meinen Weg finde ich auch ohne Hilfe.«

Er neigt die hohe Gestalt ein wenig zu ihr und fragt eindringlich: »Soll er in derselben Richtung verlaufen wie bisher?«

Ihr Gesicht überflutet dunkles Rot. Sie streckt die zierliche Gestalt und wirft das blonde Haar mit einer eigenwilligen Bewegung in den Nacken.

»Was habe ich schon getan? Die Schule geschwänzt, Entschuldigungsschreiben gefälscht und einen Fünfzigmarkschein aufgehoben, den ein anderer verloren hat, weil er zuviel davon besaß. Ich aber hatte Hunger, sehr großen Hunger, und habe mich einmal richtig sattgegessen. Wissen Sie überhaupt, wie Hunger weh tun kann?«

»Doch«, behauptet er sehr ernsthaft, »das weiß ich genau. Hätte ich Ihre Verteidigung bekommen, wäre das Urteil vielleicht anders ausgefallen.«

Wortlos, verstört schaut sie zu ihm auf. »Sie – Sie –«

»Ich bin Strafverteidiger«, erklärt er ihr gelassen. »Sie haben ausgesagt, Sie hätten zum erstenmal gestohlen. Ihre Mutter hat es anders behauptet.«

Wieder bäumt sich dieser junge Körper wie unter einem Angriff auf. »Nennen Sie diese alte Schlampe nicht Mutter. Man hat es mich gelehrt, Mutter zu ihr zu sagen. Als ich größer und verständiger wurde, begriff ich, daß eine richtige Mutter niemals so sein kann wie diese – diese –«

»Schlampe –«, hilft er ihr fast liebevoll aus.

Sie wendet sich hastig von ihm ab, Tränen der Wut steigen in ihren Augen auf. Er sieht, wie ihr Körper zittert. Auch ihre Lippen zittern, die rauh hervorstoßen:

»Sie – Sie machen sich nur lustig über mich, dabei – dabei –«

Sie verstummt, und er dreht sie wieder zu sich um. »Dabei – ?« fordert er sie zum Weitersprechen auf. »Was wollten Sie sagen?«

»Nichts!« kommt es kurz und ablehnend, und ihre Augen blicken ihn feindselig an.

»Sie haben kein Vertrauen zu mir«, stellt er mit ruhiger Sachlichkeit fest, und wieder ertönt dieses ihn schmerzlich berührende harte Lachen.

»Zu niemandem und zu keinem habe ich Vertrauen. Nur mir allein vertraue ich.«

»Haben Sie aus diesem Grund verbissen geschwiegen?« fragt er und hebt ihr Kinn etwas an. Sie kann seinen hellen Augen einfach nicht ausweichen.

»Was wissen Sie denn alle von mir?« Sie schnippt mit dem Finger. »Nichts, gar nichts. Sollen sie mich ruhig in eine Erziehungsanstalt schicken. Ich werde ihnen zeigen, was in mir steckt, alle, die mich heute vor Gericht verurteilt haben. Sie wissen nicht, wie ich mich nach – nach –« Wieder spricht sie nicht zu Ende, preßt die Lippen trotzig zusammen. Aber der Mann ihr gegenüber scheint ihre Gedanken zu erraten.

»Sie sehnen sich nach sauberen, geordneten Verhältnissen?«

Sie starrt ihn beinahe fassungslos an. Von allen ist sie nur herumgestoßen worden, lieblos und nach Laune. Man hat ihren jungen schwachen Körper ausgenutzt zu schwerer Arbeit. Man hat ihr den Schlaf geraubt. Und diese Frau, die sie niemals wieder Mutter genannt hat, nachdem sie ihre Schlechtigkeit erkannte, hat das alles verschuldet. Nur sie allein! Aber das wird sie keinem erzählen. Ganz gewiß nicht, nicht einmal diesem Fremden, der sich ihrer in einer bisher nicht gekannten Weise annimmt.

»Passen Sie auf, Susanna Holden.« Doktor Wegner legt leicht seine Hände auf ihre Schultern. »Meine ganze Liebe gehört unserer Jugend, zu der Sie gehören. Aus diesem Grund werde ich mich um Sie kümmern und alles versuchen, Sie vor der Erziehungsanstalt zu bewahren. Noch weiß ich wenig von Ihnen, und was ich zu wissen glaube, das habe ich mehr erahnt. Man soll der Jugend Verständnis und Liebe entgegenbringen. Das ist mein Prinzip. Nur aus diesem Grund bin ich Strafverteidiger geworden. Meistens setze ich mich für junge Menschen ein, weil ich ganz einfach an das Gute im Menschen glaube.«

Ihre Augen hängen atemlos an seinem Mund. Sie möchte aufweinen.

Aber sie unterdrückt das quälende Gefühl, gegen das sie schon die ganze Zeit über ankämpfen muß.

Sie will nicht weich werden.

»Ihre Mutter –«

»Sie sollen diese Frau nicht Mutter nennen«, fährt sie ihm leidenschaftlich ins Wort. Dann erschrickt sie selbst vor ihrer Heftigkeit.

Urplötzlich schießen die Tränen aus ihren Augen; verwirrt wischt sie diese mit dem Ärmel weg. »Ach, lassen Sie mich in Ruhe. Sie sind auch nicht anders als die anderen.«

Da ist sie wieder, die Schranke aus Trotz und Verachtung, die er schon ein wenig eingerissen hatte.

»Lassen Sie mich in Ruhe, bitte!«

Schluchzend rennt sie zur Tür, reißt sie auf und fällt dem im Gang auf und ab gehenden Beamten direkt in die Arme.

Strafverteidiger Dr. Wegner steht sekundenlang reglos und blickt auf die geschlossene Tür, lauscht den sich entfernenden Schritten.

Nicht das erste Mal hat er solche Szenen erlebt. Man muß viel Geduld mit diesen jungen Menschen haben, die verlernt haben, an Liebe zu glauben.

*

Nach dem langen, ereignisreichen Tag freut Doktor Wegner sich doppelt auf sein gemütliches Heim, das ihm immer wie eine Insel des Friedens vorkommt. Wenn auch darin das Kostbarste fehlt, die geliebte Frau. Dafür aber hat er seinen Sohn Peter, der ihn so sehr an die tote Frau erinnert. Er hat das feingezeichnete Gesicht seiner Frau geerbt, die klugen, gütigen Augen. Das dunkelbraune Haar. Von ihm hat er die hochgewachsene Gestalt.

Er findet, nachdem er sich erfrischt hat, Peter im Salon im Gespräch mit seiner Schwägerin Lydia, die nach dem Tod seiner Frau in sein Haus gekommen ist und Peter die Mutter zu ersetzen versuchte. Sie ist zierlich, wie es seine Frau war, und hat lockiges braunes Haar wie Peter. Sie ist lebendig und unbestechlich in ihrem Urteil. Sie hat für alles Verständnis, was mit dem Haus Wegner zusammenhängt, und sie ist eine tadellose Hausfrau. Sie hat verstanden, die gleiche Atmosphäre von Wärme und Behaglichkeit um sich zu verbreiten, wie einst seine Frau.

»Abend, Papa«, wird er fröhlich von Peter begrüßt. Auch Lydia ist überrascht, den Schwager so zeitig im Haus zu sehen.

»Hast du endlich genug Aktenstaub geschluckt?« erkundigt sie sich lächelnd bei ihm. »Dann wäre ja die ganze Familie einträchtig beisammen, und wir können zu Abend essen.«

»Das können wir, Ly«, erwidert Doktor Wegner und läßt sich neben seinem Sohn nieder. »Gib mir eine Zigarette, Peter.«

Peter bedient seinen Vater und dann sich selbst.

»Nun, wie war es heute, Papa?« Peter betrachtet forschend das müde und abgespannt wirkende Gesicht seines Vaters. Er fragt nicht nur aus Höflichkeit. Er weiß, daß sein Vater gern diese und jene Dinge, die mit seinem Beruf zusammenhängen, im Familienkreis bespricht. Vielleicht will er seinen Vater auch damit etwas entschädigen, daß er für den Beruf eines Anwaltes, viel weniger noch für den eines Strafverteidigers, nichts übrig hat. Er will Ingenieur werden, und Doktor Wegner hat es ihm gestattet, zumal er die natürlichen Fähigkeiten seines Sohnes erkannt hat.

Nach einem tiefen Zug aus der Zigarette wendet Wegner sich seinem Sohn aufmerksam zu. »Verzeih, Peter – mir geht da eine Sache durch den Kopf.«

Peter lacht. Er kennt solche Situationen zur Genüge. »Hast du wieder ein verlorengegangenes Schäfchen gefunden?«

»Noch nicht«, erwidert Doktor Wegner sehr ernst. »Aber ich werde mich weiterhin bemühen.«

Peter sieht nachdenklich dem Rauch seiner Zigarette nach.

»Ich weiß nicht, Papa –« Er zögert, nimmt einen kurzen Anlauf und spricht überlegend weiter: »Du machst dir so viel Mühe um diese jungen Menschen, die auf die schiefe Bahn gekommen sind. Ob du auch immer den Dank dafür ernten wirst?«

»Dank?« Doktor Wegner sinnt hinter diesem Wort her. Sein Mund verzieht sich zu einem nachsichtigen Lächeln. »Mein lieber Junge, wenn man an eine Sache herangeht, um dafür Dank zu ernten, soll man überhaupt die Finger davonlassen. Dank ist etwas sehr Schönes, gebe ich unumwunden zu, aber man soll nie damit rechnen. So erspart man sich auch die Enttäuschung. Man soll es einfach um der guten Sache willen tun.«

Peters helle Augen, die er von seinem Vater geerbt hat, sehen voll Liebe und Verehrung auf seinen Vater.

»Ob ich jemals so selbstlos handeln könnte wie du, Papa? Ich glaube es nicht. Ich bin aus anderem Holz geschnitzt. Ich bin egoistisch. Mein kleines ›Ich‹ bedeutet mir mehr als der Kummer der anderen –«

»Na, na!« beschwichtigt Doktor Wegner ihn. »Nun mach dich nicht schlechter als du bist, Peter.«

»Meinst du nicht, daß in jedem Menschen der sogenannte Schweinehund wohnt, der einmal, irgendwann zum Durchbruch kommt?«

»Natürlich bin ich der Meinung, Junge – aber dann wirst du ihn überwinden.«

Peter will zu einer Antwort ansetzen, als Tante Ly erscheint und zum Abendessen bittet. Doktor Wegner legt seine Hand um Peters Schulter.

»Komm, Peter, lassen wir Tante Ly nicht warten. Wir können uns später weiter unterhalten, obwohl wir uns doch eigentlich einig sind. Oder nicht –?«

Peter dreht das junge sympathische Gesicht lächelnd dem Vater zu. »Im allgemeinen ja, denke ich.«

Nach dem Abendessen zieht Doktor Wegner sich in sein Arbeitszimmer zurück. Es gilt für den morgigen Tag vorzuarbeiten.

Peter ist zu einem Freund eingeladen, und Tante Ly hat sich mit einem spannenden Kriminalroman – Kriminalromane sind ihre Schwäche – in ihr Zimmer zurückgezogen.

Eine wohltuende Ruhe herrscht im Haus. Doktor Wegner hat sie noch nie so stark empfunden wie an diesem Abend, der sich bis in die Nacht hineinzieht.

Kurz nach Mitternacht hört Wegner den Schlag eines Wagens zuklappen, helle Stimmen, fröhliches Gelächter.

Er lächelt vor sich hin. Peter ist von seinem Besuch heimgekehrt. Gähnend erhebt er sich. Nun kann er sich auch Ruhe gönnen.

*

Beim Frühstück treffen sie wieder zusammen.

»Nun«, richtet Doktor Wegner das Wort an seinen emsig kauenden Sohn, »wie war es bei Eislers?«

»Nett wie immer, Papa.« Peter reicht Ly die Tasse zum Nachfüllen. »Danke schön, Tante Ly. Du, Papa, ich habe gar nicht gewußt, daß du in Conny Eisler einen so leidenschaftlichen Verehrer hast.«

»Wie meinst du das?« fragt Doktor Wegner überrascht. »Ist der ruhige, besonnene junge Doktor Eisler überhaupt zu irgendwelchen Temperamentsausbrüchen fähig?«

Peter nickt heftig. »Und wie, Papa, vor allem, wenn es sich um seinen Beruf handelt. Wir hatten ein sehr langes Gespräch gestern. Dabei erfuhr ich, daß er, wenn es seine Zeit erlaubt, stets im Saal ist, wenn du deine berühmten Verteidigungsreden hältst. Er meinte, Doktor Clemens sei eine lahme Ente gegen dich. Du hättest dieses junge Mädchen bestimmt herausgehauen. Jawohl, Papa, genauso hat er sich geäußert.«

Doktor Wegner lächelt zufrieden. »Freut mich, dann will er wohl auch Strafverteidiger werden?«

»Ich glaube – ja.«

»Soso«, macht Doktor Wegner nachdenklich. »Gelegentlich werde ich mich mit diesem hoffnungsvollen Mann einmal intensiver befassen.«

»Du, Papa«, schlägt Peter begeistert vor, »da wäre doch zu meinem Geburtstag die beste Gelegenheit dazu. Wäre es dir recht, wenn ich meine Freunde dazu einlade?«

Doktor Wegner wechselt einen verständnisvollen Blick mit seiner Schwägerin. »Das wäre mir sehr recht, Peter. Ich hatte sowieso die Absicht, deinen ein­undzwanzigsten Geburtstag besonders festlich aufzuziehen.«

Impulsiv steht Peter auf und gibt seinem Vater einen leichten Schlag auf die Schulter.

Doktor Wegner bemerkt den Blick, den Ly hinter Peter her schickt. Es liegt viel freudiger Stolz in ihren Augen.

»Er ist wie ein großes Kind«, sagt sie und blickt in das interessante Gesicht Doktor Wegners.

Ein wenig verändert er den Ausdruck seiner Züge. Aus dem Lächeln wird ernste Nachdenklichkeit.

»Richtig, ein großes Kind ist Peter. Manchmal habe ich etwas wie Angst um ihn. Er weiß so wenig von der Schlechtigkeit der Menschen. Er glaubt bedingungslos an das Gute –«

»– weil wir es ihm vorleben«, unterbricht sie ihn schnell.

Er zögert und pickt mit dem Zeigefinger die Krümel auf seinem Teller zusammen.

Peter ist völlig kompromißlos. Er würde zum Beispiel nie Strafverteidiger werden können. Er könnte den Schwächen der Menschen keinerlei Verständnis entgegenbringen. Das weiß er selbst genau. Hoffentlich bleiben ihm Seelenkonflikte jeder Art erspart.«

Ly lacht belustigt auf. »Natürlich bleiben sie ihm erspart, Martin«, sagt sie mit Betonung. »Er wird seinen Doktor machen, wird eine gute Anstellung bekommen. Er wird einmal eine Frau aus der besten Gesellschaft heiraten, Kinder zeugen und glücklich sein.«

*

Das Haus Wegners inmitten des großen Gartens mit bunten Blumenrabatten, mit kurzgeschorenem Rasen, süß duftenden Büschen und alten schattenspendenden Bäumen, strahlt in festlichem Glanz.

In der Halle tanzt die Jugend nach den neuesten Platten. Weit sind die Flügeltüren zur Terrasse geöffnet. Die älteren Herrschaften haben sich in den anschließenden Gesellschaftsräumen niedergelassen. Alle Freunde des Hauses Wegner sind der Einladung gefolgt. Doktor Wegner hat sogar Peters Oma, die siebzigjährige Frau Justizrat Heine aus Bremen geholt, damit sie den Ehrentag ihres einzigen Enkels mitfeiern kann.

Sie ist eine vollendete Dame, klein, beweglich, mit lebhaften braunen Augen unter dem schneeweißen Haar. Sie fühlt sich im Hause ihres Schwiegersohnes Doktor Wegner sehr wohl, obgleich sie ungern ihr ebenfalls schönes Heim verläßt.

Peter ist für einen Sprung zu seiner Oma gekommen, die stolz in sein lachendes Gesicht blickt.

»Fein, Oma, daß du gekommen bist. Ohne dich wäre es halb so nett.«

Sie schiebt ihn von sich. »Geh, Peter«, sagt sie, und es blitzt dabei der Schalk in ihren Augen, »machst mir alter Frau noch Komplimente?«

»Aber Oma«, entrüstet er sich und wirft sich in die Brust. »Du weißt ganz genau, daß du die eigentliche Königin des Festes bist. Alle mögen dich gern, alle meine Freunde und –«

»– Freundinnen«, vollendet sie trok­ken.

»Auch die«, bestätigt er überzeugt. »Mir zu Ehren müßtest du einen Tanz wagen.« Er blinzelt ihr vergnügt zu. »Einen ganz langsamen Walzer. Was meinst du?«

Sie erhebt sich, und er hilft ihr höflich dabei. »Ich meine, wir sollten es einmal zusammen versuchen. Aber denke dabei an mein Herz, Junge.«

»Ganz langsam, Oma«, verspricht er und führt sie behutsam in die Halle. »Hallo, Conny«, ruft er hinüber zu seinem Freund, »einen langsamen Walzer für uns.«

»Sofort. Augenblick, Peter«, kommt es erfreut zurück. Die jungen Leute treten ehrfurchtsvoll vor dem ungleichen Paar zurück, und nach wenigen Minuten ertönt eine weiche, einschmeichelnde Melodie.

Peter macht eine vollendete Verbeugung. »Darf ich bitten, Oma?«

Sie nickt ihm strahlend zu und legt die Hand auf seinen Arm. Langsam beginnen sie die ersten Tanzschritte. Mit unvergleichlicher Anmut tanzt die alte Dame, sich der Führung ihres Enkels völlig überlassend.

Es ist ein ausnehmend schönes Bild. Peter hochgewachsen und die zierliche Frau im schlohweißen Haar.

Nur ein paar Runden drehen sie, dann gibt Peter sie frei. Die Gäste überschütten sie mit Beifall, so daß Agnes Heine errötet.

»Na, Oma«, Peter neigt sich tief zu ihr hinab, »war es nicht schön?«

Ihre Augen funkeln vor Freude. »Sehr schön, mein Junge. Nun lauf zu deinen Freunden. Ich werde mich einmal um deinen Vater kümmern. Ich glaube, er fachsimpelt wieder.«

Agnes Heine strebt sofort dem Herrenzimmer zu, wo sie ihren Schwiegersohn inmitten seiner Kollegen vorfindet. Sie läßt ihre Augen umhergleiten, überzeugt sich, daß es den Herren an nichts fehlt, und nimmt dann abseits Platz.

Immer, wenn sie im Hause ihres Schwiegersohnes weilt, wird sie von wehmütigen Gedanken überfallen. Niemand als ihm hätte man die Tochter lieber gegeben. Sie waren unsagbar glücklich, Martin und Inge, und Peter war sozusagen die Krönung dieser Ehe.

Immer sieht sie ihre Tochter vor sich, schön, anmutig, immer zufrieden und heiter. Aber Lydia hat Inges Stelle eingenommen, und sie steht dem Haushalt in vorbildlicher Weise vor. Warum Ly wohl nicht geheiratet hat? An Verehrern hat es ihr wahrhaftig nicht gefehlt.

Nun, so ausgeglichen Ly immer erscheint, irgendwo gibt es eine verwundbare Stelle bei ihr. Vielleicht eine unglückliche Liebe, über die sie schweigt?

Aufmerksam lauscht sie dem Gespräch der Herren, wie sie früher den Ausführungen ihres Gatten, des Justizrats Heine, gelauscht hat.

»Und ich sage Ihnen, Wegner«, hört sie Doktor Clemens sagen, »die Jugend kann nicht hart genug gestraft werden. Wohin soll es denn führen, wenn wir ruhig zusehen, wie unsere Jugend die Straßen unsicher macht, Autos stiehlt und Banken überfällt?« Beifallheischend sieht er sich in dem kleinen Kreis von Männern um. Auf Doktor Wegners gesenktem Gesicht bleibt sein Blick haften. »Die Härte des Gesetzes kann diese Außenseiter der menschlichen Gesellschaft nicht genug treffen.«

Alle im Kreis sehen auf Doktor Wegner. Sie wissen, daß es ein Wortgefecht zwischen den beiden Strafverteidigern ist. Und Doktor Wegner nimmt den Ball auf, den ihm sein Kollege zugeworfen hat.

»Zugegeben«, beginnt er in seiner bedächtigen Art, »daß sich keiner ungestraft außerhalb der menschlichen Gemeinschaft und ihrer Gesetze stellen darf. Aber was geschieht nach dem Strafvollzug? Warum reicht man den jungen irregeleiteten Menschen nicht die Hand? Warum überläßt man sie erbarmungslos ihrem Schicksal? Warum sieht man zu, daß sie abermals straffällig werden? Hier muß unsere Fürsorge einsetzen, und das mit aller Liebe.«

Ein mokantes Lächeln umspielt Doktor Clemens’ Mund. »Lieber Wegner«, beginnt er in einem salbungsvollen Ton. »Das ist doch nicht unsere Angelegenheit. Tun wir nicht ohnehin schon alles, um die straffällig gewordenen jungen Menschen möglichst billig davonkommen zu lassen? Sollen wir noch eine Wohlfahrtseinrichtung ins Leben rufen, damit sie auf Kosten der Allgemeinheit ein bequemeres Leben führen können?«

Doktor Wegner wirft einen schnellen, scharfen Blick auf seinen Gast. »Tun wir wirklich alles?« fragt er ruhig, und dabei meint er insbesondere seinen Kollegen. »Sie sprechen von Wohl­­fahrts­einrichtungen und vergessen dabei, daß auch die Jugend ihren Stolz besitzt. Sie will verstanden werden. Man muß alles tun, um sie auf den richtigen Weg zu führen. Aber man muß verstehen, sie zu überzeugen, daß es auch der richtige Weg ist.«

»Bravo!«

Alles dreht sich um zu der zierlichen Dame, die aufrecht in ihrem Sessel sitzt und Beifall klatscht.

Man erhebt sich und schart sich um sie. Nur Doktor Clemens bleibt mit verbissenen Zügen auf seinem Platz sitzen. Er hätte die Debatte gern noch weitergeführt, die alte nach außen hin zerbrechlich wirkende Dame hat ihm die Führung aus der Hand gerissen. Er weiß aber, daß sie alles andere denn zerbrechlich ist. In diesem zarten Körper steckt noch ein starker Wille.

Und noch jemand hätte gern »Bravo« gerufen, Doktor Konrad Eisler, der junge Rechtsanwalt.

»Aha, da ist ja mein junger Freund.« Conny, wie er allgemein genannt wird, dreht sich rasch um und begegnet den hellen Augen des Strafverteidigers Doktor Wegner. »Haben Sie ein bißchen Zeit für mich?«

»So viel Sie wollen, Herr Doktor«, erwidert Conny eifrig und folgt dem Hausherrn auf einen Wink hin auf die Terrasse. Es ist ein wundersamer, warmer Juniabend. Die Terrasse ist hell erleuchtet. In einer der gemütlichen Ecken lassen sie sich nieder.

»Zigarette?« Doktor Wegner hält seinem jungen Gast die goldene Dose entgegen.

»Danke sehr.«

Nach ein paar Zügen und einem kurzen Schweigen richtet Doktor Wegner das Wort an seinen Gast, den er ausgesprochen sympathisch findet mit seinen warmen braunen Augen, dem schlicht zurückgekämmten Haar, dem energischen Kinn und dem weichen, Güte und gesunde Sinnlichkeit verratenden Mund.

»Was macht der Beruf?«

»Danke, Herr Doktor, bin soweit zufrieden. Es muß sich eben alles erst einlaufen«, erklärt Doktor Eisler aufrichtig. »Dabei geht es mir noch bedeutend besser als meinen Kollegen. Nicht jeder wird in eine Praxis hineingesetzt wie ich.«

»Ihr Vater hat viel für Sie getan«, bemerkt Doktor Wegner wohlwollend, »obwohl Sie ihn doch eigentlich enttäuscht haben. Er hätte einen tüchtigen Ingenieur haben wollen, stimmt es?«

Im Schein des Windlichtes sieht Wegner, wie sein Gast errötet.

»Allerdings war Papa zuerst schwer enttäuscht. Aber er hat sich zufrieden gegeben, als ich ihm vorschlug, Peter an meiner Stelle ins Werk zu nehmen.«

Jetzt ist Doktor Wegner wirklich überrascht. »Peter?« fragt er noch einmal ungläubig. »Davon hat Peter mir kein Wort gesagt.«

»So – hat er das nicht?« Conny lacht leise auf. »Dann habe ich aus der Schule geplaudert, und es tut mir leid. Peter wollte Sie sicher damit überraschen.«

»Steht es wirklich ganz fest?« erkundigt Doktor Wegner sich noch einmal eindringlich.

»Bombenfest«, erwidert Conny ernsthaft. »Mein Vater freut sich, Peter für die Eisler Stahl AG gewonnen zu haben. Er schätzt seine Fähigkeiten –«

» – wie ich die Ihrigen«, wirft Doktor Wegner schnell und erfreut ein. »Dann braucht Peter sich um sein Vorwärtskommen nicht zu sorgen. Aufstiegsmöglichkeiten bestehen für ihn zur Genüge.«

»Das kann man wohl sagen.«

Doktor Wegner drückt seine Zigarette aus und legt die Fingerspitzen zusammen. Mit einem gütigen Blick betrachtet er Conny.

»Wenn es Ihnen lieber ist, Conny, dann werde ich tun, als wüßte ich nichts.«

»Ja – es wäre mir lieber.«

»Abgemacht!« Doktor Wegner rückt ein wenig in seinem Sessel. »Und nun wollen wir uns einmal über unseren Beruf unterhalten. Schon lange hatte ich das vor, leider – keine Zeit.«

Interessiert beugt Conny sich vor. »Darüber freue ich mich, Herr Doktor. Vor allem muß ich Ihnen zustimmen in dem, was Sie vorhin vortrugen. Auch ich habe der Verhandlung gegen diese Susanna Holden beigewohnt. Mich interessiert der Fall ungemein, und ich bin der Überzeugung, das Urteil wäre anders ausgefallen, hätten Sie die Verteidigung gehabt.«

Prüfend betrachtet Wegner das veränderte Aussehen seines Gegenübers. Wärme und Mitgefühl schwingen in seiner Stimme. Sie ist beinahe sonor zu nennen. Er wird einmal einen guten Verteidiger abgeben – denkt Wegner.

»Und warum stehen Sie auf diesem Standpunkt?« fragt er ruhig.

»Weil Sie es bestimmt fertiggebracht hätten, die Angeklagte zum Reden zu bringen. Ich hatte von Beginn an das Gefühl, daß sie hauptsächliche Dinge verschweigt. Warum?« Conny ruckt mit den Schultern. »Vielleicht aus Trotz, aus Verachtung oder Gleichgültigkeit.«

»Interessiert Sie der Fall rein juristisch?«

»Offengestanden – auch menschlich. Darf ich Ihnen meine Argumente vortragen?«

Doktor Wegner lächelt in sich hinein. Er macht eine kleine aufmunternde Geste.

»Bitte, Conny, ich bin ganz Ohr…«

*

Während Doktor Wegner und der junge Rechtsanwalt sich tief in die Angelegenheit Susanna Holden verstricken, geht in der Halle der Tanz weiter.

Peter, das Geburtstagskind, ist ein unermüdlicher Tänzer. Am häufigsten holt er sich Jutta Eisler, um sich mit ihr im Takt zu wiegen. Sie passen vorzüglich zusammen. Auch Jutta ist hochgewachsen und dennoch ein Stück kleiner als Peter. Sie hat braunes Haar, das in weichen Wellen das schöne Oval des Gesichtes umschmeichelt. Tiefblau sind die Augen, von einem Veilchenblau, äußerst wandlungsfähig, und sie beherrschen das ganze süße Mädchengesicht. Man sieht es ihr an, sie ist rettungslos in Peter Wegner verliebt und er nicht minder in sie.

Jutta und Peter ahnen nicht, daß sie Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft sind. Sie sind so ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, daß sie ihrer Umgebung wenig Aufmerksamkeit schenken.

»Du weißt also, daß ich bei euch eintreten werde?« fragt er soeben seine entzückende Tänzerin.

»Natürlich weiß ich das«, gibt sie unumwunden zu. »Papa hat keine Geheimnisse vor uns. Noch dazu, wo es sich um dich handelt.« Sie strahlt ihn an, daß es ihm direkt heiß wird und er sie fester an sich zieht. »Papa mag dich nämlich sehr gut leiden –«

»– und du?« fragt er eindringlich, sie unterbrechend.

Groß und ernsthaft ruht ihr Blick in seinem.

»Ich, ach, Peter – ich hab’ dich lieb. Oder weißt du das nicht?«

»Liebes«, flüstert er an ihrem Ohr. »Sicher weiß ich das, aber es ist schön, es von dir zu hören.«

Ihre Augen glänzen feucht. »Aber mir hast du es noch nicht gesagt.«

»So? Habe ich das noch nicht?« neckt er sie. »Dann höre genau zu.« Er neigt sich zu ihrem Ohr. »Ich liebe dich – ich liebe dich.«

»Wie schön!«

Mit einem Schwung dreht er sich herum und gleitet dann wieder in die Melodie hinein.

»Aber mit der Heirat müssen wir noch warten, Liebes.«

Diesmal ist er ernst.

»Aber warum denn?« Aus großen verwunderten Augen sieht sie zu ihm auf.

»Weil ich erst etwas werden will. Weil ich erst dir, deinem Vater und auch meinem beweisen muß, daß ich imstande bin, eine Frau zu ernähren.«

Sekundenlang schweift ihr Blick ab, dann kehrt er wieder zu ihm zurück. Bedingungsloses Vertrauen liegt in ihren Augen.

»Ich warte, Peter, ganz gleich, wie lange es dauert. Das wird meine Liebe zu dir nicht beeinträchtigen. Ich kann dich auch gut verstehen. Wir sind jung, das Leben liegt vor uns.« Sie lacht leise, glückselig auf. »Ein ganzes langes, glückliches Leben mit dir, Peter.«

*

Zur gleichen Zeit liegt Susanna Holden schlaflos, die Augen in das Dunkel gerichtet, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf ihrer harten Pritsche.

Ihre Augen brennen von ungeweinten Tränen, und das schmerzt.

Keiner hat ihr während der Verhandlung angesehen, wieviel Angst sie gehabt hat. Förmlich gewürgt hat diese Angst sie, aber nach außen hin hat sie die Gleichmütige gespielt.

Wirklich keiner?

Wie eine Vision, wie ein Schemen steht die hohe Gestalt des Fremden vor ihr. Ein Paar gütige Augen, eine behutsame Stimme.

Strafverteidiger!

Und er hat ihr ruhig zugehört. Er hat sie sogar verstanden, und was beinahe unheimlich ist, ihre geheimsten Gedanken erraten.

Susanna Holden löst die Hände vom Nacken und schlingt sie unter der Brust wie im Gebet ineinander.

Einsetzen will er sich für sie? Jetzt lächelt sie verächtlich vor sich hin. Er wird sie vergessen! Ganz bestimmt wird er sie vergessen, weil sie ihn vor den Kopf gestoßen hat.

Und jetzt schüttelt es die zarte Gestalt unter einem Tränenstrom.

»Mutter!« flüstert sie in das unheimliche Dunkel der Nacht. »Mutter!« Aber sie meint nicht die Frau, die sie zu sich genommen hat. Sie meint in der Dunkelheit ein gütiges Frauenantlitz mit einem mütterlichen Lächeln zu sehen.

»Mutter!« flüstert sie abermals wie ein kleines Mädchen, das von Angst vor dem Kommenden gepeinigt wird und nach Hilfe weint.

*

Aber Doktor Wegner hat sie nicht vergessen. Er hat sie zwar nicht wieder besucht, dafür aber alle Hebel in Bewegung gesetzt und alle Verbindungen ausgenutzt, um Susanna Holden als Hausgenossin zu sich nehmen zu können.

An einem der ersten, immer noch sommerlich warmen Septembertage steht er Susanna Holden wieder gegenüber.

»Sie – sind – es?« Ihre Lippen beben. Er streckt ihr die Hand entgegen, in die sie zaghaft die Rechte legt.

»Mich haben Sie nicht erwartet, nicht wahr?«

Sie sieht ihn unverwandt an, fassungslos, erschüttert. Um ihr Zeit zu lassen, sich zu fangen, blickt er auf ihre Hand. Eine schmale, feingliedrige Hand. Eine Künstlerhand!

»Wie schön«, sagt er mit ehrlicher Bewunderung. »Wie eine Pianistenhand.«

Sie zuckt zusammen, ohne ihre Augen von seinem Gesicht zu lösen. Sie sind umschattet und sprechen von schlaflosen, durchweinten Nächten.

»Kommen Sie, Susanna«, unterbricht er das Schweigen.

»Wohin?« flüstert sie. Er lächelt sie an.

»Lassen Sie sich überraschen, kleine Susanna.«

Sie folgt ihm wie im Traum, durch lange Flure, an vielen Türen vorbei, und dann stehen sie im strahlenden Sonnenschein.

An der Hand zieht er sie zu dem parkenden Wagen, öffnet den Schlag und schiebt das halb bewußtlose Mädchen auf den Sitz.

Mit geschlossenen Augen lehnt sie neben ihm, während er das Auto über die fast menschenleeren Straßen lenkt. Er überlegt.

Peter feiert! Er hat seinen Doktor mit Auszeichnung bestanden, und seine jungen Freunde sind bei ihm. Soll er mitten in die lustige Gesellschaft eindringen? Soll er den Seiteneingang wählen?

Nein, entscheidet er sich sofort anders. Susanna Holden soll von vornherein das Gefühl haben, daß sie fortan zum Hause Wegner gehört.

Mit weit geöffneten Augen blickt Susanna um sich. Vor ihr liegt ein wunderbar gepflegter Garten. Hinter ihr klingt zauberhafte Musik auf, Lachen, Stimmengewirr.

Sie drängt sich ängstlich an Doktor Wegner.

»Keine Bange, Susanna«, redet er ihr gütig zu. »Von heute an gehörst du in dieses Haus. Ich habe es durchgesetzt, daß du dich bei mir bewähren darfst –«

Er schiebt seine Hand unter ihren Ellbogen. »Mein Sohn Peter feiert. Da kann ich dich gleich mit den jungen Leuten bekannt machen.«

Nein! will sie schreien, aber dann siegt der Stolz. Sie wirft das schwere blonde Haar in den Nacken – eine Bewegung, die er schon an ihr kennt – und läßt sich in die Halle führen.

Sekundenlang stehen sie unbeobachtet, ehe sie entdeckt werden. Fast schlagartig hört die Musik auf. Alle Augenpaare sind auf den Strafverteidiger Doktor Wegner und die zierliche Mädchengestalt gerichtet.

»Hallo!« sagt Doktor Wegner unbekümmert laut. »Ich bringe einen Gast.«

Die jungen Damen, alle in duftigen, farbenfreudigen Abendkleidern, betrachten den seltsamen Gast mißtrauisch, sogar teilweise etwas verächtlich. Wen hat denn der gute Doktor Wegner da aufgelesen? So ungefähr ist ihr Gesichtsausdruck. Die jungen Herren taxieren das junge Mädchen auf ihre Art.

Aus dem Kreis der Herren löst sich Conny Eisler.

Mit großen Schritten, ein warmes Lächeln in den Augenwinkeln, kommt er auf Doktor Wegner und Susanna zu.

»Susanna Holden«, sagt er und nimmt die schlaffe Mädchenhand herzlich auf. »Das ist eine Überraschung!« Er blinzelt Doktor Wegner verständnisvoll zu. »Also, ist es Ihnen doch gelungen? Meinen Glückwunsch!«

Vergebens wartet Doktor Wegner auf seinen Sohn. Der steht neben Jutta Eisler und rührt sich nicht. Er ahnt, daß hinter diesem Besuch mehr steckt, als es den Anschein hat. Seine Stirn legt sich in Falten. Da spürt er eine Hand auf seinem Arm.

»Willst du die junge Dame nicht auch begrüßen?« raunt Jutta ihm zu. Fast flehend sieht sie zu ihm auf. Sie bemerkt die Blicke, die zwischen Peter und seinem Vater hin und her gehen, und ihr Herz beginnt zu hämmern. Sie gibt sich einen kleinen Ruck, zaubert ein fröhliches Lächeln auf ihre Lippen und geht auf Doktor Wegner zu.

»Wollen Sie mich bitte mit der jungen Dame bekannt machen, Herr Doktor?«

Doktor Wegner braucht es nicht zu tun, das macht Conny schon.

»Das ist Susanna Holden, von der ich dir schon erzählt habe, Jutta.« Und mit einer kleinen Bewegung zu der wie angewurzelt dastehenden Susanna sagt er: »Meine Schwester Jutta. Ich hoffe, daß Sie gute Freunde werden.«

Abermals fühlt Susanna ihre Hand ergriffen. Ein paar tiefblaue Augen blicken sie freundlich an, und ein schöner Mund sagt ein paar warmherzige Worte.

»Ich glaube, Susanna«, meldet Doktor Wegner sich, »es ist besser für dich, wenn du dich erst mal richtig ausschläfst.«

Er führt die willenlose Susanna davon. Seinen Sohn bedenkt er mit keinem Blick.

Er bringt Susanna in eines der wunderschön nach dem Garten gelegenen Gästezimmer.

»So, Susanna. Vorläufig bleibst du hier. Morgen sehen wir weiter.«

Susanna steht reglos neben der Tür. »Wo – wo ist Ihr Sohn?« kommt es zögernd von ihren erblaßten Lippen.

Verlegenheit spiegelt sich in Wegners Zügen. »Du wirst ihn morgen kennenlernen. Es war ein Fehler von mir, dich ohne Vorbereitung den jungen Leuten vorzustellen.« Er streicht behutsam über ihre Wange. »Das bringe ich schon in Ordnung, Susanna. Also, bis morgen früh.«

»Gute Nacht«, erwidert sie leise. Sie hört das Klappen der Tür, Schritte, die sich entfernen. Sie schlägt die Hände vor das Gesicht. Deutlich hat sie die Welle der Abwehr gefühlt. Darüber kann sie auch die Herzlichkeit Doktor Wegners nicht hinwegtäuschen.

Lieber Gott! denkt sie verzweifelt – sollte sie nicht lieber davonlaufen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen? Aber das geht nicht. Ist sie nicht etwas Ähnliches wie die Gefangene dieses Doktor Wegner?

Sie stöhnt auf und macht ein paar ziellose Schritte in das Zimmer. Auf einem seidenbespannten Hocker läßt sie sich nieder. Sie sieht nichts von der Eleganz und der Schönheit des Raumes. Sie sieht ein Paar warme braune Männeraugen vor sich und hört eine sonore Stimme.

Eisler heißt er, und die entzückende junge Dame ist seine Schwester. Auf einmal durchströmt sie Wärme. Sie weiß, in diesen beiden Menschen hat sie Freunde gewonnen.

Aber auch in dieser Nacht findet Susanna keine Ruhe.

Es ist zuviel, was auf sie eingestürmt ist. Der Unterschied zwischen dem Gestern und Heute ist zu gewaltig, als daß sie alles sofort in sich verarbeiten könnte.

*

Die Gäste haben das Haus verlassen. Es war ein gelungenes Fest, bei dem man den jungen Doktor Wegner tüchtig gefeiert hat. Selbst der Mißklang, der durch Peters Vater mit dem seltsamen jungen Mädchen in die Runde getragen wurde, verwischte sich.

Jetzt steht Peter mit trotzig vorgeschobener Unterlippe vor seinem Vater. Ly sitzt vor ihnen im Sessel. Sie führt ihr Spitzentuch an Stirn und Schläfen. Sie findet es ungeheuerlich, was Martin ihnen da eröffnet hat.

»Das geht zu weit, Vater«, stößt Peter Wegner erregt hervor. Auch zwischen ihm und Jutta hat es eine Verstimmung gegeben. Er glaubt noch ihre verweisenden Worte zu hören: »Wie kannst du dich so herzlos benehmen, Peter!«

Er ist doppelt wütend.

»Was geht zu weit?« fragt Doktor Wegner ruhig und zündet sich eine Zigarette an.

»Conny hat mir alles gesagt. Ich weiß, wer diese Susanna Holden ist. Es ist eine Zumutung, mit so einer unter einem Dach zu leben.«

»Mit was für einer?«

»Gefängnis – Erziehungsanstalt«, preßt er hochmütig hervor. »So etwas bringst du in unser Haus? Das heißt die Menschenliebe zu weit getrieben.« Er zittert vor Erregung. »Ich – ich schäme mich.«

»Ich mich auch«, kommt es gelassen von Wegners Lippen, »aber deinetwegen. Du hast zumindest die Gastfreundschaft verletzt. Das hätte ich niemals von dir erwartet.«

»Ich hoffe, diese – diese junge Dame verläßt uns recht schnell!«

»Im Gegenteil! Susanna Holden bleibt für immer bei uns.«

Peters Augen weiten sich vor Schreck.

»Papa!« Dann sucht er mit den Blicken Ly, die ebenfalls wie erstarrt ist.

»Aber Martin«, verweist sie ihn geduldig, wie man zu einem Kind spricht. »Das kann dein Ernst nicht sein.«

»Mein voller Ernst.« Jetzt klingt Doktor Wegners Stimme hart, unbeugsam, so, wie man sie im Gerichtssaal vernehmen kann. »Das Mädchen bleibt – und ihr werdet euch an sie gewöhnen. Im übrigen bin ich müde. Gute Nacht!«

»Papa!« ruft Peter fassungslos hinter Wegner her, doch dieser dreht sich nicht um. Die Tür fällt unsanft hinter ihm ins Schloß.

Verzweifelt wendet Peter sich an seine Tante.

»Was sagst du dazu, Tante Ly?«

»Daß dein Vater verrückt geworden ist«, meint sie trocken. Aber wenn sie sich nach außen hin auch zur Ruhe zwingt, sie weiß, gegen den eisernen Willen Martins kommt sie nicht an.

»Du mußt Papa umzustimmen versuchen, Tante Ly. Ich beschwöre dich. Das Mädchen kann einfach nicht bei uns bleiben. Mein Gott, was sollen unsere Freunde dazu sagen?«

Ly blickt ihn ratlos an. »Jutta und Conny haben sich, soviel ich durchschaut habe, schon mit der Tatsache abgefunden.« Sie hebt hilflos die Schultern. »Ich glaube nicht, daß sich dein Vater zu etwas zwingen läßt. Soweit dürftest du ihn wohl auch kennen.« Sie erhebt sich und geht ein paarmal durch den Salon. »So etwas Verrücktes habe ich noch nicht erlebt. Schade, daß deine Großmutter schon wieder abgereist ist. Sie würde deinen Vater vielleicht überzeugen können –«

»Oder auch nicht«, wirft Peter bitter ein.

»Weißt du was?« schlägt Ly dem Neffen vor. »Gehen wir erst mal schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag. Es war eine recht lange Nacht, Peter.« Sie hebt sich etwas auf den Zehenspitzen und küßte ihn auf die Wange. »Geh schlafen, Peter, war doch schön heute. Oder?«

»Sehr schön, Tante Ly.« Er umfaßt sie und küßt sie ebenfalls. »Ich danke dir für deine Mühe.« Er zögert noch. »Glaubst du wirklich, daß wir bei Papa nichts erreichen werden?«

»Wir können es ja versuchen«, meint sie nachdenklich.

»Wenn Papa nicht zugänglich ist, dann werde ich morgen diesem – diesem Mädchen klarmachen, daß sie nicht in ein anständiges Haus gehört.«

»Laß das lieber sein, Peter.« Sie umfaßt seine Arme. »Du würdest dich mit deinem Vater entzweien.«

»Alles wegen dieser hergelaufenen Person.« Peter stampft wütend mit dem Fuß auf. Jetzt gleicht er einem ungezogenen Jungen. »Haben wir nicht wunderbar zusammengelebt? Warum tut Papa uns das an?«

»Tscha, mein Junge, warum?« Sie schiebt ihn der Tür zu. »Dein Vater fühlt sich wohl als Beschützer verirrter Schäfchen. Gute Nacht!«

Peter verläßt widerwillig den Salon und sucht seine Zimmer auf, ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer stehen dem Sohn des Hauses zur Verfügung.

Unerträglich ist ihm der Gedanke, irgendwo im Haus eine Fremde zu wissen, die die gleichen Rechte fortan genießen soll wie er, der Sohn des Hauses.

*

Die letzten Gäste haben die »Ohio-Bar« verlassen. Die Musiker packen ihre Instrumente ein. Die Barfrauen rechnen ab. Kellner säubern die Tische.

Der Klavierspieler schwingt sich auf einen der leerstehenden Barhocker, direkt vor der Bardame Gabriela mit dem nachtschwarzen Haar und den dunklen Augen, groß und funkelnd wie Feuerräder.

»Nun, Fips«, sagt sie, ohne von ihrem Block aufzusehen, »hast du was auf dem Herzen?«

»Allerdings, Gabi.« Er kaut nachdenklich auf seinem erkalteten Zigarettenstummel herum. »Wann kommt denn die kleine Holden wieder?«

»Liest du keine Zeitungen?«

»Nee, nur Noten.«

»Die hat man eingelocht, Fips –«

»Waas?« Fips fallen die Augen fast aus dem Kopf. »Nana, das kleine Schäfchen? Nana, das begnadete Naturtalent? Was hat sie denn verbrochen?«

Gabriela schiebt ihre Aufzeichnungen beiseite und lehnt sich über die Theke. »So ein dummes Mädel, hat da irgendein albernes Ding gedreht. Wenn ich es recht überlege, hat sie zu allem, was man ihr vorwarf, geschwiegen. Ich glaube einfach nicht an die Verworfenheit Nanas. Aber, reg dich nicht auf, Fips, dadurch hast du deine Stelle wiederbekommen.«

Er macht eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich wäre in jeder anderen Band untergekommen. Aber das mit Nana –«, er kitzelt sich hinter dem Ohr, »das wirft mich direkt um –«

»Geklaut soll sie auch haben«, setzt Gabriela noch hinzu.

»Du bist verrückt, Gabi. Nie und nimmer hat Nana das getan«, widerspricht er energisch.

Sie blinzelt ihn unter dichten schwarzen Wimpern an. »Hast wohl eine Schwäche für das zarte Dingelchen?«

»Ich mochte sie gut leiden. Du doch auch«, pariert er schnell.

»Stimmt«, gibt sie zu. »Ich mag sie auch heute noch leiden, und wenn sie jetzt zur Tür hereinkäme, würde ich sie mit zu mir nehmen.«

Er blickt sie mißtrauisch an. Doch sie zuckt mit keiner Wimper. Impulsiv streckt er ihr die Hand hin. »Bist ein feiner Kerl, Gabi. Genauso habe ich dich eingeschätzt. Merkwürdig, daß keiner darüber gesprochen hat?«

Gabriela macht eine Bewegung über die anderen Bardamen und Kellner hin. »Für uns alle war das keine Sensation, mein lieber Fips, sondern ein schwerer Schlag.« Sie zieht ihre Hand aus der seinen zurück. »Wir waren uns alle einig, nicht darüber zu sprechen. Und als du gesund wieder hierher kamst, wollten wir dich nicht beunruhigen. Wir wußten doch, daß du Nana gut leiden kannst.«

»In der Tat«, sagt er leise, wie zu sich selbst, »verdammt gut leiden mag ich sie.« Er hebt den Kopf. »Und wo ist sie jetzt?«

»Keine Ahnung!«

»Kennst du ihre Wohnung?«

»Hat sie uns nie verraten«, muß Gabriela eingestehen. »Wie sie überhaupt sehr verschlossen war, wenn es sich um persönliche Dinge handelte. Schade um sie. Wer weiß, ob sie sich jemals wieder zu uns wagt.«

»Dabei würde sie bestimmt mit offenen Armen aufgenommen«, dringt er in sie, und sie nickt eifrig dazu.

»Ganz bestimmt.« Sie rafft ihre Sachen zusammen. »Weißt du was, Fips, bring mich ein Stück nach Hause, da können wir uns weiter über Nana unterhalten. Erwarte mich am Ausgang.«

»Gemacht, Gabi«, sagt Fips und schwingt sich vom Barhocker herunter.

*

Susanna löst sich vom Fenster und öffnet auf das Klopfen hin die Tür. Doktor Wegner steht vor ihr.

»Schön, daß du fertig bist, Susanna«, begrüßt er sie und reicht ihr die Hand. »Ich wollte dich zum Frühstück hinunterbringen. Du weißt noch nicht Bescheid.«

»Danke«, würgt sie hervor. Von der Seite her wirft er ihr einen Blick zu. Blaß und verschlossen ist das junge Gesicht.

Heute scheinen alle im Haus nicht gut geschlafen zu haben – denkt er nicht ohne Humor.

Susanna schließt geblendet vor den einbrechenden Sonnenstrahlen die Augen. Als sie die Lider wieder hebt, sieht sie sich in der Veranda des Hauses neben Doktor Wegner stehen. Blumen, überall Blumen. Eine gemütliche Sitz­ecke mit gepolsterter Bank und buntbezogenen Sesseln. Ein farbenfroher Teppich verschluckt ihre zaghaften Schritte, und dann steht sie vor einer braunhaarigen zierlichen Frau, die sie aus großen Augen aufmerksam mustert.

Mit besonderer Herzlichkeit stellt Wegner die neue Hausgenossin vor. »Das ist Susanna Holden, liebe Ly. Ich wünsche, daß du sie genau wie Peter mütterlich betreust, was dir nicht schwerfallen dürfte.«

Ly Heine sagt nichts. Sie reicht dem jungen verstörten Mädchen kaum zwei Finger und weist dann auf den Platz neben Doktor Wegner.

»Wollen wir auf Peter warten?« fragte sie, Susanna kaum beachtend.

»Wir beginnen«, sagte er kurz angebunden, und er bedient Susanna mit besonderer Aufmerksamkeit, wofür diese mit einem scheuen Lächeln dankt.

Noch nie herrschte eine so frostige, eisige Atmosphäre als an diesem Morgen am Frühstückstisch.

»Ich werde mich doch um Peter kümmern müssen«, entschuldigt sie sich. »Es war sehr spät gestern abend. Vielleicht hat er einen Kater.«

»Du bleibst hier«, hört sie den Hausherren streng sagen. »Peter hat bisher noch jede Feier glänzend überstanden. Er ist alt genug, um zu wissen, was sich gehört.«

Susannas Augen irren hilflos umher. Nirgends finden sie einen Ruhepunkt.

»Nun iß doch, Susanna«, ermuntert Doktor Wegner sie, doch sie steht abrupt auf. »Danke«, stößt sie beherrscht, aber mit verdunkelter Stimme hervor. »Ich möchte mich lieber zurückziehen.«

Sie rennt davon, und sein Ruf »Susanna!« kann sie auch nicht mehr halten. Er wirft die Serviette auf den Tisch. Er ist blaß, und der Blick, den er seiner Schwägerin zuwirft, ist nicht gerade liebenswürdig.

»Merkwürdig«, sagt er kalt, »ich hätte wenigstens dich für vernünftiger gehalten. Peter will ich sein ungezogenes Verhalten noch entschuldigen. Aber du, Ly –?«

Sie sieht ihn groß an. »Ich habe dir gestern schon gesagt, daß ich auf Peters Seite stehe. Das wird sich auch nicht ändern. Ich betrachte diese Susanna als einen Eindringling. Sie stört unsere Harmonie –«

»Unsinn, Ly« fällt er ihr heftig in die Rede. »Du willst sie als Eindringling sehen und stellst dich mit allen Vorurteilen gegen sie. Mein Gott, hast du gar keine Menschenkenntnis?«

Mit zitternden Händen faltet sie ihre Serviette. Ausgerechnet wegen diesem jungen Ding muß sie solche Worte über sich ergehen lassen.

»Warum steckst du sie nicht in ein Internat?«

»In ein Internat? Wieder unter fremde Menschen, die sie schief ansehen? Nein! Susanna bleibt im Haus. Daran ist nichts zu ändern, gar nichts!«

»Wie du willst«, erwidert sie, sich zur Ruhe zwingend. Als er mit kurzem Gruß die Veranda verläßt, sinkt sie seufzend auf ihren Sessel zurück.

Das wird ein Leben werden – sinnt sie böse – und alles war erst so schön. Ausgerechnet so eine muß er ins Haus bringen. Wer weiß, was er an ihr noch alles erleben wird.

Lydia Heine ist ganz und gar nicht mit ihrem Schwager einverstanden, und dieses blasse junge Ding kann ihr weder Mitleid noch sonstige Gefühle abringen. Peter ist ihr Stolz, und sie wird für Peters Recht kämpfen, das sie schon durch Susanna Holden geschmälert sieht.

Peter steckt den Kopf zur Tür herein. »Ist die Luft rein?« fragt er, bemerkt die Tante allein am Kaffeetisch und kommt rasch näher. »Gott sei Dank!« sagt er erlöst. »Ich dachte schon, ich müßte dieses Leidensgesicht dauernd vor mir haben.«

Ly gibt sich einen ordentlichen Ruck.

»Du wirst dich aber in Zukunft daran gewöhnen müssen, Peter.« Sie gießt den duftenden Kaffee in seine Tasse und streicht ihm wie gewöhnlich ein Brötchen. »Dein Vater ist empört über dein Wegbleiben.«

»Ich lasse mich zu gar nichts zwingen«, trotzt er. »Am allerwenigsten zu einer Freundlichkeit diesem Mädchen gegenüber, von dem ich nichts wissen will.«

»Sie wohnt aber nun einmal bei uns.« Ly blickt an den empörten Augen Peters vorbei. »Dein Vater verlangt sogar, daß sie genauso behandelt werden soll wie du.«

Peter wirft die Serviette auf den Tisch. Er ist völlig unbeherrscht. Eigentlich hat Ly ihn noch nie so gesehen. »Das ist doch allerhand. Ich sträube mich mit Händen und Füßen dagegen. Ich will nichts mit einem Mädchen zu tun haben, das im Gefängnis gesessen hat.«

»Peter!« Beruhigend legt sie ihm die Hand auf den Arm. »Schütte nicht gleich das Kind mit dem Bade aus. Wenn es ihr bei uns nicht gefällt, wird sie von allein gehen, schätze ich.«

»Die – und gehen? Daß ich nicht lache. Sich in ein solch warmes Nest zu setzen, geschieht nicht jeden Tag.«

»Peter«, beschwört sie ihn. »Vorläufig halte dich zurück. Verärgere deinen Vater nicht. Du kennst seinen harten Willen. Überlaß es der Zeit. Bitte, Peter, beruhige sich endlich. Du kannst so wenig daran ändern wie ich.«

»Schließlich bin ich der Sohn des Hauses«, braust er auf, »der einzige Sohn. Ich kann mich wehren gegen diesen Zuwachs. Oder«, mißtrauisch betrachtet er sie, »hat sie dich schon eingefangen? Das wäre schnell gegangen.«

»Du bist verrückt, Peter. Ich habe sie kaum beachtet, und sie hat es gespürt. Dumm scheint sie nicht zu sein –«

»Um so schlimmer, Tante Ly«, bemerkt er erbittert.

Während die Debatte zwischen Tante und Neffen noch hin und her geht, sucht Doktor Wegner Susanna in ihrem Zimmer auf. Er findet sie auf der Couch­ecke sitzend, die Augen starr geradeaus gerichtet. Bei seinem Eintritt dreht sie langsam den Kopf zu ihm.

Er nimmt neben ihr Platz. Ihre ganze Haltung drückt Hilflosigkeit und Einsamkeit aus und rührt ihn so, daß seine Empörung über seinen Sohn und Ly noch steigt.

»Susanna«, sagt er leise und faßt nach ihrer Hand. Willig überläßt sie sie ihm. Sie fühlt sich eiskalt an.

»Ich muß dir eine Erklärung abgeben«, beginnt er vorsichtig, jedes Wort erwägend, um sie nicht zu verletzen. »Ich habe einen taktischen Fehler begangen, indem ich dich unvorbereitet ins Haus brachte. Jetzt sind beide schockiert, mein Sohn und meine Schwester. Aber das gibt sich, glaube mir.«

Ihre Augen, diese schönen graugrünen Augen glänzen feucht. Er glaubt Tränen dahinter stehen zu sehen.

»Sie meinen es gut, Herr Doktor. Aber ich fühle es, ich bin unerwünscht.«

Sie legt das Gesicht in die wunderhübschen Hände und schluchzt trocken in sich hinein. Er legt den Arm um sie und zieht sie ein wenig an sich.

»Du wirst doch nicht fortlaufen wollen?« fragt er besorgt. Und als sie schweigt, fährt er hastig fort: »Susanna, das darfst du nicht. Ich habe mich für dich verbürgt. Es würde dich viel härter treffen, als du denkst. Gewöhne dich allmählich ein.«

»Ich laufe nicht davon, Herr Doktor«, sagt sie ergeben. »Aber wenn ich Arbeit verrichten könnte, damit ich mich nicht als unnützer Esser fühle. Geht das nicht?«

»Später, Susanna«, beschwichtigt er sie erleichtert. »Jetzt mußt du dich mit den neuen Verhältnissen vertraut machen. Nicht wahr, das siehst du ein? Wir finden schon eine nützliche Beschäftigung für dich. Es spricht für dich, daß du nicht untätig sein willst.«

Wegner ist wieder völlig im Gleichgewicht. Nein! Er hat sich nicht in Susanna Holden getäuscht.

»Weißt du was, Susanna«, schlägt er in seiner gütigen Art vor, »du mußt neu eingekleidet werden. Ich werde mit meiner Schwägerin sprechen. Sie muß mit dir in die Stadt fahren.«

»Bitte nicht«, fleht sie. »Ich – ich möchte nicht mit ihr gehen.«

»Wie wäre es, wenn wir beide uns zu einem Stadtbummel aufmachen? Heute morgen habe ich nichts auf dem Gericht zu tun. Also haben wir Zeit. Mach dich fertig, wir fahren gleich los.«

»Ja«, sagt sie gehorsam, aber ohne jede Freude. Lange sieht sie auf die geschlossene Tür. Er meint es sicher gut mit ihr, sie fühlt es. Doch was bezweckt er eigentlich mit dieser Güte? Sie ist voller Mißtrauen.

Von der Veranda aus sehen Peter und Ly Doktor Wegner und Susanna das Haus verlassen. Sie gehen Seite an Seite die kiesbestreute Auffahrt hinunter. Zart wirkt Susanna neben der hohen Erscheinung, zart und zerbrechlich. Jetzt legt er leicht die Hand auf Susannas Schulter, und Ly entfährt ein Entsetzenslaut.

»Du lieber Himmel«, stößt sie atemlos hervor, »er wird sich doch nicht in das junge Ding verliebt haben?«

»Das ist ja Unsinn, Tante Ly«, sagte Peter, obgleich die kleine Geste ihm einen heillosen Schreck versetzt hat. »Vater ist einundfünfzig und das Mädchen höchstens achtzehn Jahre alt. Nein, das glaube ich nie und nimmer.«

»Abwarten, Peter«, erwidert sie spöttisch. »Wäre nicht das erste Mal, daß ein alternder Mann sich in ein junges Mädchen verliebt hat.«

Stumm, scheu, wie ein verirrtes Kind sitzt Susanna neben Doktor Wegner im Auto.

»Weißt du, Susanna«, unterbricht er die Stille, »seit dem Tod meiner Frau weiß ich in der Mode wenig Bescheid. Machen wir zuerst einen Schaufensterbummel, und dann wählen wir aus, was uns gefällt.«

»Ich – ich möchte nichts geschenkt haben«, preßt sie abwehrend hervor.

Er lacht belustigt dazu. »So kannst du unmöglich herumlaufen. Das siehst du hoffentlich ein.«

Susanna sieht an ihrem schäbigen Kleid hinab.

»Wie Sie wünschen, Herr Doktor«, lenkt sie bescheiden ein. »Aber nur das Nötigste. Vielleicht kann ich mir selbst Geld verdienen und mir kaufen, was ich brauche.«

»Vorerst kaufen wir das Nötigste ein«, bestimmt er energisch. Wegner parkt in der Stadt den Wagen, und dann gehen sie die breite, belebte Straße mit den modernen Schaufenstern entlang.

Unauffällig beobachtet er sie. Manch­mal leuchtet es in den graugrünen Augen auf.

Dann dirigiert er sie sofort in das Geschäft. Mit unfehlbarem Geschmack wählt Susanna die einfachsten aber vornehmen Dinge aus. Die Pakete häufen sich, und als Wegner alles gut verstaut hat, fordert er Susanna in ein kleines Café zu einer Erfrischung auf. Sie folgt ihm willig. Wie sie überhaupt alles über sich ergehen läßt.

Plötzlich wendet sie sich an Doktor Wegner, der mit Genuß seine Zigarre raucht und seinen Kaffee trinkt.

»Sie werden ganz gewiß Unannehmlichkeiten meinetwegen haben.« Ihre Augen stehen groß, dunkel und ängstlich in dem blassen Gesicht. »Bedenken Sie nicht die Stellung, die Sie einnehmen?«

Er lacht unterdrückt auf. »Liebes Kind, du bist nicht die erste, der ich geholfen habe –«

»Haben Sie sie auch in Ihr Haus genommen?« forscht sie ernsthaft.

»Nein«, sagt er ehrlich. »Bisher gab es andere Möglichkeiten. Bei dir war es etwas anderes. Ich spüre, daß du nicht die Wahrheit vor Gericht gesagt hast, daß du viel verschweigst, was dir zum Verhängnis geworden ist. Das will ich ergründen.«

Ihr junges Gesicht wird verschlossen. »Es gibt nichts bei mir zu ergründen.«

Er blickt sie prüfend an und wiegt den Kopf hin und her.

»Du kannst vor mir nichts verbergen, Susanna. Ich habe zuviel Erfahrungen gesammelt. Warum machst du dich schlechter, als du bist?«

»Ich bin, wie ich bin«, wehrt sie kurz ab.

»So wirst du aber nicht bleiben, Susanna«, meint er hoffnungsvoll. »Du wirst alles Schwere vergessen. Du wirst das Leben eines Tages noch schön finden. Dann sprechen wir uns wieder.«

Sie zuckt nur die Schultern.

»Warum geben Sie sich so viel Mühe mit mir? Ich bin ein undankbares Objekt.«

Lange betrachtet er das blasse, feingeschnittene Gesicht, in dem nichts von Gemeinheit oder Verworfenheit liegt.

»Du kennst dich ja selbst nicht, Susanna. Wir wollen uns in einem halben Jahr wiedersprechen. Dann wirst du meine Worte bestätigen.«

»Jedenfalls danke ich Ihnen für all die schönen Dinge.« Ein warmer Schein tritt in ihre sonst gleichgültig dreinblickenden Augen. »Noch habe ich sie nicht verdient.«

»Laß mir die Freude am Schenken, Susanna. Geben ist seliger denn nehmen, weißt du das nicht?«

»Ich – ich habe auch immer –«

Sie verstummt schlagartig. Nein! Von sich will sie nichts erzählen. Er hat wohl ihren Anlauf und ihr Stocken bemerkt. Aber er kommt nicht dazu, sie zum Weitersprechen aufzumuntern. Ein Schatten fällt über den Tisch, und eine tiefe, warme Stimme reißt Susannas Kopf empor. Sie sieht mitten hinein in die strahlenden braunen Augen Doktor Conny Eislers.

»Störe ich?« erkundigt er sich bescheiden. Doktor Wegner schüttelt ehrlich erfreut den Kopf und weist auf den freien Stuhl neben sich.

»Danke!« Doktor Eisler nimmt Platz und blickt Susanna lange an. Sie macht sich an ihrer Tasche zu schaffen, aber sie fühlt diesen Blick, der auf ihrem Gesicht brennt.

»Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen«, beginnt Eisler das Gespräch, sich direkt an Susanna wendend. »Meine Schwester wollte Sie einladen. Würden Sie diese Einladung annehmen?«

Langsam hebt Susanna die Lider. Hilfesuchend blickt sie auf Doktor Wegner, der nickt ihr freundlich zu.

»Wenn Sie sich meiner nicht schämen – komme ich gern«, sagt sie leise.

»Schämen?« Doktor Eisler dehnt das Wort erstaunt im Mund. »Weshalb denn?«

»Nun – Sie wissen doch –«

Er lächelt nachsichtig. »Ich weiß, daß Sie ein junges Mädchen sind, das gleichaltrige Freundinnen nötig hat. Meine Schwester mag Sie gut leiden.«

Und wie steht es mit Ihnen? – möchte Susanna am liebsten fragen. Sie neigt den Kopf.

»Ich weiß nicht«, zögert sie.

»Selbstverständlich wirst du die Einladung annehmen«, fällt Doktor Wegner ein und wirft dem jungen Kollegen einen freundlichen Blick zu. »Ich halte es für sehr gut, wenn du unter die Leute kommst.«

»Wenn Sie es – wünschen.« Das klingt höflich, aber durchaus nicht erfreut.

»Sie scheint das beinahe als Befehl aufzufassen.« Jetzt lacht Doktor Eisler leise auf. »Dabei wollte ich Ihnen eine Freude machen.«

Seine Augen lassen ihren Blick nicht los. Er liest Verwirrung darin. Ein wenig verzieht sich ihr Mund.

»Ich weiß nicht.«

Dieses zögernde »Ich weiß nicht«, macht ihn bald verrückt, und er drängt: »Was wissen Sie nicht?«

»Ob es Ihnen auch Freude macht«, sagt sie schließlich leise, zögernd. »Denken Sie daran, was hinter mir liegt.«

»Das eben sollen Sie vergessen«, erwidert er hartnäckig, und Doktor Wegner schmunzelt in sich hinein. Der Junge geht mit allem Elan an die Sache. Scheint, als liebe er Susanna tatsächlich. Schon damals, bei ihrer Unterhaltung in seinem Haus, war ihm dieser Gedanke gekommen. Was er aber nicht wußte und was beide vor ihm verborgen hielten, jeder aus einem anderen Grund, war, daß sie sich lange vorher in der »Ohio-Bar« unter merkwürdigen Umständen begegnet waren.

Ihr Gesicht umschattet sich. »Ich möchte es so gern – aber die anderen«, flüstert sie.

»Welche anderen –?«

»Warum quälen Sie mich?« stößt sie erregt hervor. »Sie wissen genau, was ich meine.«

Doktor Wegner legt seine Hand beruhigend auf ihre mit der Tasche spielenden Finger.

»Er meint es doch nur gut, Susanna. Außerdem ist Conny ein wirklich feiner Bursche. Mir kannst du das glauben.« Er blinzelt dabei Conny zu, und dieser wird verlegen.

»Aber Herr Doktor«, wehrt er ab. »Sie sind mir schon lange ein Vorbild. Aber ich werde es nie erreichen – nie!«

Sekundenlang ruht Wegners Blick auf Connys verlegenen Züge. Er nimmt einen langen Zug aus seiner Zigarette, schnippt bedächtig die Asche ab und sagt mit fühlbarer Traurigkeit:

»Doch, doch, Conny. Sie sind wirklich ein durch und durch anständiger und vor allem verständiger Mensch, und Sie haben sich Susanna gegenüber einfach prachtvoll benommen. Wäh­rend Peter…«

Er verstummt jäh. Nein! So tief kann er sich nicht ins Herz blicken lassen und von seiner großen Enttäuschung, die ihm der eigene Sohn bereitet hat, sprechen.

Und Conny ist viel zu taktvoll, um weiter zu fragen. Aber er ist erstaunt. Etwas stimmt da nicht zwischen Peter und seinem Vater. Und es muß mit Susanna zusammenhängen. Nun, er wird es auch noch ergründen. Peter ist mitteilsam.