Karl Bühler: Sprache und Denken -  - E-Book

Karl Bühler: Sprache und Denken E-Book

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Beschreibung

Der Band "Sprache und Denken" versammelt erstmalig alle denkpsychologischen Frühschriften von Karl Bühler. Dieser Teil seines Werks leistete einen bedeutenden Beitrag zur Würzburger Schule - von Franz Brentano über Oswald Külpe bis zu all deren herausragenden Schülern wie etwa Anton Marty, Edmund Husserl, Christian von Ehrenfels oder Carl Stumpf. Karl Bühlers denkpsychologische Arbeiten führten nicht nur zu der sogenannten ›Wundt-Kontroverse‹, die den jungen Privatdozenten quasi über Nacht berühmt machte. Sie bildeten ebenso die Grundlagen der kognitiven Wissenschaften und damit auch für Bühlers Meisterwerk "Sprachtheorie". Die Kommunikationswissenschaft wäre ohne ihre denkpsychologischen Fundamente kaum vorstellbar.

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Seitenzahl: 574

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bibliografische Information Der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Achim Eschbach (Hrsg.)

Karl Bühler:

Sprache und Denken

Köln: Halem, 2015

Dieses E-Book basiert auf dem gleichnamigen Buch welches 2015 im Herbert von Halem Verlag erschien

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

http://www.halem-verlag.de

Die Rechte an den Texten und Abbildungen liegen beim Bühler Editions-Projekt an der Universität Duisburg-Essen (Achim Eschbach)

© Copyright Herbert von Halem Verlag 2015

Print:

ISBN 978-3-86962-096-1

E-Book (PDF):

ISBN 978-3-86962-153-1

E-Book (EPUB):

ISBN 978-3-86962-170-8

UMSCHLAGGESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf

SATZ: Herbert von Halem Verlag

Copyright Lexicon © 1992 by The Enschedé Font Foundery.

Lexicon ® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundery.

Karl Bühler

Sprache und Denken

herausgegeben von Achim Eschbach

Inhaltsverzeichnis

Über die Tieferlegung der Fundamente. Einleitung des Herausgebers

VON ACHIM ESCHBACH

Studien über Henry Home

VON K. BÜHLER

Eine Analyse komplizierter Denkvorgänge

VON K. BÜHLER

Remarques sur les Problèmes de la Psychologie de la Pensée

PAR M. KARL BÜHLER

Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge

VON KARL BÜHLER

Nachtrag.Antwort auf die von W. Wundt erhobenen Einwände gegen die Methode der Selbstbeobachtung an experimentell erzeugten Erlebnissen.

VON KARL BÜHLER

Kritische Nachlese zur Ausfragemethode

VON W. WUNDT

Zur Kritik der Denkexperimente

VON KARL BÜHLER

Eine Bemerkung zu der Diskussion über die Psychologie des Denkens

VON KARL BÜHLER

Assoziationslehre und neuere Denkpsychologie

VON HANS HENNING

Replik

VON KARL BÜHLER

Quellenverzeichnis

Über die Tieferlegung der Fundamente. Einleitung des Herausgebers

VON ACHIM ESCHBACH

Nach einer langen Phase eher verhaltener Rezeption, erzwungen durch Vertreibung durch die Nazis, Verlust des vertrauten muttersprachlichen Kontextes und abgeschnitten von weiten Teilen der Fachliteratur, setzte vor ca. 30 Jahren eine Bühler-Renaissance ein, die vor allen Dingen von den verdienstvollen Übersetzern von Karl Bühlers Sprachtheorie, den Herausgebern diverser Sammelbände und den Autoren immer zahlreicherer Zeitschriftenaufsätze eingeleitet und getragen wird (vgl. die Literaturverzeichnisse in ESCHBACH 1984; ESCHBACH/HALAWA 2006 sowie BÜHLER 2012). War damit erst einmal der Blick zurück auf Bühlers Meisterwerk gerichtet, blieb dennoch ein großes Stück Arbeit unerledigt: Dieses Meisterwerk war nicht plötzlich und unerwartet vom Himmel gefallen, sondern – wie Bühler selbst betont – in 25-jähriger Arbeit akribisch vorbereitet worden, was mit den Schriften zur Sprachtheorie (BÜHLER 2012) anschaulich unter Beweis gestellt wird: Karl Bühler hat seine Sprachtheorie auf einem soliden Fundament errichtet, weshalb es zum besseren Verständnis der Sprachtheorie äußerst nützlich und hilfreich ist, Bühler auf seinem Denkweg zu begleiten.

Nun gibt es bei Bühler noch eine zweite charakteristische Denkbewegung, die nicht die Stufenleiter hinaufführt, sondern in seiner kennzeichnenden Redeweise der Tieferlegung der Fundamente dient. Wir sind dieser zweiten Bewegung im Frühjahr 2014 bei dem von Janette Friedrich und Friedrich Stadler in Wien organisierten Symposium nachgegangen, bei dem es im Kern um Bühlers Krise der Psychologie (BÜHLER 1927) ging. Neben vielen anderen Ergebnissen hat dieses Wiener Symposium zu dem wichtigen Resultat geführt, dass die in der Krise der Psychologie (1927) vorgestellte Axiomatik in nuce die Umrisse einer kritischen Kommunikationswissenschaft enthält, worauf bereits der Bonner Kommunikationswissenschaftler Gerold Ungeheuer (1960) in seinem Beitrag zu Jacobson-Festschrift hingewiesen hat.

Das zweite Resultat des Wiener Symposiums ist allerdings nicht weniger bedeutsam, insofern es speziell im Kapitel der Krise aus der Stoffdenkerei und Freuds immerwährender Tendenz zu individualpsychologischen Argumentationen herausführen sollte. Der erste Punkt ist leicht zusammengefasst. Der Schluss von Materiellem auf Immaterielles ist schlicht unzulässig, eine Stoffentgleisung. Bühler hat die Notwendigkeit einer strikt gesonderten Behandlung des materiellen und des immateriellen Aspekts vor allem in seinem Aufsatz Phonetik und Phonologie (vgl. BÜHLER 2012) herausgearbeitet.

Der zweite Punkt ist keineswegs weniger spektakulär, obwohl sich seit mindestens 100 Jahren prominente Kronzeugen gegen den individualpsychologischen Ansatz aufrufen lassen: Charles Sanders Peirce, John Dewey, George Herbert Mead, Alfred Schütz usw. haben sich in teils heftiger Weise gegen die individualpsychologische Perspektive gewandt oder um mit Peirce zu sprechen:

Hier interessiert uns zunächst nur, »daß der Mensch nicht ganz ist, solange er einzeln ist, daß er wesenhaft ein mögliches Mitglied der Gesellschaft ist. Insbesondere: eines Menschen Erfahrung ist nichts, wenn sie allein steht. Wenn er sieht was andere nicht sehen können, so nennen wir es eine Halluzination. Es ist nicht ›meine‹ Erfahrung, sondern ›unsere‹ Erfahrung, was Gegenstand des Denkens zu sein hat; und dieses ›uns‹ hat unbegrenzte Möglichkeiten« (Peirce, zit. nach VON KEMPSKI 1992: 205).

Vielleicht sollten wir einfach abwarten, was die Publikation von Bühlers Sozialpsychologie erbringt und dann die Diskussion in aller Gründlichkeit und Breite aufnehmen, wozu alle Soziosemiotiker jeglicher Couleur herzlich eingeladen sind.

Die ›Tieferlegung der Fundamente‹ ist für Kenner der Materie mit der Krise noch längst nicht abgeschlossen, weil richtungsweisende Werke wie die Gestaltwahrnehmung (BÜHLER 1913) und Die geistige Entwicklung des Kindes (BÜHLER 1918) vorausgingen. Letztgenanntes Werk dürfte Ludwig Wittgenstein zu einigen handlungstheoretischen Gedanken inspiriert haben, da dieses Buch als Lehrwerk bei der Lehrerausbildung herangezogen wurde, die Wittgenstein am Bühler-Institut absolviert hat (vgl. TOULMIN 1978; BARTLEY 1970).

Damit ist die ›Tieferlegung der Fundamente‹ noch längst nicht abgeschlossen, aber zwischenzeitlich hatte sich die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg, ereignet, der kaum jemanden unberührt ließ und die Welt in ein gigantisches Chaos stürzte, an dem wir ohne Zweifel bis heute zu zehren haben.

Karl Bühler war 1913 seinem Mentor Oswald Külpe nach München gefolgt, wo sie nach ›Vorläufer‹-Stationen ein experimentalpsychologisches Institut aufbauten. Der nächste Schritt wäre wahrscheinlich dann die Annahme eines Rufs an die Universität Wien gewesen, der Külpe bereits in Aussicht gestellt worden war, dem er aber nicht mehr Folge leisten konnte, weil er an einer Infektion gestorben war, die er sich als Militärarzt in einem Hospital zugezogen hatte. Karl Bühler ist auf einigen Umwegen 1922 Külpes legitimer Nachfolger in Wien geworden.

Was ist aber seit 1922 aus der Würzburger Külpe-Schule geworden? Ein erster – oberflächlicher – Blick könnte den Eindruck erwecken, Bühler habe sich von der ursprünglichen, denkpsychologischen Fragestellung der Würzburger völlig abgewandt. Eine etwas sorgfältigere Durchsicht der unglaublich zahlreichen Promotionsschriften, die Bühler zwischen 1922 und 1938 in Wien betreut hat – und da brauchen wir ja gar nicht bei dem immer zitierten Karl Popper anzufangen, der nicht viel mehr getan hat, als Bühlers Krise der Psychologie nachzuerzählen –, belegt eindrucksvoll, dass die denkpsychologische Problematik tatsächlich auf der Tagesordnung stand. Ich würde die Behauptung wagen, dass die Bühler’sche Sprachtheorie der Wiener Zeit nichts anderes als die konsequente Weiterführung der Würzburger Denkpsychologie unter leicht modifizierten Vorzeichen gewesen ist. Zur Erhärtung dieser These soll der vorliegende Band dienen, der Bühlers denkpsychologische Frühschriften in chronologischer Reihenfolge präsentiert.

Wenn man sich darum bemüht, das Netzwerk zu rekonstruieren, in dem Karl Bühler seit Beginn seiner Karriere in Freiburg gelebt und gearbeitet hatte, stellt sich sehr schnell heraus, dass Bühler aus Kongressbesuchen, Gastvorträgen, Korrespondenz etc. über sehr weitreichende Kontakte verfügte, von denen einige in der Bühler-Forschung bislang nicht einmal annähernd adäquat berücksichtigt worden sind.

Ein derartiger Diskussionszusammenhang führt von Immanuel Kant über A. Spir zu Friedrich Nietzsche und Ferdinand de Saussure. Spirs Tochter Hélène war mit Th. Claparède verheiratet, der ein naher Verwandter de Saussures war und mit Bühler eng in verschiedenen Psychologengesellschaften kooperierte.

Gleich zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte Bühler Anregungen aus der schottischen Schule aufgenommen, die er in seiner philosophischen Doktorarbeit und gleich im ersten Absatz seiner Habilitationsschrift verarbeitete, wo es um Wahrnehmungs- oder Erweiterungsurteile geht, wofür Peirce, der sich ebenso wie Bühler auf die schottische Schule stützte, den Terminus ›Abduktion‹ benutzte. Nun wissen wir aus den Pragmatismus-Vorlesungen (PEIRCE 1991), dass ein Wahrnehmungsurteil nichts anderes als eine extreme Form abduktiven Schließens ist, womit gesagt ist, dass gleich zu Beginn des Erkenntnisprozesses für Peirce wie für Bühler die Zeichenproblematik in den Vordergrund gerückt ist, denn eine Abduktion ist ja nichts anderes als ein Zeichen.

Peirce und Bühler sind sich im Laufe der Zeit noch mindestens dreimal – vermittelt – begegnet: Es sollte einmal in einem gesonderten Aufsatz untersucht werden, wie weit die Ähnlichkeit der denkpsychologischen Versuchsreihen gegeben ist, die Charles Sanders Peirce mit seinen Mitarbeitern Joseph Jastrow und Christine Ladd-Franklin an der Johns Hopkins University durchführte, und der Experimente, die Karl Bühler mit seinen Würzburger Kollegen anstellte. Ein weiterer Zusammenhang verweist ebenfalls nach Würzburg: Die langjährige Korrespondenzpartnerin von Charles Sanders Peirce, Victoria Lady Wellby, hatte einen Prize-Essay ausgeschrieben; auf Vorschlag des Herausgebers der Zeitschrift Mind, George Frederick Stout, war Bühlers Würzburger Mentor Oswald Külpe in die Preis-Jury berufen worden. Da Külpe und Bühler jahrelang vertrauensvoll in Würzburg, Bonn und München zusammengearbeitet haben, möchte ich einmal unterstellen, dass die beiden Kollegen auch über diesen Vorgang miteinander gesprochen haben, zumal der bedeutende Soziologe Ferdinand Tönnies späterhin mit dem Welby-Preis ausgezeichnet worden ist. Eine weitere Gelegenheit, bei der sich Peirce und Bühler zumindest indirekt hätten begegnen können, war Oswald Külpes Logik, die der Denkpsychologe Otto Selz posthum herausgegeben hatte und in der expressis verbis auf Peirce Bezug genommen wird. Bedenkt man, dass Bühler im Laufe seiner späteren Karriere über zehn Mal seine Logikvorlesung angeboten hat, besteht Grund zu der Annahme, dass er Külpes Logik zur Orientierung herangezogen hat.

Wenn von der Würzburger Schule der Denkpsychologie die Rede war, wurde diese Schule meistens in einem Atemzug als Külpe-Schule bezeichnet, was ja gut und richtig ist, den Sachverhalt aber nur unvollständig wiedergibt: Vor Külpe hatten nämlich u.a. Franz Brentano und Anton Marty in Würzburg gewirkt und direkt oder über die Vielzahl ihrer herausragenden Schüler (e.g. Carl Stumpf, Edmund Husserl, Alexius Meinong, Christian von Ehrenfels usw.) einen ganz entscheidenden Einfluss auf Bühler ausgeübt, was sich in einer ganzen Reihe ausschlaggebender Momente manifestiert. Diese möchte ich nur kurz andeuten: Brentanos Kategorienlehre und sein Intentionalitätskonzept, Husserls Psychologismuskritik (die er zeitweilig mit Peirce teilte), das für Kant, Husserl und Bühler unverzichtbare Konzept des anschauungslosen (bildlosen) Denkens, das man allen Bildtheoretikern dringendst zum Studium empfehlen möchte, Martys Ausführungen über Semasiologie, von Ehrenfels’ Gedanken über Gestalt und Funktion usw. usw. Diese – unvollzählige – Aufreihung dürfte eindringlich belegen, dass zu einem vertieften Verständnis des komplexen Bühler’schen Ansatzes eine Tieferlegung der Fundamente unverzichtbar ist und dass dabei die deskriptive Psychologie der Brentanisten eine wesentliche Stütze darstellt.

Die bislang erwähnten Philosophen, Psychologen und Sprachwissenschaftler stellen noch längst nicht alle einflussreichen Quellen dar, aus denen Bühler für seine eigenen Werke schöpfen konnte; schon sehr frühzeitig sind amerikanische Wissenschaftler nach Europa gereist (z.B. George Herbert Mead, Edward Bradford Titchener, William James etc.), um sich bei Wilhelm Wundt in Leipzig, Georg Simmel in Berlin oder Georg Elias Müller in Göttingen zu orientieren. Natürlich brachten die Amerikaner auch etwas mit: Der handlungsorientierte Chicagoer Pragmatismus ließ sich in besonders vorteilhafter Weise mit dem Vierfelderschema nach Karl Bühler und Carl Stumpf sowie der Akttheorie der Göttinger und Münchener Phänomenologen verknüpfen. Diese interdisziplinären Anschlussmöglichkeiten haben das Bühler’sche Werk schon immer ausgezeichnet; sie müssten nur noch etwas energischer aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Essen, den 11.10.2014

Achim Eschbach

Literatur

BARTLEY, WILLIAM WARREN: Die österreichische Schulreform als die Wiege der modernen Philosophie. In: Club Voltaire 4 (1970), S. 391 - 396

BÜHLER, KARL: Die Gestaltwahrnehmungen. Experimentelle Untersuchungen zur psychologischen und ästhetischen Analyse der Raum- und Zeitanschauung. Stuttgart [Spemann] 1913

BÜHLER, KARL: Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena [Fischer] 1918

BÜHLER, KARL: Die Krise der Psychologie. Jena [Fischer] 1927

BÜHLER, KARL: Schriften zur Sprachtheorie. Hrsg. von Achim Eschbach. Tübingen [Mohr Siebeck] 2012

ESCHBACH, ACHIM (Hrsg.): Bühler-Studien. 2 Bände. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1984

ESCHBACH, ACHIM; HALAWA, MARK (Hrsg.): Karl Bühler (= Themenheft der Zeitschrift Kodikas/Code 28: 1 - 2 (2005). Tübingen [Narr] 2006

KEMSKI, JÜRGEN VON: Schriften. 3 Bände. Hrsg. von Achim Eschbach. Frankfurt [Suhrkamp] 1992

PEIRCE, CHARLES SANDERS: Vorlesungen über Pragmatismus. Hrsg. von Elisabeth Walther. Hamburg [Meiner] 1991

TOULMIN, STEPHEN: From Form to Function: Philosophy and History of Science in the 1950’s and Now. In: General Semantics Bulletin 45 (1978), S. 72 - 92

UNGEHEUER, GEROLD: Die kybernetische Grundlage der Sprachtheorie von Karl Bühler. In: Kodikas/Code 28: 1-2 (2005), S. 41 - 57

Studien über Henry Home

VON K. BÜHLER

Inhalt

Einleitung

Teil IAllgemeine Charakteristik der Philosophie Homes. Grundbegriffe seines Systems

Voraussetzungen. Teleologie. Der Begriff der Ordnung.Der Begriff der Entwicklung

Teil IIDie Psychologie Homes

1. Abschnitt: Das Erkennen

Das Entstehung unserer Vorstellungen.Die Sinne. Der Begriff »Sinn«Die Ideenfolge.Psychische Mechanik. Einfluss des Willens, des Interesses etc…

2. Abschnitt: Das Fühlen.

Das Gefühlsvermögen. Einteilung der Gefühle. Gefühlsursachen. Gemischte Gefühle. Das Einfühlen.Gefühl und Vorstellung. Gefühlskombinationen

3. Abschnitt: Das Wollen.

Willensvermögen. Willensrichtung. Willensbestimmung.Willensziele. Willensfreiheit

Teil IIIDie Erkenntnistheorie Home’s.

1.Abschnitt: Einleitung und Grundlegung.

Ausgang und Entwicklung der erkenntnistheoretischenAnschauungen Home’s. Methode. Quellen unserer Darstellung

2. Abschnitt: Home’s Realismus.

Halbkritischer Realismus. Das Substanz- und Kausalproblem.Der Glaube. Die persönliche Identität

3. Abschnitt: Home’s Positivismus.

Synthetischer Charakter des Kausalprinzips. Die Geltung des Kausalprinzips.Gottesbeweise. Das Induktionsproblem

4. Abschnitt: Home’s Apriorismus.

Bekenntnis zum Sensualismus. Die apriorischen Erkenntnisse.Entstehung des Substanz- und Kausalbegriffs. System der apriorischen Sätze.Die Formel »Sinn, Vernunft, Erfahrung«

Einleitung

Henry Home, Lord Kames (oder Kaimes) ist in der Philosophiegeschichte in erster Linie als Aesthetiker und Ethiker bekannt und gewürdigt worden. Seiner Aesthetik sind ausser den eingehenden Darstellungen bei Zimmermann, Schasler und H. v. Stein zwei Monographien von Wohlgemuth und Neumann, seiner Ethik eine Monographie von Norden gewidmet worden. Eines fehlt nun allen diesen Darstellungen: der Ueberblick über die gesamte philosophische Gedankenarbeit Homes, die Kennzeichnung seiner Weltanschauung, aus der heraus die besonderen Lehren erst ganz verstanden werden können. Wollte man diese Lücke ausfüllen, dann konnte man die erkenntnistheoretischen Ansichten Homes nicht übergehen; sie enthalten selbst zwar recht wenig bleibende Gedanken und legen für die Tiefe der Forschungen unseres Philosophen gerade kein glänzendes Zeugnis ab, aber sie gewinnen im Rahmen der Philosophiegeschichte durch ihre vielfach oppositionelle Stellungnahme zu den drei Klassikern der englischen Philosophie: Locke, Berkeley und Hume, und ihre enge Beziehung zu der schottischen Schule trotzdem eine beachtenswerte Stellung. Was nämlich schon Windelband bemerkte (Ersch und Grubers Encykl. Art. Kames), dass Home als der eigentliche Begründer der schottischen Philosophenschule bezeichnet werden müsse, werden wir durch unsere Untersuchung vollständig bestätigt finden. Noch wichtiger sind zum Verständnis unseres Philosophen die psychologischen Erörterungen, die er seinen Untersuchungen eingefügt hat; wir werden versuchen, sie zu sammeln und zu einem Systeme zusammenzufassen.

So wird unsere Arbeit zunächst eine allgemeine Charakteristik der Philosophie Homes und dann eine Sonderdarstellung seiner psychologischen und erkenntnistheoretischen Ansichten zu geben versuchen. Zu den schon vorhandenen Einzeldarstellungen wird sie manchfache Ergänzungen bieten, manche Punkte auch in einem neuen Lichte erscheinen lassen. So bekennt sich Home z. B. in seiner Ethik als strengen Deterministen und Norden stellt ihn auch ganz richtig als solchen dar. In seinen psychologischen Ausführungen dagegen schreibt er dem Menschen die Fähigkeit zu, zwischen zwei möglichen Vorstellungsverbindungen willkürlich zu wählen, also das Eintreten der einen oder anderen Vorstellung ins Bewusstsein frei d. h. motivlos selbst zu bestimmen. Repräsentieren nun die Vorstellungen Motive zu verschiedenen Handlungen, so wählt der Mensch, da nach Home Motiv und Handlung in einem untrennbaren gesetzlichen Zusammenhange stehen, also mit der Vorstellung auch die Handlung. Mit dem psychischen Mechanismus ist hier also auch die Lehre von der Determination durchbrochen, und wir stehen vor der eigenartigen Tatsache, dass der Ethiker Home die Wahlfreiheit verwirft, während der Psychologe sie anerkennt, d. h. in Kants Terminologie: der Mensch als Glied einer sittlichen Weltordnung ist unfrei, der Mensch als Glied der Erscheinungswelt dagegen ist frei. Home selbst ist diese Paradoxie nicht zum Bewusstsein gekommen, wir können sie nur einfach konstatieren.

Die Quellen, auf die sich unsere Arbeit stützt, sind folgende:

Elements

Grundsätze

Essays

Principles

Sketches

Von Schriften über Home konnte ich erhalten:

Tytler,

Memoirs of the life and writings of Henry Home of Kames, London 1814.

Mich. Hissmann,

Geschichte der Lehre von der Association der Ideen, Göttingen 1777.

J. G. E. Maas,

Versuche über die Einbildungskraft, Halle 1792.

J. M. Cosh,

The scottish Philosophy biographical, expository, critical, London 1875.

Leslie Stephen,

English Thought in the 18th Century, London 1876.

Windelband,

Artik. Kames in Ersch u. Grubers Encykl.

J. Wohlgemuth,

H. Home’s Aesthetik, Diss. Rost. 1893.

W. Neumann,

Bedeutung Home’s für die Aesth. und sein Einfluss auf die deutschen Aesthetiker, Diss Halle 1894.

J. Norden,

Die Ethik Home’s, Diss. Halle 1895.

Teil IAllgemeine Charakteristik der Philosophie Homes. Grundbegriffe seines Systems.

Home hat seine philosophischen Gedanken nicht selbst zu einem Systeme zusammengefasst. Wir finden sie überall zerstreut in seinen aesthetischen, historischen und juristischen Abhandlungen, denen sie teils eine festere Grundlage, teils einen abgerundeten Abschluss bieten sollen. Nur seine »Essays on the principles of morality and natural religion« bieten uns eine grössere zusammenhängende philosophische Gedankenreihe.

Der Versuch, die zerstreuten Einzelausführungen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufassen oder wenigstens die Grundlage aufzusuchen, auf der es sich aufbauen liesse, bedarf wohl keiner Rechtfertigung. Denn selbst wenn wir zunächst daran zweifeln wollten, ob Home das psychologische Bedürfnis nach einer einheitlichen Weltanschauung empfunden und sich bestrebt habe, ihm gerecht zu werden, müsste ein Systematisierungsversuch uns seine Gedanken näher bringen und ihr Verständnis erleichtern. Sein Wert muss aber erheblich steigen, wenn wir ihn seines hypothetischen Charakters entkleiden und beweisen können, dass die Einheit, die wir selbst suchen, für Home eine bewusste und erstrebte Tatsache war. Diesen Beweis bietet uns die Schlussübersicht der Essays. Sie ist zunächst als Leitfaden für den Gedankenfortschritt in den Essays gedacht, entwickelt sich aber zu einer Skizze der gesamten Weltanschauung Homes:

»Der Gegenstand dieser Versuche ist der Mensch. Wir haben keine Luftgebäude der Einbildung aufgeführt, seine Natur zu erheben oder zu erniedrigen. Wir haben nur das auszumachen gesucht, ob seine Fähigkeiten und Kräfte seinen gegenwärtigen Umständen gemäss sind, um ihn zu der Rolle, die er in diesem Leben spielen soll, geschickt zu machen?« (Essays II, S. 98f.)

Diese Sätze enthalten das Programm und die Einheitsformel der Philosophie Homes. Alle seine Untersuchungen gipfeln in der einen Frage: Ist der Mensch geschickt, in seinem Systeme eine passende Rolle zu spielen, d. h. ist er seinem Lebenszwecke entsprechend eingerichtet?1 Es ist also die praktische Seite der Philosophie, die Home ausschliesslich interessiert oder doch sein letztes Ziel ist: der Mensch mit seinen Fähigkeiten ist der Gegenstand seiner Philosophie. Er bildet den Mittelpunkt und das Ziel aller philosophischen Untersuchungen; auch die rein theoretischen Fragen werden immer einem praktischen Zwecke untergeordnet. Zur Charakterisierung der Methode der Untersuchungen enthalten die angeführten Sätze negativ eine Abweisung jeder Spekulation, ihre positive Bestimmung als psychologische Induction ist in den weiteren Ausführungen der Schlussübersicht enthalten.

Wie aber kommt Home zu der Erkenntnis der Rolle, die der Mensch spielen soll? Mit dieser Frage sind wir an der ersten Voraussetzung der Home’schen Philosophie angelangt. Wir brauchen nur irgend eines seiner Werke aufzuschlagen, um fast auf jeder Seite dem Zweckbegriffe zu begegnen. »Wir sehen hier eine wunderbar zweckmässige Einrichtung der Natur« oder »wir können die Weisheit und Güte des Schöpfers, die uns aus dieser Einrichtung entgegenleuchtet, nicht genug bewundern«, sind stereotype Ausdrücke Homes. Dieses Ueberwiegen der teleologischen Betrachtungsweise ist schon von Tytler, dem Biographen unseres Philosophen, als ein charakteristisches Merkmal seiner Philosophie bezeichnet worden: »So universally indeed is this argument diffused through the authors writings, that we are induced to conclude, he regarded it as a primary object of his philosophy« (1. c. Append. ). Tytler verteidigt die teleologischen Untersuchungen, wenn sie mit Vorsicht und passend angestellt werden, und fügt eine Widerlegung der landläufigen Einwände gegen sie bei in Form eines Auszuges einer physico-theologischen Abhandlung, die er selbst i. J. 1798 veröffentlicht hat. Alle Einwände lassen sich nach ihr auf 3 Sätze zurückführen:

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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