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Karl Polanyi (1886–1964) gilt als einer der großen Denker der Sozialwissenschaft und Ökonomie. Geboren in Wien, aufgewachsen in Budapest, kehrte er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Geburtsstadt zurück. 1933 emigrierte er nach England und ging später in die USA. Dort verfasste er während des Zweiten Weltkriegs sein bekanntestes Werk „The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen“, das heute zu den Klassikern der Soziologie zählt. Polanyi betätigte sich als Sozialwissenschaftler, Ökonom, Journalist, Historiker und Anthropologe. Er prägte Kategorien wie jene von der „Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft“ oder der „Doppelbewegung“, die längst Standard im sozialwissenschaftlichen Diskurs sind. Die Tatsache, dass seine Arbeiten auch fünfzig Jahre nach seinem Tod immer noch aktuell sind, resultiert auch aus der Bedeutung, die marktfundamentalistische Ideen erneut gewonnen haben. Mit Beiträgen u.a .von Michael Brie, Sabine Lichtenberger, Peter Rosner, Elisabeth Springer, Claus Thomasberger u.v.a. sowie einem Interview mit Kari Polanyi Levitt, der Tocher Karl Polanyis, geführt von Michael Burawoy.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2019
Am 8. Mai 2018 wurde in Wien die International Karl Polanyi Society gegründet. Sie markiert einen neuen Beginn der Auseinandersetzung mit einem Denker, der im angelsächsischen Raum als Jahrhundertfigur gilt.
Dieses Buch bietet eine Einführung in Polanyis Hauptwerk „The Great Transformation“, eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts.
Es liefert Hintergründe zur intellektuellen Biografie Karl Polanyis, bringt biografische Skizzen seiner Familienmitglieder, erläutert die für Polanyi prägenden Milieus Budapest, Wien, London und New York und verdeutlicht seine Beziehung zu Zeitgenossen wie Keynes, Mises und Hayek.
Bedeutende Polanyi-Forscherinnen und –forscher, an erster Stelle seine Tochter Kari Polanyi-Levitt, erklären Polanyi’sche Begriffe wie „fiktive Waren“ und wenden seine Analyse gegen eine Zeit, in der offenbar alles der Mechanik des Markts unterworfen wird.
BRIGITTE AULENBACHER, MARKUS MARTERBAUER, ANDREAS NOVY, ARMIN THURNHER (HG.)
KARLPOLANYI
Wiederentdeckung eines Jahrhundertdenkers
FALTER VERLAG
© 2019 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. 1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: [email protected], W: www.falter.at
Coverillustration: P. M. Hoffmann
Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub: 978-3-85439-655-0
ISBN Kindle: 978-3-85439-648-2
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-627-7
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2019
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
I. Die Renaissance
Die Grenzen einer Marktgesellschaft
„Viele weiden auf Polanyis Wiese“
Fiktive Waren und drei Wellen der Vermarktlichung
„Du als Deutscher bist nichts mehr wert“
II. Persönliches, Historisches
„Wo immer mein Vater lebte, war er involviert“
Freiheit in einer bedrohten Gesellschaft
Rebellin von Geburt, unbeugsam ein Leben lang
Von der Entwicklungsökonomin zur Wegbereiterin der Polanyi-Renaissance
Von der physikalischen Chemie zur Philosophie des Wissens
Milieus in Karl Polanyis Leben
Karl Polanyi in Budapest
„The Earliest Beginnings of His Later Teaching Life“
III. Inhalte, Wirkungen
The Great Transformation: Reflexionen über eine liberale Illusion
Welche Freiheit für wen? – Friedrich Hayek und Karl Polanyi
Karl Polanyi, Ludwig von Mises und die Frage der Planung
Karl Polanyi und John Maynard Keynes: zwei gegen den Mainstream
Karl Polanyi und Nancy Fraser im Dialog
Warum Polanyi Natur „fiktive Ware“ nennt
Sorgemärkte: Vom sorglosen zum sorgenden Kapitalismus?
Wissen als „fiktive Ware“ und die Wissensgesellschaft
Die zweite große Transformation
IV. Warum Polanyi jetzt?
Es ist Zeit für Veränderung!
Warum Polanyi heute in Wien?
Schlag nach bei Polanyi
Polanyi-Forschung international
Anhang
Autorinnen und Autoren
Endnoten
ARMIN THURNHER
Wir leben in einer großen Transformation. Niemand wird das bestreiten. Globalisierung, Digitalisierung, Neoliberalisierung, Klimawandel – wer kann die Schlagwörter noch hören? Eine dramatische Auswirkung des Umbruchs, in dem wir uns befinden, zeigt sich in der Ratlosigkeit traditioneller linker Politik. In einer Zeit, die ihr mehr Angriffsflächen böte als jede andere, weiß sie nicht mehr, auf wen sie sich beziehen kann und soll. So kommt mit großer Verzögerung auch bei uns das Werk Karl Polanyis ins Blickfeld.
Am 8. Mai 2018 wurde in Wien die International Karl Polanyi Society gegründet. Im Rahmen der Gründungstagung in der Wiener Arbeiterkammer wurden zahlreiche substanzielle Referate zum Thema gehalten, von denen einige in einer Beilage zur Wiener Wochenzeitung Falter mit dem Titel „Transformation des Kapitalismus? Karl Polanyi, Wiederentdeckung eines Ökonomen“ dokumentiert wurden. Die Tagung fand nicht von ungefähr an diesem Ort statt, denn für Polanyi stellten die Leistungen des Roten Wien einen Höhepunkt westlicher Zivilisation dar.
Die Beilage bildet die Grundlage des vorliegenden Buchs. Präsident und Vizepräsidentin der International Karl Polanyi Society, Andreas Novy und Brigitte Aulenbacher, haben sie mit Markus Marterbauer, Michael Mesch und Reinhold Russinger von der AK Wien und dem Autor konzipiert. Vor allem haben sie wesentliche Beiträge dazu geleistet und mit ihren Beziehungen ermöglicht, dass die Blüte der Polanyi-Forschung in diesem Heft schreibt. Und dass die Ökonomin Kari Polanyi-Levitt, Tochter Karl Polanyis und Nachlassverwalterin seines Werks, nun auch Ehrenpräsidentin der International Karl Polanyi Society, in diesem Buch mit einem großen biografischen Interview über ihren Vater vertreten ist.
Neu ist die Einleitung in das Werk Polanyis. Einige Beiträge wurden überarbeitet, andere wesentlich erweitert, wie jener von Michael Mesch über die biografischen Milieus von Karl Polanyi. Das Buch soll auch hierzulande einen Neubeginn der Auseinandersetzung mit einem Denker ermöglichen, der im angelsächsischen Raum als Jahrhundertfigur gilt.
Karl Polanyi bietet keine Politikanweisung. Er bietet nur Analysen. In Debatten der angelsächsischen Linken spielt er eine prominente Rolle. In politisch dürftigen Zeiten, wo sogenannte Politikberater den Ton angeben und Social-Media-Teams die Öffentlichkeit prägen, gibt das Werk Karl Polanyis Denkanstöße der substanziellen Art. In diesem Sinne will das Buch zum Weiterdenken und Weiterdebattieren anregen.
Was macht Karl Polanyi so aktuell, dass man ihn sogar „die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts“ nannte? Dass die Zeit, die er analysierte, der Aufstieg der schrankenlosen Marktgesellschaft, frappierende Ähnlichkeiten mit unserer Zeit aufweist. Was ist das überhaupt, eine Marktgesellschaft? Und zeigt sich eine Gegenbewegung nach von Polanyi analysierten Mustern nicht gerade bei denen, die man „völkische Populisten“ nennen kann? Und wie sieht es aus, betrachtet man die Printmedien mit der Renaissance Polanyis im angelsächsischen Raum?
Oder: warum „Polanyi die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts sein sollte“
BRIGITTE AULENBACHER, VERONIKA HEIMERL, ANDREAS NOVY
In seiner Würdigung der Arbeiten Karl Polanyis sagt der international renommierte französische Ökonom Robert Boyer, „dass Polanyi die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts sein sollte“. Was macht seine Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus heute so brisant? Polanyi untersuchte in seinem 1944 erschienenen Hauptwerk „The Great Transformation“ den Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts, den Börsenkrach von 1929 und die Große Depression sowie das kommunistische, faschistische und demokratische Ringen um die Neuordnung der Gesellschaft. Warum wurden diese Reflexionen seit den 1980er-Jahren, vor allem aber nach 1989 unter den Vorzeichen einer neuen Phase der Globalisierung wiederentdeckt und warum lässt sich heute geradezu von einer Polanyi-Renaissance sprechen? Vier Gründe lassen sich anführen, die die Einzigartigkeit von Polanyis Kapitalismuskritik hervorheben.
Die zerstörerische Macht des Marktes
Karl Polanyi war nicht nur ein Vordenker der Kapitalismuskritik, sondern auch ein unkonventioneller Querdenker. Als Journalist, Volksbildner, Wissenschaftler schrieb er teils essayistisch, was seine Schriften ebenso verständlich wie eindringlich macht. Informiert durch die Rechts-, Wirtschafts-, Sozialwissenschaften, Philosophie und Anthropologie ist sein Gesamtwerk weit gespannt und auch sein Hauptwerk bewegt sich quer zu disziplinären Spezialisierungen und über sie hinweg. So gelingt es ihm, das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft neu zu definieren.
Historisch weit ausholend zeigt er, wie in vorindustriellen Gesellschaften wirtschaftliches Handeln Teil des sozialen und kulturellen Lebens war. In der Regel wurden ökonomische Interessen (wie Gewinnstreben und Preissetzungen) sozialen und politischen Motiven (wie Status und Stabilisierung der bestehenden Gesellschaftsordnung) untergeordnet. Der Tausch auf Märkten war einzig eine von vielen wirtschaftlichen Institutionen. Umverteilung (Redistribution) durch eine Zentralmacht lebt heute in der Sozialversicherung und im Steuerstaat fort; doch schon in bäuerlichen Gemeinschaften kam beispielsweise der zentralen Lagerhaltung eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung zu. Gegenseitigkeit (Reziprozität) gehört zum Zusammenleben in der Familie, in der Hauswirtschaft und lebt in Nachbarschaften fort. Gegenseitigkeit prägt aber auch bis heute den Zusammenhalt von Burschenschaften oder die Vettern- und Parteibuchwirtschaft.
Mit der Herausbildung des Industriekapitalismus änderte sich Karl Polanyi zufolge die untergeordnete Stellung der Ökonomie. Erstmals in der Geschichte (wirtschafts-)liberalen Denkens wird die Idee des „selbst-regulierenden Marktes“ für die Ausgestaltung des Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft leitend. Die Verhältnisse verkehren sich: Die Prinzipien und Mechanismen des Marktes beginnen die Wirtschaft und letztlich die Gesellschaft zu beherrschen. Dies „(…) bedeutet nicht weniger als die Behandlung der Gesellschaft als Anhängsel des Marktes. Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet“ (Polanyi 2015, S. 88). Es geht Polanyi nicht um Marktkritik per se. Auch Polanyi würdigt die Errungenschaften, die sich aus technischem Fortschritt und aus dem liberalen Wertekanon ergeben, der das Recht auf Nonkonformismus und Rechtsstaatlichkeit festschreibt. Wohl aber kritisiert er scharf eine Entwicklung, in der Märkte zu Taktgebern des gesellschaftlichen Lebens werden.
Im Finanzmarktkapitalismus, wie er sich nach 1989 herausgebildet hat und auch durch die Krise 2008/09 nicht zu Fall gebracht worden ist, ist diese Marktmacht in bis dato unbekanntem Ausmaß zur Geltung gelangt und dringt in alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens vor. Alles wird käuflich, alles kann zur Ware werden: Finanzialisierung und ihre Folgen im Gesundheitswesen, im Immobiliensektor und in vielen weiteren Bereichen prägen den gesellschaftlichen Alltag. Kommodifizierung – etwas zu einer Ware machen – erstreckt sich auf alle wirtschaftsrelevanten „Elemente“, auch solche, die dazu nicht vorgesehen sind: Land als Metapher für Natur, Arbeit als Inbegriff menschlicher Tätigkeit, Geld als Mittel des Tausches – sie sind bloß „fiktive Waren“ (Polanyi 2015, S. 102). Werden sie den Dynamiken der „Marktwirtschaft“ in einer „Marktgesellschaft“ untergeordnet und unterworfen, gefährden sie damit die Gesellschaft in ihrer Substanz. Wenn Arbeit als eine Ware wie alle anderen gilt, dann werden Kollektivverträge obsolet und Prekarisierung wird unvermeidbar. Wenn kurzfristige Geschäftsinteressen wichtiger sind als Klimaschutz, gefährdet dies die ökologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Es sind aber nicht nur die auf Anhieb als zerstörerisch erkennbaren Entwicklungen, die an die Substanz der Gesellschaft gehen, sondern auch die subtileren Mechanismen, mit denen Menschen gezwungen werden, sich in der „Marktgesellschaft“ einzurichten. Diese suggerieren nämlich ein neues Ausmaß an individueller Freiheit für diejenigen, die erfolgreich mitspielen: als Unternehmer und Unternehmerinnen ihrer selbst, als Ich-AGs, Best-Ager etc. Schließlich sind weitere Elemente zu nennen, auf die Polanyis Konzept der „fiktiven Waren“ angewandt werden kann: So wird das Wissen etwa zur Ware, wenn Universitäten zusehends wie Unternehmen geleitet und an der Marktgängigkeit ihrer Forschungs- und Lehrergebnisse bemessen werden oder wenn indigenes Wissen patentiert zur Ressource industrieller Medikamentenproduktion wird.
Die Neuordnung der Gesellschaft
Geschichte wiederholt sich nicht. So sind die gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Ordnung und Neuordnung nicht mit den Umwälzungen gleichzusetzen, die die Folge von Wirtschaftskrise, Faschismus und Krieg waren und deren Zeitzeuge Polanyi war. Mit der Finanzkrise 2008/09 und der nachfolgenden Übernahme der Verluste von privaten Unternehmen durch öffentliche Haushalte hat sich die Krise jedoch zugespitzt. Nachdem sich mit Bewegungen wie Occupy Wall Street und vielen weiteren Protestbewegungen weltweit zunächst progressive Kräfte formierten, beobachten wir seit geraumer Zeit ein Erstarken rechtspopulistischer Parteien, die Herausbildung illiberaler Demokratien und die Verhärtung autoritärer Regime. Erneut – wie zu Polanyis Zeiten – folgt auf das Versagen der Ideologie freier Märkte eine Neuordnung der Gesellschaft. Die Ausrichtung dieser Neuordnung ist jedoch umkämpft. Ihr Spektrum reicht von Ideen einer den Kapitalismus überwindenden sozialökologischen Transformation und einer solidarischen Gesellschaft ohne Wachstumszwang bis hin zu sehr realen Entwicklungen eines autoritären Kapitalismus in wirtschaftlich dynamischen Schwellenländern, aber auch innerhalb der Europäischen Union. Reaktionäre Ordnungsvorstellungen und der Rückgriff auf traditionelle Geschlechterverhältnisse und nationale Identitäten können hierbei sowohl mit neoliberalen als auch globalisierungskritischen Ansätzen einhergehen.
Karl Polanyi hat solche Entwicklungen mit dem Konzept der „Doppelbewegung“ (Polanyi 2015, S. 102, 185, 207 f.) zu erfassen versucht. Für ihn ist die Gesellschaftsgeschichte ab dem 19. Jahrhundert das Ergebnis einer „Doppelbewegung“, einer „Bewegung“, mit der sich die Idee des „selbst-regulierenden Marktes“ durchsetzte, und einer „Gegenbewegung“, in der sich gesellschaftliche Gruppierungen sowie staatliche Institutionen auf unterschiedliche Weise vor den negativen Dynamiken der Marktwirtschaft zu schützen suchen. Angst vor der Kommodifizierung von Land, Arbeit, Geld und Wissen wird zu einer diffusen Sorge um die Zukunft. Dies kann für neue progressive Allianzen genutzt werden, wie Bernie Sanders in den USA und Ada Colau in Barcelona zeigen. Aber auch nationalistische Politiken verstärkter Grenzkontrollen können durchaus als Reaktion auf die Konkurrenz auf globalen Arbeitsmärkten gelesen werden. Karl Polanyis integrierte Analyse eröffnet inspirierende Anhaltspunkte, um über die aktuellen Auswirkungen von wirtschaftlichen Umwälzungen auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken.
Die Visionen einer gerechten und freien Gesellschaft
Wenngleich für wachsende Teile der Gesellschaft der Kapitalismus ökologisch, sozial und ökonomisch kein zukunftsfähiges System ist, so ist damit noch nichts über die Alternativen zu ihm gesagt. Karl Polanyis Nachdenken über eine gerechte und freie Gesellschaft setzt bei der Vorstellung an, dass – wie er es seinerzeit vermutete – die Menschheit nach den Erfahrungen von Diktatur und Krieg nie wieder den Weg einer radikalen Wirtschaftsliberalisierung gehen würde. Unter dieser Voraussetzung sieht er in der Industriegesellschaft eine Grundlage, auf der sich eine gerechte und freie Gesellschaftsordnung herausbilden kann. Was den ersten Punkt angeht, wurden wir inzwischen eines Schlechteren belehrt: Der Finanzmarktkapitalismus hat die Wirtschaftsliberalisierung erneut auf die Spitze getrieben. Was den zweiten Punkt angeht, so ist die Industrialisierung des Lebens in sozialer und ökologischer Perspektive zu einem eigenen Problem geworden, dessen Ursachen nicht allein in der „Marktwirtschaft“ zu suchen und zu sehen sind. Dies hat Zivilisationskritik anderer Art hervorgerufen, bei der es um die destruktiven und befreienden Potenziale technologischer Entwicklungen geht: Die Sharing Economy kann eine Kultur der Commons, des gemeinsamen Nutzens, begründen oder digitale Plattformen als neue globale Monopole schaffen. Wissen kann mit Wikipedia für alle zugänglich sein oder durch Vereinheitlichung die Entstehung globaler Bildungskonzerne ermöglichen, die Wissen enteignen und konzentrieren. Roboter können Arbeitserleichterung schaffen, aber auch die totale Überwachung wird technisch möglich.
Gerade deshalb ist Polanyis pluralistisch-sozialistische Vision von „Freiheit in einer komplexen Gesellschaft“ (Polanyi 2015, S. 329 ff.) von großer Aktualität, wenn es darum geht, über emanzipatorische und solidarische Formen einer postkapitalistischen Gesellschaft nachzudenken. Anders als zu Polanyis Zeiten blicken wir heute jedoch auf eine Geschichte des (Staats-)Sozialismus zurück, die ursprünglich als sozialistisch verstandene Ideen von Gleichheit, Freiheit, Solidarität deformiert und diskreditiert hat. Über eine Neuordnung der Gesellschaft im emanzipatorischen Sinne nachzudenken bedeutet auch, sich mit den historischen Erfahrungen staatssozialistischer Diktaturen auseinanderzusetzen und Wege in eine solidarische Gesellschaft zu suchen, in der sich die Freiheit der Einzelnen mit sozialer Gerechtigkeit und Entfaltungsmöglichkeiten für alle verbindet.
Karl Polanyis zentraler Beitrag, den er auf den letzten Seiten von „The Great Transformation“ ausführt und den wiederzuentdecken lohnt, besteht in einem flammenden Appell gegen Dogmatismus und Vereinfachung. Es ist ein Plädoyer für Dialektik und Pragmatismus. Die Kritik am fehlgeleiteten Glauben an die Selbststeuerungskraft des Marktes darf nicht zu einer Ablehnung von Märkten an sich führen. Die Kritik am exzessiven Individualismus liberalen Denkens darf nicht vergessen lassen, wie bedeutsam das Recht auf Nonkonformismus und der Schutz von Minderheiten ist. Doch gleichzeitig führt kein Weg daran vorbei, dass Gesellschaften nur mit „Planung“, „Regulierung“, „Kontrolle“ (Polanyi 2015, S. 338 ff.) und einem handlungsfähigen Staat gestaltbar sind. Sonst herrscht das Recht des Stärkeren: Digitale Plattformen verdrängen mit Steuer- und Sozialdumping die Konkurrenz; Radfahren bleibt eine Nische für Ökobewusste und geflogen wird weiterhin steuerbegünstigt. Kurzum, ohne „Planung“, „Regulierung“, „Kontrolle“ ist „Freiheit in einer komplexen Gesellschaft“ (Polanyi 2015, S. 329 ff.) nicht möglich, wenn sie mehr sein soll als die individuelle Freiheit der Privilegierteren.
Warum Polanyi die Persönlichkeit des Jahrhunderts sein sollte
Karl Polanyi verdient es, eine zentrale Referenz für das 21. Jahrhundert zu werden, weil sein Denken auf der Suche nach konstruktiven, solidarischen Alternativen hilft. Polanyi ist keinesfalls der einzige Vor- und Querdenker, um in der aktuellen Umbruchphase eine umfassende Systemkritik mit einer konkreten Zeitdiagnose zu verbinden. Es kann nicht darum gehen, Polanyi gegen Marx, Weber, Adorno, Keynes oder viele andere auszuspielen. Querdenken heißt, verschiedene Perspektiven zu nutzen, um in der Vielfalt der aktuellen Dynamiken nicht orientierungslos zu werden. Jedoch gibt es für die Polanyi-Renaissance gute Gründe: Sein Werk lädt ein, das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft neu zu denken. Polanyi hilft, die Gefahren zu erkennen, denen sich eine Zivilisation ausgesetzt sieht, in der materielle Eigeninteressen als einzig legitime gesellschaftliche Interessen gelten: Zahlt es sich aus? Rechnet es sich? Können wir uns dies und jenes leisten? Polanyi hilft uns, dieses ökonomische Denken erneut in größere gesellschaftliche und ökologische Zusammenhänge einzubetten. Nur auf diese Weise können die gesellschaftlichen Belange der Vielen zum Taktgeber der Wirtschaft gemacht werden, statt sie an den individuellen Interessen von wenigen auszurichten.
Und Polanyi lädt – auch in Verbindung mit seiner Biografie – dazu ein, an die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückzugehen und aus der Geschichte zu lernen: aus dem Kampf um Demokratie und Frauenrechte, um Wohlfahrtsstaat und gegen Krieg. Aus den großen Siegen (gegen den Faschismus und beim Aufbau der Völkerverständigung) und schrittweisen Erfolgen (den vielen kleinen Gesetzesänderungen, geänderten Routinen und kulturellen Selbstverständlichkeiten wie der voranschreitenden Gleichstellung der Geschlechter, der breiten Akzeptanz von Homosexualität, der wachsenden Sensibilisierung für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigung) können wir Kraft schöpfen für die Auseinandersetzung mit erstarkenden rechtspopulistischen und autoritären Kräften. Es kann auch wieder anders werden: „[M]ehr Freiheit für alle zu schaffen“ (Polanyi 2015, S. 344) ist möglich. „Freiheit für alle“ bleibt der Horizont konkreter Utopien.
Quellen
Robert Boyer im letzten Teil, „Karl Polanyi – Wirtschaft als Teil des menschlichen Kulturschaffens“, des auf Arte gezeigten sechsteiligen Films von Ilan Ziv, „Der Kapitalismus“.
Karl Polanyi (2015), The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Das Werk Karl Polanyis in deutschsprachigen und angelsächsischen Medien der vergangenen fünf Jahre
ARMIN THURNHER
Viele Texte, nicht nur, aber auch in diesem Buch, legen den Gedanken nahe, die Finanzkrise 2008 habe das Werk Polanyis wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Da ist was dran. Allerdings läuft die Sache im deutschen und im englischen Sprachraum einigermaßen verschieden. Während in England und in den USA die Linke eine Debatte über Polanyi führt und bedeutende Publikumszeitungen und -zeitschriften den Mann und sein Werk vorstellen, gibt es in deutschen und österreichischen Zeitungen durchaus eine Resonanz, aber die Zeitschriften schweigen fast gänzlich. So findet sich im Zeitraum der letzten fünf Jahre weder im Spiegel noch in Zeitschriften wie Profil, Weltwoche oder Brand eins auch nur eine einzige Erwähnung des Namens Karl Polanyi. In der Zeit gab es zwei Erwähnungen, aber keinen nennenswerten Beitrag zum Thema. Lediglich speziell auf Politik ausgerichtete Publikationen wie die Blätter für deutsche und internationale Politik brachten große Beiträge zu Polanyi oder durch Polanyi inspirierte Überlegungen. Mitunter stammten sie aus dem angelsächsischen Raum, etwa von Robert Reich oder Nancy Fraser; Letztere wird in diesem Buch ausführlich diskutiert.
Polanyis Hauptwerk, „The Great Transformation“, erschien 1944; es dauerte 33 Jahre, bis es auf Deutsch herauskam. Außerhalb ökonomischer Fachkreise war der Name Polanyi kaum jemanden ein Begriff. Das immerhin hat sich gründlich geändert. Heute kann man ihn en passant als Hinweismarke verwenden, wie dies der Politologe Ulrich Brand vor kurzem in einem Falter-Interview tat. Wie weit muss Degrowth gehen?, lautete die Frage. Brands Antwort: „Mit Karl Polanyi gesprochen: Wir müssen die gesellschaftspolitische und intellektuelle Gegenbewegung gegen eine immer weiter selbstverständliche, ignorante Naturvernutzung und imperiale Lebensweise einleiten. Dann sind Lernprozesse möglich, die ich bei einigen meiner Studierenden schon sehe: Die wollen gar kein Auto mehr haben, einige sogar nicht mehr fliegen. Sie wollen einfach und gut leben. Das wäre der Horizont: Ein wachsender Teil der Gesellschaft will diese andere Lebensweise“ (Falter, 1.5.2018).
2009 noch konnte die renommierte, bildungsbürgerliche Zeit schreiben, folge man dem „vergessenen Ökonom (sic) Karl Polanyi“, müsse man einsehen, dass „die Industriezivilisation sehr wohl zum Ruin des Menschen führen kann“ (16.7.). Nur noch einmal wird Polanyi wieder erwähnt, als Warner vor „Klimawandel, Wirtschafts- und Finanzkrisen“ (15.9.2011). Zu den wenigen Wochenzeitungen, die Polanyi nicht ausblenden, zählt die Wirtschaftswoche. „Man trifft in Hauptseminaren der Volkswirtschaft heute Studenten, die nicht Adam Smith und Friedrich August von Hayek gelesen haben. Die nicht wissen, wer François Quesnay oder Carl Menger waren. Wofür Albert O. Hirschman oder Karl Polanyi stehen“ (12.10.2018).
Tageszeitungsleser hatten es besser. Die Neue Zürcher Zeitung hatte zwar sicher recht, wenn sie noch 2016 schrieb: „Schumpeter, Galbraith, Hayek und Friedman mögen ein vergleichbares Maß an öffentlicher Bekanntheit erlangt haben wie Keynes und Piketty. Bei Karl Polanyi, Tibor Scitovsky, Albert O. Hirschman und Peter L. Berger ist dies jedoch nicht der Fall“ (29.9.). Doch haben österreichische Qualitätsblätter überraschenderweise einiges zur Polanyi-Renaissance beigetragen. In der Presse vom 25.11.2016 stellte der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Ernst Langthaler seinen ausführlichen Text über „The Great Transformation“ in einen aktuellen Kontext, den Aufstieg Donald Trumps zum Präsidenten der USA. „Was wie ein Kommentar zum Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentenwahl klingt, wurde sinngemäß vor mehr als 70 Jahren gedacht, gesagt und geschrieben. Karl Polanyi beantwortete 1944 in seinem Buch ‚The Great Transformation‘ eine der drängendsten Fragen jener Zeit: den Aufstieg des Faschismus, der – zusammen mit dem Kommunismus – dem 20. Jahrhundert den Stempel ‚Zeitalter der Extreme‘ (Eric Hobsbawm) aufgedrückt hat“, schreibt Langthaler, ohne jedoch Trump als Faschisten zu klassifizieren; er hält ihn für einen Nationalpopulisten, dessen Erfolg sich jedoch mit Polanyis Kategorie der Gegenbewegung erklären lasse (vgl. dazu S. 27 in diesem Buch).
Auch im Standard wird Polanyi ab und an zitiert, etwa vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk am 13.5.2016 in einem Plädoyer für eine europäische Politik, die ein „europäisches Weiterwursteln“ sein müsse. Denn „ihr Zusammenbruch würde jene politischen Kräfte demokratischer Selbstzerstörung freisetzen, die zu einer dramatischen Herausforderung für Europa geworden sind. Sie würde zu jener Regression und völligen Marginalisierung des Halbkontinents führen, die Karl Polanyi kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieben hat.“
Auch über die Ehrung Kari Polanyi-Levitts durch eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wiener Wohnhaus berichteten mehrere hiesige Blätter und gingen bei dieser Gelegenheit auch auf das Werk Karl Polanyis ein. Insgesamt bleibt die Rezeption in Österreich verhalten, wobei es immer wieder lobenswerte Ausnahmen gab: etwa ein großes Porträt Polanyis samt Interview mit Kari Polanyi-Levitt von Tanja Traxler anlässlich der Polanyi-Konferenz in Linz im Standard vom 18.1.2017. Oder diverse Berichte in der Wiener Zeitung, etwa ein Kommentar der Ökonomin Sigrid Stagl für „neue Spielregeln des Wirtschaftens im Anthropozän“ am 29.8.2017.
Für deutsche und Schweizer Tageszeitungen kann man sagen, dass Polanyi je nach Ausrichtung des Blatts zu Ehren kommt oder mitunter auch hämische Kritik erfährt. Die konservative Neue Zürcher Zeitung bleibt erstaunlich neutral und zitiert Polanyi ab und an in großen Essays; so etwa verwenden die Raumplanungsexperten Robert Kaltenbrunner und Olaf Schnur ganz selbstverständlich mit Bezug auf Polanyi den Begriff „Kommodifizierung“ (26.4.2014).
Die Süddeutsche Zeitung und die taz sympathisieren deutlich mit Polanyi. In der Süddeutschen vom 18.6.2018 rezensiert der Politologe Claus Leggewie die Werke von Gareth Dale und Robert Kuttner über Polanyi. Und der englische Literaturprofessor Jeremy Adler schreibt zum Thema Brexit: „Die zutreffende Diagnose stammt von Hayeks Gegenspieler Karl Polanyi. Der Wirtschaftshistoriker hielt den ‚freien Markt‘ für einen Mythos, weil er in Wahrheit auf zahllosen Gesetzen beruhe: ‚Das Laisser-faire war geplant.‘ Die einseitige Bevorzugung des Marktes unterminiere die Demokratie. Eine natürliche Ökonomie sei sozial eingebettet. Nach Polanyi zu urteilen, hat Hayek die Krankheit mit der Kur verwechselt. Der Faschismus entstamme ‚einer Marktwirtschaft, die nicht funktioniert‘“ (SZ vom 25.8.2018). Der Wirtschaftssoziologe Jens Beckert wiederum nennt „The Great Transformation“ als das für ihn wichtigste Buch (14.6.2016). Wenig überraschend wird Polanyi in der taz durchaus zustimmend zitiert, ja, als selbstverständliche Referenz vorausgesetzt (zum Beispiel beim Politologen Franz Walter am 6.4.2013).
Am interessantesten ist die Polanyi-Rezeption in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zwar überwiegt in der FAZ und deren Ableger, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Tenor, Polanyi-Schüler hingen seiner Theorie nur im Rahmen der allgemeinen Ratlosigkeit der Linken an, doch ist es dieses Blatt, in dem ausführliche, manchmal sogar sympathisierende Auseinandersetzungen mit Polanyi stattfinden.
Hier konstatierte die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff unter Bezug auf Polanyis Analyse der Destruktivität des Marktes: „Google führt uns an den Wendepunkt in der Reichweite der Marktwirtschaft. Eine vierte fiktive Ware entsteht hier und wird zum beherrschenden Merkmal der Marktdynamik des 21. Jahrhunderts. Die ‚Realität‘ erfährt dabei dieselbe Umwandlung ins Fiktive und wird als ‚Verhalten‘ wiedergeboren. Dazu gehört das Verhalten der Lebewesen, ihrer Körper und ihrer Dinge, das Verhalten selbst sowie Daten über das Verhalten. Es ist der weltumspannende Organismus samt den winzigsten Elementen darin“ (30.4.2014). Der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker wiederum zitiert Polanyi in seiner Ökonomie der Migration (FAZ 12.1.2016).
Auch Wirtschaftsredakteur Rainer Hank bemerkt in seinem Polanyi-Porträt durchaus zustimmend am Ende: „Viele der heutigen Kapitalismuskritiker weiden auf der Wiese Polanyis. Die Kritik am ‚Ökonomismus‘ und ‚Kapitalismus pur‘, die Mahnung zu Maß und Mitte, die von Sahra Wagenknecht bis Volker Kauder täglich ertönt, hat hier ihren Ursprung. Wenn Bundeskanzlerin Merkel findet, wir brauchten eine ‚marktkonforme Demokratie‘, würden Polanyis heutige Freunde dagegen einen ‚demokratiekonformen Markt‘ fordern“ (FAS 24.8.2018). Obwohl der gleiche Hank, Bezug nehmend auf das Erbe Polanyis, dessen differenzierte Kapitalismuskritik verstimmt, diesem gern auch ‚antikapitalistischen Romantizismus vorwirft (FAS 13.1.2013). Hank kommt immer wieder auf Polanyi zurück, sei es in einer Dickens-Rezension (FAS 16.3.2014) oder in einer Philippika gegen Kapitalismuskritiker, die nicht wüssten, dass sie Polanyis Erben sind (FAS 24.8.2014).
In seinem Text in der FAZ „Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen“ formulierte der Multimillionär und Historiker Rainer Zitelmann den Grund für das instinktive Misstrauen bürgerlicher Publizisten. „Einer der Gründe ist das Unverständnis vieler Intellektueller für den Charakter des Kapitalismus als spontan gewachsener Ordnung. Der Kapitalismus ist – anders als der Sozialismus – nicht ein Gedankensystem, das der Wirklichkeit übergestülpt wird, sondern eine weitgehend spontane, evolutionär entstandene Ordnung, die eher ‚von unten‘ wächst, als von oben angeordnet wird. Historisch ist er gewachsen, so wie Sprachen gewachsen sind. Sprachen wurden nicht erfunden, konstruiert und erdacht, sondern sind das Ergebnis ungesteuerter spontaner Prozesse“ (18.5.2018). Fundamentaler könnte man Polanyi und seine Schule nicht missverstehen, denn ihnen zufolge (siehe oben) ist gerade das Gegenteil wahr: Das Laissez-faire war geplant.
Welch anderes Bild in England und den USA. In England ist der Grund einfach: Jeremy Corbyns Wirtschaftspolitik beruft sich auf Polanyi und orientiert sich an ihm. Konservativere Medien wie das Magazin Economist haben sich nicht nur aus diesem Grund ausführlich mit Polanyi befasst (The great transformation: Corbynomics would change Britain – but not in the way most people think, 17.5.2018); in der linksliberale Tageszeitung Guardian hatte der Politologe Adrian Pabst lange zuvor schon apodiktisch festgestellt, Polanyi, nicht Keynes sei „der einzige Ökonom, der die wahren Grenzen von Kapitalismus und Sozialismus erfasst hat“ (9.11.2008). In einem Editorial hielt der Guardian fest: „Corbynomics wurde in solchen moralischen (Polanyi’schen, Anm.) Begriffen geframt – und das ist eine sehr gute Sache“ – es fehle nur an Mut zu konkreten Beispielen (27.5.2018).
Neuerdings gab die englische Ökonomin Ann Pettifor, Mitinitiatorin der Jubilee-2000-Aktion, die eine Schuldenstreichung für die ärmsten Länder fordert, der deutschen taz ein Interview, in dem sie aktuelle politische Verhältnisse mit Polanyi erklärte: „Trump repräsentiert einen großen Teil der Gesellschaft, sicherlich. Er repräsentiert die ängstliche Bevölkerung, Menschen, die verunsichert sind durch die Wirtschaftskrise. Die Banken wurden gerettet, der Bevölkerung wurde Austerity verordnet und ihr wurde gesagt, sie müsse Opfer bringen. Die Löhne sind heute noch niedriger als vor der Krise. Einfache Menschen haben ihre Wohnungen verloren, sie sehen ihre Jobs bedroht von der chinesischen Konkurrenz, und in Washington geht es den Banken so gut wie zuvor. Schon Karl Polanyi hat in den 1930ern erklärt, dass die einfachen Menschen einen starken Mann wählen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie Schutz brauchen. Das ist eine Reaktion auf eine unregulierte Ökonomie. Der starke Mann verspricht, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten und gegen die Chinesen zu kämpfen. In Frankreich erleben wir den Aufstand von ähnlich Benachteiligten. (…) Die Wahl eines autoritären Führers löst die Probleme für die Bevölkerung nicht, sondern verschlimmert sie. Diese Erfahrung werden die Menschen machen. In den USA und in Großbritannien sind die Pensionen weitgehend privatisiert, das Geld liegt bei Schattenbanken. Die spekulieren damit. Was machen sie genau mit den Pensionen? Niemand weiß es, es gibt keine Transparenz. Und keine Kontrolle. Mister Blackrock managt sechs Milliarden Dollar solcher Gelder. Was wissen wir über Blackrock?“ (taz, 12.1.2019)
In den USA steht die Position Polanyis ebenfalls außer Frage. Die New York Times zitiert sein Werk und nennt sein Hauptwerk unter den bedeutendsten Büchern der Emigration neben jenen von Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Thomas Mann (1.2.2017); oder sie zitiert es wie Pankaj Mishra in einem Artikel über den indischen Premier Modi (14.11.2016).
Publikumszeitschriften wie der New Yorker widmen Polanyis Thesen 15-seitige Essays („Is Capitalism a Threat to Democracy“ – eine Rezension von Robert Kuttners Polanyi-Buch). Die einflussreiche New York Review of Books publizierte eine Kritik ebendieses Robert Kuttner von Gareth Dales (s. Seite 101 in diesem Buch) Polanyi-Biografie unter dem Titel „The Man from Red Vienna“.
Dass Bernie Sanders’ marktkritische Ideen mit Polanyi begründet wurden, versteht sich fast von selbst („Polanyi for President“, Dissent Magazine, Frühjahr 2016). Das Dissent Magazine,
