Karpatenkarneval - Juri Andruchowytsch - E-Book

Karpatenkarneval E-Book

Juri Andruchowytsch

0,0
13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Vier Dichter und ihre bizarre Entourage unterwegs in die Karpaten. In Tschortopil soll das Fest des auferstehenden Geistes steigen, ein Happening, eine Kreuzung aus Woodstock, Orgie und folkloristischem Mummenschanz. Der Rockstar aus Leningrad reist im Zug an, während die »Blüte der Nation«, die jungen Dichter aus der Provinz, von einem Chrysler Imperial aufgesammelt werden, am Steuer ein ukrainischer Emigrant, der eine Privatklinik in Luzern leitet und sich als Sponsor ausgibt …

Karpatenkarneval, geschrieben im September/Oktober 1990, ist der legendäre Bilderstürmertext des 30jährigen Lyrikers und Performance-Künstlers Juri Andruchowytsch, der die ukrainische Literatursprache zerstörte, um sie neu zu erfinden. Damals ein Skandal, eine Revolution, ist er heute erstmals auf Deutsch zu bestaunen – als genialer Auftakt zu den berühmten Prosawerken des Autors: Moscoviada (1993; dt. 2006, st 4312), Perversion (1999; dt. 2011, st 4409) und Zwölf Ringe (2003; dt. 2005, st 3840).

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Juri Andruchowytsch

Karpatenkarneval

Roman

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

Suhrkamp

Saschko und Viktor, Viktor und Saschko, ohne die das hier nie das Licht der Welt erblickt hätte, gewidmet.

»Tschortopil ist ringsum von Bergen umgeben«

(Aus einer heimatkundlichen Abhandlung Anfang des XX. Jahrhunderts)

Chomskyj, oder einfach Choma

Chomskyj, oder einfach Choma, wie, verdammt, bist du in diesem Zug gelandet, der erst am frühen Abend die schier grenzenlose Ebene hinter sich gelassen hat und gegen halb sieben endlich ins Vorgebirge gekrochen ist? Was hast du bloß in diesem Tschortopil verloren, wo dich vielleicht gar niemand braucht, Chomskyj, und du vollkommen überflüssig bist? Da langweilst du dich nun schon den zweiten Tag in diesem Waggon, hast deine pseudowissenschaftlichen Traktate den Hyänen zum Fraß vorgeworfen und riskierst den Rausschmiss aus dem Institut, aber du fährst, fährst, denn ein Telegramm mit der Unterschrift Fellinis, oder war es Hitchcock, hat dich gerufen, es ist offenbar unterwegs verloren gegangen, stattdessen verfügst du über eine Einladung nach Tschortopil zum wundersamen Fest des Auferstehenden Geistes (so jedenfalls hieß es in dem mit ORGKOM unterzeichneten Telegramm), Anreise spätestens am siebenundzwanzigsten Mai, Unterkunft im Hotel, Reisekosten und Tagegeld garantiert, wir freuen uns über Ihre Zusage.

In Lemberg fiel dir dann auf, dass in Richtung Tschortopil eine Art Wallfahrt stattfand. Die Wagen dritter Klasse waren voller Leute, die zum Fest strebten, vor allem Studentenschaft und Fachhochschüler, die, kaum dass sich der Zug in Bewegung setzte, die Fenster aufrissen, unzählige blau-gelbe Fahnen hinauswehen ließen und Schützenlieder sangen. Du aber, Chomskyj, bist keiner von ihnen, du fährst im Abteil zweiter Klasse und weißt nicht genau, ob du in Tschortopil wirklich erwartet wirst, wo es dem alten Vagabunden Mazapura (denn wer, wenn nicht er, hat wohl dieses Telegramm mit der Unterschrift »ORGKOM« veranlasst?) wieder einmal gefällt, die Öffentlichkeit mit einem überraschenden Ereignis zu erfreuen.

Die ersten Berge sind nicht sehr hoch, außerdem übersät mit Bohrtürmen, unbewaldet, an den winzigen Haltepunkten wird hausgemachter Wein verkauft, junge Kerle in bestickten Hemden und »Marmor-Jeans« steigen ein und entfalten sofort die mitgebrachten Fahnen, was beweist: auch sie sind auf dem Weg nach Tschortopil. Alle wollen nach Tschortopil. Die Mädchen sind meist nicht hübsch, aber jung, und das genügt, Chomskyj. Lange musterst du eine von ihnen. Komischerweise steigt sie ewig nicht ein, bleibt auf dem Bahnsteig stehen, der Zug fährt gleich ab, was soll das, sie verpasst noch das Fest des Auferstehenden Geistes, Scheiße auch, was wird dann aus ihr? Chomskyj, ruf sie, solange es noch nicht zu spät ist, sie soll einsteigen, und du rufst sie wirklich, Chomskyj. Das Mädchen lächelt, sie hat zu viele Goldzähne, und dir wird plötzlich klar, dass das, was dir am besten an ihr gefallen hat, ihre Jeans waren, und daher tut es dir nicht besonders leid, als der Zug anfährt und Marusja mit dem goldigen Lächeln auf dem Bahnsteig zurückbleibt.

Mit dir im Abteil, Chomskyj, fährt ein extravagantes Ehepaar, Russen oder vielleicht auch Juden, jedenfalls Romantiker, entschlossen zum Urlaub in einem der abstoßenden karpatischen Ferienheime, wo die Korridore nach Karbol und das Mineralwasser nach Erdöl riechen, aber gut, sollen sie ruhig in den Bergen ihr Edelweiß suchen; er ist ungefähr dreiundsechzig, sie allem Anschein nach nicht älter als dreißig, daher hast du gestern nach der Abfahrt geglaubt, dass sie Vater und Tochter sind, und versucht zu flirten, aber der Alte hat dich ziemlich brutal abblitzen lassen, also hast du sie nur aus Prinzip bis ans Ende des Waggons verfolgt, in den Waschraum gedrängt und, innerlich gefasst, begonnen sie zu küssen, erstaunlicherweise hat sie die Küsse erwidert, und du hast dich an sie gepresst und ihren Arsch gegen das Waschbecken gedrückt, Chomskyj. Du hast sogar überlegt, sie hier und jetzt zu ficken, für zwei oder drei Minuten, aber da hielt der Zug, ihr beide, du und sie, wurdet ziemlich durchgerüttelt, du hast das Gleichgewicht verloren, und als du dich von der Kloschüssel wieder erhoben hattest, war sie aus dem Waschraum geflüchtet. Danach habt ihr kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Der vierte Platz im Abteil ist seit Lemberg frei – der Oberstleutnant, der nicht auf dem Weg nach Tschortopil war, ist dort ausgestiegen, dem Himmel sei Dank. Auf dem Tischchen liegen noch die Prawda und der Rote Stern, gestern hat er vorgeschlagen, zwei gegen zwei Schafskopf zu spielen, aber du, Chomskyj, bist lieber in den Speisewagen gegangen, hast dir was zu essen bestellt und durch das Fenster die eintönige russische Ebene betrachtet.

Hier bei uns, Chomskyj, ist schon fast Sommer, die Kirschblüten rieseln auf das junge Gras, die Berge werden immer höher, aus den Wäldern duftet es nach Blättern und Quellwasser, es brüllt der Hirsch, es ruft der Kuckuck, und im Schlösschen seiner Eminenz sind die letzten Vorbereitungen für die Jagdsaison abgeschlossen: die Böden gebohnert, die Teppiche und Gobelins ausgeklopft, die Spiegel und Fenster geputzt, Essen und Trinken sogar aus Wien angeliefert, und auf dem Turm ist die Familienflagge gehisst. Bald schon, bald reisen die verehrten Gäste in ihren offenen Automobilen an, und die Jagdkapelle begrüßt sie mit Posaunen und Waldhörnern, Chomskyj.

Noch eine Stunde bis Tschortopil, eigentlich hätte der Zug längst ankommen müssen, aber er hat Verspätung, wie jetzt alle Züge Verspätung haben, man brauchte nur die Losung der Beschleunigung auszugeben, und alles auf der Welt fing an sich zu verspäten. Du aber überlegst, ob die anderen auch alle kommen, wie Martofljak wohl aussehen wird – mit Bart oder ohne, ob er seinen Versroman abgeschlossen hat und ob er wohl wieder dieses Sexbömbchen anschleppt, seine Frau, aber schließlich muss die ja auch mal bei den Kindern bleiben, und bei Martofljak brechen dann alle Dämme, was heißt, dass er sich entsetzlich betrinkt. Jedenfalls wird es keinerlei Auferstehung des Geistes geben, wenn Martofljak nicht kommt. Und wenn er da ist, dann natürlich auch Nemyrytsch und Hryts, und nur dann kann man etwas auferstehen lassen, Scheiße auch.

Du warst noch nie im Leben in Tschortopil, Chomskyj, und musstest sogar schon eine wutentbrannte Predigt von den Lippen einer patriotischen Poetin über dich ergehen lassen darüber, dass Tschortopil unser geistiges Mekka ist, dass einfach dort gewesen sein muss, wer unsere Heimat wirklich liebt, und jeder Künstler hat die Heimat zu lieben, Herr Chomskyj, so ungefähr redete sie daher, eine Stunde lang, im Klub der Ukrainischen Gesellschaft, auf dem Stuhl dir gegenüber, eine Stunde lang ein und dasselbe, mit wenigen unbedeutenden Variationen, wobei sie sich zu dir beugte, damit du sie auch hörst, aber du spürtest nur ihren schlechten Geruch, weswegen du dir selbst schworst, niemals nach Tschortopil zu fahren, aber jetzt fährst du, Chomskyj, hast das Institut und Russland und Zhenja, die gerade abgetrieben hat, ihrem Schicksal überlassen, fährst zwei Tage lang, mehr als tausend Kilometer, auf ein Telegramm Mazapuras hin – des genialsten Regisseurs aller Epochen und Völker.

Hauptsache, dort nicht allein und überflüssig sein, betest du in Gedanken, außerdem muss ja das ORGKOM noch die Reisekosten erstatten und die Unterbringung im Hotel übernehmen, wenn nicht, dann musst du dir auch noch dreihundert von Mazapura leihen, Chomskyj, denn nichts nervt dich so, wie auf fremde Kosten trinken zu müssen, so bist du gestrickt, nur auf eigene Kosten – und überhaupt, kurz gesagt, niemandem verpflichtet sein, fuck. In Gedanken rechnest du deine diesjährigen Kredite zusammen – du kommst auf fast tausend, aber was soll’s, denn du bist schon dabei, diese Erzählung in Novellen abzuschließen, und für die Veröffentlichung hast du einen garantierten Platz im Jahr zweiundneunzig, das Leben wird wunderbar, Chomskyj, die überfüllten Wagen dritter Klasse schmettern aus voller Kehle »eins, zwei, eins, zwei«, das ist ja der reinste Faschismus, sagt der Gatte deiner gestrigen Geliebten, und sie weiß nicht, was sie antworten soll, vielleicht tut es ihnen schon leid, dass sie diese Reise angetreten haben, warum zum Henker mussten sie in diese Brutstätte des Banditentums fahren, wo man ihnen in der Reisestelle doch viel interessantere und ungefährlichere Destinationen angeboten hatte, Berg-Karabach, Fergana und so weiter.

Näher an Tschortopil werden die Berge wieder niedriger, sanfter, an den Fenstern ziehen alte Pensionen mit Jugendstiltürmchen und Gipspionieren vorbei, das Königreich der Mineralwässer und feuchten Laken in kalten Zimmern, an jedem Halt wird der Zug von neuen Pilgermassen nach Tschortopil überrannt, mit Rucksack und Gitarre, auch verhärmte Omas und Opas sind darunter, denen mitgeteilt wurde, der Bischof käme zum Fest – sogar ganze zwei Bischöfe: der eine aus Lemberg, der andere aus Kanada, und dass sie jeden, der es wünscht, segnen und außerdem in Tschortopil die hölzerne Auferstehungskirche weihen, Denkmal des XVIII. Jahrhunderts, in der bis vor kurzem noch Papiersäcke mit Mineraldünger gelagert wurden, Chomskyj.

Und da ist auch der Fluss – gesäumt von riesigen flachen Steinen, mit gurgelnden Wassern und Bärlauch an den steilen Ufern, jetzt kommt die Eisenbahnbrücke, die Landschaft ist ja wirklich schön, sagt dein Nachbar zu seinem treuen Frauchen, ja, alter Russe, das Leben ist schön, wir erreichen Tschortopil, unser geistiges Mekka, bitte alle aufstehen, ich muss nachsehen, ob ich auch nichts vergessen habe, muss meiner Toilettengeliebten noch einmal zuzwinkern und noch einen Blick in den Spiegel werfen.

Alles gut, Chomskyj – ein langer und weiter grauer Trenchcoat, Dreitagebart am Kinn (Broadway-Stil), die Haare im Nacken zum Pferdeschwanz gebunden, Sonnenbrille im Stil der Sechziger, Hut, alles okay, du Vagabund, Rock-Star, Dichter und Musiker Chomskyj, oder einfach Choma, der lustige Hurensohn höchstselbst beglückt das provinzielle Tschortopil mit seinem Besuch.

Aus dem Fenster der Waggontüre blickst du auf die Bahnhofsgebäude, wohl noch aus österreichischer Zeit, geschmückt mit Fahnen und Standarten, der Bahnsteig voller Festgäste – sie süffeln direkt aus den Flaschen, nicht hinausspringen, bevor der Zug zum Stehen gekommen ist, Chomskyj, wo ist Martofljak, wo Hryts, wo Nemyrytsch – nur unbekannte Visagen, darunter hübsche Mädchen (und Jungen), du kletterst auf den Bahnsteig hinunter, ein bisschen verunsichert, äußerlich aber selbstbewusst wie ein indischer Guru – wo ist Mazapura, soll ihn doch der Schlag treffen, warum bin ich hier, verdammt, das ist nicht mein Fest, schau nur, wie die Fräuleins auf dem Schoß der Herrchen zwitschern, und du, alter Bock, bist hier überflüssig, hau ab, Blödi, aber in diesem kritischen Moment siehst du einen lächelnden, rotwangigen Blonden, »Milch und Blut« in gutem Anzug, ein Abzeichen mit der Aufschrift »ORGKOM« an der Brust, der mit der rechten Hand ein Pappschild hochhält, auf dem steht »Mr. Khomsky, Leningrad«, und ein Stein fällt dir vom Herzen – du wirst erwartet, Chomskyj, du wirst gebraucht.

Vier Stunden im Autobus, selbst in einem »Ikarus«, sind reine Quälerei, vor allem heute, wo alle irgendwie ausflippen – wie ein Schwarm Krähen ziehen sie nach Tschortopil, die Straße ist verstopft mit Autos und Bussen –, alles voller Fahnen, und alles nach Tschortopil, einfach irre, ach, und dann schläft Martofljak neben mir auch noch wie ein Kind, schnarcht sich was in seinen Zottelbart, jetzt sieht er haargenau so aus wie der kleine Ostap, und da zweifelt er noch, dass es wirklich sein Sohn ist, der Dämlack, der Bart sieht aus wie angeklebt – großes Kind, tumber Tor, ein Sitzenbleiber in der Schule des Lebens.

Die Hoffnung der ukrainischen Dichtkunst, Martofljak Rostyslaw, ein dreißigjähriger Arbeitsloser, Vater zweier Kinder, Vater meiner zwei Kinder, mein Mann, Martofljak Rostyslaw, mit Neigung zu Schmerbauch und Alkohol, Trinker, Vagabund, liebevoller Vater, Person des öffentlichen Lebens, kandidiert fürs Parlament, glänzender Gesprächspartner, Idol älterer Frauen, fürsorglicher Sohn, Martofljak Rostyslaw, Liebhaber von Behaglichkeit und warmen Bädern, nächtlicher Herumtreiber, Restaurantlöwe, Traum der Musikstudentinnen, mein größtes Kind, Egoist und Phobiker, edler Ritter, galanter Kavalier, zärtlicher Liebhaber, mittelmäßiger und selbstverliebter Liebhaber, narzisstischer Liebhaber, impotenter Liebhaber, goldener Liebhaber, phantastischer Liebhaber, Strahl in meinem Körper, o Martofljak!

Ich hätte überhaupt nicht daran gedacht, mit ihm in dieses Tschortopil zu reisen, hätte er nicht selbst darauf bestanden. Sogar ein Ultimatum hat er mir gestellt – wenn ich nicht mitkomme, wird er saufen bis zum Abwinken, sich den Kanal blutig saufen in diesem Tschortopil, Tag und Nacht, alles durcheinander wird er saufen, kotzen und weitersaufen, bis man ihn dann halb tot heimbringt. Er weiß, womit er mich erpressen kann, der verdammte Hund, ich musste mitkommen, den Kindern vorlügen, dass ich in einer halben Stunde zurück bin, jetzt zerspringt mir fast das Herz, wenn ich an den Kleinen denke – er hat so geschaut, als verstünde er, aber ich musste sie wirklich anlügen und fahren, denn dieses Wunder, dieser Scheißhaufen hätte seine Drohung unbedingt wahrgemacht und sich wie ein Schwein besoffen, wo er doch so stolz darauf ist, dass er immer und überall sein Wort hält, aber das ist auch bloß Geschwätz, denn in Wahrheit ist er ja zu gar nichts anderem fähig, als sich zu betrinken.

Aber will er denn wirklich, dass ich mitkomme? Hat er wirklich keine Lust ohne mich? Es werden natürlich ein ganzer Haufen Vagabundenschlampen dort sein, na klar, und eine Bettgenossin ist auf diesem Fest des Auferstehenden Geistes sogar noch leichter zu finden als ein Fläschchen, doch ist er natürlich viel zu narzisstisch, um sich um eine zu bemühen, aber braucht er wirklich mich, und auch noch dort? Ein bisschen fürchte ich mich vor dieser Anhänglichkeit, sieben Jahre ist es her, dass er auf der Hochzeit das Porzellan zerschlagen hat, und er hängt sich immer stärker an mich, kriecht in mich hinein, versteckt sich in mir, rollt sich zusammen wie ein Embryo und schläft, schläft, schläft – auch hier im Bus schläft er, den Kopf auf meiner Schulter, ach du mein Schätzchen, willenloser Lappen, unfähig, sich ein Mädel zu nehmen, Martofljak Rostyslaw, erblühendes Genie, dröger Intellektueller, Schwätzer, Geschenk des Himmels, Diamant reinsten Wassers, Hoffnung eines erlöschenden Adelsgeschlechts, enterbter Graf, irrer Alkoholiker, Opportunist, offiziell anerkannter Dichter, Geißel Gottes, Werkzeug des Teufels.

Das Schlimmste ist, dass ich jetzt schon weiß, wie es sein wird, dort in Tschortopil. Immer dieselben – Hryts und Nemyrytsch und der Schwerenöter Homo-Chomskyj mit seinen Vorbehalten, dieselben Witze, dieselben Gedichte, na ja, allenfalls dieser Klotz hier liest mal was Neues, ein Haufen Fans, Autogramme, einer aufgedrehter als der andere, nächtliches Trinkgelage im Hotel, dann schläft Hryts am Tisch ein, Chomskyj und Nemyrytsch gehen zu den Weibern, worauf Pawlo sich nähert mit Komplimenten und einer Flasche, bis zum Morgengrauen schwatzen wir von dunklen Kräften, oder von der Ukraine, immer ein und dasselbe Zeug, Mazapura will einfach nicht gehen, bis ich nicht mehr kann und auch wegnicke, dann bricht er endlich auf, und Martofljak stöbert nach den Resten in den Flaschen, klirrt mit Glas, stolpert ins Bad, raucht und legt sich endlich zu mir, wir lieben uns fünf Minuten lang, dann schläft auch er ein, aber in drei Stunden müssen wir schon wieder aufstehen, das Festprogramm ist vollgepackt und alle wollen Martofljak, der Kopf dröhnt, die Augen sind gerötet, ach, wie bekannt und gewöhnlich ist das alles, diese Feste, diese Auferstehung des Geistes, diese Leere …

Klar sind die Jungs talentiert, ehrlich, nicht käuflich, die Blüte der Nation, Kinder des neuen Zeitalters, dreißigjährige Dichter, jeder hält sich für den Nabel der Welt, in Wirklichkeit aber sind sie einfach bloß sexuell unbefriedigt und akut selbstverliebt – ich lese in ihnen wie in einem offenen Buch –, nervöse Bewegungen, glänzende Augen, jeder Minirock wühlt sie auf, dabei spielen die Beine an sich gar keine Rolle, als ob sie irgendwas davon verstehen, ihre Vorstellung von Frauen ist komplett verzerrt und pathologisch, behandeln müsste man die, vor allem diesen Chomskyj mit seinen weibischen Anwandlungen, Homo-Chomskyj, ist bei Oleksas Geburtstag als Nutte gekommen, geschminkt, glänzte mit seinen Netzstrumpfhüften, tanzte Tango mit Nemyrytsch und kündigte dann einen Striptease an, zappelte herum zum endlosen Techno, begann dann die Kleider abzulegen, komisch, dass er wirklich einen BH trug, ich war schon kurz davor, die Augen zu schließen, denn dieser Blödi war tatsächlich fähig, sich nackig zu machen, er aber zog ein Ding aus dem Schlüpfer, ein wassergefülltes Gummiding, das ihm jemand aus Amerika mitgebracht hatte, bespritzte uns und warf es, Spinner, dann nach den Mädchen, die fast in Ohnmacht gefallen waren vor Anspannung.

Schlaf süß, Martofljak, mein Gatte, bis Tschortopil, wo wir uns ruhmreich vergnügen werden, dauert es noch mindestens eine halbe Stunde, ich bin als Kind oft mit meinen Eltern hergefahren, kenne den Weg fast noch auswendig, hier ist auch schon der Farbige Fels zu sehen, dahinter kommt das Aquädukt, von dem es heißt, es sei wirklich noch aus der Römerzeit, dann das »Wirtshaus« mit seinem nie ausgetriebenen Schaschlik-Geist, später das Anwesen der Lanzkoronskis im gotischen Stil (was gibt es dort für Brombeeren an den Hängen, lecker wie nirgends sonst), schlaf ruhig, die Berge retten uns, wir werden noch hundert Jahre leben und dann am selben Tag sterben, denn alles andere hältst du nicht aus und trinkst dich um den Verstand – ob in dieser oder jener Welt, ist egal, du findest überall was zum Saufen, ich kenne dich doch, es ersetzt dir das Blut, durch deine Adern fließt Alkohol, du fühlst dich warm und wohl mit ihm, schaukelst auf Wolken, wenn du dir in den Finger schneidest, fließt Alkohol statt Blut, was nur natürlich ist, genetisch bedingt, du kannst kein anderer sein, mit einer anderen Frau hättest du dich längst aufgehängt, aber du hast Glück, Dummbatz, dass ich keine andere bin, sondern eben ich, mein Herr, mein Gebieter, mein geliebter Gatte.

Warum nur zuckst du immer im Schlaf, manchmal schreist du, und auch gerade eben hast du geseufzt wie ein Irrer, ewig muss er was Schlimmes träumen, erinnert sich dann aber kaum je daran, irgendwelche Typen mit Säcken und Knüppeln, na, Kerlchen, was starrst du uns so an, gefalle ich denn wirklich noch einem Zwanzigjährigen, er schaut, mustert uns ganz unverhohlen, hübscher Junge, feingliedrig, in gesticktem Hemd und Jeans, goldene Haare, tief liegende Augen, anmutig wie ein Gott. Aber das geht jetzt doch zu weit, Bürschchen, schließlich bin ich mit meinem Mann unterwegs, auch wenn er schläft, so ist er doch da. Könnte ich diese sieben Jahre abwerfen, dann würde ich vielleicht auf dein Spiel eingehen – das Spiel der Blicke, der Augen, der heimlichen Zeichen, denn du bist wirklich hübsch, bestimmt Studentlein, hast keinen Sitzplatz, du Ärmster, stehst im Gang und langweilst dich, da musterst du eben verheiratete Frauen, kleiner Don Juan, Charmeur, gertenschlanker Zuckerbub, bist vielleicht aus dem Komsomol ausgetreten, hast dich in die Jugendorganisation der Ukrainischen Nationalisten oder so ähnlich eingeschrieben, klar, da ist ja die rot-schwarze Anstecknadel, und eine Frisur wie David Bowie, Playboy-Adept, was für ein Zarter, rasiert sich wahrscheinlich nur alle zwei Wochen, Martofljak war auch so, als wir uns kennenlernten, aber hoppla, das geht wirklich zu weit, warum kommst du jetzt auch noch her, wir reisen doch zusammen, lustig, dass Martofljak nicht einmal aufwacht, dass er überhaupt nicht eifersüchtig ist, träumt wohl wieder irgendein Teufelszeug – alte Kerle in Lumpen, aussätzige Mönche, Morast, ein schwarzer Hund mit blutigen, gebleckten Zähnen, na gut, rede, sag was, wo du schon zu mir gekommen bist, und lächle nicht nur tumb, ich kann auch lächeln, und zwar ziemlich verführerisch …

»Entschuldigung, ist das Herr Martofljak?«

Ach so! Meinen Mann hast du erkannt! Und ich, blöde Kuh, habe deinen Augen geglaubt – denn so schaut man eigentlich Frauen an. Na, jetzt wird er nach einem Autogramm fragen, seiner Verehrung Ausdruck verleihen – ein Glück, dass wir gleich da sind, vor dem Fenster tauchen schon die ersten Tschortopiler Villen auf: wilder Wein, Steinmauern, fahnenbewehrte Türmchen und Berge, die sich über den engen Gassen erheben.

Ja, er ist’s, Bürschchen, das ist Rostyslaw Martofljak, den du so verehrst, und als echter Fan meines Mannes müsstest du zumindest derjenigen die Hand küssen, die deinem Idol die Socken wäscht und Suppe kocht, die nicht zur Ruhe kommt, wenn er sich bis zum Morgen betrunken in der Gesellschaft aller möglichen zweifelhaften Politiker und Kooperativniks herumtreibt, die, während er sich den ganzen Tag ausruht, bei der Arbeit einnickt und dann loshetzt, die Kinder im Kindergarten abzuholen in der Hoffnung, ihn abends daheim anzutreffen, aber er ist schon wieder weg, denn er muss sein geheim gehaltenes Honorar bis zur letzten Kopeke versaufen, und du, armes Bürschchen, betest ihn an wie einen Heiligen.

»Dann wird Herr Martofljak auf dem Fest des Auferstehenden Geistes seine Gedichte lesen?«

Natürlich wird er das, was denn sonst, es wäre schließlich eine nationale Tragödie oder so ähnlich, wenn er seine genialen Gedichte nicht läse – in Tschortopil sein und die Selbstliebe nicht mit öffentlicher Masturbation befriedigen, durch das Lesen von Gedichten oder Auszügen aus seinem Versroman, den er, logisch, niemals abschließen wird, ich kenne ihn doch, inzwischen aber wird er die Wangen aufblasen, sich unter lautem Beifall aufplustern wie ein Pfau, die Blumen schenkt er (vielmehr: überlässt er) später mir – so brillant, so widerständisch mit seinem Zottelbart.

Na also, Bürschchen, jetzt bist du befriedigt und kannst gehen, vergiss nicht, dir eine Eintrittskarte zu besorgen für den Abend der Dichtkunst, sonst wirst du nicht high von meinem Mann, diesem schlafenden Propheten, der immer noch schnarcht, obwohl wir doch schon in den Busbahnhof einbiegen, mein Gott, so viele Busse, es wird Zeit, ihn zu wecken, Viertel vor acht, um acht treffen wir uns alle am Marktplatz, und er schläft weiter, tumber Tor, Sack voll Scheiße, Orakel, Zukunft der Nation, leerer Topf, armer Tropf, mein Glück, Vater meiner Kinder, Freude meines Körpers, mein Eroberer, mein Wunder, mein ewiger Orgasmus, wir sind da, steig aus, Rostyk.