Kleines Lexikon intimer Städte - Juri Andruchowytsch - E-Book

Kleines Lexikon intimer Städte E-Book

Juri Andruchowytsch

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Beschreibung

Juri Andruchowytsch, »der poetische Landvermesser« (FAZ) aus der Unruhezone Ukraine, hat viel Zeit investiert, um sich mit fremden Städten anzufreunden, die ihm Schutz und Ruhe gewähren sollten. In manchen ist er eine Weile hängengeblieben. Andere wurden zu Lebensstationen: »München beginnt gleich hinter Moskau, das Alphabet harmoniert mit der Zeit« – denn München war die erste deutsche Stadt, die der junge Autor aus der untergehenden Sowjetunion besuchte, um ganz in der Nähe, am Starnberger See, seine Moscoviada zu schreiben. Diamantenläden statt Zimtläden – eine Gasse in Antwerpen, chimärisch, als wäre sie von Bruno Schulz erfunden. Soziologie der Straßenmusik in Berlin. Mit Andrzej Stasiuk im hundertgeschossigen InterContinental in Bukarest. Zu Besuch im tragischen Museum in Charkiw. Unterwegs durch verlassene Gärten in Detroit. Novi Sad. Odessa. Paris. Prag. Stuttgart. Toronto. Ushgorod. Venedig. Ein Alphabet der 44 Städte auf drei Kontinenten. In diesem originellen Reisebrevier verquickt Andruchowytsch Herzensgeschichten mit politischer Polemik, Klischee mit Epiphanie, die Anekdote mit Romanentwürfen. Doch wie dieser Stadtnomade seinen Blick schult, um im unscheinbaren Detail ein Gefühl für das große Ganze zu entwickeln, macht Lust darauf, es ihm gleichzutun.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Juri Andruchowytsch, »der poetische Landvermesser« (FAZ) aus der Unruhezone Ukraine, hat viel Zeit investiert, um sich mit fremden Städten anzufreunden, die ihm Schutz und Ruhe gewähren sollten. In manchen ist er eine Weile hängengeblieben. Andere wurden zu Lebensstationen: »München beginnt gleich hinter Moskau, das Alphabet harmoniert mit der Zeit« – denn München war die erste deutsche Stadt, die der junge Autor aus der untergehenden Sowjetunion besuchte, um ganz in der Nähe, am Starnberger See, seine ›Moscoviada‹ zu schreiben.

 Diamantenläden statt Zimtläden – eine Gasse in Antwerpen, chimärisch, als wäre sie von Bruno Schulz erfunden. Soziologie der Straßenmusik in Berlin. Mit Andrzej Stasiuk im hundertgeschossigen InterContinental in Bukarest. Zu Besuch im tragischen Museum in Charkiw. Unterwegs durch verlassene Gärten in Detroit. Staunend in Kiew, der einst verhassten Stadt, die plötzlich zum Inbegriff der Hoffnung wird.

 Ein weltläufiger, vielsprachiger Schriftsteller durchstreift die Städte seiner Träume und Albträume. Er spießt Klischees auf und lässt uns an seinen Erleuchtungen teilhaben. Wie dieser Stadtnomade alle Sinne schult, um im unscheinbaren Detail ein Gefühl für das große Ganze zu entwickeln, macht Lust darauf, es ihm gleichzutun.

Juri Andruchowytsch,geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, studierte in Lemberg und Moskau und lebt nach Aufenthalten in Westeuropa und den USA heute wieder in Iwano-Frankiwsk. Er wurde u. ‌a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Zuletzt erschienen: ›Perversion‹. Roman (st 4490); (Hg.): ›Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht‹ (Sonderdruck edition suhrkamp).

 Sabine Stöhr, geboren 1968, studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Publizistik und lebte mehrere Jahre in Kiew und Moskau. Seit 2003 übersetzt sie aus dem Ukrainischen, vor allem Juri Andruchowytsch, aber auch Ljubko Deresch und Serhij Zhadan. 2014 wurde sie von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Wien.

Juri Andruchowytsch

KLEINES LEXIKON INTIMER STÄDTE

Autonomes Lehrbuch der Geopoetik und Kosmopolitik

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um eine vom Autor zusammengestellte Auswahl von 39 Texten aus der 111 Städteporträts umfassenden Originalausgabe, die 2011 unter dem Titel Leksykon intymnych mist im Verlag Meridian Czernowitz, Kiew, erschienen ist. Sie wurden vom Autor in Zusammenarbeit mit seiner Übersetzerin überarbeitet und teilweise aktualisiert.

eBook Insel Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016

© Insel Verlag Berlin 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch

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Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg/Simone Andjelkovic.

Umschlagabbildungen: akg-images, Getty Images, iStock, shutterstock und ullstein bild

eISBN 978-3-458-74908-0

KLEINES LEXIKON INTIMER STÄDTE

А – Б – В – Г – Ґ – Д – Е – Є – Ж – З – И – І – Ї – Й – К – Л – М – Н – О – П – Р – С – Т – У – Ф – Х – Ц – Ч – Ш – Щ – Ь – Ю – Я

VORWORT NACH ART EINER BEDIENUNGSANLEITUNG

Was Sie auf der gegenüberliegenden Seite sehen, ist das ukrainische Alphabet. Es hat dreiunddreißig Buchstaben. Lassen Sie mich hier auf eine gewisse Ungleichheit hinweisen. Es gibt sehr populäre Buchstaben, solche mittlerer Häufigkeit und Außenseiter. Diese Ungleichheit verschärft sich noch, wenn es um Wortanfänge geht, um die ersten Buchstaben. Diesbezüglich ist der einunddreißigste Buchstabe der absolute Außenseiter: das Ь. Er wird Weichheitszeichen genannt. Außerdem gibt es im ukrainischen Alphabet zwei einzigartige Buchstaben, die in keinem anderen kyrillischen Alphabet zu finden sind, Sichelchen und Kerzlein, um es in den Worten des Dichters Iwan Malkowytsch zu sagen, also Є und Ї. Sie erlauben es uns, einige ausländische Namen und Bezeichnungen auf ganz eigene Art zu transkribieren.

Ich werde mich nun wiederholen und aus einer Notiz zitieren, die ich vor einiger Zeit anlässlich der Veröffentlichung eines anderen Buches eines anderen Autors geschrieben habe.[1] Mir ist bewusst, dass einem das Selbstzitat eher nicht zum Ruhm gereicht, doch habe ich noch nichts Treffenderes zu diesem Thema formulieren können: »Von allen möglichen Koordinatensystemen ist das Alphabet dem Schriftsteller das liebste. Ein Mensch, der von Natur aus die Welt vor allem durch Wörter erfährt, die aus Buchstaben gebaut sind, findet im Alphabet seinen zuverlässigsten und vielleicht einzigen Halt. Ihre einzig mögliche Anordnung verleiht den Zeichen das Gewicht von Symbolen. Das Alphabet ist umfassende und vollendete Wirklichkeit. Es betrügt dich nicht, und es verändert sich auch nicht. Ein guter Ausgangspunkt für den eigenen Tanz. Der gesamte Text unseres Lebens beginnt mit Alphabet und Kinderfibel, dieser kindlichen Einübung ins Alphabet. Und idealerweise beginnt er nicht nur, sondern endet auch mit dem Alphabet.«

Das Alphabet ist absolut. Ich erinnere mich, wie uns die Physiklehrerin in der Schule auf die Absolutheit der Zeit hingewiesen hat: »Die Zeit verbrüdert sich mit niemandem.« Etwas Ähnliches lässt sich auch über das Alphabet sagen. Es ist eine Gegebenheit, mit der sich nicht streiten lässt. Es errichtet die Folge und somit auch die Struktur der inneren (und äußeren) Weltordnung der Schriftlichkeit. Diese Eigenschaft befördert vor allem die Schaffung von Enzyklopädien und Wörterbüchern.

Warum?

Erstens erheben sie Anspruch wenn schon nicht auf Universalität, so doch wenigstens auf Vollständigkeit. Das Alphabet ist ein unerschütterliches Gerüst, das auszufüllen Vollständigkeit bedeutet.

Zweitens sind Enzyklopädien, wie Wörterbücher, der Versuch, die Welt wenigstens in einem ihrer Segmente zu systematisieren. Das Alphabet wiederum ist die elementar systematisierte Basis der Zeichen.[2]

Drittens akkumulieren sie Wissen, das als Text aufgeschrieben und in Thesen formuliert wurde; sie setzen sich aus Begriffen zusammen, diese wiederum aus Wörtern, welche vor allem aus Buchstaben bestehen. Der Buchstabe erscheint so als Basiseinheit (Elementarteilchen, atomos) der Bezeichnung des Wissens.

* * *

Dieses Buch sollte eine Enzyklopädie werden. Natürlich eine persönliche, wie sie nur eine einzige Person schreiben kann. Also eher eine »Enzyklopädie« in Anführungszeichen.

Enzyklopädien streben danach, fundamental zu sein. Jeder Versuch, die Welt mittels der Auslegung von Begriffen zu beschreiben, geht bis zum Äußersten und scheint aussichtslos. Manchmal sogar absurd, wie im Fall der ersten polnischen Enzyklopädie von Benedykt Chmielowski aus dem Jahr 1745/46 mit dem vielsagenden Titel Neue Athenäen, in der unter dem Stichwort »Pferd« die klügste und auf ihre Art erschöpfendste aller Definitionen angeführt ist: »Ein PFERD ist, was es ist, alle sehen es.«

Dem Autor der Neuen Athenäen schien das ausreichend. Und er hatte recht damit, seine Enzyklopädie war schließlich die Erste, oder zumindest die erste in der polnischsprachigen Welt. So wie er es beschrieb und erläuterte, würde es auf ewig bleiben.

Aufgabe einer Enzyklopädie ist es aber, nicht nur zu beschreiben und zu erläutern, sondern auch das früher Beschriebene und Erläuterte zu aktualisieren. Es ist ja bekannt, dass Enzyklopädien, die Anspruch darauf erheben, umfassend zu sein, schon im Moment ihres Erscheinens veralten.

Ich habe bisher zweimal enzyklopädische Versuche gestartet.

Der erste war das Projekt »Glossar« der Zeitschrift für Texte und Visionen Tschetver (Donnerstag). Die Bezeichnung »Glossar« taucht allerdings nirgendwo auf; es scheint, als hätten wir das Projekt erst nach der Veröffentlichung so genannt. Das »Glossar« entstand überwiegend Ende 1991, in der Atmosphäre eines tiefgreifenden historischen Umbruchs, vielmehr sehr deutlicher Vorgefühle, im Geheimnis spreche ich von einer »Endzeit-Enzyklopädie«. Das »Glossar« hatte ich mir mit Isdryk[3] zusammen ausgedacht, daher stammen die meisten Glossen von uns. Aber wir luden auch andere Autoren ein, sich zu beteiligen; es war die Entstehung jenes Milieus, das später »Stanislauer Phänomen« genannt wurde. Zu Beginn stellten wir, wie alle Enzyklopädisten, eine Liste der Begriffe und Wörter zusammen, die wir am Vorabend des Endes erklären wollten. Vor allem waren es solche, die eigentlich keiner Erklärung bedurften, ähnlich wie Chmielowskis allen offensichtliches Pferd: Baum, Frau, Gott, Teufel, Stadt, Ukraine, Vogel, Wein, Wasser. Später wurde uns die unfreiwillige Ironie der Bezeichnung »Glossar« bewusst – wenn man darunter ein »Wörterbuch zu einem Text« versteht, »das seltene oder veraltete Wörter erklärt«.

Danach teilten wir die Liste seltener oder veralteter Wörter unter uns auf, und nach einer gewissen Zeit brachte jeder mal größere, mal kleinere Texte an. Wir waren ein Autorenkollektiv, das die Welt durch sieben geteilt hatte.

Der zweite Versuch war das Projekt »Rückkehr der Demiurgen« oder auch Kleine Ukrainische Enzyklopädie Aktueller Literatur – KUEAL, entstanden Mitte der neunziger Jahre und erstmals 1998 veröffentlicht. Wie der Titel schon sagt, handelt es sich, im Unterschied zum universalen »Glossar«, um eine Fach-Enzyklopädie. Ihr Fach war die ukrainische aktuelle Literatur (UAL), die extrem subjektiv und stellenweise provokativ beschrieben wurde: anhand von Autoren- und Verlagsnamen, Zeitschriftentiteln, Gruppen- und Milieubezeichnungen, anhand von Tendenzen, Trends, banal besagt: Richtungen, Schulen und Strömungen, weniger banal (und wie damals modern): anhand von Diskursen, von erfundenen und wahren Ebenen der Koexistenz all des vorher Aufgezählten.

Eine entscheidende Rolle im Projekt KUEAL spielte mein Co-Autor Wolodymyr Jeschkilew[4], von ihm stammen die Demiurgen im Titel und deren nitzscheanische Wiederkehr. Ich war eher der faule Assistent, verantwortlich für den Anhang, in dem ich die beliebtesten oder wenigstens aussagekräftigsten Werke von zweiundfünfzig damals (und Gott sei Dank überwiegend auch heute noch) aktuellen Autoren zusammenstellte. Die wichtigste Folge des Erscheinens von KUEAL war, dass fast alle sauer auf mich waren (auf Jeschkilew waren sie auch vorher schon, sozusagen a priori, sauer gewesen).

Damals habe ich mir vorgenommen, mich niemals mehr auf eine Enzyklopädie einzulassen.

* * *

Als wäre ich Milorad Pavić oder der alte Pamwo Berynda[5], bin ich jedoch immer scharf auf ein eigenes Lexikon gewesen.

Die meisten Quellen definieren Lexikon ähnlich wie Wörterbuch. Nur die Deutschen bezeichnen es als »Wörterbuch im weiteren Sinne«, als »Nachschlagewerk in einem speziellen Bereich«.

Im Grunde war bereits das erwähnte KUEAL so etwas in der Art.

Wir wollen annehmen, dass auch dieses Buch etwas in der Art werden wird.

Der spezielle Bereich jedenfalls ist sehr speziell.

Eine Autobiographie, die sich auf Geographie stützt – wie könnte man das nennen? Autogeographie? Autogeobiographie?

Das klingt zu kompliziert; fast wie die schwer verdauliche, in Hexametern geschriebene Batrachomyomachia. Und was kommt in dieser Verbindung von Bio und Geo eigentlich zuerst, was baut hier wie auf dem jeweils anderen auf?

Dieses Buch ist der Versuch, beides als ein untrennbares Ganzes zu leben, Geo und Bio so zu vermischen, dass unsichtbar wird, wo die Grenze verläuft, wo das eine endet und das andere beginnt.

Dazu muss die Biographie in Stücke gehauen und die Geographie zumindest örtlich stark verzerrt werden. Habe ich örtlich geschrieben? Das stimmt. Dieses Buch dreht sich um Städte, die zu mehr wurden – zu ORTEN, besonderen Orten, intim wie erogene Zonen. Zu ORTEN, die auf Landkarten als Städte erscheinen.

Alles fängt mit den Landkarten an. Solange ich denken kann, habe ich einen manischen[6] Hang, sie zu betrachten. Für mich wurden Karten zu dem, was man in romantischeren Zeiten eine Quelle der Inspiration genannt hätte. Am faszinierendsten war es, wenn ich mir vorstellte, ich sei ein kleiner beweglicher Punkt auf ihrer farbigen Oberfläche, über sie hingleitend, Bergkämme überwindend, mit der Strömung die blauen Fäden der Flüsse abwärts schwimmend. Die Bewegung über die Oberfläche einer Karte heißt Reise. Und jede Reise bedeutet auch Abenteuer und Phantastik.

Aber, um ehrlich zu sein – am längsten saß ich über politische Karten gebeugt. Man könnte annehmen, dass mich schon damals die Geopolitik verfolgte. Aber wenn ihr Pfeil wirklich vergiftet war, dann habe ich immer ein Gegengift bei mir: die Geopoetik.

Kennen Sie übrigens die Farbe der Ukraine auf heutigen politischen Karten? Aus Sowjetzeiten weiß ich noch, dass die U-d-S-S-R kraftvoll rosa koloriert war, Polen fast grasgrün, China natürlich gelb, sein Freund Rumänien auch, aber wegen Mais und Mamalyga. Das gute alte England war grün, die DDR hell- und die BRD dunkelbraun (und da sage mir einer, dass die Geographie nichts mit Propaganda zu tun hat!). Die USA trugen übrigens dieselbe Farbe wie die BRD. Dunkelbraun gilt wohl als die widerlichste von allen.

Ich erinnere mich daran, weil ich sie stundenlang wie hypnotisiert betrachten konnte.

Um die Frage nach der heutigen Farbe der Ukraine zu beantworten, schaue ich derweil im Weltatlas nach, herausgegeben vom Verlag Kartographie im noch gar nicht so fernen Jahr 2004. Die Ukraine ist dort hellgrün, wie Schweden, China, Kanada und Saudi-Arabien. Ich kann mir nicht erklären, warum. Immerhin unterscheidet sich unsere Farbe von der Russlands. Russland hat (vielleicht zusammen mit dem Auslandsvermögen) das Rosa der U-d-S-S-R geerbt.

Karten sind mein Ein und Alles. Andererseits: »Trotz meiner Liebe zu Landkarten ist es mir nie gelungen, einen praktischen Nutzen aus ihnen zu ziehen – sie waren und sind für mich eher eine phantastische Mixtur, eine Hybride aus Literatur und Malerei, Namen und Visionen, aber niemals ein Mittel, den richtigen Weg zu finden.«[7]

So ist auch dieses Buch: eine Mischung, eine Hybride. Und versuchen Sie bloß nicht, es zu benutzen, um den richtigen Weg zu finden! Es hilft Ihnen eher, sich zu verirren, auf Abwege zu geraten, vielleicht ist es unterhaltsam, weil es Desorientierung vor Ort bietet.

Aber nicht ich und meine Kartomanie sind hier ursächlich. Ursächlich ist das Diktat des Alphabets.

* * *

Das deutsche Alphabet unterscheidet sich vom ukrainischen. Der kardinale Unterschied zwischen dem lateinischen und dem kyrillischen Alphabet hat uns beinahe in unterschiedliche Zivilisationen geworfen. Diese Wahrheit erwähne ich, damit die deutschsprachigen Leser des Lexikons besser verstehen, dass es sich nicht einfach nur um eine Übersetzung handelt. Es ist ein anderes Buch. In ihm sind die Elemente teilweise vertauscht, wurde die Reihenfolge des Originals verletzt. Nein, die Reihenfolge wurde nicht verletzt, sie wurde neu geschaffen. Als ob man in einem Roman die Reihenfolge der Kapitel ändert. Bleibt er derselbe? Oder wird es ein völlig anderer Roman?

Darauf kann es gleich mehrere logische Antworten geben. Wobei sich die des Autors und die der Leser möglicherweise unterscheiden.

* * *

Jetzt ist wohl der richtige Zeitpunkt, um die Kapitel (die Städte, ihre Namen) in der Reihenfolge anzugeben, in der sie hier erscheinen werden:

Aarau – Antwerpen – Bayreuth – Berlin – Bukarest – Centralia – Charkiw – Czernowitz – Detroit – Drohobytsch – Essen – Frankfurt an der Oder – Graz – Guadalajara – Hajsyn – Isjaslaw – Jüterbog – Kiew – Lemberg – Leningrad – Minsk – Moskau – München – New York – Nijmegen – Novi Sad – Odessa – Prag – Quedlinburg – Riga – Solotyj Potik – Straßburg – Toronto – Uschgorod – Venedig – Warschau – X – Yalta – Zug

Insgesamt sind das, wie Sie schon bemerkt haben, neununddreißig Städte. Und wenn Sie jetzt fragen, warum gerade neununddreißig, dann antworte ich, dass dies nicht die einzige und vielleicht nicht einmal die endgültige der möglichen Versionen ist. Oder dass die Vereinigung der Drei mit der Neun in der Zahl neununddreißig mir als Verkörperung der Vollendung erscheint.

Außerdem muss ich bekennen, dass ich nicht alle dreißig, sondern nur sechsundzwanzig Buchstaben des deutschen Alphabets verwendet habe, also nur jene, die tatsächlich lateinisch sind. Mit den vier anderen – den Umlauten Ä, Ö, Ü und dem ß (das unsere Deutschlehrerin scharfes s nannte) – bin ich so verfahren wie im Original mit dem einunddreißigsten Buchstaben des ukrainischen Alphabets, dem Weichheitszeichen.

Die Zeit dieser Buchstaben ist noch nicht gekommen. Ich setze meine Suche nach Städten fort, die mit ihnen beginnen.

* * *

Wie Sie sehen, hat das Alphabet die Räume vermischt und setzt sich örtlich über Grenzen hinweg. Dank seinem Willen und seinen Launen grenzt Czernowitz an Detroit und Detroit an Drohobytsch, Toronto an Uschgorod und Solotyj Potik an Straßburg.

Das Alphabet hat auch die Zeit durchgerüttelt. Dafür gibt es so viele Beispiele, dass ich nur das augenfälligste anführe: ein Kapitel, das im Jahr 2006 spielt, eröffnet das Buch, während eines aus dem Jahr 1965 auf dem vierunddreißigsten Platz rangiert. Es handelt sich also um vierzig als Mosaik verlebte Jahre. Wahrscheinlich bedeutet in diesem Fall vierzig, wie bei den alten Hebräern, unzählige.

Manchmal ist die oben dargestellte Reihenfolge auch durchaus berechtigt und verständlich: Charkiw und Czernowitz haben den ukrainischen Osten und den ukrainischen Westen einander näher gebracht, Kiew steht vor Lemberg, Leningrad, Minsk und Moskau gehören auf ewig zusammen, und Hajsyn, Isjaslaw und Jüterbog haben sich für mich unerwartet zu einer Triade von Armee-Erinnerungen gefügt.

Beim Lesen dieses Buches werden Sie sofort die Ungleichheit der Städte bemerken. Das signalisiert schon der Umfang der Kapitel. Je wichtiger eine Stadt für mich ist, desto mehr will ich darüber sagen. Allerdings nicht immer und überall. Sie werden schon merken, wo es anders ist. Meistens aber stimmt es, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber es wird auch Leser geben, die die deutlich disproportionale Akkumulation der wichtigen Städte (Kiew, Lemberg, Moskau, München, New York, Prag) – fast aller mit Ausnahme von Berlin und Venedig – in der Mitte des Buches bemerken. Als wäre der zweite und abschließende Teil dieses verborgenen Romans nur eine freiwillige Zugabe. Daher mein Vorschlag: Wenn dieses Buch überhaupt als ein Roman gelten soll, dann eher als Puzzle, als Modell zum Selberbauen. Als Roman, den man auf unterschiedliche Weise lesen kann, dessen Teile man sich zum gewünschten Modell zusammensetzt.

Und wenn das so ist, dann lassen Sie uns jetzt versuchen, dem Diktat des Alphabets Widerstand zu leisten und zu überlegen, in welcher Reihenfolge sich dieses Buch noch lesen lässt.

* * *

Wie kann man sich ein außeralphabetisches Lexikon vorstellen? Welche Varianten gibt es noch, dieses Buch zu lesen? Alle kann ich wohl nicht nennen. Vielleicht helfen Sie mir. Inzwischen gehe ich die Möglichkeiten durch, die auf der Hand liegen.

Zum Beispiel den Jahren nach. Wie wäre es, wenn man die Zeit nicht aufsplitterte, sondern die Kapitel in chronologischer Reihenfolge präsentierte? In diesem Fall finge alles mit Uschgorod an (1965) und endete mit Quedlinburg (2009). Wo aber fände dann Kiew 2017 seinen Platz? Oder Lemberg, das »immer« ist? Vor dem Anfang oder nach dem Ende?

Und wenn man es nach Ländern ordnete? Zuerst die ukrainischen Städte, dann die polnischen, die deutschen und so weiter immer weiter Richtung Westen. Die letzte Stadt wäre dann San Francisco, wo der Westen endet. Aber sie kommt in diesem Buch nicht vor.

Ein solches Buch müsste dann zum Beispiel mit Tokio beginnen, wo ich nie war. Die östlichste Stadt, in der ich je war, ist Moskau. Na, das wäre mir ja ein schöner Anfang!

Möglich wäre auch ein Ordnungsprinzip nach Erdbeben, Jahreszeiten, bergiger und flacher Landschaft.

Städte, in denen ich geträumt habe.

Städte, in denen ich nichts geträumt habe.

Städte, von denen ich geträumt habe.

Städte, in denen ich nicht geschlafen habe.

Städte, die nie schlafen.

Städte, die einen nicht schlafen lassen.

Ich habe noch einen weiteren Vorschlag: Lesen Sie dieses Buch nach Lust und Laune, in freier Abfolge, einfach dort, wo es sich öffnet, ob am Ende, am Anfang oder in der Mitte. Es geht schließlich um die Freiheit; ehrlich gesagt habe ich all das, was Sie auf diesen Seiten finden werden, um ihretwillen geschrieben.

ZUSATZ: STÄDTE, DIE NICHT VORKOMMEN (was ich sehr bedauere)

Bagdad, Bombay, Buenos Aires, Buchara, Vancouver, Marseille, Tiflis, Triest, Fergana, einige slowakische, Babylon, Carthagena, Pompej, Sodom, Gomorrha …

[1]  Czesław Miłosz: Alphabet. Charkiw 2010

[2]  Angemerkt sei hier, dass im Polnischen »Elementarz« so viel bedeutet wie »Alphabet«, »Fibel«.

[3]  Juri Isdryk (geb. 1962), einer der führenden ukrainischen Gegenwartsautoren, Dichter, Prosaiker, Essayist, visueller Künstler, Performer usw.

[4]  Wolodymyr Jeschkilew (geb. 1965), wichtiger Vertreter der ukrainischen Gegenwartsliteratur, vor allem des sog. Stanislauer Phänomens

[5]  Pamwo Berynda, geboren zwischen 1550 und 1570, gestorben 1632, Drucker, Enzyklopädist und Lexikograph, lebte u. ‌a. in Lemberg und später im Kiewer Höhlenkloster.

[6]  Fällt Ihnen ein schwächeres Adjektiv zum Wort »Manie« ein?

[7]  Zitiert nach: »Atlas. Meditationen«. In: Sarmatische Landschaften. Hg. von Martin Pollack. Frankfurt 2005

AARAU, 2006

Aarau liegt im Aargau am Fluss Aare. Das bedeutet, dass Aarau in der Zentralschweiz liegt, im Kanton Aargau, nicht weit vom Städtchen Aarburg. Aarau gäbe es in diesem Buch überhaupt nicht, wenn es nicht mit einem phantastisch-alemannischen doppelten »a« beginnen würde. Oder ist das gar nicht alemannisch, sondern keltisch? Ich mache den Mund weit auf und artikuliere »Aarau«, wobei ich das »aa« so angenehm wie möglich dehne. Als ich Walter Mossmann[1] von der Idee zu diesem Buch erzählte, fragte er: »Und welche Stadt wird die erste sein?« Damals antwortete ich: Augsburg. »Obwohl ich nicht wirklich weiß, was ich darüber schreiben soll«, fügte ich hinzu. Da riet mir Walter, mit der dänischen Stadt Aarhus zu beginnen. »Dann hast du eine Stadt mit Doppel-A am Anfang«, sagte er. »Aber da war ich noch nie«, widersprach ich. »Dann fahr hin«, sagte Walter. Ich fuhr nicht hin, denn als ich die Schreibweise überprüfte, stellte sich heraus, dass es gar nicht Aarhus, sondern Århus war und zudem noch als »Orchus« ins Ukrainische transkribiert wurde.

Nach Aarau jedoch war es ganz nah – ungefähr eine Stunde mit dem Zug. Zuerst musste man sich natürlich in der Schweiz niederlassen und dann verstehen, wie bequem erreichbar dort alles ist, im Eisenbahnsinn. Wie gemacht für diejenigen, die sich jederzeit ohne nachzudenken einfach auf den Weg machen können. So setzten auch wir uns einfach in den Zug und fuhren aus der Stadt Zug im Kanton Zug einfach in die Stadt Aarau im Kanton Aargau.

In Aarau stand ein Denkmal, und ich wollte, dass Pat ein Foto davon machte. Die Inschrift beeindruckte mich: »HEINRICH ZSCHOKKE. 1771-1848. Dem Schriftsteller, Staatsmann und Freund des Volkes – das VATERLAND«. Da verstand ich, dass wir nicht vergebens gekommen waren. Das Beispiel des mir unbekannten Heinrich Zschokke erwies sich als schicksalhaft. Jetzt hat mein Leben wenigstens ein hehres Ziel – Schriftsteller, Staatsmann und Freund des Volkes zu werden. Ob das VATERLAND es mir danken wird? Mit einem Denkmal? Wäre das nicht schön?!

[1]  Walter Mossmann (1941-2015), deutscher Liedermacher, der sich bereits Anfang der siebziger Jahre in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagierte (Wyhl im Breisgau). Einer der Initiatoren der Städtepartnerschaft Freiburg und Lemberg (A. ‌d. ‌Ü.)

ANTWERPEN, 2006

Der Name der Straße will mir einfach nicht mehr einfallen. Ich bin ganz sicher, dass sie sich irgendwo unweit des Hauptbahnhofs Antwerpen-Centraal befindet. Aber was heißt schon »unweit«? Zu Fuß können das fünf oder auch fünfundzwanzig Minuten sein; das ist auf dem Stadtplan ein bedeutender Unterschied. Besser, ich erinnere mich an alles andere, ohne mich auf topographische Feinheiten zu versteifen.

Die Straße also. Ich erinnere mich, dass sie schmal und irgendwie gekrümmt war. Man könnte sie sogar mit Fug und Recht als Gasse bezeichnen. Die historischen Innenstädte fast aller europäischen Städte sind ja eigentlich nicht von Straßen, sondern von Gassen durchzogen. Flandern bildet hier keine Ausnahme, sondern bestätigt augenscheinlich die Regel.

Die Gasse also. Sie war ganz und gar chimärisch, als wäre sie in Wirklichkeit von Bruno Schulz erdacht worden. Für einen Moment erschien mir Antwerpen als Drohobytsch, sauberer natürlich.

Nur dass Schulz von Zimtläden schrieb, und hier waren es Diamantenläden. Läden, Werkstätten und Handelskontore, was auch immer; alles für Diamanten. In dieser Straße wurden Rohdiamanten aus aller Welt verarbeitet. Hier wurden sie angehäuft, geschätzt, bewertet, geschliffen und facettiert. Und manchmal vielleicht auch verkauft. Mit Antwerpen werden vor allem Diamanten assoziiert. Und Diamanten und Antwerpen wiederum mit den Chassiden. Wer wissen will, wie die örtliche Bevölkerung in den alten Stadtzentren von Kolomyja, Bolechiw oder dem schon erwähnten Drohobytsch vor weniger als hundert Jahren noch ausgesehen hat, der sollte Antwerpen besuchen, die Diamantenhauptstadt des Westens. Und eine Brust voll Diamantenstaub atmen in dieser Krokodilgasse.

Ihre Bewohner sind genau so, wie sie sein sollen; es sind Prototypen, Schaustücke, Orthodoxe, meist schwarz gekleidet, mit Bärten und Schläfenlocken, meist mit Hut, aber es kommen auch Kipas vor und sogar hohe Fellmützen, alles wie den Illustrationen in historischen Ethno-Atlanten oder alten Sepia-Fotografien entsprungen, alles wie geradewegs aus Podolien, Galizien, der Bukowina, aus den schmutzigsten wolhynischen, transkarpatischen oder transsylvanischen Städtchen angereist, aber nicht den heutigen, sondern denen, die es gar nicht mehr gibt, von denen nur die Namen geblieben sind. Und auch in den Namen der Antwerpener Dynastien klingt diese Weltgegend wider: Pshevorsk, Satmar, Vizhnitz, Chortkov, Lubavitch.

Und alle sitzen sie auf Diamanten. Es sind Tausende, und in jener Straße haben sich Dutzende von ihnen zusammengetan.

Aber alle nur auf einer, der von uns aus gesehen linken Seite.

Auf der rechten reihten sich ebenfalls Diamantenläden, Schleifereien und ähnliche Juweliereinrichtungen. Und davor standen die Inder. Weil in Antwerpen neben den Chassiden auch die Inder in der Diamantenindustrie tätig sind.

Das wirkte alles ziemlich extrem: die Konkurrenz exotischer Magier, zwei Kolonien in der Diaspora, zwei Zivilisationen, zwei tausendjährige Schulen zur Facettierung der Wirklichkeit, der diamantene Gegensatz zwischen Jahwe und Schiva, Spinoza und Kabir, die linke und die rechte Seite der Straße, zwei Ufer der Ewigkeit, die schwarzen und manchmal schwarz-weißen Chassiden und die bunten, bronzehäutigen Anhänger des Jainismus mit ihren bunten Turbanen, Przeworsk und Gujarat, das östliche Europa und das westliche Indien, Golicie und Golkonda, zwei diamantene Hemisphären.

Denn wer Diamanten schleift, dem gehört die Welt, nicht wahr?

Nur die Penner in Antwerpen-Centraal reichten an diese Megametapher heran. Wenn es Nacht wurde, schoben sie sich in den Wartesaal, unter die phantastisch gewölbte Kathedralenkuppel, krochen aus allen Winkeln wie zu einer Versammlung und begrüßten sich heiser, und zwar erstaunlicherweise nur auf Polnisch.

BAYREUTH, 1994

Nein, nicht der Komponist Wagner ist für mich der absolute Held dieser absolut sauber geputzten bayrischen Kreisstadt (»Wohin, wohin? Nach Beirut?«, hatte Irwan nachgefragt), trotz des jährlichen Wagnerfestivals und trotz des vor allem dank seiner Juwelen glänzenden Publikums, das aus aller Welt hierherströmt, um ausgiebig die Langeweile der sechs- und siebenstündigen Opernaufführungen zu genießen. Und auch nicht Richard Wagners geliebter Hund, der im Hof des Wagnerschen Anwesens neben seinem Herrn und Meister begraben liegt (Inschrift auf dem Grabstein: »Hier ruht und wacht Wagners Russ«), nein, tut mir leid, der auch nicht.

Mein Bayreuther Held ist Jean Paul, der empfindsame und geistreiche Schriftsteller und Trinkbruder, der in Bayreuth seine letzten einundzwanzig Lebensjahre verbrachte und 1825 an Wassersucht[1] starb. Es gibt allen Grund anzunehmen, dass Jean Paul gerade hier in Bayreuth glücklich war. Natürlich ist er gelegentlich auch andernorts glücklich gewesen, in Coburg zum Beispiel. Jean Paul gehörte zu den Menschen, denen es gelingt, vollkommen glücklich zu sein. Er hat das Wort geprägt von der Kunst, die nicht Brot, sondern Wein ist. Und er wusste, wovon er sprach. In Bamberg trank er gern mit E. ‌T. ‌A. Hoffmann; aus den von ihnen geleerten Flaschen hätte man eine ziemlich gute Gedenkstätte bauen können. In Heidelberg schlürfte er so viel Punsch, dass der begeisterte Hegel ihm die Ehrendoktorwürde der Universität verschaffte.

Trotzdem war Jean Paul nur in Bayreuth beständig glücklich, also immer und andauernd. Es genügt, eine einzige Radierung in seinem Museum zu betrachten, um das zu spüren: Ein rebenumrankter Hügel, oben ein Aussichtspunkt, von dem aus alle drei Franken zu sehen sind: Ober-, Mittel- und Unterfranken. Wälder und Berge, Berge und Wälder, und dahinter der ganze »Rest der Welt«. Auf dem Aussichtspunkt ein Tisch, auf dem Tisch eine angebrochene Flasche Wein und ein halb geleertes Glas, außerdem Papier, Tintenfass und Feder. Jean Paul schreibt einen Roman, trinkt Wein und freut sich. Ich glaube, es fliegen auch Vögel am Himmel. Beim Anblick dieser Radierung wird einem so wohl, wie es Jean Paul auf der Radierung wohl war. Höchstens Skoworoda[2] ging es besser.

Ich würde die Radierung »Freiheit und Ekstase« betiteln. Denn Glück gibt es nicht auf der Welt, wohl aber Ekstase und Freiheit. Und genau so lässt sich das Glück imaginieren: Es gibt dich und auch wieder nicht, du bist überall und nirgends, die Leichtigkeit des Weines fließt in die Leichtigkeit des Windes und des Denkens, das Papier erzittert unter der Feder, das Denken überstrahlt das Wort mit solcher Kraft, dass du einen Steifen kriegst, und Vögel setzen sich dir auf die Schultern, Fische tanzen in den Bächen und die Wiesen sind vom Zirpen der Grillen erfüllt.

[1]  An Wassersucht, nicht am Wodka. Aber vielleicht war es auch der Wodka.

[2]  Hryhorij Skoworoda (1722-1794), ukrainischer Humanist und Fabeldichter

BERLIN, 1993-2009

Berlin kommt mir vor wie ein Tagebuch. Man will etwas hineinschreiben. Meine Tage in Berlin sind immer gezählt, selbst wenn es 365 sind, und auch das motiviert, Tagebuch zu führen. 365 Tagebucheintragungen könnten sich plötzlich als Roman erweisen – wenn man Glück hat. Aber selbst wenn man kein Glück hat, ist es zumindest den Versuch wert. Mit Berlin ist alles den Versuch wert, es ist eine Stadt für Versuche.

Diese Aufzeichnungen werden von Liebe und Dankbarkeit durchdrungen sein, denn in Berlin geht es mir besonders gut. In Berlin beobachte ich, was mir in keiner meiner anderen Städte zu beobachten gelingt; es ist vegetativ und voller Hohlräume, es existieren riesige Lücken, die man immer irgendwie füllen kann und am besten nur mit Literatur. Ich beobachte, wie Berlin sich mit Schriftstellern füllt. Sie stammen aus der ganzen Welt, und manche, die vielleicht nur zufällig für drei Tage kamen, sind ihr ganzes Leben geblieben. In dieser nicht besonders schönen Stadt, wo es bei aller Unansehnlichkeit so viele Bäume und so viel Wasser gibt, möchtest du plötzlich glauben, dass gerade hier dein Platz ist.

Ich habe noch nie ein Tagebuch geführt. In Berlin so wenig wie in Lemberg, Moskau oder Franyk[1]. Trotzdem ist aus allem, was ich bisher über Berlin geschrieben habe, ein Tagebuch geworden. Die Datierung ist vage, weil unbedeutend. Aufgrund dieser Vagheit der Daten kann ich die Reihenfolge frei bestimmen.

Hier also einige Stücke dieser um Berlin gewundenen Zeitstränge.

1. (… wahrscheinlich September 2005…)

Aus meinen Fenstern kann man tief ins Café Dollinger hineinsehen. Jetzt zum Beispiel, während ich diese Zeilen schreibe und es draußen dunkel wird, beginnt es von innen verhalten zu leuchten, ich kann die Räume und die Gäste beobachten, die gewichtig-geschmeidigen Bewegungen der Kellnerinnen, das Schimmern der Kerzen auf den Tischen. Ein eigenes Sujet meiner verstohlenen Betrachtungen könnte den Küssen gewidmet sein. Leute, die ein Treffen im Café vereinbaren, haben die Angewohnheit, sich zu küssen – zur Begrüßung und am Ende. Sie küssen sich auf westliche Art, also zweimal und kreuzweise. Wenn ich »auf westliche Art« sage, dann zähle ich die Schweizer nicht dazu; die küssen sich, wie die Slawen, dreimal. Wie lässt sich das erklären? Die Schweizer als die Küssslawen des Westens? Aber um sie soll es hier ja gar nicht gehen.

Meine Fenster und der Balkon liegen gegenüber auf der anderen Straßenseite, und da ich außerdem im ersten Stock wohne, betrachte ich das Café Dollinger aus leicht erhöhter Position. Als Zuschauer im ersten Rang, wenn es kein Café, sondern ein Theater wäre. Aber vielleicht ist es das ja auch. Vielleicht ist weder das Café ein Café, noch bin ich ein Voyeur.

Charlottenburg war früher einer der Stadtteile Westberlins, in denen sich eher die Boheme zu Hause fühlte. Das Café Dollinger da draußen, das ich ständig vor Augen habe, ist nur das erste in einer ganzen Reihe ähnlicher Etablissements: Dollinger, Orange, Leonhardt, Lentz (das kultigste von allen, es heißt, dort werde die vollkommene Stille gepflegt), dahinter ein neu eröffneter Italiener, was in Wirklichkeit meist Albaner oder Afghane bedeutet.

In den Sechzigern hat diese Ecke der Weststadt nie geschlafen. Die erwähnten Cafés hatten rund um die Uhr geöffnet, wie das 24-Stunden-Kino nebenan. Man konnte sich um drei Uhr morgens den neuesten Film, sagen wir von Antonioni, ansehen, und danach ins Café zurückkehren. Heute ist das nur noch Legende: In den vergangenen dreißig, vierzig Jahren ist Charlottenburg, und mit ihm der Stutti, der Stuttgarter Platz, wo ich wohne, nicht nur gealtert, sondern auch spürbar bürgerlich geworden, so dass niemand mehr bis frühmorgens in den Kneipen herumhockt, allenfalls mal bis Mitternacht. Das einzige revolutionäre Überbleibsel der Achtundsechziger ist die Tradition, bis abends um sechs Frühstück zu servieren. Erschöpft von ihren nächtelangen dionysischen Diskussionen über die einzig wahre Weltordnung ruhte die linke Studentenschaft gewöhnlich bis zum späten Nachmittag.

Den Besitzer der Wohnung, in der ich lebe, habe ich noch nie gesehen. Es heißt, er sei in Afrika. Wenn ich mich nicht irre, ist er Wirtschaftswissenschaftler, ein Ökonom – hier irre ich mich bestimmt nicht – marxistischer Couleur. Seine Bibliothek enthält nicht nur die Schriften der Gründerväter in dreiundvierzig Bänden, sondern auch Ausgaben des Kapitals in fremden, irgendwie immer romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch, Portugiesisch), etliche Marx-Biographien (Franz Mehring, Richard Friedenthal u. ‌a.), die Werke von Bebel, Bucharin und Lukács, eine Einführung in die Lehren von Marx, Engels und Lenin, eine Geschichte der Komintern, diverse politökonomische Häresien, die ich nicht kenne, dazu Mao Tse-tung in sechs Bänden und eine deutsche Übersetzung des Koran. Was Mao wohl über den Koran dachte? Was der Prophet wohl über Mao gedacht hätte?

Es sind Hunderte Bücher, Alben und Atlanten (Letztere machen mich wirklich glücklich, besonders der Neue Historische Weltatlas mit seinen 600 kolorierten Karten und einem Stichwortverzeichnis von über 20 ‌000 Einträgen).

Der Besitzer der Wohnung (oder vielleicht sein Vorgänger?[2]) ist zweifellos ein Achtundsechziger. Seine Ausgabe von Remarques Der schwarze Obelisk zeigt nicht nur Spuren intensiven Lesens, sondern ist auch voller Zettel und Bleistiftanmerkungen. Ausgerechnet der Schwarze Obelisk. Den Deutschen hat dieser Roman so viel bedeutet wie den Sowjetmenschen die Drei Kameraden. Die Jorge Amados im Original stehen komischerweise getrennt, jeder der vier Bände in einem anderen Regal. Steckt ein Konzept dahinter? Außerdem ist er eindeutig verliebt in Soziologie und Kulturanthropologie, er besitzt Fernand Braudels Mediterrane Welt in drei Bänden und die Geschichte des privaten Lebens in fünf. Komisch, aber nirgends ist ein Buch zu entdecken, das er selbst geschrieben hätte. Trotzdem bin ich sicher, dass er Bücher schreibt, über Katastrophentheorien zum Beispiel. Ökonomische, versteht sich.

Seine Phonothek besteht aus mehreren Hundert Vinylplatten, die man jedoch nirgends abspielen kann. Natürlich geht nichts ohne Bach, Strawinsky und Prokofjew. Überflüssig zu erwähnen, dass diese Phonothek auch Janis Joplin und einige Alben der Rolling Stones enthält. Keine Beatles, aber viel John Lennon – zuvorderst »Imagine«, klar! Dazu ein Doppelalbum des chilenischen kommunistischen Liedermachers Víctor Jara, der von Pinochets Schergen ermordet wurde. Alles ist so zusammengestellt, wie es sein sollte.

In der Wohnung hängt viel afrikanische Malerei. Die dargestellten Straßenszenen verweisen auf die frankophon-schwarzafrikanisch-muslimische Welt, vielleicht Niger oder Mali[3]. Und in einem der Zimmer steht eine hölzerne Giraffe – verkleinert, ungefähr anderthalb Meter groß, obwohl unter diesen hohen Decken auch eine echte Platz gefunden hätte. Aber was will ich mit einer Giraffe in der Wohnung?

Manchmal weiß ich nichts anzufangen mit dem unmenschlich vielen Raum und fahre Fahrrad; die vier Zimmer sind als lange Flucht angelegt, so dass man vom einen bis zum anderen Ende ganz schön Fahrt aufnehmen kann.

Manchmal beobachte ich stundenlang das Café Dollinger – bis dort die letzte Kerze ausgeblasen wird, man also aufhört, sich zu küssen.

2. (… wohl irgendwann im Dezember 1993)

Wir stiegen in Berlin-Lichtenberg aus dem Kiewer Zug, ein Dutzend Menschen ukrainischer Provenienz, sogenannte Gäste der Hauptstadt. Ich bin kein Freund von Delegationen, schon gar nicht, wenn sie so unhandlich groß sind, aber damals hatte ich keine Wahl: Die Reise nach Berlin konnte nur als Bestandteil angetreten werden, also stimmte ich zu. Wobei der Bestand sich unglaublich heterogen ausnahm: ein paar ehemalige politische Häftlinge, ein paar ehemals Unveröffentlichte, ein paar Funktionäre des Schriftstellerverbandes, ein paar Junge. Zu Letzteren gehörte auch ich.

Wir stiegen aus dem Zug und wurden sofort von Punks mit feurigem Irokesenschnitt und zotteligen Hunden umringt. Wir waren mehr als zehn, alles ukrainische Dichter. Manche trugen Schapkas aus Kaninchenfell, denn was soll ein Dichter im Dezember anderes tragen. Wir erregten Aufsehen. Ich allein wäre nicht aufgefallen, in der Delegation hingegen schon.

Wir waren also bereits ins Epizentrum geraten, da zündete sich der Dichter Mykola Samijlenko, ein Veteran des ukrainischen antisowjetischen und antideutschen Widerstands, in der Unterführung eine unserer filterlosen Partisanenzigaretten an. Und die Punks stürzten sich auf ihn; sie waren dem Geruch gefolgt. Sie wollten ein Päckchen geschenkt haben, so ein geiler Alter in Schaffelljacke und Lammfellmütze. Sie hielten ihm ihre eigenen Glimmstengel hin, wollten tauschen. Er aber glotzte sie nur ratlos an – ein alter Mann, kämpferischer Dichter und Propagandist, Held des Widerstands, selbst ganz Widerstand. Vor allem als ihr Hund ihm mit den Vorderpfoten an die Brust sprang und sein Schwanz vor lauter freudigem Wedeln fast abfiel. Denn Pan Mykola hatte seine eigene, historisch berechtigte Einstellung zu deutschen Hunden, vor allem zu dieser Rasse. Ich kam ihm zu Hilfe, und gemeinsam durchbrachen wir ihre Reihen – um den Preis von lediglich einer Handvoll Zigaretten.

Danach nahmen uns die deutschen Organisatoren unter ihre Fittiche. Sie holten uns gleich zu viert ab – zwei ältere Herrschaften, eine Dame und ein junger Kerl. Viele Jahre später habe ich ein Gedicht über »wenigstens eine Dame« geschrieben, genauer gesagt darüber, dass rein männliche Trinkgelage meist böse enden und dass »wenigstens eine Dame anwesend sein muss«. In unserem Fall aber hat die Dame die Situation nicht nur nicht gerettet, sie hat erst alles so richtig verschissen.

In unserem Hotel am Savigny-Platz (es existiert nicht mehr, heute ist dort ein Schuhgeschäft) luden unsere gastfreundlichen ukrainischen Seelen (die Funktionäre des Schriftstellerverbandes) die Deutschen aufs Zimmer ein, vom Schnaps und Speck zu kosten. Jahrzehntelang hatten sie Schnaps und Speck nach Moskau gebracht, wofür die Russen die Augen vor der künstlerischen Qualität verschlossen und sie in Übersetzung publizierten. Aber, wie mein Freund IP zu sagen pflegt, Gott bewahre uns vor ukrainischer Gastlich- und russischer Geistigkeit! Hier, in Berlin, in diesem Hotel mit dem netten bürgerlichen Namen »Alpenland«, nahm das erprobte Schnaps-Speck-Ritual einen unvorhergesehenen Verlauf. Nachdem sie ein paar Doppelte gekippt hatte, forderte uns die anwesende Berlinerin harsch auf, über Geschichte zu reden und die ukrainische Schuld für Oświęcim anzuerkennen (sie sagte »Auschwitz«, und unsere desorientierten Delegationsmitglieder verstanden überhaupt nichts mehr). Ihren deutschen Kollegen gelang es gerade noch, das Feuer zu löschen, indem sie ihr immer wieder entschieden »Quatsch!« ins Gesicht schleuderten. An jenem Abend hörte ich dieses energische Wort zum ersten Mal. Es gelang ihnen, die Freundin zu beruhigen, aber die Stimmung war verdorben, und es blieb ein bitterer Nachgeschmack. Am Ende bot Pan Mykola den Gastgebern Äpfel aus dem eigenen Garten an, eine Wintersorte, rot und knackig, von einem Baum, den er selbst gepflanzt hatte, nachdem er aus dem GULAG zurückgekehrt war.

Die Deutschen aßen die Äpfel und lächelten dankbar.

Außerdem weiß ich noch, wie die Berliner Tussen in den Doppeldeckern auf dem Ku'damm mit Fingern auf uns zeigten und total fasziniert »Russische Delegation!« wiederholten. Und wie an einem Samstagnachmittag in der Nähe des Zoos eine ganze Kolonne hupender Autos vorüberfuhr. »Turecke vesillja«, erklärte ich dem Rest der Ukrainer. »Eine türkische Hochzeit.« Neben uns ging eine Alte mit Hut, die uns einen Blick zuwarf und auf Serbisch bestätigte: »Turske veselje.«

Und schließlich erinnere ich mich an die großen Charlottenburger Huren in Schaftstiefeln und mit Lederpeitschen.

Seitdem wollte ich immer wieder nach Berlin kommen. So hat alles angefangen.

3. (… Ende Oktober, Anfang November 2005…)

Wie schön hat doch alles begonnen!

Erst fünfzehn Jahre ist es her, am Anfang des neuen Jahrzehnts, den man kurz darauf selbstbewusst als »Ende der Geschichte« bezeichnet hat, fälschlicherweise.

Wir konnten uns gar nicht genug über den nahen Sieg des Kapitalismus freuen. Unsere Medien wurden durch einen Wink mit Gorbis Zauberstab immer freier und berichteten immer mehr Positives vom Kapitalismus. Bis vor kurzem noch ein scheußliches Biest, erwies er sich jetzt als schöner Königssohn. Mit der verbissenen Hingabe von Neubekehrten gaben wir uns den Attraktionen des Marktes hin. Wir hatten uns in leicht zurückgebliebene Kinder verwandelt, die unter den Klängen mechanischer Musik von einem hypnotisierenden Band ins Jahrmarktszelt gezogen werden. »Markt, Markt, nichts als Markt!«, wiederholten beschwörend alle – Ökonomen, Philosophen und Poeten, wobei keiner von ihnen (und am wenigstens die Ökonomen) die Bedeutung dieses Wortes ermessen konnten.

Diejenigen unter uns, die als Erste in den Westen gelangten, berichteten von den unzähligen Sorten von Ess- und Trinkwaren und anderen Wundern des Konsums. »Stell dir vor, dort dankt man dir für den Einkauf!«, sagten sie erregt, mit einem Kloß im Hals.

Der Kapitalismus war wunderbar, kein Zweifel!

Erst später begann er, sich wild und ungeordnet auf unserer Heimaterde festzusetzen: Schock ohne Therapie, widerrechtliche Aneignung von Besitz, Entwertung der Ersparnisse, offene und versteckte Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg ins Prekariat – und im Gegensatz dazu die ersten fetten Kater, später höflich Oligarchen getauft.

Tatsächlich also herrschte bei uns der Kapitalismus (jener wilde), bei ihnen aber etwas viel Schöneres: die liberal-postindustrielle (noch dazu sozial ausgerichtete) Gesellschaft. So wird es jedenfalls genannt.

Es genügt, sich folgende Szenerien vor Augen zu führen.

Ich suche sie nicht – sie finden mich.

Gestern habe ich, auf dem Weg von Charlottenburg zu Freunden in Pankow, auf dem Alexanderplatz eine Pause eingelegt. Ein bisschen genervt von den Pennern in der S-Bahn, die bei jeder Station mehr wurden; an der Friedrichstraße waren noch drei zugestiegen, manche hatten große Köter dabei und forderten milde Gaben von den Fahrgästen. Mit einem Hund kann man erfolgreicher betteln – für Tiere spenden die Leute eher. »Immer ein bisschen Kleingeld in der Hosentasche bereithalten«, prägte ich mir für die Zukunft ein. In der Hosentasche, nicht im Geldbeutel. Ist es doch irgendwie unangenehm, vor den Pennern den Geldbeutel zu ziehen und darin herumzukramen.

Auf dem Alex wehte der Wind, es war schmutzig und leer. Vielmehr, nein – seit ich zuletzt hier gewesen bin, sind Bauzäune aufgetaucht, offenbar hatten wieder Renovierungsarbeiten begonnen an einer halben Ruine in der Nähe der gigantomanischen Galeria Kaufhof, dem »Symbol des Wandels« in der ehemaligen DDR. Ich ging durch die Wüstenei, vorbei an kleinwüchsigen Punks (vermutlich den Enkeln der eingangs erwähnten) mit ihrem Bier, ihren Zigaretten und ihren Promenadenmischungen, vorbei an verirrten Bitterfelder Mädchen auf Schulausflug, verdächtig braungebrannten illegalen Silberhändlern, rumänischen Zigeunerinnen mit ihrem »Do you speak English«. Außerdem kamen mir auf Schritt und Tritt Spinner oder Rollstuhlfahrer entgegen. Das war der Zerfall, ging mir auf.

Ja, es muss sich um eine neue Décadence handeln. Vor unseren Augen zerfällt eine weitere Utopie des Okzidents: dass sich nach dem Ende des Systemkonflikts ein für alle Mal materielle Sicherheit, geistige Gewissheit und ein gleichmäßig hoher Lebensstandard einstellen werden.

Aber das Leben kann, will und darf sich nicht in Standards pressen lassen, so hoch sie denjenigen auch scheinen mögen, die sich für seine, des Lebens, Konstrukteure halten. Das menschliche Antlitz ist nicht ausschließlich dafür gemacht, sich zu einem oberflächlichen und entfremdeten Lächeln zu verziehen. Falten, Narben, Grimassen des Schmerzes und der Verzweiflung sind ihm wesentlich. Das menschliche Antlitz lässt sich nicht konstruieren.

So gesehen könnte die von mir beschriebene Szenerie mit Pennern, Punks, Kötern und Spinnern durchaus als wahrheitsgetreu und optimistisch gelten.

4. (… zurück in jenes Jahr 1993…)

Ich habe von Mykola Samijlenko und seinen rotbackigen post-GULAG-Äpfeln geschrieben – und mich plötzlich entschlossen, im Internet nachzusehen, wie lange er denn nun in Gefängnissen und Lagern abgesessen hat. Das Internet hat Folgendes ausgeworfen:

»Der hervorragende Dichter Mykola Omeljanowytsch Samijlenko hat im Dnipropetrowsker Gebiet, aus dem er stammt, für die UPA1 gekämpft. Litt im GULAG und in der Verbannung. Trug seine Gedichte mit geschlossenen Augen vor, denn so hat er sie auch geschaffen und sich dadurch von der entsetzlichen Lagerwirklichkeit distanziert. Er starb, vergessen von dem Volk, für das er sein Leben lang gelitten hat, am 11. April 2001.« Schluss. Dort, wo sein Porträt sein sollte, stand noch: »Foto fehlt«.

Was hat das mit Berlin zu tun? Überhaupt nichts. Nennen Sie es Intermezzo zum Thema Vaterland.

5. (… zweifellos – Dezember 2005…)

Vor ein paar Tagen habe ich abends einen vorfeiertäglichen Rundgang durch das Viertel unternommen, brabbelnd wie ein pedantischer General. All das ist nur Oberfläche, Tand und das Eitelste der Eitelkeiten, dachte ich. Sowie manischer Ausverkauf billigerer und teurerer materieller Objekte, die man üblicherweise als Geschenke bezeichnet. Dazu Preisstürze und eine hektische Nachfrage nach allem, was der Händler den Rest des Jahres nicht los wird. Was heißt hier Stern von Bethlehem, Hirten, Lämmer, die Krippe und Weihnachten? Wenn zu Weihnachten kein Schnee fällt, dann heißt das, niemand interessiert sich für den Gottesbeweis. Wieder einmal hat der Atheismus gesiegt.

Diese Gedanken heiterten mich auf, denn es sind nicht ganz meine Gedanken. In Gedanken parodierte ich die Gedanken anderer.

Nicht weit vom Savigny-Platz stieß ich auf MS, einen irischen Dichter. Wie alle Iren war er schon ziemlich angeheitert und lud mich sofort auf ein Bier ein. »Man«, rief MS mit den Armen wedelnd, »du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dankbar ich bin!« Vor zwei Monaten hatte er sich darüber beschwert, dass er sich den neuen Jarmusch-Film nicht ansehen könne, weil er in Berlin nur auf Deutsch lief. Ich empfahl ihm ein Kino in Kreuzberg, wo Broken Flowers im Original gezeigt wurde. Und jetzt konnte mir MS gar nicht genug danken. »Man«, wiederholte er ein ums andere Mal, »du kannst dir nicht vorstellen, was Jarmusch für mich bedeutet! Auf dieser Welt gibt es nur zwei Helden – Jarmusch und Tom Waits, Tom Waits und Jarmusch!« Ich stimmte ihm zu, beide sind super. Solidarisch drückten wir uns die Hand und bewegten ruckartig die Köpfe, wie Huzulen2, wenn sie Arkan tanzen. Außerdem bestellten wir ein Bier nach dem anderen.

Nach gut anderthalb Stunden lächelte MS geheimnisvoll und teilte mir mit gedämpfter Stimme mit: »Ich hab eine Weihnachtsüberraschung für dich, man.« – »Was denn«, murmelte ich ohne freudige Erwartung. »Wir werden Jarmusch treffen«, sagte MS noch leiser, fast schon flüsternd. Mein Verstummen ausnutzend, fuhr er fort: »Ich weiß, wo er ist. Ich weiß, wo er gerade ist. Er ist in Berlin. Er ist in Berlin in meiner Wohnung.« Er redete fast so, wie der alte russische Schauspieler Martinson im Hund von Baskerville: »Ich Weiß Wer Ihm Zu Essen Bringt!« (jedes Wort eine neue Zeile).

Es war zwei Uhr nachts, als wir uns seinem Haus im Storkwinkel näherten. Das Vorgefühl eines Wunders begleitete uns. Uns begleitete ein einsamer Stern am hohen Himmel über Berlin, uns begleiteten Engel, die in diesem Augenblick von den sichtbaren und unsichtbaren Höhen dieser Welt ihre tönenden evangelischen Stimmen erklingen ließen. Uns begleiteten die Heiligen Drei Könige, in die sich drei Obdachlose verwandelt hatten, nur für uns: ein Kelte, ein Perser, ein Mohr.

Alles war möglich in so einer Nacht. Lieber Jim, du weißt, wie sehnlich wir dich erwarten. Die Luft begann nach Schnee zu riechen. Fast gingen wir auf Zehenspitzen. Bloß nicht Jarmusch aufschrecken, dachte ich. Schließlich ist er ein weltbekannter Regisseur.

6. (… absolut genau Juli 2000…)

Und dann ist mir in Berlin, mitten in seinem Herzen, noch Folgendes passiert (ich zitiere aus Geheimnis, aber ungenau und mit Varianten – allzu zerbrechlich ist diese Erfahrung):

… ‌bald darauf betraten unsere Wattebeine die Weidendammbrücke, unter uns floss die Spree, wie sie immer geflossen war, die Sonne schien uns ins Gesicht, wir unterbrachen unseren Lauf nicht für einen Moment, aber der Eisenbahnbrücke über der Friedrichstraße kamen wir keinen Schritt näher. Wir marschierten unerträglich lange und durchschnitten die Luft entschlossen mit wedelnden Armen, schon lange hätten wir unser Hotel erreichen müssen, aber die Weidendammbrücke wollte nicht aufhören, sie fing nicht einmal richtig an – denn die Entfernung zu der anderen, ihr perpendikularen Eisenbahnbrücke verringerte sich nicht und konnte sich offenbar auch niemals verringern. Erst da verstand ich, was los war, und sagte mit erstickter Stimme: »Hört mal, wir treten auf der Stelle.« Dieser Einfall erklärte so einiges – zum Beispiel, warum uns die Autos so durchdringend anhupten.

Es war der Himmel der Ewigkeit. Damals gelang es uns für einen kurzen Moment, in der Ewigkeit zu verweilen. Wir waren aus der Zeit gefallen. Der Eisenbahnbrücke kamen wir keinen Schritt näher, die Spree hörte auf zu fließen, die Sonne verharrte im Zenit, die Zeit existierte nicht. Hätten uns die Arschlöcher in ihren Autos nicht angehupt, wären wir nie mehr zurückgekehrt. Andererseits haben sie uns vielleicht gerettet, denn die Ewigkeit ist ein Alptraum, und mit ihrem durchdringenden Hupen à la Türkische Hochzeit holten, nein, rissen sie uns aus ihren kalten Fängen. Vielleicht ist dies das richtige Mittel: Wenn einer sich zum Sterben anschickt, braucht man ihn bloß anzuhupen, direkt ins Ohr.

Aber stellen Sie sich den Alptraum vor – mit aller Kraft ausschreiten und nicht vom Fleck kommen, nirgendwohin gehen!

7. (… 2008 – Herbst, sogar Spätherbst …)

Es ist gut, ein neues Buch an einem neuen Ort zu beginnen – an einem anderen Ort, in einem anderen Land, ein bisschen sogar in einem anderen Leben. Ich schreibe hier absichtlich »anderes« und nicht »fremdes«. Denn Berlin ist mir schon lange nicht mehr fremd. Ich liebe Berlin vor allem für das Gefühl der Leichtigkeit und Offenheit, dank dessen mir in Berlin alles gelingt. Pardon, ich übertreibe: nicht alles, aber so manches – den Schlüssel zu bekommen, zum Beispiel. In Berlin überreicht man mir einen Wohnungsschlüssel, und er erweist sich als Schlüssel zur Stadt. Und manchmal auch zur Welt.

Ich liebe Berlin auch für seine Unausgewogenheit. Dabei denke ich weniger daran, dass die geteilte Stadt trotz der physischen Abwesenheit der ein für alle Mal gefallenen Mauer nicht endgültig zusammenwachsen kann. Es geht vor allem um die städtischen Szenerien, von denen einige durch fast schweizerischen Wohlstand beeindrucken, andere durch typisch postkommunistische Verwahrlosung. Wie ließen sich Zürich und Tirana in einem Organismus vereinen? Oder Marzahn und Dahlem? Manchmal scheint es, als existierten Dutzende Berlins, jedes mit seiner eigenen Szenerie. Und in einer bin ich gelandet. Nicht Dahlem, aber fast: Grunewald.

Jedes meiner Bücher hängt ab von den Bildern vor dem Fenster. Vor ein paar Jahren war es das Café Dollinger an der Ecke Leonhardtstraße und Stuttgarter Platz. Jetzt blicken meine Fenster auf den Herthasee, und so weiß ich endlich, woher der Name des Westberliner Fußballclubs stammt, für den, glaube ich, Woronin spielt. Die neue Welt vor meinem Fenster habe ich sofort ins Herz geschlossen: die hundertjährigen Bäume, den Kanal, der Herthasee und Königssee verbindet, und vor allem sein pechschwarzes Wasser, das fast mythologische Assoziationen heraufbeschwört.

An einem der ersten Tage erkundete ich, einem geliebten Ritual folgend, die Örtlichkeiten. Grunewald, so zeigte sich, eignete sich ebenso gut für meditative Spaziergänge wie für Ausflüge mit dem Fahrrad. Es hat etwas Museales, und wenn die Zeit dort auch nicht stehengeblieben ist, so vergeht sie doch bedeutend langsamer. Vor allem ist Grunewald noch immer versunken in die eigenen Ursprünge: die belle époque der Jahrhundertwende, das sogenannte Fin de siècle, das so unerwartet (für wen – die heutigen Historiker?) vom Ersten Weltkrieg abgewürgt wurde. Grunewald verkörpert ebenjene schöne Epoche, künstlich und von der realen Epoche abgeschnitten, ideal und elitär, mit Villen und Anwesen, in sich selbst versunken und bürgerlich altmodisch. Vielleicht war hier Anfang der zwanziger Jahre der junge Nabokov spazieren gegangen – in Shorts, mit Panama-Hut und Schmetterlingsnetz. Hier gelang es ihm vielleicht, weitere Exemplare für seine Sammlung zu fangen. Grunewald ist ein Territorium der Schmetterlinge: Seen, Kanäle, Wiesen, Bäume, Anwesen und Parks. Wie gut, dass ich bis zum Frühling bleibe und dann noch ein gutes Stück Sommer mitkriege.

Im Frühsommer werden die Russen kommen, aber noch ist nichts von ihnen zu hören, jetzt erscheint mir überall nur der eine: Nabokov. Im Mai dann werden die anderen, die Nicht-Nabokov-Russen, die teuren Restaurants füllen, mit ihren harschen Stimmen die bürgerliche Atmosphäre in Trümmer legen und vom Leben immer mehr und noch mehr fordern.[4] Im Mai kehren sie üblicherweise in ihre Grunewalder Domizile zurück, die sie nebenbei für ihr unkontrolliertes und jeglichen Gestanks beraubtes Geld erworben haben. Du hast der Heimat gedient, es bis zum Obersten gebracht – genieß nun deine Pension in einem anständigen Land.

Die Russen fühlen sich in Berlin nicht nur wie zu Hause, sie sind hier zu Hause. Russisch hört man bereits häufiger als in Franyk; wenn das so weitergeht, dann gibt es hier mehr Russisch als in Kiew.

Und dann ist mir noch aufgefallen: in den S- und U-Bahnen spenden die Fahrgäste nur für russische Musik. Wer »Abende bei Moskau« oder »Katjuscha« spielt, kriegt seinen Becher voll. Die Geschichte von Einnahme und Kapitulation ist nicht beendet. Manchmal schmerzen die Augen vor all den weißen Fahnen in der Stadt.

8. (… Anfang Mai 2006…)

Sie werden immer mehr, je näher der Sommer rückt. Sie sind überall – in den Unterführungen und U-Bahn-Stationen, auf belebten Plätzen, in Parks und Grünanlagen, in der Nähe von Café- und Restaurantterrassen, buchstäblich an jeder Ecke. Berlin ist hier keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Ein mir bekannter Journalist plant sogar eine Monographie über die Berliner Straßenmusikanten. Er hat es gut, der Arbeitslose, er hat Zeit dafür. Seine Idee war, mit einer Klassifizierung zu beginnen, und er zählte fünf Grundkategorien.

Erstens die Berufsmusiker, die sich nach Abschluss der Hochschule warum auch immer nicht in der philharmonischen Routine wiederfinden konnten. Zweitens die Gruppe von Wunderlingen und Einzelgängern, versprengte Rockmusiker und wandernde mittelalterliche Spielleute, zu harten Drogen neigende, verlorene Engel des Undergrounds (sie sind es auch, die meistens in den Unterführungen stehen, denn sie ertragen das Tageslicht nicht mehr). Drittens die innovativen Erfinder, Virtuosen nie gesehener Instrumente oder gleich kompletter Orchester – zum Beispiel Konstruktionen aus verschieden geformten und verschieden großen Glasgefäßen voll Wasser (oder vielleicht Spucke?). Viertens absolute Dummspieler: Kerle albanisch-rumänischen Typs, braungebrannt mit Goldzähnen und dunklen Brillen. Sie ziehen immer zu dritt herum, meist in der Besetzung Saxophon, Gitarre, Akkordeon (manchmal: Tamburin). Sie spielen hemmungslos schlecht, was sie nicht daran hindert, mit listiger Frechheit und bemerkenswert deutlich artikulierten Flüchen in ihrer kräftigen balkanischen Sprache die U-Bahn mit der Forderung nach Geldspenden zu durchkämmen. Diese Kerle zehren immer noch von den goldenen Zeiten, Kusturica und Bregović. Zur fünften Gruppe rechnet mein Bekannter die russischsprachigen Übersiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, als Musiker unvergleichlich professionell.

Meiner Meinung nach unterläuft ihm hier ein logischer Fehler; die Vertreter der fünften Gruppe könnten auch zur ersten gehören. Alles echte Musiker, andere sind mir nie begegnet. Sowjetischer Ausbildungsstandard.

Im Januar und Februar 2004 wohnte ich am Wannsee und fuhr oft mit der S1 ins Zentrum (die viel schnellere S7 war durch Bauarbeiten zwischen Charlottenburg und Zoo unterbrochen). Jedes Mal tauchten sie zwischen Schöneberg und Yorckstraße auf, das war wohl ihr Platz. Ein halbwegs junges Paar, er Gitarre, sie Mandoline. Sie eine slawische Schönheit (wie es in den Kontaktanzeigen heißt), er weder schön noch slawisch.

Wenn sie anfingen, war es jedes Mal Lloyd Webber, »Memories«. Das spielten sie noch ganz ordentlich, aber weil die Fahrt zwischen den beiden Stationen länger dauerte als ein Stück, kam noch eins, und meine letzten Zweifel, es könnte sich nicht um, wie soll ich es nett ausdrücken, ehemalige Landsleute handeln, schwanden dahin. Es war das Liedchen von Ostap Bender, in dem »mein Segel blinkt, so weiß und einsam« aus der Fernsehverfilmung der Zwölf Stühle …

Dutzende Male habe ich diese Bahn genommen, und jedes Mal tauchten sie auf, jedes Mal spielten sie dasselbe, immer in derselben Reihenfolge – Lloyd Webber, »Memories« und dann »…doch ich klage nicht und ich weine nicht«. Wenn es auf der Welt eine Hölle für Musiker gibt, dann, ewig, jeden Tag, ohne Wochenende und Feiertage, jede Stunde und jede Minute von Waggon zu Waggon gehen zu müssen und nichts anderes zu spielen als zwei Melodien, jedes Mal dieselben zwei Melodien.

Ich reiste aus Berlin ab, und als ich letztes Jahr zurückkehrte, traf ich sie nicht mehr. Bis letzten Freitag. Da waren sie plötzlich wieder da, nicht in der S1, sondern in der U2, zwischen Wittenbergplatz und Bülowstraße. Ich schloss die Augen und kündigte in Gedanken an: »Lloyd Webber. ›Memories‹.« Worauf sie genau das, was ich angekündigt hatte, zu spielen begannen. Wie immer: mechanisch, korrekt, sauber. Zum millionsten Mal. Als sie fertig waren, sagte ich zu Pat: »Und jetzt kommt das Lied von Ostap Bender, hör gut zu.«

Aber o Wunder, sie spielten etwas vollkommen anderes – »Chattanooga«. Das glich einer Revolte. Mit übermenschlicher Anstrengung hatten sie es von der Hölle ins Fegefeuer geschafft. An der Station Chattanooga, Staat Tennessee, wurden sie mit Applaus und Pfiffen empfangen. Als der Kerl mit der Gitarre durch den Waggon ging, um Geld zu sammeln, warf ich ihm zum ersten Mal ein paar Münzen in den Hut.

9. (… derselbe Herbst – 2008 …)

RT, ein extrovertierter und exzentrischer Kollege vom Kolleg, fragte mich einmal: »Do you know the German word Leichenhalle?« Er meinte die außerordentliche Ruhe Grunewalds, seine besondere Stille, die bürgerliche Langeweile und leere Vorhersagbarkeit der Umgegend. Die Frage entpuppte sich als Anspielung auf den Schrecken der Geschichte. Wie wenn man etwas ganz Neutrales ausspricht, zum Beispiel Gleis 17. Und plötzlich klingt es wie Holocaust.

Jenes alte, ideale Grunewald war eine Kolonie wohlhabender und sehr wohlhabender Menschen, eine elitäre Insel des Erfolgs. Seine Bewohner geboten über Finanzen und Fabriken, gaben esoterische Zeitschriften heraus, veröffentlichten philosophisch-politische Essays, saßen im Reichstag, deklamierten in Salons und Altanen russische und französische Poesie, unterstützten Theater, Fußballvereine und linke Gruppierungen, bemalten Leinwände im Stile des Kubismus und Fauvismus, schufen die Grundlagen für die chemische und die Kino-Industrie, drehten Stummfilme, hielten sich Geliebte von der Operette und Liebhaber vom Ballett, luden zu Essen und Empfängen, an denen Politiker, Diplomaten, Schauspielerinnen und Schriftsteller teilnahmen, wurden selbst Politiker, Diplomaten, Schauspielerinnen und Schriftsteller, sie veranstalteten Picknicks, diskutierten über Anthroposophie, experimentierten mit Architektur, Tanz und Sex – kurzum, es waren mehr als erfolgreiche Menschen, unter denen wohl jeder von sich hätte behaupten können, dass sein Leben gelungen war.

Was später, ab 1933, mit ihnen geschah, kann man als schrittweise Einschränkung bezeichnen, die immer schärfer und schmerzhafter wurde. Unaufhaltsam wurden sie zum Objekt eines wachsenden Hasses, dieser Hass sprang wie ein Lauffeuer auf immer zahlreichere Menschengruppen über, und nicht mehr lange, und diese Massen würden sich gegen sie wenden, Vergeltung fordern. Wofür? Das Dasein selbst wurde eingeengt – von der Einschränkung jeglicher Möglichkeiten zur totalen Unmöglichkeit von allem. Sie begann mit Schikanen wie dem Verbot, den Hund an öffentlichen Plätzen auszuführen, und endete mit dem Transport in die Todeslager von Gleis 17 der Station Berlin-Grunewald.

Das Entsetzen, das sich während der dreißiger Jahre nach und nach in den Wohnungen und Villen konzentrierte und verdichtete, lässt sich mit keinerlei physikalischen Instrumenten messen. Wenn es solche Instrumente gäbe, dann würden sie immer noch ausschlagen. Sie würden einfach verrückt werden, diese Instrumente.

10. (… noch ein Frühling – 2009, doch was für ein Unterschied ‌…)

Peter Z., mit dem ich beim Griechen »Terzo Mondo« in der Grolmanstraße seinen Film begieße, sagt unvermittelt, vielleicht aber auch wegen des Kognaks: »Du solltest einen Berlin-Roman schreiben. Seit Döblins Zeiten hat es keinen mehr gegeben. Also setz dich hin und schreib.«

Was für einen Roman denn, wenn Berlin ein Notizbuch ist? Und anstelle von zusammengefügten Geschichten, der Metaphysik des Sujets und dem großen Romannarrativ – überall Hohlräume und Lücken? Wenn kein Kapitel für sich in Anspruch nehmen kann, Teil eines Ganzen zu sein, kein Absatz beendet, kein Satz abgeschlossen ist? Und es statt Kapiteln, Absätzen und Sätzen nur einzelne Wörter gibt, wie zum Beispiel »Rosinenbomber«?

Wozu es vielleicht reichen könnte: ein Register solcher Wörter zu erstellen, obwohl ich auch dafür so viel Zeit und Kraft bräuchte wie andere für den Ulysses. Damit sich dort all die Checkpoints, die Kneipen, die Labradorhunde, die S-Bahn, der Döner, die Russen, die Freaks, die Kirche zum Hohlen Zahn und ausnahmslos jeder Geisterbahnhof sowie natürlich der erwähnte Rosinenbomber wiederfinden.

Jahrelang würde ich einfach eine Liste Berliner Wörter erstellen. Vielleicht bräuchte es genau das – sie am Ende mit Erzählsätzen zusammenzunähen.

11. (…so zwischen 18. und 21. August 2006…)

Der Erste, der mir den Weg auf den Teufelsberg gezeigt hat, war Alik Danziger, ehemals Kiewer. Er heißt übrigens wirklich Danziger und wohnt in der Danziger Straße. In Berlin kommt so was vor.