Karriere in der Medizin -  - E-Book

Karriere in der Medizin E-Book

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Beschreibung

Seinen eigenen Weg finden und nach dem Studium in die richtige Richtung losgehen: Das ist Karriereplanung! Aber auch in späteren Phasen des Berufslebens lohnt eine Standortbestimmung. Nach vorne zu schauen und sich gleichzeitig die richtigen Fragen zu stellen bedeutet: Profi in eigener Sache zu werden, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und das weitere Leben. Mit der Approbation in der Tasche hat man als Mediziner:in ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten, seinen Weg zu finden – nicht nur im Arztkittel. Und eine Musterkarriere gibt es schon gar nicht. Doch was heißt eigentlich Karriere? Wie weiß ich, welcher Job zu mir passt? Dieser Karriereleitfaden ist ein Kompass für die persönliche Standortbestimmung und den Weg in und durch das Berufsleben. Das Buch erweitert den Horizont und beschreibt die vielfältigen Berufsbilder in Klinik, Wissenschaft, Beratung, Krankenversicherung oder Medizintechnik/Industrie. Ausführlich wird das breite Spektrum der Möglichkeiten in der kurativen Medizin aufgezeigt – mit Erfahrungsberichten aus den unterschiedlichsten Bereichen, z.B. als Arzt auf hoher See oder im Auslandseinsatz. Das Buch begleitet Dich auch auf Deinem Weg ins Berufsleben und bei Deinem Start im (neuen) Job sowie in Orientierungsphasen, wenn Du Dich verändern willst. Wir danken dem Deutschen Roten Kreuz e.V. – Generalsekretariat – für die freundliche Genehmigung des Abdrucks des Rot-Kreuz-Wahrzeichens auf dem Buchcover für die 1. Auflage.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Julia Schäfer (Hrsg.)

Karriere in der Medizin

Wie finde ich mein Perfect Match?

mit Beiträgen von

J. Baas | E. Böttinger | M. Bracht | V. Busam | J.F. Debatin | J. Diers | M. Ebinger | G. Gerresheim | B. Gibis | A. Goepfert | S.-L. Gregull | C. Höhling-Mosler | C. Jung | D. Kalanovic | T. Kollmar | A.M. König | J. Ludwig | U. Marschall | M.U. Müller | D. Nikolic | F. Nolte | M. Oldhafer | S.M. Ostermann | H.J. Roth | J. Schäfer | V.S. Schäfer | U. Schütze-Kreilkamp | B. Steinweg | A. Struchholz | A. Tecklenburg | H.M. Thaiss | S. Thun | P. Tinnemann | J. Tülsner | N. Unterwalder | C.N. Vorisek | S.-M. Weh | F. Wenzel-Hazelzet | A. Werner | J.A. Werner | K. Woellert

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Die Herausgeberin

Dr. Julia Schäfer

Klinikum Landsberg am Lech

Bgm.-Dr.-Hartmann-Straße 50

86899 Landsberg am Lech

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-735-2    (eBook: ePDF)

ISBN 978-3-95466-736-9    (eBook: ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2023

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Anja Faulenbach, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout & Satz und Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Vorwort

In der griechischen Philosophie der Stoa ist die ars medica eine techne, eine Kunstfertigkeit, die sowohl das Handwerkliche als auch das Künstlerische vereint. Mediziner sind nicht mehr Halbgötter in weiß und müssen sich neu erfinden. Gefragt sind heute interprofessionelles Denken und Handeln, ein Fokus auf eine patientenzentrierte Prozessorganisation, die oft noch durch berufsgruppenspezifische Silos verhindert wird, sowie ein Grundverständnis für gesundheitsökonomische Rahmenbedingungen.

Karriere in der Medizin und von Medizinern – kein Widerspruch, aber momentan nicht im Zeitgeist. Wir sprechen über die Möglichkeiten der 4-Tage-Woche, eine realistische Work-Life-Balance und Zeit für gute Medizin, für die Patienten, für die Selbstentfaltung. Viele junge Mediziner, aber auch gestandene und lebenserfahrene Mediziner suchen heute nach Orientierung nach dem Studium oder in einer bestimmten Lebensphase. Bevor sie der Medizin den Rücken kehren, sollten sie dieses Buch lesen, um die vielfältigen Tätigkeitsfelder im Rahmen des Gesundheitswesens auszuloten. Jedes Jobprofil beinhaltet fachliche und persönliche wie auch strukturelle Aspekte, dennoch passieren Karrieren selten auf der Sachebene, auch nicht in Expertenorganisationen, sondern aufgrund von zufälligen Ereignissen (serendipity), die in der Medizin als unbeabsichtigte Begleitfolgen schon oft für Innovationen sorgten. Die teilweise auch offenen und persönlichen Beschreibungen und Einsichten in diesem Buch ermutigen, nicht nur der komplexen Fachlichkeit zu vertrauen, sondern auch in emotionale und psychologische Qualitäten zu investieren.

Es kommen Persönlichkeiten des Gesundheitswesens in Deutschland zu Wort, geben Einblick in ihre beispielhaften Karrieren und entmystifizieren den Glauben daran, dass alles im Vorhinein planbar ist. Den Moment zu ergreifen und auch Mut zu haben, sich auf Neues einzulassen, sind viel wichtiger als vermeintliche Blaupausen für den beruflichen Erfolg. Daher ist dies auch kein Ratgeber, sondern ein Ideengeber für Mediziner, die noch ihren Weg im passenden Setting suchen oder einen Impuls zur Veränderung brauchen.

Je nach Unternehmenskontext und Arbeitskultur sind aber auch unterschiedliche Kompetenzen sowie ein authentisches Erwartungsmanagement von zentraler Bedeutung. Beides lässt sich lernen und mit bestimmten Methoden zur Standortbestimmung und Selbstreflexion auch sinnvoll konkretisieren. Dieses Buch versammelt sowohl persönliche Geschichten und Einblicke als auch Methoden zur Bewältigung der Herausforderungen im Arbeitsalltag. Resilienz, Kollegiale Fallberatung, (medizin-)ethische Reflexion und auch die aktive Gestaltung von Veränderungen sind keineswegs mehr „Soft Skills“, sondern Stabilisatoren einer medizinischen Karriere.

Es geht um ein eingehendes Self-Assessment, Berufsbilder für Mediziner vom Öffentlichen Gesundheitswesen über Praxisnetzwerke bis hin zu Krankenhaus, Rehaklinik, Wissenschaft, Medien, humanitärer Einsatz oder Beratung. Keine glattgebügelten Werbetexte, sondern transparente und durchaus auch kritische Betrachtungen loten aus, was Mediziner benötigen um in den diversen Arbeitswelten eine Karriere, d.h. einen nach persönlichen Kriterien erfolgreichen Lebensweg zu machen und den Arbeitsalltag auch durchzuhalten.

Ich möchte diese einleitenden Worte mit einem Dank an alle Beteiligten verbinden, die in den letzten zwei Jahren, inmitten einer Pandemie, das Engagement aufbrachten, ihre Karrierewege und Erkenntnisse mit anderen zu teilen und junge und sich verändernde Mediziner zu motivieren, sich das Umfeld zu suchen, in dem sie im flow sind, also ihr Potenzial (menschlich und professionell) entfalten können. Dies ist auch gleichzeitig ein Plädoyer für die Chancenvielfalt auch heute in Zeiten und unter Bedingungen, die von vielen Medizinern aufgrund der Ökonomisierung, Bürokratie und immer noch schleppenden Digitalisierung als herausfordernd und negativ empfunden werden. Sich das berufliche Umfeld mit dem Mindset zu suchen, das zur persönlichen Werteskala und Lebensplanung passt, ist auch für Mediziner möglich, quasi ein Gegenentwurf zu denjenigen, die permanent die Systemzwänge zitieren und damit den Arztberuf für den Nachwuchs unattraktiver machen. Medizin ist eben doch Berufung!

Dr. Julia Schäfer

Im April 2023

Geleitwort

Natürlich gibt es diejenigen, die aufgrund von Interesse, persönlicher Erfahrungen oder familiärer Prägung bereits als heranwachsende Menschen wissen, dass sie als Arzt oder Ärztin in der direkten Heilkunst ein Leben lang tätig sein werden. Für die Mehrheit gibt es diese Klarheit nicht – weder zum Zeitpunkt der Entscheidung für ein Studium, und noch weniger während des Berufslebens. Dafür wandeln sich Interessen, Lebensumstände, und Bedürfnisse zu dynamisch. Der Trend von der linearen Karriere zu individuellen Berufswegen hat auch die Medizin erfasst. Nicht zuletzt der Fachkräftemangel eröffnet diesbezüglich neue Möglichkeiten der beruflichen Verwirklichung. Und selbst die anfangs Überzeugten kommen aufgrund konkreter Erfahrungen immer häufiger ins Schwanken und stellen die Frage: was kann ich mit einem Medizinstudium denn sonst noch so machen?

Dieses Buch gibt Antworten auf diese Frage, indem es die Vielfalt der Tätigkeitsfelder für Ärztinnen und Ärzte umfassend beleuchtet. Die Bandbreite ist groß: ausgehend von den klassischen Berufsbildern im ambulanten und stationären Umfeld werden auch Tätigkeiten in medizinischen Nischen wie z.B. in der Rehabilitationsmedizin oder dem öffentlichen Gesundheitswesen beschrieben. Ein besonderer Fokus des Buchs liegt allerdings auf den Tätigkeitsfeldern außerhalb der direkten Heilkunst. Dazu gehören das Management und die Beratung in großen wie in kleinen Unternehmen ebenso wie die Technologieentwicklung und die Wissenschaft. Die Beschreibung der unterschiedlichen Tätigkeitsprofile wird ergänzt durch konkrete Werdegänge. Viele dieser Kurzbiografien vermitteln eine echte Lust auf die Vielfältigkeit der Medizin. Beim Lesen wird klar: Medizin ist deutlich mehr als monolithische Heilkunst. Vielmehr lebt die Attraktivität des Faches von der Vielfältigkeit der Anwendung medizinischen Wissens und Könnens. Die Beispiel-gebenden Werdegänge ermutigen den Leser jenseits der bekannten Pfade zu schauen. Und damit kommen wir zur Kernbotschaft des Buches: Mediziner haben es in der Hand, in Abhängigkeit persönlicher Umstände das ideale berufliche Setting zu finden.

Dieses Buch versteht sich als wertvolle Unterstützung für die berufliche Standortbestimmung innerhalb der Medizin. Diese sollte im Übrigen nicht einmalig, sondern eher iterativ erfolgen. So kann die Tätigkeit in einem Bereich über ein gesamtes Berufsleben erfüllend sein; immer häufiger aber bedingen veränderte Lebensumstände und Interessen auch veränderte berufliche Konstellationen. Sofern bei derartigen Kombinationen ein „roter Faden“ erkennbar erscheint, ist er meistens im Nachhinein konstruiert – so auch beim Autor dieses Vorworts. Treffender beschrieben handelte es sich bei meinem beruflichen Werdegang um eine Aneinanderreihung spannender Versuchungen, denen ich nicht widerstehen konnte.

So ganz dem Zufall sollten Mediziner ihre berufliche Zufriedenheit und den damit einhergehenden Erfolg allerdings nicht überlassen. Diesbezüglich vermittelt das Buch dem Leser wichtige Hinweise:

1. Da das Wissen in der Medizin eine überschaubare Halbwertszeit hat und sich mit großer Geschwindigkeit erweitert, braucht es die Bereitschaft und Fähigkeit zu kontinuierlichem Lernen. Werden unterschiedliche Tätigkeitsfelder in einem Berufsweg kombiniert, kommt neben Neugier vor allem der Willen, sich in einem neuen Umfeld zurechtzufinden, dazu.

2. Bei der Auswahl der konkreten Tätigkeit ist ein ehrliches Self-Assessment unerlässlich. Dazu gehört eine Beurteilung der eigenen Wünsche und Fähigkeiten bezüglich Arbeitszeiten, Planbarkeit, oder Führungskompetenz ebenso wie Fragen nach der inhaltlichen Ausgestaltung wie z.B. handwerklich oder eher theoretisch, mit Patientenkontakt oder rein Schreibtisch-gebunden, lokal oder regional oder gar international.

Die Autorinnen und Autoren vermitteln mit diesem Buch ein Bild der Mediziner jenseits von Pandemie, ökonomischer Zwänge und organisatorischen Unzulänglichkeiten. „Karriere in der Medizin“ stellt den Menschen nach dem Medizinstudium in den Mittelpunkt, umgeben von vielfältigen Tätigkeitsfeldern – eine gelungene Anleitung für berufliche Zufriedenheit in einer breit gefächerten Medizin.

Prof. Dr. med. Jörg F. Debatin, MBA

Im April 2023

Geleitwort

Für das vorliegende Buch dürfen wir Dr. Julia Schäfer und der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft dankbar sein, denn ein vergleichbares Werk zu dem wichtigen Thema „Karriere in der Medizin“ hat man bislang vergeblich gesucht. Diese Lücke ist nun gefüllt. Durch die vielen Kapitel, in denen die unterschiedlichen Karrierewege innerhalb der Medizin von Expert:innen kompetent beleuchtet werden, wird deutlich, dass sich die Humanmedizin durch ein enorm breites Spektrum möglicher Berufsausrichtungen auszeichnet. Dies ist wohl auch ein wesentlicher Faktor für die nach wie vor hohe Attraktivität des Faches Medizin bei der Studienwahl, zumal die früheren vergleichsweise hohen Gehälter nicht mehr unbedingt im Vordergrund stehen dürften. Es wird deutlich, dass glücklicherweise heutzutage schon ab dem Medizinstudium Weichen gestellt werden können, z.B. durch Programme mit dem auch in Deutschland im uniklinischen Setting üblich gewordenen „Clinician-Scientist“. Dieser Karriereweg ermöglicht sowohl eine klinische als auch wissenschaftliche Tätigkeit, und dient langfristig auch der Translation, d.h. der so wichtigen Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis.

Da das Buch auch Karrieren in der freien Wirtschaft behandelt, wird deutlich, dass es in der Medizin kluge Köpfe in vielen Bereichen braucht, die keine Berührungsängste haben sollten. Dies betrifft eben die Industrie, die aus der Grundlagenforschung und Entwicklung dann im Idealfall neue Produkte herstellt, welche dem Patienten zugutekommen. Auch die internationale Start-up-Szene muss gefördert werden, weil nur hier langfristig Wertschöpfung stattfinden kann und große Pharma -Unternehmen längst erkannt haben, dass kleinere forschungsorientierte Firmen häufig innovativer sein können als die größeren, die aber am Schluss häufig gebraucht werden. Die paradigmatische Geschichte von Biontech, die am Ende durch eine Partnerschaft mit Pfizer ein in der Pandemie bahnbrechendes Impfstoff-Angebot bereitstellen konnte, könnte ein Stimulus sein für Mediziner:innen mit Mut und Durchsetzungskraft.

Erfolg ist aber bekanntlich die Kombination von Inspiration und Transpiration, wie Einstein gesagt hat, und deswegen werden im Buch auch Aspekte wie Belastungen in Kliniken, in den Praxen und anderen Medizinbereichen, die Bedeutung der Digitalisierung, die Bekämpfung einer gerade in Deutschland häufig überbordenden Bürokratie etc. behandelt. Außerdem wird anschaulich dargelegt, dass in der Medizin individuell bei der Vereinbarkeit vom beruflichen und außer-beruflichen Leben (der Begriff Work-Life-Balance ist irreführend) genug Karrierewege zur Verfügung stehen, die eine balancierte und ehrliche Kombination fördern.

Bei den Medizin-Studierenden ist bereits deutlich das weibliche Geschlecht bei den Absolvent:innen überrepräsentiert; und das Buch zeigt auf, wie bei weiteren Karrierewegen in die Spitzenpositionen die gleichwertige Beteiligung der Geschlechter gefördert werden kann. Hierbei helfen konsequente Angebote von partiellen Teilzeitangeboten und Führungskräfte-Entwicklungsprogrammen. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Industrienation noch einen gewissen Nachholbedarf bei der Vielfalt betreffend die soziale und nationale Herkunft der im Gesundheitswesen tätigen Personen, wobei dieses Problem in der Forschung bereits überwunden ist; in der Klinik sollten aber verstärkt die modernen Möglichkeiten der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache genutzt werden, um vor allem ausländischen Pflegekräften die Integration zu erleichtern. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Tätigkeiten in internationalen Organisationen, Gesundheitsämtern, Beratungsunternehmen, Journalismus etc. den klassischen Rollenbildern der Ärzteschaft in der Praxis oder im Krankenhaus in keiner Weise nachstehen. Personen mit medizinischem Hintergrund bewähren sich inzwischen als Präsident der Weltbank, Kommissionspräsidentin der EU etc. Dies hat vielleicht mit dem Kern aller medizinischen Karrierewege zu tun, weil es immer um die Kombination von direkten Kontakt mit Menschen, der nötigen Empathie und gleichzeitig der raschen Integration von Innovationen und technischen Fortschritten geht.

Wenn man fragt, was den verschiedenen Karrierewegen, die in dem Buch so elegant dargestellt sind, gemeinsam ist, ist es aus meiner Sicht das Konzept der Evidenz-basierten Medizin, was in den verschiedenen Bereichen das Leitmotiv sein sollte, ebenso wie die Verpflichtung, effizient und auskömmlich zu arbeiten, damit der hohe Stand der Gesundheitsversorgung, der in Ländern wie Deutschland erreicht ist, nicht unbezahlbar und dadurch gefährdet wird. Dies ist eine hohe ethische Verpflichtung für die Verantwortungsträger:innen in den verschiedenen Bereichen der Medizin, die qualitativ höchstwertig arbeiten, aber keine Ressourcen unnötig verschwenden sollen. Ökonomie und Qualität stehen nach meiner festen Überzeugung nicht im Gegensatz, sondern bedingen sich gegenseitig; und Karrieren in verschiedensten Bereichen können zum Gelingen dieses Spagats beitragen und damit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft einen bedeutenden Beitrag leisten.

Bewährt hat sich aus meiner Sicht die im Buch ebenfalls angesprochene Arbeitserfahrung im Ausland, weil man bei einem solchen Eintauchen in andere Systeme immer Aspekte entdecken wird, die besser oder schlechter laufen als im eigenen Land. Das ideale Gesundheitswesen gibt es nicht, und diese wichtige Erkenntnis kann dann zur erhöhten Selbstkritik und vielleicht auch zur nötigen Dosis Demut beitragen, weil alle nationalen Systeme mit ihren auch unterschiedlichen Karrierewegen Vor- und Nachteile bieten. Es ist eben wie in der Medizin selbst: Gute Wirkungen haben häufig auch negative Nebenwirkungen und eine gute Entwicklung braucht kritische Köpfe. Unabhängig von den individuellen Karrieren, die auch immer ein Element von Zufälligkeit enthalten, sind die Fähigkeit zur (Selbst-)Kritik, die Entwicklung zur personalisierten Medizin, die kluge Nutzung der Digitalisierung und das Brennen für den selbst gewählten Karriereweg die besten Garanten für Erfolg. Das Ziel jeder Karriere-Entwicklung ist die Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme im jeweiligen Bereich zu entwickeln, die auf den Schultern der Lehrenden und Mentor:innen beruht, aber zur Selbstständigkeit führt. Dies hat der Basler Stadtrat Paracelsus genial zusammengefasst in dem Satz „Alterius non sit, qui suus esse potest“.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Holzgreve, MBA

Im Mai 2023

Inhalt

IAuftakt: Wo soll es hingehen?

1Karriereplanung beginnt am ersten Studientag – Medizinstudierende im FokusBernhard Steinweg

2Interview mit Prof. Dr. Jörg F. Debatin

3Standortbestimmung – Wer bin ich? Was will ich (erreichen)?Julia Schäfer

4Interview mit Prof. Dr. Erwin Böttinger

5Meine Ziele als Arzt/ÄrztinAndreas Tecklenburg

6Interview mit Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp

IIMeine Chancen als Arzt/Ärztin – Berufsbilder und Tätigkeitsfelder

1Arzt/Ärztin im Öffentlichen GesundheitsdienstPeter Tinnemann

2Interview mit Dr. Matthias Bracht

3Arzt/Ärztin in PraxisnetzwerkenHenrik J. Roth

4Arzt/Ärztin im KrankenhausJohanna Ludwig

5Arzt/Ärztin in der RehabilitationsmedizinMartin Ebinger

EXKURS:Entscheidungskoordinaten für den klinischen AlltagAlexandra M. König

6Arzt/Ärztin in der ambulanten Versorgung – Angestellt oder selbstständigBernhard Gibis

7Arzt/Ärztin im LaborNadine Unterwalder

EXKURS:Digitale MedizinCarina N. Vorisek und Sylvia Thun

8Arzt/Ärztin an der Universitätsklinik – Die dreifache Herausforderung aus Versorgung, Lehre und ForschungValentin S. Schäfer

9Arzt/Ärztin im AnzugAndreas Goepfert

10Arzt/Ärztin in BeratungsunternehmenThorsten Kollmar

EXKURS:Vom Sprechzimmer in die MedienJochen A. Werner, Christiane Höhling-Mosler und Achim Struchholz

11Arzt/Ärztin als Journalist – Recherche/Interview statt PatientengesprächMartin U. Müller

12Arzt/Ärztin in der forschenden PharmaindustrieDaniel Kalanovic

EXKURS:Auf Umwegen zum ZielHeidrun M. Thaiss

13Arzt/Ärztin in einer KrankenkasseUrsula Marschall

14Interview mit Dr. Jens Baas

EXKURS:Mein Weg vom Arzt zum GründerDjordje Nikolic

15Als Arzt/Ärztin im Einsatz mit Ärzte ohne GrenzenInterview mit Johannes Diers, Veit Busam, Götz Gerresheim, Annette Werner und Christina Jung

16Arzt/Ärztin auf hoher SeeJens Tülsner

IIIMeine Karriereplanung

1Meine KarriereplanungJulia Schäfer

2Meine BewerbungJulia Schäfer

EXKURS:Medizinkarriere in Management und Beratung – Persönlicher ErfahrungsberichtFlorian Wenzel-Hazelzet

IVHerausforderung, Erfolg und Scheitern

1Mit Resilienz den Berufseinstieg meisternSaskia-Maria Weh

2Kollegiale Fallberatung als selbstorganisiertes (Führungs-)Coaching für ÄrzteSimone M. Ostermann

3Ethische Herausforderungen im Klinikalltag und die Aufgaben der Klinischen EthikKatharina Woellert

4Change Management und Führung – Wie kann Führungsverhalten Veränderungen positiv und zukunftsorientiert unterstützenMartina Oldhafer und Felix Nolte

DieAutorinnen und Autoren

Anhang

I

Auftakt: Wo soll es hingehen?

1Karriereplanung beginnt am ersten Studientag – Medizinstudierende im FokusBernhard Steinweg

Mit dem Begriff Karriere werden im Wesentlichen zwei Bedeutungen verknüpft: Ursprünglich ist „[der] Weg eines Individuums über mehrere Stationen seiner Laufbahn hinweg“ (Kauffeld 2014) gemeint, viele verbinden ihn darüber hinaus mit Aufstieg und Prestige. Unterscheiden lässt sich subjektiver und objektiver Karriereerfolg (Kauffeld 2014). Während letzterer durch Außenstehende bewertet werden kann, ist der subjektive Karriereerfolg von der individuellen Reaktion der Medizinstudierenden und Ärzt:innen auf ihre Berufsstationen geprägt (Kauffeld 2014) – viel wichtiger als eine hohe Position könnte also auch das Erreichen individueller Ziele, beispielsweise bezüglich der Fachdisziplin oder auch Arbeitsumstände sein. Auch sozio-demografische Faktoren und individuelle Unterschiede spielen eine Rolle (Kauffeld 2014).

Doch ab wann sollen sich angehende Mediziner:innen mit der Planung der eigenen Karriere beschäftigen? Ist es erforderlich, dass sich alle mit Karriereplanung beschäftigen? Was bedeutet Karriere aus Medizinersicht und wie kann bereits im Medizinstudium darauf fokussiert werden? Wer ist eigentlich für die Karriereentwicklung verantwortlich, die (angehenden) Ärzt:innen selbst oder die Organisation, also je nach Zeitpunkt also die Universität, das Universitätsklinikum, der Arbeitgeber im Allgemeinen? Dieser Beitrag widmet sich der Beleuchtung von Hintergründen zur Motivation und Zulassung zum Medizinstudium, den möglichen individuellen Zielen und Erfolgskriterien und setzt den Fokus auf angehende Ärztinnen und Ärzte, also Medizinstudierende, mit konkreten Praxisempfehlungen ausgehend von den Fragen: Wie verändern sich Motivation und Zufriedenheit im Verlauf des Studiums? Wovon hängt der Lernerfolg ab? Inwiefern können Auslandserfahrungen, Promotion, studentische Jobs und Engagement an der Fakultät dazu beitragen, herauszufinden, wie der eigene Weg aussehen könnte? Auch die Verantwortung seitens der Universitätsmedizin wird hervorgehoben: Sie steht vor der Herausforderung, unter zunehmendem Ressourcendruck und unter Berücksichtigung ökonomischer Aspekte kompetente Absolvent:innen akademisch auszubilden, die nach Abschluss des Studiums in der Versorgung der Bevölkerung eingesetzt und die den verschiedenen Anforderungen an Ärzt:innen heutzutage gerecht werden können. Gleichzeitig sollen die persönlichkeits- sowie neigungsspezifische Entwicklung ermöglicht und (wissenschaftliche) Karrieren gefördert werden.

1.1Motivation, Ziele & Zulassung Medizinstudium

Das Medizinstudium in Deutschland ist nach wie vor sehr beliebt. Es gibt dabei vielfältige Gründe für junge Menschen, sich für ein Medizinstudium zu entscheiden: so steht bei vielen der Wunsch im Vordergrund, Menschen zu helfen oder sich einen lange bestehenden Berufswunsch zu erfüllen. Als weitere Faktoren – wenn auch nicht so ausschlaggebend – werden das Erlangen eines gewissen sozialen Status einhergehend mit einem entsprechenden Einkommen, der Wunsch nach einer Führungsposition oder wissenschaftliches Arbeiten genannt (Jungbauer et al. 2004; Köhler et al. 2004; Bernhardt u. Träder 2014). Die Zulassung der Medizinstudierenden erfolgt anhand verschiedener Kriterien wie u.a. der Abiturbestenquote. Darüber hinaus müssen mindestens zwei schulnotenunabhängige Kriterien wie z.B. eine Berufsausbildung verwendet werden. Unter anderem ist hier ein fachspezifischer Studieneignungstest verpflichtend zu berücksichtigen (Stiftung für Hochschulzulassung 2021). Einige Fakultäten führen komplexere Auswahlverfahren durch, die z.B. auch soziale oder kommunikative Kompetenzen als Eignungskriterien testen.

Das Kollektiv der Medizinstudierenden setzt sich also aus i.d.R. hochmotivierten und leistungsfähigen Menschen zusammen, die ihr Studium mit klaren Zielen vor Augen aufnehmen. Dabei sind die Vorstellungen hinsichtlich der späteren Fachrichtung oder des Arbeitsumfeldes unterschiedlich, wie im Dialog mit Studierenden deutlich wird: Es gibt Studierende, die bereits früh planen, in die ambulante hausärztliche Versorgung zu gehen oder als Chirurg:in in einem peripheren Krankenhaus tätig zu werden. Andere möchten eine (wissenschaftliche) Karriere an einer Uniklinik verfolgen, viele wissen auch nicht, was sie werden möchten oder verwerfen ihre ursprünglichen Pläne im Verlauf des Studiums. Manche Studierende entscheiden im Praktischen Jahr (PJ) oder erst nach Abschluss des Studiums, welche Facharztausbildung sie beginnen. Eigene Beobachtungen zeigen, dass die spätere Fachrichtung umso klarer wird, je weiter das Studium fortgeschritten ist.

1.2Medizinstudium im Fokus – den eigenen Horizont erweitern

Doch wie geht man seine Berufslaufbahn richtig an? Retrospektive Befragungen von Absolvent:innen der Medizin zur Berufszufriedenheit zeigen, dass als Kriterien für ein erfolgreiches Medizinstudium neben klassischen quantitativen Parametern wie Studiendauer und Note, vor allem auch qualitative Aspekte wie die allgemeine Zufriedenheit mit dem Studium, der Kompetenzerwerb, die Qualität der Ausbildung im PJ sowie Auslandserfahrung oder eine abgeschlossene Promotion genannt werden (Braun et al. 2016). Diese Aspekte werden im Folgenden näher beleuchtet.

Das Medizinstudium aktiv mitgestalten

Ausschlaggebend scheint zu sein, welche Erfahrungen zu verschiedenen Zeitpunkten im Medizinstudium gemacht werden – entsprechend verändern sich Motivation und Zufriedenheit. In Regelstudiengängen mit klassischer Struktur werden zunächst die Grundlagen und erst im fortgeschrittenen Studienverlauf die klinischen Inhalte vermittelt. In den Modell- oder Reformstudiengängen dagegen werden schon früher klinische Inhalte gelehrt. Das kann sich signifikant auf Studienmotivation und Zufriedenheit auswirken. Bernhardt u. Träder (2014) konnten verschiedene Gruppen unter Medizinstudierenden hinsichtlich der Motivation identifizieren, welche im Studienverlauf entweder zu- oder abnimmt, gleichbleibend ist oder wellenartig verläuft. In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass vor allem der erste Studienabschnitt inklusive der ersten Staatsprüfung (M1-Examen) eine Belastung darzustellen und die Motivation negativ zu beeinflussen scheint (Bernhardt u. Träder 2014; Kohler u. van dem Bussche 2004). Einige der initial hochmotivierten und leistungsstarken Studierenden erleben unerwartete Rückschläge durch Nicht-Bestehen von anspruchsvollen Prüfungen wie z.B. den Testaten im Fach Anatomie oder dem M1-Examen. Auch werden durch das Überwiegen der Grundlagenfächer mit wenigen klinischen Erfahrungen die eingangs aufgeführten Motivationsgründe für das Medizinstudium wie der Umgang mit Menschen oder das Behandeln von Patient:innen – abgesehen vom dreimonatigem Pflichtkrankenpflegepraktikum – nicht adäquat bedient. Und auch das Krankenpflegepraktikum ist häufig nicht auf die Lernziele des Studiums abgestimmt. In späteren Studienabschnitten scheint die Motivation bei den meisten Studierenden eher wellenartig zu verlaufen. Das ist darauf zurückzuführen, dass insbesondere im klinischen Studienabschnitt neben den Pflichtpraktika und Untersuchungskursen sogenannte Famulaturen, also mehrwöchige klinische Praktika, absolviert werden müssen, in denen Erfahrungen gesammelt werden. Während der Zeitumfang der Praktika festgelegt ist, können der Einsatzort oder die Fachrichtung selbst gewählt und Fächer neigungsspezifisch ausprobiert werden. Hier bestehen viele Möglichkeiten, den eigenen Weg aktiv zu gestalten.

Die Studierenden kommen also im Studienverlauf verstärkt mit dem klinischen Alltag in Kontakt. Sie berichten, dass sie durch bestimmte Praktika herausgefunden haben, welche Richtung sie später einschlagen wollen. Besonders prägend ist dabei das PJ am Ende des Medizinstudiums, wo sie in Tertialen je 16 Wochen durch verschiedene Kliniken bzw. Praxen rotieren und in die Patientenversorgung integriert werden. Alle Studierenden müssen dabei ein Pflichttertial in der Inneren Medizin und Chirurgie sowie ein Wahlfach absolvieren. Laut Ärztlicher Approbationsordnung (ÄAppO) sollen sie im PJ „die während des vorhergehenden Studiums erworbenen ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern […] Zu diesem Zweck sollen sie entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen.“ (ÄAppO 2002). Im Absolventenprofil des weiterentwickelten Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM Version 2.0 2021) wurde als Anforderungsprofil an Absolvent:innen definiert, welche ärztlichen Tätigkeiten diese am Ende des PJ durchführen können sollen und was zu Beginn der Weiterbildung von Berufsanfänger:innen sicher erwartet werden kann im Sinne einer Arbeits- und Diensttauglichkeit. Dem PJ kommt also bzgl. Kompetenzerwerb und dem Ausführen relevanter ärztlicher Tätigkeiten eine hohe Bedeutung zu. Entsprechend besteht auch hier die Chance, sich aktiv mit der Arzttätigkeit auseinanderzusetzen und durch Auswahl des Wahlfachs sowie der Klinik bzw. Praxis das anvisierte Fach zu belegen.

Ausschlaggebend im Studium sind neben Patient:innen, Krankheitsbildern und der Übernahme von ärztlichen Tätigkeiten vor allem die Begegnungen mit den klinischen Lehrenden, also den betreuenden Ärzt:innen, die als Rollenvorbilder im positiven wie negativen Sinne fungieren. Für die heutige Studierendengeneration ist es zunehmend wichtiger, wie Ärzt:innen professionell mit ihnen und andererseits mit Patient:innen, Angehörigen oder Kolleg:innen verschiedener Berufsgruppen interagieren und wie Studierende in den klinischen Alltag integriert werden. Auch spielt eine Rolle, wie die Lehre strukturiert und der Kompetenzerwerb gefördert wird, in dem z.B. aktiv ärztliche Tätigkeiten und damit Verantwortung übertragen werden. D.h. die Person des/der Lehrenden hat großen Einfluss sowohl auf die Motivation als auch auf die Entwicklung der Studierenden und den Studienverlauf. Je mehr er/sie integriert, inspiriert, begeistert und von eigenen Erfahrungen sowie Schlüsselmomenten berichtet, je mehr positive Erfahrungen im Studium gemacht werden, umso größer ist die Motivation und schließlich auch der Lernerfolg. Werden die Studierenden dagegen in den praktischen Kursen, klinischen Praktika und PJ nicht integriert, laufen sie stets nur beobachtend nebenher und bekommen das Gefühl vermittelt, nicht willkommen zu sein, wird das System darüber hinaus als streng hierarchisch und der Umgang mit anderen als nicht professionell erlebt, so prägt das neben der Motivation auch die eigene Einstellung gegenüber dem zukünftigen Arztberuf. Nicht wenige Absolvent:innen gehen daher nach Ende ihres Medizinstudiums nicht in die Patientenversorgung, sondern in die Pharmaindustrie, medizinische Startup-Unternehmen, Verlage oder sonstige Institutionen.

Für den eigenen Lernerfolg ist darüber hinaus relevant, wie der eigene Lernprozess und vor allem der (klinische) Kompetenzerwerb gesteuert wird. Hierfür ist es wichtig, sein eigenes Lernverhalten zu kennen bzw. kennenzulernen und zu reflektieren. Es gibt zwar schulische Erfahrungen und ggf. schon Lernstrategien, allerdings unterscheiden sich die Anforderungen und Lerninhalte im Medizinstudium im Vergleich zur Schule. Jede/r Studierende muss für sich klären, ob er/sie eher mit Texten, Abbildungen, Videos und/oder Apps lernen kann, ob Wiederholen, Reproduzieren, Erklären und/oder das praktische Ausführen von Tätigkeiten bzw. Lernen mit Kommiliton:innen in Lerngruppen den eigenen Lernerfolg positiv beeinflusst. Weiterhin ist ausschlaggebend, wie sehr sich die Studierenden einbringen, Lernmomente vor allem bzgl. praktischer und kommunikativer Kompetenzen in den klinischen Kursen bzw. Praktika identifizieren und diese ggf. zusätzlich in extracurricularen Studienangeboten (z.B. im Skillslab) trainieren. Dadurch können relevante ärztliche Tätigkeiten erlernt und der ärztliche Berufsalltag kennengelernt werden. Ebenfalls wichtig für den eigenen Kompetenzerwerb ist es, den Dialog mit den Ausbilder:innen zu suchen, Fragen zu stellen, in den konstruktiven Austausch zu gehen und gute Lehre einzufordern sowie anschließend die Lehre zu evaluieren. Studierende sind mitunter sehr passiv und zeigen entweder eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber der Fakultät und den Lehrenden oder – möglicherweise auch bedingt durch die bisherigen Erfahrungen im Studium, die hierarchischen Strukturen in den Kliniken oder aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale – verlassen die eigene Komfortzone nicht und bringen sich kaum aktiv in die Ausbildung ein. Manche Studierende zeigen sogar eine gewisse Resignation, ein Vermeidungsverhalten oder eine Überforderung bis hin zum Burn-out schon im klinischen Studienabschnitt oder PJ, bevor mit der eigentlichen ärztlichen Weiterbildung begonnen wird – entsprechend findet hier kaum noch Kompetenzerwerb statt. Diese Studierenden gilt es zu identifizieren und unterstützende Maßnahmen zu ergreifen. Die Studierenden sind also in der Verantwortung die eigene Ausbildung und damit den eigenen Karriereweg mitzugestalten.

Tipps für die Praxis

Konzept Selbststudium: Strukturierung und Steuerung des eigenen Lernprozesses (was, wann, wie, mit welchen Medien, mit anderen in Tandems/einer Lerngruppe oder allein).

Standortbestimmung zu Beginn und im Verlauf des Studiums: Gute Zeitpunkte sind z.B. das Erreichen bestimmter Meilensteine (M1, Übergang klinisch-theoretischer/klinisch-praktischer Studienabschnitt, nach den ersten Blockpraktika oder Famulaturen, M2 etc.). Hilfreich ist der Austausch mit anderen Studierenden oder der Fachschaft sowie die Unterstützung durch (Peer-)Mentoring-Programme der Fakultät. Folgende Reflexionsfragen bieten sich an:

„Warum studiere ich Medizin, was waren/sind meine Ziele und kann ich beides in Einklang bringen mit den Erfahrungen, die ich bislang im Studium gesammelt habe?“

„Was kann ich aktiv verändern, um Ziele und Realität zu harmonisieren?“

„Was will ich werden, in welchem Fach und wo?“

„Bin ich ein/eine (klinische/r) ‚Allrounder:in‘ oder möchte ich mich früh spezialisieren?“

„Möchte ich klinisch tätig werden, Klinik und Wissenschaft kombinieren oder patientenfern arbeiten?“

„Was ist mir wichtig, beruflich wie privat?“

„Wie kann ich meine Ziele erreichen?“

Strukturierte Planung des eigenen Weiterkommens: Das umfasst erstens das aktive Einbringen in die und Einfordern der (klinischen) Lehre, dabei Verlassen der eigenen Komfortzone und aktive Übernahme von (ärztliche) Tätigkeiten, Kommunikation mit den betreuenden Ärzt:innen, präsent und motiviert sein! Zweitens geht es um die gezielte Auswahl der Praktika, Festlegen von (Lern-)Zielen für den Praktikumseinsatz, anschließendes Reflektieren der Ziele und Erfahrungen anhand folgender Reflexionsfragen:

„Was habe ich gelernt, was muss ich noch lernen bzw. verbessern?“

„Ist bei mir eine Kompetenzentwicklung beobachtbar?“, wenn nein „was brauche ich?“, „welches Feedback habe ich erhalten?“

„Wie würde eine außenstehende Person, z.B. der/die supervidierende Arzt/Ärztin oder eine Pflegekraft aus dem Behandlungsteam des aktuellen oder letzten Praktikums mein Wissen sowie meine Fertigkeiten inklusive Soft Skills beurteilen?“

„Wie ist meine Einstellung gegenüber der ärztlichen Tätigkeit, gegenüber Patient:innen und anderen Berufsgruppen?“

„Wieviel Engagement bringe ich mit bzw. zeige ich?“

„Konnte ich mich mit dem Fach, den Kolleg:innen und Patient:innen identifizieren?“

„Fühle ich mich wohl im Kontext der Patientenversorgung?“, „Habe ich Berührungsängste?“

„Was sind die Konsequenzen für weitere Praktika und mein Studium?“

Entwicklung eines Plan B – es kann passieren, dass die festgelegten Ziele nicht erreicht oder Pläne verworfen werden müssen. Das bedeutet in der Regel nicht das Ende der eigenen Karriere! Peer-Studierende und Beratungsangebote nutzen!

Vor allem aber: Genießen der Studienzeit!

Erfahrungen im Ausland sammeln

Als weiteres Kriterium für ein erfolgreiches Medizinstudium wird die Auslandserfahrung genannt, z.B. im Rahmen eines Erasmus-Auslandssemesters an einer der europäischen Partneruniversitäten. Auch Erfahrungen durch Famulaturen oder PJ-Aufenthalte im Ausland wirken sich positiv auf die Motivation und Zufriedenheit aus. Hier scheinen neben den medizinischen Inhalten und dem Kennenlernen anderer medizinischer Systeme vor allem die Auslandserfahrung sowie der Austausch mit anderen Studierenden eine Rolle zu spielen. Wer einen Auslandsaufenthalt plant, sollte sich rechtzeitig mit den Bewerbungskriterien und -zeiträumen an der eigenen Fakultät, beispielsweise zu Beginn des klinischen Studienabschnitts, auseinandersetzen. Neben dem Erasmus-Programm gibt es auch andere Möglichkeiten, Praktika im Ausland zu absolvieren, wie z.B. über das Austauschprogramm der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd 2021). Informationen zu den verschiedenen Möglichkeiten gibt es über das Studiendekanat, die Fachschaft Medizin sowie die Lokalvertretungen der bvmd.

Neugierig sein & Wissen schaffen durch Promotion und wissenschaftliches Arbeiten

Schaut man sich die studentische Perspektive an, so besteht bei den Medizinstudierenden grundsätzlich ein Interesse an der Wissenschaft. Auch wird die Relevanz medizinisch-wissenschaftlicher Kompetenzen für die klinische Patientenversorgung gesehen. Kritisiert wird, dass die entsprechenden Kompetenzen nicht systematisch im Studium vermittelt werden, sodass Studierende mitunter im PJ noch keine wissenschaftliche Studie gelesen und bewertet oder eine wissenschaftliche Fragestellung formuliert haben, d.h. keine Handlungskompetenz erreichen. Auch fehlt häufig die Integration der entsprechenden Inhalte in die Lehrveranstaltungen. Die Studierenden sollten mit Blick auf den eigenen Lernprozess und das Erlernen der wissenschaftlichen Kompetenzen aktiv Lehre einfordern sowie geeignete bestehende (Lern-)Angebote zum wissenschaftlichen Arbeiten nutzen. Neben den medizinisch-wissenschaftlichen Fertigkeiten ist die Promotion für viele Studierende relevant, z.T. aus intrinsischer Motivation und Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten, jedoch auch als Voraussetzung für eine Karriere oder die akademische Laufbahn. Auch der Aspekt der gesellschaftlichen Anerkennung des Doktortitels spielt eine Rolle. Für rein klinisch tätige Ärzt:innen ist eine Promotion mittlerweile nicht mehr zwingend erforderlich, insbesondere für die Tätigkeit an nicht-universitären Kliniken oder in Arztpraxen.

Wer sich entscheidet, wissenschaftlich zu arbeiten und/oder eine Promotion durchzuführen, sollte sich im Verlauf der vorklinischen Semester über die Möglichkeiten an der eigenen Fakultät informieren und überlegen, in welchem Umfang und in welchem Bereich die Arbeit erfolgen soll, ggf. auch mit Blick auf die spätere Fächerwahl. Die Promotion kann z.B. als experimentelle Studie, als klinische Studie mit Patient:innen oder als statistische Arbeit durchgeführt werden. Es gibt hierzu verschiedene Angebote in Form von Beratung, Promotionsbörsen oder strukturierten Promotionsprogrammen sowie Veröffentlichungen mit Tipps für ein erfolgreiches Promovieren. Begonnen wird häufig im klinischen Studienabschnitt, einige Studierende starten bereits zu einem früheren Zeitpunkt, je nach Interesse und ggf. auch Kontakten, Berührungspunkten oder Erfahrungen im Studium. Es lohnt sich auch hier, die Kontakte zu den anderen Kommiliton:innen und der Fachschaft zu suchen und Erfahrungen auszutauschen. Wichtig ist, sich selbst aktiv einzubringen und mit einer klaren Vorstellung, einer konkreten Fragestellung, Wissen über den Forschungsbereich etc., d.h. mit einer Strategie, idealerweise einem Exposé, an die potenziellen Betreuer:innen heranzutreten. Diese bekommen in der Regel eine Vielzahl von studentischen Anfragen, oftmals unpersönlich per Mail und lediglich mit der Frage, ob eine Doktorarbeit bzw. ein Thema zu vergeben ist – hier sind die Erfolgsaussichten eher gering. Neben Art und Thematik der Promotion spielt für den weiteren Verlauf und Erfolg der Promotion der/die Betreuer:in bzw. die Arbeitsgruppe eine Rolle. Insbesondere bei experimentellen Arbeiten scheint die Betreuung intensiver, bei überwiegend klinisch tätigen Betreuer:innen scheint diese oftmals schwierig zu sein, wenn der Hauptfokus der Ärzt:innen in der Patientenversorgung liegt und Wissenschaft realistischerweise nach Feierabend bzw. am Wochenende durchgeführt wird. Je verbindlicher die Vereinbarungen und je klarer die Kommunikation, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Promotion.

Tipps für die Praxis

Vor der Promotion sollten folgende Aspekte überlegt werden, z.B. im Kontext der Standortbestimmung:

„Möchte ich wissenschaftlich arbeiten und gibt es bereits (Forschungs-)Fragen, für die ich mich interessiere, etc.?“

„Was möchte ich erreichen? Wo möchte ich später ärztlich tätig sein und brauche ich hierfür eine Promotion?“

„Wann möchte ich die Promotion schreiben, während des Studiums oder danach?“

„Wie steht es um meine (zeitlichen und materiellen) Ressourcen und welche werden mir in Zukunft vermutlich dafür zur Verfügung stehen?“

„Wenn ich eine Promotion anstrebe, wie soll diese aussehen und in welchem Umfang? Bin ich ggf. bereit, für die Promotion 1–2 Semester auszusetzen?“

Entwicklung konkreter Strategien, wie man an ein Promotionsthema und eine/n Betreuer:in gelangt.

Während der Promotion sollte regelmäßig hinterfragt werden, ob die Rahmenbedingungen klar sind, wie die Kommunikation mit dem/der Betreuer:in funktioniert und ob die gesteckten (Etappen-)Ziele erreicht werden.

Lernen & Identifikation durch studentische Jobs und Engagement

Viele Studierende nehmen parallel zum Studium studentische Jobs an, die Motivationsgründe sind dabei verschieden: so müssen einige Studierende Geld für ihren Unterhalt verdienen, andere wollen ihr monatlich zur Verfügung stehendes Budget aufstocken. Darüber hinaus gibt es Studierende, die sich explizit Jobs an der Fakultät oder in Kliniken suchen, sodass sie durch die Tätigkeit etwas für ihren weiteren beruflichen Weg lernen. Bei einigen Studierenden besteht eine Kombination aus den genannten Motivationsgründen. Es stehen Jobs z.B. in Tutorenprogrammen, im Skillslab oder klassisch in der Pflege zur Auswahl. Im Rahmen der Tätigkeiten werden z.B. bestimmte medizinische Skills wie Anamnese oder körperliche Untersuchung, Wiederbelebungsmaßnahmen oder vorklinische und klinische Zusammenhänge anderen Studierenden beigebracht oder eLearning-Tutorials für Lehrende entwickelt. Insbesondere das Erleben des reellen Berufsalltags und die Interaktion zwischen den verschiedenen Berufsgruppen wird durch die Mitarbeit in der Pflege gefördert, auch wenn hier weniger ärztliche, sondern pflegerische Tätigkeiten im Vordergrund stehen. Die Erfahrungen zeigen, dass die Übernahme von medizinischen Tätigkeiten in der Pflege oder auch die Lehrtätigkeit wie z.B. im Skillslab den eigenen Lernerfolg sowie die Motivation im Studium beeinflussen, d.h. der eigene Lernprozess positiv flankiert wird. Es werden Interessen geweckt, auch werden die übernommenen Tätigkeiten stärker hinsichtlich der eigenen späteren Berufswahl reflektiert. Diese Studierenden gehen stärker aus ihrer Komfortzone heraus und gestalten aktiver ihren eigenen Studienverlauf, wie eigene Beobachtungen zeigen.

Weiterhin sehen wir bei vielen Studierenden ein Engagement z.B. in der Fachschaft, als Semestersprecher:innen oder in den zahlreichen Gremien und Kommissionen der Fakultät wie z.B. dem Fakultätsrat, dem Studienbeirat bzw. der Studienkommission, der Qualitätsverbesserungskommission für die Lehre oder den Berufungskommissionen. Durch diese Partizipation übernehmen Studierende Verantwortung, treffen Entscheidungen, beeinflussen damit Entscheidungsprozesse am Standort und sind darüber hinaus stark vernetzt, einige Studierende auch standortübergreifend. Neben der eigenen Profilbildung kann dadurch auch eine gewisse Identifikation und Bindung an die eigene Fakultät erreicht werden. Nicht wenige Studierende beginnen – abhängig von ihren Erfahrungen – nach Abschluss des Studiums ihre ärztliche Weiterbildung am Universitätsklinikum des Studienortes. Darüber hinaus interessieren und engagieren sich diese Studierende, die sich schon während des Studiums einbringen, häufig auch als Weiterbildungsassistent:innen und Fachärzt:innen für Berufspolitik oder Lehre, was zusätzliche Möglichkeiten für die Karriere eröffnet. Studentische Tätigkeiten und Engagement stellen also einen weiteren Faktor für den eigenen Karriereweg dar.

1.3Universitätsmedizin im Fokus – kompetenten ärztlichen Nachwuchs innovativ ausbilden

Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum bilden in der Regel an den verschiedenen Standorten die Universitätsmedizin. Neben der Krankenversorgung und Forschung stellt die Lehre die dritte Säule der Universitätsmedizin dar. Rechtliche Grundlage für das Medizinstudium ist die ÄAppO, auf deren Basis an den Medizinischen Fakultäten die Studien- und Prüfungsordnungen erstellt werden. Nach den Vorgaben dieser Ordnung wird das Ausbildungscurriculum gestaltet sowie Studium und Lehre einschließlich Prüfungen rechtssicher durchgeführt mit dem Ziel, kompetenten ärztlichen Nachwuchs hervorzubringen. Verantwortlich für die Einhaltung der Regelungen ist das Studiendekanat in Zusammenarbeit mit den Lehrverantwortlichen und Lehrenden in den Kliniken und Instituten am jeweiligen Standort. Mit Blick auf die zukünftige ÄAppO steht die Universitätsmedizin vor der großen Herausforderung, zum einen die bestehenden Curricula an den Fakultäten umfangreich weiterzuentwickeln sowie darüber hinaus die Ausbildungsstrukturen zu adaptieren und die für eine kompetenzbasierte, patientennahe Ausbildung zwingend erforderlichen Ressourcen in den Kliniken zu schaffen.

Die Fakultät als impulsgebende Kraft

Die Medizinische Ausbildung hat in den vergangenen Jahren eine stärkere Gewichtung bekommen. Einige Fakultäten haben ihre Curricula reformiert, weiterhin wurde die medizindidaktische Qualifikation der Lehrenden gefördert durch fakultätseigene Programme oder den Postgraduiertenstudiengang „Master of Medical Education (MME)“. Auch wurden in den letzten Jahren an einigen Fakultäten Lehrstühle für Medizindidaktik etabliert und die medizindidaktische Qualifikation als Voraussetzung für die Habilitation in die Habilitationsordnung übernommen. Das sind alles richtige und wichtige Schritte, um die Qualität der Lehre nachhaltig zu verbessern. Insbesondere mit Blick auf die neue ÄAppO müssen jedoch weitere Aspekte umgesetzt und Strukturen geschaffen werden: an allen Fakultäten braucht es ein modernes und kompetenzorientiertes Medizincurriculum, das Absolvent:innen hervorbringt, welche eigenständig relevante ärztliche Tätigkeiten durchführen können, und das einen nahtlosen Übergang zur ärztlichen Weiterbildung ermöglicht. Hierfür sollen die Curricula zukünftig an einem einheitlichen Lernzielkatalog (NKLM) ausgerichtet werden, der neben operationalisierten Lernzielen auch übergeordnete Kompetenzen wie z.B. „Ärztliche Gesprächsführung“, „Interprofessionelle Kompetenzen“ oder „Führung und Management“ sowie erstmalig auch ein Absolventenprofil enthält, das wesentliche Ausbildungsziele des Medizinstudiums beschreibt (Referentenentwurf ÄAppO 2020; NKLM Version 2.0 2021). Neben medizinischem Wissen und Fertigkeiten werden damit zukünftig auch erforderliche „Soft Skills“ adressiert, die Ärzt:innen im Kontext der unterschiedlichen beruflichen Rollen benötigen.

Die jeweilige Fakultät ist in der Verantwortung, den Weiterentwicklungsprozess zu strukturieren und die Konzeption und Umsetzung des kompetenzorientierten Curriculums zur Vermittlung der o.g. Inhalte unter Einbindung der Studierenden zu begleiten. Hierbei sollten die Studiendekanate eine zentrale Rolle übernehmen, die hierfür entsprechend aufgestellt werden müssen auch mit Blick auf Strategie und Qualifikation des Personals. D.h. neben beispielsweise Mitarbeiter:innen in der Studienorganisation und im Prüfungsamt werden auch Curriculumsentwickler:innen mit medizinisch/medizindidaktischer Expertise benötigt. Auch braucht es eine gute (zentrale) Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Lehrenden und Studierenden der Fakultät.

Die Fakultät sollte jedoch nicht nur die rechtlichen Vorgaben umsetzen, sondern darüber hinaus auch Innovationen in der medizinischen Ausbildung ermöglichen. So sollten insbesondere die klinische Lehre adäquat finanziert und darüber hinaus Mittel aus entsprechenden Förderlinien wie z.B. Lehrqualitätsverbesserungs- oder Hochschulpaktmittel für themenbezogene Ausschreibungen oder Programme eingesetzt werden, die neben dem Lernerfolg die Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden und damit auch die Karriere fördern. Hier sind z.B. (Peer-)Mentoring-, eLearning-Programme und andere Begleitangebote wie z.B. Resilienz-Trainings zu nennen. Mithilfe dieser Programme können weiterhin auch Studierende identifiziert und unterstützt werden, bei denen Schwierigkeiten im Kontext des Studiums auftreten. Der strukturierte Einsatz von studentischen Peer-Tutor:innen, z.B. im Skillslab, kann neben der inhaltlichen auch die Lehrkompetenz fördern und Weichen für den weiteren Weg stellen. Für die Lehrenden sollten sogenannte Clinician-Educator-Programme etabliert werden mit dem Ziel, diese zu Medical Educators auszubilden und damit analog zur Forschung eine Karriere zu ermöglichen.

Kliniken und Praxen als zentrale Ausbildungsstätten

Neben der Fakultät nehmen die Universitätskliniken inklusive der akademischen Lehrkrankenhäuser und Lehrpraxen eine zentrale Rolle in der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses ein. Eine Herausforderung besteht darin, dass die klinische Ausbildung beispielsweise in Form des bedside-teaching in den Patientenversorgungsalltag integriert werden muss, d.h. die Lehre und damit auch das Lernen respektive der Kompetenzerwerb der Studierenden findet arbeitsplatzbasiert auf den Stationen, im OP, in Ambulanzen oder Arztpraxen statt. Weiterhin sorgt der zunehmende ökonomische Druck dafür, dass in Kliniken die verfügbaren ärztlichen Ressourcen weniger für die Lehre eingesetzt werden bzw. diese im Alltag einen geringeren Stellenwert bekommt. Darunter leiden sowohl die medizinische Aus- als auch die Facharztweiterbildung, obgleich vielen Ärzt:innen die studentische Lehre wichtig ist und diese ihren eigenen Kompetenzerwerb und die Profilentwicklung positiv beeinflusst.

Die Ausbildungseinrichtungen stehen demnach in der Verantwortung, ärztliches Personal für die studentische Lehre und auch ärztliche Weiterbildung einzusetzen. Auch sollte die Lehre so gestaltet werden, dass die o.g. Lernziele im Sinne des Absolventenprofils erreicht werden. Das bedeutet unter anderem, dass ein früher Patientenkontakt ermöglicht wird, damit Studierende den Umgang mit Patient:innen einschließlich deren sowie der eigenen Emotionen erleben und beispielsweise ärztliche Gesprächsführung oder Untersuchungskompetenzen schrittweise erlernen. Die ausbildenden Ärzt:innen müssen dafür selbst kompetent sein, um praxisrelevante Lernziele verfolgen zu können und die Studierenden in den verschiedenen Praktika immer wieder im Kontext der Patientenversorgung in das interprofessionelle Behandlungsteam zu integrieren, ihnen je nach Ausbildungsstand ärztliche Tätigkeiten zu übertragen, sie zu supervidieren und konstruktiv in Stress- und Prüfungssituationen zu bringen, dabei auch geeignete Strategien des Managements sowie der Resilienz zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs die ärztliche Berufsrealität kennenlernt. Ein weiterer wichtiger Aspekt im Kontext der Ausbildung ist die Vorbildfunktion der betreuenden Ärzt:innen. Sie sind stets Rollenvorbild gegenüber den Studierenden, den Patient:innen und Angehörigen sowie den Kolleg:innen auch der anderen Berufsgruppen und beeinflussen mit ihrem Verhalten die Zusammenarbeit im Team, die Compliance von Patient:innen und deren Angehörigen sowie den Lernerfolg und die Motivation der Studierenden. Nur durch positive Rollenvorbilder kann eine patientenzentrierte und professionelle Haltung beim ärztlichen Nachwuchs erreicht werden. Darüber hinaus können sie als Mentor:innen und Betreuer:innen im Kontext der Nachwuchsförderung und Promotion weitere Rollen einnehmen.

Die Klinikdirektor:innen, Chefärzt:innen und Praxisinhaber:innen sind daher in der Verantwortung, eine entsprechende Kultur zu etablieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen eine qualitativ hochwertige Ausbildung neben Forschung und Krankenversorgung ermöglicht wird. Auch sie sind Rollenvorbilder: im Kontext der Ausbildung, aber vor allem auch im Umgang mit Patient:innen, Mitarbeiter:innen und Studierenden. Qualifizierte und motivierte (wie auch motivierende) Lehrende müssen für die Vor- und Nachbereitung sowie Durchführung von Lehre und Prüfungen freigestellt und ihre medizindidaktische Qualifikation gefördert werden. Vorgesetzte sollten sich darüber im Klaren sein, dass gute Lehre einen Kompetenzerwerb bei Studierenden und Mitarbeitenden ermöglicht, damit einen besseren Übergang zwischen Aus- und Weiterbildung schafft und in Rekrutierungsmöglichkeiten für die jeweilige Klinik oder Praxis resultiert. Wo gut ausgebildet wird und eine professionelle Arbeitsumgebung besteht, werden sich Absolvent:innen bewerben. Damit nimmt die Universitätsmedizin als Organisation Einfluss auf die Karriere von Medizinstudierenden.

Zusammenfassend gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die eigene Karriere zu gestalten. Hierfür ist jede/r Medizinstudierende selbst in der Verantwortung. Die Universitätsmedizin als übergeordnete Organisation schafft den (Ausbildungs-)Rahmen, in dem der ärztliche Nachwuchs lernen und sich entwickeln kann.

Literatur

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Bundesministerium für Gesundheit (2020) Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit: Verordnung zur Neuregelung der ärztlichen Ausbildung. URL: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/A/Referentenentwurf_AEApprO.pdf (abgerufen am 06.12.2021)

Stiftung für Hochschulzulassung (2021) Zentrales Vergabeverfahren für bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge: Übersicht über die Auswahlkriterien im Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) Wintersemester 2020/21. URL: https://www.hochschulstart.de/fileadmin/media/epaper/hilfe21-22/adh_ws_21-22.pdf (abgerufen am 06.12.2021)

2Interview mit Prof. Dr. Jörg F. DebatinDas Interview führte Dr. Julia Schäfer.

Wie kam es, dass Sie Medizin studiert haben? Gab es familiäre Prägungen?

Familiäre Prägungen gab es keine, es gab vielmehr den Ausschluss verschiedener Möglichkeiten. Zugleich war es die Faszination von der Medizin oder dem, von dem ich glaubte, dass es sie ausmachte, nämlich die Unterschiedlichkeit jedes einzelnen Menschen. Das war insofern bemerkenswert, als dass es die individualisierte Medizin damals noch gar nicht gab, sondern die Menschen medizinisch als eher gleich wahrgenommen wurden. Standardisierte Protokolle beruhten auf der Annahme, dass Diagnostik und Therapie für eine bestimmte Erkrankung bei allen Patienten in gleicher Weise wirken. Insofern habe ich die individualisierte Medizin zumindest gedanklich vorweggenommen. Dann funktionierte es auch mit dem NC und ich dachte mir, ich versuche das mal.

Es gab also keine Alternativen?

Ich hätte auch gern Jura gemacht. Allerdings war mein Vater Jurist und einem möglichen Leistungsvergleich wollte ich ganz bewusst aus dem Weg gehen. Wirtschaftswissenschaften haben mich auch interessiert, allerdings fehlte mir hier der Bezug zu einer bestimmten Branche und es war mir zu allgemein. Die Medizin empfand ich als spannend.

Sie erwähnten eben den NC. Wie hält man denn ein so lernintensives und anstrengendes Studium durch?

Das Studium fand ich nicht so anstrengend, um ehrlich zu sein. Vielleicht lag es an der damaligen Zeit. Außerdem lagen mir die Naturwissenschaften. So bin ich durch die Vorklinik ohne größere Schwierigkeiten gekommen. Physiologie fand ich ausgesprochen interessant, um das Zusammenspiel der verschiedenen Körperstrukturen zu verstehen. Und dann gab es klinische Themen, die mich auf Anhieb stark fasziniert haben, wie etwa das kardiovaskuläre System. Ansonsten zeichnete sich mein Studium dadurch aus, dass ich selten vor 11 Uhr in einer Vorlesung war, dafür die Altstadt in Heidelberg richtig gut kannte … Wir haben es auch in jedem Semester geschafft, einen Grund zu finden, um zu streiken. Ich erinnere mich daher an erholsame, interessante und auch kulturell prägende Zeiten.

Wie kam es dann zu Ihrer fachlichen Schwerpunktsetzung?

Ich hatte mich für eine Doktorarbeit am Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) entschieden; methodisch arbeitete ich mit nuklearmedizinischen Bildgebungsverfahren, bei denen es um die Messung von Blutfluss ging. Es gab am DKFZ das erste Zyklotron, mit dem besondere radioaktive Tracer hergestellt wurden. Das machte es technisch spannend und herausfordernd. Ich habe mich daraufhin in Deutschland für das Fach Nuklearmedizin beworben. Parallel dazu bin ich für acht Monate im PJ im Rahmen eines Austauschprogramms in die USA, an die Duke University, gegangen. Zu meiner Verwunderung stellte ich dort fest, dass die Nuklearmedizin in den USA kein eigenständiges Fach war, sondern ein Teilgebiet der Diagnostischen Radiologie. Ich habe mich deshalb intensiver mit der Radiologie beschäftigt. Und das gefiel mir, da das gesamte Fach damals erkennbar im Aufbruch in Richtung mehr Technologie war. Der Ultraschall entwickelte sich rasant und verbreitete sich rasch, die Computer-Tomografie (CT) war im Kommen, über die Magnet-Resonanztomografie (MRT) flüsterte man bereits, das gab’s eigentlich noch gar nicht richtig. Ich dachte, da tut sich was. Da gleichzeitig offensichtlich war, dass es diagnostisch noch sehr viel zu erkunden gab, war meine Neugier und Begeisterung geweckt. Und dann kam auch noch viel Glück hinzu. Ich entschied von einem Tag auf den anderen, mich in den USA für eine Facharztausbildung zu bewerben. Die beinhaltet zunächst ein Internship, das ich in der Inneren Medizin absolvierte. Im Anschluss hatte sich in Duke eine Vakanz in der Radiologie ergeben. So bin ich nach meinem Praktischen Jahr weitere fünf Jahre am Duke University Medical Center geblieben. Diese Entscheidung war eher „Serendipity“, also gerichteter Zufall und nicht Ergebnis jahrelanger Strategieplanung. Es hat sich alles perfekt gefügt.

Nun ist die medizinische Sozialisation im Ausland ja anders. Was ist Ihnen nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland besonders aufgefallen? Was ist an der amerikanischen und auch schweizerischen Erfahrung inspirierend für Sie gewesen?

Die Amerikaner investieren stark in die Qualität des ärztlichen Personals. Wir sind in Deutschland zwar sehr qualitätsaffin und zertifizieren auch alles, optimieren Strukturen und Prozesse, aber auf die Qualität der Ärzte selbst legen wir viel zu wenig Wert. Das hat meines Erachtens v.A. strukturelle Gründe. In den USA ist die Weiterbbildung, bzw. die „Residency“ nicht das Hobby einer einzelnen Person, sondern liegt in der Verantwortung einer ganzen Abteilung innerhalb einer größeren Institution. Die „Accreditation“ für ein „Residency Program“ hängt davon ab, ob vorgeschriebene Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört die Abbildung der Breite des Faches ebenso wie eine klare Struktur der eigentlichen Weiterbildungszeit. So wusste ich an meinem ersten Arbeitstag in der „Residency“, welche Rotation ich im achten Monat des dritten Ausbildungsjahr belegen würde. Es gab klare Regeln, nachdem die Weiterbildung strukturiert war. Hinzu kamen tägliches Teaching in der Gruppe, sowie jeden Tag zusätzlich „one-on-one“ Teaching mit einem der Oberärzte. Das waren geschützte Zeiten, die von allen Beteiligten, also auch den Lehrern eingehalten wurden.

Ich habe – auch das muss man sagen – sicherlich mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als in Deutschland üblich wäre, aber dafür bekam ich auch viel geboten. Keineswegs war es so, dass man irgendwo hingesteckt wurde, wo sich gerade ein Loch ergeben hatte. Vielmehr handelte es sich um eine Weiterbildung mit echter Struktur, gefolgt von einer sehr intensiven und umfassenden Facharztprüfung. Die schriftliche Prüfung dauerte zwei Tage; die darauffolgende mündliche Prüfung beinhaltete zehn separate 30 Minuten Prüfungen, in einem one-on-one-Format. Die mündlichen Prüfungen fanden zentral in einem Hotel in Louisville Kentucky statt. Alle angehenden Radiologen in den USA finden sich zum Abschluss ihrer Residency in diesem Hotel ein, um sich diesen Prüfungen zu unterziehen, die mit recht hohen Durchfallquoten behaftet sind. Um hier zu bestehen, beginnt man mit den Vorbereitungen schon am Anfang der vierjährigen Weiterbildung.

Diese Form des Investments, gepaart mit der Identifikation der Institution und denen, die da heranwachsen, das ist etwas Besonderes. Das findet man so nicht in Deutschland. Bei uns ist die Weiterbildung an den jeweiligen Chefarzt gebunden. Das schafft leider persönliche Abhängigkeiten, die für alle Beteiligten eigentlich von Nachteil sind. Versuche in den Ärztekammern darauf hinzuwirken, dass sich das Weiterbildungssystem von der Willkür eines Einzelnen hin zu einer institutionalisierten Verantwortung weiterentwickelt, haben zumindest bislang leider keine Wirkung entfaltet. Eine solche Veränderung, davon bin ich fest überzeugt, wäre ein qualitativer Quantenschritt.

Es ist ja ein bekanntes Problem, dass viele Facharzturkunden, gerade von Uniklinika, mehr der Prosa als dem tatsächlichen Können entsprechen.

Das muss ich leider bestätigen. Hinzu kommt, dass die vorgeschriebenen Leistungskataloge oft gar nicht erfüllbar sind, da die Weiterbildungsordnungen den medizinischen Entwicklungen meist weit hinterherhinken. So konnte man in der Diagnostischen Radiologie nur zum Facharzt gelangen, wenn man eine hohe Anzahl an Röntgenuntersuchungen des Magens nachwesen konnte. Aufgrund der Entwicklungen in der Endoskopie gab es diese Untersuchungen aber nicht mehr. Neben diesen inhaltlichen Verwerfungen führt die Weiterbildung auch zu einer Abhängigkeit der Assistenzärzte von ihrem Chef. Der angehende Facharzt findet sich häufig in einer Situation, in der er sich der Willkür des Chefarztes ausgesetzt sieht. Diese zumindest ‚gefühlte‘ Abhängigkeit ist ausgesprochen schädlich. Davon hebt sich die von mir erlebte Struktur mit klarer Leitungsevaluation ausgesprochen positiv ab.

Wenn Sie an Ihre klinische Karriere denken, was ist bis heute ein Highlight, das Ihnen auch emotional verhaftet ist?

Am Anfang meines Internships habe ich das Gefühl der Überforderung ganz intensiv empfunden. Auf einmal ist man verantwortlich für andere Menschen. Wenn einem dann die praktische Erfahrung fehlt, wie das bei meinen ersten Nachtdiensten der Fall war, fühlt man sich überfordert. Zum Glück war ich aber auch als ‚Intern‘ niemals allein. Es gab immer erfahrener Kollegen, die ich rasch hinzuziehen konnte. Und dann gab es vor allem die guten und erfahrenen Pflegekräfte, die mir sehr geholfen haben.

Jedes Mal, wenn eine Pflegekraft nachts bei mir anrief, war meine Standardfrage: „Wie macht ihr das denn normalerweise?“ So habe ich versucht, mich über Wasser zu halten, und langsam dazugelernt. Wichtig für mich war aber vor allem die Sicherheit, im Ernstfall immer die volle Unterstützung durch einen qualifizierten „Backup“ zu haben.

Die schönsten Erlebnisse hatte ich zweifelsfrei in der Radiologie. Rückblickend gibt es da viele Glücksmomente. Ich habe es immer genossen, mir Untersuchungen anzugucken; man findet immer den einen Fall, der besonders ist, bei dem man mit den eigenen Augen und der Erfahrung für den Patienten einen positiven Beitrag leisten kann. Häufig geht es über die Diagnostik hinaus, indem am Ende eine Therapieempfehlung steht. So hat mir die Diagnostische Radiologie immer großen Spaß gemacht, parallel zur Wissenschaft und der Integration vieler technischer Innovationen.

In der Zeit, in der ich Radiologie gelernt und dann auch ausgeübt habe, hat sich das Fach stark verändert. Innerhalb von 10 Jahren ist die Bildgebung förmlich explodiert. Das mitzuerleben, war schon ein besonderes Privileg. Gerade im Bereich der MR-Bildgebung ging es Schlag auf Schlag. An folgende Gegebenheit kann ich mich gut erinnern: Nebenbei hatten wir in einer Untersuchung der Leber auch die Nierenarterie im MRT gesehen. Daraus entwickelte sich dann ganz kurzfristig mein erstes wissenschaftliches Projekt: die nicht-invasive Darstellung der Nierenarterien mittels MRT. Eine andere Innovation, an der ich zusammen mit dem Team am Uniklinikum Essen persönlich beteiligt war, war die Entwicklung der Ganzkörper MRT. Mit besonders schnellen Sequenzen gelang es den gesamten arteriellen Gefäßbaum, von Kopf bis Fuß in nur 72 Sekunden aufzunehmen. Das war ausreichend schnell, um einen intravenös applizierten Kontrastmittelbolus zu verfolgen und damit eine diagnostisch verwertbare Darstellung sämtlicher größeren Arterien des Körpers möglich zu machen.

Aus dem Verfahren, von uns AngioSurf (Angio System for Unlimited Rolling Field of Use) genannt, entstand ein richtiges Produkt für das die Entwickler in unserer Radiologie-Abteilung die Firma MR-Innovation gründeten. Natürlich gab es auch Widerstände: z.B. die Deutsche Röntgengesellschaft, die das Verfahren damals für „unseriös“ hielt. Es erfüllt mich heute mit einer gewissen Genugtuung, dass 15 Jahre später die Ganzkörper-MRT ein integriertes Verfahren beinahe aller kommerziell erhältlichen MR-Systeme geworden ist.

Hatten Sie Mentoren, die Sie inspiriert haben?

Ich hatte das Glück, eine Handvoll Mentoren gehabt zu haben, die mir nicht nur gute Ratschläge gaben, sondern vor allem auch bereit waren, mir zuzuhören und viele Türen geöffnet haben. Nach meinem Fellowship in Stanford zum Beispiel traf ich am Unispital in Zürich auf Prof. Dr. Gustav von Schulthess, den Chef der dortigen Nuklearmedizin. Als Arzt und Physiker war er auch ein ausgewiesener MR-Wissenschaftler, der sehr eng mit der Radiologie zusammenarbeitete. Er hat mich stark geprägt. Er vermittelte eine Vision von Wissenschaft, die nicht nur Ärzte, sondern auch Naturwissenschaftler, Physiker, Programmierer, Elektrotechniker einbezog. Er hatte auch begriffen, dass wir gut daran tun, die Sprache der Geräteentwickler zu verstehen um ein Feedback zwischen Klinik und Entwicklern zu etablieren. Er wurde für mich ein prägender Mentor, von dem ich mir gern viel abgeguckt und einiges weiterentwickelt habe. Neben der reinen Wissenschaft war ihm vor allem die Translation in den klinischen Alltag ein großes Anliegen: das ist es bis heute auch für mich geblieben.

Es kommt – wie Sie sagen – auf ein innovatives Umfeld an, eine Art technologiegetriebenen Think Tank.