Karrieren in der Wissenschaft -  - E-Book

Karrieren in der Wissenschaft E-Book

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Beschreibung

Wissenschaft als soziales Feld, mit seinen Besonderheiten als Qualifizierungs-, Arbeits-, Lern- und Wissensfeld, wird von spezifischen Spielregeln determiniert, deren Kenntnisse über individuelle Karrieren entscheiden. Dazu gehören widersprüchliche Anforderungen und Erwartungen, die oft nicht erkenn- und schwer erlernbar sind. Die in dieser Publikation versammelten Beiträge diskutieren auf unterschiedlichen Ebenen intersektionale Zusammenhänge zwischen Wissenschaft als spezifischem Berufsfeld, Diversitätskriterien sowie aktuellen Entwicklungen, wie Digitalisierung und Ausdifferenzierung von Karrierewegen. Berücksichtigung findet dabei nicht nur die Beschreibung der Beharrlichkeit der Regeln im Feld, sondern es werden ebenso Veränderungs- und Anpassungsprozesse in den Blick genommen. Der Band richtet sich an WissenschaftlerInnen in unterschiedlichen Qualifizierungsphasen, PersonalentwicklerInnen in Hochschulen, Coaches im Wissenschaftsfeld, welche sich mit den besonderen Spielregeln in der Wissenschaft kritisch auseinandersetzen möchten.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titelei

Games we play – Eine Einführung ins Thema

Literatur

I Wissenschaftsfeld und Wissenschaftsspiele

Eine Karriere wie jede andere? Wissenschaftliche Karrieren vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im Feld der Universitäten

1 Einleitung

2 Feldtheoretische Betrachtungen: Karrierefeld und Universitätsfeld

3 Karriereanforderungen und Karrierelogiken im heutigen Wissenschaftsfeld

3.1 Weite Außengrenzen des Feldes

3.2 Organisations- und Ländergrenzen überschreitendes Zusammenspiel von Kooperation und Konkurrenz

3.3 Strategische Ausrichtung der Universitäten und Professionalisierung des Universitätsmanagements

3.4 Forschung als (schein-)‌objektiviertes symbolisches Kapital

3.5 Lehre als Dienstleistung zur Sicherung von Employability

3.6 Third Mission und Community Service

4 Schlussbemerkung

Literatur

Szenische Elemente des wissenschaftlichen Auftritts als Kondensationspunkte sozialer Herabsetzbarkeit in den heutigen Geistes- und Sozialwissenschaften

1 Vom Wert des Namens im Feld der Wissenschaft

2 Hoch Stapeln und tief Fallen im Ringen um Reputation

3 Auftreten und Urteilen

4 Wabuwabu auf dem Wissenschaftstheater

5 Aufbegehren und Unterwerfen

6 Nachbesprechung der Wissenschaftsinszenierung

Literatur

Ehre, wem Ehre gebührt – Autorschaftskonzepte und Praktiken in der Wissenschaft

1 Einleitung – Wissenschaftliche Autorschaft

2 Kooperation und Kollaboration in der Forschung

2.1 Arbeitsteilung

2.2 Gastautorschaft

2.3 Ghost Writer

3 Eine bunte Praxis vis-à-vis Normen und Standards

3.1 Vielfältige Praxis – Die Mühen der Ebene

3.2. Konventionen der Autor*innen-Reihung

4 Reaktionen und Normen

4.1 Funktion von Autorschaftspolicies

4.2 Beitragsklassifikationen – die Contributor Roles Taxonomy (CREdiT)

4.3 Die Rolle des Schreibens

5 Rahmenbedingungen

6 Resümee

Literatur

Zitierte Policies, Guidelines und Klassifikationen:

II Vielfältigkeit der Mitspieler*innen

Sich wandelnde Spielregeln auf dem Weg zur Professur

1 Einleitung

2 Kriterien für die Besetzung von Professuren

3 Ausdifferenzierung der Typen von Professuren

4 Herausforderungen für das Hochschulmanagement

5 Herausforderungen für Nachwuchswissenschaftler*innen

6 Spielregeln für Bewerber*innen und Hochschulen

Literatur

Mitspieler*innen zweiter Klasse? Innenansichten auf die Spiele der Wissenschaft

1 Aufwärmen

2 Wissenschaft – ein Spiel mit (der) Klasse?

3 Vor dem Spiel – Taktische und methodische Vorüberlegungen

4 Das Spiel beginnt – Analytische Überlegungen aus der Binnenperspektive

4.1 Akademische Sprachspiele

4.2 Trainer*innen, Mitspieler*innen und Hochstapler*innen

4.3 Finanzielles Glücksspiel auf der Zielgeraden

5 Ein Spiel mit ungleichen Chancen

Literatur

Gatekeeping und soziale Selektivität in den Sozialwissenschaften

1 Soziale Selektivität in der Wissenschaft

2 Theoretischer Rahmen

3 Studiendesign

4 Ergebnisse

4.1 Habituelle Passung, Leistung und Diversität

4.2 Feldlogiken, wissenschaftliche Praxis und akademische Habitus

4.3 Gatekeeping und soziale Schließungsmomente in den Sozialwissenschaften

5 Ausblick

Literatur

»Ich soll an meine Rolle als Frau denken, und ich soll nicht die Karriere an erste Stelle setzen« – Zur Attraktivität einer wissenschaftlichen Karriere in Österreich

1 Einleitung

2 Frauen im österreichischen universitären Wissenschaftssystem

3 Das Forschungsdesgin

3.1 Wie angehende Wissenschaftlerinnen ihre Vorgängerinnen sehen

3.2 Der Preis des Erfolgs heißt Konformität

3.3 Frauennetzwerke – Wissenschaft ist Bündnispolitik

3.4 Motivation für eine Karriere in der universitären Wissenschaft

3.5 Realitycheck – Romantisieren wir die Wissenschaftskarriere?

4 Resümee

Literatur

III Neue Spielregeln und veränderte Spiele

Lose gekoppelte Transformation. Eine organisationssensible Betrachtung hochschulweiter Digitalisierungsprozesse

1 Einleitung

2 Hochschulweite Digitalisierungserwartungen

3 Die Strukturmerkmale der Hochschule als lose gekoppeltes System

4 Die hochschulweite Digitalisierung als lose gekoppelte Transformation

5 Fazit: Eine organisationssensible Einordnung der digitalen Transformation in Hochschulen

Literatur

Reifeprüfung zwischen Fertigkeit und Berufsfeld. Wissenschaftsmanagement als Integrations-Konzept zur Führung und Gestaltung von Expertenorganisationen

1 Wissenschaftsmanagement

1.1 Institutionelle und individuelle Interessen

1.2 Definition

2 Organisationsform Wissenschaftssystem

2.1 Zielentwicklung und Zieldurchsetzung

3 Exemplarische Herausforderung

3.1 CASE-Beispiel Wissenschaftsmanagement und Wissens- und Technologietransfer

3.2 Europäische Tendenzen in der Technologiepolitik

3.3 Innovationspolitischer Themenrahmen in Deutschland: Referenz des Wissenschaftsmanagements

3.4 Vom Entrepreneurial State zur Mission Economy

3.5 Eckpunkte des Modells: Deep Technology

4 Ergebnis

Literatur

IV Karrieren im Wissenschaftssystem – Aktuelle Trends, Herausforderungen und Handlungsimplikationen

»Man muss ein Stück weit neugierig sein«

Wissenschaftsfeld, Spielregeln und Mitspieler*innen

Karrierelogiken und Konsequenzen für die individuelle Karriere

Aktuellen Diskurse und Entwicklungen

Autor*innenverzeichnis

Die Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberinnen

Anett Hermann, Dr., ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin sowie stellvertretende Leiterin des Institutes für Gender und Diversität in Organisationen an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU).Franziska Wächter, Dr., Soziologin, ist Professorin für Methoden empirischer Sozialforschung an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Franziska Wächter, Anett Hermann (Hrsg.)

Karrieren in der Wissenschaft

Die Spielregeln im akademischen Berufsfeld

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-039568-8

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-039569-5epub: ISBN 978-3-17-039570-1

Games we play – Eine Einführung ins Thema

Franziska Wächter & Anett Hermann

»Das Wissenschaftsleben ist ausgesprochen hart. Forscher werden von vielen Nöten geplagt und erfinden dann eine Reihe individueller Strategien, um dieses Leiden zu lindern. Kollektive Reflexion würde es stattdessen erlauben, diese Fragen frontal anzugehen« (Bourdieu, 1998, 63).

Der Trend zu einer akademischen Ausbildung und folgend einer weiterführenden Karriere in der Wissenschaft ist in Deutschland ungebrochen. So stieg mit der Anzahl an Hochschulen und einer damit verbundenen weiteren (auch organisationalen) Ausdifferenzierung auch das Fächerspektrum, das Angebot an Studiengängen bei nun etwa gleichbleibenden Übergangs- und Eintrittsquoten in ein Studium (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2022). Auch der Anteil an Promotionen lag im Jahr 2020 bei etwa 13 Prozent als ein möglicher Folgeabschluss (ebd., 216). Das heißt, ein nicht unerheblicher Teil der Akademiker*innen (mit Erstabschlüssen) verbleibt, zumindest zunächst, längerfristig im Hochschulsystem. Damit bewegen sich immer mehr junge Menschen in einem Qualifizierungs- und Tätigkeitsbereich, der als »soziales Feld« geprägt ist durch die ihm eigenen Strukturen, Glaubenssätze, Machtkonstellationen und Konflikte – sowie spezifischen »Spielregeln«.

Dieses Buch konzentriert sich auf die Frage, welche Spielregeln in der Wissenschaft gelten. Damit versammeln sich Beiträge von Autorinnen und Autoren, die die Prozesse der Definition, der Wirksamkeit bzw. Wirkmächtigkeit, der Vermittlung, der »Erlernbarkeit«, der Umsetzung sowie der Persistenz und der Modifikation dieser feldspezifischen Regeln beleuchten. Die Relevanz der Kenntnis der Regeln des Spiels kann nicht hoch genug geschätzt werden, ist sie doch entscheidend, um »im Spiel« bestehen, es erfolgreich mitspielen zu können oder auch, um die Regeln zu verändern.

Die hier vorgelegten Beiträge beziehen sich zu weiten Teilen auf Pierre Bourdieus Sozialtheorie, ist es doch »(...) Bourdieu zu verdanken, einen theoretischen Rahmen entwickelt zu haben, dem es gleichermaßen gelingt, die spezifischen Strukturen des wissenschaftlichen Betriebes zu erfassen, wie auch die individuellen Rationalitäten und inkorporierten habituellen Dispositionen der beteiligten Akteure mit Blick auf ihre sinnstiftenden Lebensentwürfe und die inhaltliche Wissensproduktion zu rekonstruieren« (Lenger & Rhein, 2018, 74). Eine feldspezifische Beschreibung findet sich bei Merton (1985), der das Normgerüst des wissenschaftlichen Feldes als »institutionelle Imperative«1, die das Handeln der Wissenschaftsgemeinschaft (unabhängig von spezifischen Professionen) prägen, formuliert:

»Das Ethos der Wissenschaft ist jener affektiv getönte Komplex von Werten und Normen, der als für den Wissenschaftler als bindend betrachtet wird. (...) Diese durch Vorschrift und Beispiel vermittelten und durch Sanktionen bekräftigten Imperative werden von dem einzelnen Wissenschaftler in unterschiedlichem Maße internalisiert und bilden auf diese Weise sein wissenschaftliches Gewissen oder, wenn man den neueren Ausdruck vorzieht, sein Über-Ich« (Merton, 1985, 88).

Damit verweist Merton bereits auf einen kollektiven Modus, der das wissenschaftliche Feld (wie andere soziale Felder auch) prägt. Die Regeln und Ziele werden beschrieben als von der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis getrieben und zeichnen sich beispielsweise nach wie vor in den in der Wissenschaft geltenden Gütekriterien, wie Objektivität, Validität, Reliabilität ab. Zentral wird dieser Gedanke bei Bourdieu als illusio benannt, als ein »Glauben, daß es das wissenschaftliche Spiel (...) wert ist, gespielt zu werden« (Bourdieu, 1998, 27). »(...) eben das wissenschaftliche Interesse, ein Interesse, das in im Verhältnis zu den herkömmlichen Interessen des Alltags (und insbesondere denen des ökonomischen Feldes) als uneigennützig, unentgeltlich erscheint« (ebd.).

Viele Normen und Erwartungen des wissenschaftlichen Feldes sind nicht kodifiziert, zeigen allerdings eine hoher Persistenz, wie sich auch in den Beiträgen dieses Bandes erweisen wird. Der »Mythos der Wissenschaft« wird von Macha (1992) beschrieben als »(...) die anspruchsvollste Tätigkeit, die man ausüben kann. (...) Der Wissenschaftler muss Genie besitzen (...) und fühlt sich dem Anspruch der Wahrheit verpflichtet. (...) Er ist dynamisch und stets im Dienst, Freizeit benötigt er nicht. Er kennt keinen Unterschied von Tag und Nacht, denn der Geist kennt keine Zeiteinteilung. Forschen ist meist eine einsame Tätigkeit und sie verlangt Opfer von der Familie, weil alles hinter den Erfordernissen der Forschung zurückstehen muss. Nur der Wissenschaftler wird sich durchsetzen, der diesem Bild entspricht. In ihm zeigt sich die Berufung, versagt er, so fehlt ihm diese« (ebd.: 198). Uneigennützigkeit, das Vergessen von Zeit und Raum, (familiale) Unabhängigkeit und eine »asketische Lebensführung« (Keil, 2021, 209) sind demnach einige der Regeln, die Akteure innerhalb des Wissenschaftssystems beherzigen sollten, um erfolgreich mitspielen zu können. Sie bilden die habituelle Grundlage und »(...) sind entscheidend beim Kampf um soziale Positionen im Feld, da sie den Grad der Vertrautheit mit den im Feld geltenden Spielregeln wiederspiegeln« (Lenger & Rhein, 2018, 87).

Bourdieu (1998) beschreibt das wissenschaftliche Feld als eines, das geprägt ist durch Macht- und Konfliktverhältnisse. Macht- und Positionskämpfe innerhalb des Feldes schlagen sich damit auch in der Ausgestaltung und Akzeptanz von Regeln innerhalb des »Spielfeldes« nieder. »Die Regeln des Feldes sind somit nicht starr, sondern werden selbst zum Gegenstand strategischer Kämpfe« (Lenger & Rhein, 2018, 97). Und obwohl das wissenschaftliche Feld als »autonomer Raum«, als »Mikrokosmos« (Bourdieu, 1998, 18) gilt, ist er »(...) nicht gänzlich aus den Zwängen des sozialen Makrokosmos entlassen« (Barlösius, 2012, 126). Verschiedene soziale Felder einer Gesellschaft sind damit als relational zueinander zu bewerten. Das heißt auch, dass sich Dynamiken in anderen sozialen Feldern, inklusive Verschiebungen in Macht und Einfluss, auch auf die illusio und die Regeln des wissenschaftlichen Feldes auswirken.

Engler (2001; 2004) stellt heraus, dass in der Welt der Wissenschaft stillschweigend vorausgesetzt wird, dass Wissenschaft von wissenschaftlichen Persönlichkeiten gemacht wird. Aber »(...) die wissenschaftliche Persönlichkeit ist dem Menschen nicht mehr in die Wiege gelegt, sondern muss in der modernen säkularisierten Welt selbst entworfen werden« (Engler, 2004, 161). Sie ist eine Folge von sozialen Praktiken, d. h. Akteure konstruieren ihr Selbstverständnis in Relation zu den Erfordernissen des sozialen Feldes. Auf der persönlichen Ebene ist bereits vor dem Eintritt der Habitus der Herkunftsgemeinschaft prägend und kann sich förderlich oder hinderlich auf den Zugang und das Einfinden in das wissenschaftliche Feld auswirken. So können sehr unterschiedliche normative Ansprüche zwischen sozialer Kultur und vorgefundener Hochschulkultur aufeinandertreffen (und zu Irritationen führen). Aus den (normativen) Bewertungs- und Bewährungsmaßstäben eines Feldes leiten sich die Kriterien für berufliches Gelingen und Scheitern ab. Diese normativen Maßstäbe sind durch den skizzierten Mythos festgelegt. Den Rahmen dafür bildet die (organisationale) Struktur des Feldes (und wirkt auch zurück) (Wächter, 2015), inklusive struktureller Machtverhältnisse, die die Ausgestaltung des sozialen Feldes und die Regeln bestimmen.

Ein wesentlicher Fokus wird deshalb in diesem Band auf symbolisches Kapital, als Kapital des Erkennens und Anerkennens, u. a. über transformiertes wissenschaftliches Kapital, gelegt. Für die Akkumulation von wissenschaftlichem Kapital ist der Faktor Zeit relevant, als immanenter Karrieretreiber im wissenschaftlichen Feld. Der Aufbau und die Sicherung wissenschaftlichen Kapitals erfordert erhebliche Zeitinvestitionen. Gleichzeitig schreiben sich »wissenschaftliche Zeitnormen« (Lenger & Rhein, 2018, 93) in den Habitus ein, da (1) der »(...) Umgang mit Zeit ein zentraler Aspekt ist, an dem Kolleg*innen, Mentor*innen und die scientific community erkennen, mit welcher Ernsthaftigkeit eine Person Wissenschaft betreibt« (ebd., 93 f.); (2) wenn auf gesellschaftlicher Ebene u. a. das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG)2 Vorgaben für eine zu erwartende wissenschaftliche Karriere inklusive Transitionen gibt und (3) der bis zum Erreichen einer Professur vorhandene Qualifikationsstatus (»Wissenschaftler*in in Ausbildung«) individuellen Druck erzeugt. Dieser (Karriere-)‌Druck auf unterschiedlichen Ebenen wird durch finanzielle Unsicherheiten verstärkt (#IchBinHanna3) und kollidiert mit der Phase der Familien-/Lebensplanung, vor allem bei Frauen. Der »Drop-out« von weiblichen Wissenschaftlerinnen im wissenschaftlichen Karrieresystem führt geradewegs dazu, dass Professorinnen nach wie vor einen »Sonderfall« an Hochschulen darstellen. Hammerl (2002) führt in diesem Zusammenhang die »Theorie der Selbstaufmerksamkeit« ins Feld, die besagt, »dass die Tatsache einer Minderheit anzugehören, Prozesse selbstkonzentrierter Aufmerksamkeit fördert« (Hammerl, 2002, 224). »Diese sind allerdings nicht unbedingt angenehm, sondern fördern eher als aversiv erlebte Diskrepanzen zu Tage« (ebd.). So treten erlebte Abweichungen vom idealtypischen Selbstbild – oder der Sicht anderer auf uns – stärker in den Vordergrund und erzeugen ein emotionales Unbehagen, verbunden mit Selbstzweifeln und Unterlegenheitsgefühlen (Wächter, 2015). Während Frauen in der Wissenschaft zunehmend im Fokus der Forschung stehen, werden weitere Diversitätsdimensionen eher ausgeblendet. Nur wenige Studien beschäftigen sich mit Intersektionalitätsprozessen, die Diversität, beispielsweise bei Themen wie Behinderung, Migrationshintergrund, Hautfarbe oder Religion im Wissenschaftsfeld betrachten. Dieser Band gibt auch in diese Richtung Anstöße. Die zukünftige verstärkte Einbindung von Intersektionalitätsprozessen in den Bereich der Hochschulforschung macht strukturelle Benachteiligung sichtbar und ermöglicht das Aufbrechen starrer Strukturen und somit eine Veränderung der Spielregeln (Hermann, 2021).

Zusammengenommen kann für die gesellschaftlich relevanten Dimensionen – in diesem Band vor allem (soziale) Herkunft und Geschlechtszugehörigkeit – konstatiert werden, dass für den Aufbau wissenschaftlichen Kapitals weder ausreichend gesicherter Zugang noch erforderliche Zeitressourcen und zudem geringere Wertschätzung erkennbar sind. Aufgrund individueller Leistung (und nicht qua Gruppen- und Standeszugehörigkeit) Anerkennung zu erfahren, ermöglicht es nach Honneth (2011) jedoch erst, sich selbst als ein für die Gesellschaft wertvolles Subjekt zu begreifen. Erst unter dieser Bedingung ist die Ausbildung eines Selbstwertgefühls möglich. Damit bleiben Mitspieler*innen »unter sich«, denn es fehlen bereits vor Studieneintritt wesentliche Voraussetzungen, anerkannte Mitspieler*innen im wissenschaftlichen Feld zu werden, ganz zu schweigen von der Möglichkeit einer grundlegenden Ermächtigung, die Regeln des (ausschließenden) Spiels zu ändern.

»Sobald es also zu Missachtungsformen kommt, z. B. durch Ausschluss, Benachteiligung, Entwertung oder Entrechtung, besteht kein ausgewogenes reziprokes Verhältnis von Anerkennung und die Handlungsspielräume der Wissenschaftler*innen werden beschnitten. Wird die Grundlage der Anerkennung in den gesellschaftlichen Strukturen einer Wertgemeinschaft – hier dem Wissenschaftsbetrieb – entzogen, wird den Subjekten die Möglichkeit genommen, ihren eigenen Fähigkeiten einen sozialen Wert beizumessen« (Kondratjuk, 2020).

Aus diesem Blickwinkel scheint das wissenschaftliche Feld ausgesprochen persistent und selbstreferentiell.

Minssen titelt 2016 eine Publikation »Karriere in der Wissenschaft. Ohne Zuversicht geht es nicht« (ebd., 265) und arbeitet empirisch drei verschiedene Vertrauensbasen heraus: Vertrauen auf Glück, Vertrauen auf Betreuer*innen sowie Selbstvertrauen und Zuversicht und schließt: »Vertrauen ist für eine wissenschaftliche Karriere deswegen von Bedeutung, weil diese angesichts der unklaren Karrierebedingungen ein mehr oder minder ›blindes‹ Vertrauen erfordert, dass ›es schon irgendwie gut gehen wird‹« (ebd., 284).

Wir möchten dem, mehr als zwanzig Jahre nach den Befunden von Krais (2000) zu Wissenschaftskultur und »verborgenen Mechanismen«, eine Beschreibung und Diskussion der geltenden Spielregeln im wissenschaftlichen Feld an die Seite stellen. Und mit den einzelnen Beiträgen ebenso einen Blick auf Persistenzen, Transformationen und Novitäten werfen.

In den Beiträgen dieses Bandes wird es auch darum gehen, die Verwobenheiten mit anderen sozialen Feldern und daraus resultierenden Konsequenzen für das wissenschaftliche Feld, seine Strukturen, Regeln und letztlich seine Akteure zu beleuchten. Dabei sind wir uns durchaus der Begrenztheit des Blicks bewusst und zeigen lediglich Ausschnitte eines Feldes, das oft unübersichtlich und grenzenlos auf der einen Seite und eng bzw. in sich geschlossen auf der anderen Seite erscheint.

Der Band orientiert sich an einer Dreiteilung. Der erste Teil zeigt eine Annäherung an das Wissenschaftsfeld als soziales Feld inklusive Erwartungen, Anforderungen und daraus resultierenden Karrieren. Wolfgang Mayrhofer und Michael Meyer fragen in ihrem Beitrag, ob die wissenschaftliche Karriere »Eine Karriere wie jede andere?« ist und diskutieren »Wissenschaftliche Karrieren vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im Feld der Universitäten«. Der Beitrag zeigt aktuelle Herausforderungen, die die Beharrlichkeit der Regeln innerhalb der oft eng betrachteten wissenschaftlichen Organisation durch unterschiedliche Prozesse ins Wanken geraten lässt. Bereits Lenger und Rhein (2018, 103) postulieren »Inwiefern, so ist konkret zu fragen, ist das wissenschaftliche Feld in der Lage, wissenschaftsexterne Anforderungen und Zwänge politischer, ökonomischer oder ethisch-moralischer Form zu ›brechen‹ (...), d. h. in eine spezifische Form zu transformieren, die mit den Fragestellungen und Methoden des Wissenschaftsfeldes korrespondieren?« Mayrhofer und Meyer setzen sich kritisch mit externen Zwängen und Entwicklungen auseinander und analysieren Auswirkungen auf individuelle Karrieren.

Julius Nordheim nähert sich mit »Szenische Elemente des wissenschaftlichen Auftritts als Kondensationspunkte sozialer Herabsetzbarkeit in den heutigen Geistes- und Sozialwissenschaften« den internen Logiken des Feldes. Inszenierung als Mittel verweist auf einen »praktischen Sinn für Selbstverortungen im sozialen Raum, den Bourdieu in Anlehnung an Goffman auch als sense of one's place umschreibt« (Zimmermann, 2000, 39). In diesem Zusammenhang greift Nordheim das Hochstapler*innen-Syndrom oder auch Hochstapler*innen-Selbstkonzept auf, das in den späten 1970er Jahren von Clance und Imes (1978) als »Impostor-Phenomenon« zuerst beschrieben wurde. So umreißt es aktuell beispielsweise Hark (2020) als »(e)‌in Gefühl, dass sie an jenen Orten, wo sie inzwischen mehr Zeit verbracht hatte, als irgendwo sonst auf der Welt, bis heute gelegentlich überfällt. Als müsste sie ihr Aufenthaltsrecht wieder und wieder unter Beweis stellen. Als könnte es widerrufen werden. Sie dabei ertappt werden, sich am falschen Ort aufzuhalten. Inside out« (ebd., 218).

Status und Prestige wird im wissenschaftlichen Feld vor allem über (»wichtige«) Publikationen erlangt. Stefan Hornbostel, Cornelia Schendzielorz und Valeria Aman beschreiben in »Ehre, wem Ehre gebührt – Autorschaftskonzepte und Praktiken in der Wissenschaft«, welche unterschiedlichen Ausformungen die Notwendigkeit zur Veröffentlichung als Form des symbolischen Kapitals im Feld annimmt, welche Regelungen gelten (sollten) und welches Verständnis in unterschiedlichen Disziplinen vorherrscht.

Im zweiten Teil des Bandes wird der Fokus auf die Mitspieler*innen gerichtet. Thorben Sembritzki und Monika Jungbauer-Gans zeigen am Beispiel der »Sich wandelnden Spielregeln auf dem Weg zur Professur« die Dynamik des Feldes und die daraus resultierende notwendige Flexibilität von Wissenschaftler*innen auf ihrem Weg zu einer Professur. Die Ergebnisse des Projektes »Binnendifferenzierung der Professur« am Leibniz Zentrum für Wissenschaft und Gesellschaft der Leibniz Universität Hannover verdeutlichen die Bedeutung des Kontextes, inklusive gesellschaftlicher Entwicklungen und hochschulinterner Erwartungen und spezifischer Ziele. Diese externen Rahmenbedingungen, einhergehend mit der Vielfältigkeit der Kriterien zur Besetzung einer Professur, wirken sich auf die Karriere von Wissenschaftler*innen aus. Fehlende klare Qualifikationsanforderungen erhöhen die Unsicherheit und heben die organisationale Bedeutung von Personalentwicklungskonzepten hervor.

Julia Reuter und Markus Gamper präsentieren in ihrem Beitrag »Mitspieler*innen zweiter Klasse? Innenansichten auf die Spiele der Wissenschaft« autobiographische Selbstzeugnisse von ›Arbeiterkindern‹, die die Herausforderungen ihrer wissenschaftlichen Laufbahn auf dem Weg in eine akademische Spitzenposition reflektieren. Sie zeigen, dass, je geringer die Nähe des Herkunftsmilieus zum Wissenschaftsfeld ist, desto mehr Anpassungsleistungen müssen vom Einzelnen unternommen werden. Dies entspricht der aktuellen Bildungsberichterstattung (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2022), in welcher verdeutlicht wird, dass, trotz des aktuellen Trends zu einer Öffnung der Hochschulen für alle gesellschaftlichen Schichten, mehr Diversität und lebenslangem Lernen, deutlich weniger Kinder aus Nichtakademiker*innenfamilien ein Studium aufnehmen. Ebenso wie Reuter und Gamper beschreibt die Autor:innengruppe, dass sich diese Unterschiede im Einstieg in das akademische Feld nur zu einem eher geringeren Anteil auf schulische Leistungen oder bildungsbiografische Unterschiede zurückführen lassen. Einen bedeutsamen Einfluss haben Einschätzungen und Befürchtungen der Eltern mit Blick auf (nicht nur finanzielle) Kosten einer Studienaufnahme sowie ein stärker ausgeprägter Wunsch von Akademiker*inneneltern nach Aufnahme eines Studiums ihres Kindes (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2022). Hier wirken einerseits gesamtgesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen und zugleich werden die darüber angeregten »individuellen Dispositionen« sichtbar.

Auch Maria Keil diskutiert in ihrem Beitrag »Gatekeeping und soziale Selektivität in den Sozialwissenschaften« den Zusammenhang von Hochschulbildung und sozialer Herkunft. Angefangen von einer ungleichen Verteilung der Studierenden – während der Anteil der Studierenden aus höheren Herkunftsgruppen wächst, nimmt dieser bei Studierenden aus niedrigen und mittleren Herkunftsgruppen tendenziell ab – zeigt sich die soziale Selektivität verstärkt bei Promovierenden und späteren wissenschaftlichen Positionen. Die Ergebnisse ihrer Studie verdeutlichen in drei Feldsegmenten nicht nur die Dynamik des Feldes hinsichtlich Selektionsprozesse, sondern auch, dass eine habituelle Passung sehr stark von den jeweiligen Leistungsanforderungen, abgeleitet aus den spezifischen organisationalen Kontexten, abhängt. So finden sich tradierte Einstellungen und Anforderungen in der »autonomen Grundlagenwissenschaft«, während im Segment »Wissenschaftliche Spezialisierung zwischen Heteronomie und Autonomie« das unternehmerische Selbst in den Fokus rückt. In der »Heteronomen Anwendungswissenschaft« werden Eigeninitiative, Kooperationen und Vernetzung sowie (internationale) Mobilität entscheidend. Bereits im Jahr 2000 schrieb Krais: »Ein bestimmter Typus von Akteuren, man denke an den Gelehrten oder auch an den Ordinarius (...), wird seltener oder verschwindet ganz, ein anderer Typus kommt neu hinzu, vielleicht der alerte Manager oder die Powerfrau: Die Gewichte im relationalen Gefüge verschieben sich, neue Konventionen bilden sich heraus, das ›Spiel‹ wird anders gespielt« (Krais, 2000, 40 f.).

Dass sich dabei gesellschaftliche Bilder nur schwer ändern, zeigt Johanna Barbara Gruber in ihrem Beitrag »Ich soll an meine Rolle als Frau denken, und ich soll nicht die Karriere an erste Stelle setzen – Zur Attraktivität einer wissenschaftlichen Karriere in Österreich«. In der Studie wird das Überdauern gesellschaftlicher Rollenbilder verdeutlicht – bei »Einsteigerinnen« in die Wissenschaft –, die gleichzeitig zu einer Reproduktion des Wissenschaftssystems inklusive Vorstellung vom »idealtypischen Wissenschaftler« führen. Die vertikale Segregation als Ungleichheitsphänomen im wissenschaftlichen Feld, bezogen auf die soziale Geschlechtszugehörigkeit, ist seit langem im Fokus der Forschung (Krais, 2000; Engler, 2001). »Von der Ebene der Studierenden bis zur Professur sinkt der Anteil der Frauen eklatant. Je höher das Prestige und je größer die Verfügung über Ressourcen, desto weniger Frauen« (Paulitz, 2012, 167). Wenig wird dabei auf die Attraktivität des Feldes geschaut und welche Faktoren letztendlich entscheidend für das »Bleiben oder Gehen« sind.

Im dritten Teil des Bandes werden Herausforderungen im Wissenschaftsfeld beschrieben sowie Ansätze und Ideen für ›neue Spielregeln‹ und ›veränderte Spiele‹ vorgestellt. Marcel Graf-Schlattmann stellt mit seinem Beitrag »Lose gekoppelte Transformation – Eine organisationssensible Betrachtung hochschulweiter Digitalisierungsprozesse« vor. Er zeigt, dass digitale Veränderungen nicht nur allgemein organisationsinterne Verwaltungsprozesse, Lehre und Forschung betreffen, sondern ein genereller Wandel der Hochschulpraxis möglich wäre, beispielsweise über »Nanodegrees und Mikrozertifikate für einzelne Lerneinheiten an (..) Stelle der bestehenden Studiengänge«. Diese Entwicklung könnte die Organisation »Hochschule als Intermediär obsolet machen«.

Markus Lemmens zeigt in »Reifeprüfung zwischen Fertigkeit und Berufsfeld – Wissenschaftsmanagement als Integrations-Konzept zur Führung und Gestaltung von Expertenorganisationen« die zunehmende Bedeutung des Wissenschaftsmanagements und sich daraus ergebende Chancen für Wissenschaftler*innen-Karrieren, Organisationen, aber auch Staaten und Staatenverbünde.

Abschließend finden alle drei Teile – von der Beschreibung des Wissenschaftsfeldes als soziales Feld inklusive Grenzziehung über Erwartungen, Anforderungen und daraus resultierenden Karrieren, den Mitspieler*innen, bis hin zu ›neuen Spielregeln‹ sowie ›veränderten Spielen‹ – Eingang in das Gespräch mit Edeltraud Hanappi-Egger. Dabei werden ganz konkrete Instrumente vorgestellt sowie Ideen generiert, um strukturelle Machtmechanismen im Feld aufzubrechen. Aus organisationssoziologischer Perspektive werden Hochschulen als »unvollständige« bzw. »besondere« Organisationen beschrieben (Musselin, 2007a, 2007b; Kehm, 2012; Wilkesmann, 2012), als Institutionen mit einem mit normativer Geltung ausgestattetem Regelsystem, basierend auf einem »(...) gemeinsamen Wertesystem, sorgfältiger Auswahl neuer Mitglieder und einem rigorosen Sozialisationsprozess« und einem »(...) internen Monitoringprozess, der auf Reputation beruht« (Wilkesmann, 2012, 379). Im Zuge der Internationalisierung und Ökonomisierung entwickeln sich die Institutionen des Feldes jedoch mehr und mehr zu »unternehmerischen Hochschulen« (Weber, 2017). »The university is no longer a place welcoming and sheltering academic activities, but rather it has increasingly taken on the attributes of an employer« (Musselin, 2007a, 6). Das heißt, sie verlieren ihre »Sonderrolle«. Bereits Lenger und Rhein (2018) führen aus, »Je nachdem wie stark diese Bedingungen als Zwänge zum Tragen kommen, desto geringer ist ein Feld in der Lage, autonome Produktions- und Reproduktionsmechanismen einzusetzen (also nach der reinen Wahrheit zu suchen)« (ebd., 105). Diesen Anpassungsmechanismen stehen auf der »Mikroebene weiterhin die traditionellen Normen und Werte (gegenüber, die immer noch, Einfg. Hrsg.) Bestand haben und das Handeln der Akteure bestimmen« (Kehm, 2012, 23 f.). Es findet sich eine »Entkopplung von »talk« und »action«. Man kann also die Organisationswerdung der Universität theoretisch nicht hinreichend fassen, ohne deren Wirkungen auf die akademische Profession zu betrachten« (ebd.). Diesen Mechanismen und Prozessen im Gespräch nachgehend, wird auch die Frage nach der illusio, also der Überzeugung der Sinnhaftigkeit des Spiels diskutiert und letztendlich überlegt, dass es durchaus attraktiv sein kann, Wissenschaft zu »betreiben« im Sinne »Man muss ein Stück weit neugierig sein«.

Literatur

Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2022). Bildung in Deutschland 2022. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zum Bildungspersonal. Bielefeld: wbv Media.

Barlösius, E. (2012). Wissenschaft als Feld. In: S. Maasen, M. Kaiser, M. Reinhart & B. Sutter (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftssoziologie (126 – 135). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Bourdieu, P. (1998). Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes. Konstanz: UVK Universitätsverlag.

Clance, P. R. & Imes, S. (1978). The Impostor Phenomenon in High Achieving Woman. Dynamics and Therapeutic Intervention. In: Psychotherapy, Theory, Research and Practice, 15, 241 – 247.

Engler, S. (2001). »In Einsamkeit und Freiheit«? Zur Konstruktion der wissenschaftlichen Persönlichkeit auf dem Weg zur Professur. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH.

Engler, S. (2004). Von klugen Köpfen und Genies. Zum Selbstverständnis von Professoren. In: J. Ebrecht & F. Hillebrandt (Hrsg.), Bourdieus Theorie der Praxis (153 – 169). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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Endnoten

1»Vier Komplexe solcher institutionellen Imperative – Universalismus, Kommunismus, Uneigennützigkeit und organisierter Skeptizismus – scheinen mir das Ethos der modernen Wissenschaft auszumachen« (Merton, 1985, 90).

2Online verfügbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/wisszeitvg/BJNR050610007.html und 95 Thesen gegen das WissZeitVG: https://95vswisszeitvg.wordpress.com/(Zugriff am 13. 09. 2022).

3#IchBinHanna »ist ein spontan entstandender Twitter-Trend, der auf ein Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) reagiert« und die Auswirkungen der Arbeitsbedingungen an Hochschulen in den Fokus rückt (https://ichbinhanna.wordpress.com/, Zugriff am 13. 09. 2022). #IchBinHanna – Präkere Wissenschaft in Deutschland (von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon) ist inzwischen auch 2021 in Buchform bei der edition suhrkamp erschienen.

I Wissenschaftsfeld und Wissenschaftsspiele

Eine Karriere wie jede andere? Wissenschaftliche Karrieren vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im Feld der Universitäten

Wolfgang Mayrhofer & Michael Meyer

1 Einleitung

In allen gesellschaftlichen Funktionssystemen sind es Organisationen, die für die erforderliche Ungleichheit sorgen (Luhmann, 2019a). Organisationen als formale Sozialsysteme, die durch Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungen gekennzeichnet sind, bilden Kommunikationswege in Form Über- und Unterordnungsbeziehungen aus (Luhmann, 2000), die Personen bestimmte Stellen zuweisen, wie fluide oder rigide diese auch immer sind. In diesem Beitrag diskutieren wir, wie sich für uns diese Strukturen im akademischen Feld darstellen und welche Veränderungen und Verwerfungen zu beobachten und zu erwarten sind.

In der Wissenschaft waren und sind es Universitäten, die dominant die Hierarchisierungsfunktion erfüllen, obwohl sie neuerdings von einer zunehmenden Zahl und Vielfalt anderer Wissenschaftsorganisationen unterstützt werden. Universitäten selbst agieren in einem hierarchisch strukturierten Feld, in dem ihre Position durch Reputation bestimmt ist. Letztere wiederum wird immer stärker durch Intermediäre beeinflusst: Feldspezifische Intermediäre wie z. B. Forschungsförderungsagenturen auf nationaler und europäischer Ebene, Akkreditierungsagenturen, wissenschaftliche Vereinigungen oder Verlage haben nicht nur Einfluss auf die Reputation der einzelnen Wissenschaftler*innen, sondern auch auf jene von Universitäten. Feldfremde Intermediäre wie z. B. die Europäische Kommission, die Weltbank, das Weltwirtschaftsforum, Massenmedien wie z. B. Financial Times, das Handelsblatt oder die Times Higher Education, aber auch digitale Plattformen wie ResearchGate und GoogleScholar beeinflussen mit ihren Ratings, Rankings und Bewertungen die Reputation individueller und organisationaler Akteure im Feld der Wissenschaft (Sahlin et al., 2015). Manche davon, wie die Einrichtungen zur Forschungsförderung oder wissenschaftliche Vereinigungen, gibt es schon seit der frühen Neuzeit. Andere, wie etwa Akkreditierungsagenturen oder Ranking-Ersteller, erschienen erst in den letzten drei Jahrzehnten auf dem Spielfeld der zunehmenden Vermessung von Universitäten und Wissenschaft.

Trotz der außeruniversitären Forschungsreinrichtungen und immer vielfältigeren tertiären Bildungseinrichtungen bleiben Universitäten die zentralen Akteure für wissenschaftliche Karrieren. In dem unübersichtlicher werdenden Feld veränderten sie ihr Verständnis von Leitung und Aufbaustruktur (Babel & Strubl, 2009; Höllinger & Titscher, 2004; Kieser, 2010; Zechlin, 2003) und ihr Rekrutierungsverhalten im Bereich des wissenschaftlichen Personals (Lavania et al., 2011; Stewart et al., 2007). Die damit verbundenen Konsequenzen für wissenschaftliche Karrieren wollen wir in diesem Beitrag beleuchten. Wir gehen dabei in zwei Schritten vor: Zuerst präsentieren wir ein von Pierre Bourdieu inspiriertes Feldverständnis als theoretischen Rahmen, innerhalb dessen wir die zentralen Veränderungen besser verstehen können. Dann diskutieren wir zentrale Entwicklungen in diesen Feldern und formulieren thesenartig, was diese für wissenschaftliche Karrieren bedeuten. Eine Bewertung mit Blick auf bedenkliche, aber auch begrüßenswerte Entwicklungen folgt zum Schluss. Wichtig bei all dem: Wir fokussieren nicht auf die einzelnen im Wissenschaftsfeld Tätigen. Konzeptionalisiert man Karrieren als Muster berufsbezogener Zustände und Positionen eines Karriereakteurs in einem begrenzten sozialen und geographischen Raum in ihrem bisherigen Leben (Gunz & Mayrhofer, 2018: 70; Übersetzung durch die Autoren), dann fokussieren wir auf den sozialen Raum. Dieser weist Grenzen nach außen und im Inneren auf, verfügt über definierte Positionen, ist von formalen und informalen Regeln durchzogen und beinhaltet andere individuelle und kollektive Akteure, also etwa andere in der Wissenschaft Tätigen oder Organisationen wie eben Universitäten. Das heißt nicht, dass individuelle Aspekte wie Karrieremotivation, Ziele oder Persönlichkeit nicht von Bedeutung sind – sie stehen aber nicht im Zentrum dieser Analyse.

2 Feldtheoretische Betrachtungen: Karrierefeld und Universitätsfeld

Karrieren als Muster von Bewegungen in einem Feld über die Zeit (Gunz & Mayrhofer, 2011) beziehen sich auf den Raum zwischen Akteuren und Organisationen in ihrem jeweiligen Kontext (Bradbury & Bergmann Lichtenstein, 2000). Dieser Raum entsteht im vorliegenden Fall durch das Zusammenspiel zweier Felder: (1) das Feld der Universitäten, in dem kollektive Akteure um bestmögliche (Ranking-) Plätze spielen; (2) das Karrierefeld für Wissenschaftler*innen, in dem es um die Frage geht, wie man individuell in vorteilhaftere Positionen innerhalb des Feldes kommt (Iellatchitch et al., 2003).

Feldtheorien führen in ihrem Kern Handlungsmuster auf Positionen von Akteuren zurück. Pierre Bourdieu arbeitet beispielsweise mit der Metapher des Spielfeldes (Bourdieu, 1996). Dieses Bild unterstreicht, dass Akteure sich auf ein gemeinsames Sinnsystem und geteilte Regeln beziehen, die ihr Handeln leiten. Individuelle oder kollektive Akteure im Feld sind diesen Machtdynamiken insofern unterworfen, als ihre Spielposition durch den Spielverlauf definiert wird. Ein bestimmter Spielstand räumt den mächtigen Akteuren größere Handlungsspielräume ein als den Akteuren, die sich auf schwachen Positionen befinden. Akteure nützen solche Spielräume strategisch oder habituell nach Maßgabe der verfügbaren Ressourcen und mit dem Ziel, Trümpfe im Spiel zu erlangen und damit die eigene Position sowie die Chancen zu verbessern, um Einfluss auf die herrschenden Spielregeln zu nehmen.

Bourdieu geht davon aus, dass die Analyse eines Feldes mit der Frage beginnen muss, worum sich der Wettbewerb dreht, was also auf dem Spiel steht. Im nächsten Schritt ist zu klären, nach welchen Regeln die Trümpfe im Spiel verteilt werden, die einzelnen Akteuren Macht verleihen. In den hier betrachteten Feldern sind manche der Regeln bekannt und in unterschiedlichem Maß kodifiziert, etwa Beurteilungskriterien von Akkreditierungsagenturen für Universitäten oder Anforderungen bei Laufbahnstellen. Andere wiederum entziehen sich dem geteilten Wissen, wie etwa nicht dokumentierte, aber trotzdem entscheidungsrelevante Kriterien von Berufungskommissionen. Auf dem Spiel steht meist eine Menge: für Universitäten die Aufnahme in den Kreis der von einer oder auch mehreren Agentur‍(en) Akkreditierten, die Einnahme eines Spitzenplatzes in einem der vielen Rankings oder die Etablierung internationalen Kooperationen mit noch renommierteren Einrichtungen. Für die Einzelnen geht es, je nach Karrierephase und Anspruch, etwa um die Erfüllung von Qualifikationsanforderungen, das Erreichen eines unbefristeten Anstellungsvertrags oder die Nominierung zur Wissenschaftlerin des Jahres. Abstrakter und im Sprachspiel der Theorie: um etwas, was das eigene Kapital vermehrt und zu einer bezogen auf die Feldregeln einflussreicheren Position im Feld führt.

Eine feldtheoretische Betrachtung lenkt den Blick auf die Strukturen, die jenseits der Entscheidungsverantwortlichen in Organisationen wirken und deren sie sich nur zum Teil bewusstwerden können. Für unsere konkrete Frage nach den Karrieredynamiken interessiert die parallele Konzeption unterschiedlicher Felder, die je spezifische Spielregeln entwickeln und daher relativ autonom sind, gleichzeitig aber in Beziehung zueinanderstehen. Das Spielfeld der Universitäten ist zu unterscheiden vom Karrierefeld, in dem individuelle Wissenschaftler*innen operieren. Gleichzeitig entstehen Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Feldern, indem Akteure in beiden Feldern zugleich operieren und Spielkapitalien in einem Feld zu strategischen Einsätzen in anderen Spielfeldern werden können. Dadurch entstehen auch charakteristische Spannungsverhältnisse.

Das Feld der Universitäten und das Karrierefeld für Wissenschaftler*innen unterstützen einander gegenseitig beim Aufbau ihres Regelwerks und ihrer Dynamiken (Emirbayer & Johnson, 2008) – in der Theoriesprache Niklas Luhmanns würde man das als strukturelle Koppelung bezeichnen (Luhmann, 2019b). Universitäten verleihen ihren Mitgliedern ein bestimmtes symbolisches Kapital, welches ihre Positionen im Karrierefeld beeinflusst und teilweise mit dem durch Forschungspublikationen erworbenen Kapital austauschbar ist. Auf der anderen Seite gewinnen Universitäten wiederum durch die Rekrutierung und Beschäftigung hochreputierter Wissenschaftler*innen an symbolischem Kapital, was ihre Position im Universitätsfeld verbessert.

Die Kopplung der Felder läuft über die zwei anderen Kernbestandteile der Sozialtheorie Pierre Bourdieus: Kapitalien und Habitus (Bourdieu, 2007; Dederichs & Florian, 2002). Universitäten vermitteln ihren Wissenschafter*innen in unterschiedlichem Ausmaß ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital (Bourdieu, 1983) und tragen durch organisationale Sozialisation zu einem individuell charakteristischen Habitus bei (Vaughan, 2002). Der Habitus beinhaltet zum einen die doxa, d. h. die als gegeben angesehenen Regeln des Feldes, zum anderen aber auch die illusio, also eigene, vom Feld nicht unabhängige, aber auch nicht vollständig bestimmte Vorstellungen darüber, welche individuellen und sozialen Praktiken von besonderer Bedeutung sind. Beispiele für die illusio im Karrierefeld der Wissenschaft sind ›Berufung zur Wissenschaft‹ und ›Mobilität‹, aber auch ›Wahrheitssuche‹. Daran sollten Akteure im Feld glauben.

Eine wissenschaftliche Karriere führt dann zu einer Akkumulation und Erosion der an den jeweiligen Stationen erworbenen Kapitalien: finanzielle (Un-)‌Abhängigkeit, Kompetenzen und Fähigkeiten sowie Netzwerks- und Gruppenzugehörigkeiten. Akademische Karrieren erfordern wie alle anderen Karrieren symbolisches Kapital. Erfolgreiche Bewegungen im Karrierefeld sind ohne entsprechenden Habitus und Kapitalausstattungen undenkbar (Latzke et al., 2015; Mayrhofer et al., 2004). Spezifisch für jedes wissenschaftliche Karrierefeld werden diese Kapitalien in symbolisches Kapital, also in Reputation transformiert, was wiederum den Ausschlag für die Position im Feld gibt. In den meisten wissenschaftlichen Karrierefeldern wurden neben den Karrierestationen selbst, also Reputation der im CV gelisteten Universitäts- und Organisationszugehörigkeiten, die Publikationen zum zentralen Faktor für Reputation (Baruch & Hall, 2004).

3 Karriereanforderungen und Karrierelogiken im heutigen Wissenschaftsfeld

Anforderungen an Karrieren leiten sich aus den Regeln des jeweiligen Karrierefeldes ab und beziehen sich auf die erforderlichen Kapitalausstattungen und den Habitus der individuellen Akteure und die damit verbundenen Verhaltensweisen. Karrierelogiken sind von Beobachtenden geleistete Rekonstruktionen, welche die existierenden Elemente der Steuerung von Karrieren in einem Feld zu einem kohärenten Muster verbinden. Im Folgenden diskutieren wir wesentliche Merkmale des Wissenschaftsfeldes und damit verbundene Konsequenzen für Karrieren, Anforderungen an diese und Karrierelogiken. Dabei geht es nicht notwendigerweise um ›Aufstieg‹, sondern um Bewegungen zwischen verschiedenen Positionen oder das Potenzial dafür.

3.1 Weite Außengrenzen des Feldes

Globalisierung als weltumspannender, auch Organisationen unmittelbar erfassender Trend (Drori et al., 2006; skeptisch siehe u. a. Hirst et al., 2015) macht wenig überraschend auch vor dem Feld der Universitäten und dem Karrierefeld der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht halt. Verschiedene Disziplinen sind davon je unterschiedlich betroffen, etwa die praktische Theologie mit einer hohen Kontextsensibilität auf der einen und die Informatik mit Schwerpunkt auf universellen Logiken auf der anderen Seite. Trotzdem lässt sich konstatieren, dass – insbesondere dort, wo die Kommunikation in der jeweiligen Landessprache kein wesentliches Merkmal der Universität und damit auch kein unverzichtbares Auswahlkriterium für Stellenbesetzungen darstellt – die Bedeutung nationaler oder regionaler Diskursräume (z. B. DACH-Länder) deutlich zurückgeht. Damit entsteht tendenziell ein deutlich überregionaler Arbeitsmarkt, der in einzelnen Disziplinen tatsächlich auch global sein kann. Auf diesem Arbeitsmarkt bewegen sich Universitäten als kollektive Akteure, die Arbeitsplätze unterschiedlicher Attraktivität, sowie individuelle Akteure, die ihre Arbeitskraft anbieten.

Ein typisches Beispiel für die sinkende Bedeutung regionaler Diskurse und einen zunehmend globaleren Arbeitsmarkt sind die Wirtschaftswissenschaften. Die Wiener Schule der Nationalökonomie (Hicks & Weber, 1973; Mises, 1929), begründet Ende des 19. Jahrhunderts von Carl Menger mit seiner Herausarbeitung der Bedeutung des individuellen Grenznutzens und weitergeführt u. a. von Eugen von Böhm-Bawerk sowie im 20. Jahrhundert durch Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek oder Oskar Morgenstern, war eine über die Grenzen hinaus einflussreiche, wichtige regionale Schule. Sie betont individuelles Entscheiden und Handeln als Grundlage für das Verstehen von Wirtschaft. Ihre Bedeutung in der aktuellen Diskussion als regionale Schule hat deutlich abgenommen. Ähnliches gilt, wenngleich mit ganz anderer Akzentuierung, auch für die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre. Über lange Jahre im 20. Jahrhundert als eigenständiger Diskurs mit internationaler Wirkung sichtbar, hat sie deutlich an Konturen verloren. Das Fehlen einer Spitzenzeitschrift, in der Artikel in deutscher Sprache erscheinen können, ist nur ein Indikator für diese Entwicklung. Zunehmend globale Arbeitsmärkte gelten etwa für sog. Business Schools. Hoch anerkannte Institutionen wie etwa IESE und ESADE in Spanien, Bocconi in Italien oder EM Lyon in Frankreich verzichten darauf, die Beherrschung der Landessprache als konstitutiv für die Mitgliedschaft zu machen – und das in Ländern, in denen lokale Sprachkompetenz bisher ein kulturell zentral verankertes Charakteristikum darstellte. Damit eröffnen sich für diese Einrichtungen ganz neue Segmente am globalen Arbeitsmarkt. Umgekehrt weitet sich für die Einzelnen das Feld enorm, in dem man sich bewegen kann. Letztlich ist es Sprachkompetenz in der einschlägigen Lingua franca, in den Wirtschaftswissenschaften: Englisch, die zum begrenzenden Faktor wird. Unterm Strich stehen bei entsprechender Sprachkompetenz in der Lingua franca potentiell eine Vielzahl an Einrichtungen auf allen fünf Kontinenten Arbeitsplätze zur Verfügung. Damit bekommt das Feld eine weite Außengrenze. Allerdings gilt auch: Nicht jeder geographische Raum hat die gleiche Wahrscheinlichkeit, als Karriereziel zu gelten. In Abhängigkeit von individuellen Präferenzen, äußeren Rahmenbedingungen und verfügbaren Positionen sind entsprechende Karrierebewegungen durchaus selektiv. Phänomene wie Brain Drain (Steinberg, 2017) der Wissenschaftscluster, etwa im Bereich Life Science (Cooke, 2004), sind dafür Beispiele.

Das hat Auswirkungen auf die mit akademischen Karrieren verbundenen Anforderungen und Karrierelogiken. Zentral dabei ist folgendes.

Räumliche und sozio-kulturelle Mobilität. Die beschriebenen Gegebenheiten verlangen eine hohe räumliche und sozio-kulturelle Mobilität in unterschiedlichen Karrierephasen. Das beginnt bereits während des Studiums, wo Universitäten von Studierenden auch in Abhängigkeit von der Auswahl an Partnereinrichtungen gewählt werden. Es setzt sich über Jobwechsel in unterschiedliche Länder und kürzer oder länger dauernde Auslandsaufenthalte in verschiedenen Phasen der akademischen Karriere fort. Ein Wechsel des Arbeitsplatzes, etwa in der Post-Doc Zeit, zwischen drei Ländern innerhalb weniger Jahre ist kaum mehr eine Verwunderung hervorrufende Ausnahme. Dabei steht bei der Auswahl von Destinationen – abgesehen von Zufall und Möglichkeit – nicht notwendigerweise die persönliche Neigung oder eine fachlich-inhaltliche Bereicherung im Vordergrund, sondern der Reputationsgewinn durch signalisierte Internationalität und Nähe zu möglichst hoch im Vergleich zum eigenen Karrierekapital einzuschätzenden Universitäten. Das führt potenziell zu Job-Hopping sowohl bei Personen, die auf diesem globalen Arbeitsmarkt besonders begehrt sind, als auch bei denjenigen, die in einer marginalen Position durch Mobilität versuchen, ihre Position im Feld zu verbessern. Gleichzeitig sind die gestiegenen Erwartungen an Mobilität auch eine Entwicklungschance für die beteiligten Akteure. Für die Einzelnen ergeben sich daraus wenig begründungsbedürftige Chancen, den eigenen persönlichen und fachlichen Horizont durch einen Wechsel zu erweitern. Für die Universitäten stellt das die Möglichkeit dar, durch erhöhte Diversität ihrer Mitglieder traditionelle Strukturen, Prozesse sowie Normen, Werte und Grundannahme in Frage zu stellen und mit neuen Aspekten anzureichern oder auch radikal umzustellen.

Hoher Aufwand zur Realisierung ganzheitlicher Karriereziele. Das verlangte Maß an räumlicher und sozio-kultureller Mobilität führt auch dazu, dass die Integration verschiedener Lebensbereiche zu einer schwierigen Aufgabe wird. Grenzüberschreitende Wechsel des Arbeitsplatzes mit zum Teil massiven Veränderungen in der jeweiligen Organisations- und Landeskultur machen die Anpassung an neue Gegebenheiten schon bei Einzelnen zu einer schwierigen Aufgabe. Im Fall von sog. ›dual-career couples‹, in denen beide Partner*innen eine eigenständige Karriere verfolgen, steigt dieser Aufwand beträchtlich. Dieser erhöht sich noch weiter, wenn im Haushalt lebende Kinder, zu betreuende Eltern, regional gebundene Hobbies wie Skitouren oder Segeln mit hoher Bedeutung in der persönlichen Regenerationsbilanz oder spirituell-religiös motivierte lokale Bindungen hinzukommen. Insgesamt führt das zu einer Situation, in der die gleichzeitige Bedienung zentraler Dimensionen subjektiven Karriereerfolgs wie Lernen und Entwicklung, Entrepreneurship, Work-Life-Balance, positiver Impact, positive Arbeitsbeziehungen, finanzielle Sicherheit und finanzieller Erfolg (Mayrhofer et al., 2016) extrem herausfordernd werden. Besondere Bedeutung kommt der üblichen Befristung von Stellen zu, die bei den Einzelnen i. d. R. erhebliche Unsicherheit im Hinblick auf die eigene Zukunft hervorruft. Neben den Schwierigkeiten entsteht auch eine Reihe von Chancen. Dazu gehören etwa das Kennenlernen von Formen der Lebensführung, die in der bisherigen Lebenswelt als wenig vorstellbar gelten, das Anreichern eigener sozialer Netzwerke um Personen mit deutlich anderen Erfahrungshorizonten oder die Nutzung von Karrierechancen, die in dieser Form im ursprünglichen nationalen Kontext nicht gegeben sind.

Internationale Konkurrenz innerhalb und außerhalb nationaler Grenzen. Universitäten wie auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich internationaler Konkurrenz gegenüber – und zwar sowohl innerhalb des eigenen Landes als auch im internationalen Vergleich. Universitäten müssen sich darauf einstellen, dass sie international rekrutieren können und – angesichts entsprechender Bewertungsmaßstäbe global aktiver Akkreditierungsagenturen wie EQUIS1 oder AMBA2 – müssen. Gleichzeitig schützen nationale Grenzen allenfalls bedingt vor Begehrlichkeiten anderer Universitäten aus dem Ausland für Schlüsselpersonal mit einer hohen Portabilität ihrer Qualifikationen. Die individuellen Akteure sehen sich mutatis mutandis einer ähnlichen Situation gegenüber. Auf der einen Seite stehen sie in internationaler Konkurrenz bei der Bewerbung für Arbeitsplätze in unterschiedlichen Ländern. Auf der anderen Seite ist es selbst bei einer Beschränkung auf den eigenen nationalen Sprachraum in manchen Disziplinen selbstverständlich, dass die Konkurrenz um eine Position aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen wird.

3.2 Organisations- und Ländergrenzen überschreitendes Zusammenspiel von Kooperation und Konkurrenz

Wenn sowohl innerhalb als auch außerhalb nationaler Grenzen die Konkurrenz durch die Relevanz des internationalen Arbeitsmarkts ein neues Gesicht bekommt, rückt die Frage nach dem Umgang mit Konkurrenz – genauer wohl: Kooperation und/oder Konkurrenz – ins Blickfeld. Das beinhaltet auch Null-Summen-Situationen, in denen der Gewinn der einen gleichzeitig Verlust des anderen ist. Ein eigener Forschungsstrang aus unterschiedlichen Disziplinen beschäftigt sich mit dieser Fragestellung, etwa rund um verschiedene Spielarten des Gefangenendilemmas (Peterson, 2015; Rapoport, 1989). Eine Besonderheit in Organisationen, Arbeitsgruppen, Sportteams oder ähnlichen Kontexten ist die Wichtigkeit von gleichzeitiger Kooperation und Konkurrenz. Als komplementäre Gegensätze (Xu & Li, 1989) tragen sie dazu bei, persönlich und kollektiv Minimalziele erreichen oder angesichts gegebener Rahmenbedingungen den optimalen Nutzen erzielen zu können.

Das Feld der Wissenschaft ist hier keine Ausnahme. Sowohl Universitäten als auch die einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen benötigen andere Akteure, um erfolgreich zu sein – und eben diese Akteure stehen wenigstens potenziell in Konkurrenz beim Verfolgen eigener Zielsetzungen. Auf der individuellen Ebene sind internationale Forschungsnetzwerke ein Beispiel für dieses Spannungsfeld. Auf der einen Seite benötigt es die Kooperation mit Partner*innen aus unterschiedlichen Ländern, um große internationale Studien aufzubauen, die Aufschluss über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten Themenstellung – egal, ob mit Blick auf Impfwirksamkeit, Führungsverhalten oder Religiosität – geben können. Auf der anderen Seite können es eben diese Partner sein, die im Hinblick auf begrenzte Ressourcen wie etwa Forschungsgelder, Auszeichnungen oder Stellen als Konkurrent*innen auftauchen und das gemeinsame Projekt als Plus in ihrer Argumentation haben.

Ähnliches gilt für das Reüssieren im Feld der Universitäten. Universitäten als kollektive Akteure stehen dort in Konkurrenz zueinander (Krücken, 2021). In einem zunehmend stratifizierten Feld kämpfen sie mit anderen Universitäten um den Erhalt oder Verbesserung der Position, etwa gemessen an Universitätsrankings wie z. B. Times World University Ranking, QS World University Ranking oder Shanghai Academic Ranking of World Universities. Gleichzeitig braucht es die Zusammenarbeit mit möglichst auf der gleichen oder einer besseren Qualitätsstufe befindlichen Universitäten, um bestimmte Zielsetzungen zu erreichen. Diese umfasst etwa die Bereitstellung von Plätzen für Studienaustausch, der Zugang zu supranationalen Fördertöpfen, wie etwa bestimmte Vorhaben im Programm Erasmus+ der EU, oder die Teilnahme an der European University Initiative, in der sich Hochschulen zu transnationalen Allianzen zusammenschließen, um europäische Werte und Identität zu fördern und die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulbildung in Europa deutlich zu verbessern (European Education Area).

Diese spezifische Konstellation bleibt nicht ohne Folgen für akademische Karrieren. Besonders nachstehende Auswirkungen stechen hervor.

Mitgliedschaft in internationalen Kooperationen zentral. Die Einbindung in ein formales oder informales Netzwerk von Forschenden, die gemeinsame Interessen haben, gewinnt zentrale Karriererelevanz. Derartige Netzwerke bieten förderliche Rahmenbedingungen für hochrangige Publikationen und Forschungsanträge, und diese sind wiederum die zentrale Währung in der heutigen Hochschullandschaft. Das ist insbesondere für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen schwierig. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade diese neu ins Feld eingetretenen Akteure noch wenig mit den Spielregeln des Feldes und wichtigen Akteuren vertraut sind. Zwar gibt es in vielen Feldern des Wissenschaftsbetriebs Fördermaßnahmen, um die über die eigene Institution hinausreichende Vernetzung zu unterstützen, etwa spezielle Impulse in Doktorand*innenseminaren internationaler Fachvereinigungen oder die Übernahme von Mentor*innenpositionen durch bereits länger im Wissenschaftssystem tätige Personen aus der Heimatorganisation. Trotzdem bleibt diese Anforderung für viele eine hohe Hürde, insbesondere dann, wenn das Persönlichkeitsinventar der Einzelnen entsprechende Kontaktaufnahmen erschwert. Kurzum: Offenheit für neue Erfahrungen und Extrovertiertheit werden immer relevanter für wissenschaftliche Karrieren.

Forschungsaufenthalte als wichtige Impulsgeber. Forschungsaufenthalte bei anderen Institutionen, insbesondere im Ausland und dort wiederum v. a. an möglichst renommierten Universitäten, werden zu einem zentralen Instrument für die Entfaltung erfolgreicher Karrieren. Nicht nur erlauben sie den Aufbau tragfähiger Kontakte mit möglichst kompetenten Kolleginnen und Kollegen an möglichst renommierten Universitäten vor allem in den frühen Phasen der eigenen Karriere zur Vertiefung des fachlichen Wissens. Sie dienen auch dazu, die ›verborgenen Regeln‹ der Bewegung im jeweiligen Subfeld der Wissenschaft und vorteilhafte sowie weniger vorteilhafte Elemente des im Subfeld geschätzten Habitus deutlicher zu machen. Das gilt für alle Phasen der Karriere, z. B. am Beginn durch Hinweise auf ›Basics‹, später etwa durch Klärung der informellen Mechanismen bei der Veröffentlichung in Spitzenjournalen. Dazu kommt, dass wissenschaftlich etablierte und im Rahmen solcher Forschungsaufenthalte persönlich besser bekannte Kollegen und Kolleginnen als ›gatekeeper‹ bei verschiedenen Karriereentscheidungen wirken können, etwa im Rahmen von sog. ›reference letters‹, bei Projektanträgen oder zum Nachweis der internationalen Vernetzung.

Toxische Effekte unausgewogener Kooperationen. Die über nationale Grenzen hinweg geteilte Einsicht über die Bedeutung internationaler Kooperationen hat u. a. zur Folge, dass viele offen für Kontakte und Kooperationen sind. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erleichtert es den Aufbau von Kontakten, da das Aufeinanderzugehen wenig begründungsbedürftig und von einem im Grundsatz geteilten Konsens über die Notwendigkeit solcher Kooperationen getragen ist. Andererseits macht es die Auswahlentscheidung – welche Kooperationen – und deren Aufrechterhalten in mehrfacher Hinsicht schwierig. Nicht nur gibt es viele Optionen mit entsprechenden Unsicherheiten. Die Wichtigkeit der Mitgliedschaft in solchen Netzwerken stellt auch einen starken Anreiz für unterschiedliche Formen des Ausnutzens dieser Kooperationen dar. Aus der Forschung zu Arbeitsgruppen bekannte Phänomene wie soziales Faulenzen, Trittbrettfahren oder Trotteleffekte treten wenig überraschend auch im Karriere- und Universitätsfeld auf. Hier geht es im Kern darum, von Gruppenleistungen überproportional stark zu profitieren, also mehr herauszubekommen als hineinzustecken (im Überblick Baumeister & Bushman, 2021, Kap. 14). Auch entsteht eine Tendenz zur kooperativen Promiskuität, um Sozialkapital zu maximieren. Es werden dabei viele Kontakte geknüpft mit entsprechenden Zusagen und Versprechungen, ohne diese schlussendlich einlösen zu können (und in Einzelfällen vielleicht bereits von Beginn an nicht einlösen zu wollen). Dazu kommt noch das Auftreten von ›research mercenaries‹ oder ›funding vultures‹, also ›Söldnern und Geiern‹, die nur solange Interesse an einer Kooperation haben, als entsprechende materielle Ressourcen existieren. Sie sind dann nicht bereit, die unvermeidlich in Forschungskooperationen auftretenden Ungleichheiten und ›unbezahlten Tätigkeiten‹ zu akzeptieren. Solche Phänomene gefährden nicht nur das Erreichen gemeinsamer Zielsetzungen, sondern haben auch potenziell negative Auswirkungen auf die Karriere, etwa durch fehlgeschlagene Projekte, wahrgenommene Nähe zu solchen Personen oder schwachen Output trotz hohen persönlichen Investments.

3.3 Strategische Ausrichtung der Universitäten und Professionalisierung des Universitätsmanagements